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Full text of "KarlMay"

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Band 7 

Winnetou I 



Uber den Autor 

Karl May wurde am 25.2.1842 in Hohenstein-Ernstthal als Sohn eines armen Webers geboren und war bis 
zum 5. Lebensjahr blind. Als Volksschullehrer wurde May wegen Diebstahls entlassen und verbrachte 
insgesamt 7 1/2 Jahre wegen Eigentumsvergehen und Betrilgereien aus finanzieller Notlage im Gefangnis. 
Zunachst schrieb er erzgebirgische Dorfgeschichten und Humoresken fur Zeitschriften in Dresden, spater 
Kolportageromane. Mit seinen Reiseerzahlungen, die in Nordamerika oder im Orient spielten, wurde May 
beruhmt. Karl May starb am 30.3. 1912 in Radebeul bei Dresden. 



Uber die Entstehung 



Ab 1892 brachte der Freiburger Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld eine Buchreihe mit Mays 
Reiseerzahlungen heraus. Nach dem groBen Erfolg des Orientzyklus (Band 1 bis 6) kam ab 1893 die 
Winnetou-Trilogie als Band 7 bis 9 hinzu. Im Gegensatz zum Orientzyklus, der bereits weitgehend als 
geschlossene Erzahlung vorlag kumite May nur bedingt auf vorhandene Erzahlungen zuruckgreifen. Er 
stellte deshalb mehrere Texte, die unter anderem im »Deutschen Hausschatz« und in »Feierstunden im 
hauslichen Kreise« erschienen waren, zusammen und schrieb die Rahmenhandlung neu. Filr die 1909 
erschienene illustrierte Ausgabe, welche hier vorliegt, wurde die Trilogie bearbeitet. Die im Karl-May- 
Verlag ab 1913 erschienen Ausgaben stellen dagegen komplette Uberarbeitungen dar. 



Inhaltsverzeichnis 



1 . Einleitung. 

2. Kleki-petra. [Klekih-petra.] 

3 . Winnetou in Fesseln. 

4. Zweimal um das Leben gekampft. 

5. »Schoner Tag«. 

6. Sams Befreiung 



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Textquelle: Karl -Mm -( Te.se/lsclhift (http: /www.karl-may-gesellschaft.de) 

Konvertierung: Rainer Gievers 

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Die Wiedergabe erfolgt mitfreiindlicher ( jenelimigiiiig der Karl-Mo\ ■-( ie.sellscliaft 



Einleitung. 

[Chromotafel (Frontispiz) : "Bd. VII. Em Schimmelhengst flog alien voran. (Zum 2. Kapitel.)"] 

Lieber Leser, weiBt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? - - eine hochst argerliche und despektierliche 
Bezeichnung fur denjenigen. auf welchen sie angewendet wird. 

Green heiBt grim, und unter horn ist Filhlhorn gemeint. Ein Greenhorn ist demnach ein Mensch, welcher 
noch griln, also neu und unerfahren im Lande ist und seine Fuhlhorner behutsam ausstrecken muB, wenn er 
sich nicht der Gefahr aussetzen will, ausgelacht zu werden. 

Ein Greenhorn ist ein Mensch, welcher nicht von seinem Stuhle aufsteht, wenn eine Lady sich auf 
denselben setzen will; welcher den Herrn des Hauses grilBt, ehe er der MistreB und MiB seine 
Verbeugungen gemacht hat; welcher beim Laden des Gewehres die Patrone verkehrt in den Lauf schiebt 
oder erst den Propfen, dann die Kugel und zuletzt das Pulver in den Vorderlader stoBt. Ein Greenhorn 
spricht entweder gar kein oder ein sehr reines und geziertes Englisch; ihm ist das Yankee-Englisch oder gar 
das Hinterwalder-Idiom ein Greuel; es will ihm nicht in den Kopf und noch viel weniger ilber die Zunge. 
Ein Greenhorn halt ein Racoon fur ein Opossum und eine leidlich hilbsche Mulattin fur eine Quadroone. 
Ein Greenhorn raucht Cigaretten und verabscheut den tabakssaftspeienden Sir. Ein Greenhorn lauft, wenn 
er von Paddy (* Irlander.) eine Ohrfeige erhalten hat, mit seiner Klage zum Friedensrichter, anstatt, wie ein 
richtiger Yankee tun soil, den Kerl einfach und auf der Stelle niederzuschieBen. Ein Greenhorn halt die 
Stapfen eines Turkey fur eine Barenfahrte und eine schlanke Sportjacht fur einen Mississippisteamer. Ein 
Greenhorn geniert sich, seine schmutzigen Stiefel auf die Kniee seines Mitpassagiers zu legen und seine 
Suppe mit dem Schnaufen eines verendenden Btiffels hinabzuschlurfen. Ein Greenhorn schleppt der 
Reinlichkeit wegen einen Waschschwamm von der GroBe eines Riesenkilrbis und zehn Pfund Seife mit in 
die Prairie und steckt sich dazu einen KompaB bei, welcher schon am dritten oder vierten Tag nach alien 
moglichen andern Richtungen, aber nie mehr nach Norden zeigt. Ein Greenhorn notiert sich achthundert 
Indianerausdriicke. und wenn er dem ersten Roten begegnet, so bemerkt er, daB er diese Notizen im letzten 
Couvert nach Hause geschickt und dafiir den Brief aufgehoben hat. Ein Greenhorn kauft SchieBpulver, und 
wenn er den ersten SchuB tun will, erkennt er, daB man ihm gemahlene Holzkohle gegeben hat. Ein 
Greenhorn hat zehn Jahre lang Astronomie studiert, kann aber ebenso lang den gestirnten Himmel 
angucken, ohne zu wissen, wie viel Uhr es ist. Ein Greenhorn steckt das Bowiemesser so in den Gilrtel, daB 
er, wenn er sich bilckt, sich die Klinge in den Schenkel sticht. Ein Greenhorn macht im wilden Westen ein 
so starkes Lagerfeuer, daB es baumhoch emporlodert, und wundert sich dann, wenn er von den Indianern 
entdeckt und erschossen worden ist, darilber, daB sie ihn haben finden konnen. Ein Greenhorn ist eben ein 
Greenhorn - - und ein solches Greenhorn war damals auch ich. 

Aber man denke ja nicht etwa, daB ich die Uberzeugung oder auch nur die Ahnung gehabt hatte, daB diese 
krankende Bezeichnung auf mich passe! O nein, denn es ist ja eben die hervorragendste Eigentumlichkeit 
jedes Greenhorns, eher alle andern Menschen, aber nur nicht sich selbst fur "griln" zu halten. 

Ich glaubte ganz im Gegenteile, ein auBerordentlich kluger und erfahrener Mensch zu sein; hatte ich doch, 
so was man zu sagen pflegt, studiert und nie vor einem Examen Angst gehabt! DaB dann das Leben die 
eigentliche und richtige Hochschule ist, deren Schiller taglich und sttlndlich geprilft werden und vor der 
Vorsehung zu bestehen haben, daran wollte mein jugendlicher Sinn damals nicht denken. Unerquickliche 
Verhaltnisse in der Heimat und ein, ich mochte sagen, angeborener Tatendrang hatten mich ilber den Ozean 
nach den Vereinigten Staaten getrieben, wo die Bedingungen fur das Fortkommen eines strebsamen jungen 
Menschen damals weit bessere und gtlnstigere waren als heutzutage. Ich hatte in den Oststaaten recht wohl 
ein gutes Unterkommen gefunden, aber es trieb mich nach dem Westen. Bald auf diese und bald auf jene 
Weise fur kurze Zeit tatig, verdiente ich mir so viel, daB ich, auBerlich wohl ausgerilstet und innerlich von 



frohem Mute erfullt, in St. Louis ankam. Dort fuhrte mich das Glilck in eine deutsche Familie, in welcher 
ich einen einstweiligen Unterschlupf als Hauslehrer fand. In dieser Familie verkehrte Mr. Henry, ein 
Original und Biichsenmacher, welcher sein Handwerk mit der Hingebung eines Kilnstlers betrieb und sich 
mit altvaterischem Stolze Mr. Henry, the Gunsmith nannte. 

Dieser Mann war ein auBerordentlicher Menschenfreund, obgleich er das Gegenteil zu sein schien, da er 
auBer der erwahnten Familie mit keinem Menschen verkehrte und selbst seine Kunden so kurz und schroff 
behandelte, daB sie nur der Gilte seiner Ware wegen zu ihm kamen. Er hatte seine Frau und Kinder durch 
ein grausiges Ereignis verloren, ilber welches er nie sprach, doch vermutete ich infolge einiger seiner 
AuBerungen, daB sie bei einem Uberfalle ermordet worden waren. Das hatte ihn auBerlich rauh gemacht; er 
wuBte es vielleicht gar nicht, daB er eigentlich ein perfekter Grobian war; der Kern aber war mild und gut, 
und ich habe oft sein Auge feucht gesehen, wenn ich von der Heimat und den Meinen erzahlte, an denen 
ich mit ganzem Herzen hing und auch heut noch hange. 

Warum er, der alte Mann, grad fur mich, den jungen, fremden Menschen, eine solche 
Vorliebe zeigte, das wuBte ich nicht, bis er es mir einmal sagte. Seit ich da war, kam er 
ofters als vorher, horte dem Unterrichte zu, nahm mich, wenn dieser beendet war, fur sich 
in Beschlag und lud mich schlieBlich sogar ein, ihn zu besuchen. Ein solcher Vorzug war 
noch keinem Andern zu teil geworden, und ich hiitete mich daher, die mir gewordene 
Erlaubnis auszubeuten. Diese Zuriickhaltung schien ihm aber keineswegs lieb zu sein; ich 
erinnere mich noch heut des zornigen Gesichtes, welches er mir eines Abends, als ich zu 
ihm kam, zeigte, und des Tones, in welchem er mich empfing, ohne auf mein "good 
evening" zu antworten: 

» Wo habt Ihr derm gestern gesteckt, Sir?« 

»Zu Hause.« 

»Und vorge stern? « 

»Auch zu Hause.« 

»Macht mir doch nichts weis!« 

»Es ist wahr, Mr. Henry. « 

»Pshaw\ Solche grilne Vogel, wie Ihr einer seid, bleiben nicht im Neste hocken; die stecken die Schnabel 
ilberall hin, nur da nicht, wo sie hingehoren! « 

»Und wo gehore ich hin, wenn es Euch beliebt, es mir zu sagen?« 

»Hierher zu mir, verstanden! Habe Euch schon lange einmal nach etwas fragen wollen.« 

» Warum habt Ihr es nicht getan?« 

» Weil ich nicht wollte. Hort Ihr es?« 

»Und warm wollt Ihr derm?« 

»Heute vielleicht. « 



»So fragt getrost nur zu,« forderte ich ihn auf, indem ich mich hoch auf die Schraubenbank setzte, an 
welcher er arbeitete. 

Er sah mir ganz verwundert in das Gesicht, schilttelte miflbilligend den Kopf und rief aus: 

»Getrost! Als ob ich so ein Greenhorn, wie Ihr seid, erst urn Erlaubnis fragen miiBte, wenn ich mit ihm 
redenwill!« 

»Greenhorn?« antwortete ich, die Stirn in Falten ziehend, denn ich fiihlte mich bedeutend verletzt. »Ich will 
annehmen, Mr. Henry, daB dieses Wort Euch ohne Absicht und nur so herausgefahren ist! « 

»Bildet Euch doch nichts ein, Sir! Ich habe mit vollem Bedacht gesprochen; Ihr seid ein Greenhorn, und 
was fur eins! Den Inhalt Eurer Bilcher habt Ihr gut im Kopfe, das ist wahr. Es ist ganz erstaunlich, was ihr 
Leute da drilben lernen muflt! Dieser junge Mensch weiB genau, wie weit die Sterne von hier entfernt sind, 
was der Konig Nebukadnezar auf Ziegelsteine geschrieben hat und wie schwer die Luft wiegt, die er doch 
nicht sehen kann! Und weil er dies weiB, bildet er sich ein, ein gescheiter Kerl zu sein! Aber steckt die 
Nase ins Leben, versteht Ihr mich, so ungefahr funfzig Jahre ins Leben hinein; dann werdet Ihr, aber auch 
nur vielleicht, erfahren, worin die richtige Klugheit besteht! Was Ihr bis jetzt wiBt, ist nichts - ist gar nichts. 
[Jnd wa Mu ' i |' j r i I oMit j i 1101 h » << j l venigei Ihi 1 >Jiur | . went einmal schieBen!« 

Er sagte dies in einem auBerordentlich verachtlichen Tone und mit einer solchen Bestimmtheit, als ob er 
seiner Sache formlich sicher sei. 

»Nicht schieBen? Hm!« antwortete ich lachelnd. »Ist dies vielleicht die Frage, welche Ihr mir vorlegen 
wolltet?« 

»Ja, die ist es. Nun antwortet doch einmal! « 

»Gebt mir ein gutes Gewehr in die Hand, so will ich antworten, eher nicht.« 

Da legte er den Btichsenlauf, an welchem er schraubte, weg, stand auf, trat nahe an mich heran, fixierte 
mich mit verwunderten Augen und rief aus: 

»Ein Gewehr in die Hand, Sir? Wird mir nicht einfallen, ganz und gar nicht! Meine Gewehre kommen nur 
in solche Hande, in denen ich mit ihnen Ehre einlegen kann!« 

»Solche hab ich,« nickte ich ihm zu. 

Er sah mich noch einmal, und zwar von der Seite an, setzte sich wieder nieder, begann wieder an dem 
Laufe zu arbeiten und brummte vor sich hin: 

»So ein Greenhorn! Konnte mich wirklich wild machen mit seiner Dreistigkeit! « 

Ich lieB ihn gewahren, denn ich kannte ihn, zog eine Zigarre hervor und brannte sie an. Dann blieb es wohl 
eine Viertelstunde lang still zwischen uns. Langer aber konnte er es nicht aushalten; er hielt den Lauf gegen 
das Licht, sah hindurch und bemerkte dabei: 

» SchieBen ist namlich schwerer als nach den Sternen gucken oder alte Ziegelsteine von Nebukadnezar 
lesen. Verstanden? Habt Ihr denn jemals ein Gewehr in der Hand gehabt?« 



»Schon langst und oft.« 

»Auch angelegt und abgedrilckt?« 

»Ja.« 

»Und getroffen?« 

»Natilrlich! « 

[Illustration Nr. 1 : Zum erstenmal den Barentoter in der Hand] 

Da lieB er den Lauf, den er geprilft hatte, rasch sink en. sah mich wieder an und meinte: 

»Ja, getroffen, natiirlich, aber was?« 

»Das Ziel, ganz seibstverstandlich« 

»Was? Wollt Ihr mir das im Ernste aufbinden '« 

»Behaupten, aber nicht aufbinden; es ist wahr.« 

»Hol Euch der Teufel, Sir! Aus Euch wird man nicht klug. Ich bin iiberzeugt, dafl Ihr an einer Mauer 
vorbeischieBen wiirdet, und wenn sie zwanzig Ellen hoch und funfzig Ellen lang ware, und doch macht Ihr 
bei Eurer Behauptung ein so ernstes und zuversichtliches Gesicht, daB einem daruber die Galle ilberlaufen 
konnte. Ich bin kein Knabe, dem Ihr Stunde gebt, verstanden! So ein Greenhorn und Bucherwurm, wie Ihr 
seid, will schieBen konnen! Hat sogar in tiirkischen, arabischen und andern dummen Scharteken 
herumgestobert und will dabei Zeit zum SchieBen gefunden haben! Nehmt doch einmal das alte Gun (* 
Gewehr, Bilchse.) da hinten vom Nagel, und legt es an, als ob Ihr zielen wolltet! Es ist ein Barentoter, der 
beste, den ich jemals in den Handen gehabt habe.« 

Ich ging hin, langte die Bilchse herab und legte sie an. 

»Halloo!« rief er aus, indem er aufsprang. »Was ist derm das? Ihr geht ja mit diesem Gun wie mit einem 
leichten Spazierstocke um, und doch ist es das schwerste Gewehr, welches ich kenne! Besitzt Ihr denn eine 
solche Korperkraft?« 

Anstatt der Antwort nahm ich ihn unten bei der zugeknopften Jacke und bei dem Hosenbund und hob ihn 
mit dem rechten Arm empor. 

»Tlimider-storm!« schrie er auf. »LaBt mich los! Ihr seid ja noch weit kraftiger als mein Bill.« 

»Euer Bill? Wer ist das?« 

»Er war mein Sohn, der lassen wir das! Er ist tot, wie die Andern auch. Er versprach, ein tuchtiger Kerl 

zu werden, wurde aber wahrend meiner Abwesenheit mit ihnen ausgeloscht. Ihr seid ihm ahnlich von 
Gestalt, habt beinahe dieselben Augen und auch denselben Zug um den Mund; darum bin ich Euch - - na, 
das geht Euch ja doch nichts an! « 



Der Ausdruck tiefer Trauer hatte sich ilber sein Gesicht gebreitet; er fuhr mit der Hand ilber dasselbe und 
fuhr dann in munterem Tone fort: 

»Aber, Sir, bei Eurer Muskelkraft ist es wirklich jammerschade, daB Ihr Euch so auf die Bilcher geworfen 
habt. Hattet Euch korperlich ilben sollen!« 

»Habe ich auch.« 

»Wirklich?« 



»Boxen?« 

» Wird drilben bei uns nicht getrieben. Aber im Turnen und Ringen mache ich mit.« 

»Reiten?« 

»Ja.« 

»Fechten?« 

»Habe ich Unterricht erteilt.« 

»Mann, schneidet nicht auf!« 

»Wollt Ihr es versuchen?« 

»Danke; habe genug von vorhin! MuB ilberhaupt arbeiten. Setzt Euch wieder nieder!« 

Er kehrte zu seiner Schraubenbank zuriick, und ich tat dasselbe. Die nun folgende Unterhaltung war eine 
hochst einsilbige; Henry schien sich in Gedanken mit irgend etwas Wichtigem zu beschaftigen. Plotzlich 
sah er von der Arbeit auf und fragte: 

»Habt Ihr Mathematik getrieben? « 

»War eine meiner Lieblingswissenschaften.« 

»Arithmetik, Geometrie?« 

»Naturlich« 

»Feldmesserei?« 

»Sogar auBerordentlich gern. Bin sehr oft, ohne daB ich es notwendig hatte, mit dem Theodolit drauBen 
herumgelaufen. « 



»Ja. Ich habe mich sowohl an Horizontal-, als auch an Hohenmessungen oft beteiligt, obgleich ich nicht 
behaupten will, daB ich mich als ausgelernten Geodaten betrachte.« 



» Well - sehr gut, sehr gut! « 

»Warum fragt Ihr danach, Mr. Henry?« 

»Weil ich eine Ursache dazu habe. Verstanden! Braucht es jetzt nicht zu wissen; werdet es schon noch 
erfahren. MuB vorher wissen - hm, ja, muB vorher wissen, ob Ihr schieBen konnt.« 

»So stellt mich auf die Probe !« 

»Werde es auch tun; ja, werde es tun; darauf kdnnt 

Ihr Euch verlassen. Wann beginnt Ihr morgen fruh den Unterricht?« 

»Um acht Uhr.« 

»So kommt um sechs zu mir. Wollen hinauf auf den SchieBstand gehen, wo ich meine Gewehre 
einschieBe.« 

»Warum so fruh?« 

»Weil ich niclit langei warten will. Bin ganz begieng darauf. Euch zu zeigen, daB Ihr ein Greenhorn seid. 
Jetzt genug davon, habe Anderes zu tun, was weit, weit wichtiger ist.« 

Er schien mit dem Gewehrlaufe fertig zu sein und nahm aus einem Kasten ein polygones Eisenstilck, 
dessen Ecken er abzufeilen begann. Ich sah, daB jede Flache desselben ein Loch hatte. 

Er war mit solcher Aufmerksamkeit bei dieser Arbeit, daB er meine Gegenwart ganz vergessen zu haben 
schien. Seine Augen funkelten, und wenn er sein Werk von Zeit zu Zeit betrachtete, so sah ich, daB es, ich 
mochte beinahe sagen, mit einem Ausdrucke von Liebe geschah. Dieses Eisenstilck muBte einen groBen 
Wert fur ihn haben. Ich war neugierig, zu erfahren, warum; darum fragte ich ihn: 

»Soll das auch ein Gewehrteil werden, Mr. Henry?« 

»Ja,« antwortete er, als ob er sich besinne, daB ich noch da sei. 

»Aber ich kenne kein Gewehrsystem, das einen derartigen Teil besitzt.« 

»Glaube es. Soil erst noch werden. Wird wohl System Henry werden. « 

»Ah, eine neue Erfindung?« 

»Yes.« 

»Dann bitte ich um Entschuldigung, daB ich gefragt habe! Es ist natilrlich Geheimnis.« 

Er guckte eine langere Zeit in alle die Locher hinein, drehte das Eisen nach verschiedenen Richtungen, hielt 
es einige Male an das hintere Ende des Laufes, den er vorhin fortgelegt hatte, und sagte endlich: 

»Ja, es ist ein Geheimnis; aber ich traue Euch, derm ich weiB, daB Ihr Verschwiegenheit besitzt, obgleich 
Ihr ein ausgemachtes, richtiges Greenhorn seid; darum will ich Euch sagen, was es werden soil. Es wird ein 
Stutzen, ein Repetierstutzen mit fiinfundzwanzig Schilssen.« 



»Unm6glich!« 

»Haltet Euren Schnabel! Ich bin nicht so dumm, mir etwas Unmogliches vorzunehmen.« 

»Aber da milBtet Ihr doch Kammern zur Aufnahme der Munition fur fiinfundzwanzig Sehusse haben!« 

»Habe ich auch! « 

»Die wiirden aber so groB und unhandlich sein, daB sie genierten.« 

»Nur eine Kammer; ist ganz handlich und geniert gar nicht. Dieses Eisen ist die Kammer.« 

»Hm! Ich verstehe mich auf Euer Fach ja gar nicht; aber wie steht es mit der Hitze? Wird der Lauf zu 
heiB?« 

»Fallt ihm nicht ein. Material und Behandlung des Laufes sind mein Geheimnis. Ubrigens, ist es denn 
immer notig, die fiinfundzwanzig Schtisse alle gleich hintereinander abzugeben?« 

»Schwerlich.« 

»Also! Dieses Eisen wird eine Kugel, welche sich exzentrisch bewegt; fiinfundzwanzig Locher darin 
enthalten ebensoviele Patronen. Bei jedem Sehusse riickt die Kugel weiter, die nachste Patrone an den 
Lauf. Habe mich lange Jahre mit dieser Idee getragen; wollte nicht gelingen; jetzt aber scheint es zu 
klappen. Habe schon jetzt als Gunsmith einen guten Namen, werde dann aber beriihmt, sehr beriihmt 
werden und viel, sehr viel Geld verdienen.« 

»Und ein boses Gewissen dazu!« 

Er sah mir eine Weile ganz erstaunt in das Gesicht und fragte dann: 

»Ein boses Gewissen? Wie so?« 

»Meint Ihr, daB ein Morder kein boses Gewissen zu haben braucht?« 

»Zounds\ Wollt Ihr etwa sagen, daB ich ein Morder bin?« 

» Jetzt noch nicht. « 

»Oder ein Morder werde?« 

» Ja, denn die Beihilfe zum Morde ist grad so schlimm wie der Mord selbst.« 

»Hole Euch der Teufel! Ich werde mich hilten, Beihilfe zu einem Morde zu leisten.« 

»Zu einem einzelnen freilich nicht, aber sogar zum Massenmorde.« 

» Wie so? Ich verstehe Euch nicht.« 

»Wenn Ihr ein Gewehr fertigt, welches funfundzwanzigmal schieBt, und es in die Hande jedes beliebigen 
Strolches gebt, so wird driiben auf den Prairien, in den Urwaldern und den Schluchten des Gebirges sich 
bald ein grausiges Morden erheben; man wird die armen Indianer niederschieBen wie Cojoten, und in 



einigen Jahren wird es keinen Indsman mehr geben. Wollt Ihr das auf Euer Gewissen laden?« 

Er starrte mich an und antwortete nicht. 

»Und,« fuhr ich fort, »wenn jedermann dieses gefahrliche Gewehr fur Geld bekommen kann, so werdet Ihr 
allerdings in kurzer Zeit tausende absetzen, aber die Mustangs und die Buffel werden ausgerottet werden 
und mit ihnen jede Art von Wild, dessen Fleisch die Roten zum Leben brauchen. Es werden hundert und 
tausend Aasjager sich mit Eurem Stutzen bewaffnen und nach dem Westen gehen. Das Blut von Menschen 
und Tieren wird in Stromen flieBen, und sehr bald werden die Gegenden diesseits und jenseits der 
Felsenberge von jedem lebenden Wesen entvolkert sein.« 

»'sdeath!« rief er jetzt aus. »Seid Ihr wirklich erst vor kurzem aus Germany herubergekommen?« 



»Und vorher noch nie hier gewesen?« 

»Nein.« 

»Und im wilden Westen erst recht noch nicht? « 



»Also ein vollstandiges Greenhorn. Und doch nimmt dieses Greenhorn den Mund so voll, als ob es der 
Urgroflvater aller Indianer ware und schon seit tausend Jahren hier gelebt hatte und heute noch lebte! 
Mannchen, bildet Euch ja nicht ein, mir warm zu machen! Und selbst wenn alles so ware, wie Ihr sagt, so 
wird es mir niemals in den Sinn kommen, eine Gewehrfabrik anzulegen. Ich bin ein einsamer Mann und 
will einsam bleiben; ich habe keine Lust, mich mit hundert oder gar noch mehr Arbeitern herumzuargern.« 

»Aber Ihr konntet doch, um Geld zu verdienen, Patent auf Eure Erfindung nehmen und dies verkauien '< 

»Das wartet ruhig ab, Sir! Bis jetzt habe ich stets gehabt, was ich brauche, und ich denke, daB ich auch 
fernerhin und ohne Patent keine Not leiden werde. Und nun schert Euch fur heut nach Hause! Ich habe 
keine Lust, einen Vogel piepen zu horen, der erst flugge wei den muB, ehe er pfeifen oder singen kann « 

Es fiel mir gar nicht ein, ihm diese derben Ausdrilcke libel zu nehmen; er war nun einmal so, und ich wuBte 
recht gut, wie er es meinte. Er hatte mich liebgewonnen und war ganz gewiB gewillt, mir in jeder 
Beziehung, so weit er es vermochte, forderlich und dienlich zu sein. Ich gab ihm die Hand und ging, 
nachdem er mir dieselbe kriiftig gedriickt und geschilttelt hatte. 

Ich ahnte nicht, wie wichtig dieser Abend fur mich werden sollte, und ebensowenig kam es mir in den Sinn, 
daB dieser schwere Barentoter, den Henry ein altes Gun nannte, und der noch unfertige Henrystutzen in 
meinem spateren Leben eine so groBe Rolle spielen wilrden. Aber auf den nachsten Morgen freute ich 
mich, derm ich hatte wirklich schon viel und gut geschossen und war vollstandig ilberzeugt, daB ich vor den 
Augen meines alten, sonderbaren Freundes gut bestehen wilrde. 

Ich land mich punktlich morgens sechs Uhr bei ihm ein. Er wartete schon auf mich, gab mir die Hand und 
sagte, indem ein ironisches Lacheln ilber seine alten, guten, derben Zilge glitt: 

»Welkome [Welcome], Sir! Ihr macht doch ein recht siegesgewisses Gesicht? Meint Ihr, daB Ihr die Mauer, 
von der ich gestern abend sprach, treffen wtirdet?« 



»Well, so wollen wir gleich sehen. Ich nehme ein leichteres Gewehr mit, und Ihr tragt den Barentoter; ich 
mag mich mit so einer Last nicht schleppen.« 

Er hing sich eine leichte, doppellaufige Rifle urn, und ich nahm das "alte Gun", welches er nicht tragen 
wollte. Auf seinem Schieflstande angekommen, lud er beide Gewehre und tat zunachst aus der Rifle selbst 
zwei Schilsse. Dann kam ich an die Reihe mit dem Barentoter. Ich kannte dieses Gewehr noch nicht und 
traf infolgedessen beim ersten Schusse nur grad den Rand des Schwarzen in der Scheibe; der zweite SchuB 
saB besser; der dritte nahm die genaue Mitte des Schwarzen, und die nachsten Kugeln gingen alle durch das 
Loch, welches die dritte durchgeschlagen hatte. Das Erstaunen Henrys wuchs von SchuB zu SchuB; ich 
muBte auch die Rifle probieren, und als dies ganz denselben Erfolg hatte, rief er schlieBlich aus: 

»Entweder Ihr habt den Teufel, Sir, oder Ihr seid zum Westmann rein geboren. So habe ich noch kein 
Greenhorn schieBen sehen! « 

»Den Teufel habe ich nicht, Mr. Henry ,« lachte ich. »Von einem solchen Bilndnisse mochte ich nichts 
wissen.« 

»So ist es Eure Aufgabe und sogar Eure Pflicht, Westmann zu werden. Habt Ihr keine Lust dazu?« 

»Warum nicht! « 

» Well, werden sehen, was sich aus dem Greenhorn machen laBt. Also reiten konnt Ihr auch?« 

»Zur Not.« 

»Zur Not? Hm! Also doch nicht so gut, wie Ihr schieBt?« 

»Pshaw\ Was ist das Reiten weiter! Das Aufsteigen ist das Schwierigste. Wenn ich dann erst oben sitze, 
bringt mich wohl kein Pferd herunter.« 

Er sah mich forschend an, ob ich im Ernste oder im Scherze gesprochen hatte; ich machte ein hochst 
unbefangenes Gesicht, und so meinte er: 

»Denkt Ihr wirklich? Wollt Euch wohl an der Mahne anhalten? Da seid Ihr im Irrtum. Ihr habt ganz richtig 
gesagt: Das Hinaufkommen ist das Schwierigste, derm das muB man selber machen; das Herabkommen ist 
viel leichter: das besorgt der Gaul, und darum geht es viel, viel schneller.« 

»Bei mir besorgt es der Gaul aber nicht! « 

»So? Wollen sehen! Habt Ihr Lust, eine Probe zu zeigen?« 

»Gern.« 

»So kommt! Es ist erst sieben Uhr, und Ihr habt noch eine Stunde Zeit. Wir gehen zu Jim Korner, dem 
Pferdehandler; der hat einen Rotschimmel, der es Euch schon besorgen wird >< 

Wir kehrten in die Stadt zuruck und suchten den Pferdehandler auf, bei dem es einen weiten Reithof gab, 
welcher rings von Stallungen umgeben war. Korner kam selbst herbei und fragte nach unserm Begehr. 



»Dieser junge Sir behauptet, daB ihn kein Pferd aus dem Sattel bringe,« antwortete Henry. » Was meint Ihr 
dazu, Mr. Korner? Wollt Ihr ihn einmal auf Euern Rotschimmel klettern lassen?« 

Der Handler mafl mich mit prufendem Blicke, nickte dann befriedigt vor sich hin und antwortete: 

»Das Knochengestell scheint gut und elastisch zu sein; ilbrigens brechen junge Menschen den Hals nicht so 
leicht wie altere Leute. Wenn der Gentleman den Schimmel versuchen will, so habe ich nichts dagegen.« 

Er gab den betreffenden Befehl, und nach einiger Zeit brachten zwei Knechte das gesattelte Pferd aus dem 
Stall gefuhrt. Es war hochst unruhig und strebte, sich loszureiBen. Meinem alten Mr. Henry wurde Angst 
um mich; er bat mich, von dem Versuche abzustehen; aber erstens war mir gar nicht bange, und zweitens 
betrachtete ich die Angelegenheit nun als Ehrensache. Ich lieB mir eine Peitsche geben und Sporen 
anschnallen; dann schwang ich mich. allerdings nach einigen vergeblichen Versuchen, gegen welche das 
Pferd sich wehrte, in den Sattel. Kaum saB ich oben, so sprangen die Knechte eilends fort, und der 
Schimmel tat einen Satz mit alien Vieren in die Luft und einen zweiten zur Seite. Ich behielt den Sattel, 
obgleich ich noch nicht in den Bilgeln war, beeilte mich aber, hineinzukommen. Kaum war dies geschehen, 
so begann der Gaul, zu bocken; als dies nichts fruchtete, ging er zur Wand, um mich an derselben 
abzustreifen; die Peitsche aber brachte ihn rasch von derselben fort. Hierauf gab es einen bosen, beinahe fur 
mich gefahrlichen Kampf zwischen Reiter und Pferd. Ich bot alles auf, das wenige Geschick und die 
unzureichende Uebung, welche ich damals nur besaB, und die Kraft der Schenkel, die mich schlieBlich 
doch zum Sieger machte. Als ich abstieg, zitterten mir die Beine vor Anstrengung; aber das Pferd triefte 
vor SchweiB und schaumte groBe, schwere Flocken; es gehorchte nun jedem Drucke und Rucke. 

Dem Handler war Angst um sein Pferd geworden; er lieB es in Decken wickeln und langsam hin und her 
fiihren; dann wendete er sich an mich: 

[Illustration Nr. 2: Ein Rotschimmel wird zugeritten] 

»Das hatte ich nicht gedacht, junger Mann; ich glaubte, Ihr wiirdet schon beim ersten Sprunge unten liegen. 
Ihr habt natilrlich nichts zu bezahlen, und wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, so kommt wieder und 
bringt mir die Bestie vollends zu Verstand. Es soil mir auf zehn Dollars nicht ankommen, derm es ist kein 
billiges Pferd, und wenn es gehorchen lernt, so mache ich ein Geschaft.« 

»Wenn es Euch recht ist, soil es mir ein Vergntigen sein,« antwortete ich. 

Henry hatte, seit ich abgestiegen war, noch nichts gesagt, sondern mich nur immer kopfschilttelnd 
angesehen. Jetzt schlug er die Hande zusammen und rief aus: 

»Dieses Greenhorn ist wirklich ein ganz auBerordentliches oder vielmehr ungewohnliches Greenhorn! Hat 
das Pferd halb tot gedrilckt, anstatt sich in den Sand werfen zu lassen! Wer hat Euch das gelehrt, Sir?« 

»Der Zufall, der mir einen halbwilden, ungarischen PuBtenhengst, der niemand aufsitzen lassen wollte, 
zwischen die Beine gab. Ich habe ihn nach und nach bezwungen, dabei aber fast das Leben riskiert.« 

»Danke fur solche Kreaturen! Da lobe ich mir meinen alten Polsterstuhl, der nichts dagegen hat, wenn ich 
mich auf ihn setze. Kommt, wir wollen gehen. Es ist mir ganz schwindelig geworden. Aber umsonst habe 
ich Euch nicht schieBen und reiten sehen. darauf kdnnt Ihr Euch verlassen.« 

Wir gingen nach Hause, er zu sich und ich in meine Wohnung. Wahrend dieses und der beiden nachsten 
Tage lieB er sich nicht sehen, und ich hatte auch keine Gelegenheit, ihn aufzusuchen; aber am 
darauffolgenden Tage kam er des Nachmittags zu mir; er wuBte, daB ich da frei hatte. 

»Habt Ihr Lust, einen Spaziergang mit mir zu machen?« fragte er. 



»Zu einem Gentleman, der Euch gern kennen lernen will << 

» Warum mich?« 

»Das kdnnt Ihr Euch doch denken: weil er noch kein Greenhorn gesehen hat.« 

»So gehe ich mit; er soil uns kennen lernen. « 

Henry machte heut so ein pfiffiges, unternehmendes Gesicht, und wie ich ihn kannte, 
hatte er irgend eine Uberraschung vor. Wir schlenderten durch einige StraBen und dann 
fiihrte er mich in ein Bureau, in welches von der StraBe aus eine breite Glastiir fuhrte. Er 
nahm den Zutritt so schnell, daB ich die goldenen Lettern, welche auf den Glasscheiben 
standen, nicht mehr lesen konnte, doch glaubte ich, die beiden Worte Office und surveying 

gesehen zu haben. Bald stellte es sich heraus, daB ich mich nicht geirrt hatte. 

Es saBen drei Herren da, welche ihn sehr freundlich und mich hoflich und mit nicht zu verbergender 
Neugierde empfingen. Karten und Plane lagen auf den Tischen; dazwischen gab es allerlei 
MeBinstrumente. Wir befanden uns in einem geodatischen Bureau. 

Welchen Zweck mein Freund mit diesem Besuche verfolgte, war mir unklar; er hatte keine Bestellung, 
keine Erkundigung vorzubringen; er schien nur der freundschaftlichen Unterhaltung wegen gekommen zu 
sein. Diese kam allerdings sehr bald in einen lebhaften Gang, und es konnte nicht auffallen, daB sie sich 
schlieBlich auch auf die Gegenstande, welche sich hier befanden, erstreckte; dies war mir lieb, denn da 
konnte ich mich besser beteiligen, als wenn von amerikanischen Dingen oder Verhaltnissen gesprochen 
worden ware, die ich noch nicht kannte. 

Henry schien sich heut auBerordentlich fur die FeldmeBkunst zu interessieren; er wollte alles wissen, und 
ich lieB mich gern so tief in das Gesprach ziehen, daB ich endlich immer nur Fragen zu beantworten, den 
Gebrauch der verschiedenen Instrumente zu erklaren und das Zeichnen von Karten und Planen zu 
beschreiben hatte. Ich war wirklich ein tuchtiges Greenhorn, denn ich merkte nicht die Absicht heraus. Erst 
als ich mich ilber das Wesen und die Unterschiede der Aufnahme durch Koordinaten, der Polar- und 
Diagonalmethode, der Perimetermessung, des Repetitionsverfahrens, der trigonometrischen Triangulation 
ausgesprochen hatte und die Bemerkung machte, daB die drei Herren dem Buchsenmacher heimlich 
zuwinkten, wurde mir die Sache auffallig, und ich stand von meinem Sitz auf, um Henry anzudeuten, daB 
ich zu gehen wilnsche. Er weigerte sich nicht. und wir wurden - jetzt auch ich - noch freundlicher entlassen, 
als der Empfang gewesen war. 

Als wir dann so weit gegangen waren, daB man uns von dem Bureau aus nicht mehr sehen konnte, blieb 
Henry stehen, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte, indem sein Gesicht in heller Genugtuung 
leuchtete: 

»Sir, Mann, Mensch, Jungling, Greenhorn, aber habt Ihr mir eine Freude gemacht! Ich bin ja fdrmlich stolz 
auf Euch! « 

» Warum? « 

»Weil Ihr meine Empfehlung und die Erwartung dieser Leute noch ubertroffen habt!« 

»Empfehlung? Eiwaitung'' Ich verstehe Euchnicht.« 



»Ist auch nicht notig. Die Sache ist aber sehr einfach. Ihr behauptetet kiirzlich, etwas von der Feldmesserei 
zu verstehen, und urn zu erfahren, ob dies etwa nur Flunkerei gewesen sei, habe ich Euch zu diesen 
Gentlemen, die gute Bekannte von mir sind, gefiihrt und Euch von ihnen auf den Zahn fuhlen lassen. Es ist 
ein sehr gesunder Zahn, derm Ihr habt Euch hochst ehrenvoll herausgebissen.« 

»Flunkerei? Mr. Henry, wenn Ihr mich solcher Dinge fur fahig haltet, werde ich Euch nicht mehr 
besuchen!« 

»LaBt Euch nicht auslachen! Ihr werdet mich alten Kerl doch nicht der Freude berauben, die mir Euer 
Anblick macht. Wiflt schon, wegen der Ahnlichkeit mit meinem Sonne! Seid Ihr vielleicht einmal beim 
Pferdehandler gewesen? « 

»Taglich des Morgens.« 

»Und habt den Rotschimmel geritten?« 



» Wird etwas aus dem Pferde?« 

»Will es meinen. Nur bezweifle ich, dafl der, welcher es kauft, so gut mit ihm auskommen wird wie ich. Es 
hat sichnur an mich gewdhnt und wirft jeden Andern ab.« 

»Freut mich, freut mich ungeheuer; es will also, wie es scheint, nur Greenhorns tragen. 
Kommt einmal mit durch diese SeitenstraBe! WeiB da driiben ein famoses dining-house, in 

welchem man sehr gut speist und noch besser trinkt Das Examen, welches Ihr heut so vortrefflich 
bestanden habt, muB gefeiert werden « 

Ich konnte Henry nicht begreifen; er war wie umgetauscht. Er, der einsame, 
zuruckhaltende Mann, wollte in einem dining-house essen! Auch sein Gesicht war ein anderes als 
gewdhnlich, und seine Stimme klang heller und froher als sonst Examen hatte er gesagt. Das Wort fiel mir 
auf, konnte hier aber ein ganz bedeutungsloser Ausdruck sein. 

Von diesem Tage an besuchte er mich taglich und behandelte mich wie einen lieben Freund, den man bald 
zu verlieren befurchtet. Aber einen Stolz ilber diese Bevorzugung liefl er in mir nicht aufkommen; er hatte 
stets einen Dampfer bereit, welcher in dem fatalen Wort Greenhorn bestand. 

Sonderbarerweise hatte sich zu derselben Zeit auch das Verhalten der Familie, in der ich wirkte, verandert. 
Die Eltern hatten sichtlich mehr Aufmerksamkeit fur mich, und die Kinder waren zartlicher geworden. Ich 
ilberraschte sie bei heimlichen Blicken auf mich, die ich nicht verstehen konnte; ich hatte sie liebevoll und 
auch bedauernd nennen mogen. 

Ungefahr drei Wochen nach unserm sonderbaren Besuche im Bureau bat mich die Lady, 
am Abend, der heut fur mich ein freier war, nicht auszugehen, sondern das supper mit der 
Familie zu nehmen. Als Grund dieser Einladung gab sie an, daB Mr. Henry kommen werde, und auBerdem 
habe sie zwei Gentlemen geladen, von denen der eine Sam Hawkens heiBe und ein beruhmter Westmann 
sei. Ich als Greenhorn hatte diesen Namen noch nicht gehort, freute mich aber doch darauf, den ersten 
wirklichen und sogar beruhmten Westmann kennen zu lernen. 

Da ich Hausgenosse war, brauchte ich nicht bis Punkt zum Glockenschlage zu warten, 
sondern stellte mich einige Minuten vorher in dem dining-room ein. Dort sah ich zu meiner 



Verwunderung nicht das gewohnliche Arrangement, sondern es war wie zu einem Feste gedeckt worden. 
Die kleine, funfjahrige Emmy hatte sich allein in dem Raume befunden und den Finger, urn zu naschen, in 
das Beerenkompott gesteckt. Sie zog inn, als ich eintrat, schnell zurtick und wischte ihn spornstreichs an 
ihrem hochblonden Frisurchen ab. Als ich nun mit strafendem Winke den meinigen erhob, kam sie auf 
mich zugesprungen und flusterte mir einige Worte zu. Um ihr Vergehen gut zu machen, teilte sie mir das 
Geheimnis der letzten Tage, welches ihr das kleine Herzchen fast abgedrtickt hatte, mit. Ich glaubte, falsch 
verstanden zu haben; sie aber wiederholte auf meine Aufforderung dieselben Worte: »Your farewell-feast. « 

Mein Abschiedsschmaus! Das konnte doch unmoglich sein! Wer weiB, durch welches MiBverstandnis das 
Kind auf diese jedenfalls irrige Meinung gekommen war. Ich lachelte daruber. Dann horte ich Stimmen im 
Parlour; die Gaste kamen, und ich ging hinuber, sie zu begriiBen. Sie waren alle drei zu gleicher Zeit 
gekommen, auf Verabredung hin, wie ich spater erfuhr. Henry stellte mir einen jungen, etwas stumpf und 
ungelenk aussehenden Mann als einen Mr. Black und dann Sam Hawkens, den Westmann vor 

Den Westmann! Ich gestehe often zu, daB ich, als mein Auge verwundert auf ihm ruhte, wohl nicht sehr 
geistreich ausgesehen haben mag. Eine solche Gestalt hatte ich denn doch noch nicht gesehen; spater 
freilich habe ich noch ganz andere kennen gelernt. War der Mann schon an sich auffallig genug, so wurde 
dieser Eindruck dadurch erhoht, daB er hier in dem feinen Parlour ganz genau so stand, wie er drauBen in 
der Wildnis gestanden haben wurde, namlich ohne die Kopfbedeckung abzunehmen und mit dem Gewehre 
in der Hand. Man denke sich folgendes AuBere: 

Unter der wehrmitig herabhangenden Krempe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem 
scharfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben wtirden, blickte zwischen einem Walde von 
verworrenen, schwarzen Barthaaren eine Nase hervor, die von fast erschreckenden Dimensionen war und 
jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hatte dienen konnen. Infolge dieses gewaltigen Bartwuchses 
waren auBer dem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den ilbrigen Gesichtsteilen nur die 
zwei kleinen, klugen Auglein zu bemerken, welche mit einer auBerordentlichen Beweglichkeit begabt zu 
sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List auf mir ruhten. Der Mann betrachtete mich 
ebenso aufmerksam wie ich ihn; spater erfuhr ich den Grund, warum er sich so fur mich interessierte. 

Diese Oberpartie ruhte auf einem Korper, welcher bis auf die Knie herab unsichtbar blieb und in einem 
alten, bockledernen Jagdrocke stak, der augenscheinlich fur eine bedeutend starkere Person angefertigt 
worden war und dem kleinen Manne das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Vergnilgen einmal 
in den Schlafrock des GroBvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zulanglichen Umhullung guckten zwei 
diirre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins steckten, die so hochbetagt waren, daB 
sie das Mannchen schon vor zwei Jahrzehnten ausgewachsen haben muBte, und die dabei einen 
umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in denen zur Not der Besitzer in voller Person 
hatte Platz finden konnen. 

In der Hand trug dieser bertihmte "Westmann" eine Flinte, welche ich wohl nur mit der auBersten Vorsicht 
angefaBt hatte; sie war einem Knilppel viel ahnlicher als einem Gewehre. Ich konnte mir in diesem 
Augenblicke keine groBere Karikatur eines Prariejagers denken, doch sollte keine lange Zeit vergehen, bis 
ich den Wert dieses originellen Mannchens vollauf erkennen lernte. 

Nachdem er mich genau betrachtet hatte, fragte er den Btichsenmacher mit einer dilnnen Stimme, die wie 
eine Kinderstimme klang: 

»Ist dies das junge Greenhorn, von dem Ihr mir erzahlt habt, Mr. Henry?« 

»Yes,«. mckte dieser. 

»IT ,_'//' Gefallt mir gai •nicht libel Hoffe. daB Sain. Hawkens ilim aucb gefallen wire) hihihihi!« 



Mit diesem feinen, ganz eigenartigen Lachen, welches ich spater noch tausendmal von ihm gehort habe, 
wendete er sich nach der Tiir, die sich in diesem Augenblicke offnete. Der Herr und die Dame des Hauses 
traten ein und begrilBten den Jager in einer Weise, welche vermuten lieB, daB sie ihn schon einmal gesehen 
hatten. Das war hinter meinem Riicken geschehen. Dann luden sie uns ein, in das Speisezimmer zu treten. 

Wir folgten dieser Aufforderung^ wobei Sam Hawkens zu meinem Erstaunen gar nicht vorher ablegte. Erst 
als wir unsere Platze an der Tafel angewiesen erhielten, sagte er, indem er auf seinen alten SchieBpriigel 
deutete: 

»Ein richtiger Westmann laBt sein Gewehr niemals aus den Augen und ich meine brave Liddy erst recht 
nicht. Werde sie dort an die Gardinenrosette hangen.« 

Also Liddy nannte er sein Gewehr! Spater erfuhr ich freilich, daB es die Gewohnheit vieler Westlaufer ist, 
ihr Gewehr wie ein lebendes Wesen zu behandeln und ihm einen Namen zu geben. Er hing es an die 
genannte Stelle und wollte den famosen Hut hinzufugen; als er ihn abnahm, blieb zu meinem Entsetzen 
sein ganzes Kopfhaar an demselben hangen. 

Es war wirklich zum Erschrecken, welchen Anblick nun sein hautloser, blutigroter Schadel bot. Die Lady 
schrie laut auf, und die Kinder kreischten, was sie konnten. Er aber wandte sich zu uns um und sagte ruhig: 

»Erschreckt nicht, Myladies und Mesch'schurs; es ist ja weiter nichts! Hatte meine eigenen Haare mit 
vollem Rechte und ehrlich von Kindesbeinen an getragen, und kern Advokat wagte es, sie mir streitig zu 
machen, bis so ein oder zwei Dutzend Pawnees ilber mich kamen und mir die Haare samt der Haut vom 
Kopfe rissen. War ein verteufelt storendes Gefuhl fur mich, habe es aber glucklich ilberstanden, hihihihi! 
Bin dann nach Tekama gegangen und habe mir einen neuen Skalp gekauft. wenn ich mich nicht irre; wurde 
Perucke genannt und kostete mich drei dicke Btindel Biberfelle. Schadet aber nichts, denn die neue Haut ist 
viel praktischer als die alte, besonders im Sommer; kann sie abnehmen, wenn mich schwitzt, hihihihi. « 

Er hing den Hut zur Flinte und stulpte sich die Perucke wieder auf den Kopf Dann zog er den Rock aus 
und legte ihn ilber einen Stuhl. Dieser Rock war viele, viele Male geflickt und ausgebessert worden, immer 
ein Lederfetzen wieder auf den andern genaht, und dadurch hatte dieses Kleidungsstilck eine Steifheit und 
Dicke erlangt, daB wohl kaum ein Indianerpfeil hindurchkommen konnte. 

Nun sahen wir seine diinnen, krummen Beine ganz. Der Oberkorper stak in einer ledernen Jagdweste. Im 
Gilrtel hatte er ein Messer und zwei Pistolen stecken. Als er seinen Stuhl an der Tafel wieder erreichte, 
warf er erst auf mich und dann auf die Dame des Hauses einen listigen Blick und fragte : 

»Mag Mvladv nicht bevor wir an das Essen gehen, diesem Greenhorn sagen, um was es sich handelt, wenn 
ich mich nicht irre?« 

Der Ausdruck "wenn ich mich nicht irre" war bei ihm zur stehenden Redensart geworden. Die Lady nickte, 
drehte sich mir zu, deutete auf den jilngeren Gast und sagte: 

»Ihr werdet vielleicht noch nicht wissen, daB Mr. Black hier Euer Nachfolger ist, Sir.« 

»Mein - Nach - folger?« stieB ich ganz betroffen hervor. 

»Jawohl. Da wir heut Euern Abschied von uns feiern, waren wir gezwungen, uns nach einem neuen Lehrer 
umzusehen.« 

»Meinen - - Abschied ?« 

Heute preise ich das Schicksal, daB ich in jenem Augenblick nicht photo graphiert worden bin, denn ich 



habe jedenfalls wie die personifizierte Verblufftheit ausgesehen. 

»Ja, Euern Abschied, Sir,« nickte sie mit einem wohlwollenden Lacheln, welches ich aber nicht fur am 
Platze fand, denn mir selbst war keineswegs zum Lacheln. Sie filgte hinzu: »Es hatte eigentlich gekilndigt 
werden sollen, doch wollen wir Euch, den wir so lieb gewonnen haben, nicht hinderlich sein, Euer Glilck so 
bald wie moglich zu ergreifen. Es tut uns innig leid, Euch von uns gehen zu sehen, doch geben wir Euch 
unsere besten Wilnsche mit. Reist in Gottes Namen morgen ab!« 

»Abreisen? Morgen? Wohin denn?« brachte ich muhsam hervor. 

Da schlug mir Sam Hawkens, der neben mir stand, mit der Hand auf die Achsel und antwortete lachend: 

»Wohin? Nach dem wilden Westen mit mir. Ihr habt ja Euer Examen glanzend bestanden, hihihihi! Die 
andern Surveyors reiten morgen fort und konnen nicht auf Euch warten; Ihr milBt unweigerlich mit. Ich und 
Dick Stone und Will Parker, wir sind als Filhrer engagiert, immer den Kanadian hinauf und ins New 
Mexiko hinein. Denke doch nicht, daB Ihr hier und ein Greenhorn bleiben wo lit! « 

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das alles war abgekartete Sadie gewesen! Surveyor, 
Feldmesser, vielleicht gar fur eine der groBen Bahnen, welche geplant wurden. Welch ein froher Gedanke! 
Ich brauchte gar nicht zu fragen; ich erhielt die Auskunft unaufgefordert, denn mein alter, guter Henry trat 
zu mir, faBte mich bei der Hand und sagte: 

»Hab's Euch ja schon gesagt weshalb ich Euch gern habe. Ihr seid hier bei braven Menschen, aber ein 
Hauslehrerposten ist nichts fur Euch, Sir, gar nichts. Ihr milBt nach dem Westen. Habe mich darum an die 
Atlantik und Pazifik Company gewendet und Euch examinieren lassen, ohne daB Ihr es wuBtet. Habt gut 
bestanden. Hier ist die Installation. « 

Er gab mir das Dokument. Als ich einen Blick in dasselbe warf und da mein wahrscheinliches Einkommen 
verzeichnet fand, gingen mir die Augen ilber. Er aber fuhr fort: 

»Es wird geritten; Ihr braucht also ein gutes Pferd. Habe den Rotschimmel gekauft, den Ihr selbst 
zugeritten habt; sollt ihn bekommen. Und Waffen milBt Ihr auch haben; werde Euch den Barentoter 
mitgeben, das alte, schwere Gun, welches ich nicht brauchen kann, mit dem aber Ihr bei jedem Schusse in 
das Schwarze trefft Was sagt Ihr dazu, Sir, he?« 

Ich sagte zunachst am: nichts. danii. als ich die Sprache wiederfand, wollte ich die Gaben von mir weisen, 
hatte aber keinen Erfolg. Diese guten Menschen hatten beschlossen, mich glticklich zu machen, und es 
hatte sie tief gekrankt, wenn ich bei meiner Ablehnung geblieben ware. Um, wenigstens fur einstweilen, 
alle Weiterungen abzuschneiden, nahm die Lady an der Tafel Platz, und wir Andern waren gezwungen, 
ihrem Beispiele zu folgen; es wurde gegessen, und das Thema durfte nicht gleich wieder aufgenommen 
werden. 

Erst nach Tische erfuhr ich, was icb wissen muBte. Die Bahn sollte von St. Louis aus durch das Indian- 
Territory, New Mexiko, Arizona und Kalifornien nach der Pazifikkilste gehen, und man hatte den Plan 
gefaBt, diese weite Strecke in einzelnen Sektionen erforschen und ausmessen zu lassen. Diejenige Sektion, 
welche mir und noch drei andern Surveyors unter einem Oberingenieur zugefallen war. lag zwischen dem 
Quellgebiete des Rio Pecos und des sildlichen Kanadian. Die drei bewahrten Filhrer Sam Hawkens, Dick 
Stone und Will Parker sollten uns dorthin bringen, wo wir eine ganze Schar von wackeren Westmannern 
vorfinden wurden, die fur unsere Sicherheit zu sorgen hatten. Natiirlicb waren wir auBerdem auch des 
Schutzes aller Fortsbesatzungen sicher. Um mich so recht zu ilberraschen, war mir dies alles erst heut 
gesagt worden, freilich etwas sehr spat. Doch beruhigte mich die Mitteilung, daB fur meine vollstandige 
Ausrilstung bis auf das Kleinste gesorgt worden sei. Es blieb mir nichts weiter zu tun, als mich meinen 
Kollegen vorzustellen, welche in der Wohnung des Oberingenieurs auf mich warteten. Ich ging in 
Begleitung von Henry und Sain Hawkens hin und wurde auf das freundlichste begrilBt. Sie wuBten, daB ich 



hatte ilberrascht werden sollen, und konnten mir also die Verspatung niclit ubelnehmen. 

Als ich am andern Morgen zunachst von der deutschen Familie Abschied genommen hatte, ging ich zu 
Henry. Er schnitt meine Dankesworte dadurch ab, daB er, mir die Hande herzlich schiittelnd, in seiner 
derben Weise mich unterbrach: 

»Haltet den Schnabel, Sir! Ich habe Euch doch nur deshalb hinausgeschickt, damit mein altes Gun wieder 
einmal mitreden kann. Kehrt Ihr zuriick, so sucht mich auf und erzahlt, was Ihr erlebt und erfahren habt. 
Dann wird es sich zeigen, ob Ihr das noch seid, was Ihr heute seid und doch nicht glauben wollt, namlich 
ein Greenhorn, wie es im Buche steht! « 

Damit schob er mich zur Tur hinaus, doch ehe er sie schloB, sah ich, daB ihm das Wasser in den Augen 
stand. 



Zweites Kapitel. 



Kleki-petra. [Klekih-petra.] 

Wir befanden uns beinahe am Ende des herrlichen nordamerikanischen Herbstes und waren schon ilber drei 
Monate in Tatigkeit, hatten unsere Aufgabe aber noch nicht gelost, wahrend die andern Sektionen meist 
schon nach Hause zurtickgekehrt waren Hierfiu gab es zwei Grunde. 

Der erste Grund lag in dem Umstande, daB wir eine sehr schwierige Gegend zu bearbeiten hatten. Die Bahn 
sollte durch die Prarieen dem Laufe des sildlichen Kanadian folgen; die Richtung war also bis zum 
Quellgebiete desselben vorgezeichnet, wahrend sie von New Mexiko an durch die Lage der Taler und 
Passe ebenso vorgeschrieben wurde. Unsere Sektion aber lag zwischen dem Kanadian und New Mexiko, 
und wir hatten die geeignete Richtung also erst zu entdecken. Dazu waren zeitraubende Ritte, anstrengende 
Wanderungen und viele vergleichende Messungen notig, ehe wir an die eigentliche Arbeit gehen konnten. 
Erschwert wurde dies alles noch dazu dadurch, daB wir uns in einer gefahrlichen Gegend befanden, derm es 
trieben sich da die Kiowa-, Komanche- und Apache-Indianer herum, welche von einer Bahn durch das 
Terrain, welches sie als ihr Eigentum bezeichneten, nichts wissen wollten. Wir muBten uns ungemein in 
acht nehmen und stets auf unserer Hut sein, wodurch unsere Tatigkeit selbstverstandlich auBerordentlich 
erschwert und verlangsamt wurde. 

In Riicksicht auf diese Indianer muBten wir darauf verzichten, uns durch die Ertragnisse 
der Jagd zu ernahren, denn wir hatten die Roten dadurch auf unsere Spur gelenkt. Wir 
bezogen vielmehr alles, was wir brauchten, durch Ochsenwagen aus Santa Fe. Leider war 

aber dieser Transport auch ein sehr unsicherer, und wir konnten wiederholt mit unseren Messungen nicht 
vorwarts schreiten weil wir auf die Ankunft der Wagen warten muBten. 

Die zweite Ursache lag in der Zusammensetzung unserer Gesellschaft. Ich habe erwahnt, daB ich in St. 
Louis von dem Oberingenieur und den drei Surveyors sehr freundlich begruBt worden sei. Diese 
Aufnahme, welche ich bei ihnen fand, lieB mich ein gutes und erfolgreiches Zusammenwirken erwarten; 
darin sollte ich mich aber leider getauscht haben. 

Meine Kollegen waren echte Yankees welche in mir das Greenhorn, den unerfahrenen Dutchman sahen, 
dieses letztere Wort als Schimpfwort genommen. Sie wollten Geld verdienen, ohne viel danach zu fragen, 
ob sie ihre Aufgabe audi wirklich gewissenhaft erfullten. Ich war als ehrlicher Deutscher ihnen dabei ein 
Hemmschuh, dem sie die erst gezeigte Gunst sehr bald entzogen. Ich lieB mich dies nicht anfechten und tat 
meine Pflicht. Es war noch nicht viel Zeit vergangen, so machte ich die Bemerkung, daB es mit ihren 



Kenntnissen eigentlich nicht sehr weit her war; sie warfen mir die schwierigsten Arbeiten zu und machten 
sich das Leben so leicht wie moglich Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn ich bin stets der Ansicht 
gewesen, daB man urn so starker wird, je mehr man leisten muB. 

Mr. Bancroft, der Oberingenieur, war der unterrichtetste von ihnen; leider aber stellte es 
sich heraus, daB er den Branntwein liebte. Es waren einige FaBchen dieses verderblichen 

Getrankes aus Santa Fe gebracht worden, und seitdem beschaftigte er sich weit mehr mit dem Brandy 
als mit den MeBinstrumenten. Es kam vor, daB er halbe Tage lang total betrunken an der Erde lag. Riggs, 
Marcy und Wheeler, die drei Surveyors batten, ebenso wie auch ich, den Schnaps mit bezahlen mtissen, 
und sie tranken, um ja nicht zu kurz zu kommen, mit ihm um die Wette. Es laBt sich denken, daB auch diese 
Gentlemen sich oft nicht in der besten Verfassung befanden. Da ich keinen Tropfen trank, so war ich 
natilrlich der Arbeitsmann wahrend sie sich in steter Abwechslung zwischen dem Trinken und dem 
Ausschlafen ihres Rausches hielten. Wheeler war mir noch der liebste von ihnen, denn er hatte so viel 
Verstand, einzusehen, daB ich mich fur sie plagte, ohne im mindesten dazu verpflichtet zu sein. DaB unsere 
Arbeit unter diesen Verhaltnissen litt, versteht sich ganz von selbst. 

Die ilbrige Gesellschaft lieB nicht weniger zu wiinschen ilbrig. Wir hatten bei unserer Ankunft auf der 
Sektion zwolf auf uns wartende "Westmanner" angetroffen. Ich als Neuling hegte in der ersten Zeit ganz 
bedeutenden Respekt vor ihnen, erkannte aber nur zu bald, daB ich es mit Leuten von sehr niederem 
moralischem Range zu tun hatte. 

Sie sollten uns beschiltzen und bei unsern Arbeiten Hilfe leisten. Glticklicherweise kam voile drei Monate 
lang nichts vor, was mir Veranlassung gegeben hatte, mich in diesen sehr zweifelhaften Schutz zu begeben, 
und was lhre Hilfeleistungen betraf, so konnte ich mit vollem Rechte behaupten, daB hier die zwolf groBten 
Faulenzer der Vereinigten Staaten sich ein Stelldichein gegeben hatten. 

Wie traurig muBte es unter solchen Umstanden mit der Disziplin beschaffen sein! 

Bancroft war dem Namen und dem Auftrage nach der Kommandierende, und er gebardete sich auch ganz 
so, es zu sein, doch kein Mensch gehorchte ihm. Wenn er einen Befehl erteilte, so lachte man ihn aus; dann 
fluchte er, wie ich selten einen Menschen habe fluchen horen, und ging zum Brandyfasse, um sich fur diese 
Anstrengung zu belohnen. Riggs, Marcy und Wheeler handelten nicht viel anders. Da hatte nun wohl ich 
alien Grund gehabt, mich der Ztigel zu bemachtigen, und ich tat dies auch, doch so, daB man es nicht 
bemerkte. So ein junger und unerfahrener Mensch konnte von solchen Leuten unmoglich fur voll 
angesehen werden. Ware ich so unklug gewesen, emmal im gebieterischen Tone zu sprechen, so hatte der 
Erfolg ganz gewiB in einem schallenden Gelachter bestanden. Nein, ich muBte leise und vorsichtig 
verfahren, ungefahr so wie eine kluge Frau, welche ihren widerhaarigen Mann zu lenken und zu leiten 
weiB, ohne daB er eine Ahnung davon hat. Ich wurde von diesen halbwilden, schwer zu zilgelnden 
Westmannern taglich wohl zehnmal ein Greenhorn genannt, und doch richteten sie sich unbewuBt nach 
mir, indem ich sie bei der Meinung lieB, daB sie ihrem eigenen Willen folgten. 

Hierbei hatte ich einen vorztiglichen Beistand an Sam Hawkens und seinen beiden Gefahrten Dick Stone 
und Will Parker. Diese drei Manner waren durch und durch ehrlich und dabei, was ich dem kleinen Sam 
bei unserm ersten Zusammentreffen in St. Louis nicht hatte ansehen konnen, erfahrene, kluge und kilhne 
Westlaufer, deren Namen weithin einen guten Klang besaBen. Sie hielten sich meist zu mir und zogen sich 
von den Andern zurtlck, doch so, daB diese sich nicht etwa beleidigt fuhlen konnten. Besonders verstand es 
Sam Hawkens trotz seiner komischen Eigentumhchkeiten, dem, was er wollte, bei der widerspenstigen 
Gesellschaft Achtung zu verschaffen, und so oft er in seiner halb strengen und halb drolligen Tonart etwas 
durchsetzte, so geschah dies stets, um mir zur Erringung dessen, was ich wollte, behilflich zu sein. 

Es hatte sich zwischen ihm und mir im Stillen ein Verhaltnis herausgebildet, welches ich am besten mit 
dem Worte Suzeranitat, Oberlehnsherrlichkeit, bezeichnen mochte. Er hatte mich unter seinen Schutz 
genommen, und zwar wie einen Menschen, den man gar nicht danach zu fragen braucht, ob er damit 
einverstanden ist. Ich war das Greenhorn und er der erfahrene Westmann, dessen Worte und Taten fur mich 



unfehlbar zu sein hatten. Er gab mir, so oft sich Zeit und Gelegenheit bot, theoretischen und praktischen 
Unterricht in allem, was man im wilden Westen wissen und auch konnen muB, und wenn ich heut der 
Wahrheit nach sagen muB, daB ich spater an Winnetous Seite die hohe Schule durchmachte, so muB ich 
billig eingestehen, daB Sam Hawkens mein Elementarlehrer gewesen ist. Er fertigte mir sogar hochst 
eigenhandig einen Lasso an und erlaubte mir, mich im Werfen dieser gefahrlichen Waffe an seiner eignen 
kleinen Person und seinem Pferde zu ilben. Als ich es dann so weit gebracht hatte, daB die Schlinge bei 
jedem Wurfe ihr Ziel unfehlbar faBte freute er sich herzlich und rief aus: 

»Schon so, mein junger Sir; so ist's recht! Doch bildet 

Euch auf dieses Lob ja nicht etwas ein ! Ein Schulmeister muB selbst den dummsten Jungen zuweilen loben, 
wenn dieser nicht ganz und gar sitzen bleiben soil. Ich bin der Lehrer schon manches jungen Westmannes 
gewesen, und sie alle haben viel, viel leichter gelernt und mich viel rascher begriffen als Ihr, doch wenn Ihr 
Euch so weiter ilbt, so ist es vielleicht moglich, daB man Euch nach sechs oder acht Jahren nicht mehr ein 
Greenhorn zu nennen braucht. Bis dahin mogt Ihr Euch mit der alten Erfahrung trosten, daB ein Dummer es 
zuweilen ebenso weit oder wohl gar noch weiter bringt als ein Gescheiter, wenn ich mich nicht irre!« 

Er brachte dies scheinbar im groBten Ernste vor, und ich nahm es mit demselben Ernste hin, wuBte aber 
recht wohl, wie ganz anders er es meinte. 

Von diesen Unterweisungen waren mir besonders die praktischen willkommen, derm die Berufsarbeit nahm 
mich so in Anspruch, daB ich, wenn Sam Hawkens nicht gewesen ware, mir wohl nicht die Zeit genommen 
hatte, mich in den Fertigkeiten zu ilben, welche ein Prairiejager besitzen muB. Ubrigens hielten wir diese 
Ubungen geheim; sie wurden stets in solcher Entfernung vom Lager vorgenommen, daB man uns nicht 
beobachten konnte. Sam wollte es so, und als ich ihn einmal nach dem Grunde fragte, antwortete er: 

»Geschieht Euch zuliebe, Sir. Ihr habt so wenig Geschick fur solche Sachen, daB ich mich in Eure Seele 
hinein schamen milBte, wenn diese Kerls uns dabei sahen. So, nun wiBt Ihr es hihihihi. Nehmt es Euch zu 
Herzen! « 

Die Folge davon war, daB die ganze Gesellschaft mir in Beziehung auf Waffenfuhrung und korperliche 
Geschicklichkeit nichts zutraute, was mich aber nicht im mindesten kranken konnte. 

Trotz aller vorhin erwahnten Hindernisse waren wir schlieBlich doch so weit gekommen, daB wir den 
AnschluB an die nachste Sektion nach Verlauf von vielleicht einer Woche erreichen konnten. Um dies dort 
zu melden, muBte ein Bote abgesandt werden. Bancroft erklarte, daB er diesen Ritt selbst machen und einen 
der Westmanner als Filhrer mitnehmen wolle. Diese Absendung einer Nachricht war nicht die erste, welche 
geschah, derm wir hatten sowohl mit der hinter als auch mit der vor uns liegenden Sektion in einem 
immerwahrenden Botenverkehr stehen mtissen. Infolge dessen wuBte ich, daB der vor uns befehligende 
Ingenieur ein sehr tuchtiger Mann war. 

Es war an einem Sonntage fruh, als Bancroft aufbrechen wollte. Er hielt es fur notig, vorher einen 
Abschiedstrunk zu tun, an welchem sich alle beteiligen sollten. Ich allein wurde nicht dazu eingeladen, und 
Hawkens. Stone und Parker folgten der an sie ergangenen Aufforderung nicht. Der Trunk zog sich, wie ich 
gleich geahnt hatte, so sehr in die Lange, daB er erst dann aufhorte, als Bancroft kaum mehr lallen konnte. 
Seine Zechgenossen hatten gleichen Schritt mit ihm gehalten und waren nicht minder betrunken als er. Von 
dem beabsichtigten Ritte konnte fur jetzt keine Rede sein. Die Kerls taten, was sie in diesem Zustande stets 
getan hatten: sie krochen hinter die Bilsche, um auszuschlafen. 

Was nun tun? Der Bote muBte fort, und diese Menschen schliefen nun jedenfalls bis weit in den 
Nachmittag hinein. Es war am besten, ich unternahm den Ritt; aber konnte ich fort? Ich war ilberzeugt, daB 
bis zu meiner Rilckkehr nach voraussichtlich vier Tagen von Arbeit keine Rede sein werde. Wahrend ich 
mit Sam Hawkens mich darilber beriet, deutete er mit der Hand nach Westen und sagte: 



»Wird nicht notig sein, daB Ihr reitet, Sir. Konnt die Botschaft den Beiden mitgeben, welche dort 
kommen.« 

Als ich in die angegebene Richtung blickte, sah ich zwei Reiter, welche sich uns naherten. Es waren WeiBe, 
und in dem einen erkannte ich einen alten Scout (* Pfadfinder.), welcher schon einige Male bei uns 
gewesen war, um uns von der nachsten Sektion Nachricht zu bringen. Neben ihm ritt ein jilngerer Mann, 
welcher nicht wie ein Westlaufer gekleidet war. Den hatte ich noch nicht gesehen. Ich ging ihnen entgegen; 
als ich sie erreichte, hielten sie ihre Pferde an, und der Unbekannte fragte mich nach meinem Namen. Als 
ich ihm denselben genannt hatte, betrachtete er mich mit freundlich forschendem Blicke und sagte: 

»So seid Ihr also der junge, deutsche Gentleman, der hier alle Arbeit tut, wahrend die Andern auf der faulen 
Haut liegen. Ihr werdet wissen, wer ich bin, wenn ich Euch meinen Namen sage, Sir. Ich heiBe White. « 

Das war der Name des Dirigenten der westhch nachsten Sektion, zu welchem der Bote hatte geschickt 
werden sollen. DaB er selbst kam, muBte einen Grund haben. Er stieg vom Pferde, gab mir die Hand und 
lieB sein Auge suchend ilber unser Lager schweifen. Als er die Schlafer hinter den Bilschen und dann auch 
das BranntweinfaB erblickte, ging ein verstandnisvolles, aber keineswegs freundliches Lacheln ilber sein 
Gesicht. 

»Sind wo hi betrunken?« fragte er. 

Ich nickte. 

»Alle?« 

»Ja. Mr. Bancroft wollte zu Euch, und da hat es einen kleinen Abschiedstrunk gegeben. Ich werde ihn 
wecken und « 

»Halt!« fiel er mir in die Rede. »LaBt sie schlafen! Es ist mir lieb, daB ich mit Euch reden kann, ohne daB 
sie es horen. Gehen wir zur Seite, und wecken sie nicht auf! Wer sind die drei Manner, die dort bei Euch 

standen'.'c 

»Sam Hawkens, Will Parker und Dick Stone, unsere drei zuverlassigen Scouts. « 

»Ali. Hawkens. der kleine. sonderbare .Tager Tuchtiger Kerl; habe von ihm gehort. Die Drei mogen mit uns 
kommen.« 

Ich folgte dieser Aufforderung, indem ich sie zu uns winkte, und erkundigte mich dann: 

»Ihr kommt selbst, Mr. White. Ist's etwas Wichtiges, was Ihr uns bringt?« 

»Nichts weiter, als daB ich hier einmal nach dem Rechten sehen und mit Euch, grad mit Euch reden wollte. 
Wir sind mit unserer Sektion fertig, Ihr mit der Eurigen noch nicht.« 

»Daran tragen die Schwierigkeiten des Terrains die Schuld, und ich will « 

»WeiB, weiB!« unterbrach er mich. »WeiB leider alles. Wenn Ihr Euch nicht dreifach angestrengt hattet, so 
stande Bancroft noch da. wo er angefangen hat.« 

»Das ist keineswegs der Fall, Mr. White. Ich weiB zwar nicht, wie Ihr zu der irrtumlichen Ansicht 
gekommen seid, daB ich allein fleiBig gewesen sein soil, doch ist es meine Pflicht « 



» Still, Sir, still! Es sind Boten zwischen Euch und uns hin und her gegangen; die habe ich ausgehorcht, 
ohne daB sie es bemerkten. Es ist sehr edelmiltig von Euch, daB Ihr diese Saufer hier in Schutz nehmen 
wollt, aber ich will die Wahrheit horen. Und da ich sehe und hore, daB Ihr zu nobel seid, sie mir zu sagen, 
werde ich nicht Euch, sondern Sain Hawkens fragen. Setzen wir uns hier nieder!« 

Wir waren nach unserm Zelte gegangen. Er setzte sich vor demselben in das Gras und winkte uns, dasselbe 
zu tun. Als wir dieser Aufforderung nachgekommen waren begaiin er Sana Hawkens Stone und Parker 
auszufragen. Sie erzahlten ihm alles, ohne zur Wahrheit ein uberflilssiges Wort zu fiigen; dennoch warf ich 
hier und da eine Bemerkung ein. um gewisse Harten zu mildern und meine Kollegen zu verteidigen, doch 
verfehlte dies den beabsichtigten Eindruck auf White. Er bat mich im Gegenteil wiederholt, diese meine 
Bemilhungen einzustellen, da sie vollstandig erfolglos seien. 

Dann, als er alles wuBte, forderte er mich auf, ihm unsere Zeichnungen und das Tagebuch zu zeigen. Ich 
brauchte ihm diesen Wunsch nicht zu erfullen, tat es aber dennoch, weil ich ihn sonst beleidigt hatte, und 
ich sah doch, daB er es gut mit mir meinte. Er sah alles sehr aufmerksam durch, und als er mich danach 
fragte, konnte ich nicht leugnen, daB ich allein der Zeichner und Verfasser war, derm keiner von den 
Andern hatte einen Strich getan oder einen Buchstaben geschrieben. 

» Aber aus diesem Tagebuche ersieht man nicht, wie viel oder wie wenig Arbeit auf den Einzelnen kommt,« 
sagte er. »Ihr seid in Eurer loblichen Kollegialitat viel zu weit gegangen.« 

Da bemerkte Hawkens mit pfiffigem Gesichte: 

»Greift ihm doch mal in die Brusttasche, Mr. White! Da steckt ein blechernes Dings, worin Olsardinen 
gewesen sind. Die Sardinen sind heraus, aber dafur steckt etwas Papiernes drin. Wird wohl sein 
Privattagebuch sein, wenn ich mich nicht irre. In diesem wird es ganz anders lauten als hier in dem 
offiziellen Berichte, in dem er die Faulheit seiner Kollegen vertuscht.« 

Sam wuBte, daB ich mir private Aufzeichnungen gemacht hatte und sie in der leer gewordenen 
Sardinenbuchse bei mir trug. Es war mir unangenehm, daB er es sagte. White bat mich, ihm auch das zu 
zeigen. Was sollte ich tun? Verdienten es meine Kollegen, daB ich mich fur sie plagte, ohne Dank zu 
finden, und dies dann auch noch verschwieg? Ich wollte ihnen keineswegs schaden, aber auch nicht 
unhoflich gegen White sein. Darum gab ich ihm mein Tagebuch, doch unter der Bedingung, daB er zu 
niemand von dem Inhalte spreche. Er las es durch, gab es mir dann zurilck und sagte: 

»Eigentlich sollte ich die Blatter mitnehmen und an der betreffenden Stelle abgeben. Eure Kollegen sind 
ganz unfahige Menschen, denen kein einziger Dollar mehr ausbezahlt werden sollte; Euch aber milBte man 
dreifach bezahlen. Doch, wie Ihr wollt. Nur mache ich Euch darauf aufmerksam, daB es gut fur Euch sein 
wird, diese Privatnotizen gut aufzuheben. Sie konnen Euch spater leicht von groBem Nutzen sein. Und nun 
wollen wir die famosen Gentlemen wecken.« 

Er stand auf und schlug Larm. Die "Gentlemen" kamen mit stieren Augen und verstorten Gesichtern hinter 
ihren Bilschen hervor. Bancroft wollte daruber, daB man ihn im Schlafe gestort hatte, grob werden, zeigte 
sich aber hoflich, als ich ihm sagte, daB Mr. White von der nachsten Sektion angekommen sei. Die Beiden 
hatten sich noch nicht gesehen. Das Erste war, daB er ihm einen Becher Brandy anbot; aber damit kam er 
an den unrechten Mann. White benutzte dieses Anerbieten sofort als Ankntipfungspunkt zu einer Strafrede, 
wie Bancroft gewiB noch keine gehort oder gar selbst erhalten hatte. Dieser horte sie, vor Erstaunen 
wortlos, eine Weile an, dann fuhr er auf den Redner los, faBte ihn am Arme und schrie ihn an: 

»Herr, wollt Ihr mir wohl gleich sagen, wie Ihr heiBt?« 

» White heiBe ich; das habt Ihr ja gehort. « 



»Und was Ihr seid?« 

»Oberingenieur der benachbarten Sektion.« 

»Hat jemand von uns Euch dort etwas zu befehlen?« 

»Ich denke, nein.« 

»Nun v\ ohl! Ich heiBe Bancroft und bin Oberingenieur der hiesigen Sektion. Es hat mir kein Mensch etwas 
zu befehlen, am allerwenigsten aber Ihr, Mr. White. « 

»Es ist richtig, daB wir uns vollstandig gleichstehen,« antwortete dieser ruhig. »Befehle von dem Andern 
anzunehmen, hat keiner von uns Beiden notig. Aber wenn der Eine sieht, daB der Andere das Unternehmen, 
an welchem beide arbeiten sollen, schadigt, so ist es seine Pflicht, den Betreffenden auf seinen Fehler 
aufmerksam zu machen. Eure Lebensaufgabe scheint im Brandyfasse zu stecken. Ich zahle hier sechszehn 
Menschen, welche alle betrunken waren, als ich vor zwei Stunden hier ankam, und so -« 

»Vor zwei Stunden?« fiel ihm Bancroft in die Rede. »So lange seid Ihr schon hier?« 

»Allerdings. Ich habe mir die Aufnahmen angesehen und mich daruber unterrichtet, wer sie gemacht hat. 
Das ist ja das reine Schlaraffenleben hier gewesen, wahrend ein Einziger und noch dazu der Jilngste von 
Euch alien, die ganze Arbeit zu bewaltigen hatte!« 

Da fuhr Bancroft zu mir herum und zischte mich an: 

»Das habt Ihr gesagt, Ihr und kein Anderer! Leugnet es einmal, Ihr niedertrachtiger Lilgner, Ihr 
heimtilckischer Verrater!« 

»Nein,« antwortete ihm White. »Euer junger Kollege hat als Gentleman gehandelt und nur Gutes ilber Euch 
gesprochen. Er hat Euch in Schutz genommen, und ich rate Euch, ihn um Verzeihung zu bitten, daB Ihr ihn 
einen Lilgner und Verrater nanntet.« 

»Um Verzeihung bitten? Fallt mir nicht ein! « lachte Bancroft hohnisch auf. »Dieses Greenhorn weiB kein 
Dreieck von einem Vierecke zu unterscheiden und bildet sich trotzdem ein, Surveyor zu sein. Wir sind 
nicht vorwarts gekommen. weil er alles \ erkehrt gemacht und uns aufgehalten hat, und wenn er nun, anstatt 
dies einzusehen und zuzugeben, uns bei Euch verleumdet und anschwarzt, so « 

Er kam nicht weiter. Ich war monatelang geduldig gewesen und hatte diese Leute nach ihrem Belieben ilber 
mich denken lassen. Jetzt war der Augenblick da, ihnen zu zeigen, daB sie sich in mir geirrt hatten. Ich 
ergriff Bancroft beim 

Arme, drtlckte ihn so, daB er vor Schmerz den angefangenen Satz unausgesprochen lieB, und sagte: 

»Mr. Bancroft, Ihr habt zuviel Schnaps getnuiken und nicht ausschlafen konnen. Ich nehme an, daB Ihr 
noch betrunken seid, und es mag also so sein, als ob Ihr nichts gesagt hattet.« 

»Ich, betrunken? Ihr seid verrilckt!« antwortete er. 

»Jawohl, betrunken! Derm wenn ich wilBte, daB Ihr nilchtern seid und die Beschimpfungen mit 
Ueberlegung ausgesprochen habt, so ware ich gezwungen, Euch wie einen Buben zu Boden zu schlagen. 
Verstanden! Habt Ihr nun noch das Herz, Euren Rausch abzuleugnen?« 



Ich hielt seinen Arm noch test in meiner Hand. Er hatte gewiB nie geglaubt jemals vor mir Angst haben zu 
milssen; jetzt aber furchtete er sich; das sah ich ihm an. Er war keineswegs ein schwacher Mann; aber der 
Ausdruck meines Gesichtes schien inn zu erschrecken. Er wollte nicht sagen, daB er noch betrunken sei, 
getraute sich aber auch nicht, seine Beschukiigiingen aufrecht zu erhalten: darum wendete er sich um Hilfe 
an den Anfuhrer der zwolf Westmanner, die uns zur Unterstiltzung beigegeben waren: 

»Mr. Rattler, duldet Ihr es, daB dieser Mensch sich an mir vergreift? Seid Ihr nicht hier, um uns zu 
beschiltzen?« 

Dieser Rattler war ein hoch und breit gebauter Kerl, welcher die Kraft von drei, vier Menschen zu besitzen 
schien, ein rohes Subjekt und zugleich Bancrofts liebster Trinkkumpan. Er konnte mich nicht leiden und 
nahm jetzt mit Freuden die Gelegenheit wahr, dem Grolle, den er gegen mich hegte, Luft machen zu 
dilrfen. Er trat schnell herbei, faBte mich am Arme, so wie ich Bancroft noch immer bei dem seinigen hatte, 
und antwortete: 

»Nein, das kann ich nicht dulden, Mr. Bancroft. Dieses Kind hat seine ersten Strumpfe noch nicht 
abgelaufen und will hier erwachsenen Mannern drohen, sie verschanden und verleumden. Tu' die Hand von 
Mr. Bancroft weg, Junge, sonst zeige ich dir, was fur ein Greenhorn du bist!« 

Diese Aufforderung war an mich gerichtet. Er schilttelte mir bei derselben den Arm. Das muBte mir noch 
lieber sein, derm er war ein starkerer Gegner als der Oberingenieur. Wenn ich ihn Mores lehrte, muBte es 
besser wirken, als wenn ich diesem zeigte, daB ich kein Feigling sei. Ich riB meinen Arm aus seiner Hand 
und entgegnete: 

»Ich ein Junge, ein Greenhorn? Widerruft das augenblicklich, Mr. Rattler, sonst schmettere ich Euch zu 
Bodenk 

[Illustration Nr. 3 : Rattler am Boden] 

»Ihr mich?« lachte er. »So ein Greenhorn ist wirklich so albern, zu glauben, daB « 

Er konnte nicht weiter reden, derm ich schlug ihm die Faust an die Schlafe, daB er steif wie ein Sack 
niederstilrzte und betaubt liegen blieb. Einige kurze Augenblicke herrschte tiefes Schweigen; dann rief 
einer von Rattlers Kameraden: 

»All devils\ Sollen wir ruhig zusehen, wenn so ein hergelaufener Dutchman unsern Anfuhrer schlagt? 
Drauf auf den Halunken! « 

Er sprang auf mich ein. Ich empfing ihn mit einem FuBtritte in die Magengegend. Dies ist ein sichres 
Mittel, den Gegner zum Fall zu bringen, nur muB man dabei sehr test auf dem andern Beine stehen. Der 
Kerl sturzte nieder. In demselben Momente kniete ich auf seinem Leibe und gab ihm den betaubenden 
Fausthieb an die Schlafe. Dann sprang ich schnell auf, riB die beiden Revolver aus dem Gilrtel und rief: 

»Wer noch? Der mag kommen!« 

Rattlers ganze Bande hatte wohl nicht ilbel Lust gehabt, die Niederlage ihrer beiden Kameraden zu rachen. 
Einer blickte den Andern fragend an. Ich warnte aber: 

»Hort mein Wort, ihr Leute: Wer einen Schritt nach mir tut oder mit der Hand nach der Waffe greift, 
bekommt augenblicklich eine Kugel in den Kopf! Denkt meinetwegen von den Greenhorns im 
allgemeinen, was und wie ihr wollt; von den deutschen Greenhorns aber will ich euch beweisen, daB ein 
einziges es recht gut mit zwolf solchen Westmannern aufnimmt, wie ihr seid!« 



Da stellte sich Sam Hawkens an meine Seite und sagte: 

»Und ich, Sam Hawkens, will euch auch warnen, wenn ich mich nicht irre. Dieses junge, deutsche 
Greenhorn steht unter meinem ganz besondern Schutze. Wer es wagen sollte, ihm nur ein Haar zu 
kriimmen, dem schieBe ich sofort ein Loch durch die Gestalt. 1st mein voller Ernst; konnt es euch merken, 
hihiluhi!« 

Dick Stone und Will Parker hielten es fur angezeigt, sich auch neben mir aufzupflanzen, um anzudeuten, 
daB sie ganz der Meinung von Sam Hawkens seien. Das imponierte den Gegnern. Diese wendeten sich von 
mir ab, murmelten unterdrtickte Fltiche und Drohungen in die Barte und beschaftigten sich dann 
angelegentlich mit den beiden Gefallenen, um sie zum BewuBtsein zurilckzubringen. 

Bancroft hielt es fur das Kliigste, nach dem Zelte zu gehen und in demselben zu verschwinden. White hatte 
mit groBen, verwunderten Augen auf mich geblickt. Jetzt schilttelte er den Kopf und sagte im Tone 
ungekilnstelten Erstaunens: 

»Aber, Sir, das ist ja furchterlich! In Eure Finger mochte ich auf keinen Fall geraten. Man sollte Euch 
wahrhaftig Shatterhand nennen, weil Ihr einen baumlangen und baumstarken Menschen mit einem einzigen 
Fausthiebe niederschmettert. So etwas habe ich noch nie gesehen.« 

Dieser Vorschlag schien demkleinen Hawkens zu gefallen. Er kicherte frohlich: 

» Shatterhand, hihihihi! Ein Greenhorn, und schon einen Kriegsnamen, und nun gar einen solchen! Ja, wenn 
Sam Hawkens seine Augen auf ein Greenhorn wirft, so kommt etwas dabei heraus, wenn ich mich nicht 
irre. Shatterhand, Old Shatterhand! Ganz ahnlich wie Old Firehand, der auch ein Westmann ist, stark wie 
ein Bar. Was sagt ihr dazu, Dick, Will, zu diesem Namen?« 

Ich bekam nicht zu horen, was sie antworteten, derm ich hatte meine Aufmerksamkeit auf White zu richten, 
welcher, meine Hand ergreifend und mich beiseite fuhrend, sagte: 

»Ihr gefallt mir auBerordentlich, Sir. Habt Ihr keine Lust, mit mir zu gehen?« 

»Lust oder nicht, Mr. White, ich darf nicht.« 

»Warum?« 

» Weil meine Pflicht mich hier bindet.« 

»Pshaw\ Ich verantworte es.« 

»Das nutzt mir nichts, wenn ich es nicht selbst verantworten kann. Ich bin hierher geschickt worden, um 
diese Sektion vermessen zu helfen, und darf nicht fort, weil wir noch nicht fertig sind.« 

»Bancroft wird es mit den drei Andern fertig machen.« 

»Ja, aber warm und wie! Nein, ich muB bleiben.« 

» Aber bedenkt, daB dies gefahrlich fur Euch ist! « 

»Warum?« 

»Das fragt Ihr noch? Ihr milBt doch einsehen, daB Ihr Euch diese Leute spinnefeind gemacht habt.« 



»Ich nicht. Ich habe ihnen nichts getan.« 

»Das ist wahr, oder vielmehr es war bis vorhin wahr. Nun Ihr aber zwei von ihnen niedergeworfen habt, ist 
es aus zwischen Euch und ihnen.« 

»Mag sein; ich fiirchte mich nicht vor ihnen. Und grad diese beiden Fausthiebe haben mich in Respekt 
gesetzt; es wird sich nicht gleich jemand an mich wagen. Uebrigens stehen mir Hawkens, Stone und Parker 
zur Seite.« 

»Wie Ihr wollt. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, doch oft auch seine Holle. Ich hatte Euch 
gebrauchen konnen Aber m emgstens ein Stuck zuruckbegleiten werdet Ihr mich doch?« 



»Ihr wollt gleich aufbrechen, Mr. White?« 

»Ja, ich habe die Verhaltnisse hier so gefunden, daB es mich nicht geliisten kann, langer, als notwendig ist 
hier zu bleiben.« 

»Aber etwas essen milBt Ihr doch, ehe Ihr aufbrecht Sir?« 

»Ist nicht notig. Wir haben in unsern Satteltaschen, was wir brauchen.« 

» Wollt Ihr Euch nicht von Bancroft verabschieden?« 

»Habe keine Lust dazu.« 

»Aber Ihr seid doch \\ olil gekommen. um Geschaftlich.es mit ihm zu besprechen!« 

»Allerdings. Doch kann ich Euch das auch sagen. Bei Euch findet es sogar besseres Verstandnis als bei 
ihm. Vor alien Dingen wollte ich ihn vor den Roten warnen.« 

»Habt Ihr welche gesehen '« 

»Nicht direkt, sondern nur ihre Fahrten. Es ist jetzt die Zeit, in welcher die wilden Mustangs und Buffel 
stidwarts ziehen; da verlassen die Roten ihre Dorfer, um zu jagen und Fleisch zu machen. Die Kiowas sind 
nicht zu furchten, derm mit ihnen haben wir uns wegen der Bahn geeinigt; die Komanchen und Apachen 
aber wissen noch nichts da von, und so dilrfen wir uns vor ihnen j a nicht sehen lassen. Was mich betrifft, so 
bin ich mit meiner Sektion fertig und verlasse diese Gegend. Macht, daB Ihr auch zu Ende kommt! Der 
hiesige Boden wird von Tag zu Tag gefahrlichei flu Euch Sattelt jetzt Euer Pferd und fragt Sam Hawkens. 
ob er Lust hat, mitzukommen.« 

Naturlich hatte Sam Lust. 

Eigentlich hatte ich heut arbeiten wollen; aber es war Sonntag, der Tag des Herrn, an welchem jeder Christ, 
selbst wenn er sich in der Wildnis befindet, sich sammeln und mit seinen geistlichen Pflichten beschaftigen 
soil. Dazu hatte ich wohl einmal einen Ruhetag verdient. Ich ging also zu Bancroft in das Zelt und sagte 
ihm, daB ich heut nicht arbeiten, sondern White nut Sain Hawkens ein Stuck begleiten wtlrde. 

»Geht in des Teufels Namen, und laBt euch von ihm die Halse brechen!« antwortete er, und ich dachte 



nicht, daB dieser rohe Wunsch in kurzer Zeit beinahe in Erfullung gehen wiirde. 

Ich war seit einigen Tagen nicht in den Sattel gekommen, und mein Rotschimmel wieherte freudig auf, als 
ich ihm das Zeug auflegte. Er hatte sich als ein vortreffliches Pferd bewahrt, und ich freute mich schon im 
voraus darauf, dies meinem alten »Gunsmith« Henry sagen zu dilrfen. 

Wir ritten munter in den schonen Herbstmorgen hinein, sprachen ilber das geplante, groBartige 
Bahnunternehmen und ilber alles, was uns auf dem Herzen lag. White gab mir die notigen Winke, welche 
sich auf den AnschluB an seme Sektion bezogen, und zu Mittag machten wir an einem Wasser Halt, um ein 
frugales Mahl zu genieBen. Dann ritt White mit seinem Scout weiter, und wir blieben noch ein Weilchen 
liegen, um uns ilber religiose Dinge zu unterhalten. 

Hawkens war namlich ein frommer Mensch, wenn er dies auch gegen Andere nicht zutage treten lieB. 

Kurz, bevor wir aufbrachen, um zurtlckzukehren, bilckte ich mich zum Wasser nieder, um mit der Hand zu 
schopfen und zu trinken. Da sah ich durch die kristallhelle Flilssigkeit auf dem Boden einen Eindruck, 
welcher von einem FuBe herzuruhren schien. Natilrlich machte ich Sam darauf aufmerksam. Er betrachtete 
den Eindruck aufmerksam und sagte dann: 

»Dieser Mr. White hatte ganz recht, als er uns vor den Indianern warnte.« 

»Meint Ihr, Sam, daB diese Spur von einem Indianer herruhrt?« 

» Ja, von emem indianischen Mokassin. Wie wird Euch dabei zu Mute, Sir?« 

»Gar nicht. « 

»Fi! Ihr rmiBt doch etwas denken oder fuhlen '« 

» Was soil ich anderes denken, als daB ein Roter hier gewesen ist?« 

»Also habt Ihr keine Angst?« 

»Fallt mir nicht ein! « 

»Wenigstens Sorge?« 

»Auch nicht.« 

[Illustration Nr. 4: Entdeckung im Wasser] 

»Ja, Ihr kennt die Roten nicht !« 

»Hoffe sie aber kennen zu lernen. Sie werden wohl grad so wie andere Menschen sein, namlich die Feinde 
ihrer Feinde und die Freunde ihrer Freunde. Und da es nicht meine Absicht ist, sie feindlich zu behandeln, 
so nehme ich an, daB ich nichts von ihnen zu befurchten habe.« 

»Ihr seid eben ein Greenhorn und werdet es ewig bleiben. 

Nehmt Euch noch so test vor, wie Ihr die Roten behandeln wollt, es wird doch ganz, ganz anders kommen. 
Die Ereignisse sind doch nicht von Eurem Willen abhangig. Ihr werdet das erfahren, und ich will 



wiinschen, daB diese Erfahrung Euch nicht einen tilchtigen Fetzen Menschenfleisch aus Eurem eigenen 
Leib oder gar das Leben kostet.« 

» Warm mag dieser Indsman hier gewesen sein?« 

»Vor ungefahr zwei Tagen. Wir wilrden seine Spuren hier im Grase sehen, wenn es sich nicht wahrend der 
Zeit wieder aufgerichtet hatte.« 

»Ein Kundschafter wohl?« 

»Ein Kundschafter auf Bilffelfleisch, ja; derm da jetzt Friede zwischen den hiesigen Stammen herrscht, 
karm es kein Kriegskundschafter gewesen sein. Der Kerl war auBerordentlich unvorsichtig, also sehr 
wahrscheinlich jung.« 

»Wieso?« 

»Ein erfahrener Krieger tritt nicht mit dem FuBe in ein Wasser wie dieses hier, wo die Spur auf dem 
seichten Grunde zurtickbleibt und noch lange gesehen werden karm. So eine Dummheit karm nur von 
einem Dummkopfe begangen werden, der gerade so ein rotes Greenhorn ist, wie Ihr ein weiBes seid, 
hihihihi. Und weiBe Greenhorns pflegen sogar noch viel dummer zu sein als rote. Konnt Euch das mit 
merken, Sir!« 

Er kicherte leise in sich hinein und stand dann auf, um sein Pferd zu besteigen. Der gute Sam liebte es eben, 
mir seine herzliche Zuneigung dadurch zu verstehen zu geben, daB er mich fur dumm erklarte 

Wir hatten auf dem Wege, den wir gekommen waren, zuriickkehren konnen; aber als Surveyor war es 
meine Aufgabe, unsere Strecke kennen zu lernen; darum bogen wir erst ein Stuck ab und schlugen dann die 
Parallele ein. 

Dabei kamen wir in ein ziemlich breites Tal, welches mit saftigem Grase bewachsen war: die Lehnen, von 
denen es hilben und druben eingesaumt wurde, trugen unten Gebilsch und weiter oben Wald. Das Tal war 
vielleicht eine halbe Wegstunde lang und so schnurgerade, daB man von dem Anfange desselben bis an das 
Ende sehen konnte. Wir waren nur wenige Schritte in dieser freundlichen Bodensenkung vonvarts 
gekommen, da hielt Sam sein Pferd an und blickte aufmerksam nach vorn. 

»Heig-day [Heigli-din^v stieB erhervor. »Da sind sie! ja [Ja] wirklich da sind sie, die allerersten! « 



Ich sah ganz fern, weit vor uns, vielleicht achtzehn bis zwanzig dunkle Punkte, welche sich langsam 
bewegten. 

»Was?« wiederholte er meine Frage, indem er lebhaft im Sattel hin und her rutschte. »Schamt Euch doch, 
eine solche Frage auszusprechen! Ach so, Ihr seid ja ein Greenhorn, und zwar ein ganz gewaltiges! Solche 
Kerls, wie Ihr, pflegen mit offenen Augen nicht zu sehen. Habt doch einmal die freundliche Gewogenheit, 
verehrtester Sir, zu raten. was das fur Dinger sind, auf denen dort Eure schonen Augen ruhen!« 

»Raten? Hm! Ich wilrde sie fur Rehe halten, wenn ich nicht wtlBte, daB diese Wildgattung in Rudeln oder 
Sprilngen von nicht ilber zehn Stuck beisammen lebt. Auch muB ich, wenn ich die Entfernung in Betracht 
ziehe, sagen, daB die Tiere dort, so klein sie von hier aus zu sein scheinen, bedeutend groBer als Rehe sein 
mtissen.« 



»Rehe, hihihihi!« lachte er. »Rehe hier oben an den Quellen des Kanadian! Das ist ein Meisterstilck von 
Euch! Aber das andere, was Ihr sagtet, war gar nicht so ilbel ilberlegt. Ja, groBer sind sie, diese Tiere, viel, 
viel grofler als Rehe!« 

»Ach, lieber Sam, doch nicht etwa gar Biiffel'.'« 

»Natilrlich Bilffel! Bisons sind es, echte, wahre Bisons, die sich auf der Wanderung befinden, die ersten, 
die ich heuer sehe. Nun wiBt Ihr, daB Mr. White recht gehabt hat: Bisons und Indianer. Von den Roten 
sahen wir nur eine FuBspur; die Bilffel aber haben wir in LebensgroBe vor den Augen. Was sagt Ihr dazu, 
he, wenn ich mich nicht irre?« 

»Wir mil s sen Inn! « 



»Siebeobachten!« 

»Beobachten? Wirklich beobachten?« fragte er, indem er mich ganz erstaunt von der Seite her anblickte. 

[TafelNr. 1: "Bd. VII. Die ersten Bisons. (Zu S. 48.)"] 

» Ja. Ich habe noch nie Bisons gesehen und mochte diese hier so gerne belauschen.« 

Ich ftihlte jetzt nur das Interesse des Zoologen; das war dem kleinen Sam vollstandig unbegreiflich. Er 
schlug die Hande zusammen, und meinte: 

»Belauschen, nur belauschen. Grad so, wie ein kleiner Junge seine Augen neugierig an eine Ritze des 
Kaninchenstalles legt, um die Karnickels zu belauschen! O, Greenhorn, was muB ich alles an Euch erleben! 
Nicht beobachten und belauschen, sondern jagen werde ich sie wirklich jagen!« 



Das fuhr mir so unbedacht heraus. Er wurde wirklich zornig dariiber und herrschte mich an: 

»Haltet gefalligst Euren Schnabel, Sir! Was fragt ein richtiger Westmann nach dem Sonntage, wenn er die 
ersten Bilffel vor sich sieht! Das gibt Fleisch, verstanden, Fleisch, und was fur welches, wenn ich mich 
nicht irre! Ein Stuck Bisonlende ist noch herrlicher als das himmlische Ambrosius oder Ambrosianna, oder 
wie das Zeug hiefi von welchem die alten griechischen Gotter lebten. Ich muB eine Btlffellende haben, und 
wenn es mich das Leben kosten sollte! Die Luft ist uns entgegen; das ist gut. Hier, an der linken, nordlichen 
Talwand ist nur Sonne; drtlben rechts aber gibt es Schatten. Wenn wir uns in diesem halten, werden uns die 
Tiere nicht vorzeitig bemerken. Kommt!« 

Er sah nach seiner "Liddy", ob die beiden Laufe derselben in Ordnung seien, und trieb sein Pferd nach der 
sildlichen Talwand hinilber. Diesem Beispiele folgend, untersuchte ich auch meinen Barentoter. Er sah 
dies, hielt sofort sein Pferd an und fragte: 

»Wollt Ihr Euch etwa gar beteiligen, Sir?« 

»Natilrlich! « 

»Das laBt hilbsch bleiben, wenn Ihr nicht binnen jetzt und zehn Minuten zu Brei zerstampft sein wollt! Ein 
Bison ist kein Kanarienvogel, den man auf den Finger nimmt und singen laBt. Ehe Ihr Euch an so 



gefahrliches Wild wagen diirft, muB noch viel schones und viel schlechtes Wetter ilber die Felsenberge 
gehen.« 

»Aber ich will doch « 

»Schweigt und gehorcht!« unterbrach er mich in einem Tone, den er noch nie gegen mich angewendet 
hatte. »Ich will Euer Leben nicht auf dem Gewissen haben, und es ist der Rachen des sichersten Todes, in 
den Ihr reiten wilrdet. Macht zu andern Zeiten, w as Ihr wollt; jetzt aber dulde ich keine Widersetzlichkeit!« 

Hatte nicht ein so gutes Verhaltnis zwischen uns bestanden, es ware ihm gewifl eine sehr kraftige Antwort 
geworden, so aber schwieg ich und ritt langsam im Schattenstreifen, den der Wald herniederwarfl liiiiter 
ihm her. Dabei erklarte er mir, nun wieder in milderem Tone sprechend: 

»Es sind zwanzig Stuck, wie ich sehe. Aber seid einmal dabei, wenn tausend und noch mehr Stuck ilber die 
Savanne brausen! Ich habe fruher Herden von zehntausend und darilber gesehen. Das war des Indianers 
Brot; die WeiBen haben es ihm genommen. Der Rote schonte das Wild, weil es ihm Nahrung gab; er 
erlegte nur so viel, wie er brauchte. Der WeiBe aber hat unter den ungezahlten Herden gewutet wie ein 
grimmiges Raubtier, welches auch dann, wenn es gesattigt ist, weiter mordet, nur um Blut zu vergieBen. 
Wie lange wird es dauern, so gibt es keinen Buffel und dann nach kurzer Zeit auch keinen Indianer mehr. 
Gott sei es geklagt! Und grad so ist's auch mit den Pferdeherden. Es gab Trupps von tausend Mustangs und 
noch hoher. Jetzt ist man ganz entztickt, wenn man das Gltick hat, einmal so ein hundert Stuck beisammen 
zu sehen.« 

Wir waren indessen bis auf ungefahr vierhundert Schritt an die Buffel gekommen, ohne daB sie uns 
bemerkten, und Hawkens hielt sein Pferd an. Die Tiere grasten langsam talaufwarts. Am weitesten 
vorgeruckt war ein alter Bulle, dessen Riesenleib ich mit Erstaunen betrachtete. Er war ganz gewiB gegen 
zwei Meter hoch und wohl drei Meter lang; damals verstand ich das Gewicht eines Bisons noch nicht zu 
taxieren; heute sage ich, daB dieser hier wohl an die dreiBig Zentner wiegen konnte, eine ganz erstaunliche 
Fleisch- und Knochenmasse. Er war auf eine Schlammlache gestoBen und walzte sich behaglich in 
derselben. 

»Das ist der Leitstier,« flusterte Sam, »der gefahrlichste der ganzen Gesellschaft. Wer mit dem anbindet, 
muB sein Testament unterschrieben haben. Ich nehme die junge Kuh rechts dahinten. PaBt auf, wohin ich 
ihr die Kugel gebe! Hinter dem Schulterblatte von der Seite schrag in das Herz hinein; das ist der beste, ja 
der einzig sichre SchuB auBer dem in das Auge; aber welcher nicht wahnsinnige Mensch wird einen Bison 
von vorn nehmen, um ihn in das Auge zu treffen! Bleibt hier halten, und drtickt Euch mit dem Pferde ins 
Gestrauch! Wenn sie mich sehen und dann fliehen wird die wilde Jagd grad hier voriibergehen. LaBt es 
Euch aber ja nicht einfallen, diese Stelle zu verlassen, ehe ich wiederkomme oder Euch rufe!« 

Er wartete, bis ich mich zwischen zwei Bilsche gedruckt hatte, und ritt dann, zunachst langsam und leise 
weiter. Mir war ganz sonderbar zu Mute. Wie man den Bison jagt, das hatte ich sehr oft gelesen; darilber 
konnte man mir nichts Neues sagen; aber es ist ein Unterschied zwischen dem Papiere, auf welches man 
solche Beschreibungen druckt, und der Wildnis, in der man diese Jagden erlebt. Heute sah ich zum 
erstenmal in meinem Leben Buffel. Was fur Wild hatte ich bisher geschossen? Im Verhaltnisse zu diesen 
riesigen, gefahrlichen Tieren keins, gar keins. Da sollte man meinen, ich sei ganz einverstanden gewesen 
mit Sams Befehle, mich j a nicht zu beteiligen; aber es fand das gerade Gegenteil statt. Vorhin hatte ich nur 
beobachten, belauschen wollen, jetzt ftihlte ich einen machtigen ja unwiderstehlichen Drang, mitzutun. An 
eine junge Kuh wollte Sam sich machen, pfui! dachte ich, dazu gehort kein Mut; ein rechter Mann wahlt 
grad den starksten Bullen! 

Mein Pferd war auBerordentlich unruhig geworden; es tanzte mit den Hufen; es hatte auch noch keine 
Buffel gesehen, furchtete sich und wollte fliehen; kaum vermochte ich, es zurilckzuhalten. War es da nicht 
besser, wenn ich es zwang, den Bullen anzunehmen? Ich war nicht etwa erregt, sondern ilberlegte, innerlich 
ganz ruhig, zwischen Ja und Nein. - Da entschied der Eindruck des Augenblickes. 



Sam hatte sich den Bisons bis auf dreihundert Schritte genahert; dann gab er seinem Pferde die Sporen und 
galoppierte auf die Herde zu und an dem machtigen Bullen vorbei, um an die Kuh zu kommen, welche er 
mir bezeichnet hatte. Sie stutzte und versaumte die Flucht; er erreichte sie; ich sari, daB er im Vorilberjagen 
auf sie schoB. Sie zuckte zusammen und senkte den Kopf Ob sie zusammenbrach, das sah ich nicht, denn 
mein Auge wurde durch einen andern Anblick gefesselt. 

Der Riesenbulle war aufgesprungen; er stierte nach Sam Hawkens hin. Welch ein machtiges Tier! Dieser 
dicke Kopf mit dem gewolbten Schadel, der breiten Stirn und den zwar kurzen, aber starken, aufwarts 
gekrummten Hornern, diese dichte, zottige Mahne um Hals und Brust! Dem Bilde urspriinglichster, 
rohester Kraft wurde durch den hohen Widerrist die hochste Vollendung gegeben. Ja, das war ein hochst 
gefahrliches Geschopf; aber sein Anblick reizte formlich zu dem Verlangen, menschliches Konnen an 
dieser tierischen Starke zu messen. 

Wollte ich, oder wollte ich nicht? Ich weiB es nicht. Oder ging mein Rotschimmel mit mir durch? Er schoB 
aus den Bilschen heraus und wollte nach links; ich riB ihn aber nach rechts herum und flog auf den Bullen 
zu. Er horte mich kommen und wendete sich nach mir um; mich sehend, senkte er den Kopf, um RoB und 
Reiter mit den Hornern zu empfangen. Ich horte Sam aus alien Kraften schreien, hatte aber keine Zeit, den 
Blick nach ihm zu richten. Dem Bison eine Kugel geben, war unmoglich, denn erstens stand er mir nicht 
schuBgerecht und zweitens wollte mir das Pferd nicht gehorchen; es schoB vor Angst grad auf die 
drohenden Horner zu. Um es aufzuspieBen, warf der Buffel seine Hinterbeine zur Seite und den Kopf mit 
einem gewaltigen StoBe in die Hohe; mit Anstrengung aller Krafte gelang es mir, den Schimmel ein wenig 
abzubringen; er flog in einem weiten Satze ilber das Hinterteil des Bullen hinweg, wahrend in demselben 
Augenblicke dessen Horner ganz nahe an meinem Beine vorbeistieBen. Unser Sprung ging grad in die 
Schlammlache hinein, in welcher der Buffel sich gewalzt hatte; ich sah es und nahm die FtlBe aus den 
Bilgeln, zu meinem Glilcke, denn das Pferd glitt aus und wir sturzten. Wie das so schnell geschehen konnte, 
ist mir heut noch unbegreiflich, doch stand ich schon im nachsten Augenblicke aufrecht neben der Lache, 
das Gewefrr noch fest in der Hand. Der Buffel hatte sich nach uns umgedreht und sprang in ungelenken 
Satzen auf das Pferd zu, welches sich auch aufgerafft hatte und im Begriffe stand, zu entfliehen. Dabei bot 
er mir seine Flanke zum Schusse; ich legte an; jetzt sollte sich der schwere Barentoter zum erstenmal im 
Ernste bewahren. Noch einen Sprung, so hatte der Bison den Rotschimmel erreicht; ich druckte ab - - er 
blieb mitten im Laufe stehen, ob vor Schreck ilber den SchuB oder weil ich gut getroffen hatte, das wuBte 
ich nicht; ich gab ihm sofort auch die zweite Kugel. Er hob langsam den Kopf, stieB ein mir durch alle 
Glieder gehendes Brullen aus, wankte einigemal hin und her und brach dann auf derselben Stelle, wo er 
stand, zusammen. 

Ich hatte vor Freude ilber diesen schweren Sieg hell aufjubeln mogen, hatte aber Notwendigeres zu tun. 
Mein Pferd setzte reiterlos nach rechts hinunter, wahrend ich Sam Hawkens am jenseitigen Talrande 
dahingaloppieren sah. von einem Stiere verfolgt. welcher nicht viel kleiner als mein Bulk war 

Man muB wissen, daB der Bison, einmal gereizt, nicht von seinem Gegner laBt und es dabei an 
Schnelligkeit mit dem Pferde aufnimmt. Er entwickelt dann einen Mut, eine List und eine Ausdauer, die 
ihm vorher gewiB niemand zutraut. 

So war auch dieser Stier dem Reiter hart auf den Fersen. Um ihm zu entgehen, muBte Hawkens die 
gewagtesten Wendungen machen welche das Pferd ermtideten; es hielt jedenfalls nicht so lange aus wie 
der Buffel; da war also Hilfe dringend notig. Ich hatte keine Zeit, nachzusehen, ob mein Bulk wirklich tot 
sei oder nicht; ich lud schnell beide Laufe des Barentoters und sprang dann ilber das Tal hintlber. Sam sah 
dies; er wollte der Hilfe entgegenkommen und warf sein Pferd in die Richtung nach mir herum. Das war 
ein groBer Fehler, denn der Stier, welcher eng hinter ihm war, bekam dadurch das Pferd quer vor sich; ich 
sah, daB er die Horner senkte; ein StoB und er hob das Pferd samt dem Reiter empor und lieB, als sie dann 
zur Erde sturzten, mit wtltenden und schilttelnden StoBen nicht von ihnen ab. Sam schrie um Hilfe, was er 
schreien konnte. Ich war wohl noch hundertfunfzig 

Schritte entfernt und durfte keinen Augenblick zogern. Der SchuB ware zwar aus groBerer Nahe sicherer 



gewesen, aber wenn ich zauderte, konnte Sam verloren sein. und wenn ich ja nicht gut traf liatte ich doch 
hoffentlich den Erfolg, das Untier von dem Freunde abzulenken. Ich blieb also stehen, zielte hinter das 
linke Schulterblatt und schoB. Der Bilffel hob den Kopf mit einer Bewegung, als ob er horchen wolle, und 
drehte sich langsam um. Da sah er mich und kam auf mich zugerannt, doch mit sich verringernder 
Schnelligkeit; dadurch gliickte es mir, den abgeschossenen Lauf mit fiebernder Eile wieder zu laden, und 
ich war damit fertig, als das Tier hochstens noch dreiflig Schritte zu mir zu machen hatte. Es konnte nicht 
mehr rennen; seine Bewegungen w aren nur noch ein langsames Laufen; aber mit tief gesenktem Kopfe und 
blutunterlaufeneu grausam vorwarts glotzenden Augen kam es auf mich zu, naher und naher wie ein 
schweres Verhangnis, welches nicht aufzuhalten ist. Da kniete ich nieder und legte das Gewehr an. Diese 
Bewegung verursachte den Bison, stehen zu bleiben und den Kopf ein wenig zu heben, um mich besser 
oder voller sehen zu kdnnen Das hrachte die tiickischen Augen vor meine beiden Laufe; ich schickte eine 
Kugel in das rechte und die andere in das linke - ein kurzes Zittern ging durch den Leib, dann sttlrzte die 
Bestie nieder. 

Ich sprang auf, um zu Sam zu eilen, doch war dies nicht notwendig, denn ich sah ihn gelaufen kommen. 

»Halloo\« rief ich ihm zu. »Ihr lebt? Ihr seid nicht schwer verletzt?« 

»Gar nicht,« antwortete er. »Nur die rechte Hilfte tut mir weh vom Sturze, oder ist's die linke, wenn ich 
mich nicht irre; ich kann es nicht genau wegbekommen.« 

»Und Euer Pferd?« 

»Ist hin. Es lebt zwar noch, doch hat ihm der Bilffel den ganzen Leib aufgerissen. Um seine Leiden 
abzukilrzen, milssen wir es erschieBen, das arme Tier. Ist der Bison tot?« 

»Hoffe es; wollen ihn untersuchen.« 

Wir taten dies und ilberzeugten uns, daB kein Leben mehr in ihm war. Da sagte Hawkens mit einem tiefen, 
tiefen Atemzuge: 

»Hat mir dieser alte, brutale Ochse zu schaffen gemacht! Eine Kuh ware zarter mit mir 
umgegangen. Freilich, Ochsen darf man nicht zumuten, ladylike zu sein, hihihihik 

» Wie ist er denn auf den dummen Gedanken gekommen, mit Euch anzubinden?« 

»Habt Ihr das nicht gesehen?« 

»Nein.« 

»Nun, ich schoB die Kuh nieder, und konnte, da mein Pferd im Galoppieren war, es grad erst in dem 
Augenblick anhalten, als es an diesen Ochsen anrannte. Das nahm er ilbel und nahm mich aufs Korn. Ich 
gab ihm zwar schnell die zweite Kugel, die ich in meiner Liddy hatte, sie scheint ihn aber nicht 
vernunftiger gemacht zu haben, denn er bewies mir eine Zuneigung, welche ich ihm nicht erwidern konnte. 
Er hat mich so gehetzt, daB es mir unmoglich war, das Gewehr wieder zu laden; ich habe es weggeworfen, 
weil es mir doch nichts niltzte und ich dadurch die Hande zur besseren Leitung des Pferdes frei bekam, 
wenn ich mich nicht irre. Der arme Gaul hat sein Moglichstes getan, sich aber doch nicht retten konnen.« 

»Weil Ihr die letzte schnelle, verhangnisvolle Wendung machtet. Ihr hattet einen Bogen reiten sollen; 
dadurch ware das Pferd gerettet worden.« 

»Gerettet worden? Ihr sprecht doch wie ein Alter. Das sollte man von einem Greenhorn nicht erwarten.« 



»Pshaw\ Greenhorns haben auch ihr Gutes!« 

»Ja, derm wenn Ihr nicht gewesen waret, so lage ich jetzt ebenso zerstochen und zerfetzt dort wie mein 
Pferd. Wollen doch einmal hin zu ihm.« 

Wir fanden es in einem traurigen Zustande. Die Eingeweide hingen ihm aus dem aufgeschlitzten Leibe; es 
schnaubte vor Schmerzen. Sam holte seine weggeworfene Biichse, lud sie und gab ihm den Gnadenschufl. 
Dann schnallte er ihm die Zilgel und den Sattel ab und sagte dabei: 

» Jetzt kann ich mein eigenes Pferd machen und den Sattel auf meinen Rticken nehmen. Das hat man davon, 
wenn man mit einem Ochsen zusammenrennt.« 

»Ja. Wo werdet Ihr nun ein anderes Pferd herbekommen?« fragte ich. 

»Das ist mein geringster Kummer. Ich fange mir eins, wenn ich mich nicht irre.« 

»EinenMustaiig' l « 

»Ja. Die Biiffel sind da; sie haben ihre Wanderung nach Silden angetreten; da werden sich auch bald die 
Mustangs sehen lassen; ich kenne das.« 

»Darf ich dabei sein, wenn Ihr Euch einen fangt?« 

»Naturlich Ihr milBt auch das kennen lernen. Doch kommt jetzt. Wir wollen uns den alten Bullen ansehen. 
Vielleicht lebt er noch. Solche Methusalems pflegen ein auBerordentlich zahes Leben zu haben. « 

Wir gingen hin. Das Tier war tot. Jetzt, da es still dalag, konnte man die kolossalen Formen noch besser mit 
den Augen messen als vorher. Sam lieB seine Augen zwischen dem Bullen und mir hin und her gehen, zog 
ein ganz unbeschreibliches Gesicht, schilttelte den Kopf und meinte: 

»Es ist unerklarlich, ganz und gar unerklarlich! Wiflt Ihr denn, wo Ihr ihn getroffen habt?« 

»Nun, wo?« 

»Grad an der richtigen Stelle. Es ist ein uralter Kerl, und ich hatte es mir gewifl vorher zehnmal iiberlegt, 
ehe ich so vei wegen gewesen ware, mit ihm anzubinden. WiBt Ihr, was Ihr seid, Sir?« 

»Was?« 

»Der leichtsinnigste Mensch, den es gibt.« 

»Oho!« 

»Ja, der leichtsinnigste Mensch, den es auf Erden geben kann.« 

»Leichtsinn ist mein Fehler nie gewesen.« 

»So habt Ihr Euch jetzt mit ihm befreundet. Verstanden! Ich hatte Euch doch befohlen, Eure Hande von den 
Buffeln zu lassen und in den Bilschen stecken zu bleiben. Warum habt Ihr mir nicht gehorcht?« 



»So! Ihr tut etwas, ohne den Grund davon zu kennen. 1st denn das nicht leichtsinnig?<' 

»Glaube nicht. Es wird wohl ein triftiger Grund vorhanden gewesen sein.« 

»So milBtet Ihr ihn kennen! « 

» Vielleicht ist's der, daB Ihr mir einen Befehl erteilt habt, und ich lasse mir nichts befehlen.« 

»So! Wenn man es gut mit Euch meint und Euch vor einer Gefahr warnt, so seid Ihr nun erst recht so 
obstinat, Euch in dieselbe zu werfen?« 

»Ich bin nicht nach dem Westen gekommen, um den Gefahren, welche es da gibt, auszuweichen « 

»Ganz gut. Aber Ihr seid noch ein Greenhorn und habt Euch in acht zu nehmen. Und wenn Ihr mir nicht 
folgen wolltet, warum habt Ihr Euch da grad an dieses Riesenvieh und nicht an eine Kuh gemacht?« 

»Weil es ritterlicher war.« 

»Ritterlicher! Dieses Greenhorn will den Ritter spielen, wenn ich mich nicht irre, hihihihik 

Er lachte, daB er sich den Bauch halten muBte, und fuhr dann, noch immer lachend, fort: 

»Wenn Ihr es Euch wirklich in den Kopf gesetzt habt, als Ritter aufzutreten, so spielt den Ritter 
Toggenburg, aber keinen andern. Zu einem Bayard oder Roland fehlt Euch das Zeug. Verliebt Euch in eine 
Buffelkuh und setzt Euch taglich in die Abendsonne, um zu warten, 

"bis die Liebliche sich zeigt und ins Tal herniederneigt. " 

Und sogar auch dann konnt Ihr eines Abends als Leiche dasitzen und von den Coyoten und Aasgeiern 
aufgefressen werden. Wenn ein richtiger Westmann etwas tut, so fragt er nicht, ob es ritterlich, sondern ob 
es nutzlich fur ihn ist.« 

»Das ist doch hier der Fall.« 

»Hier? Wie so?« 

»Ich wahlte den Buffel, weil er viel, viel mehr Fleisch hat, als eine Kuh.« 

Er sah mir einen Augenblick lang verstandnislos in das Gesicht und rief dann aus: 

»Viel mehr Fleisch? Dieser junge Mann hier hat den Bullen des Fleisches wegen geschossen, hihihihi! Ich 
glaube gar, Ihr habt an meinem Mute gezweifelt, weil ich es nur auf eine Kuh absah?« 

»Das nicht, obgleich ich es fur mutiger hielt, sich ein starkes Tier auszuwahlen.« 

»Und Bullenfleisch zu essen? Was seid Ihr doch fur ein ausnehmend kluger Mensch, Sir! Dieser Bulle hat 
sicher seine achtzehn bis zwanzig Jahre auf dem Rilcken; er besteht aus einem Felle und vielen Knochen 
und Flechsen und Sehnen. Und das Fleisch, welches er dabei hat, ist nicht mehr Fleisch zu nennen, denn es 
ist so hart wie gegerbtes Leder, und wenn Ihr es tagelang bratet oder kocht, so konnt Ihr es doch nicht 
kauen. Jeder erfahrene Westmann zieht eine Kuh dem Ochsen vor, weil ihr Fleisch zarter und saftiger ist. 
Da seht Ihr nun wieder, was fur ein Greenhorn Ihr seid. Ich hatte keine Zeit, auf Euch aufzupassen. Wie hat 



sich denn Euer leichtsinniger Angriff auf den Bilffel abgespielt?« 

Ich erzahlte es ihm. Als ich fertig war, maB er mich mit groBen Augen, schtittelte abermals den Kopf und 
forderte mich auf: 

»Geht da hinunter, und holt Euer Pferd! Wir brauchen es, denn es soil das Fleisch tragen, welches wir 
mitnehmen werden.« 

Ich folgte dieser Aufforderung. Aufrichtig gestanden, fiihlte ich mich enttauscht ilber sein Verhalten. Er 
hatte meine Darstellung angehort, ohne dann auch nur ein Wort zu sagen. Ich glaubte aber, eine, wenn auch 
noch so kleine Anerkennung erwarten zu dilrfen. Anstatt dessen sagte er gar nichts, sondern schickte mich 
fort, mein Pferd zu holen. Ich war ihm trotzdem nicht bos, denn ich bin niemals ein Mensch gewesen, der 

unities Lobes willen etwas tut 

Als ich das Pferd brachte, kniete Sam bei der von ihm erlegten Buffelkuh, hatte von dem einen 
Hinterschenkel kunstgerecht das Fell entfernt und schalte nun die Lende heraus. 

»So,« sagte er; »das gibt fur heut abend einen Braten, wie wir lange Zeit keinen gegessen haben. Diese 
Lende laden wir mit dem Sattel und dem Zaume auf Euer Pferd. Sie ist bloB fur mich, Euch, Will und Dick. 
Wenn die Andern auch etwas haben wollen, so mogen sie hierher reiten und sich die Kuh holen.« 

»Wenn sie nicht inzwischen von Aasvogeln und andern wilden Lieren weggefressen wird.« 

»So? Wie klug Ihr da wieder seid! Es versteht sich ganz von selbst, daB wir sie mit Zweigen bedecken und 
dann Steine darauf legen. Es milBte schon ein Bar oder ein anderes groBes Raubtier sein, das nachher dazu 
konnte « 

Ich schnitt also starke Zweige aus dem nahen Gebilsch und holte schwere Steine herbei. Wir bedeckten die 
Kuh damit und beluden dann mein Pferd. Dabei erkundigte ich mich: 

» Was wird denn mit dem Bullen?« 

»Mit dem? Was soil aus ihm werden?« 

»Konnen wir denn nichts von ihm brauchen?« 

»Gar nichts. « 

»Auch nicht das Leder?« 

»Seid Ihr ein Lohgerber? Ich bin keiner!« 

»Ich habe aber doch gelesen, daB die Haute der erlegten Bilffel in sogenannten Caches versteckt und 
aufgehoben werden! « 

»So, das habt Ihr gelesen? Na, wenn Ihr es gelesen habt, so muB es ja wahr sein, denn alles, was man ilber 
den wilden Westen liest, ist wahr, ganz auBerordentlich wahr, ganz unumstoBiieii wahr hihihihi! Es gibt 
allerdings Westmanner, welche die Liere um der Felle willen erlegen; ich habe es auch schon getan; aber 
jetzt gehoren wir nicht dazu und werden uns bitten, uns mit dieser schweren Haut zu schleppen.« 

Wir brachen auf und kamen, obgleich wir laufen muBten, schon nach einer halben Stunde im Lager an, 
denn weiter war dieses nicht von dem Lale entfernt, in welchem ich meinen ersten oder vielmehr meine 



zwei ersten Bilffel erlegt hatte. 

DaB wir zu FuBe kamen und Sams Pferd nicht mitbrachten, erregte Aufsehen. Wir wurden nach der 
Ursache gefragt. 

»Haben Bilffel gejagt, und mein Pferd ist dabei von einem Bullen aufgeschlitzt worden,« antwortete Sam 
Hawkens. 

»Bilffel gejagt, Bilffel, Bilffel, Btiffelk erklang es aus aller Mund. »Wo denn, wo?« 

»Eine kleine halbe Stunde von hier. Haben uns die Lende mitgebracht; konnt euch das tlbrige holen.« 

»Das werden win ja. das werden wir,« rief Rattler, welcher so tat, als ob zwischen ihm und mir nichts 
vorgefallen sei. »Wo ist der Ort?« 

»Reitet auf unserer Fahrte zurtlck, so werdet ihr ihn finden; habt ja Augen genug, wenn ich mich nicht 



»Wieviel Stilck sind es denn gewesen''« 

» Zwanzig « 

»Und wieviel habt ihr denn erlegt?« 

»Eme Kuh.« 

»BloB? Wo sind die andern hin?« 

»Fort. Konnt sie euch suchen. Habe mich nicht darum gekummert, wohin sie spazieren wollten, und sie 
auch nicht danach gefragt, hihihihi!« 

»Aber bloB eine Kuh! Zwei Jager und von zwanzig Buffels nur einen zu schieBen!« meinte Einer in 
geringschatzigem Tone. 

»Macht es besser, wenn Ihr konnt, Sir! Ihr hattet sie wahrscheinlich alle zwanzig erlegt und auch noch 
einige mehr. Ihr werdet ilbrigens, wenn Ihr hinkommt, noch zwei alte, zwanzigjahrige Bullen sehen, auf 
welche hier dieser junge Gentleman geschossen hat.« 

»Bullen, alte Bullen! « rief es rundum. »Auf zwanzigjahrige Bullen zu schieBen, welch ein Greenhorn 
gehort dazu, eine solche Dummheit zu begehen! « 

»Lacht ihn meinetwegen aus, Mesch'schurs; aber seht euch die Bullen nachher an! Ich sage euch, daB er 
mir dadurch das Leben gerettet hat.« 

»Das Leben? Wieso?« 

Sie waren begierig, das Abenteuer erzahlt zu bekommen; er aber wies sie zuriick: 

»Habe keine Lust, darilber jetzt zu reden. LaBt es euch von ihm selbst erzahlen, wenn ihr es fur klug haltet, 
euch das Fleisch erst dann zu holen, wenn es dunkel geworden ist.« 



Er hatte recht. Die Sonne hatte sich geneigt, und in kurzer Zeit muBte es Abend werden. Da sie sich 
ilbrigens sagen konnten, daB ich erst recht keine Lust haben wiirde, den Erzahler zu machen, so stiegen sie 
auf ihre Pferde und ritten alle fort. Ich sage, alle, denn keiner wollte zurtickbleiben. Sie trauten einander 
nicht. Bei anstandigen Jagern und da, wo ein freundschaftliches Verhaltnis vorliegt, gehort jedes Wild, 
welches von einem Mitgliede erlegt wird, den Andern auch; dieser Gemeinsinn war aber bei diesen Leuten 
nicht vorhanden. Als sie zuruckkamen, horte ich dann auch, daB sie sich wie Wilde auf die Kuh geworfen 
hatten, und jeder war unter Zanken und Fluchen bemuht gewesen, sich mit dem Messer ein moglichst 
groBes und gutes Fleischstilck herunterzureiBen. 

Als sie fort waren, luden wir die Lende und den Sattel von meinem Pferde und ich fuhrte dieses zur Seite, 
um es abzuzaumen und dann anzupflocken. Ich nahm mir dabei Zeit, wodurch Sam Gelegenheit fand, unser 
Abenteuer Parker und Stone zu erzahlen. Sie standen so, daB das Zeit zwischen ihnen und mir lag und sie 
mich also nicht sahen, als ich mich ihnen wieder naherte. Schon war ich beinahe an das Zeit gekommen, da 
horte ich Sam sagen: 

»Konnt mir's glauben; es ist so, wie ich sage: Nimmt der Kerl grad den groBten und starksten Bullen an und 
schieBt inn nieder wie ein alter, erfahrener Buffeljager! Hab' freilich getan, als ob ich es fur Leichtsinn 
hielte, und habe inn gehorig ausgescholten; aber ich weifi woran ich mit ihm bin.« 

»Ich auch,« stimmte Stone bei. »Es wird ein tilchtiger Westmann aus ihm werden.« 

»Und zwar sehr bald,« horte ich Parker sagen. 

»Yes,« bestatigte Hawkens. »WiBt ihr, Gents, er ist dazu geboren, wahrhaftig und ganz regelrecht dazu 
geboren. Und dabei die Korperkraft! Hat er nicht gestern unsern schweren ( Ichsenwagen fortgezogen, ganz 
allein und ohne daB ihm dabei jemand geholfen hat? Wo der hinhaut da wachst jahrelang kein Gras. Aber, 
wollt ihr mir eins versprechen?« 

»Was?« fragte Parker. 

»LaBt's ihn nicht wissen, wie wir von ihm denken.« 

» Warum nicht? « 

» Weil es ihm in den Kopf steigen konnte.« 



»0 doch! Er ist ein ganz bescheidener Kerl und gar nicht zum Hochmut angelegt; aber es ist stets ein 
Fehler, wenn man einen Menschen lobt; man kann den besten Charakter damit verderben. Konnt ihn also 
getrost Greenhorn nennen; er ist ja auch wirklich eins, denn wenn er auch alle Eigenschaften besitzt, 
welche ein tilchtiger Westmann haben muB, so sind sie doch noch nicht ausgebildet, und er muB noch viel 
erfahren und sich noch viel ilben.« 

»Hast du dich denn dafilr bedankt, daB er dir das Leben gerettet hat?« 

»Ist mir nicht eingefallen! « 

»Nicht? Was muB er da von dir denken!« 

»Ist mir ganz egal, was er von mir denkt. vollstandig egal, w enn ich mich nicht irre. Natilrlich halt er mich 
fur einen unverstandigen und undankbaren Halunken; aber das ist Nebensache; die Hauptsache ist, daB er 



sich nicht iiberhebt, sondern so bleibt, wie er ist. Hatte ihn freilich am liebs 

mdgen « 

»Fi!« rief Stone aus. »Dich kilssen! Das Umarmeln konnte man noch riskieren, aber kilssen, nein!« 

»So? Etwa nicht? Warum?« fragte Sam. 

»Warum? Hast du denn noch nicht einen Spiegel in der Hand gehabt oder in einem klaren Wasser dein 
holdes Konterfei gesehen? Dieses Gesicht, dieser Bart und diese Nase! Mensch, wer auf den unsinnigen 
Gedanken kommen konnte, seme Lippen dahin zu plazieren, wo man die deinigen zu suchen hat, der hat 
entweder den Sonnenstich oder der Verstand ist ihm eingefroren.« 

»So! Ah! Hm! Das klingt ja recht freundschaftlich von dir. Bin also ein haBlicher Kerl! Wofiir haltst du 
denn dich? Etwa fur einen schonen Menschen? Das laB dir ja nicht einfallen! Ich gebe dir mein Wort, wenn 
wir beide uns an einer Schonheitskonkurrenz beteiligen wollten, so wilrde ich den ersten Preis erhalten; du 
aber bekamst eine Niete, hihihihi! Aber das gehort nicht hierher. Wir sprachen von unserm Greenhorn. Ich 
habe mich nicht bei ihm bedankt und werde es auch nicht tun; aber wenn nachher unsere Lende gebraten 
ist, soil er das beste und saftigste Stuck bekommen; ich schneide es ihm selbst herab; er hat es verdient. 
Und wiBt ihr was ich merger) mache'.'« 

»Was?« fragte Stone. 

»Ihm eine groBe Freude.« 

»Womit?« 

»Er soil einen Mustang fangen durfen.« 

»Du willst auf Mustangs gehen?« 

»Ja. Ich muB doch ein neues Pferd haben. Du borgst mir das deinige zur Jagd. Da sich heut die Buffel 
gezeigt haben, werden auch die Mustangs kommen. Ich denke, daB ich nur nach der Prairie hinunter zu 
reiten brauche, wo wir noch vorgestern die Bahn abgesteckt und vermessen haben. Dort muB es Mustangs 
geben, sobald diese wilden Pferde hier in dieser Breite angekommen sind.« 

Ich lauschte nicht weiter, sondern ging wieder zurtick und durch ein Buschwerk, um mich den drei Jagern 
von einer andern Seite zu nahern. Sie durften nicht erfahren, daB ich gehort hatte, was ich doch nicht horen 
sollte. 

Es wurde ein Feuer angebrannt, neben welchem zwei Gabelaste in die Erde gesteckt wiuxlen. Sie gaben die 
Unterlage fur den BratspieB, der aus einem starken, geraden Aste bestand. Die drei befestigten an ihm die 
ganze Lende, und dann begann Sam Hawkens den SpieB langsam und mit kilnstlerischem Verstandnisse zu 
drehen. Das wonnevolle Gesicht, welches er dabei machte, machte mir heimlich SpaB. 

Als die Andern mit dem Fleische zunickkehrten, folgten sie unserm Beispiele, indem sie sich auch einige 
Feuer anbrannten. Freilich ging es da bei ihnen nicht so ruhig und friedlich her wie bei uns. Da jeder fur 
sich braten wollte, so mangelte es an Platz, und die Folge war, daB sie ihre Portionen halb roh verzehrten. 

Ich bekam wirklich das beste Stuck; es mochte drei Pfund wiegen, und ich aB es auf. Man halte mich ja 
nicht infolgedessen fur einen Vielesser; ich habe im Gegenteile immer weniger gegessen als Andere, die 
sich in meinen Verhaltnissen befanden; aber es ist fur Einen, der es nicht weiB oder nicht selbst erlebt und 
mitgemacht hat, kaum zu glauben, was fur Fleischmengen ein Westmann zu sich nehmen kann und auch zu 
sich nehmen muB, wenn er bestehen will. 



Der Mensch braucht zu seiner Ernahrung auBer den anorganischen Stoffen eine gewisse Menge von EiweiB 
und von Kohlenstoff und vermag sich beides gar wohl in der richtigen Mischung zu verschaffen, wenn er in 
einer zivilisierten Gegend lebt. Der Westmann, welcher viele Monate lang in keine bewohnte Gegend 
kommt oder kam, lebte nur vom Fleische, welches wenig Kohlenstoff enthalt; er muBte also groBe 
Portionen essen, urn seinem Korper die notwendige Menge Kohlenstoff zuzufiihren. DaB er dabei unnotig 
viel EiweiB genoB, welches seiner Ernahrung nicht zugute kam, muBte ihm gleichgultig sein. Ich habe 
einen alten Trapper acht Pfund Fleisch auf einmal essen sehen, und als ich ihn dann fragte, ob er satt sei, 
antwortete er schmunzelnd: 

»MuB es wohl sein, denn ich habe nicht mehr; wenn Ihr mir aber ein Stuck von dem Euren geben wollt, so 
sollt Ihr nicht ewig zu warten brauchen, bis Ihr es nicht mehr seht.« 

Wahrend des Essens unterhielten sich unsere »Westmanner« von unserer Buffeljagd. Sie hatten, wie ich 
horte, als sie die beiden Bullen sahen, denn doch einen andern Begriff von der »Dummheit« erhalten, die 
ich begangen haben sollte. 

Am andern Morgen tat ich, als ob ich an die Arbeit gehen wolle; da kam Sam zu mir und sagte: 

»LaBt Eure Instrumente nur immer liegen, Sir; es gibt etwas zu tun, was interessanter ist.« 

»Was?« 

» Werdet es erfahren. Macht Euer Pferd fertig; wir reiten aus.« 

»Spazieren? Da geht die Arbeit vor!« 

»Pshaw\ Habt Euch genug geplagt. Ich denke ilbrigens, daB wir schon zu Mittag zurtick sein werden. Dann 
konnt Ihr meinetwegen messen und rechnen, so viel Ihr wollt. « 

Ich machte Bancroft die notige Mitteilung, und dann ritten wir fort. Sam tat unterwegs sehr gehc 
und ich sagte ihm nicht, daB ich seine Absicht bereits kannte. Der Ritt ging auf der von u 
Strecke zurtick, bis wir die Prairie erreichten, welche Sam gestern bezeichnet hatte. 

Sie war wohl zwei englische Meilen breit und doppelt so lang und wurde von bewaldeten Hohen umrandet. 
Da sie von einem ziemlich breiten Bach durchflossen wurde, gab es Feuchtigkeit genug und infolgedessen 
einen saftigen Graswuchs. Im Norden konnte man zwischen zwei Bergen hervor auf diese Prairie gelangen, 
und im Silden endete sie in einem Tale, welches nach dieser Richtung weiterfuhrte. Als wir hier angelangt 
waren, blieb Hawkens halten und ilberflog die Ebene mit einem forschenden Blicke; dann ritten wir weiter, 
nordwarts und am Bache hin. Plotzlich stieB er einen Ruf aus, parierte sein Pferd, welches freilich nicht das 
seinige, sondern ein geborgtes war stieg ab. sprang tlber den Bach und ging auf eine Stelle zu, wo das Gras 
niedergetreten war. Er untersuchte den Ort, kam zurtick, stieg wieder in den Sattel und ritt weiter, doch 
nicht wie bisher in nordlicher Richtung, sondern er bog von dieser in einem rechten Winkel ab, so daB wir 
nach kurzer Zeit den westlichen Rand der Prairie erreichten. Hier stieg er wieder ab und lieB sein Pferd 
grasen, band es aber sorgfaltig an. Seit er die Spur untersucht hatte, war kein Wort aus seinem Munde 
gekommen, aber tlber sein bartiges Gesicht war der Ausdruck der Zufriedenheit ausgebreitet wie 
Sonnenschein tlber eine waldige Gegend. Jetzt forderte er mich auf: 

»Steigt auch ab, Sir, und bindet Euer Pferd test an! Wir werden hier warten.« 

» Warum test anbinden?« fragte ich, obgleich ich es recht gut wuBte. 

»Weil Ihr es sonst leicht verlieren konntet. Habe wiederholt gesehen, daB die Pferde bei solchen 
Gelegenheiten durchgegangen sind.« 



»Was fur Gelegenheiten?« 

»Ahnt Ihr das nicht?« 

»Hm!« 

»Rateteinmal!« 

»Mustangs?« 

» Wie kommt Ihr darauf?« fragte er, indem er mich rascb und vei w undert anblickte. 

»Weil ich es gelesen habe.« 

»Was?« 

»DaB die zahmen Pferde, wenn sie nicht test angebunden werden, gern mit den wilden Mustangs 
durchgehen.« 

»Hol Euch der Teufel! Alles habt Ihr gelesen, und da ist es nicht gut moglich, Euch zu ilberraschen. Da 
lobe ich mir die Leute, welche gar nicht lesen konnen!« 

» Wollt Ihr mich ilberraschen? « 



»Das wilrde nicht gut moglich sein. Eine Ueberraschung setzt doch voraus, daB man nicht vorher 
unterrichtet ist; Ihr aber hattet es mir, ehe die Pferde kommen, sagen mtissen.« 

»Das ist richtig, hm! Also hort, die Mustangs sind schon dagewesen.« 

»War das vorhin ihre Spur?« 

»Ja; sie sind gestern hier durch. Es war ein Vortrab, wiflt Ihr, so die Kundschafter. Ich mufl Euch namlich 
sagen, daB diese Tiere ungeheuer klug sind. Sie senden immer kleine Trupps voraus und nach den Seiten. 
Sie haben ihre Offiziere, grad wie das Militar, und der Hauptanfuhrer ist stets ein erfahrener, starker und 
mutiger Hengst. Mogen sie weiden oder sich in Bewegung befinden, stets wird die Peripherie der Herde 
von den Hengsten gebildet; dann folgen nach innen die Stuten, und ganz in der Mitte befinden sich die 
Jungen. Dies geschieht darum, daB die Hengste die Stuten und Filllen verteidigen konnen. Ich habe Euch 
schon wiederholt beschrieben, wie man einen Mustang mit dem Lasso fangt. Habt Ihr es Euch gemerkt?« 

» Selbstverstandlich. « 

»Habt Ihr Lust, einen zu fangen?« 



»Dann werdet Ihr heute vormittag Gelegenheit dazu finden, Sir.« 

»Danke! Ich werde sie nicht benutzen.« 

»Nicht? All devils\ Warum nicht?« 

» Weil ich kein Pferd brauche.« 

»Aber, ein Westmann fragt doch nicht danach, ob er ein Pferd braucht oder nicht! « 

»Dann ist er keineswegs so, wie ich mir einen braven Westmann vorstelle.« 

»Wie soil er derm sein?« 

»Ihr habt gestern von Aasjagern gesprochen, von WeiBen, welche die Buffel in Masse toten, ohne daB sie 
ihr Fleisch brauchen. Ich halte das fur eine Versilndigung an den Tieren und an den roten Menschen, denen 
dadurch Ihre Nahrung geraubt wird. Ihr doch auch?« 



»Grad so ist's auch mit den Pferden. Ich mag keinem dieser herrlichen Mustangs die Freiheit rauben, ohne 
mich damit entschuldigen zu konnen, daB ich ein Pferd brauche.« 

»Das ist brav gedacht Sir. sehr brav. Grad so, wie Ihr denkt und redet, muB jeder Mensch und Christ 
denken, reden und handeln. Aber wer hat denn gesagt, daB Ihr einem Mustang die Freiheit rauben so lit? Ihr 
habt Euch im Werfen des Lasso geilbt und sollt nur die Probe machen. Ich will sehen, ob Ihr Euer Examen 
besteht. Verstanden?« 

»Das ist etwas Anderes; ja, da mache ich mit.« 

»Schon! Bei mir handelt es sich freilich um den Ernst. Ich brauche ein Pferd und werde mir eins holen. Ich 
habe es Euch schon oft gesagt und sage es Euch jetzt wieder: Sitzt ja recht fest im Sattel, und stemmt Euer 
Pferd gut ein in dem Augenblicke, an welchem sich der Lasso straff zieht und der Ruck erfolgt. Wenn Ihr 
das nicht tut, werdet Ihr umgerissen, und der Mustang rennt davon und zieht Euer Pferd am Lasso mit sich 
fort. Dann habt Ihr kein Pferd mehr und seid ein gemeiner Infanterist, so wie ich jetzt einer bin.« 

Er wollte weiter sprechen, hielt aber inne und deutete mit der Hand nach den bereits erwahnten beiden 
Bergen am Nordende der Prairie. Dort erschien ein Pferd, ein einzelnes, lediges Pferd. Es lief langsam und 
ohne zu grasen vorwarts, warf den Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite und sog die Luft durch die 
Niistern ein. 

»Seht Ihr es?« flusterte Sam. Er sprach vor Erregung nicht laut, sondern leise, obwohl das Pferd uns 
unmoglich hatte horen konnen. »Habe ich es nicht gesagt, daB sie kommen! Das ist der Spaher, welcher 
vorausgesprungen ist, um zu sehen, ob die Gegend sicher ist. Ein schlauer Hengst. Wie er nach alien 
Richtungen augt und windet! Uns bekommt er nicht weg, denn wir haben den Wind im Gesicht; ich habe 
deshalb diese Stelle gewahlt « 

Jetzt schlug der Mustang einen Trab ein; er rannte radeaus geradeaus, dann nach rechts, hierauf nach links, 
warf sich schlieBlich herum und verschwand da, wo wir lhn hatten erscheinen sehen. 

»Habt Ihr ihn beobachtet?« fragte Sam. »Wie klug er sich benimmt und jeden Busch zur Deckung benutzt 
hat, um nicht gesehen zu werden! Ein indianischer Spaher kaiin es kaum besser machen.« 



[Illustration Nr. 5: Ein Mustang] 

»Das ist richtig. Ich bin ganz erstaunt darilber.« 

»Nun ist er zurtlck, um seinem vierbeinigen Generale zu melden, daB die Luft rein ist. Sollen sich aber 
getauscht haben, hihihihi! Ich wette, in hochstens zehn Minuten sind sie da; paflt einmal auf. WiBt Ihr, wie 
wir es machen?« 



»Ihr reitet jetzt schnell bis an den Ausgang der Prairie zurtlck und wartet dort. Ich aber reite bis in die Nahe 



Einganges hinunter und verstecke mich dort im Walde. Kommt die Herde, so lasse ich sie vortiber und jage 
dann hinter ihr her. Sie wird zu Euch hinauf fliehen; dann laBt Ihr Euch sehen, und da flieht sie wieder 
zurtlck. So treiben wir sie zwischen uns hin und her, bis wir uns die zwei besten Pferde ausgewahlt haben; 
die fangen wir; ich lese mir da wieder das beste aus, und das andere lassen wir laufen. Seid Ihr 
einverstanden? « 

»Wie konnt Ihr so fragen! Ich verstehe ja gar nichts von der Pferdejagd, in welcher Ihr jedenfalls ein 
Meister seid, und habe mich also ganz nach Euren Anordnungen zu verhalten.« 

»Well, habt recht. Habe schon manchen wilden Mustang unter mir gehabt und ihn bezwungen und kann 
wohl behaupten, daB Ihr mit dem "Meister" nichts Dummes gesagt habt. Also, macht Euch davon, sonst 
vergeht die Zeit und wir sind dann nicht an Ort und Stelle.« 

Wir stiegen wieder auf und ritten auseinander, er nordwarts und ich nach Stlden, bis dahin, wo wir die 
Prairie betreten hatten. Da mir mein schwerer Barentoter bei dem, was wir vorhatten, hinderhch war. hatte 
ich mich gern einstweilen seiner entledigt; aber ich hatte gelesen und gehort, daB ein vorsichtiger 
Westmann sich nur dann von seinem Gewehre trennt, wenn er ganz sicher weiB, daB er nichts zu befiirchten 
hat und es also nicht brauchen wird. Dies war aber hier nicht der Fall; es konnte in jedem Augenblick ein 
Indianer oder gar ein Raubtier erscheinen; darum sorgte ich nur daftir, daB das "alte Gun" test am Riemen 
hing und mich nicht schlagen konnte. 

Nun wartete ich mit Spannung auf das Erscheinen der Pferde. Ich hielt zwischen den ersten Baumen des 
Waldes, an den die Prairie stieB, band das eine Ende des Lasso am Sattelknopfe fest und legte ihn dann in 
Schlingen so vor mich hin, daB ich ihn nur zu erfassen brauchte. 

Das untere Ende der Prairie war so weit von mir entfernt, daB ich die Mustangs, wenn sie dort erschienen, 
nicht sehen konnte. Sie konnten mir erst dann, wenn Sam sie getrieben brachte, sichtbar werden. Ich war 
noch keine Viertelstunde am Platze, als ich da unten eine Menge von dunklen Punkten sah, welche sich 
schnell vergroBerten, indem sie sich aufwarts bewegten. Erst von der GroBe von Sperlingen, schienen sie 
hierauf Katzen, Hunde, Kalber zu sein, bis sie sich so weit genahert hatten, daB ich sie in ihrer wirklichen 
GroBe sah. Es waren die Mustang;;, welche im wilden .Tagen auf mich zugesprengt kamen. 

Welch einen Anblick boten diese herrlichen Tiere! Die Mahnen wehten um die Halse, und die Schwanze 
flogen wie Federbtlsche im Winde. Es waren hochstens dreihundert Stuck, und doch schien die Erde unter 
ihren Ffufen zu zittern. Ein Schimmelhengst flog alien voran, ein prachtiges Tier, welches man sich hatte 
fangen mogen, aber es wird keinem Prairiejager einfallen, einen Schimmel zu reiten. So ein helles Tier 
wtlrde ihn jedem Feinde schon von weitem verraten. 

Jetzt war es Zeit, mich ihnen zu zeigen. Ich lenkte unter den Baumen heraus ins Freie, und die Wirkung trat 
augenblicklich ein: der fuhrende Schimmel prallte zurtlck, als ob er eine Kugel in den Leib bekommen 



habe; die Herde hielt an und stutzte; ein lautes angstliches Schnauben; dann hieB es: ganze Schwadron 
kehrt! und, den Schimmel schnell wieder an der jenseitigen Spitze, jagten die Tiere dahin zurilck, woher sie 
gekommen waren. 

Ich folgte ihnen langsam; ich hatte keine Eile, denn ich war sicher, daB Sam Hawkens sie mir wieder 
zutreiben wilrde. Dabei suchte ich mir einen Umstand zurecht zu legen, welcher mir anfgefallen war. 
Obgleich namlich die Pferde nur einen kurzen Augenblick vor mir gehalten hatten, war es mir doch 
vorgekommen, als ob eins von diesen Tieren kein Pferd, sondern ein Maultier sei. Ich konnte mich zwar 
irren, aber ich glaube [glaubte] doch, richtig gesehen zu haben. Beim zweitenmal wollte ich besser 
aufpassen. Dieses Maultier hatte sich in der vordersten Reihe, und zwar gleich hinter dem Leitschimmel 
befunden; es war also von den Pferden nicht nur als ihresgleichen anerkannt, sondern es besaB sogar einen 
Rang unter ihnen. 

Nach einiger Zeit kam die Herde wieder aufwarts und kehrte bei meinem Anblicke abermals um. Das 
wiederholte sich noch einmal, und da sah ich, daB ich mich nicht geirrt hatte; es war ein Maultier unter 
ihnen, ein ziemlich hellbraunes Maultier mit dunklem Rilckenstreifen. Es machte auf mich einen hochst 
vorteilhaften Eindruck und war trotz des groBen Kopfes und der langen Ohren doch ein schones Tier. 
Maultiere sind gentigsamer als Pferde, haben einen viel sicherern Tritt und schwindeln nicht vor 
Abgrilnden. Das sind Vorzilge, welche in die Wage fallen. Freilich sind sie auch storrisch. Ich habe 
Maultiere gesehen, welche sich lieber totpriigeln lieBen, als daB sie einen Schritt vorwarts gingen, und doch 
hatte man ihnen gar nichts aufgeladen, und der Weg war prachtig. Sie wollten eben nicht. 

Es war mir vorgekommen, als ob dieses Maultier viel Feuer zeige, als ob seine Augen heller glanzten und 
intelligenter blickten als diejenigen der Pferde, und ich nahm mir vor, es zu fangen. Es war jedenfalls 
seinem Besitzer beim Voriiberjagen einer wilden Pferdeherde entflohen und dann bei den Mustangs 
geblieben. 

Jetzt brachte Sam den Trupp wieder getrieben. Wir waren einander so nahe gekommen, daB ich ihn sah. 
Nun konnten die Mustangs weder vor noch zurilck; sie brachen nach der Seite aus. Wir folgten ihnen. Die 
Herde teilte sich, und ich sah, daB das Maultier bei der Hauptabteilung blieb; es jagte jetzt an der Seite des 
Schimmels dahin; es war ein auBerordentlich schnelles und ausdauerndes Tier. Ich hielt mich also zu 
diesem Trupp, und Sam schien es auch auf denselben abgesehen zu haben. 

»In die Mitte nehmen, ich links, Ihr rechts!« rief er mir zu. 

Wir gaben unsern Pferden die Sporen und hielten nun nicht nur gleichen Schritt mit den Mustangs, sondern 
kamen ihnen so schnell naher, daB wir sie eingeholt hatten, noch ehe sie den Wald erreichten. Da hinein 
gingen sie nicht; sie kehrten also wieder um und wollten zwischen uns durch. Um das zu verhindern, jagten 
wir schnell aufeinander zu; da stoben sie nach alien Seiten auseinander wie eine Hilhnerschar, in welche 
der Habicht gestoBen ist. Der Schimmel und das Maultier schossen, von den andern abgesondert, zwischen 
uns hindurch; wir jagten ihnen nach. Dabei rief mir Sam, der seinen Lasso zum Wurfe schon ilber dem 
Kopfe wirbelte, zu: 

» Wieder Greenhorn! Werdet es auch ewig bleiben!« 

»Warum?« 

»Weil Ihr nach dem Schimmel trachtet, und das kann doch nur ein Greenhorn tun, hihihihik 

Ich antwortete ihm, aber er horte es nicht, weil sein lautes Lachen meine Worte ilbertonte. Also er dachte, 
ich hatte es auf den Schimmel abgesehen. Meinetwegen! Ich ilberlieB ihm also das Maultier und lenkte zur 
Seite, wo die Mustangs nun angstlich schnaubend und wiehernd regellos durcheinanderjagten. Sam war 
dem Maultiere so nahe gekommen, daB er den Lasso warf Die Schlinge fiel richtig; sie legte sich um den 
Hals des Tieres. Nun muBte Sam anhalten und, wie er mir ja so sorgsam angeraten hatte, sein Pferd nach 



riickwarts werfen, urn den Ruck aushalten zu konnen, wenn der abgelaufene Lasso sich straff spannte. Er 
tat dies auch, aber urn einen Augenblick zu spat; sein Pferd hatte sich noch nicht umgedreht, noch nicht 
eingestemmt und wurde von dem gewaltigen Rucke umgerissen. Sam Hawkens flog, einen unendlich 
brillanten Purzelbaum schlagend, weit durch die Luft und auf die Erde nieder. Das Pferd raffte sich rasch 
wieder auf und rannte weiter. Dadurch verlor der Lasso die Spannung, und das Maultier, welches 
festgestanden hatte und nicht umgerissen worden war, bekam Luft; es galoppierte auch fort und riB das 
Pferd. well der Lasso am Sattelknopfe befestigt war. iiber die Prairie dahin. 

Ich eilte zu Sam, um nachzusehen, ob er verletzt sei. Er war aufgestanden und rief mir erschrocken zu: 

»Alle Wetter! Da reiBt mir Dick Stones Gaul mitsamt dem Maultiere aus, ohne auch nur Adieu zu sagen, 
wenn ich mich nicht irre! « 

»Habt Ihr Euch beschadigt?« 

»Nein. Steigt schnell ab, und gebt mir Euer Pferd. Ich muB es haben! « 

»Wozu?« 

»Ich will naturlich den beiden AusreiBern nach. Also steigt schnell herunter!« 

»Fallt mir nicht ein! Konntet wieder einen Purzelbaum riskieren, und dann waren alle beide Pferde zum 

Bei diesen Worten trieb ich mein Pferd weiter, dem 

Maultiere nach. Dieses war schon eine bedeutende Strecke fort, kam aber jetzt mit dem Pferde in Konflikt. 
Dieses wollte hierhin und jenes dorthin, und dadurch hielten sie einander auf, weil sie mit dem Lasso 
zusammenhingen. Darum holte ich sie bald ein. Es kam mir gar nicht in den Sinn, meinen Lasso zu 
gebrauchen, sondern ich griff nach dem andern, welcher die beiden Liere verband, wickelte ihn mir 
einigemal um die Hand und war nun sicher, das Maultier bandigen zu konnen. Ich lieB es zunachst 
weiterlaufen und galoppierte mit den beiden Pferden hinterdrein, zog aber den Riemen nach und nach 
kraftiger an, so daB die Schlinge sich immer mehr verengte. Dabei konnte ich das Lier ganz leidlich lenken; 
ich brachte es durch scheinbares Nachgeben soweit daB es in einem Bogen dahin zuruckkehrte, wo Sam 
Hawkens stand. Dort zog ich die Schlinge plotzlich so stark an, daB dem Maultiere der Hals zugeschnilrt 
wurde; es verlor den Atem und stilrzte zu Boden. 

»Haltet test, bis ich den Racker festhabe, und laBt dann los!« rief Sam. 

Er sprang hinzu und stellte sich, obgleich das auf dem Boden liegende Lier mit den Beinen um sich schlug, 
hart neben dasselbe. 

» Jetzt! « sagteer. 

Ich lieB den Lasso los; das Maultier bekam Luft und sprang auf; ebenso schnell hatte sich Sam auf seinen 
Rilcken geschwungen. Es blieb einige Augenblicke bewegungslos stehen, wie vor Schreck erstarrt; dann 
aber ging es in die Luft, bald vorn, bald hinten; dann sprang es plotzlich mit alien Vieren auf die Seite, 
machte einen Katzenbuckel, aber der kleine Sam saB fest. 

»Bringt mich nicht herunter! « rief er mir zu. » Jetzt wird es das Letzte versuchen und mit mir 
Wartet hier auf mich; ich bring es gezahmt zuruck!« 



Aber da hatte er sich geirrt. Es ging keineswegs mit ihm durch, sondern es warf sich plotzlich nieder und 
walzte sich. Es konnte dem kleinen Kerl alle Rippen brechen; er muflte aus dem Sattel. Ich sprang aus dem 
Sattel, ergriff den am Boden schleifenden Lasso wieder und schlang inn schnell zweimal urn die starke 
Wurzel eines daneben stehenden Busches. 

Da hatte das Maultier seinen Reiter abgestreift und sprang auf. Es wollte fortsturmen, aber die Wurzel hielt 
fest; der Lasso wurde angespannt und die Schlinge zog sich wieder scharf zusammen; das Tier stilrzte 
abermals nieder. 

Sam Hawkens hatte sich auf die Seite retiriert, betastete sich die Rippen und die Schenkel, zog ein Gesicht, 
als ob er Sauerkraut mit Pflaumenmus gegessen hatte, und sagte: 

»LaBt die Bestie laufen; die bandigt kein Mensch, wenn ich mich nicht irre.« 

»Das ware! Mochte mich von keinem Maultiere beschamen lassen, dessen Vater kein Gentleman, sondern 
ein Esel gewesen ist. Es wird gehorchen mtissen. PaBt auf! « 

Ich schlang den Lasso von der Wurzel ab und stellte mich mit weit ausgespreizten Beinen ilber das Tier. 
Sobald es Lot! bekam sprang es auf. Jetzt kam es vor alien Dingen auf den kraftigsten Schenkeldruck an, 
und da war ich dem kleinen Sam wohl ilber. Eine Pferderippe muB sich unter dem Schenkel des Reiters 
biegen; das drilckt die Eingeweide zusammen und macht Todesangst. Wahrend das Maultier dieselben 
Mittel, mich abzuwerfen wie vorher bei Sam versuchte, nahm ich den Lasso auf, welcher, vom Halse 
herabhangend, auf der Erde lag, wand ihn zusammen und faBte ihn dann hart hinter der Schlinge fest. Diese 
zog ich an, sobald ich bemerkte, daB sich das Tier niederwerfen wollte; durch diese Manipulation und den 
Schenkeldruck wurde es auf den Beinen gehalten. Es war ein boser Kampf, ich mochte sagen, Kraft gegen 
Kraft; ich begann aus alien Poren zu schwitzen; aber das Maultier schwitzte noch weit mehr; der SchweiB 
rann ihm vom Leibe, und vom Maule troff der Schaum in groBen Flocken. Seine Bewegungen wurden 
schwacher und mehr unwillkurlich; sem erst wiltendes Schnauben ging in ein kurzes Husten ilber, dann 
endlich brach es unter mir zusammen, nicht mit Willen, sondern weil es von seiner letzten Kraft verlassen 
worden war. Da blieb es bewegungslos und mit verdrehten Augen liegen. Ich holte tief, tief Atem; es war 
mir, als ob in meinem Korper alle Sehnen und Bander zerrissen waren. 

»Heavens, was seid Ihr fur ein Mensch! « rief Sam. 

»Ihr habt ja mehr Krafte als das Tier gehabt! Konntet Ihr Euer Gesicht sehen, so wtlrdet Ihr erschrecken!« 

»Glaube es.« 

»Eure Augen sind herausgetreten, Eure Lippen geschwollen und Eure Wangen formlich blau! « 

»Das kommt daher, daB man ein Greenhorn ist und sich nicht abwerfen lassen will, wahrend ein Anderer, 
der Meister in der Mustang) agd ist, klilger war und sich abstreifen lieB, nachdem es ihm vorher gar 
passierte, daB er sein eigenes Pferd ans Maultier hing und beide dann spazierenlaufen lieB.« 

Er machte ein doppelt jammerliches Gesicht und bat im klaglichsten Tone: 

»Schweigt davon, Sir! Ich sage Euch, es kann dem tilchtigsten Jager einmal so etwas passieren. Ihr habt 
gestern und heut zwei gute Tage gehabt. « 

»Hoffe, noch mehr solche Tage zu erleben. Dafiir waren sie fur Euch um so schlimmer. Wie steht es denn 
mit Euren Rippen und den andern Knochelchens?« 



»WeiB nicht. Werde sie nachher einmal zusammensuchen und zahlen, sobald mir besser ist. Jetzt klappern 
sie mir alluberall im Leib herum. Das war eine Bestie, wie ich noch keine zwischen den Beinen gehabt 
habe! Hoffe, dafl sie nun zu Verstand kommen wird!« 

»Das ist sie schon. Sent, wie matt sie daliegt, grad wie zum Erbarmen. Wollen ihr den Sattel auf- und den 
Zaum anlegen. Ihr reitet sie nach Hause.« 

»Da wird sie wieder zu bocken anfangen! « 

»Fallt ihr nicht ein! Die hat genug. Sie ist ein gescheites Viehzeug, und Ihr werdet gaiiz gluckhch sein, sie 
gefangen zu haben.« 

»Ja, das glaube ich. Hatte es aber auch von allem Anfang gleich auf sie abgesehen. Ihr auf den Schimmel, 
was eine sehr grofle Dummheit war.« 

»Wiflt Ihr das so genau?« 

»Natilrlich war es eine Dummheit! « 

»Das meine ich nicht, sondern dafl ich es auf den Schimmel abgesehen hatte. « 

» Auf was denn?« 

»Auch auf das Maultier.« 

»Wirkhch?« 

»Ja. Wenn ich auch ein Greenhorn bin, so viel weifl ich doch, dafl ein Schimmel nichts fur einen Westmann 
taugt. Das Maultier gefiel mir gleich, als ich es sah.« 

» Ja, einen guten Pferdeverstand habt Ihr, das mufl man zugeben.« 

»Will wilnschen, dafl bei Euch der Menschenverstand ebenso gut ist, lieber Sam! Jetzt kommt, und helft 
mir, das Tier von der Erde aufzubringen! « 

Wir zogen das Maultier empor. Es stand still und zitterte an alien Gliedern. Es straubte sich auch nicht, als 
wir ihm den Sattel mi • Im illten und den Zaum anlegten. Und als Sam aufgestiegen war, gehorchte es dem 
Ztigel willig und so feinfuhlig wie ein zugerittenes Pferd. 

»Es hat schon einen Herrn gehabt,« meinte der Kleine, »der ein guter Reiter gewesen sein mufl; das merke 
ich schon. Wird ihm davongelaufen sein. Wiflt Ihr, wie ich es nennen werde?« 



»Mary. Habe schon frilher einmal ein Maultier geritten, welches Mary hiefl, und brauche mir nicht die 
Milhe zu geben, einen andern Namen auszusinnen.« 

»Also das Maultier Mary und das Gewehr Liddy!« 

»Ja. Sind zwei allerliebste Namen. Nicht? Und nun mufl ich Euch bitten, mir einen groflen Gefallen zu 



»Gern. Welchen?« 

»Sprecht nicht ilber das, was hier geschehen ist! Werde es Euch hoch anrechnen.« 

»Unsinn! Etwas. was sicli ganz von selbst versteht. brauclit gar nicht angerechnet zu werden « 

»Dieses doch. Mochte die Bande da oben im Lager lachen horen, wenn sie erfiihre, wie Sain Hawkens zu 
seiner neuen, holden Mary gekommen ist! Wilrde ein Gaudium fur sie sein, ein grofles Gaudium. Wenn Ihr 
den Mund haltet, werde ich « 

»Bitte, seid still! « unterbrach ich ihn. »Es ist gar nicht notwendig, ein Wort darilber zu verlieren. Ihr seid 



Lehrer und mein Freund. Mehr brauch ich doch nicht zu sagen.« 

Da wurden seine kleinen, listigen Aeuglein feucht, und er rief begeistert aus: 

»Ja, Euer Freund bin ich, Sir, und wenn ich wiiflte, dafl Ihr mir auch ein klein wenig Liebe schenken 
wolltet, so wilrde das fur mein altes Herz eine groBe, aufrichtige Freude und Wonne sein.« 

Ich reichte ihm die Hand und antwortete 

»Diese Freude kann ich Euch machen, lieber Sam. Ihr konnt versichert sein, daB ich Euch lieb habe, so lieb, 
wie - wie - na, so, wie man ungefahr einen recht guten, braven und ehrlichen Onkel liebt. Ist Euch das 
genug?« 

»Vollauf, Sir, vollauf! Ich bin so entzilckt darilber, daB ich Euch daftlr, womdgleich [womoglich] gleich 
hier auf der Stelle, eine recht groBe Gegenfreude bereiten mochte. Sagt mir, was ich tun soil! Soil ich - - 
soil ich - - zum Beispiel hier diese neue Mary vor Euern Augen mit Haut und Haar auffressen? Oder soil 
ich, falls Euch das lieber ist, mich selbst marinieren, frikassieren und verschlingen? Oder soil ich « 

» Haltet ein!« lachte ich. »In jedem dieser beiden Falle wilrde ich Euch verlieren, derm in dem einen wilrdet 
Ihr zerplatzen und in dem andern an einer bosen Indigestion zugrunde gehen, da Ihr doch Eure Perilcke mit 
verschlingen muBtet, die Euer Magen doch unmdglich verdauen konnte. Ihr habt mir schon genug Gefallen 
getan und werdet mir wohl auch fernerhin noch manche Liebe zu erweisen haben. LaBt also vorderhand die 
Mary und auch Euch selbst am Leben, und macht, daB wir bald wieder in das Lager kommen. Ich mochte 
arbeiten.« 

»Arbeiten! Das habt Ihr doch auch hier getan, denn wenn das keine Arbeit war, so weiB ich nicht, was ich 
Arbeit nennen soll.« 

Ich band Dick Stones Pferd mit dem Lasso an das meinige, dann ritten wir fort. Die Mustangs waren 
indessen natiirlich schon langst entwichen; das Maultier gehorchte seinem Reiter willig, und Sam rief 
unterwegs mehreremal freudig aus: 

»Sie hat Schule, diese Mary, eine sehr gute Schule! Ich fiihle und bemerke bei jedem Schritte immer mehr, 
daB ich von heut an vortrefflich beritten sein werde. Sie besinnt sich jetzt auf das, was sie frtlher gelernt 
und dann unter den Mustangs wieder vergessen hat. Hoffentlich hat sie nicht bloB Temperament, sondern 
auch Charakter.« 

» Wenn sie ihn nicht hat, so konnt Ihr in [ihn] ihr noch beibringen. Sie ist noch nicht zu alt dazu.« 



»Wie alt denkt Ihr, daB sie ist?« 

»Filnf Jahre, mehr nicht.« 

»Das ist auch meine Ansicht. Werde sie nachher genau untersuchen, ob dies richtig ist. Habe das Tier Euch 
zu verdanken, nur Euch. Waren zwei bose Tage fur mich, sehr bose, fur Euch aber sehr ehrenvoll. Hattet 
Ihr geglaubt, die Bison- und auch die Mustangjagd so schnell hintereinander kennen zu lernen?« 

» Warum nicht? Man muB hier im Westen auf alles gefaBt sein. Ich hoffe auch noch andere Jagden kennen 
zu lernen.« 

»Hm, ja. Will wiinschen, daB Ihr dann ebenso davon kommt wie gestern und heut. Gestern besonders hing 
Euer Leben an einem Haare. Habt zuviel gewagt. Ihr dilrft nie vergessen, daB Ihr ein Greenhorn seid. LaBt 
dieser Mensch den Buffel ruhig an sich kommen und schieBt ihn dann in die Augen! Hat man je so etwas 
erlebt! Ihr seid noch unerfahren und habt die Bisons unterschatzt. Nehmt Euch in Zukunft mehr in acht, und 
traut Euch nicht zuviel zu! Die Jagd auf den Bison ist hochst gefahrlich. Es gibt nur eine einzige, welche 
noch gefahrlicher ist.« 

»Welche?« 

»AufdenBaren.« 

»Da meint Ihr doch nicht etwa den schwarzen Baren mit gelber Schiiauze'.'« 

»Den Baribal? Fallt mir nicht ein! Der ist ein sehr gutmutiges und friedfertiges Viehzeug, welchen man 
Wascheplatten und Filetstricken lehren konnte. Nein, ich meine den Grizzly, den grauen Baren der 
Felsengebirge. Da Ihr von allem gelesen habt, so wohl auch von ihm?« 



»So seid froh, wenn Ihr keinen zu sehen bekommt. Wenn er sich aufrichtet, ist er ilber zwei FuB langer als 
Ihr; mit einem einzigen Bisse verwandelt er Euern Kopf in Knochenbrei, und wenn er einmal angegriffen 
und in Wut versetzt worden ist, so ruht er nicht, bis er seinen Feind zerrissen und vernichtet hat.« 

»Oder dieser ihn!« 

»Oho! Seht, da tritt schon wieder Euer groBer Leichtsinn zutage! Ihr redet von dem machtigen, 
unilberwindlichen grauen Baren mit einer Geringschatzung, als ob es sich um einen kleinen, ungefahrlichen 
Waschbaren handle. « 

»Das nicht. Es fallt mir gar nicht ein, ihn gering zu schatzen; aber unuberwindlich, wie Ihr sagt, ist er 
jedenfalls nicht. KeinRaubtier ist unubenvindhch auch der Grizzly uicht « 



»Das habt Ihr wohl auch gelesen?« 



»Hm! Ich glaube, die Bilcher, welche Ihr gelesen habt, sind an Euerm Leichtsinn schuld. Ihr seid doch 
sonst ein ganz verstandiger Kerl, wenn ich mich nicht irre. Ihr waret imstande und gingt auf einen grauen 
Baren grad so los wie gestern auf die Bisons. « 

» Wenn ich nicht anders konnte - ja.« 



»Nicht anders konnte! Unsinn! Was meint Ihr mit diesen Worten? Jeder Mensch kann anders, wenn er 
will!« 

»Das heiBt, er kann ausreiBen, wenn er feig ist. Das meint Ihr doch?« 

»Ja; aber von feig sein ist dabei keine Rede. Es ist keine Feigheit, den Grizzly zu fliehen; im Gegenteile, es 
ist geradezu Selbstmord, der reinste Selbstmord, ihn anzugreifen.« 

»Da gehen unsere Ansichten auseinander. Wenn er mich tiberrascht und mir keine Zeit zur Flucht laBt, muB 
ich mich wehren. Wenn er sich ilber einen Kameraden von mir hermacht, muB ich diesem zu Hilfe 
kommen. Das sind zwei Falle, in denen ich nicht fliehen kann oder darf Und auBerdem kann ich es mir 
ganz gut denken, daB ein kilhner Westmann es mit dem grauen Baren auch ohne Not aufnimmt, um seinen 
Mut zu betatigen, ein so gefahrliches Raubtier unschadlich zu machen und nebenbei sich dann die Schinken 
und die Tatzen ausgezeichnet schmecken zu lassen.« 

»Ihr seid ein ganz unverbesserlicher Mensch, und es wird mir himmelangst um Euch. Dankt lieber Gott, 
wenn Ihr diese Schinken und Tatzen niemals kennen lernt! Dabei will ich freilich nicht verhehlen, daB es 
keine groBere Delikatesse gibt, soweit die Erde reicht; sie gehen sogar noch weit ilber die feinste 
Buffellende.« 

»Wahrscheinlich braucht Ihr jetzt noch nicht um mich besorgt zu sein. Oder sollte es auch hier in dieser 
Gegend graue Baren geben?« 

»Warum nicht? Der Grizzly kommt im ganzen Gebirge vor; er folgt den Fltissen und geht zuweilen sogar 
weit in die Prarie hinein. Wehe dem, auf den er trifft! Reden wir nicht mehr davon!« 

Er ahnte ebensowenig wie ich, daB schon am nachsten Tage dieses Thema wieder und noch ganz anders als 
heut zur Sprache kommen und dieses so gefurchtete Tier uns in den Weg treten werde. Es gab ilberhaupt 
keine Zeit, das Gesprach fortzufiiliren. derm wir waren jetzt bei dem Lager angelangt. Man hatte es eine 
ziemliche Strecke vorgeschoben, weil dieselbe wahrend unserer Abwesenheit vermessen worden war. 
Bancroft hatte sich mit den drei Surveyors auBerordentlich ins Zeug gelegt, um endlich auch einmal zu 
zeigen, was er leisten konnte. Wir erregten Aufsehen. 

»Ein Maultier, ein Maultier!« wurde gerufen. »Wo habt Ihr es her, Hawkens, woher?« 

»Direkt geschickt bekommen,« antwortete er im ernsthaftesten Tone. 

»Nicht moglich! Von wem, von w em?« 

»Durch die Eilpost, per Kreuzband fur zwei Cents. Wollt ihr den Umschlag vielleicht sehen?« 

Einige lachten, die Andern schimpften; aber er hatte seinen Zweck erreicht; man fragte ihn nicht weiter. Ob 
er gegen Dick Stone und Will Parker jetzt gleich mitteilsamer war, konnte ich nicht beobachten, weil ich 
mich sofort an der Vermessungsarbeit beteiligte. Diese schritt bis zum Abend so weit fort, daB wir morgen 
frilh das Tal in Angriff nehmen konnten, in welchem wir gestern das Zusammentreffen mit den Bisons 
gehabt hatten. Als wir am Abende davon sprachen, fragte ich Sam, ob wir da vielleicht von den Buffeln 
gestort werden 

[Tafel Nr. 2: "Bd. VII. Seite Arme hielten den Baum test umschlungen ... (Zu S. 87.)"] konnten, da diese, 
wie es ja scheinen wollte, ihre Richtung durch das Tal einschlagen wilrden. Wir hatten es mit einem 
Vortrupp zu tun gehabt und konnten uns nun wohl auf das Erscheinen der Hauptherde gefaBt machen. Da 
antwortete er: 



»Denkt das ja nicht, Sir! Die Bisons sind nicht weniger klug als die Mustangs. Die von uns verjagten 
Vorposten sind zurilckgekehrt und haben die Herde gewarnt; diese schlagt nun sicher eine ganz andere 
Richtung ein und wird sich hiiten, durch dieses Tal zu kommen.« 

Als der Morgen anbrach verlegten wir unser Lager nach dem oberen Teil desselben. Hawkens, Stone und 
Parker beteiligten sich nicht daran, denn der Erstere wollte seine neue "Mary" zureiten, und die beiden 
Andern begleiteten ihn, als er sich nach der Prairie entfernte, auf welcher wir das Maultier gefangen hatten; 
dort gab es fur sein Vorhaben Platz genug. 

Wir Surveyors beschaftigten uns zunachst mit dem Anbringen der MeBstangen, wobei uns einige 
Untergebene von Rattler halfen; dieser selbst schlenderte mit den Andern nichtstuend in der Umgebung 
herum. Dabei kamen wir und auch er der Stelle naher an welcher ich die beiden Buffels erlegt hatte. Zu 
meinem Erstaunen bemerkte ich da, daB der alte Bulle nicht mehr da war. Wir gingen hin und sahen, daB 
von dem Punkte, wo er gelegen hatte, eine breite Spur nach den Bilschen fuhrte; das Gras war gegen zwei 
Ellen breit niedergeschleift. 

»Alle Wetter! 1st so etwas moglich?« rief Rattler aus. »Ich ha be. als wir das Fleisch holten, die beiden 
Bullen doch genau untersucht; sie waren tot, und doch hat dieser hier noch Leben in sich gehabt.« 

»Meint Ihr das?« fragte ich ihn. 

oJawohl. Oder denkt Ihr, daB ein toter Buffel sich entfernen kann?« 

»MuB er sich selbst entfernt haben'' Er kann doch auch entfernt worden sein.« 



»Von Indianern zum Beispiel. Wir haben weiter oben die Spur eines IndianerfuBes entdeckt « 

»So! Wie klug und weise doch so ein Greenhorn reden kann! Wenn er von Indianern fortgeschafft worden 
ware, woher sollen diese gekommen sein?« 

»Irgend woher. « 

»Das ist sehr richtig. Vielleicht sogar vom Himmel herunter! Denn von da herunter mtissen sie gefallen 
sein, weil man sonst ihre Fahrte sehen milBte. Nein, es ist noch Leben in dem Buffel gewesen, und er hat 
sich, als er erwachte, von hier fort und in die Bilsche geschleppt; dort ist er natilrlich inzwischen verendet. 
Wollen gleich einmal nachsuchen.« 

Er ging mit seinen Leuten der Spur nach. Vielleicht hatte er geglaubt, ich wilrde mitgehen; ich tat dies aber 
nicht, denn die hohnische Art und Weise, in der er mit mir gesprochen hatte, gefiel mir nicht, und ich hatte 
zu arbeiten; ilbrigens konnte es mir auch sehr gleichgultig sein, wohin die Leiche des alten Bullen 
gekommen war. Ich wendete mich also meiner Beschaftigung wieder zu, hatte aber noch nicht zur 
MeBstange gegriffen, als aus dem Gebilsch ein vielstimmiges Angstgeschrei erscholl; zwei, drei Schilsse 
krachten, und dann horte ich Rattler rufen: 

» Auf die Baume, schnell auf die Baume, sonst seid ihr verloren! Er kann nicht klettern.« 

Wen meinte er, der nicht klettern konnte? Da kam einer seiner Leute aus dem Gebilsch gesprungen, und 
zwar in Satzen, wie man sie nur in der Todesangst zu machen vermag. 



s gibt's' 



»Ein Bar, ein gewaltiger Bar, ein grauer Gnzzlvbar!« keuchte er, indem er an mir voruberrannte. 

Zu gleicher Zeit schrie eine zeternde Stimme: 

»Zu Hilfe, zu Hilfe! Er hat mich test! Oh, oh!« 

In dieser Weise konnte ein Mensch nur dann brilllen, wenn er den offenen Rachen des Todes vor sich 
gahnen sah. Der Mann befand sich jedenfalls in der auBersten Gefahr; es muBte ihm Hilfe werden. Aber 
wie? Ich hatte mein Gewehr beim Zelte gelassen, weil es mich bei der Arbeit hinderte. Dies war keine 
Unvorsichtigkeit von mir gewesen. da wir Surveyors |a die Westmanner zu unserem Schutze bei uns hatten. 
Wollte ich erst nach dem Zelte laufen, so wurde der Mann, ehe ich zunickkam, von dem Baren zerrissen; 
ich muBte also hin zu ihm, so wie ich war; ich hatte nur das Messer und die beiden Revolver im Gurtel. 
Was sind aber das fur Waffen gegen einen Grizzlybaren! Der Grizzly ist ein naher Verwandter des 
ausgestorbenen Hohlenbaren und gehort eigentlich mehr der Urzeit als der Gegenwart an. Er wird bis neun 
Fufl lang, und ich habe Exemplare erlegt, welche ebenso viel Zentner schwer waren. Seine Muskelkraft ist 
so riesig, daB er, einen Hirsch, ein Fohlen oder eine Bisonfarse im Rachen, mit Leichtigkeit davontrabt. Ein 
Reiter kann ihm nur dann entfliehen, wenn er em sehr kraftiges und ausdauerndes Pferd besitzt, sonst holt 
ihn der graue Bar sicher ein. Bei der riesigen Starke, der absoluten Furchtlosigkeit und nie ermtidenden 
Ausdauer des Grizzlybaren gilt seine Erlegung unter den Indianern naturlich fur eine ungeheuer kilhne Tat. 

Also ich sprang ins Gebilsch. Die Spur fuhrte noch weiter, bis dahin, wo die Baume begannen. Dorthin 
hatte der Bar den Bullen geschleppt. Von dorther war er vorher gekommen: damm batten wir seine Spur 
nicht sehen konnen, da sie durch das Fortschleifen des Bisons ansgeloscht woiden \\ ar 

Es war ein boser Augenblick. Hinter mir riefen die Surveyors, welche nach dem Zelte zu ihren Waffen 
flohen; vor mir schrien die Westleute, und dazwischen ertonte das unbeschreibliche Schmerzgeheul 
desjenigen von ihnen, den der Bar in seinen Tatzen hatte. 

Ich kam mit jedem Sprunge, den ich tat, naher; jetzt horte ich die Stimme des Baren, oder vielmehr nicht 
die Stimme, denn auch dadurch, daB es keine Stimme hat, unterscheidet sich dieses gewaltige Tier von den 
andern Barenarten; es brummt nicht, sondern sein einziger Laut in Zorn oder Schmerz ist ein 
eigentumliches, lautes und rasches Schnauben und Fauchen. 

Nun war ich da. Vor mir lag der vollstandig zerfleischte Leib des Bisons; rechts und links schrien mir die 
Westmanner zu, welche sich rasch auf die Baume retiriert hatten und sich dort ziemlich sicher fuhlten, denn 
man hat wohl selten oder gar nie einen Grizzly aufbaumen sehen. Gradaus, jenseits der Buffelleiche, hatte 
einer der Westmanner einen Baum erklimmen wollen, war aber von dem Baren dabei uberrascht worden. 
Er lag mit dem Oberleib, sich mit beiden Armen am Stamme festhaltend, auf dem ersten, niedrigen Aste, 
und der Grizzly, welcher sich hoch aufgerichtet hatte, wilhlte ihm mit den Vorderpranken in den Schenkeln 
und dem Unterleibe. Der Mann war dem Tode geweiht, unrettbar verloren; ich konnte ihm nicht helfen, und 
niemand hatte, wenn ich wieder fortgelaufen ware, das Recht gehabt, mir daruber einen Vorwurf zu 
machen; aber der Anblick, welcher sich mir bot, wirkte mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich raffte eins der 
weggeworfenen Gewehre auf; es war leider abgeschossen. Ich drehte es um, sprang ilber den Btiffel 
hinuber und versetzte dem Baren aus alien mir zu Gebote stehenden Kraften einen Kolbenhieb gegen den 
Schadel. Lacherlich! Das Gewehr zerplitterte wie Glas in meinen Handen; so einem Schadel ist nicht 
einmal mit einem Schlachtbeile beizukommen; aber ich hatte doch den Erfolg, den Grizzly von seinem 
Opfer abzulenken. Er drehte den Kopf nach mir um, nicht etwa schnell, wie es bei einem katzen- oder 
hundeartigen Raubtiere der Fall gewesen ware, sondern langsam, als ob er ilber meinen dummen Angriff 
ganz verwundert sei. Mich mit seinen kleinen Augen messend, schien er zu ilberlegen, ob er bei seinem 
bisherigen Opfer bleiben oder mich anpacken solle; diese wenige [wenigen] Augenblicke retteten mir das 
Leben, denn es kam mir ein Gedanke, der einzige, der mir in der Lage, in welcher ich mich befand, Hilfe 
bringen konnte. Ich riB den einen Revolver heraus sprang ganz nahe zu dem Baren heran, welcher mir 
zwar seinen Kopf, sonst aber den Rilcken zukehrte, und schoB ihn ein-, zwei-, drei-, viermal in die Augen, 
so wie ich nicht weit von hier dem zweiten Buffelbullen zwei Schilsse in die Augen gegeben hatte. Dies 



geschah natilrlich so schnell, wie es mir moglich war; dann sprang ich weit zur Seite und blieb da 
beobachtend stehen, indem ich nun das Bowiemesser zog. 

Ware ich stehen geblieben, so hatte ich es mit dem Leben bezahlt, derm das geblendete Raubtier lieB rasch 
vom Baume ab und warf sich nach der Stelle, an welcher ich mich einen Moment vorher befunden hatte. 
Ich war weg, und nun begann der Bar, unter giftigem Fauchen und wiltenden Tatzenschlagen nach mir zu 
suchen. Er gebardete sich wie wahnsinnig, drehte sich mit alien Vieren um sich selbst, riB die Erde auf, 
machte, mit den Vorderpranken weit um sich langend, Sprilnge nach alien Seiten, um mich zu finden, 
konnte mich aber nicht erwischen, da ich zu meinem Glilcke gut getroffen hatte. Vielleicht hatte ihm der 
Geruch als Fuhrer zu ihm [mir] dienen konnen; aber er war rasend vor Wut, und dies verhinderte ihn, ruhig 
seinen Sinnen, seinem Instinkt zu folgen. 

[Illustration Nr. 6: Ein Grizzly baumt sich auf] 

Endlich richtete er seine Aufmerksamkeit mehr auf seine Verletzungen als auf denjenigen, dem er sie zu 
verdanken hatte. Er setzte sich nieder, richtete sich in dieser Stellung auf und fuhr sich schnaubend und 
zahnefletschend mit den Vordertatzen ilber die Augen. Schnell stand ich neben ihm, holte aus und stieB ihm 
das Messer zweimal zwischen die Rippen. Er griff augenblicklich nach mir, aber ich war schon wieder fort. 
Ich hatte das Herz nicht getroffen, und das Suchen nach mir begann mit erneuter und verdoppelter Wut. 
Dies dauerte wohl zehn Minuten lang. Er verlor dabei viel Blut und wurde sichtlich matt. Dann setzte er 
sich wieder aufrecht hin, um sich nach den Augen zu langen. Dies gab mir Gelegenheit zu zwei weiteren, 
schnell aufeinander folgenden MesserstoBen, und diesmal traf ich besser; er sank, wahrend ich rasch wieder 
zur Seite gesprungen war, vorn nieder, lief taumelnd und fauchend einige Schritte vorwarts, dann zur Seite 
und wieder zurilck, wollte sich abermals aufrichten, hatte aber nicht die Kraft dazu, sondern fiel hin und 
kollerte im vergeblichen Bemuhen, auf die Beine zu kommen, einige Male hin und her, bis er sich lang 
ausstreckte und dann ruhig liegen blieb. 

»Gott sei Dank!« schrie Rattler von seinem Baume herab. »Die Bestie ist tot. Das war eine schreckliche 
Gefahr, in der wir uns befanden.« 

»Wuflte nicht, worin das Schreckliche fur Euch liegen sollte ,<< antwortete ich »Ihr hattet ja sehr gut fur 
Eure Sicherheit gesorgt. Jetzt konnt Ihr herunterkommen.« 

»Nein, nein, noch nicht. Untersucht vorher den Grizzly ob er wirklich tot ist.« 

»Er ist tot.« 

»Das konnt Ihr nicht behaupten. Ihr habt gar keine Ahnung, welch ein zahes Leben so ein Vieh hat. Also 
untersucht ihn doch! « 

»Fiir Euch etwa? Wenn Ihr wissen wollt, ob er noch lebt, so untersucht ihn selbst; Ihr seid ja ein beruhmter 
Westmann, wahrend ich nur ein Greenhorn bin.« 

Ich wendete mich nun zu seinem Kameraden, welcher noch immer in der vorhin beschriebenen Lage an 
dem Baume hing. Er hatte zu heulen aufgehort, und bewegte sich nicht mehr. Sein Gesicht war verzerrt, 
und seine weit offenen Augen stierten verglast zu mir herab. Das Fleisch war ihm bis auf die Knochen von 
den Schenkeln gerissen, und die Eingeweide quollten [quollen] ihm aus dem Unterleibe. Ich beherrschte 
mein Grauen und rief ihm zu: 

»LaBt fahren, Sir! Ich werde Euch herunternehmen.« 

Er antwortete nicht, und keine noch so leise Bewegung verriet, daB er mich verstanden habe. Ich bat seine 
Kameraden, von den Baumen herabzusteigen und mir zu helfen. Diese beruhmten "Westmanner" waren 



nicht eher dazu zu bewegen, als bis ich den Baren einige Male bin- und hergewendet und ihnen dadurch 
bewiesen hatte, daB er wirklich tot sei. Dann erst getrauten sie sich herunter und halfen mir, den so grafllich 
Verstilmmelten auf die Erde zu bringen. Dies hatte seine Schwierigkeiten, denn seine Arme hielten den 
Baum so test umschlungen, daB wir sie nur mit Arm enduing von Gewalt losbringen konnten. Er war tot. 

Dieses schreckliche Ende schien aber seine Kameraden nicht im geringsten anzugreifen, denn sie wendeten 
sich gleichgilltig von ihm ab und dem Baren zu, und ihr Anfuhrer sagte: 

»Jetzt wird es umgekehrt: Vorhin hat der Bar uns fressen wollen, nun wird er von uns gefressen werden. 
Rasch, ihr Leute, das Fell herunter, daB wir zu dem Schinken und den Tatzen kommen! « 

Er zog sein Messer und kniete nieder, um seinen Worten die Tat folgen zu lassen; da aber bemerkte ich 



»Es ware jedenfalls ruhmlicher gewesen, wenn Ihr Euer Messer an ihm versucht hattet, als er noch am 
Leben war. Jetzt ist's zu spat dazu. Gebt Euch keine Milhe.« 

» Was?« fuhr er auf. »Wollt Ihr mich etwa hindern, mir einen Braten herunter zu schneiden?« 

»Das will ich allerdings, Mr. Rattler. « 

»Mit welchem Rechte?« 

»Mit dem besten, unbestreitbarsten Rechte. Ich habe den Baren erlegt.« 

»Das ist nicht war [wahr] Ihr werdet doch nicht behaupten wollen, daB ein Greenhorn einen Grizzly mit 
dem Messer toten kami! Wir liaben. als wir ihn erblickten. auf din geschossen « 

»Und Euch dann schleunigst auf die Baume retinert; ja, das ist wahr, sehr wahr!« 

»Aber unsere Kugeln haben getroffen; an ihnen ist er schlieBlich verendet, nicht aber an den paar 
Nadelstichen, die Ihr ihm, als er schon halb tot war, mit Eurem Messer beigebracht habt. Der Bar ist unser, 
und wir machen mit ihm, was wir wollen. Verstanden?« 

Er wollte sich wirklich an die Arbeit machen; ich aber warnte ihn: 

»LaBt augenblicklich ab von ihm, Mr. Rattler; sonst lehre ich Euch, meine Worte zu achten! Auch 
verstanden?« 

Da er trotzdem mit dem Messer in den Pelz des Baren fuhr, faBte ich ihn so, wie er niedergebilckt vor 
demselben kniete, mit beiden Handen bei den Hilften, hob ihn empor und warf ihn an den nachsten Baum, 
daB es krachte. Es war mir in diesem Augenblicke des Zornes ganz gleichgilltig, ob er dabei etwas brach 
oder nicht. Noch wahrend er durch die Luft flog, riB ich meinen zweiten, noch geladenen Revolver heraus, 
um etwaigen Angriffen schnell zuvorzukommen. Er richtete sich wieder auf, blitzte mich mit vor Wut 
funkelnden Augen an[,] zog sein Messer und rief: 

»Das sollt Ihr mir bezahlen! Ihr habt mich schon einmal geschlagen, und ich werde dafiir sorgen, daB Ihr 
Euch nicht zum drittenmal an mir vergreifen konnt.« 

Er wollte einen Schritt auf mich zu tun; da hielt ich ihm meinen Revolver entgegen und drohte: 

»Noch einen weiteren Schritt, und ich jage Euch eine Kugel in den Kopf! Weg mit dem Messer! Bei "drei" 



schieBe ich, wenn Ihr es in der Hand behaltet. Also: eins - zwei - und « 

Er hielt das Messer test, und ich hatte wirklich geschossen, wenn auch nicht ihni in den Kopf, sondern ich 
hatte ihm zwei oder drei Kugeln durch die Hand gejagt, derm es gait, mir Respekt zu verschaffen; aber ich 
kam glticklicherweise nicht dazu, denn in diesem kritischen Augenblicke erscholl eine laute Stimme: 

»Gents, seid ihr toll! Was konnte es fur einen guten Grund geben, daB WeiBe sich einander die Halse 
brechen! Haltetein!« 

Wir blickten in die Richtung in welcher diese Worte gesprochen wurden, und sahen einen Mann hinter 
einem Baume hervortreten. Er war klein, hager und buckelig und fast wie ein Roter gekleidet und 
bewaffnet. Man konnte nicht recht unterscheiden, ob er ein WeiBer oder ein Indianer war. Sein scharf 
geschnittenes Gesicht deutete auf das letztere, wahrend die Farbe seines jetzt allerdings von der Sonne 
verbrannten Gesichtes wahrscheinlich fruher weifi gewesen war. Er trug den Kopf unbedeckt; das dunkle 
Haar hing ihm bis auf die Schultern herab. Sein Anzug bestand aus einer indianischen Lederhose, einem 
Jagdhemde aus demselben Stoffe und einfachen Mokassins. Bewaffnet war er nur mit einem Gewehre und 
einem Messer. Sein Auge blickte auBerordentlich intelligent, und er brachte trotz seiner MiBgestalt 
keineswegs einen lacherlichen Eindruck hervor. Es sind ja ilberhaupt nur rohe und unverstandige 
Menschen, welche ilber einen unverdienten korperlichen Fehler oder Mangel die Nase rumpfen konnen. Zu 
dieser Sorte gehorte Rattler, denn als er den Ankommling erblickte, rief er lachend aus: 

»Halloo, was kommt denn da fur ein Zwerg und MiBgeschopf gelaufen! Darf es denn hier im schonen 
Westen auch solche Leute geben?« 

Der Fremde maB ihn von unten bis oben und antwortete in ruhigem, ilberlegenem Tone: 

»Dankt Gott, wenn Ihr gesunde Glieder habt! Uebrigens kommt es nicht auf den Korper, sondern auf das 
Herz und den Geist an, und da sage ich Euch, daB ich eine Vergleichung mit Euch nicht zu scheuen 
brauche.« 

Er machte eine geringschatzige Bewegung mit der Hand und wendete sich dann an mich: 

»Habt Ihr Kraft in den Knochen, Sir! Das Experiment, einen so schweren Menschen so weit durch die Luft 
fliegen zu lassen, macht Euch so leicht niemand nach. Es war wirklich eine Wonne, zuzuschauen.« 

Dann stieB er den Grizzly mit dem FuBe an und fuhr in bedauerndem Tone fort: 

»Also das ist der Kerl, den wir haben wollten. Wir sind zu spat gekommen: das ist schade!« 

»Ihr wolltet ihn erlegen?« fragte ich. 

»Ja. Wir fanden gestern seine Fahrte und sind ihr nach, kreuz und quer, durch dick und dtinn, und nun wir 
an Ort und Stelle kommen, mtissen wir leider sehen, daB die Arbeit schon getan ist « 

»Ihr redet in der Mehrzahl, Sir; seid Ihr nicht allein?« 

»Nein. Es sind zwei Gentlemen bei mir.« 

»Wer?« 

»Werde es Euch dann sagen, wenn ich erfahren habe, wer Ihr seid. Ihr wiBt, daB man in dieser Gegend 
nicht vorsichtig genug sein kann. Man stoBt da mehr auf bose als auf gute Menschen. « 



Er streifte dabei Rattler und dessen Leute mit seinem Blicke und fuhr dann freundlich fort: 

»Uebrigens sieht man es einem Gentleman gleich an, daB man ihm trauen darf. Habe den letzten Teil eurer 
Unterhaltung gehort und weiB also so leidlich, woran ich bin.« 

»Wir sind Surveyors, Sir,« erklarte ich ihm. »Ein Oberingenieur, vier Surveyors, drei Scouts und zwdlf 
Westmanner, welche uns gegen etwaige Angriffe zu beschtitzen haben.« 

»Hm, was dieses anbelangt, so scheint Ihr ein Mann zu sein, der keinen Beschutzer braucht. Also 
Surveyors seid Ihr. Ihr befindet Euch hier in Tatigkeit?« 

»Ja.« 

»Was vermeBt Ihr da?« 

»Eme Bahn.« 

»Die hier vorilbergehen soll?« 



»So habt Ihr das Gebiet gekauft?« 

Sein Auge war wahrend dieser Frage stechend und sein Gesicht ernster geworden. Er schien Grund zu 
diesen Erkundigungen zu haben: damm antwortete ich: 

»Ich bin beauftragt, mich an den Vermessungen zu beteiligen, und dies tue ich, ohne mich um das ilbrige zu 
bekummern.« 

»Hm, ja! Denke aber, Ihr wiBt trotzdem sehr wohl, woran Ihr seid. Der Boden, auf welchem Ihr Euch 
befindet, gehort den Indianern, und zwar den Apachen vom Stamme der Mescaleros. Ich kann ganz 
bestimmt behaupten, daB sie dieses Land weder verkauft noch sonst in irgend einer Weise an irgend jemand 

abgetreten haben « 

»Was geht das Euch an!« rief ihm da Rattler zu. »Bekummert Euch nicht um fremde Angelegenheiten, 
sondern um die Eurigen.« 

»Das tue ich auch, Sir, das tue ich, denn ich bin ein Apache, sogar ein Mescalero.« 

»Ihr? LaBt Euch nicht auslachen! Man milBte ja blind sein, um Euch nicht anzusehen, daB Ihr ein WeiBer 

seal « 

»Ihr irrt Euch doch! Ihr dilrft Euch nicht nach meiner Haut, sondern nach meinem Namen richten. Ich 
werde Klekih-petra genannt.« 

Dieser Name bedeutet in der Sprache der Apachen, deren Dialekte ich damals noch nicht kannte, so viel 
wie weiBer Vater. Rattler schien diesen Namen schon gehort zu haben, denn er trat in ironischer 
Verwunderung einen Schritt zurtick und sagte: 

»Ah, Klekih-petra, der bertihmte Schulmeister der Apachen! Schade, daB Ihr buckelig seid; es muB Euch da 
auBerordentlich schwer werden, von den roten Bengels nicht ausgelacht zu werden.« 



»0, das tut nichts, Sir. Ich bin es gewohnt, von Bengels verlacht zu werden, denn vernilnftige Leute tun das 
nicht. Und nun ich weifl, wer Ihr seid und was Ihr hier treibt, kann ich Euch auch sagen, wer meine 
Begleiter sind. Es wird am besten sein, ich zeige sie Euch.« 

Er rief ein Indianerwort, welches ich nicht verstand, in den Wald zurilck, worauf zwei auBerordentlich 
interessante Gestalten erschienen und langsam und wiirdevol] auf uns zukamen. Es waren Indianer, und 
zwar Vater und Sohn, wie man gleich auf den ersten Blick erkennen muflte. 

Der Aeltere war von etwas mehr als mittlerer Gestalt, dabei sehr kraftig gebaut; seine Haltung zeigte etwas 
wirklich Edles, und aus seinen Bewegungen konnte man auf groBe korperliche Gewandtheit schlieBen. Sein 
ernstes Gesicht war ein echt indianisches, doch nicht so scharf und eckig, wie es bei den meisten Roten ist. 
Sein Auge besaB einen ruhigen, beinahe milden Ausdruck, den Ausdruck einer stillen, innern Sammlung, 
die ihn seinen gewohnlichen Stammesgenossen gegenilber ilberlegen machen muBte. Sein Kopf war 
unbedeckt; das dunkle Haar hatte er in einen helmartigen Schopf aufgebunden, in welchem eine 
Adlerfeder, das Zeichen der Hauptlingswurde. steckte. Der Anzug bestand aus Mokassins ausgefransten 
Leggins und einem ledernen Jagdrocke, dies alles sehr einfach und dauerhaft gefertigt. Im Gurtel steckte 
ein Messer, und an demselben hingen mehrere Beutel, in denen alle die Kleinigkeiten steckten, welche 
einem Westmanne notig sind. Der Medizinbeutel hing an seinem Halse, daneben die Friedenspfeife mit 
dem aus heiligem Tone geschnittenen Kopfe. In der Hand hielt er ein doppellaufiges Gewehr, dessen 
Holzteile dicht mit 

[Illustration Nr. 7: Erste Begegnung mit Winnetou und Intschu tschuna] silbernen Nageln beschlagen 
waren. Dies war das Gewehr, welches sein Sohn Winnetou spater unter dem Namen Silberbuchse zu so 
groBer Beruhmtheit bringen so lite. 

Der Jilngere war genau so gekleidet wie sein Vater, nur daB sein Anzug zierlicher gefertigt worden war. 
Seine Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten und die Nahte seiner Leggins und des Jagdrockes mit 
feinen, roten Nahten geschmuckt. Auch er trug den Medizinbeutel am Halse und das Kalumet dazu. Seine 
Bewaffnung bestand wie bei seinem Vater aus einem Messer und einem Doppelgewehre. Auch er trug den 
Kopf unbedeckt und hatte das Haar zu einem Schopfe aufgewunden, aber ohne es mit einer Feder zu 
schmticken. Es war so lang, daB es dann noch reich und schwer auf den Rticken niederfiel. GewiB hatte ihn 
manche Dame um dieses herrliche, blauschimmernde Haar beneidet. Sein Gesicht war fast noch edler als 
dasjenige seines Vaters und die Farbe desselben ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Er 
stand, wie ich jetzt erriet und spater dann erfuhr, mit mir in gleichem Alter und machte gleich heut, wo ich 
ihn zum erstenmal erblickte, einen tiefen Eindruck auf mich. Ich fuhlte, daB er ein guter Mensch sei und 
auBerordentliche Begabung besitzen mtisse. Wir betrachteten einander mit einem langen, forschenden 
Blicke, und dann glaubte ich, zu bemerken, daB in seinem ernsten, dunklen Auge, welches einen 
sammetartigen Glanz besaB, fur einen kurzen Augenblick ein freundliches Licht aufglanzte, wie ein GruB, 
den die Sonne durch eine Wolkenoffnung auf die Erde sendet. 

»Das sind meine Freunde und Begleiter,« sagte Klekih-petra, indem er erst auf den Vater und dann auf den 
Sohn deutete. »Dieser ist Intschu tschuna (* Gute Sonne.), der groBe Hauptling der Mescaleros, welcher 
auch von alien ilbrigen Apachenstammen als Hauptling anerkannt wird. Und hier steht sein Sohn 
Winnetou, welcher trotz seiner Jugend schon mehr kilhne Taten verrichtet hat, als sonst zehn alte Krieger in 
ihrem ganzen Leben ausgefuhrt haben. Sein Name wird einst genannt und geruhmt werden, so weit die 
Savannen und die Felsengebirge reichen.« 

Das klang uberschwanglich. war aber, wie ich spater erfuhr, gar nicht zu viel gesagt. Rattler lachte 
hohnisch auf und rief aus: 

»So ein junger Kerl und soil schon solche Taten begangen haben? Ich sage mit Absicht "begangen", denn 
was er ausgefuhrt hat werden doch nur Diebereien, Spitzbubereien und Raubereien gewesen sein. Man 
kennt das schon. Die Roten stehlen und rauben alle.« 



Dies war eine schwere Beleidigung. Die drei Fremden taten so, als ob sie sie nicht gehort hatten. Sie traten 
zu dem Baren und betrachteten denselben. Klekih-petra bilckte sich nieder und untersuchte ihn. 

»Er ist an den Messerstichen und nicht an einer Kugel gestorben,« sagte er, zu mir gewendet. 

Er hatte meinen Streit mit Rattler heimlich angehort und wollte mir nun konstatieren, daB ich recht gehabt 
hatte. 

»Wird sich finden,« sagte Rattler. »Was versteht so ein buckeliger Schulmeister von der Barenjagd. Wenn 
wir nachher dem Tiere das Fell abgezogen haben, so werden wir ganz deutlich sehen, welche Wunde 
todlich gewesen ist. Von einem Greenhorn lasse ich mich nicht um mein Recht betrilgen.« 

Da bilckte sich auch Winnetou zu dem Baren nieder, betastete ihn an den Stellen, wo er blutig war, und 
fragte mich, als er sich wieder aufgerichtet hatte: 

» Wer hat dieses Tier mit dem Messer angegriffen?« 

Er sprach ein sehr reines Englisch. 

»Ich,« antwortete ich. 

» Warum hat mein junger, \\ eiBer Bruder nicht auf ihn geschossen?« 

» Weil ich kein Gewehr bei mir hatte. « 

»Hier liegen doch Flinten! « 

»Die gehoren nicht mir. Diejenigen, deren Eigentum sie sind, warfen sie weg und kletterten auf die 
Baume. « 

»Als wir der Spur des Baren folgten, horten wir in der Feme ein groBes Angstgeschrei. Wo ist das 
gewesen?« 

»Hier.« 

»Uff! Die Eichhornchen und Stinktiere sind da, um auf die Baume zu fliehen, wenn ein Feind sich ihnen 
naht. Der Mann aber soil kampfen. denn wenn er Mut besitzt, so ist ihm die Macht gegeben, selbst das 
starkste Tier zu tlberwinden. Mein junger, weiBer Bruder hat solchen Mut besessen. Warum wird er da ein 
Greenhorn genannt?« 

» Weil ich zum erstenmal und nur erst kurze Zeit im Westen bin.« 

»Die Bleichgesichter sind sonderbare Menschen. Bei ihnen wird ein Jungling, welcher sich nur mit dem 
Messer an den schrecklichen Grizzly wagt, Greenhorn geschimpft; diejenigen aber, welche aus Furcht auf 
die Baume klettern und da oben vor Entsetzen heulen, dilrfen sich fur tilchtige Westmanner halten. Die 
roten Manner sind gerechter. Bei ihnen kann ein Tapferer nie als Feigling und ein Feigling nie als Tapferer 
gelten.« 

»Mein Sohn hat sehr richtig gesprochen,« stimmte sein Vater in einem etwas weniger guten Englisch bei. 
»Dieses junge Bleichgesicht ist kein Greenhorn mehr. Wer den Grizzly in dieser Weise erlegt, der ist ein 
groBer Held zu nennen. Und wer es gar noch tut, um Andere zu retten, die auf die Baume entwichen sind, 
der kann von ihnen Dank aber nicht Schimpfreden erwarten. Howgh! Gehen wir hinaus ins Freie, um zu 



sehen, warum die Bleichgesichter sich hier in dieser Gegend befinden.« 

Welch ein Unterschied zwischen meinen weiBen Begleitern und diesen von ihnen verachteten Indianern! 
Der Gerechtigkeitssinn der Roten trieb sie, ohne daB sie es notig hatten, sich zu meinen Gunsten 
auszusprechen. Es war sogar ein Wagnis, daB sie dies taten. Sie waren nur zu dreien und wuBten nicht, 
wieviel Kopfe wir zahlten; sie begaben sich gewiB in eine Gefahr, wenn sie sich unsere Westmanner zu 
Feinden machten. Daran schienen sie aber gar nicht zu denken. Sie gingen langsam und mit stolzen 
Schritten an uns vorilber und dann aus dem Gebilsch hinaus. Wir folgten ihnen. Da sah Intschu tschuna die 
MeBpfahle stecken, blieb stehen, wendete sich zu mir zuruck und fragte: 

»Was wird hier getrieben? Wollen die Bleichgesichter etwa dieses Land vermessen?« 

»Ja.« 

»Wozu?« 

»Um einen Weg fur das FeuerroB zu bauen.« 

Sein Auge verlor den ruhigen, sinnenden Blick; es leuchtete zornig auf, und fast hastig erkundigte er sich: 

»Du gehorst zu diesen Leuten?« 

»Ja.« 

»Und hast mit vermessen?« 



»Du wirst bezahlt dafur?« 



Da war es ein verachtlicher Blick, den er ilber mich hinweggleiten lieB, und ebenso verachtlich klang sein 
Ton, als er zu Klekih-petra sagte: 

»Deine Lehren klingen sehr schon, aber sie treffen nicht oft zu. Da hat man endlich einmal ein junges 
Bleichgesicht gesehen mit einem tapferen Herzen, offenem Gesicht und ehrlichen Augen, und kaum hat 
man gefragt, was es hier tut, so ist es gekommen, um uns gegen Bezahlung unser Land zu stehlen. Die 
Gesichter der WeiBen mogen gut sein oder bos, im Innern ist doch Einer wie der Anderek 

Wenn ich ehrlich sein will, so muB ich sagen, daB ich keine Worte zu meiner Verteidigung hatte finden 
konnen; ich fuhlte mich innerlich beschamt. Der Hauptling hatte recht; es war so, wie er sagte. Konnte ich 
etwa stolz auf meinen Beruf sein, ich streng moralischer, christlicher Landesvermesser? 

Der Oberingenieur hatte sich mit den drei Surveyors in das Zelt versteckt. Sie blickten durch ein Loch 
desselben nach dem gefurchteten Baren aus. Als sie uns kommen sahen, wagten sie sich hervor, nicht 
wenig erstaunt oder vielleicht auch betroffen darilber, daB sie die Indianer bei uns sahen. Sie empfingen uns 
natilrlich mit der Frage, wie wir uns des Baren erwehrt hatten. Da antwortete Rattler schnell: 

»Wir haben ihn erschossen, und zu Mittag wird es Barentatzen, heut abend aber Barenschinken zu essen 

geben « 



Unsere drei Gaste sahen mich an, ob ich mir dies gefallen lassen wiirde; darum machte ich die Bemerkung: 

»Und ich behaupte, daB ich ihn erstochen habe. Hier stehen drei Sachverstandige, welche mir recht 
gegeben haben; das soil aber gar nicht entscheidend sein. Wenn nachher Hawkens, Stone und Parker 
kommen, mogen sie ihre Urteile abgeben, nach denen wir uns richten werden. Bis dahin bleibt der Bar 
unangeruhrt liegen.« 

»Den Teufel werde ich mich nach diesen dreien richten! « murrte Rattler. »Ich gehe mit meinen Leuten hin, 
urn den Baren aufzubrechen, und wer uns da hindern will, dem jagen wir ein halbes Dutzend Kugeln in den 
Leib!« 

»Tut nicht so dick, sonst mache ich Euch dilnn, Mr. Rattler! Vor Euren Kugeln furchte ich mich nicht so, 
wie Ihr Euch vor dem Baren gefurchtet habt. Ihr jagt mich auf keinen Baum; das laBt Euch nur gesagt sein! 
DaB Ihr hingeht. dagegen habe icb nichts erwarte aber, daB Ihr es nur Eures toten Kameraden wegen tut, 
den Ihr begraben mogt. So liegen lassen dilrft Ihr ihn doch nicht.« 

»Es ist einer tot?« fragte Bancroft erschrocken. 

»Ja, Rollins,« antwortete Rattler. »Dieser arme Teufel hat auch nur wegen der Dummheit eines Andern sein 
Leben lassen mtissen, sonst hatte er sich retten konnen.« 

» Wieso? Wessen Dummheit?« 

»Nun, er machte es grad so wie wir und sprang nach einem Baum; er ware ganz gut hinaufgekommen, aber 
da kam dieses Greenhorn alberner Weise gerannt und reizte den Baren, welcher sich dann wiltend auf 
Rollins stilrzte und ihn zerfleischte.« 

Das war die Schlechtigkeit derm doch zu weit getrieben; ich stand beinahe sprachlos vor Erstaunen. Die 
Sache in dieser Weise darzustellen, und noch dazu in meiner Gegenwart, das durfte ich derm doch nicht 
dulden! Darum wandte ich mich schnell mit der Frage an ihn: 

»Das ist Eure Ueberzeugung, Mr. Rattler? « 

»Yes,« mckte er entschlossen. Er zog seinen Revolver heraus, derm er erwartete eine Tatlichkeit von mir. 

»Rollins hatte sich retten kdnnen und wurde nur durch mich verhindert?« 



»Ich meine aber, daB der Bar ihn schon gefaBt hatte, ehe ich kam' « 

»Das ist eine Lilge!« 

»Well, so sollt Ihr jetzt die Wahrheit horen oder fuhlen.« 

Bei diesen Worten riB ich ihm mit der Linken den Revolver aus der Hand und gab ihm mit der Rechten 
eine so gewaltige Ohrfeige, daB er wohl sechs bis acht Schritte weit fort und da zur Erde flog. Er sprang 
auf, riB sein Messer heraus und kam, wie ein wiltendes Tier brilllend, auf mich zugerarmt. Ich parierte den 
Messerstich mit der linken Hand und schlug ihn mit der rechten Faust nieder, daB er zu meinen FilBen ohne 
Besinnung liegen blieb. 



»Uff, uff!« rief Intschu tschuna erstaunt, indem er vor Bewunderung dieses Jagdhiebes die gebotene 
indianische Zurilckhaltung vergaB. Im nachsten Augenblicke jedoch sah man ihm schon an, daB er diese 
Anerkennung bereute. 

»Das war wieder Shatterhand,« sagte der Surveyor Wheeler. 

Ich achtete nicht auf diese Worte, sondern hielt mein Auge auf Rattlers Kameraden gerichtet. Sie waren 
sichtlich wiitend, aber es wagte keiner, mit mir anzubinden. Sie murrten und fluchten unter sich; aber das 
war audi all.es was sie taten 

»Nehmt Rattler doch einmal ernstlich vor, Mr. Bancroft,« forderte ich den Oberingenieur auf. »Ich habe 
ihm nichts getan, und doch sucht er sich stets an mir zu reiben. Ich furchte, es kommt noch Mord und 
Totschlag hier im Lager vor. Lohnt ihn ab, und wenn Euch das nicht beliebt, nun, so kami ich ja gehen.« 

»Oho, Sir, so schlimm ist die Sache denn doch wohl nicht! « 

»Ja, so schlimm ist sie. Hier habt Ihr sein Messer und seinen Revolver. Gebt ihm diese Waffen nicht eher, 
als bis er sich beruhigt hat, nachdem er wieder zu sich gekommen ist. Denn ich sage Euch, ich wehre mich 
meiner Haut, und wenn er mir noch einmal mit einer Waffe kommt, so schieBe ich ihn nieder. Ihr nennt 
mich ein Greenhorn, aber ich kenne doch die Gesetze der Prairie. Wer mir mit dem Messer oder der Kugel 
droht, den darf ich augenblicklich erschieBen.« 

Dies gait naturlich nicht nur Rattlern, sondern auch seinen "Westmannern", von denen keiner ein Wort 
dazu sagte. Jetzt wendete sich der Hauptling Intschu tschuna an den Oberingenieur: 

»Mein Ohr hat jetzt vernommen, daB du unter den hiesigen Bleichgesichtern derjenige bist, welcher den 
Befehl fuhrt. Ist dies so?« 

»Ja,« antwortete der Gefragte. 

»So habe ich mit dir zu reden.« 

»Was?« 

»Das sollst du horen. Du stehst auf deinen FilBen; aber Manner sollen sitzen, wenn sie sich beraten.« 

» Willst du unser Gast sein?« 

»Nein, das ist unmoglich. Wie kann ich dein Gast sein, wenn du dich bei mir auf meinem Boden, in 
meinem Walde, meinem Tale, meiner Prairie befindest? Die weiBen Manner mogen sich setzen. Was sind 
das fur Bleichgesichter, welche da noch kommen?« 

»Sie gehoren zu uns.« 

»So mogen sie sich auch mit zu uns setzen. « 

Sam, Dick und Will kamen namlich jetzt von ihrem Ritte zuruck. Sie als erfahrene Westleute wunderten 
sich nicht ilber die Anwesenheit der Indianer, wurden aber besorgt, als sie horten, wer die beiden seien.« 
[seien.] 

»Und wer ist der dritte?« fragte mich Sam. 



»Er heiBt Klekih-petra, und Rattler hat ihn Schulmeister genannt « 

»Klekih-petrah [Klekih-petra], der Schulmeister? Ach, von dem habe ich gehort, wenn ich [mich] nicht 
irre. Das ist ein sehr geheimnisvoller Mensch, ein Weifler, welcher schon lange bei den Apachen lebt und 
so eine Art von Missionar zu sein scheint, wenn er auch kein Priester ist. Freut mich, ihn zu sehen. Werde 
ihm einmal auf den Zahn fuhlen, hihihihi.« 

»Wenn er sich darauf fuhlen laBt!« 

» Wird mich doch nicht in die Finger beiBen? Ist sonst noch etwas vorgekommen?« 

»Ja.« 

»Was?« 

»Etwas sehr Wichtiges.« 

»Dann heraus damit!« 

»Ich habe das getan, wovor Ihr mich gestern warntet.« 

» WeiB nicht, was Ihr meint. Habe Euch vor vielem gewarnt.« 

»Grizzlybar.« 

»Wie - wo - waaaaas? Etwa gar ein grauer Bar dagewesen?« 

»Und was fur einer!« 

»Wo denn, wo? Ihr macht doch nur Spafl!« 

»Fallt mir gar nicht ein. Da unten hinter dem Gebilsch im Walde. Hat den alten Bullen hineingeschaffl « 

»Wirklich, wirklich? Alle Wetter, muB das grad dann passieren, wenn unsereiner nicht da ist! Hat es Tote 
gegeben?« 

»Einen - namlich Rollins. « 

»Und Ihr? Was habt Ihr getan? Habt Euch doch fern gehalten?« 

»Ja.« 

»Recht so! Mochte es aber fast nicht glauben.« 

»Konnt es getrost glauben. Habe mich grad so fern von ihm gehalten, dafl er mir nichts tun, ich ihm aber 
mein Messer viermal z\\ ischen die Rippen stoBen konnte.« 

»Seid Ihr gescheit! Habt ihn mit dem Messer angegi iffen ?« 

»Ja. Hatte die Bilchse nicht da.« 



»Welch ein Kerl! Ein echtes, richtiges Greenhorn. Hat extra einen schweren Barentoter mitgebracht, und 
nun der Bar kommt, schieBt er mit dem Messer anstatt mit der Btichse. Sollte man so etwas fur moglich 
halten? Wie ist es derm gekommen?« 

»So, daB Rattler behauptet, ich hatte ihn nicht erlegt, sondern er.« 

Ich erzahlte ihm, wie sich der Vorgang abgespielt hatte, auch daB ich dann wieder mit Rattler 
zusammengeraten war 

»Mensch, Ihr seid wirklich ein ganz unglaublich leichtsinniger Kerl!« rief er aus. »Hat noch nie einen 
Grizzly gesehen und geht darauf los, als ob es sich um einen alten Pudelhund handelte! Ich muB mir das 
Tier ansehen, sofort ansehen. Kommt, Dick und Will! Ihr milBt doch auch sehen, was dieses Greenhorn 
hier abermals fur dumme Streiche gemacht hat.« Er wollte fort, da aber in diesem Augenblicke Rattler 
wieder zu sich kaci. wendete er sich zuvor an diesen: 

»Hort, Mr. Rattler, ich habe Euch etwas mitzuteilen. Ihr habt abermals mit meinem jungen Freunde 
angebunden. Wenn Ihr dies noch einmal wagen solltet, so werde ich dafur sorgen, daB es ilberhaupt nicht 
wieder geschehen kann. Meine Geduld ist nun zu Ende. Merkt Euch das!« 

Er entfernte sich mit Stone und Parker. Rattler machte ein grimmiges Gesicht, warf mir haBerfullte Blicke 
zu, sagte aber nichts, doch war ihm anzusehen, daB er einer Mine glich, welche im nachsten Augenblicke 
platzen konnte. 

Die beiden Indianer und Klekih-petra hatten sich in das Gras niedergelassen. Der Oberingenieur saB ihnen 
gegenilber, doch begannen sie ihre Unterhaltung noch nicht. Sie wollten die Rilckkehr Sams abwarten, um 
zu horen, was fur ein Urteil er abgeben werde. Er kam schon nach kurzer Zeit wieder und rief schon von 
weitem aus: 

»Welch eine Dummheit ist es gewesen, auf den Grizzly zu schieBen und dann zu fliehen. Wenn man ihm 
nicht standhalten will, so schieBt man ilberhaupt nicht, sondern laBt ihn in Ruhe; dann tut er einem nichts. 
Dieser Rollins sieht graBlich aus! Und wer soil den Bar erlegt haben?« 

»Ich,« rief Rattler rasch. 

»Ihr? Womit denn?« 

»Mit meiner Kugel.« 

»Well, das stimmt - istrichtig.« 



»Ja, der Bar ist an einer Kugel gestorben.« 

»Also gehort er mir. Hort ihr es, ihr Leute! Sam Hawkens hat sich fur mich erklart,« schrie Rattler 
triumphierend. 

»Ja, fur Euch. Eure Kugel ist ihm am Kopf vorbeigegangen und hat ihm ein Spitzchen vom Ohre 
weggenommen. Und an so einem Ohrenspitzchen stirbt so ein Grizzlybarchen naturlich auf der Stelle, 
hihihihi! Wenn es wirklich so ist, daB mehrere geschossen haben, so haben sie in ihrer Angst eben grad 
vorbeigeschossen; nur eine Kugel hat das Ohr gestreift; sonst ist keine Spur von einer Kugel vorhanden. 
Aber vier tilchtige Messerstiche sind da, zwei neben das Herz und zwei dann grad hinein. Wer aber hat 



gestochen?« 

»Ich,« antwortete ich. 

»Ihr allem?« 

»Weiter niemand.« 

»So gehort der Bar Euch. Das heiBt, da wir eine Gesellschaft bilden, so ist der Pelz Euer, und das Fleisch 
gehort alien; aber Ihr habt zu bestimmen, wie es verteilt wird. Das ist so Brauch im wilden Westen. Was 
sagt Ihr nun dazu, Mr. Rattler?« 

»Hol Euch der Teufel!« 

Er lieB noch einige grimmige Flilche horen und ging dann zum Wagen, auf welchem das Brandyfafl lag. Ich 
sah, daB er sich Branntwein in den Becher laufen lieB, und wuBte, daB er nun so lange trinken wilrde, bis er 
nicht mehr konnte. 

Diese Angelegenheit war nun geordnet, und so forderte Bancroft den Hauptling der Apachen auf, seinen 
Wunsch vorzutragen. 

»Es ist kein Wunsch, sondern ein Befehl, welchen ich aussprechen will,« antwortete Intschu tschuna stolz. 

» Wir nehmen keine Befehle an,« versicherte der Oberingenieur ebenso stolz. 

Ueber das Gesicht des Hauptlings wollte es wie Aerger gleiten; er beherrschte sich aber und sagte in 
ruhigemTone: 

»Mein weiBer Bruder mag mir einige Fragen beantworten und mir dabei die Wahrheit sagen. Hat er ein 
Hans da. wo er wohnt?« 



»Und einen Garten daran?« 



» Wenn nun der Nachbar einen Weg durch diesen Garten bauen wollte, wilrde das mein Bruder dulden?« 

»Nein.« 

»Die Lander jenseits der Felsenberge und im Osten des Mississippi gehoren den Bleichgesichtern. Was 
wilrden diese dazu sagen, wenn die Indianer kamen und dort eiserne Pfade bauen wollten?« 

»Sie wilrden sie fortjagen.« 

»Mein Bruder hat die Wahrheit gesprochen. Nun aber kommen die Bleichgesichter hierher in dieses Land, 
welches uns gehort; sie fangen uns die Mustangs fort, sie toten unsre Btlffel; sie suchen bei uns Gold und 
edle Steine. Nun wollen sie gar einen langen, langen Weg bauen, auf dem ihr FeuerroB laufen soil. Auf 
diesem Wege kommen dann immer mehr Bleichgesichter, welche ilber uns herfallen und uns auch noch das 
Wenige nehmen, was man uns gelassen hat Was werden wir dazu sagen?« 



Bancroft schwieg. 

»Haben wir etwa weniger Recht als ihr? Ihr nennt euch Christen und sprecht immerfort von Liebe. Dabei 
aber sagt ihr: ihr konnt uns bestehlen und berauben; wir aber milssen ehrlich gegen euch sein. 1st das 
Liebe? Ihr sagt, euer Gott sei der gute Vater aller roten und aller weiBen Menschen. 1st er nun unser 
Stiefvater, dagegen euer richtiger Vater? Gehorte nicht das ganze Land den roten Mannern? Man hat es uns 
genommen. Was haben wir dafur bekommen? Elend, Elend und Elend! Ihr jagt uns unmet welter zurilck 
und drangt uns immer weiter zusammen, so daB wir in kurzer Zeit elendiglich ersticken werden. Warum tut 
ihr das? Etwa aus Not weil ihr keinen Raum mehr habt? Nein, sondern aus Habgier, denn in euern Landern 
ist noch Platz fur viele, viele Millionen. Jeder von euch mochte einen ganzen Staat, ein ganzes Land 
besitzen; der Rote aber, der wirkliche Eigentumer, darf nicht haben, wohin er sein Haupt zur Ruhe legt. 
Klekih-petra, welcher hier neben mir sitzt, hat mir von euerm heiligen Buche erzahlt. Da ist zu lesen, daB 
der erste Mensch zwei Sonne hatte, von denen der eine den andern erschlug, so daB das Blut zum Himmel 
schrie. Wie ist es nun mit den zwei Brtidern, dem roten und dem weiBen Bruder? Seid ihr nicht der Kain, 
und wir sind der Abel, dessen Blut zum Himmel schreit? Und dazu verlangt ihr noch, daB wir uns 
umbringen lassen sollen, ohne uns zu wehren! Nein, wir wehren uns! Wir sind von Ort zu Ort verjagt 
worden, weiter, immer weiter fort. Jetzt wohnen wir hier. Wir glaubten, einmal ausruhen und ruhig atmen 
zu konnen; aber da kommt ihr jetzt schon wieder, um einen Eisenweg abzustecken. Besitzen wir denn nicht 
dasselbe Recht, welches du in deinem Hause, in deinem Garten besitzest? Wollten wir unsere Gesetze 
anwenden, so mtiBten wir euch alle toten. Aber wir wilnschen nur, daB eure Gesetze auch fur uns gelten 
sollen. Tun sie das? Nein! Eure Gesetze haben zwei Gesichter, und diese dreht ihr uns zu, wie es zu euerm 
Vorteile ist. Du willst hier einen Weg bauen. Hast du uns um die Erlaubms gefragt '« 

»Nein, denn das habe ich nicht notig « 

» Warum nicht? Ist dieses Land euer?« 

»Ich denke es.« 

»Nein. Es gehort uns. Hast du es uns abgekauft?« 

»Nein.« 

»Haben wir es dir geschenkt?« 

»Nein, mir nicht. « 

»Und auch keinem Andern. Bist du ein ehrlicher Mann und wirst hierher gesandt, um einen Weg fur das 
FeuerroB zu bauen, so muBt du erst den Mann, der dich sendet, fragen, ob er das Recht dazu hat, und wenn 
er ja sagt, dir dies beweisen lassen. Das hast du aber nicht getan. Ich verbiete euch, hier weiter zu messen!« 

Dieses letztere sagte er mit einem Nachdrucke, dem man den bittersten Ernst anhorte. Ich war erstaunt ilber 
diesen Indianer. Ich hatte viele Bilcher ilber die rote Rasse und viele Reden gelesen, welche von Indianern 
gehalten worden waren, so eine aber nicht. Intschu tschuna sprach ein klares, deutliches Englisch; seine 
Logik war ebenso wie seine Ausdrucksweise diejenige eines gebildeten Marines. Sollte er diese Vorzilge 
Klekih-petra, dem " Schulmeister" , zu verdanken haben? 

Der Oberingenieur befand sich in groBer Verlegenheit. Wenn er wahr und ehrlich sein wollte, so konnte er 
auf die vorgebrachten Beschuldigungen fast gar nichts entgegnen. Er brachte zwar einiges vor, aber das 
waren Spitzfindigkeiten, Verkehrungen und Trugschlusse. Als ihm der Hauptling wieder antwortete und 
ihn in die Enge trieb, wendete er sich an mich: 

»Aber, Sir, hort Ihr denn nicht, wovon gesprochen wird? Nehmt Euch doch der Sache an, und redet auch 



»Danke, Mr. Bancroft; icb bin als Surveyor hier, nicht aber als Advokat. Macht mit und aus der Sache, was 
Ihr wollt. Ich habe zu messen, nicht aber Reden zu halten.« 

Da bemerkte der Hauptling im entscheidenden Tone: 

»Es ist nicht notig, daB fernere Reden gehalten werden. Ich habe gesagt, daB ich euch nicht dulde. Ich will, 
daB ihr noch heut von hier fortgeht, dahin, woher ihr gekommen seid. Entscheidet euch, ob ihr gehorchen 
wollt oder nicht. Ich gehe jetzt mit Winnetou, meinem Sonne, fort und werde wiederkommen nach der Zeit, 
welche die Bleichgesichter eine Stunde nennen. Dann sollt ihr mir Antwort geben. Geht ihr dann, so sind 
wir Brtider; geht ihr nicht, so wird das Kriegsbeil ausgegraben zwischen uns und euch. Ich bin Intschu 
tschuna, der Hauptling aller Apachen. Ich habe gesprochen. Howgh!« 

Howgh ist ein indianisches Bekraftigungswort und heiBt so viel wie Amen, basta, dabei bleibt's, so 
geschieht's und nicht anders! Er stand auf und Winnetou auch. Sie gingen fort und schritten langsam das 
Tal hinab, bis sie um eine Biegung verschwanden. Klekih-petra war sitzen geblieben. Der Oberingenieur 
wendete sich an ihn und bat ihn um guten Rat. Er antwortete: 

»Macht was Ihr wollt, Sir! Ich bin ganz der Ansicht des Hauptlings. Es geschieht ein groBes, fortgesetztes 
Verbrechen an der roten Rasse. Aber als WeiBer weiB ich auch, daB der Indsman sich vergeblich wehrt. 
Wenn ihr heut von hier fortgeht, werden morgen Andere kommen, die euer Werk zu Ende fuhren. Aber 
warnen will ich euch. Der Hauptling meint es emstlich « 



»Er wird unsere Pferde holen.« 

»Habt ihr derm welche mit?« 

»Naturlich Wir haben sie versteckt, als wir merkten, daB wir dem Baren nahe seien. Einen Grizzly sucht 
man doch nicht zu Pferde in seinem Verstecke auf« 

Er stand auch auf und schlenderte fort, jedenfalls um sich weiterem Fragen und Drangen zu entziehen. Ich 
ging ihm nach und fragte trotzdem: 

»Sir, erlaubt Ihr mir, mit Euch zu gehen? Ich verspreche Euch, nichts zu sagen oder zu tun, was Euch 
inkommodiert. Es ist nur, weil ich mich so auBerordentlich fur Intschu tschuna interessiere und natilrlich 
ebenso fur Winnetou. « 

DaB auch er selbst mir groBe Teilnahme einfloBte, wollte ich ihm nicht sagen. 

»Ja, kommt ein wenig mit, Sir,« antwortete er. »Ich habe mich von den WeiBen und ihrem Treiben 
zurtickgezogen; ich mag nichts mehr von ihnen wissen; aber Ihr habt mir gefallen, und so wollen wir einen 
Spaziergang miteinander machen. Ihr scheint mir der verstandigste von alien diesen Menschen zu sein. 
Habe ich recht?« 

»Ich bin der jilngste und noch gar nicht smart; werde dies wohl auch nie werden. Das mag mir wohl das 
Aussehen eines leidlich gutherzigen Menschen geben.« 

»Nicht smart? Dies ist doch jeder Amerikaner mehr oder weniger.« 



»Ich bin kein Amerikaner.« 

» Was denn, wenn Euch die Frage nicht belastigt?« 

»Gar nicht. Ich habe keine Ursache, mein Vaterland, welches ich sehr liebe, zu verheimlichen. Ich bin ein 
Deutscher.« 

»Ein Deutscher?« fuhr er mit dem Kopfe schnell empor. »Dann heiBe ich Sie willkommen, Landsmann! 
Das war es wohl, was mich gleich zu Ihnen zog. Wir Deutschen sind eigentilmliche Menschen. Unsere 
Herzen erkennen einander als verwandt, noch ehe wir es uns sagen dafi wir Angehorige eines Volkes sind - 
wenn es doch nun endlich einmal ein einiges Volk werden wollte! Ein Deutscher, der ein vollstandiger 
Apache geworden ist! Kommt Ihnen das nicht auflerordentlich vor?« 

»AuBerordentlich nicht. Gottes Wege erscheinen oft wunderbar, sind aber stets sehr naturliche.« 

»Gottes Wege! Warum sprechen Sie von Gott und nicht von der Vorsehung, dem Schicksale, dem Fatum, 
dem Kismet? « 

» Weil ich ein Christ bin und mir meinen Gott nicht nehmen lasse.« 

»Recht so; Sie sind ein glucklicher Mensch! Ja, Sie haben recht: Gottes Wege erscheinen oft wunderbar, 
sind aber stets sehr natilrliche. Die groBten Wunder sind die Folgen natilrlicher Gesetze, und die 
alltaglichsten Naturerscheinungen sind groBe Wunder. Ein Deutscher, ein Studierter, ein namhafter 
Gelehrter, und nun ein richtiger Apache; das scheint wunderbar; aber der Weg, der mich zu diesem Ziele 
gefuhrt hat, ist ein sehr natilrlicher. « 

Hatte er mich erst halb widerwillig mit sich genommen, so freute er sich jetzt, sich aussprechen zu konnen. 
Ich merkte sehr bald, daB er ein bedeutender Charakter war, hiltete mich aber, irgend eine, wenn auch noch 
so leise Frage nach seiner Vergangenheit zu tun. Er legte sich diese Rilcksicht nicht auf und erkundigte sich 
ganz wacker nach meinen Verhaltnissen. Ich antwortete ihm so ausfuhrlich, wie es ihm lieb zu sein schien. 

Wir hatten uns gar nicht weit vom Lager entfernt und uns unter einen Baum gelegt. Ich konnte sein 
Gesicht, sein Mienenspiel genau beobachten. Das Leben hatte tiefe Runen in dasselbe eingegraben, die 
langen Grundstriche des Grames, die durchquerenden Gedankenstriche des Zweifels, die Zickzacklinien 
der Not, der Sorge und Entbehrung. Wie oft mochte sein Auge duster, drohend, zornig, angstlich, vielleicht 
auch verzweifelnd geblickt haben, und nun war es klar und ruhig wie ein Waldsee, den kein WindstoB 
krauselt, der aber so tief ist, daB man nicht sehen kann, was auf seinem Grunde ruht. Als er alles 
Wissenswerte von mir gehort hatte, nickte er leise vor sich hin und sagte: 

»Sie stehen am Anfange der Kampfe, an deren Ende ich angekommen bin; aber diese werden fur Sie nur 
auBerliche, keine inneren sein. Sie haben Gott, den Herrn, bei sich, der Sie nie verlassen wird. Bei mir war 
es anders. Ich hatte Gott verloren, als ich aus der Heimat ging, und nahm an Stelle des Reichtumes, den ein 
fester Glaube bietet, das Schlimmste mit, was der Mensch besitzen kann, namlich - ein boses Gewissen « 

Er sah mich bei diesen Worten forschend an. Als er mein Gesicht ruhig bleiben sah, fragte er: 

»Erschiecken Sie da iiiclit?« 

»Aber em boses Gewissen! Bedenken Sie doch!« 



»Pah! Sie sind kein Dieb, kein Morder gewesen. Einer niedrigen Gesinnung waren Sie nie fahig.« 

Er drilckte mir die Hand und sprach: 

»Ich danke Ihnen herzlich! Und doch irren Sie sich. Ich war ein Dieb, denn ich habe viel, ach so viel 
gestohlen! Und das waren kostbare Outer! Und ich war ein Morder. Wie viele, viele Seelen habe ich 
gemordet! Ich war Lehrer an einer hoheren Schule; wo, das zu sagen, ist nicht notig. Mein groflter Stolz 
bestand darin, Freigeist zu sein, Gott abgesetzt zu haben, bis auf das Tupfel nachweisen zu konnen, daB der 
Glaube an Gott ein Unsinn ist. Ich war ein guter Redner und riB meine Horer hin. Das Unkraut, welches ich 
mit vollen Handen ausstreute, ging frohlich auf, kein Kornchen ging verloren. Da war ich der Massendieb, 
der Massenrauber, der den Glauben an und das Vertrauen zu Gott in ihnen totete. Dann kam die Zeit der 
Revolution. Wer keinen Gott anerkennt, dem ist audi kein Kunig kerne ( )bripkeit heihg. Ich trat offentlich 
als Fiihrer der Unzufriedenen auf; sie tranken mir die Worte formlich von den Lippen, das berauschende 
Gift, welches ich freilich fur heilsame Arznei hielt; sie sturmten in Scharen zusammen und griffen zu den 
Waff en. Wie viele, viele fielen im Kampfe! Ich war ihr Morder, und nicht etwa der Morder dieser allein. 
Andere starben spater hinter Kerkermauern. Auf mich wurde naturlich mit allem FleiBe gefahndet; ich 
entkam. Ich verlieB das Vaterland, ohne mich zu gramen. Keine liebende Seele weinte um mich; ich hatte 
weder Vater noch Mutter mehr, weder Bruder, Schwester noch sonstige Verwandte. Kein Auge weinte um 
mich, aber wie viele viele wegen mir! Daran dachte ich aber gar nicht, bis diese Erkenntnis ilber mich kam 
wie ein Keulenschlag, der mich beinahe zu Boden streckte. Am Tage, bevor ich die schiltzende Grenze 
erreichte, wurde ich von der Polizei gehetzt, die mir hart auf den Fersen war. Es ging durch ein armes 
Fabrikdorf Dem sogenannten Zufalle folgend, rannte ich durch ein kleines Gartchen in ein armseliges 
Hauschen und vertraute mich, ohne meinen Namen zu nennen, einem alten Mutterchen und ihrer Tochter 
an, die ich in der niedrigen Stube fand. Sie versteckten mich um ihrer Manner willen, deren Kamerad ich 
gewesen sei, wie sie sagten. Dann saBen sie bei mir im dunkeln Winkel und erzahlten mir unter bitteren 
Tranen von ihrem Herzeleide. Sie waren arm, aber zufrieden gewesen; die Tochter hatte sich erst vor einem 
Jahre verheiratet gehabt. Ihr Mann horte eine meiner Reden und wurde durch dieselbe verfuhrt. Er nahm 
seinen Schwiegervater mit auf die nachste Versammlung, und das Gift wirkte auch auf diesen. Ich hatte 
diese vier braven Menschen um ihr Lebensgliick gebracht. Der junge Mann fiel auf dem Schlachtfelde, 
welches kein Feld der Ehre war, und der alte Vater wurde zu mehrjahriger Zuchthaus strafe verurteilt. Dies 
erzahlten mir die Frauen, die mich, der an ihrem Unglilcke schuld war, gerettet hatten. Sie nannten meinen 
Namen als den des Verfuhrers. Das war der Keulenschlag welcher mich. nicht auBerlich, sondern innerlich 
traf Gottes Milhle begann zu mahlen. Die Freiheit war mir geblieben, aber im Innern litt ich Qualen, zu 
denen mich kein Richter hatte verurteilen konnen. Ich irrte hier aus einem Staate in den andern, trieb bald 
dies bald jenes und fand nirgends Ruhe. Das Gewissen peinigte mich aufs entsetzlichste. Wie oft bin ich 
dem Selbstmorde nahe gewesen; immer hielt mich eine unsichtbare Hand zurilck - Gottes Hand. Sie leitete 
mich nach Jahren der Qual und der Reue zu einem deutschen Pfarrer in Kansas, der meinen Seelenzustand 
erriet und in mich drang, mich ihm mitzuteilen. Ich tat es zu meinem Glilcke. Ich fand, freilich erst nach 
langen Zweifeln, Vergebung und Trost, festen Glauben und inneren Frieden. Herrgott, wie danke ich dir 
dafur!« 

Er hielt inne, faltete die Hande und warf einen langen, langen, leuchtenden Blick zum Himmel empor. 
Dann fuhr er fort: 

»Um mich innerlich zu festigen, floh ich die Welt und die Menschen; ich ging in die Wildnis. Aber nicht 
der Glaube allein ist's. welcher selig macht. Der Baum des Glaubens muB die Frilchte der Werke tragen. Ich 
wollte wirken, womoglich grad entgegengesetzt meinem fruheren Wirken. Da sah ich den roten Mann sich 
verzweiflungsvoll strauben gegen den Untergang; ich sah die Morder in seinem Leibe wiihlen, und das 
Herz ging mir ilber von Zorn, von Mitleid und Erbarmen. Sein Schicksal war beschlossen; ich konnte ihn 
nicht retten; aber eins zu tun, das war mir mdglich: ihm den Tod erleichtern und auf seine letzte Stunde den 
Glanz der Liebe, der Versohnung fallen lassen. Ich ging zu den Apachen und lernte es, mein Wirken ihrer 
Individualitat anzubequemen. Ich habe Vertrauen gefunden und Erfolge errungen. Ich wollte, Sie konnten 
Winnetou kennen lernen; er ist so eigentlich mein eigenstes Werk. Dieser Jilngling ist groB angelegt. Ware 
er der Sohn eines europaischen Herrschers, so wurde er ein groBer Feldherr und ein noch groBerer 
Friedensfurst werden. Als Erbe eines Indianerhauptlings aber wird er untergehen, wie seine ganze Rasse 



untergeht. Konnte ich doch den Tag erleben, an welchem er sich einen Christen nennt! Wo nicht, so will 
ich wenigstens bis zum Tage meines Todes bei ihm sein in jeder Anfechtung, Gefahr und Not. Er ist mein 
geistiges Kind; ich liebe ihn mehr als mich selbst, und ware mir einmal das Gltick beschieden, die todliche 
Kugel, die ihm gelten soil, in meinem Herzen aufzufangen, so wilrde ich mit Freuden fur ihn sterben und 
dabei denken, daB dieser Tod zugleich eine letzte Silhne meiner fruheren Silnden sei!« 

Er schwieg und senkte den Kopf. Ich war tief bewegt und sagte nichts, denn ich hatte das Gefuhl, als ob 
jede Bemerkung nach einem solchen Bekenntnisse trivial klingen milsse; aber ich nahm seine Hand in die 
meinige und druckte sie herzlich. Er verstand mich und gab mir dies durch ein leises Nicken und einen 
Gegendruck zu erkennen. Es verging eine ganze Weile, bis er leise fragte: 

»Woher es nur kommt, daB ich Ihnen dies erzahlt habe? Ich sehe Sie heut zum erstenmal und werde Sie 
vielleicht nie wiedersehen. Oder ist es auch eine Gottesfiigung, daB ich hier und jetzt mit Ihnen 
zusammengetroffen bin? Sie sehen, ich, der frilhere Gottesleugner, suche jetzt alles auf diesen hohern 
Willen zuruckzufuhren. Es ist mir mit einemmal so sonderbar, so weich, so wehe um das Herz, doch ist 
dies "wehe" kein schmerzliches Gefuhl. Eine ganz ahnliche Stimmung uberkommt einen, wenn im Herbste 
die Blatter fallen. Wie wird sich das Blatt meines Lebens vom Baume losen? Leise, leicht und friedlich? 
Oder wird es abgekmckt noch ehe die natilrliche Zeit gekommen ist?« 

Er blickte wie in stiller, unbewuBter Sehnsucht das Tal hinab. Von dorther sah ich Intschu tschuna und 
Winnetou kommen. Sie saBen jetzt auf Pferden und fuhrten dasjenige Klekih-petras ledig neben sich. Wir 
standen auf, um nach dem Lager zu gehen, wo wir mit beiden zugleich ankamen. Am Wagen lehnte Rattler 
mit feuerrotem, aufgedunsenem Gesichte und stierte zu uns heruber. Er hatte wahrend der kurzen Zeit so 
viel getrunken, daB er nun nicht mehr trinken konnte, ein schrecklicher, ein ganz vertierter Mensch! Sein 
Blick war heimtuckisch wie derjenige eines wilden Stieres, welcher zum Angriffe schreiten will. Ich nahm 
mir vor, ein Auge auf ihn zu haben. 

Der Hauptling und Winnetou waren von ihren Pferden gestiegen und traten zu uns. Wir standen in einem 
ziemlich weiten Kreise beisammen. 

»Nun, haben meine weiBen Brilder sich ilberlegt, ob sie hier bleiben oder fortgehen wollen?<< fragte Intschu 
tschuna 

Der Oberingenieur war auf einen vermittelnden Gedanken gekommen; er antwortete 

»Wenn wir auch fortgehen wollten, so miissen wir doch hier bleiben, um den Befehlen zu 
gehorchen, welche wir empfangen haben. Ich werde noch heut einen Boten nach Santa Fe 

sendenund anfragen lassen: dann kann ich du Antwort geben.« 

Das war gar nicht so ilbel ausgedacht, denn bis der Bote zuruckkehrte, muBten wir mit unserer Arbeit fertig 
sein. Der Hauptling aber sagte in bestimmtem Tone: 

»So lange warte ich nicht. Meine weiBen Brilder miissen mir sofort sagen, was sie tun wollen.« 

Rattler hatte sich einen Becher mit Brandy geftlllt und war zu uns gekommen. Ich dachte, er habe es auf 
mich abgesehen, aber er trat jetzt zu den beiden Indianern und sagte mit lallender Zunge: 

»Wenn die Indsmen mit mir trinken, so tun wir ihnen den Willen und gehen fort, sonst nicht. Der Junge 
mag anfangen. Hier hast du das Feuerwasser, Winnetou. « 

Er hielt ihm den Becher hin. Winnetou trat mit einer abweisenden Gebarde zurilck. 



»Was, du willst keinen Drink mit mir tun? Das ist eine verdammte Beleidigung. Hier hast du den Brandy 
ins Gesicht, verfluchte Rothaut. Lecke ihn dir ab, da du ihn nicht trinken willst! « 

Ehe es Einer von uns zu verhindern vermochte, schleuderte er dem jungen Apachen den Becher nebst 
Inhalt in das Gesicht. Das war nach indianischen Begriffen eine todeswurdige Beleidigung, welche auch 
sofort, wenn auch nicht so streng bestraft wurde, derm Winnetou schlug dem Frevler die Faust in das 
Gesicht, daB er zu Boden stilrzte. Er raffte sich miihsam wieder auf. Schon machte ich mich zum 
Einschreiten gefaBt, derm ich glaubte, er werde zur Tatlichkeit schreiten; dies geschah aber nicht; er starrte 
den jungen Apachen nur drohend an und wankte dann fluchend wieder nach dem Wagen zuruck. 

Winnetou trocknete sich ab und zeigte, grad wie sein Vater, eine starre, unbewegte Miene, der man nicht 
ansehen konnte, was im Innern v< irging 

»Ich frage noch einmal,« sagte der Hauptling; »dies ist das letzte Mai. Werden die Bleichgesichter noch 
heut dieses Tal verlassen?« 

» Wir dilrfen nicht,« lautete die Antwort. 

»So verlassen aber wir es. Es ist kein Friede zwischen uns.« 

Ich machte noch einen Versuch der Vermittelung, doch vergeblich; die drei gingen zu ihren Pferden. Da 
erscholl vom Wagen her Rattlers Stimme: 

»Immer fort mit euch, ihr roten Hunde! Aber den Hieb ins Gesicht soil mir der Junge sofort bezahlenk 

Zehnmal schneller, als man es ihm bei seinem Zustande zutrauen konnte, hatte er ein Gewehr aus dem 
Wagen genommen und schlug es auf Winnetou an. Dieser stand im Augenblicke frei und ohne Deckung; 
die Kugel muBte ihn treffen, derm es geschah alles so schnell, daB ihn keine Bewegung retten konnte. Da 
schrie Klekih-petra voller Angst auf: 

»Weg, Winnetou, schnell weg!« 

Zu gleicher Zeit sprang er hin, um sich schiltzend vor den jungen Apachen zu stellen. Der SchuB krachte; 
Klekih-petra fuhr sich, von der Gewalt des Kugelaufschlages halb umgedreht, mit der Hand nach der Brust, 
taumelte einige Augenblicke hin und her und fiel dann auf die Erde nieder. In diesem Augenblicke stilrzte 
aber auch Rattler, von meiner Faust getroffen, zu Boden. Ich war, um den SchuB zu verhilten, rasch zu ihm 
hinge sprungen, aber doch zu spat gekommen. Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens war erschollen; nur 
die beiden Apachen hatten keinen Laut von sich gegeben. Sie knieten bei ihrem Freunde, der sich fur 
seinen Liebling aufgeopfert hatte, und untersuchten stumm seine Wunde. Er war ganz nahe am Herzen in 
die Brust getroffen; das Blut schoB mit Gewalt hervor. Ich eilte auch hinzu. Klekih-petra hielt die Augen 
geschlossen; sein Gesicht wurde mit rapider Schnelligkeit bleich und hohl. 

[Tafel Nr. 3: "Bd. VII. »0 mem Sohn Winnetou! « (Zu S. 113.)"] 

»Nimm seinen Kopf in deinen SchoB,« bat ich Winnetou. » Wenn er das Auge offnet und dich erblickt, wird 
sein Tod ein froher sein.« 

Er kam dieser Aufforderung nach, ohne ein Wort zu sagen; keine seiner Wimpern zuckte; aber sein Blick 
hing unverwandt an dem Angesichte des Sterbenden. Da offnete dieser langsam die Lider; er sah Winnetou 
tiber sich gebeugt; ein seliges Lacheln glitt tiber seine so schnell eingefallenen Ziige, und er flusterte: 

» Winnetou, schi ya Winnetou - Winnetou, o mein Sohn Winnetou! « 



Dann schien es, als ob sein brechendes Auge noch jemanden suche. Es traf mich, und in deutscher Sprache 
bat er mich: 

»Bleiben Sie bei ihm - ihm treu mein Werk fortfilhren ! « 

»Ich tue es; ja, sicher, ich werde es tun!« 

Da nahm sein Gesicht einen fast ilberirdischen Ausdruck an, und er betete mit immer mehr ersterbender 
Stimme: 

»Da fallt mein Blatt - - abgeknickt - - nicht leise - leicht - - es ist die letzte Stihne ich sterbe wie - - 

- wie ich es - - gewilnscht. Herrgott, vergieb - - vergieb! - - Gnade - - Gnade - -! Ich komme - - komme 

Gnade « 

Er faltete die Hande - - noch ein krampfhafter BluterguB aus der Wunde, und sein Kopf sank zuriick - er 
war tot! 

Nun wuBte ich, was ihn getrieben hatte, gegen mich sein Herz zu erleichtern - - Gottesfugung, hatte er 
gesagt. Er hatte gewilnscht, fur Winnetou sterben zu konnen; wie schnell war dieser Wunsch in Erfullung 
gegangen! Die letzte Stihne, die er bringen wollte, er hatte sie gebracht. Gott ist die Liebe, die 
Barmherzigkeit; er ztirnt dem Reuigen nicht ewig. 

Winnetou bettete das Haupt des Toten in das Gras, stand langsam auf und sah seinen Vater fragend an. 

»Dort liegt der Morder; ich habe ihn niedergeschlagen,« sagte ich. »Er mag Euer sein.« 

»Feuerwasser! « 

Nur diese kurze Antwort kam aus dem Munde des Hauptlings, doch in welchem grimmig verachtlichen 
Tone. 

»Ich will euer Freund, euer Bruder sein; ich gehe mit euch!« so drangte es sich mir ilber die Lippen. 

Da spuckte er mir in das Gesicht und sagte: 

»Raudiger Hund! Landerdieb fur Geld! Stinkender Coyote! Wage es, uns zu folgen, so zermalme ich dich!« 

Hatte mir das ein Anderer getan und gesagt, ich hatte ihm mit der Faust geantwortet. Warum tat ich es 
nicht? Hatte ich als Eindringling in fremdes Eigentum diese Ztlchtigung vielleicht verdient? Es war mehr 
instinktiv, daB ich sie mir gefallen lieB, doch, mich etwa nochmals anbieten, das konnte ich trotz des 
Versprechens, welches ich dem Toten gegeben hatte, nicht. 

Die WeiBen standen alle stumm dabei, voller Erwartung, was die beiden Apachen nun tun wtlrden. Diese 
hatten keinen einzigen Blick mehr fur uns. Sie hoben die Leiche auf das Pferd und banden sie da fest; dann 
stiegen sie auch in die Sattel, richteten den zusammensinkenden Korper Klekih-petras auf und ritten, ihn 
htlben und drtlben sttltzend, langsam davon Sie lieBen kein Wort der Drohung, der Rache zuriick; sie 
wendeten sich auch nicht einen einzigen Augenblick nach uns um; aber das war schlimmer, viel schlimmer, 
als wenn sie uns den ftirchterlichsten Tod ganz often geschworen hatten. 

»Das war ja schrecklich und kann leicht noch schrecklicher werden!« sagte Sam Hawkens. »Dort liegt der 
Schurke, noch immer leblos von Eurem Hiebe und vom Spiritus. Was tun wir nun mit ihm?« 



Ich antwortete nicht; ich sattelte mein Pferd und ritt fort; ich muBte allein sein, urn diese ftirchterliche halbe 
Stunde wenigstens auBerlich zu verwinden. Es war am spaten Abend, als ich mild und matt, korperlich und 
seelisch wie zerschlagen, im Lager wieder eintraf. 



Drittes Kapitel. 



Winnetou in Fesseln. 

Damit der Bar nicht weit geschleppt zu werden brauchte, war wahrend meiner Abwesenheit das Lager bis 
in die Nahe der Stelle, wo ich ihn erlegt hatte, vorgertickt worden. Er war so schwer, daB die vereinte 
Anstrengung von zehn kraftigen Mannern hatte angewendet werden mtissen, um ihn unter den Baumen 
hervor und durch das Gebilsch nach dem im Freien brennenden Feuer zu schaffen. 

Trotz der spaten Stunde, in welcher ich zuriickkehrte. waren auBer Rattler alle noch wach. Dieser schlief 
seinen Rausch aus; er hatte getragen werden mtissen und war wie ein Klotz ins Gras geworfen worden. 
Sam hatte dem Baren das Fell abgezogen, das Fleisch aber unbertihrt gelassen. Als ich vom Pferde 
gestiegen war und dasselbe versorgt hatte und an das Feuer trat, sagte der Kleine: 

»Wo jagt Ihr derm herum, Sir? Wir haben mit Schmerzen auf Euch gewartet, weil wir das Barenfleisch 
kosten und den Petz doch nicht ohne Euch anschneiden konnten. Habe ihm einstweilen den Rock 
ausgezogen. War ihm vom Schneider so gut angemessen worden, daB er auch nicht die kleinste Falte hatte, 
hihihihi. Hoffentlich habt Ihr nichts dagegen, wie? Und nun sagt, wie das Fleisch verteilt werden soil! Wir 
wollen, ehe wir uns schlafen legen, ein Stiickchen davon braten.« 

»Teilt, wie Ihr wollt,« antwortete ich. »Das Fleisch gehort allen.« 

»Well, so will ich Euch etwas sagen. Das Beste sind die Tatzen; es gibt iiberhaupt nichts, was iiber 
Barentatzen geht. 

Sie mtissen aber langere Zeit liegen, bis sie den gehorigen Hautgout bekommen haben. Am delikatesten 
sind sie, wenn sie schon von Wtirmern durchbohrt sind. Aber so lange konnen wir nicht warten, denn ich 
ftirchte, daB die Apachen sehr bald kommen und uns das Essen verderben werden. Darum wollen wir lieber 
beizeiten dazutun und uns gleich heut schon iiber die Tatzen machen, damit wir sie genossen haben, wenn 
wir von den Roten ausgeloscht werden. Habt Ihr etwas dagegen, Sir?« 

»Well, so mag das schone Werk beginnen; der Appetit ist da, wenn ich mich nicht irre.« 

Er loste die Tatzen von den Beinen und zerlegte sie dann in so viel Teile, wie Personen da waren. Ich 
bekam das beste Stuck eines VorderfuBes, wickelte es ein und legte es beiseite, wahrend die andern sich 
beeilten, ihre Portion an das Feuer zu bringen. Ich hatte zwar Hunger, aber keinen Appetit, so 
widersprechend dies auch klingen mag. Infolge des langen, anstrengenden Rittes ftihlte ich wohl das 
Bediirfnis, Speise zu mir zu nehmen, aber es war mir unmoglich, zu essen. Ich konnte die Mordszene noch 
immer nicht verwinden. Ich sah mich mit Klekih-petra zusammensitzen; ich horte seine Bekenntnisse, 
welche mir jetzt wie eine letzte Beichte vorkamen, und muBte immer wieder an seine SchluBworte denken, 
die wie die Vorahnung seines nahen Todes geklungen hatten. Ja, das Blatt seines Lebens war nicht leicht 
und leise abgefallen, sondern nut Gewalt abgenssen worden, und zwar von was fur einem Menschen, aus 
was fiir einem Grunde und in was fur einer Weise! Dort lag der Morder, noch immer sinnlos betrunken. Ich 
hatte ihn niederschieBen mogen, aber es ekelte mich vor ihm. Dieses Geftihl des Ekels war jedenfalls auch 



der Grand gewesen, daB die beiden Apachen ihn nicht auf der Stelle bestraft hatten. »Feuerwasser!« hatte 
Intschu tschuna im allerverachtlichsten Tone gesagt; welche Anklagen, welche Vorwilrfe lagen in diesem 
einen Worte! 

Wenn mich etwas ilber den blutigen Vorgang beruhigen konnte, so war es der Umstand, daB Klekih-petra 
am Herzen Winnetous gestorben war, daB sein Herz die fur Winnetou bestimmte Kugel aufgefangen hatte; 
dies war ja sein letzter Wunsch gewesen. Aber die Bitte an mich, zu Winnetou zu halten und das 
begonnene Werk zu vollenden? Warum hatte er sie an mich gerichtet? Noch vor wenigen Minuten hatte er 
gemeint, daB wii uns wohl nicht wiedersehen wtlrden, also daB mein Lebensweg wohl kein mich zu den 
Apachen fuhrender sei, und nun erteilte er mir plotzlich eine Aufgabe, deren Losung mich mit diesem 
Stamme in innige Beziehung bringen muBte. War dieser Wunsch ein zufalliges, leeres, weggeworfenes 
Wort? Oder ist dem Sterbenden vergonnt, wenn er von seinen Lieben scheidet, im letzten Augenblicke, 
wenn die eine Schwinge seiner Seele bereits im Jenseits schlagt, einen Blick in ihre Zukunft zu werfen? 
Fast scheint es so, derm es wurde mir spater moglich, seine Bitte zu erfullen, obgleich es jetzt den Anschein 
hatte, als ob eine Begegnung mit Winnetou mir nur Verderben bringen konne. 

Warum hatte ich dem Sterbenden ilberhaupt mein Versprechen so schnell gegeben? Aus Mitleid? Ja, 
wahrscheinlich. Aber es war wohl noch ein anderer Grand vorhanden. wenn ich mir seiner auch nicht 
bewuBt gewesen war: Winnetou hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht einen Eindiuck, wie ich ihn 
noch bei keinem andern Menschen empfunden hatte. Er war grad so jung wie ich, und doch mir so 
ilberlegen! Das hatte ich gleich beim ersten Blicke herausgefuhlt. Die ernste, stolze Klarheit seines 
samtweichen Auges, die ruhige Sicherheit seiner Haltung und jeder seiner Bewegungen und der wehmutige 
Hauch eines tiefen und verschwiegenen Grames, den ich auf seinem jugendlichen, schonen Gesichte zu 
entdecken glaubte, hatten mir es sofort angetan. Wie achtunggebietend war sein und seines Vaters 
Verhalten gewesen! Andere Menschen, mochten es nun WeiBe oder Rote sein, hatten sich sofort auf den 
Morder gesturzt und ihn getotet; diese beiden hatten ihn nicht eines Blickes gewilrdigt und das, was in 
ihnen vorging, nicht durch die leiseste Bewegung eines Gesichtsmuskels verraten. Was fur Leute waren 
doch wir dagegen! So saB ich, wahrend die andern sich ihr Fleisch schmecken lieBen, still am Feuer und 
grubelte in mich hmein his Sain Hawkens mich aus memem Sinnen \\ eckte 

»Was ist's mit Euch, Sir? Habt Ihr keinen Hunger?« 

»Ich esse nicht.« 

»So? Und haltet lieber Denkubungen! Ich sage Euch, daB Ihr Euch das nicht angewohnen 
durft. Auch mich argert das, was vorgekommen ist, gewaltig, aber der Westmann muB 
sich an solche Auftritte gewohnen. Man nennt den Westen nicht umsonst die "dark and 
bloody grounds" - die finstern und blutigen Grande. Ihr konnt es glauben, daB hier der Boden auf jedem 
Schritte, den Ihr darauf tut, mit Blut getrankt ist, und wer eine so empfindliche Nase hat, daB er dies nicht 
erriechen kann, der mag daheim bleiben und Zuckerwasser trinken. Nehmt Euch die Geschichte nicht zu 
Herzen, und gebt Euer Tatzenstuck her; icb will es Euch braten!« 

»Danke, Sam; ich esse wirklich nicht. Habt ihr euch derm daruber geeinigt, was nun mit Rattler werden 
soll?« 

»Haben allerdings daruber gesprochen.« 

»Nun, was wird seine Strafe sein?« 

» Strafe? Meint Ihr, daB wir ihn bestrafen sollen?« 

»Natilrlich meine ich das.« 



»Ach so! Und wie denkt Ihr, daB wir dies anzufangen haben? Sollen wir ihn nach San Francisco, New 
York, oder Washington transportieren und dort als Morder anklagen?« 

»Unsinn! Die Obrigkeit, die ihn zu richten hat, sind wir; er ist den Gesetzen des Westens verfallen.« 

»Seht doch an, was so ein Greenhorn alles von den Gesetzen des wilden Westens weiB. Seid Ihr etwa aus 
dem alten Germany herubergekommen, urn hier den Lord Oberrichter zu spielen? War dieser Klekih-petra 
ein Verwandter oder sonstiger guter Freund von Euch?« 

»Allerdmgs liicht « 

»Da habt Ihr den Punkt, auf den es ankommt. Ja, der wilde Westen hat seine feststehenden, eigentilmlichen 
Gesetze. Er verlangt Auge fur Auge, Zahn fur Zahn, Blut fur Blut, so wie es in der Bibel steht. Ist ein Mord 
geschehen, so kann der dazu Berechtigte den Morder sofort toten, oder es wird eine Jury gebildet, welche 
das Urteil fallt und es dann ungesaumt vollzieht. Auf diese Weise entledigt man sich der schlimmen 
Elemente, welche den ehrlichen Jagern sonst ilber den Kopf wachsen wtlrden.« 

»Nun, so bilden wir also eine Jury.« 

»Dazu wtirde zunachst ein Anklagei notig seiii « 

»Der bin ich! « 

»Mit welchem Rechte?« 

»Als Mensch, der nicht zugeben kann, daB ein solches Verbrechen ungeahndet bleibt.« 

»P shawl Ihr redet eben, wie ein Greenhorn redet. Als Anklager konnt Ihr in zwei Fallen auftreten. Namlich 
erstens, wenn der Ermordete Euch als Verwandter oder Freund und Kamerad nahe gestanden hat; daB dies 
aber nicht der Fall ist, habt Ihr bereits zugegeben. Zweitens konnt Ihr auch dann als Anklager gegen den 
Morder auftreten, wenn Ihr selbst der Ermordete seid, hihihihi. Seid Ihr das?« 

»Sam, die Sache ist keine solche, ilber welche man Witze reiBen soll!« 

»WeiB schon, weiB! Wollte diesen Punkt auch nur der Vollstandigkeit wegen hinzufugen, weil, wenn ein 
Mord vorgekommen ist, der Ermordete das erste und groBte Recht besitzt, die Bestrafung des Morders zu 
beantragen. Also Ihr habt keinen Grund, den Anklager zu machen, und bei uns andern ist ganz dasselbe der 
Fall; wo aber kein Klager ist, da ist auch kein Richter. Es gibt hier gar kein Recht, eine Jury 
zusammenzustellen. « 

»So soil Rattler also unbestraft ausgehen?« 

»Davon ist keine Rede. Ereifert Euch nicht so! Ich gebe Euch mein Wort, daB ihn die Vergeltung so sicher 
treffen wird, wie jede Kugel aus meiner Liddy ihr Ziel erreicht. Die Apachen werden dafur sorgen.« 

»Und uns trifft dann die Strafe mit!« 

»Sehr wahrscheinlich. Aber meint Ihr, daB wir dies dadurch verhindern konnen, daB wir Rattler toten? 
Mitgegangen. mitgefangen mitgehangen. Die Apachen sehen nicht ihn allein, sondern auch uns als Morder 
an und werden uns ganz gewiB als solche behandeln. wenn sie uns in ihre Hande bekommen « 



»Auch dann. Sie schieBen uns nieder, ohne zu fragen, ob er bei uns ist oder nicht. Aber v 
Euch seiner wohl entledigen?« 



»Ja, darilber haben wir uns freilich auch schon beraten und sind zu der Ansicht gekommen, daB wir erstens 
kein Recht haben, inn fortzujagen und dies, selbst wenn wir das Recht hatten, aus Klugheitsrilcksichten 
nicht tun wilrden.« 

»Aber, Sam, ich begreife Euch nicht! Wenn mir jemand nicht paBt, so trenne ich mich von ihm. Und nun 
gar ein Morder! Sind wir etwa gezwungen, so einen Schurken, der noch dazu ein Trunkenbold ist und uns 
in immer neue Verlegenheiten bringen kann, noch langer bei uns zu dulden?« 

»Ja, leider sind wir das. Rattler ist ebenso wie ich, Stone und Parker fur Euch engagiert worden, und nur 
diejenigen, die ihn angestellt haben und besolden, konnen ihn entlassen. Wir milssen uns da streng nach 
dem Rechte halten.« 

» Streng nach dem Rechte? Einem Menschen gegenilber, der Tag fur Tag die gottlichen und menschlichen 
Gesetze mit FilBen tritt!« 

»Wenn auch! Was Ihr da vorbringt ist ja alles gut; aber man darf keinen Fehler begehen aus dem Grunde, 
weil ein Anderer ein Verbrechen begangen hat. Ich sage Euch, daB die Obrigkeit sich vor alien Dingen rein 
zu halten hat; aus diesem Grunde haben wir Westmanner, die wir gegebenen Falles die Obrigkeit spielen 
milssen, alle Veranlassung, unsern Ruf unbefleckt zu erhalten. Doch auch davon abgesehen. will ich Euch 
fragen, was Rattler wohl dann tate, wenn er von uns fortgejagt wilrde?« 

»Das ist seine Sache!« 

»Und die unserige ebenso! Wir befanden uns in jedem Augenblicke in Gefahr, da er hochst wahrscheinlich 
versuchen wilrde, sich an uns zu rachen. Es ist besser, ihn bei uns zu behalten, wo wir ihn beaufsichtigen 
konnen, als daB wir ihn fortjagen und er uns fortgesetzt umschleicht und jedem, dem er will, eine Kugel in 
den Kopf jagen kann. Ich denke, daB Ihr nun auch unserer Meinung seid.« 

Er sah mich dabei mit einem Blicke an, den ich recht wohl verstand, denn er blinzelte dann in 
bezeichnender Weise zu Rattlers Genossen himiber. Wenn wir gegen diesen vorgingen, so stand zu 
befurchten, daB sie gemeinschaftliche Sache mit ihm machen wilrden. Das sagte ich mir auch, denn es war 
ihnen nicht zu trauen. Darum antwortete ich: 

»Ja, nachdem Ihr mir die Sache in dieser Weise klar gemacht habt, sehe ich wohl ein, daB wir sie laufen 
lassen milssen, wie sie lauft. Nur machen mir die Apachen Sorge, denn es unterliegt wohl keinem Zweifel, 
daB sie kommen werden, um sich zu rachen. « 

»Sie kommen, und zwar um so sicherer, als sie nicht ein Wort der Drohung ausgesprochen haben. Sie 
haben nicht nur auBerordentlich stolz, sondern auch sehr klug gehandelt. Hatten sie augenblicklich 
Vergeltung getibt, so ware davon, selbst wenn wir es geduldet hatten, was keinesfalls so sicher war, doch 
nur Rattler betroffen worden. Sie hatten es aber auf uns alle abgesehen, weil er zu uns gehorte und weil sie 
uns infolge unserer Vermessungen als Feinde betrachten, die ihnen ihr Land und Eigentum rauben wollen. 
Darum haben sie sich in so auBerordentlicher Weise beherrscht und sind davongeritten, ohne einen Finger 
gegen uns zu erheben. Desto sicherer aber werden sie zuruckkehren, um uns alle in ihre Hande zu 
bekommen. Glilckt ihnen das, so konnen wir uns auf einen bosen Tod gefaBt machen, denn das Ansehen, in 
welchem dieser Klekih-petra bei ihnen gestanden hat, erfordert eine doppelt und dreifach schwere Rache.« 

»Und das alles um eines Trunkenboldes willen! Hie werden jedenfalls in groBerer Anzahl kommen.« 



»Natilrlich! Es hangt da alles von der Frage ab, wann sie kommen werden. Wir hatten ja Zeit, zu fliehen, 
milBten aber alles im Stiche und die beinahe fertige Arbeit unvollendet lassen.« 

»Das umgehen wir, wenn es nur halbwegs moglich ist.« 

» Wann glaubt Ihr, fertig werden zu konnen, wenn Ihr Euch recht sputet?« 

»In fiinf Tagen.« 

»Hm! So viel ich weiB, gibt es hier in der Nahe kein Apachenlager. Ich wilrde die nachsten Mescaleros 
wenigstens drei starke Tagesritte von hier suchen. Wenn ich mich hierin nicht irre, so haben Intschu 
tschuna und Winnetou, weil sie die Leiche transportieren, vier Tage zu reiten, ehe sie Sukkurs bekommen 
konnen; drei Tage dann nach hier zuriick, das ergibt sieben Tage, und da Ihr glaubt, in fiinf Tagen fertig zu 
werden, so meine ich, daB wir es wagen diirfen, mit der Vermessung fortzufahren.« 

»Und wenn Eure Berechnung nicht richtig ist? Es ist ja moglich, daB die beiden Apachen die Leiche 
einstweilen an einen sichern Ort geschafft haben und dann zuruckkommen, um aus dem Hinterhalte auf uns 
zu schieBen. Ebenso ist es moglich, daB sie viel eher auf einen Trupp der Ihrigen treffen; ja es laBt sich 
sogar annehmen, daB sie Freunde in der Nahe haben, derm es sollte mich wundern, wenn zwei Indianer, 
noch dazu Hauptlinge, sich ohne alle Begleitung so weit von ihrem Wohnsitze entfernten. Und da die Zeit 
der Bilffeljagd gekommen ist, so ware auch die Mdglichkeit vorhanden, daB Intschu tschuna und Winnetou 
zu einem Jagdtruppe gehoren, der sich in der Nahe befindet und von welchem sie sich aus irgend einem 
Grunde auf nur kurze Zeit entfernt haben. Das alles ist zu bedenken und zu beherzigen, wenn wir vor- und 
umsichtig sein wollen.« 

Sam Hawkens kniff das eine seiner beiden kleinen Aeuglein zu, zog eine verwunderte Grimasse und rief 



»Good lack, was Ihr doch klug und weise seid! Wahrhaftig, heutzutage sind die Kilchlein zehnmal 
gescheiter als die alte Henne, wenn ich mich nicht irre. Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, so war 
das, was Ihr vorgebracht habt, gar nicht so dumm gesagt. Ich gebe Euch vollstandig recht. Wir mtissen 
unsere Augen auf alle diese moglichen Falle richten. Darum ist es notwendig, zu erfahren, wohin die 
beiden Apachen sich gewendet haben. Ich werde ihnen also mit Tagesanbruch nachreiten.« 

»Und ich reite mit,« sagte Will Parker. 

»Ich auch,« erklarte Dick Stone. 

Sam Hawkens sann eine kurze Weile nach und antwortete ihnen dann: 

»Ihr bleibt hilbsch da, ihr Beide. Ihr werdet hier gebraucht. Verstanden?« 

Er sah dabei nach Rattlers Freunden hinilber, und er hatte recht. Wenn diese unzuverlassigen Menschen 
allein bei uns blieben, so konnte es nach ihres Anfuhrers Erwachen leicht unliebsame Szenen geben. Da 
war es besser, Stone und Parker blieben da. 

»Aber du kannst doch nicht allein reiten! « sagte der letztere. 

»Ich konnte schon, wenn ich wollte; aber ich will nicht <• erwiderte Sam. »Werde mir einen Begleiter 
aussuchen.« 



»Dieses junge Greenhorn hier.« 

Dabei deutete er auf mich. 

»Nein, der darf nicht fort,« entgegnete da der Oberingenie 

» Warum nicht, Mr. Bancroft?« 

»Weil ich ihn brauche.« 



»Zur Arbeit natilrlich. Wenn wir in filnf Tagen fertig werden wollen, miissen wir alle unsere Krafte 
anspannen. Ich kann keinen missen.« 

»Ja, alle Krafte anspannen. Bisher habt Ihr das nicht getan; es hat vielmehr einer fur alle arbeiten miissen; 
nun mogen sich auch einmal alle fur diesen Einen anstrengen.« 

»Mr. Hawkens, wollt Ihr mir etwa Vorschriften machen? Das mochte ich mir verbitten! « 

»Fallt mir nicht ein. Eine Bemerkung ist noch lange keine Vorschrift.« 

»Klang aber genau so!« 

»Mag sein; habe auch gar nichts dagegen. Was Eure Arbeit betrifft, so wird es wohl keine gar so groBe 
Verzogerung nach sich ziehen, wenn morgen vier anstatt filnf sich daran beteiligen. Habe grad eine 
bestimmte Absicht dabei, dieses junge Greenhorn, welches Shatterhand genannt worclen ist. mitzunehmen.« 

»Darf ich fragen, welche?« 

»Warum nicht. Er soil einmal sehen, wie man es macht, wenn man Indianern nachschleicht. Wird ihm 
wahrscheinlich von Nutzen sein, eine Fahrte richtig lesen zu konnen.« 

»Das ist aber fur mich nicht maBgebend.« 

»WeiB schon. Es gibt noch einen zweiten Grund. Namlich der Weg, den ich zu machen habe, ist ein 
gefahrlicher. Da ist es vorteilhaft fur mich und euch, wenn ich einen Begleiter bei mir habe, der eine solche 
Korperkraft besitzt und mit seinem Barentoter so auBerordentlich gut schieBen kann.« 

»Ich sehe wirklich nicht ein, inwiefern dies auch fur uns von Vorteil sein konnte.« 

»Nicht? Das wundert mich. Seid doch sonst ein auBerordentlich pfiffiger und einsichtsvoller Gentleman,« 
antwortete Sam in leicht ironischem Tone. »Wie nun, wenn ich auf Feinde treffe, die hieher wollen und 
mich ausloschen? Da kann Euch niemand von der Gefahr benachrichtigen, und Ihr werdet ilberfallen und 
umgebracht. Habe ich aber dieses Greenhorn bei mir, welches mit seinen kleinen Ladieshanden den 
stammigsten Kerl mit einem Schlage zu Boden schmettert, so ist es sehr wahrscheinlich, daB wir heiler 
Haut wiederkommen. Seht Ihr das nun ein?« 

»Hm, ja.« 

»Und sodann kommt die Hauptsache: Er muB morgen mit, damit keine Reiberei entsteht, welche 



unglilcklich enden kann. Ihr wiBt, daB Rattler es ganz besonders auf ihn abgesehen hat. Wenn dieser 
Liebhaber eines Glases Brandy morgen erwacht, ist es sehr wahrscheinlich, daB er sich gleich an den 
macht, der ihn heut wieder niedergeschmettert hat. Wir milssen diese beiden wenigstens morgen, am ersten 
Tage nach der Mordtat, auseinander halten. Darum bleibt der Eine, den ich nicht brauchen kann, hier bei 
Euch, und den Andern nehme ich mit. Habt Ihr nun auch noch etwas dagegen?« 

»Nein; er mag mit Euch reiten.« 

»Well; so sind wii also einig.« Und indem er sich mir zuwendete, fugte er hinzu: »Ihr habt gehort, was 
Euch morgen fur eine Anstrengung bevorsteht. Es kann leicht moglich sein, daB wir da keinen Augenblick 
zum Essen und zur Ruhe finden. Darum frage ich Euch, ob Ihr derm nicht wenigstens einige Bissen von 
Eurer Barentatze probieren wollt.« 

»Na, unter diesen Umstanden will ich es wenigstens versuchen.« 

»Versucht es nur, versucht es nur! Ich kenne diese 

Versuche, hihihihi! Man braucht nur einen Bissen zu nehmen, so hort man gewiB nicht eher auf, als bis 
man nichts mehr hat. Gebt die Tatze her; ich will sie Euch braten. So ein Greenhorn hat nicht den richtigen 
Verstand dazu. Also paBt hilbsch auf, damit Ihr es lernt! MilBte ich Euch eine solche Delikatesse zum 
zweitenmal braten, so bekamet Ihr nichts davon, derm ich wilrde sie selber essen.« 

Der gute Sam hatte ganz recht gesagt: kaum hatte ich, als er mit seinem kulinarischen Meisterstuck fertig 
war, den ersten Bissen probiert, so stellte sich der vorhin vermiBte Appetit em; ich vergaB, was mich vorher 
bedruckt hatte, und aB. afi wirklich so lange. bis ich nichts mehr hatte. 

»Seht Ihr's!« lachte er mich an. »Es ist wirklich weit angenehmer, einen Grizzlybaren zu verspeisen, als zu 
erlegen; das habt Ihr nun wohl kennen gelernt. Jetzt werden wir uns einige tuchtige Stticke aus dem 
Schinken schneiden, um sie noch heut abend zu braten. Die nehmen wir morgen als Proviant mit, denn auf 
solchen Kundschafterritten muB man immer darauf gefaBt sein, daB man keine Zeit findet, ein Wild zu 
schieBen und auch kein Feuer anbrermen darf, um es zu braten. Ihr aber legt Euch auf das Ohr und macht 
einen schnellen, tilchtigen Schlaf, derm wir brechen mit der Morgenrote wieder auf und werden morgen alle 
Krafte brauchen. « 

y>Well, ich werde also schlafen. Aber vorher sagt mir, welches Pferd Ihr reiten werdet?« 

» Welches Pferd? Gar kemes.« 

»Was denn?« 

»Welche Frage! Meint Ihr derm, daB ich mich auf ein Krokodil oder einen andern sonstigen Vogel setzen 
werde? Naturlich werde ich mein Maultier, meine neue Mary reiten.« 

»Das wilrde ich nicht tun.« 

»Warum?« 

»Ihr kermt sie noch zu wenig.« 

»Dafur kermt sie mich ganz genau. Hat gar gewaltigen Respekt vor mir, das Vieh, hihihihi! « 

»Aber bei einem solchen Spaherritte, wie wir morgen vorhaben, muB man sehr vorsichtig sein und alles 



vorher bedacht haben. Ein Pferd, dessen man nicht sicher ist, kann alles verderben.« 

»So? Wirkhch?« lachte er mich an. 

»Ja,« antwortete ich eifrig »Ich weiB, daB das Schnauben eines Pferdes seinem Reiter das Leben kosten 
kann.« 

»Ah, das wiBt Ihr? Gescheiter Kerl, der Ihr seid! Habt es wohl auch gelesen, Sir?« 

»Ja.« 

»Dachte es mir! MuB doch auBerordentlich interessant sein, solche Bticher zu lesen. Wenn ich nicht selbst 
ein Westmann ware, wilrde ich nach dem Osten ziehen, mich dort recht hilbsch behaglich auf ein Kanapee 
setzen und solche schone Indianergeschichten lesen. Ich glaube, man kann rund und fett dabei werden, 
obgleich man die Barentatzen nur auf dem Papiere zu essen bekommt. Mocbte wirklicb wissen, ob die 
guten Gentlemen, welche solche Sachen schreiben, einmal ilber den alten Mississippi hertibergekommen 
sind! « 

»Die meisten von ihnen wahrscheinlich.« 

»So?DenktIhr?« 



»Glaube es nicht. Habe meine sehr guten Grunde dazu, daran zu zweifeln.« 

»Und diese Grunde sind?« 

» Will's Euch sagen, Sir. Habe frtiher auch einmal schreiben gekonnt, aber es so schon verlernt, daB ich jetzt 
wohl kaum noch imstande ware, meinen Namen auf ein Papier oder eine Schiefertafel zu bringen. Eine 
Hand, welche so lange ein Pferd gezilgelt, die Bilchse und das Messer gefuhrt und den Lasso geschwungen 
hat, die ist nicht mehr geeignet dazu, allerlei Krikselkraksel auf das Papier zu malen. Wer ein richtiger 
Westmann ist, der hat sicher das Schreiben verlernt, und wer keiner ist, der mag es unterlassen, ilber 
Sachen zu schreiben, die er nicht versteht.« 

»Hm! Man braucht sich doch nicht, um ein Buch ilber den Westen zu schreiben, so lange da aufzuhalten, 
bis man kein Schreibgelenk mehr in den Fingern hat.« 

»Fehlgeschossen, Sir! Ich habe soeben gesagt, daB nur ein ttlchtiger Westmann richtig und der Wahrheit 
gemaB schreiben konnte; aber grad so ein Mann kommt nie dazu.« 



»Weil es ihm nicht einfallen wird, den Westen, wo es keine Tintenfasser gibt, zu verlassen. Die Prairie ist 
wie die See; sie laBt denjenigen, der sie kennen gelernt und lieb gewonnen hat, niemals wieder von sich. 
Nein, alle diese Bucherschreiber kennen den Westen nicht, denn wenn sie ihn kennen gelernt hatten, so 
hatten sie ihn nicht verlassen, um ein paar hundert Papierseiten mit Tinte schwarz zu machen. Das ist so 
meine Ansicht, und ich vermute sehr, daB sie die richtige ist.« 

»Nein. Ich kenne zum Beispiel einen, der den Westen lieb gewonnen hat und ein ttlchtiger Jager werden 
will. Dennoch wird er zmi eilen in die Zivihsation zuriickkehren, um ilber den Westen zu schreiben.« 



»So? Wer ware das?« fragte er, indem er mich neugierig ansah. 

»Das konnt Ihr Euch denken.« 

»Denken? Ich mir? Sollte es moglich sein, daB Ihr Euch da selbst gemeint habt?« 

»Ja.« 

»Alle Wetter! Ihr wollt also unter das unniltze Volk der Bilchermacher gehen?« 

» Wahrscheinlich. « 

»Das laBt bleiben, Sir, ja das laBt bleiben; ich bitte Euch instandigst darum. Ihr wilrdet dabei elend zu 
Grunde gehen; das konnt Ihr mir glauben.« 

»Ich bezweifle es « 

»Und ich behaupte es. Ich kann es sogar beschworen,« rief er eifrig. »Habt Ihr denn eine kleine Ahnung 
von dem Leben, welches Euch dann bevorsteht?« 



»Ich mache Reisen, um Lander und Volker kennen zu lernen, und kehre zuweilen in die Heimat zuriick, um 
meine Ansichten und Erfahrungen ungestort niederzuschreiben.« 

»Aber zu welchem Zwecke denn, um aller Welt willen? Das kann ich nicht einsehen.« 

»Um der Lehrer meiner Leser zu sein und mir nebenbei Geld zu verdienen.« 

»Zotmds\ Der Lehrer seiner Leser! Und Geld verdienen! 

Sir, Ihr seid ilbergeschnappt, wenn ich mich nicht irre! Eure Leser werden gar nichts von Euch lernen, denn 
Ihr versteht ja selber nichts. Wie kann so ein Greenhorn, so ein ganz und gar ausgewachsenes und 
ausgestopftes Greenhorn der Lehrer seiner Leser sein! Ich versichere Euch, daB Ihr gar keine Leser finden 
werdet, nicht einen einzigen! Und sagt mir nur um des Himmels willen. warum Ihr, aber auch grad Ihr ein 
Lehrer werden wollt, und noch gar der Lehrer Eurer Leser, die Ihr gar nicht finden und haben werdet! Gibt 
es denn nicht Lehrer und Schulmeister genug auf Erden und in der Welt? MuBt Ihr die Summe dieser Leute 
denn vergroBern?« 

»Hort, Sam, ein Lehrer zu sein, ist ein hochwichtiger, ein heiliger Beruf! « 

»Pshaw\ Ein Westmann ist viel wichtiger, tausend- und abertausendmal wichtiger! Das muB ich wissen, 
weil ich einer bin, wahrend Ihr erst kaum mit der Nase hergerochen seid. Ich muB mir das also alien Ernstes 
verbitten, daB Ihr Lehrer Eurer Leser werden wollt! Und nun gar Geld dabei zu verdienen! Welch eine Idee, 
welch eine ganz und gar hirnlose Idee! Was kostet denn so ein Buch, wie Ihr schreiben wollt? « 

»Einen Dollar, zwei Dollars, drei Dollars, je nach der GroBe, denke ich.« 

»Schon! Und was kostet ein Biberfell? Habt Ihr eine Ahnung davon? Wenn Ihr Fallensteller werdet, 



verdient Ihr viel mehr, viel mehr, als wenn Ihr der Lehrer Eurer Leser seid, von dem sie, wenn er ja zu 
seinem und zu ihrem Unglilcke welche finden sollte, nichts als nur Dummheiten lernen wtlrden. Geld 
verdienen! Das kann man hier im Westen am leichtesten; da liegt es auf der Prairie, im Urwalde, zwischen 
den Felsen und auf dem Grunde der Fltisse ausgestreut. Und was fur ein elendes Leben wilrdet Ihr als 
Buchmacher filhren! Ihr mtiBtet anstatt des herrlichen Quellwassers des Westens dicke, schwarze Tinte 
trinken, an einer alten Gansefeder kauen, anstatt an einer Barentatze oder einer Buffellende. Ueber Euch 
wilrdet Ihr anstatt des blauen Himmels eine abgebrockelte Kalkdecke haben und unter Euch anstatt des 
weichen, grilnen Grases eine alte Holzpritsche, auf welcher Ihr den HexenschuB bekommt. Hier habt Ihr 
ein Pferd, dort einen zerrissenen 

Polsterstuhl zwischen den Beinen. Hier konnt Ihr bei jedem Regen und Gewitter die edle Gottesgabe aus 
erster Hand genieBen, dort aber reckt Ihr beim ersten Tropfen, welcher fallt, einen roten oder grilnen 
Schirm zum Himmel auf. Hier seid Ihr ein frischer, freier, froher Mann mit der Bilchse in der Faust, dort 

hockt Ihr am Schreibepult und verschwendet Eure Korperkraft an einem Federhalter oder Bleistifte, der 

na, ich will aufhoren und mich nicht weiter aufregen. Aber wenn Ihr wirklich willens seid, der Lehrer Eurer 
Leser zu werden, so seid Ihr der beklagenswerteste Mann, den es auf Gottes schoner Erde geben kann! « 

Er hatte sich in eine nicht geringe Aufregung hineingeredet; seine Aeuglein blitzten und seine Wangen 
glilhten, soweit der dichte Vollbart dies sehen lieB, im allerschonsten Zinnoberrot, grad so wie seine 
Nasenspitze. Ich ahnte, was ihn so wild machte, und da es mir von Wert war, es aus seinem Munde zu 
horen, so schuttete ich noch mehr Oel in das Feuer, indem ich sagte: 

»Aber, liebster Sam, ich versichere Euch, daB es Euch selbst groBe Freude machen wilrde, wenn ich 
dazukame. nieinen Vorsatz auszufuhren.« 

»Freude? Mir? Bleibt mir doch mit solcher Albernheit vom Leibe; Ihr milBt nun endlich wissen, daB ich 
solche Witze nicht vertragen kann! « 

»Es ist kein Scherz, sondern Ernst.« 

»Ernst? Da schlage doch der Donner drein, wenn ich mich nicht irre! Inwiefern derm Ernst? Worilber sollte 
ich mich derm da freuen?« 

»Ueber Euch.« 

» Ueber mich?« 

» Ja, ilber Euch selbst, derm Ihr wilrdet auch in meinen Btlchern stehen.« 

»Ich - ich?« fragte er, indem seine Aeuglein groBer und immer groBer wurden. 

» Ja, Ihr. Ich wilrde nattlrlich auch von Euch schreiben.« 

» Von mir? Etwa das, was ich tue, was ich rede?« 

»Ja. Ich erzahle, was ich erlebt habe, und da ich mit Euch zusammengewesen bin, kommt Ihr auch mit in 
die Btlcher, grad so, wie Ihr da vor mir sitzt.« 

Da ergriff er sein Gewehr, warf das Schinkenstilck hin, welches er wahrend des Gespraches ilber das Feuer 
gehalten hatte sprang empor, stellte sich in drohender Haltung vor mich hin und schrie mich an: 

»Ich frage Euch alien Ernstes und vor alien diesen Zeugen, ob Ihr das wirklich tun wollt?« 



»So! Dann fordere ich Euch hiermit auf, es augenblicklich zu widerrufen und mir mit einigen Eiden z 
versichern, daB Ihr es unterlassen werdet! « 



»Weil ich Euch sonst augenblicklich niederschieBen oder niederschlagen werde, hier mit meiner alten 
Liddy, welche ich da in meinen Handen habe. Also, wollt Ihr oder nicht?!« 

»Nein.« 

»So haue ich zu!« schrie er, indem er mit dem Kolben seiner Liddy ausholte. 

»Haut immer zu!« antwortete ich ruhig. 

Der Kolben schwebte einige Augenblicke ilber meinem Haupte; dann lieB er ihn sinken, warf das Gewehr 
ins Gras, schlug ganz trostlos die Hande zusammen und jammerte: 

»Dieser Mensch ist iibergeschnappt, ist verruckt geworden, vollstandig verruckt! Ich ahnte es sogleich, als 
er Bilcher schreiben und ein Lehrer seiner Leser werden wollte, und nun ist es wirklich eingetroffen. Nur 
ein Wahnsinniger kann so ruhig und kaltbliltig sitzen bleiben, wenn meine Liddy ilber seinem Haupte 
schwebt. Was soil man nun mit diesem Menschen machen? Ich glaube kaum, daB er zu kurieren sein 
wird!« 

»Es bedarf keiner Kur, lieber Sam,« antwortete ich. »Mein Verstand ist vollstandig ungetrilbt.« 

»Warum aber tut Ihr mir da nicht meinen Willen? Warum verweigert Ihr mir die Eide und laBt Euch lieber 
erschlagen?« 

»Pshaw\ SamHawkens erschlagt niich nicht: das weiB ich ganz genau « 

»Das wiBt Ihr? So, so, das wiBt Ihr also! Und leider ist es auch wahr. Ich wiirde mich lieber selbst 
erschlagen, als Euch ein einziges Harlein krummen.« 

»Und Eide schwore ich nicht. Bei mir pflegt das Wort zu gelten, grad so wie ein Schwur. Und endlich lasse 
ich mir ein Versprechen nicht durch Drohungen selbst wenn es mit der Liddy ware, abpressen. Die Sache 
mit den Btlchern ist gar nicht so dumm, wie Ihr meint. Ihr kennt das nur nicht, und ich werde es Euch 
spater. wenn wir mehr Zeit haben, einmal erklaren.« 

»Danke Euch! « meinte er, indem er sich niedersetzte und wieder nach dem Schinken griff. »Brauche keine 
Erklarung fur etwas, was gar nicht erklart werden kann. Lehrer seiner Leser! Geld verdienen mit dem 
Buchmachen ! Lacherlich ! « 

»Und bedenkt die Ehre, Sam! « 

» Welche Ehre?« fragte er, mir das Gesicht rasch wieder zuwendend. 

»Die Ehre, von so vielen Leuten gelesen zu werden. Man wird dadurch beruhmt.« 

Da hob er die Rechte mit dem groBen Schinkenstuck lioch empor und schrie mich an: 



» Sir, nun hort augenblicklich auf, sonst werfe ich Euch diese zwdlf Pfund Barenschinken an den Kopf! 
Dort gehort der Schinken hin, derm Ihr seid grad so dumm oder noch viel dilmmer als der dummste 
Grizzlybar. Durch das Buchmachen berilhmt werden! Hat man jemals eine so jammerliche Behauptung 
gehort! Ich noch nicht, wirklich noch nicht! Was wollt denn grad Ihr von Berilhmtheit wissen! Ich will 
Euch sagen, wie man berilhmt werden kann. Da liegt das Barenfell; seht es Euch an! Schneidet die Ohren 
ab und steckt sie Euch an den Hut; nehmt die Krallen von den Tatzen und die Zahne aus dem Rachen, und 
fertigt Euch eine Kette daraus, die Ihr Euch um den Hals hangt. So macht es jeder weiBe Westmann und 
jeder Indianer, der das groBe Gliick gehabt hat, emen Grizzly zu erlegen. Dann heiBt es, wohin er kommt 
und wo man ihn nur sieht: "Schaut den Mann an! Der hat es mit dem grauen Baren aufgenommen! " So 
sagen alle; jeder wird ihm gern und voller Achtung Platz machen, und sein Name wird genannt von Zelt zu 
Zelt, von Ort zu Ort. So wird man berilhmt. Verstanden! Nun steckt Euch einmal Eure Bilcher an den Hut, 
und hangt Euch eine Bucherkette urns Genick! Was wird man sagen, he? DaB Ihr ein verriickter Kerl seid, 
ein ganz verriickter Kerl! Diese Berilhmtheit und keine andere werdet Ihr von Eurem Bilcherschreiben 
haben!« 

»Aber, Sam, was ereifert Ihr Euch denn so? Es kann Euch doch ganz gleichgultig sein. was ich tue?« 

»So? Gleichgultig? Mir? Alle Teufel, ist das ein Mensch, wenn ich mich nicht irre! Habe ihn lieb wie einen 
Sohn und meinen ganzen Narren an ihm gefressen, und da soil es mir gleichgultig sein, was er treibt! Das 
ist doch stark; das ist mehr als stark; das ist noch starker! Der Kerl hat eine Kraft wie ein Bilffel, Muskeln 
wie ein Mustang, Flechsen und Sehnen wie ein Hirsch, ein Auge wie ein Falke, Gehor wie eine Maus, und 
so ein fiinf oder sechs Pfund Gehirn im Kopfe, wenn man nach seiner Stirne geht. Er schieBt wie ein Alter, 
reitet wie der Geist der Savanne und geht, trotzdem er noch keinen gesehen hat, auf den Bilffel und auf den 
Grizzly los, als ob er es mit einem Meerschweinchen zu tun hatte. Und so ein Mensch, so ein Prairiejager, 
so ein Kerl, der zum Westmann wie geschaffen ist und jetzt schon mehr leistet wie mancher Jager, der 
zwanzig Jahre auf der Savanne herumgeritten ist, ich sage, so ein Mensch will nach Hause gehen und 
Bilcher machen! Ist das denn nicht, um toll zu werden? Hat man sich da etwa dartlber zu wundern, daB ein 
ehrlicher Westlaufer, der es gut mit ihm meint, in Zorn gerat?« 

Er sah mich dabei fragend, ja herausfordernd an. Nattlrlich erwartete er eine Antwort; ich aber gab ihm 
keine; ich hatte ihn gefangen. Ich zog den Sattel herbei, legte, ihn als Kissen benutzend, den Kopf darauf, 
streckte mich lang aus und machte die Augen zu. 

»Nun, was ist denn das wieder fur ein Benehmen?« fragte er, das Schinkensttlck noch immer in der Hand. 
»Bin ich denn keiner Antwort wert?« 

»0 ja,« antwortete ich nur. »Gute Nacht, bester Sam; schlaft wohl!« 

»Ihr wollt schlafen gehen?« 

» Ja. Ihr habt es mir doch vorhin geraten.« 

»Das war vorhin; jetzt aber sind wir noch nicht miteinander fertig, Sir.« 

»Odoch!« 

»Nein; ich habe noch mit Euch zu reden.« 

»Ich aber mit Euch nicht, denn ich weiB nun, was ich wissen wollte.« 

» Wissen wollte? Was denn?« 

»Das, womit herauszurilcken Ihr Euch bisher stets so sehr gestraubt habt.« 



»Ich mich gestraubt? Da mochte ich denn doch wissen, was das ist. Heraus damit!« 

»0, weiter nichts, als daB ich zum Westmanne wie geschaffen bin und jetzt schon mehr leiste als mancher 
Jager, der zwanzig Jahre auf der Savanne herumgeritten ist.« 

Da lieB er die Hand mit dem Schinkenstucke vollends niedersinken, hustete einige Male sehr verlegen und 
sagte dann: 

»Alle - - Teufel ! Dieser junge Kerl - - dieses Greenhorn - - hat mich hm, hm, hm!« 

»Gute Nacht, Sam Hawkens, schlaft wohl!« wiederholte ich und wendete mich um. 

Da fuhr er mich an: 

»Ja, schlaft ein, Ihr Galgenstrick! Das ist besser, als wenn Ihr wacht. Denn so lange Ihr die Augen often 
habt, ist kein ehrlicher Kerl sicher, nicht von Euch an der Nase herumgefuhrt zu werden. Zwischen uns ist's 
aus! Mit mir habt Ihr's verdorben! Ich habe Euch nun durchschaut. Ihr seid ein Filou, vor dem man sich in 
acht zu nehmen hat! « 

Das hatte er in seinem zornigsten Tone gesprochen. Nach diesen Worten und diesem Tone hatte ich 
eigentlich annehmen mtissen, daB nun zwischen uns wirklich alles aus sei; aber schon nach einer halben 
Minute horte ich ihn mit weicher, freundlicher Stimme hinzufugen: 

»Gute Nacht, Sir; schlaft schnell, damit Ihr kraftig seid. wenn ich Euch \vecke!« 

Er war doch ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der alte Sam Hawkens! 

Ich schlief wirklich test, bis er mich weckte. Parker und Stone waren auch schon munter; die Andern lagen 
noch im festen Schlafe, sogar Rattler auch noch. Wir aBen ein Stuck Fleisch, tranken Wasser dazu, trankten 
unsere Pferde und ritten dann fort, nachdem Sam den beiden Gefahrten kurze VerhaltungsmaBregeln fur 
alle vorauszusehenden Falle gegeben hatte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als wir diesen Ritt, der 
leicht gefahrlich werden konnte, antraten. Mein erster, mein allererster Kundschafterritt! Ich war neugierig, 
wie er enden werde. Wie viele, viele solche Ritte habe ich dann spater unternommen! 

Wir schlugen natilrlich die Richtung ein, in weicher die beiden Apachen fortgeritten waren, das Tal hinab 
und unten um die Waldesecke. Die Spuren waren im Grase noch zu sehen; selbst ich, das Greenhorn, 
bemerkte sie; sie fuhrten nordwarts wahrend wir die Apachen doch im Silden von uns suchen muBten. Als 
wir uns hinter der Krummung des Tales befanden, gab es in dem langsam zur Hohe aufsteigenden Walde 
eine BloBe, welche wahrscheinlich die Folge eines verderblichen InsektenfraBes war; dort hinauf fuhrte die 
Spur. Die BloBe setzte sich oben eine lange Strecke fort, worauf wir auf eine Prairie kamen, welche wie ein 
regelmaBiges. langsam aufsteigendes grilnes Dach nach Silden fuhrte. Auch hier war die Spur sehr leicht zu 
verfolgen. Die Apachen hatten uns, wie wir bemerkten, umritten. Als wir uns oben auf dem Firste dieses 
Daches befanden, lag eine weite, ebene, grasige Flache vor uns, welche nach Silden keine Grenze zu haben 
schien. Obgleich seit dem Verschwinden der Apachen beinahe dreiviertel Tag vergangen war, sahen wir 
ihre Spur wie eine gerade Linie tlber diese Ebene fiihren. Sam, weicher bis jetzt kein Wort gesprochen 
hatte, schuttelte nun den Kopf und brummte in den Bart: 

»Gefallt mir nicht, diese Spur, ganz und gar nicht! « 

»Und mir gefallt sie desto besser,« sagte ich. 

»Weil Ihr ein Greenhorn seid, was Ihr gestern abend wieder einmal bestreiten wolltet, Sir. Bildet sich der 
junge Mann ein, daB ich ihn habe loben und gar mit einem Prairiejager vergleichen wollen! So etwas sollte 



man nicht fur moglich halten! Man braucht nur Eure jetzigen Worte zu horen, urn sofort zu wissen, woran 
man mit Euch ist. Euch gefallt diese Spur? Ja, das glaube ich; weil sie so schon deutlich vor Euch liegt, daB 
ein Blinder sie mit Handen fassen konnte. Mir aber, der ich ein alter Savannenlaufer bin, kommt das 
verdachtig vor.« 

»Mir nicht. « 

»Haltet den Schnabel, verehrtester Sir! Ich habe Euch nicht dazu mitgenommen, daB Ihr mir mit Euern 
jungen Ansichten ilber den Bart wischen sollt! Wenn zwei Indianer ihre Spur so sehen lassen, so ist das 
stets bedenklich, zumal unter diesen Umstanden, wo sie uns in feindlicher Absicht verlassen haben. Es ist 
sehr zu vermuten, daB sie uns in eine Falle locken wollen. Denn sie wissen, daB wir ihnen folgen werden, 
das ist doch selbstverstandlich.« 

»Worin soil die Falle bestehen?« 

»Das kann man jetzt noch nicht \\ issen « 

»Und wo soil sie liegen?« 

»Natilrlich dort im Silden. Sie haben es uns sehr leicht gemacht, ihnen dorthin zu folgen. Wenn das nicht 
mit einer bestimmten Absicht geschehen ware hatten sie sich Muhe gegeben, die Spur auszuwischen.« 

»Hm!« brummte ich. 



»Oho! Das klang grad so, als ob Ihr etwas s; 
»Werde mich hilten!« 



»Ich habe alien Grund, meinen Schnabel zu halten, sonst denkt Ihr wieder, ich will Euch den Bart 
abwischen, wozu ich aber, wie ich Euch often gestehe, weder Talent noch Lust besitze.« 

»Redet doch kein solches Zeug! Zwischen Freunden dilrfen Ausdrticke nicht auf diese Weise abgewogen 
werden. Ihr wollt doch etwas lernen; wie aber konnt Ihr das, wenn Ihr nicht redet! Also, was war das fur ein 
Hm-Brummer, den Ihr soeben losgelassen habt?« 

»Ich war anderer Meinung als Ihr. Ich glaube an keine Falle. « 

»So! Warum?« 

»Die beiden Apachen wollen zu den Ihrigen. Sie wollen sie schnell gegen uns fuhren und haben bei dieser 
Warme eine Leiche bei sich. Das sind zwei triftige Griinde, ihren Ritt moglichst zu beschleunigen, sonst 
verfault ihnen die Leiche unterwegs und sodann kommen sie auch zu spat, uns noch zu erwischen. Sie 
haben sich also nicht Zeit nehmen konnen, ihre Spur zu verwischen. Das ist meiner Ansicht nach der 
einzige Grund, daB wir die Fahrte so deutlich sehen.« 

»Hm!« brummte Sam nun seinerseits. 



»Und wenn ich nicht recht hatte,« fuhr ich fort, »so konnen wir ihnen dennoch getrost folgen. So lange wir 
uns auf dieser weiten Ebene befinden, haben wir nichts zu befilrchten, weil wir jeden Feind schon von 
weitem sehen und uns also zur rechten Zeit zurilckziehen konnen. « 

»Hm!« brummte er abermals, indem er mich von der Seite her ansah. »Ihr redet da von der Leiche. Denkt 
Ihr, daB sie sie in dieser Warme mit fortnehnien?« 



»Nicht unterwegs begraben?« 

»Nein. Der Tote hat in hohen Ehren bei ihnen gestanden. Ihre Gewohnheiten erfordern, daB er mit allem 
indianischen Pompe begraben werde. Dieser Feierlichkeit wiirde die Krone aufgesetzt werden konnen, 
wenn es moglich ware, seinen Morder bei der Leiche sterben zu lassen. Sie werden diese letztere also 
aufheben und sich beeilen, Rattler und uns in die Hande zu bekommen. So, wie ich sie kenne, steht dies zu 

envarten « 

»So, wie Ihr sie kennt? Ah, Ihr seid also im Apachenlande geboren?« 

»Unsinn! « 

»Woher kennt Ihr sie derm sonst?« 

»Aus den Bilchern, von denen Ihr nichts wissen wollt.« 

»Well\« nickte er. »Reiten wir weiter!« 

Er sagte mir nicht, ob er meinen Ansichten beistimme oder nicht; aber wenn er mir zuweilen von seitwarts 
her einen halben Blick zuwarf, ging durch seinen Bartwald ein leises Zucken. Ich kannte dieses Zucken; es 
war stets ein Zeichen, daB es ihm nicht leicht wurde, irgend etv, as geistig zu verdauen. 

Wir jagten nun im Galoppe ilber die Ebene hin. Sie war eine jener kurzgrasigen Savannen. wie sie sich da 
oben zwischen den Quellgebieten des Canadian und des Rio Pecos finden. Die Spur war dreireihig, wie mit 
einer groBen, dreizinkigen Gabel gezogen. Die Pferde waren also hier noch immer so nebeneinander 
gefuhrt worden, wie wir sie hatten von uns fortgehen sehen. Es muBte sehr anstrengend gewesen sein, die 
Leiche wahrend eines so weiten Rittes aufrecht zu halten, denn bis jetzt hatten wir keine Spur davon 
gefunden, daB sie irgend eine Vorrichtung getroffen hatten, sich dies zu erleichtern. Ich sagte mir aber im 
stillen, daB sie das wohl nicht mehr lange ausgehalten hatten. 

Jetzt nun glaubte Sam Hawkens die Zeit gekommen, seines Lehramtes zu walten. Er erklarte mir, aus 
welcher Beschaffenheit der Fahrte zu schlieBen sei, ob die Reiter im Schritte oder im Galoppe geritten 
seien; das war sehr leicht zu sehen und zu merken. 

Nach einer halben Stunde legte sich ein Wald scheinbar quer vor die Ebene, aber auch nur scheinbar, denn 
die Savanne machte eine Biegung; indem wir derselben folgten, hatten wir diesen Wald zu unserer Linken 
liegen. Die Baume desselben standen so weit auseinander, daB ein ganzer Reitertrupp vereinzelt leicht 
hindurchkommen konnte; die Apachen hatten aber drei Pferde nebeneinander und also nicht hindurch 
gekonnt. Es war klar, daB sie aus diesem Grunde zu Umwegen gezwungen waren, denen wir gern folgten, 
weil auch wir da offenen Weg hatten. Spater freilich als ich "ausgelernt" hatte, ware es mir nie eingefallen, 
dieser Fahrte so nachzureiten, sondern ich ware geradeaus durch den Wald geritten und jenseits wieder auf 
sie getroffen, wodurch ich den Umweg abgeschnitten hatte. 



Spater verengte sich die Prairie zu einem schmaleren, nicht ganz offenen Wiesenstreifen, auf welchem 
vereinzeltes Buschwerk stand. Da kamen wir an eine Stelle, wo die Apachen angehalten hatten. Es war an 
einem Gestrauch, aus welchem hohes, schlankes Eichen- und Buchenholz ragte. Wir umritten es vorsichtig 
und naherten uns erst dann, als wir die Ueberzeugung hatten, daB die Roten langst nicht mehr darin 
steckten. Auf der einen Seite des Gebilsches war das Gras vollstandig niedergetreten oder niedergelagert. 
Die Untersuchung ergab, daB die Apachen hier abgestiegen waren und die Leiche vom Pferde genommen 
und in das Gras gelegt hatten. Dann waren sie in das Gestrauch eingedrungen, um Eichenstangen zu 
schneiden und sie von den Nebenzweigen zu befreien; diese letzteren sahen wir am Boden liegen. 

»Was mogen sie wohl mit diesen Stangen getan haben?« fragte Sam, indem er mich wie ein Lehrer seinen 
Schiller anblickte. 

»Eine Trage oder Schleife fur die Leiche,« antwortete ich getrost. 

»Woher wiBt Ihr das?« 

» Von mir.« 

»Wieso?« 

»Ich habe schon lange auf so etwas gewartet Die Leiche so lange aufrecht zu halten, ist keine Kleinigkeit 
gewesen. Ich erwartete also, daB sie beim ersten Haltepunkt Abhilfe getroffen haben.« 

»Nicht ilbel gedacht. Steht so etwas auch in Euren Bilchern zu lesen, Sir?« 

»Wortlich und genau auf diesen Fall passend nicht; aber es kommt darauf an, wer ein solches Buch liest 
und wie er es liest. Man kann wirklich viel daraus lernen und dann in der Wirklichkeit fur andere, ahnliche 
Falle anwenden.« 

»Hm, sonderbar! Scheinen also doch im Westen gewesen zu sein, die so etwas schreiben! Uebrigens 
stimmt Eure Vermutung mit der meinigen zusammen. Wollen doch 'mal sehen, ob sie richtig ist.« 

»Ich vermute, daB sie nicht eine Tragbahre, sondern eine Schleife angefertigt haben.« 

»Warum?« 

»Um einen Toten oder ilberhaupt etwas auf einer Bahre zu tragen, dazu sind zwei Pferde erforderlich, die 
entweder neben- oder hintereinander hergehen; die Apachen haben aber nur drei Pferde. Bei einer Schleife 
jedoch genilgt ein einzelnes Pferd.« 

»Richtig; aber die Schleife macht eine verteufelte Fahrte, was fur den Betreffenden verderblich werden 
kann. Uebrigens ist anzunehmen, daB sie gestern kurz vor Abend hier gewesen sind; es wird sich also bald 
zeigen, ob sie gelagert haben oder wahrend der Nacht geritten sind.« 

»Ich mochte das letztere behaupten, weil sie ja doppelten Grund zur Eile haben.« 

»Ganz richtig; also laBt uns sehen.« 

Wir waren abgestiegen und gingen, unsere Pferde hinter uns fuhrend, auf der Fahrte langsam weiter. Sie 
sah jetzt ganz anders aus als vorher, sie war zwar auch wieder dreifach, doch nicht in der fruheren Weise. 
Der mittlere, breite Strich stammte von den Pferdehufen, und die beiden Seitenstriche waren von der 
Schleife eingeritzt worden. Sie bestand also wohl aus zwei Hauptstangen und mehreren Querholzern, die 



aneinander befestigt unci auf welche dann die Leiche gebunden worden war 

»Sind von hier aus hintereinander geritten,« meinte Sam. »Das muB einen Grund haben, denn es ist zum 
Nebeneinanderreiten genug Platz da. Folgen wir ihnen nach! « 

Wir stiegen wieder auf und ritten im Trabe weiter, dabei dachte ich darilber nach, aus welchem Grunde sie 
wohl von jetzt an hintereinander geritten sein konnten. Ich sann und sann und glaubte bald, das Richtige 
gefunden zu haben. Darum sagte ich: 

»Sam, strengt Eure Augen an! Es wird mit dieser Spur bald eine Aenderung eintreten, die wir nicht 
bemerken sollen.« 

»Wieso'.' Fine Aenderang?« fragte er. 

»Jawohl. Sie haben die Schleife angefertigt nicht nur um sich den Ritt zu erleichtern und die Leiche nicht 
mehr halten zu mussen, sondern auch um sich trennen zu konnen.« 

»Was Ihr denkt? [denkt!] Sich trennen! Wird ihnen nicht im Traume einfallen, hihihihi!« lachte er. 

»Im Traume nicht, aber im Wachen.« 

»So sagt mir, wie Ihr auf diese Idee kommt! Da werden Eure Bilcher Euch wohl gewaltig in die lire gefuhrt 
haben. « 

»Das steht nicht darin, sondern ich habe es mir selbst gesagt, allerdings nur infolgedessen, dafl ich diese 
Bilcher sehr aufmerksam gelesen und mich in ihren Inhalt sehr lebhaft hineingedacht habe.« 

»Nun also?« 

»Bisher habt Ihr den Lehrer gemacht; nun werde ich Euch auch einmal fragen.« 

»Wird viel Kluges werden; bin neugierig daraufk 

»Weshalb pflegen die Indianer ilberhaupt meist hintereinander zu reiten? Doch nicht der Bequemlichkeit 
oder der Geselligkeit halber?« 

»Nein, sondern damit der, welcher auf ihre Fahrte stoBt, nicht zahlen kdnne, wie viele Reiter es gewesen 
sind.« 

»Schau! Ich glaube, ganz derselbe Grund liegt auch hier in diesem Falle vor.« 

»Mochte wissen!« 

»Aber warum reiten da die Beiden im Gansemarsch, wo doch Platz ware fur mehr als drei Pferde?« 

»Zufall, oder, was wohl das Richtige sein wird, des Toten wegen. Einer reitet vorn als Wegweiser; dann 
kommt das Pferd mit der Leiche und hinterher der Andere, welcher aufzupassen hat, daB die Schleife test 
zusammenhalt und der Tote nicht etwa herunterfallt.« 

»Mag sein; aber ich muB daran denken, daB sie Eile haben, an uns zu kommen. Der Transport des 
Erschossenen geht zu langsam; also wird wohl einer von ihnen voraneilen, damit die Krieger der Apachen 



schneller benachrichtigt werden konnen.« 

»Das gaukelt Euch die Phantasie so vor. Ich sage Euch, daB es ihnen gar nicht einfallen wird, sich 
voneinander zu trennen.« 

Warum so lite ich mich mit ihm streiten? Ich konnte ja unrecht haben; ja, ich hatte es hochst wahrscheinlich, 
weil er ein erfahrener Scout und ich eben ein Greenhorn war. Darum schwieg ich, aber ich paBte scharf auf 
den Boden und auf die Fahrte auf. 

Nicht lange nachher kamen wir an einen nicht tiefen, sondern sehr flachen aber desto breiteren und jetzt 
vollstandig ausgetrockneten Wasserlauf. Das war so eine FluBmulde, welche im Frilhlinge die 
Gebirgswasser aufnimmt und dann, wenn diese sich verlaufen haben, wahrend der ilbrigen Zeit trocken 
bleibt. Der Boden zwischen den beiden niedrigen Ufern bestand aus vom Wasser rund geschliffenem 
Steingrus, zwischen dem sich einzelne Lager feinen, leichten Sandes befanden. Die Spur fuhrte quer 
hindurch. 

Wahrend wir langsam hinuberritten, betrachtete ich den Grus und Sand auf beiden Seiten auf das 
genaueste. Wenn ich vorhin das Richtige erraten hatte, so war hier fur einen der Apachen der geeignetste 
Ort, abzuweichen. Wenn er ein Stuck die trockene Mulde hinunterritt und sein Pferd nicht auf den Sand, 
sondern nur auf den harten Grus treten lieB, der keine Spur annahm, so konnte er verschwinden, ohne eine 
Fahrte zurtickzulassen. Ritt dann der Andere weiter, mit dem Schleifenpferde hinter sich, so konnte man 
die Spur dieser beiden Pferde noch immer fur die von dreien halten. 

Ich hielt mich hinter Sam Hawkens Schon war icb fast hinuber, da bemerkte ich in einer Sandlage, grad wo 
sie an eine Gruslage stieB, eine runde Vertiefung, deren Rander eingefallen waren; sie hatte ungefahr die 
Weite einer groBen Kaffeetasse. Ich hatte damals nicht den scharfen Blick, den Scharfsinn und die 
Erfahrung, die ich spater besaB; aber was ich spater behauptet und bewiesen hatte, das ahnte ich damals 
wenigstens, namlich daB diese kleine Vertiefung von einem Pferdehufe ruhre, der von dem hoheren Grus in 
den tiefer liegenden Sand hinabgerutscht war. Als wir am andern Ufer angekommen waren, wollte Sam auf 
der Fahrte weiterreiten; ich aber forderte ihn auf: 

»Kommt einmal da nach links hinuber, Sam! « 

» Warum? « fragte er. 

»Will Euch etwas zeigen.« 

»Was?« 

»Werdet es gleich sehen. Kommt nur mit!« 

Ich ritt am Ufer des Trockenbettes hinab; es war mit Gras bestanden. Wir hatten nicht mehr als zweihundert 
Pferdeschritte gemacht, da kam die Fahrte eines Reiters aus dem Sande herauf und fuhrte ganz deutlich 
tiber das Gras in sildlicher Richtung hin. 

» Was ist das hier. Sam'.'« fragte ich. nicht m emg stolz. als Neuling recht zu bekommen. 

Seine kleinen Aeuglein schienen sich in ihre Hohlen verkriechen zu wollen, und sein listiges Gesicht zog 
sich in die Lange. 

[Illustration Nr. 8: Neue Spuren in der Nahe des Bachbettes] 



»Pferdestapfen!« antwortete er erstaunt. 

»Wo sind sie hergekoniinen '<■- 

Er blickte ilber das Trockenbett hiniiber, und da er dort keine Spur bemerkte, meinte er: 

» Jedenfalls bier aus dem Fruhjahrsflusse.« 

»Allerdings. Und wer mag der Reiter da gewesen seiii'.'« 

»WeiBiches!« 

»Nein, aber ich weiB es.« 

»Nun, wer denn?« 

»Einer von den beiden Apachen.« 

Sein Gesicht dehnte sich noch mehr in die Lange, eine Fahigkeit, die ich ihm bisher gar nicht zugetraut 
hatte, und er rief aus: 

» Von diesen beiden? Nicht moglich! « 

»0 doch! Sie haben sich getrennt, wie ich vorhin vermutete. Kommt nun zu unserer Fahrte zurilck! Wenn 
wir sie genau betrachten, so werden wir sehen, dafl sie nun von nur zwei Pferden herrilhrt.« 

»Das ware ja ganz erstaunlich! Wo Hen einmal sehen. Bin furchterlich neugierig! « 

Wir ritten zurilck und waren nun freilich aufmerksamer, als wir gewesen waren, wenn ich meine 
Entdeckung nicht gemacht hatte. Wir fanden wirklich heraus, dafl von hier an nur zwei Pferde 
weitergegangen waren Sain hustete einige Male, betrachtete mich mit mifltrauischen Augen vom Kopfe bis 
zu den Filflen herunter und fragte: 

»Wie seid Ihr derm auf die Idee gekommen, dafl die abgezweigte Spur da drilben aus dem Trockenbette 
kommen werde?« 

»Ich habe einen Fufistapfen da unten im Sande gesehen und das ilbrige daraus geschlossen.« 

»Das ware! Zeigt mir doch einmal den Stapfen!« 

Ich fuhrte ihn hinunter, wo ich ihn sah. Da blickte er mich noch viel mifltrauischer an, als vorhin, und 
fragte: 

»Sir, wollt Ihr mir einmal die Wahrheit sagen?« 

» Ja. Glaubt Ihr vielleicht, dafl ich Euch einmal belogen habe?« 

»Hm, Ihr scheint ein wahrheitsliebender und ehrlicher Kerl zu sein; aber in diesem Falle traue ich Euch 
doch nicht. Ihr seid noch nie in der Prairie gewesen? « 



»Ueberhaupt im wilden Westen nicht?« 

»Auch nicht in den Vereinigten Staaten?« 

»Nie.« 

»Oder gibt es ein anderes Land, wo es auch Prairien und Savannen gibt und so etwas wie hier der Westen, 
und dort seid Ihr gewesen?« 

»Nein. Ich bin nie aus meiner Heimat weggekommen.« 

»So hole Euch der Teufel, Ihr ganz und gar unbegreifliches Menschenkind! « 

»( )ho, Sam Hawkens! 1st das ein Segensspruch von einem Freunde, wie Ihr zu sein behauptet!« 

»Na, nehmt mir's 'mal nicht ilbel, wenn mir bei solchen Dingen der Kafer ilber die Galle lauft! Kommt so 
ein Greenhorn nach dem Westen, hat noch kein Gras wachsen und keinen Erdfloh singen gehort und treibt 
schon gleich beim ersten Kundschafterritte dem alten Sam Hawkens die Schamrote ins Gesicht. Wenn man 
da kaltes Blut behalten soil, so milBte man im Sommer ein Eskimo und im Winter ein Gronlander sein, 
wenn ich mich nicht irre. Als ich so jung war, wie Ihr jetzt seid, da war ich zehnmal gescheiter als Ihr, und 
jetzt in meinen alten Tagen scheine ich zehnmal dummer zu sein. 1st das nicht traurig fur einen Westlaufer, 
der seine Portion Ehrgefuhl besitzt?« 

»Braucht es Euch nicht so tief zu Herzen zu nehmen.« 

»Oho, es greift an! Ich muB gestehen, dafl Ihr recht gehabt habt. Woher kommt das nur?« 

»Daher, daB ich logisch richtig gedacht und geschlossen habe. Das richtige SchlieBen ist sehr wichtig « 

»SchlieBen? Was ist das? Mit einem Schlussel?« 

»Nein. Schlilsse ziehen, meine ich.« 

»Das verstehe ich nicht; ist mir zu hoch.« 

»Nun, ich habe folgenden SchluB gezogen: Wenn Indianer hintereinander reiten, wollen sie ihre Spur 
verdecken; die beiden Apachen sind hintereinander geritten, folglicb wollten sie ihre Spur verdecken. Das 
versteht Ihr doch?« 

» Selbstverstandlich. « 

»Durch diesen richtigen SchluB bin ich zu der richtigen Entdeckung gekommen. Der richtige Westmann 
muB vor allem richtig denken konnen. Ich will Euch noch so einen SchluB sagen. Wollt Ihr ihn horen?« 

» Warum nicht? « 

»Ihr heiBt Hawkens. Das soil doch "Falke" sein?« 



»So hort! Der Falke friBt Feldmause. 1st das richtig?« 

»Ja; wenn er sie fangt, da friBt er sie.« 

»Nun also ist der SchluB: Der Falke friBt Feldmause; Ihr heiBet Hawkens. folglicb freBt Ilu Feldmause. « 

Sam machte den Mund auf, jedenfalls um Atem und Gedanken schopfen zu konnen, sah mich eine kleine 
Weile wie abwesend an und brach dann los: 

»Sir, wollt Ihr Euch ilber mich lustig machen? Das verbitte ich mir! Ich bin noch lange kein Bajazzo, dem 
man auf dem Buckel herumspringen kann. Ihr habt mich beleidigt, schwer beleidigt mit der teuflischen 
Behauptung, daB ich Mause fresse, und noch dazu elende Feldmause. Dafur will ich Genugtuung haben. 
Was denkt Ihr vom Duell?« 

»GroBartig!« 

»Jawohl! Ihr habt studiert, mcht wahr?« 

»Ja.« 

»So seid Ihr satisfaktionsfahig, und ich werde Euch also meinen Sekundaner schicken. Verstanden?« 

»Ja. Aber habt Ihr studiert? « 

»So seid Ihr nicht satisfaktionsfahig, und ich werde Euch also meinen Tertianer oder Quartaner schicken. 
Verstanden?« 

»Nein, das verstehe ich nicht, « meinte er, indem er ein verlegenes Gesicht zeigte. 

»Nun, wenn Ihr die Regeln des Duells nicht versteht und nicht einmal wiBt, welche Bedeutung Euer 
Sekundaner und mein Tertianer und Quartaner dabei haben, so konnt Ihr mich doch nicht fordern. Ich will 
Euch freiwillig eine Genugtuung geben.« 

»Welche?« 

»Ich schenke Euch mein Grizzlybarenfell.« 

Seine Aeuglein blitzten sofort wieder. 

»Das braucht Ihr doch selbst! « 

»Nein. Ich gebe es Euch.« 

»Ist's wahr?« 

»Ja.« 

»Heigh-day, das nehme ich sofort an. Danke, Sir, danke auBerordentlich! Halloo, werden sich die Andern 
argern! WiBt Ihr, was ich daraus mache?« 



»Einen neuen Jagdrock, einen Jagdrock aus Grizzlyleder! Welch ein Triumph! Werde ihn selber machen. 
Bin ein ausgezeichneter Jagdrockschneider. Seht Euch diesen da an, wie schon ich ihn ausgebessert habe!« 

Er deutete auf den vorsintflutlichen Sack, in welchem er steckte. Da war allerdings ein Lederstilck immer 
wieder auf das Andere geflickt, so dafl der Rock die Dicke eines Brettes angenommen hatte. 

»Aber,« fugte er in seiner groBen Freude hinzu, »die Ohren, die Krallen und die Zahne bekommt Ihr, die 
brauche ich nicht zum Rocke, und Ihr habt Euch diese Trophaen mit groBter Lebensgefahr erkampft Ich 
mache Euch eine Kette daraus; ich verstehe mich auf solche Arbeiten. Wollt Ihr?« 

»Ja.« 

»Recht so, recht so, derm dann hat ein jeder seine Freude. Ihr seid wirklich ein tilchtiger Kerl, ein ganz 
tilchtiger Kerl. Schenkt Eurem Sam Hawkens das Grizzlyfell. Nun konnt Ihr meinetwegen von mir 
behaupten, daB ich nicht nur Feldmause, sondern auch Ratten fresse, es wird meine Seelenruhe nicht im 

geringsten aus der Fassung bringen. Und das mit den Bilchern ich sehe doch, daB sie nicht ganz so ilbel 

sind, wie ich erst dachte; man kann wirklich vieles daraus lernen. Werdet Ihr wirklich eines schreiben?« 

» Vielleicht mehrere.« 

»Ueber Eure Erlebnisse?« 



»Und ich komme auch mit hinein?« 

»Nur meine hervorragendsten Freunde, so ungefahr um ihnen ein schriftliches Denkmal zu setzen.« 

»Hm, hm! Hervorragend! Denkmal setzen! Das klingt freilich ganz anders als gestern. Ich muB mich da 
sehr verhort haben. Also ich auch?« 

»Wenn Ihr wollt, sonst nicht. « 

»Hort, Sir, ich will. Ich bitte Euch sogar darum, mich mit hineinzusetzen.« 

»Gut; es wird geschehen.« 

» Schon! Aber da milBt Ihr mir einen Gefallen tun!« 

»Welchen! [Welchen?]« 

»Ihr erzahlt alles. was wir nutemander erlebt haben?« 

»Ja.« 

»So laBt das weg, daB ich die abgezweigte Spur hier nicht gefunden habe! Sam Hawkens, und so etwas 
nicht finden! Ich muB mich ja vor alien Lesern schamen, die von Euch lernen sollen. Wenn Ihr die Gute 
haben wollt, dies zu verheimlichen, so mogt Ihr dafur getrost das von den Mausen und Ratten hineinsetzen. 
Was die Leute ilber mein Essen denken, das ist mir ganz und gar egal; aber wenn sie mich fur einen 



Westmann hielten, der einen Indsman fortreiten laBt, ohne dies an der Fahrte zu sehen, das wilrde mich 
wurmen, auBerordentlich wurmen! « 

»Das geht nicht, lieber Sam.« 

»Nicht? Warum?« 

»Weil ich jede Person, welche ich bringen werde, genau so beschreiben muB, wie sie ist. Da will ich Euch 
doch lieber weglassen.« 

»Nein, nein, ich will mit hinein ins Buch, partout mit hinein! Es ist jedenfalls auch besser, wenn Ihr die 
Wahrheit sagt. Wenn Ihr meine Fehler bringt, so mag das fur die Leser, die ebenso dumm sind, wie ich bin, 
ein warnendes Beispiel zur Aufmunterung sein, hihihihi; ich aber, da ich nun weiB, daB ich gedruckt werde, 
werde mir alle Milhe geben, um dergleichen Fehler fernerhin zu vermeiden. Also, wir sind einverstanden?« 



» So wollen wir weiter! « 

»Welcher Spur? Der abgezweigten?« 

»Nein, dieser hier.« 

»Ja; das wird Winnetou sein.« 

»Woraus schlieBt Ihr das?« 

»Dieser hier soil mit der Leiche langsamer nachfolgen; der Andere aber reitet voraus, um schnell Krieger 
zu versammeln; also wird er wohl der Hauptling sein.« 

»Yes; stimmt; bin derselben Ansicht. Der Hauptling geht uns jetzt nichts an. Wir reiten nur seinem Sonne 
nach.« 

»Warum diesem?« 

»Weil ich wissen will, ob er doch noch Lager gemacht hat; darauf kommt es mir an. Also vorwarts, Sir!« 

Es ging im Trabe weiter, ohne daB etwas Erwahnenswertes geschah. Auch die Beschreibung der Gegend, 
durch welche wir kamen, wilrde kein Interesse bieten. Erst eine Stunde vor Mittag hielt Sam an und sagte: 

»Nun ist's genug; wir kehren um. Auch Winnetou ist die ganze Nacht hindurch geritten; sie haben also 
groBe Eile, und wir konnen ihren Angriff bald erwarten, vielleicht noch innerhalb der filnf Tage, die Ihr zu 
arbeitenhabt.« 



»Allerdings. Hort Ihr auf, und machen wir uns aus dem Staube, so bleibt die Arbeit unvollendet; bleiben 
wir aber da, so werden wir ilberfallen, und die Arbeit wird doch nicht fertig. Wir mtissen die Sache mit 
Bancroft ernstlich besprechen.« 

» Vielleicht bietet sich ein Ausweg.« 



»WilBte nicht, welcher?« 

»DaB wir uns einstweilen in Sicherheit bringen und dann, wenn die Apachen sich zurilckgezogen haben, 
den Rest vollenden.« 

»Ja, das ginge vielleicht. Werden sehen, was die Andern dazu sagen. Wir miissen uns beeilen, noch vor 
nacht das Lager zu erreichen.« 

Wir schlugen ruckwarts denselben Weg ein, den wir herwarts geritten waren. Wir hatten unsere Tiere nicht 
geschont, aber mein Rotschimmel war noch ganz frisch, und die "neue Mary" tat ganz so, als ob sie soeben 
erst aus dem Stalle gekommen sei. Wir legten in kurzer Zeit bedeutende Strecken zuriick, bis wir ein 
flieBendes Wasser erreichten, wo wir unsere Tiere trinken und ein Stilndchen ausruhen lassen wollten. Da 
stiegen wir ab und streckten uns zwischen Buschen im v\ eichen Grase aus. 

Was wir uns zu sagen hatten, das war gesagt worden; darum lagen wir jetzt still da. Ich dachte an Winnetou 
und den wahrscheinlich bevorstehenden Kampf mit ihm und seinen Apachen, und Sam Hawkens hatte die 

Augen zugemacht und ah, er schlief; ich sah es den regelmafligen Bewegungen seiner Brust an. Er 

hatte in letzter Nacht nicht viel geschlafen. Hier konnte er ein kleines Nickerchen riskieren, weil ich wachte 
und wir auf dem Herwege in der ganzen Gegend nichts Verdachtiges bemerkt batten 

Jetzt sollte ich ein Beispiel davon erleben, wie scharf die Sinne der Menschen und der Tiere im wilden 
Westen sind. Das Maultier steckte mitten im Gebilsch, so daB ich es nicht sehen konnte, und knusperte die 
Blatter von den Zweigen; es war kein geselliges Tier, mied die Pferde und war am liebsten allein. Mein 
Schimmel stand in meiner Nahe und mahte mit seinen scharfen Zahnen das Gras ab. Sam schlief, wie ich 
bereits gesagt habe 

Da lieB das Maultier ein kurzes, seltsames, ich mochte sagen, warnendes Schnauben horen, und im Nu war 
Sam aufgewacht und stand auf den Beinen. 

»Ich schlief; die Mary schnaubte; das hat mich 

[Illustration Nr. 9: Ein Trupp Kiowas] 

aufgeweckt. Es kommt ein Mensch oder ein Tier. Wo ist mein Maultier?« 

»Da in den Buschen. Kommt! « 

Wir krochen ins Gestrauch und sahen nun die Mary, wie sie, vorsichtig hinter den Zweigen verborgen, 
durch dieselben blickte. Ihre langen Ohren bewegten sich lebhaft, und der Schwanz ging auf und nieder 
Als sie sah, daB wir kamen, war sie beruhigt; Schwanz und Ohren standen still. Das Tier hatte sich wirkhch 
in sehr guten Handen befunden, und Sam konnte sich begluckwunschen, anstatt eines Pferdes diese Mary 
gefangen zu haben. 

Als wir durch die Zweige blickten, sahen wir sechs Indianer, einer hinter dem andern, von Norden her, 
wohin wir wollten, auf unserer Fahrte geritten kommen. Der Vorderste von ihnen, eine nicht hohe, aber 
muskulose Gestalt, hielt den Kopf gesenkt und schien die Augen nicht von der Fahrte zu wenden. Sie 
trugen alle lederne Leggins und dunkle Wollenhemden. Bewaffnet waren sie mit Flinten, Messern und 
Tomahawks. Ihre Gesichter glanzten vor Fett; quer ilber dieses ging ein blauer und ein roter Strich hinweg. 

Schon wollte diese Begegnung mir Sorge machen, da sagte Sam, ohne seine Stimme vorsichtig zu 
dampfen 

» Welch ein Zusammentreffen! Das rettet uns, Sir!« 



»Retten? Wieso? Wollt Ihr nicht leiser reden?« [reden?] Die Kerls sind schon so nahe, daB sie uns horen 
milssen.« 

»Das sollen sie auch. Es sind Kiowas. Der, welcher voranreitet, ist Bao, was in ihrer Sprache Fuchs 
bedeutet, ein tapferer und auch schlauer Krieger, wie ja schon sein Name sagt. Der Hauptling dieser Leute 
heiBt Tangua, ein unternehmender Indsman, aber mein guter Freund. Sie tragen die Kriegsfarben im 
Gesicht und sind also wahrscheinlich Kundschafter. Ich habe aber nicht gehort, daB irgend ein Stamm 
gegen den andern aufgetreten sei.« 

Das Wort Kiowa wird Ke-i-o-weh ausgesprochen. Dieser rote Stamm scheint ein Mischvolk von 
Shoshonen und Pueblo-Indianern zu sein; es sind ihm im Indianerterritorium Reservation en angewiesen 
worden, aber es schweifen noch viele Abteilungen in den texanischen Wiisten, namentlich im sogenannten 
Pan-handle herum und bis nach Neu-Mexiko hinein. Diese Abteilungen sind sehr gut beritten und an 
Pferden reich. Sie werden den WeiBen durch ihre Raublust sehr gefahrlich, und darum sind die Ansiedler in 
den Grenzgebieten ihre erbittertsten Feinde. Auch mit den verschiedenen Apachenstammen stehen sie auf 
schlechtem FuBe, da sie auch das Eigentum und Leben dieser ihrer roten Brilder nicht zu schonen pflegen. 
Sie sind mit einem Worte Rauberbanden. Wodurch sie das geworden sind, das braucht man nicht zu fragen. 

Die sechs Kundschafter waren jetzt nahe herangekommen. Wie sie uns retten sollten, das leuchtete mir 
nicht ein. Sechs Indianer konnten uns wenig oder gar nichts helfen. Bald freilich sollte ich erfahren, wie 
Sam Hawkens es gemeint hatte. Fur jetzt freute ich mich nur dariiber, daB sie Sam kannten und wir also 
von ihnen wahrscheinlich nichts zu furchten hatten. 

Sie waren auf unserer Herfahrte gekommen und sahen nun unsere Riickspur, welche in das Gebilsch filhrte. 
Daraus schlossen sie naturlich, daB sich Menschen in demselben befanden. Sofort rissen sie ihre 
auBerordentlich kraftigen und beweglichen Pferde herum und jagten zuruck ran aus tier Tragweite unserer 
Gewehre zu kommen. Da trat Sam vor das Gebilsch hinaus, hielt beide Hande hohl an den Mund und stieB 
einen schrillen, weithin schallenden Ruf aus, welcher ihnen bekannt zu sein schien, derm sie hielten ihre 
Pferde an und schauten zuruck. Er rief abermals und winkte ihnen dann. Sie verstanden beides, den Ruf 
und den Wink, sie sahen Sam, dessen eigenttimliche Gestalt nicht zu verkennen war, und kamen im 
Galoppe zuruck. Ich hatte mich neben Sam gestellt. Sie sturmten auf uns zu, als ob sie uns niederreiten 
wollten; wir blieben ruhig stehen; da rissen sie eine Elle von uns ihre Pferde in die Haksen, schnellten aus 
dem Sattel und lieBen sie laufen. 

»Unser weiBer Bruder Sam ist hier?« fragte der Anfuhrer. »Wie kommt er in den Weg seiner roten Freunde 
und Bruder?« 

»Bao, der listige Fuchs, hat mich getroffen, weil er sich auf meiner Fahrte befindet,« antwortete Sam. 

»Wir glaubten, es sei die Spur der roten Hunde, die wir suchen,« meinte der Fuchs in gebrochenem, aber 
ziemlich verstandlichem Englisch. 

» Welche Hunde meint mein roter Bruder? « 

»Die Apachen vom Stamme der Mescaleros.« 

»Warum nennt ihr sie Hunde? Ist ein Streit ausgebrochen zwischen ihnen und meinen Brtidern, den tapfern 
Kiowas?« 

»Das Kriegsbeil ist ausgegraben zwischen uns und diesen raudigen Coyoten.« 

»Uff! Das freut mich zu horen! Meine Bruder mogen sich zu uns setzen, derm ich habe ihnen Wichtiges zu 



Der Fuchs sah mich forschend an und fragte: 

»Ich habe dieses Bleichgesicht noch nie gesehen; es ist noch jung; gehort es bereits unter die Krieger der 
weiBen Manner? Hat es sich schon einen Namen erworben?« 

Hatte Sam meinen deutschen Namen gesagt, so hatte derselbe keinen Effekt gemacht. Da besann er sich auf 
das Wort, welches Wheeler ausgesprochen hatte, und antwortete: 

»Dieser mein liebster Freund und Bruder ist jilngst erst ilber das groBe Wasser gekommen und ein groBer 
Krieger bei seinem Volke. Er hatte noch nie in seinem Leben einen Buffel oder einen Baren gesehen und 
dennoch vorgestern mit zwei alten Buffelbullen gekampft und sie erlegt, um mir das Leben zu retten, und 
dann gestern den grauen Grizzly des Felsengebirges mit dem Messer erstochen, ohne daB ihm dabei die 
Haut geritzt worden ist.« 

»Uff. uff!« riefen die Roten, mich bewundernd, aus. und Sam fuhr, allerdings in iiberschwanglicher Weise, 



» Seine Kugel verfehlt niemals ihr Ziel, und in seiner Hand wohnt so viel Kraft, daB er jeden Feind mit 
einem einzigen Hiebe seiner Faust zu Boden schmettert. Darum haben ihm die weiBen Manner des Westens 
den Namen Old Shatterhand gegeben.« 

So, da war ich ja ganz ohne meine Einwilligung mit einem Kriegsnamen ausgerilstet worden, den ich seit 
jener Zeit da drilben stets getragen habe. Das ist so Sitte im Westen. Oft kennen die besten Freunde 
gegenseitig ihre wirklichen Namen nicht. 

Der Fuchs reichte mir die Hand und sagte in freundlichem Tone: 

»Wenn Old Shatterhand es erlaubt, werden wir seine Freunde und Bruder sein. Wir lieben solche Manner, 
welche ihre Feinde mit einem Schlage niederschmettern. Darum wirst du hochwillkommen sein in unsern 
Zelten.« 

Das hieB mit andern Worten: Wir brauchen Spitzbuben von einer solchen Korperkraft, wie du sie besitzest; 
darum komm zu uns. Wenn du mit uns und fur uns mausest, stiehlst und raubst, sollst du es leidlich gut bei 
uns haben. Trotzdem antwortete ich so ziemlich mit jener Wilrde, welche ich mir spater ganz zu eigen 
gemacht habe: 

»Ich liebe die roten Manner, denn sie sind die Sonne des groBen Geistes, dessen Kinder auch die 
Bleichgesichter sind. Wir sind Bruder und wollen uns beistehen gegen alle Feinde, welche uns und euch 
nicht achten!« 

Ein wohlgefalliges Schmunzeln ging uber sein mit Fett und Farbe beschmiertes Gesicht, als er mir hierauf 
versicherte: 

»01d Shatterhand hat wohl gesprochen. Wir wollen die Pfeife des Friedens mit ihm rauchen.« 

Hierauf setzten sie sich mit uns an das Wasser. Er zog eine Pfeife hervor, deren lieblich-niedertrachtige 
Penetranz meine Nase schon von weitem emporte, und stopfte sie mit einer Mischung, welche aus 
zerstoBenen roten Ruben, Hanfblattern, geschnittenen Eicheln und Sauerampfer zu bestehen schien, 
versetzte sie in Brand, stand auf, tat einen Zug, blies den Rauch gen Himmel und gegen die Erde und sagte: 

»Da oben wohnt der gute Geist, und hier auf der Erde wachsen die Pflanzen und die Tiere, welche er fur 
die Krieger der Kiowas bestimmt hat.« 



Hierauf tat er vier weitere Zilge und fuhr fort, nachdem er den Rauch nach Norden, Silden, Osten und 
Westen geblasen hatte: 

»Nach diesen Gegenden hin wohnen die roten und weiBen Manner, welche diese Tiere und Pflanzen 
unrechtmaBiger Weise fur sich behalten. Wir werden sie aber aufsuchen und uns nehmen, was uns gehort. 
Ichhabe gesprochen. Howgh!« 

Welch eine Rede! So ganz anders als diejenigen, welche ich bisher gelesen hatte oder spater so oft gehort 
habe. Dieser Kiowa sagte ja hier mit offenen Worten, daB er die samtlichen Erzeugnisse des Tier- und 
Pflanzenreiches als Eigentum seines Stammes ansehe und darum den Raub nicht nur fur sein Recht halte, 
sondern sogar als seine Pflicht betrachte! Und ich sollte dieser Leute Freund nun sein! Aber wer unter die 
Musikanten gerat, muB mitblasen. 

Der Fuchs reichte Sam die unfriedliche Friedenspfeife hin. Der Mann tat wacker seine sechs Zilge und 
sagte: 

»Der groBe Geist achtet nicht auf die verschiedene Haut der Menschen, derm die konnen sich mit Farbe 
beschmieren, um ihn zu tauschen, sondern er sieht das Herz an. Die Herzen der Krieger vom beruhmten 
Stamme der Kiowas sind tapfer, unerschrocken und treu. Das meinige hangt an ihnen wie mein Maultier an 
dem Baume, an welchen ich es gebunden habe. So wird es hangen bleiben allezeit, wenn ich mich nicht 
irre. Ichhabe gesprochen. Howgh!« 

Das war nun freilich Sam Hawkens, der listig lustige kleine Mann, der jedem Dinge und jedem 
Verhaltnisse eine ertragliche Seite abzugewinnen verstand. Seine Rede wurde mit einem allgemeinen, 
wiederholten »Uff, uff, uff!« belohnt. Leider beging er die Freveltat, nun mir das tonerne Stinktier in die 
Hand zu schieben. Ich war gezwungen, in den sauern Apfel zu beiBen, und nahm mir vor, meine edle 
Wurde zu bewahren und die Zilge meines mannlich ernsten Gesichtes zu beherrschen. Ich rauche sehr gern, 
und mir ist nie im Leben eine Zigarre zu stark gewesen. Ich habe sogar den famosen "Dreimannertabak" 
geraucht, welcher diesen Namen seinem ftlrchterlichen Geschmacke verdankt; wer ihn raucht, muB, wenn 
er nicht umfallen will, von drei Mannern festgehalten werden. Ich konnte also erwarten, daB mich auch 
diese indianische Friedensrohre nicht ilber den Haufen werfen werde. Ich erhob mich also, machte mit der 
linken Hand eine zur Andacht auffordernde Bewegung und tat den ersten Zug. Ja, es stimmte, die vorhin 
angegebenen Ingredienzien, namlich Rilben, Hanf, Eicheln und Sauerampfer, waren alle in dem 
Pfeifenkopfe anwesend; aber einen filnften Hauptstoff hatte ich nicht genannt; jetzt roch und schmeckte 
ich, daB auch ein Stilckchen Filzschuh dabei sein mtisse. Ich blies den Rauch auch gegen den Himmel und 
gegen die Erde und sagte dann: 

»Vom Himmel kommt der Sonnenstrahl und der Regen; von ihm kommt jede gute Gabe und aller Segen. 
Die Erde empfangt die Warme und Nasse und spendet dafiir den Bilffel und den Mustang, den Baren und 
den Hirsch, den Kilrbis, den Mais und vor allem die edle Pflanze. aus welcher die klugen roten Manner den 
Kinnikinnik bereiten, welcher aus der Friedenspfeife den Duft der Liebe und Verbruderung spendet. « 

Ich hatte namlich gelesen, daB die Indianer ihren Mischtabak Kinnikinnik nennen, und brachte diese 
Kenntnis heut schleunigst am richtigen Platz an. Nun sog ich mir den Mund zum zweitenmal voll von 
Rauch und blies denselben gegen die vier Himmelsgegenden. Der Geruch war noch voller und 
komplizierter als vorhin; ich glaubte ganz bestimmt, daB noch zwei weitere Bestandteile anzufuhren seien, 
namlich Kolophonium und abgeschnittene Fingernagel. Nach dieser trefflichen Entdeckung fuhr ich fort: 

»Im Westen ragt das Felsengebirge empor, und im Osten dehnen sich die Ebenen; im Norden leuchten die 
Seen, und im Silden wallt das groBe Wasser des Meeres. Ware alles Land mem. was zwischen diesen vier 
Grenzen liegt, ich wurde es den Kriegern der Kiowas schenken. denn sie sind meine Brtlder. 

Mogen sie in diesem Jahre zehnmal so viel Bilffel und ftinfzigmal so viel Grizzlybaren jagen, als sie Kopfe 
zahlen. Die Korner ihres Maises mogen wie Ktlrbisse sein und ihre Ktlrbisse so groB, daB man aus der 



Schale eines einzigen zwanzig Kanoes schneiden kann. Ich habe gesprochen. Howgh! « 

Mir verursachte es keine unbezahlbaren Ausgaben, ihnen diese Herrlicbkeiten zu wiinschen, sie aber 
freuten sich daruber, als ob sie sie wirklich bekommen hatten. Meine Rede war die geistreichste, die ich in 
meinem Leben gehalten habe, und so wurde sie denn auch mit einem Jubel aufgenommen, welcher in 
anbetracht der von den Indianern stets bewahrten kalten Ruhe gewiB heispiellos war. So viel hatte ihnen 
noch kein Mensch, am allerwenigsten ein WeiBer, gewilnscht und gar schenken wo Hen: darum wollten die 
immer wiederkehrenden, anerkennenden »Uff, uff!« gar kein Ende nehmen. Der Fuchs driickte mir 
wiederholt die Hand, versicherte mich seiner Freundschaft fur alle Zeiten und riB bei seinen Howgh, 
Howgh den Mund so weit auf, daB es mir gltickte, die Friedens- und Ingredienzienpfeife loszuwerden, 
indem ich sie ihm zwischen die langen, gelben Zahne schob. Er schwieg sofort, um den Inhalt in denkbarer 
[dankbarer] Sammlung weiter zu genieBen. 

Das war meine erste "heilige Handlung" bei den Indianern, denn das Rauchen der Friedenspfeife wird bei 
ihnen in Wirklichkeit als eine Feierlichkeit betrachtet. welche sehr ernste Grilnde und ebenso ernste Folgen 
hat. Wie oft habe ich spater das Kalumet rauchen mtissen und bin mir dabei des Ernstes, der Wilrde der 
Handlung voll bewuBt gewesen. Hier und heut aber hatte sie mich gleich von vornherein angewidert und 
dann war mir bei Sams Herzen, das "wie ein Maultier am Baume hing", die Prozedur gar drollig 
erschienen. Meine Hand stank nach der Pfeife, und meine ganze Seele jubelte im Stillen daruber, daB sie 
nun im Munde des Hauptlings und nicht in dem meinigen steckte. Ich zog, um selbst die Erinnerung an den 
Geschmack der Pfeife zu vernichten, eine Zigarre aus der Tasche und brannte sie an. Welch begierige 
Augen richteten da die Roten auf mich! Der Fuchs offnete den Mund, daB ihm die Pfeife herausfiel; als 
geschulter Krieger hatte er die Geistesgegenwart, sie aufzufangen und wieder zwischen die Lippen zu 
stecken, aber es war ihm anzusehen, daB ihm in diesem Augenblicke eine einzige Zigarre lieber war als 
tausend Friedens- und Kinmkinnikpfeifen 

Da wir mit Santa Fe in Verbindung standen, von woher wir per Ochsenwagen unsere Bedurfnisse 
bekamen, war es mir nicht schwer gewesen mich mit Zigarren zu versorgen. Sie waren ziemlich billig, und 
ich zog diesen GenuB vor, wahrend die Andern sich mit Brandy betranken. Ich hatte heute frtlh welche 
mitgenommen und mich, weil wir womoglich auch erst morgen zuruckkehren konnten, gleich fur zwei 
Tage versehen; also konnte ich den sichtlich ungeheuren Appetit der Roten stillen; ich reichte jedem von 
ihnen eine Zigarre hin. Der Fuchs legte die Pfeife sofort weg und brannte die seinige an; seine Leute 
verfuhren aber anders; sie steckten die Zigarre nicht bloB mit der Spitze in den Mund, sondern sie schoben 
sie ganz hinein, um sie zu kauen. Der Geschmack der Menschenkinder ist verschieden. Ein altes Wort sagt, 
der Eine habe ihn vorn, der Andere hinten; jetzt sah ich, daB dieses Wort wirklich wahr ist, denn die 
Kiowas hatten ihn hinten. Ich schwur im Stillen, ihnen nie wieder etwas zu schenken, was zum Rauchen 
aber nicht zum Essen da ist. 

Jetzt waren alle Formalitaten erfilllt und die Roten in der besten Stimmung. Sam begann also mit der Frage: 

»Meine Bruder sagen, daB das Kriegsbeil zwischen ihnen und den Mescalero-Apachen ausgegraben sei. Ich 
weiB nichts davon Seit wie lange ruht es nicht mehr in der Erde?« 

»Seit der Zeit, welche die Bleichgesichter zwei Wochen nennen. Mein Bruder Sam wird sich in einer 
abgelegenen Gegend befunden haben, so daB er es nicht erfahren konnte. « 

»Das ist richtig. Die Volker lebten aber doch in Frieden. Was ist der Grand, daB meine Bruder zu den 
Waff en gegriffen haben? « 

»Die Hunde von Apachen haben vier von unsern Kriegern getotet.« 

»Wo?« 



»Am Rio Pecos. « 

»Da stehen doch nicht eure Zelte?« 

»Aber diejenigen der Mescaleros.« 

»Was wollten eure Krieger dort?« 

Dei Kiowa besann sich keinen Augenblick, der Wahrheit gemaB zu antworten: 

»Es zog eine Schar von unsern Kriegern aus, urn des Nachts die Pferde der Mescalero-Apachen zu 
uberfallen. Diese stinkenden Hunde aber wachten gut; sie wehrten sich und toteten unsere tapferen Manner. 
Darum ist zwischen uns und ihnen das Kriegsbeil ausgegraben worden.« 

Also die Kiowas hatten Pferde stehlen wollen, waren aber ertappt und vertrieben worden. DaB dabei einige 
ihr Leben gelassen hatten, daran waren sie selbst schuld. Dennoch sollten das die Apachen btiBen, welche 
in ihrem Rechte waren, indem sie ihr Eigentum verteidigt hatten. Am liebsten hatte ich den Spitzbuben dies 
ehrlich ins Gesicht gesagt; ich offnete wohl auch schon den Mund, derm Sam winkte mir warnend zu und 
fragte weiter: 

»Wissen die Apachen davon, daB eure Krieger gegen sie ausgezogen sind?« 

»Denkt mein Bruder, daB wir es ihnen gesagt haben? Wir fallen heimlich ilber sie her, toten ihrer so viele, 
wie wir toten konnen, und nehmen dann alles mit, was wir von ihren Tieren und Sachen brauchen konnen.« 

Da;; war ja schrecklich! Ich konnte mich nicht enthalten, jetzt die Frage einzuwerfen 

»Warum haben meine tapfern Bruder die Pferde der Apachen haben wollen? Ich habe gehort, daB der 
reiche Stamm der Kiowas viel mehr Pferde besitzt, als seine Krieger brauchen.« 

Der Fuchs sah mir lachelnd in das Gesicht und antwortete 

»Mein junger Bruder Old Shatterhand ist ilber das groBe Wasser herubergekommen und weiB also wohl 
noch nicht, wie die Menschen diesseits dieses Wassers denken und leben. Ja, wir haben viele Pferde; aber 
es kamen weiBe Manner zu uns, welche Pferde kaufen wollten, so viele Pferde, wie wir nicht entbehren 
konnten. Da erzahlten sie uns von den Pferdeherden der Apachen und sagten uns, daB sie fur ein 
Apachenpferd uns ebensoviel Waren und Brandy geben wilrden wie fur ein Kiowapferd. Da sind unsere 
Krieger fort, um Apachenpferde zu holen.« 

Also richtig! Wer war schuld an dem Tode der bisher Gefallenen und an dem BlutvergieBen, welches nun 
noch bevorstand? WeiBe Pferdehandler, welche mit Brandy bezahlen wollten und die Kiowas formlich auf 
den Pferderaub hingewiesen hatten! Ich hatte wohl meinem Herzen Luft gemacht, aber Sam winkte mir 
sehr energisch zu und erkundigte sich: 

»Mein Bruder, der Fuchs, ist als Kundschafter ausgegangen?« 



»Wann folgen eure Krieger nach?« 

»Sie sind um den Ritt eines Tages hinter uns.« 



» Von wem werden sie angefuhrt?« 

» Von Tangua, dem tap fern Hauptlinge selbst.« 

»Wieviel Krieger hat er bei sich?« 

»Zv\ eimal hundert.« 

»Und ihr glaubt, die Apachen zu uberraschen?« 

»Wir werden ilber sie kommen, wie der Adler ilber die Krahen, die ihn nicht gesehen haben.« 

»Mein Bruder irrt. Die Apachen wissen es, daB sie von den Kim\ as uberfallen werden sollen.« 

Der Fuchs schilttelte unglaubig den Kopf und antwortete 

» Woher sollten sie es wissen? Reichen ihre Ohren bis zu den Zelten der Kiowas?« 

»Ja.« 

»Ich verstehe meinen Bruder Sam nicht. Er mag mir sagen, wie er dieses Wort meint.« 

»Die Apachen haben Ohren, welche gehen und auch reiten konnen. Wir haben gestern zwei solche Ohren 
gesehen, welche bei den Zelten derKiowas gewesen sind, urn zu lauschen « 

»Uff! Zwei Ohren? Also zwei Spaher?« 

»Ja.« 

»Da muB ich augenblicklich zum Hauptling zurilck. Wir haben nur zweihundert Krieger mitgenommen, 
weil wir nicht mehr brauchen, wenn die Apachen nichts ahnen. Wenn sie es aber wissen, so brauchen wir 
weitmehr.« 

»Meine Bruder haben nicht alles reiflich ilberlegt. Intschutschuna, der Hauptling der Apachen, ist ein sehr 
kluger Krieger. Als er sah, daB seine Leute vier Kiowas getotet hatten, sagte er sich, daB die Kiowas den 
Tod dieser Leute rachen wilrden, und machte sich auf, euch zu beschleichen.« 

»Uff, uff! Er selbst?« 

»Ja, er und sein Sohn Winnetou.« 

»Uff, auch dieser! Hatten wir das gewuBt so waren diese beiden Hunde gefangen worden! Sie werden nun 
eine ganze Menge Krieger versammeln, um uns zu empfangen. Ich muB dies dem Hauptling sagen, damit 
er halten bleibt und noch mehr Krieger nachkommen laBt. Werden Sam und Old Shatterhand mit mir 
reiten?« 

»Ja.« 

»So mogen sie rasch ihre Pferde besteigen!« 

»Nur langsam! Ich habe vorher noch sehr notwendig mit dir zu reden.« 



»Das magst du mir unterv egs s igen 

»Nein. Ich werde mit dir reiten, aber nicht zu Tangua, dem Hauptlinge der Kiowas, sondern du wirst mich 
nach unserem Lager begleiten.« 

»Mein Bruder Sam irrt sich da sehr.« 

»Nein. Hore, was ich dir sage! Wollt ihr Intschu tschuna, den Hauptling der Apachen, lebendig fangen?« 

»Uff! « rief der Kiowa wie elektrisiert, und seine Leute spitzten die Ohren. 

»Und seinen Sohn Winnetou dazu?« 

»Uff, uff! 1st das denn moglich?« 

»Es ist sehr leicht.« 

»Ich kenne meinen Bruder Sam, sonst wilrde ich glauben, auf seiner Zunge wohne jetzt ein Scherz, den ich 
nicht dulden darf.« 

»Pshaw\ Ich spreche im Ernste. Ihr konnt den Hauptling und seinen Sohn lebendig fangen.« 

»Wann?« 

»Ich glaubte, in fiinf, sechs oder sieben Tagen; nun aber weiB ich, daB es viel fruher geschehen kann.« 

»Wo?« 

»Bei unserm Lager. « 

»Ich weiB nicht wo es sich befindet.« 

»Ihr werdet es sehen, denn ihr werdet uns sehr gern hinbegleiten, wenn ihr gehort habt, was ich euch jetzt 
sagen will.« 

Er erzahlte ihnen nun von unserer Sektion, von dem Zwecke derselben, gegen den sie ganz und gar nichts 
hatten, und dann von dem Zusammentreffen mit den beiden Apachen. Hieran fugte er die Bemerkung: 

»Ich wunderte mich, die beiden Hauptlinge allein zu sehen, und nahm an, daB sie sich auf der Buffeljagd 
befanden und sich fur kurze Zeit von ihren Kriegern getrennt hatten. Nun aber weiB ich sehr genau, woran 
ich bin. Die beiden Apachen sind bei euch gewesen, um zu kundschaften. Und daB sie, die Obersten der 
Apachen, diesen Ritt selbst gemacht haben, ist ein sicheres Zeichen dafilr, daB sie diese Sache fur hochst 
wichtig halten. Nun sind sie heim. Der Ritt Winnetous wird durch die Leiche verzogert; Intschu tschuna ist 
vorausgeeilt und wird, wenn es sein muB, sein Pferd totreiten, um seine Krieger schnell beisammen zu 
haben « 

»Darum muB ich unsern Hauptling ebenso schnell davon benachnchtigen ! « 

»Mein Bruder mag nur warten und mich aussprechen lassen! Die Apachen werden nacb zweierlei Rache 
dilrsten, nach Rache an euch und nach Rache an uns, wegen der Ermordung ihres weiBen Klekih-petra. Sie 
werden eine groBere Schar gegen euch und eine kleinere gegen uns senden, und bei der letzteren wird sich 



der Hauptling mit seinem Sohne befinden, urn dann mit ihm, wenn er uns ilberfallen hat, zu der groBeren 
Abteilung zu stoflen. Du reitest jetzt zu deinem Hauptlinge, nachdem ich dir unser Lager gezeigt habe, 
damit du es spater finden kannst, und sagst ihm alles, was ich dir erzahlt habe. Darauf kommt ihr mit euren 
zweihundert Kriegern zu uns, um Intschu tschuna mit seiner kleinen Schar zu erwarten und gefangen zu 
nehmen. Ihr seid zweihundert Krieger, und er wird nicht mehr als hochstens funfzig mitbringen. Wir zahlen 
zwanzig weiBe Manner und werden euch naturlich helfen; es wird euch also kinderleicht sein, die Apachen 
zu iiberwaltigen. Wenn ihr dann die beiden Hauptlinge in den Handen habt, ist dies grad so gut, als ob der 
ganze Stamm euch gehorte, und ihr konnt fordern und verlangen, was ihr wollt. Sieht mein Bruder dies 
alles ein?« 

»Ja. Der Plan meines Bruders Sam ist sehr gut. Wenn der Hauptling ihn erfahrt, wird er sich freuen, und 
wir werden schnell danach handeln.« 

»So wollen wir aufbrechen und schnell reiten, damit wir noch vor Nacht das Lager erreichen!« 

Wir stiegen auf die Pferde, die nun ausgeruht hatten, und flogen im Galopp davon. Diesmal hilteten wir 
uns, der Fahrte wieder direkt zu folgen; wir ritten geradeaus und ersparten uns also die Umwege 

Ich muB sagen, daB ich von Sams Verhalten gar nicht erbaut war, sondern mich vielmehr ilber dasselbe 
argerte. Winnetou, der edle Winnetou sollte mit seinem Vater und mit einer Schar von wohl funfzig 
Kriegern in eine Falle gelockt werden! Wenn dies gelang, dann waren diese beiden und ihre Apachen 
verloren. Wie hatte Hawkens dies nur vorschlagen konnen! Er wuBte ja, wie sympathisch mir Winnetou 
war, derm ich hatte es ihm gesagt, und ich wiederum wuBte von ihm, daB er dem jungen 
Apachenhauptlinge auch gewogen war. 

Alle meine Bemtihungen, unterwegs an ihn zu kommen und ihn fur auch nur kurze Zeit von den Kiowas 
abzubringen, waren vergeblich. Ich wollte ihn, ohne daB sie es horten, von seinem Plane weg- und auf 
einen andern fuhren; aber er schien dies zu ahnen und wich nicht von der Seite des Anfuhrers der 
Kundschafter. Dies machte mich noch zorniger auf ihn und wenn ich, der ich nicht die geringste Anlage 
zur Launenhaftigkeit besitze, jemals bei schlechter Laune gewesen bin, so war es an jenem Tage, als wir in 
der Dammerung im Lager ankamen. Ich stieg vom Pferde, schirrte es ab und legte mich miBmutig ins Gras, 
derm ich muBte einsehen, daB ich es jetzt zu einem Meinungsaustausch mit Sam nicht bringen konne. Er 
hatte alle meine Winke unbeachtet gelassen und erzahlte jetzt den Lagergenossen, wie wir den Kiowas 
begegnet waren und was nun geschehen sollte. Sie waren anfangs ilber das Erscheinen der Indianer 
erschrocken gewesen; um so mehr freuten sie sich nun, als sie horten, daB diese unsere Freunde und 
Verbiindete seien und wir nun wegen der Apachen nicht langer Sorge zu hegen brauchten. Wir kormten, 
von den zweihundert Kiowas umgeben und beschiltzt, unsere Arbeit fortsetzen und iiberzeugt sein, daB der 
erwartete Ueberfall uns gar nichts schaden werde. 

Die Kiowas wurden gastlich behandelt, bekamen tuchtig Barenfleisch zu essen und ritten dann fort. Sie 
wollten die ganze Nacht unterwegs sein, um den Ihrigen die Botschaft so bald wie mdglich zu bringen. 
Dann erst, als sie fort waren, kam Sam zu mir, legte sich neben mich hin und sagte in seinem gewohnlichen 
uberlegenenTone: 

»Ihr macht heut abend gar kein gutes Gesicht, Sir. MuB eine Stoning zugrunde liegen, entweder der 
Verdauung oder der seelischen Eingeweide, hihihihi. Welches von beiden wird wohl das richtige sein. 
Glaube, das letztere. Nicht?« 

»Allerdings!« antwortete ich nicht eben freundlich. 

»So taut Euer Herz auf, und sagt mir, woran es ist! Werde Euch kurieren.« 

»Sollte mir lieb sein, wenn Ihr das koniitet. Sam: zweifle aber damn « 



»Ich kann es, ich kann es; darauf dilrft Ihr Euch verlassen.« 

»So sagt einmal. Sam. wie Euch Winnetou gefallen hat'.'« 

»Ausgezeichnet. Euch doch auch!« 

»Und Ihr wollt ihn in das Verderben stilrzen! Wie hangt das zusammen?« 

»Ins Verderben? Ich ihn? Das ist dem Sonne meines Vaters gar nicht eingefallen.« 

»Aber er soil gefangen werden!« 

»Allerdings.« 

»Und das wird sein Verderben sein!« 

»Glaubt doch nicht an Gespenster, Sir! Winnetou gefallt mir so, daB ich, wenn er sich in einer Gefahr 
befande, sofort und gern mein Leben wagen wilrde, ihn aus derselben zu befreien.« 

»Warum aber lockt Ihr ihn da in die Falle?« 

»Um uns vor ihm und seinen Apachen zu retten.« 

»Und dann?« 

»Dann, hm! Ihr mochtet Euch wohl zu gern dieses jungen Apachen annehmen Sir?« 

»Ich mochte nicht bloB, sondern ich werde es wirklich tun! Wenn er gefangen wird, werde ich ihn befreien. 
Und wenn etwa gar die Waffen gegen ihn gebraucht werden sollen, so stelle ich mich auf seine Seite und 
kampfe fur ihn. Das will ich Euch often und ehrlich sagen.« 

»So? Das werdet Ihr tun? Wirkhch?« 

»Ja; ich habe es einem Sterbenden in die Hand versprochen, und ein solches Gelobnis ist mir, der ich selbst 
ein einfaches, gewdhnliches Versprechen nie breche, so heilig wie ein Eid.« 

»Freut mich, freut mich sehr. Stimmen da ganz genau ilberein, wir beide.« 

»Aber,« drangte ich nun ungeduldig, »so sagt mir doch, wie diese Eure schonen Reden mit Euern bosen 
Vorsatzen in Einklang gebracht werden konnen! « 

»Das also mochtet Ihr wissen? Hm, ja, Euer alter Sam Hawkens hat gar wohl bemerkt, daB Ihr unterwegs 
gern mit ihm reden wolltet. Durfte aber nicht sein; hatte mir meinen ganzen, schonen Plan zu Schanden 
machen konnen. Bin ein ganz anderer Kerl und meine es auch ganz anders, als es scheint. Will nur nicht 
jeden in meine Karte gucken lassen, hihihihi! Euch kann ich es mitteilen; werdet mir mithelfen, und Dick 
Stone und Will Parker auch, wenn ich mich nicht irre. Also: Wie ich Intschu tschuna beurteile, ist er nicht 
etwa mit Winnetou einstweilen bloB auf Kundschaft gewesen, sondern hat inzwischen rilsten und seine 
Krieger ausrticken lassen. Die sind jedenfalls schon ein tilchtiges Stilck vorgedrungen, und da er, wie auch 
Winnetou, die ganze Nacht hindurch reitet, vermute ich, daB er schon morgen frtlh oder Vormittag auf sie 
trifft, sonst wilrde er sein Pferd nicht so anstrengen. Uebermorgen abend kann er dann schon wieder hier 
sein. Da seht Ihr, in welcher Gefahr wir uns befinden und wie nahe sie uns ist. Wie gut also, daB wir ihm 
nachgeritten sind! Ich hatte ihn auf keinen Fall so bald zuruckerwartet. Und wie gut, daB wir die Kiowas 



getroffen und von ihnen alles erfahren haben! Die holen ihre zweihundert Reiter her und « 

»Ich werde Winnetou vor den Kiowas warnen,« fiel ich ihm in die Rede. 

»Um des Himmels willen nicht!« rief er aus. »Das wilrde uns nur schaden, denn die Apachen entkamen und 
wir behielten sie dann trotz der Kiowas auf dem Nacken. Nein, sie milssen wirklich gefangen genommen 
werden und ihren Tod vor Augen sehen. Wenn wir sie dann heimlich befreien, so milssen sie uns dankbar 
sein und ihre Rache aufgeben. Hochstens werden sie nur Rattlern von uns fordern und den wilrde ich ihnen 
nicht verweigern. Was sagt Ihr nun, Ihr zorniger Gentleman? « 

Ich reichte ihm die Hand und antwortete 

»Ich bin vollstandig berulugt. mein lieber Sam das habt Ihr sehr gut ausgedacht!« 

»Nicht wahi '.' Dei Sam Hawkens soil zwar, wie ein gewisser jemand gesagt hat, Feldmause fressen, aber er 
hat auch seine guten Seiten, hihihihi! Also, Ihr seid mir wieder gut?« 



»So legt Euch auf die Ohren und schlaft bald ein. Morgen gibt es viel zu tun. Ich will nun Stone und Parker 
unterrichten, damit auch sie wissen, woran sie sind.« 

War er nicht ein lieber, guter Kerl, dieser alte Sam Hawkens? Uebrigens wenn ich "alt" sage, so ist das 
nicht ganz wortlich zu nehmen. Er zahlte gar nicht viel tlber vierzig Jahre; aber der Bartwald, welcher sein 
Gesicht fast ganz bedeckte, die schreckliche Nase, welche wie ein Aussichtsturm aus demselben 
hervorragte, und der wie aus steifen Brettern zusammengenagelte Lederrock, welchen er trug, liefien ihn 
viel alter erscheinen, als er war. 

Ueberhaupt wird eine Bemerkung tlber das Wort old, alt, hier am Platze sein. Auch wir Deutschen bedienen 
uns dieses Wortes nicht bloB zur Bezeichnung des Alters, sondern oft auch als sogenanntes Kosewort. Eine 
"alte, gute Haut", ein "alter, guter Kerl" braucht gar nicht alt zu sein; man hort im Gegenteile oft sehr 
jugendliche Personen so nennen. Und auch noch eine andere Bedeutung hat dieses Wort. Es kommen im 
gewohnlichen Verkehre Ausdrucke vor wie: ein alter Ltldrian, ein alter Brummbar, ein alter Wortfanger, 
ein alter Faselhans. Hier dient "alt" als Bekraftigungs- oder gar als Steigerungswort. Die Eigenschaft, 
welche durch das Hauptwort ausgedrtlckt wird, soil noch besonders bestatigt oder als in hoherem Grade 
vorhanden hervorgehoben werden. 

Grad so wird auch im wilden Westen das Wort Old gebraucht. Einer der beruhmtesten Prairiejager war Old 
Firehand. Nahm er seine Btlchse einmal in die Hand, so war das Feuer derselben stets todbringend; daher 
der Kriegsname Feuerhand. Das vorangesetzte Old sollte diese Treffsicherheit besonders hervorheben. 
Auch dem Namen Shatterhand, den ich bekommen hatte, wurde spater stets dieses Old beigegeben. 

Nachdem Sam sich entfernt hatte, versuchte ich, zu schlafen, doch brachte ich es lange nicht dazu. Die 
Lagergenossen waren ganz glucklich tlber das bevorstehende Eintreffen der Kiowas und behandelten 
dasselbe in einem so lauten Gesprache, dafl es eine Kunst war, dabei einzuschlafen; auch liefien mich 
meine eigenen Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Hawkens hatte so zuversichtlich von seinem Plane 
gesprochen, als ob ein Mifilingen desselben vollstandig ausgeschlossen sei; ich aber vermochte es nicht, 
mich dieser Meinung beizugesellen. Wir wollten Winnetou und seinen Vater befreien. Ob auch die andern 
gefangenen Apachen, das war nicht gesagt worden. Sollten sie in den Handen der Kiowas bleiben, wahrend 
ihre beiden Hauptlinge gerettet wurden? Das kam mir wie ein Unrecht vor. Aber die Befreiung samtlicher 
Apachen konnte uns vier Mannern wohl schwer oder gar nicht gelingen, besonders da es so heimlich 
geschehen mufite, dafi kein Verdacht auf uns fallen konnte. Und auf welche Weise wurden die Apachen in 
die Hande der Kiowas geraten? So fragte ich mich. Ohne Kampf wohl nicht, und da war vorauszusehen, 



daB gerade die beiden, welche wir retten wollten, sich am tapfersten wehren und also der Todesgefahr am 
meisten ausgesetzt sein wurden. Wie konnten wir das verhindern? Wenn sie sich nicht iiberwaltigen, nicht 
gefangen nehmen lieBen, so wilrden sie, wie vorauszusehen war, von den Kiowas getotet; dies durfte aber 
auf keinen Fall geschehen. 

Ich sann lange darilber nach und walzte mich hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Der einzige 
Gedanke, welcher mich schlieBlich einigermaBen beruhigte, war der, daB der kleine, listige Sam wohl 
Rettung finden werde. Auf alle Falle aber nahm ich mir vor, fur die beiden Hauptlinge einzutreten und sie 
notigenfalls sogar mit meinem Korper zu decken. Dann schlief ich endlich ein. 

Am nachsten Morgen beteiligte ich mich mit doppeltem Eifer an der Arbeit, weil ich gestern bei derselben 
gefehlt hatte. Da jeder sich Millie gab, so rilckten wir viel schneller vorwarts als sonst. Rattler hielt sich 
fern von uns. Er bummelte beschaftigungslos hin und her, wurde aber von seinen "Westmannern" ganz 
freundlich behandelt, als ob gar nichts vorgekommen ware. Dies brachte mich zu der Ueberzeugung, daB 
wir, falls es noch einmal zu einem Konflikt mit ihm kommen sollte. wemg auf sie rechnen konnten. Am 
Abende hatten wir, obgleich das Terrain heut schwieriger als wahrend der letzten Tage gewesen war, eine 
fast doppelt so lange Strecke als sonst vermessen. Darum wurden wir sehr ermtidet und legten uns nach 
dem Abendessen zeitig schlafen. Das Lager war iiattirhch weiter vorgeschoben worden. 

Am nachsten Tage waren wir ebenso fleiBig, bis es zu Mittag eine Stoning gab, es stellten sich namlich die 
Kiowas ein. Ihre Kundschafter hatten sich von dem Lagerplatze, an welchem sie bei uns gewesen waren, 
leicht zu uns finden konnen, weil die Spuren, welche wir zurtickgelassen hatten, mehr als deutlich waren. 

Diese Indianer zeigten kraftige, kriegerische Gestalten; sie waren sehr gut beritten und alle ohne Ausnahme 
mit Gewehr, Messern und Tomahawks bewaffnet. Ich zahlte ilber zweihundert Mann. Ihr Anfilhrer war von 
wirklich imposantem Wuchse, hatte strenge, finstere Gesichtszilge und ein paar Raubtieraugen, denen 
nichts Gutes zuzutrauen war. Es sprach die offenbarste Raub- und Kampfeslust aus ihnen. Er hieB Tangua, 
ein Wort, welches wortlich Hauptling bedeutet. Daraus war zu schlieBen, daB er als Hauptling jedenfalls 
keinen Vergleich zu scheuen brauche. Wenn ich sein Gesicht und seine Augen sah, so wollte es mir um 
Intschu tschuna und Winnetou. falls sie wirklich in seine Hande geraten sollten, angst und bange werden 

Er kam als unser Freund und Verbilndeter, verhielt sich aber keineswegs sehr freundlich gegen uns. Sein 
Auftreten war, um mich eines Vergleiches zu bedienen, dasjenige eines Tigers, der sich mit einem 
Leoparden zur Jagd vereint, um ihn nach derselben auch mit aufzufressen. Er hatte sich mit dem "Fuchse", 
dem Anfilhrer seiner Kundschafter, an der Spitze der roten Schar befunden und stieg, als er bei uns 
anlangte, nicht etwa ab, um uns zu begrtiBen, sondern machte eine befehlende Armbewegung, auf welche 
wir von seinen Leuten umzingelt wurden. Dann ritt er zu unserm Wagen und hob die Plane auf, um 
hineinzublicken. Der Inhalt schien ihn anzuziehen, denn er stieg vom Pferde und in den Wagen, um das, 
was sich auf und in demselben befand, zu untersuchen. 

»Oho!« meinte da Sam Hawkens welcher an meiner Seite stand. »Der scheint uns und unser Eigentum als 
gute Beute zu betrachten, ehe er ilberhaupt ein Wort mit uns gesprochen hat, wenn ich mich nicht irre. 
Wenn er etwa glaubt, daB Sam Hawkens so dumm ist, sich den Bock als Gartner zu bestellen, so irrt er 
sich. Das werde ich ihm gleich zeigen.« 

»Keine Unvorsichtigkeit. Sam!« bat ich » Diese zweihundert Kerls sinduns tiberlegen.« 

» An Zahl, ja, an Witz aber jedenfalls nicht hihihihi '< « antwortete er. 

» Aber sie haben uns umzingelt! « 

»Well, das sehe ich auch. Oder denkt Ihr, daB ich keine Augen habe? Wir haben uns da, wie es scheint, 
keine guten Helfershelfer kommen lassen. DaB er uns eingeschlossen hat, laBt vermuten, daB er uns 



mitsamt den Apachen in die Tasche stecken oder gai auffressen will. Dieser Bissen sollte ihm aber schwer 
im Magen liegen; das versichere ich Euch. Kommt mit hin zum Wagen, damit Ihr hort, wie Sam Hawkens 
mit solchen Spitzbuben redet! Bin ein guter Bekannter von Tangua und er weiB, wenn er mich auch nicht 
schon gesehen hatte, ganz genau, daB ich mich hier befinde. Sein Verhalten ist also nicht nur argerlich fur 
mich, sondern Verdacht erregend fur uns alle. Seht nur die martialischen Gesichter, welche seine Kerls auf 
uns machen! Werde ihnen gleich zeigen, daB Sam Hawkens hier am Platze ist. Also kommt! « 

Wir hatten unsere Gewehre in den Handen und gingen zu dem Wagen, in welchem Tangua herumstoberte. 
Mir war nicht ganz wohl dabei. Dort angekommen. fragte Sam in warnendem Tone: 

»Hat der beruhmte Hauptling der Kiowas Lust, in einigen Augenblicken in die ewigen Jagdgrunde zu 
gehen?« 

Der Gefragte, welcher uns den Rilcken zukehrte, richtete sich aus seiner gebuckten Haltung auf, drehte sich 
zu uns herum und antwortete grob: 

»Warum storen mich die Bleichgesichter mit dieser albernen Frage? Tangua wird einst in den ewigen 
Jagdgrunden als groBer Hauptling herrschen; aber es muB noch eine lange Zeit vergehen, ehe er den Weg 
dorthin macht.« 

»Diese Zeit wird vielleicht nur eine Minute sein.« 

»Warum?« 

»Steig herab vom Wagen. so werde ich es dir sagen: aber machja schnell!« 

»Ichbleibehier!« 

»Gut, so flieg in die Luft!« 

Sam wendete sich nach diesen Worten ab und tat so, als ob er sich entfernen wolle. Da aber kam der 
Hauptling mit einem raschen Sprunge vom Wagen herunter, faBte ihn am Arme und rief: 

»In die Luft fliegen? Warum redet Sam Hawkens solche Worte?« 

»Um dich zu warnen.« 

»Vor was?« 

» Vor dem Tod, der dich ergriffen hatte, wenn du nur noch einige Augenblicke da oben geblieben w ai est << 

»Uff! Der Tod ist auf dem Wagen?« 

»Ja.« 

»Wo? Zeige ihn mir!« 

»Spater vielleicht. Haben dir deine Kundschafter nicht gesagt, weshalb wir uns hier befinden?« 

»Ich habe es von ihnen erfahren. Ihr wollt einen Weg fur das FeuerroB der Bleichgesichter bauen.« 



»Richtig! So ein Weg geht iiber Flilsse und Abgrunde und durch Felsen, welche wir auseinander sprengen. 
Ich denke, daB du das wissen wirst.« 

»Ich weiB es. Aber was hat das mit dem Tode zu tun, der mich bedroht haben soll?« 

»Sehr viel, und weit mehr als du ahnst. Hast du vielleicht gehort, womit wir die Felsen sprengen, welche 
dem Pfade unseres Feuerrosses im Wege stehen? Etwa mit dem Pulver, mit welchem ihr aus euern 
Gewehren schieBet?« 

»Nein. Die Bleichgesichter haben eine andere Erfindung gemacht, mit welcher sie ganze Berge zersprengen 
konnen.« 

»Richtig! Und diese Erfindung haben wir hier auf diesem Wagen. Sie ist zwar gut eingepackt, aber wer 
nicht weiB, wie so ein Paket angefaBt werden soil, der ist verloren, sobald er es beriihrt, derm es zerplatzt in 
seiner Hand und zerschmettert ihn in tausend kleine Stucke.« 

»Uff, uff!« rief er aus, nun sichtlich erschrocken. »Bin ich diesen Paketen nahe gewesen?« 

»So nahe, daB du, wenn du nicht herabgesprungen warest, dich jetzt in diesem Augenblicke schon in den 
ewigen Tagdgrunden befandest. Aber was ware da von dir zu sehen? Keine Medizin, keine Skalplocke, 
nichts, gar nichts als nur kleine Fleisch- und Knochenstilcke. Wie konntest du in solcher Gestalt als groBer 
Hauptling in den ewigen Jagdgninden herrschen? Deine Ueberreste waren dort von den Geisterrossen 
vollends zermalmt und zertreten worden.« 

Ein Indianer, welcher ohne Skalplocke und Medizin in die ewigen .Tagdgitinde gelangt wild dort von den 
verstorbenen Helden mit Verachtung empfangen und hat, wahrend sie in alien indianischen Genilssen 
schwelgen, sich vor den Augen dieser Glticklichen zu verbergen. Das ist der Glaube der Roten. Welches 
Ungltick erst, in kleinen, auseinander geschmetterten Stilcken dort anzukommen! Man sah trotz der 
dunkeln Farbe, daB dem Hauptlinge vor Schreck das Blut aus dem Gesichte wich, und er rief aus: 

»Uff! Wie gut, daB du es mir noch zur rechten Zeit gesagt hast! Aber warum verwahrt ihr diese Erfindung 
auf dem Wagen, auf dem sich doch viele andere und so niltzliche Dinge befinden?« 

»Sollen wir diese wichtigen Pakete etwa auf die Erde legen, wo sie verderben und bei der geringsten 
Berilhrung das groBte Unheil anrichten konnen? Ich sage dir, sie sind selbst auf dem Wagen da gefahrlich 
genug. Wenn so em Paket platzt fliegt alles in die Luft, was sich in der Nahe befindet.« 

»Auch die Menschen?« 

»Natilrlich auch die Menschen und die Tiere in einem Umkreise, welcher zehnmal hundert Pferdelangen 

betriigt « 

»Da muB ich meinen Kriegern sagen, daB keiner von ihnen sich diesem gefahrlichen Wagen nahern soll.« 

»Tue das; ich bitte dich darum, damit wir nicht alle zusammen wegen einer Unvorsichtigkeit zu Grunde 
gehen milssen! Du siehst, wie besorgt ich fur euch bin, weil ich denke, daB die Krieger der Kiowas unsere 
Freunde sind. Es scheint aber, daB ich mich geirrt habe. Wenn Freunde sich treffen, so begrtiBen sie sich 
und rauchen die Pfeife des Friedens miteinander. Willst du das heute etwa unterlassen?« 

»Du hast doch schon mit dem Fuchse, meinem Spaher, die Pfeife geraucht! « 

»Nur ich und der weiBe Krieger, der hier neben mir steht, die andern aber nicht. Willst du diese nicht auch 



begriiBen, so muB ich annehmen, daB eure Freundschaft fur uns keine aufrichtige ist « 

Tangua sah eine Weile sinnend vor sich nieder und antwortete dann mit einer Ausrede: 

»Wir befinden uns auf einem Kriegszuge und haben also nicht den Kinnikinnik des Friedens bei uns.« 

»Der Mund des Hauptlings der Kiowas redet anders als sein Herz denkt. Ich sehe den Beutel des 
Kinnikinnik da an deinem Gurtel hangen, und er scheint voll zu sein. Wir brauchen inn nicht, denn wir 
haben selbst Tabak genug bei uns. Es brauchen sich ja nicht alle am Calumet zu beteiligen; du rauchest fur 
dich und deine Krieger, und ich rauche fur mich und die hier anwesenden WeiBen; dann gilt der 
Freundschaftsbund fur alle Manner, welche sich hier befinden. « 

»Warum sollen wir beide rauchen, die wir doch schon Bruder sind! Sam Hawkens mag annehmen, wir 
hatten das Calumet fur alle geraucht.« 

»Ganz wie du willst! Aber dann werden wir tun, was uns beliebt, und du wirst die Apachen nicht in deine 
Gewalt bekommen.« 

»Willst du sie etwa warnen?« fragte Tangua, indem seine Augen gefahrlich aufblitzten. 

»Nein; das fallt mir nicht ein, den sie sind unsere Feinde und wollen uns toten. Aber ich werde dir nicht 

sagen auf welche Weise du Hie fangen kannst « 

»Dazu brauche ich dich nicht; ich weiB es selbst.« 

»Oho! Ist dir bekannt, wann und aus welcher Richtung sie kommen und wo wir auf sie treffen kdnnen'.'« 

»Ich werde es erfahren, denn ich sende ihnen Kundschafter entgegen.« 

»Das wirst du nicht tun, denn du bist klug genug, dir zu sagen, daB die Apachen die Spuren deiner 
Kundschafter finden und sich auf den Kampf vorbereiten wilrden. Sie wilrden jeden Schritt mit groBter 
Vorsicht tun, und da fragt es sich sehr, ob du sie in deine Hande bekamst, wahrend sie nach dem Plane, den 
ich ausfuhren will, ganz unvorbereitet von euch eingeschlossen und gefangen genommen werden konnen, 
wenn ich mich nicht irre.« 

Ich sah, daB diese Darlegung ihren Eindruck nicht verfehlte. Tangua erklarte nach einer kurzen Pause des 
Nachdenkens: 

»Ich werde mit meinen Kriegern sprechen.« 

Darauf entfernte er sich von uns. Er ging zu dem Fuchse, winkte noch einige Rote zu sich hin, und dann 
sahen wir, wie sie sich berieten. 

»Damit, daB er erst mit den Kerlen reden will, gibt er zu, daB er in Beziehung auf uns nichts Gutes im 
Schilde fuhrte,« sagte Sam. 

»Das ist schlecht von ihm, da Ihr sein Freund seid und ihm nichts getan habt,« antwortete ich. 

»Freund? Was nennt Ihr Freund bei diesen Kiowas! Sie sind Spitzbuben und leben nur vom Raube. Man ist 
nur so lange ihr Freund, als sie einem nichts nehmen konnen. Hier aber haben wir einen Wagen voll 
Viktualien und sonstigen Dingen, welche fur die Roten groBen Wert besitzen. Das haben die Kundschafter 
ihrem Anfuhrer gesagt, und von diesem Augenblicke an war es beschlossene Sache, daB wir ausgeraubt 



werden sollten.« 



»Wenn es wahr ware, sollte es mich freuen.« 

»Ich denke, daB es wahr ist. Ich kenne diese Leute. Brillanter Gedanke von mir, diesem 

Kerl weiszumachen, daB wir SO eine Art Giantpowder hier auf dem Wagen haben, hihihihi! Er sah 
alles, was sich darauf befand. schon als gute sichere Prise an; sein erster Schritt war ja gleich hinauf. Jetzt 
bin ich uberzeugt, daB kein Roter es wagen wild etwas davon anzurilhren. Ja, ich hoffe sogar, daB uns 
diese Furcht auch noch spaterhin von Nutzen sein wird. Werde mir eine Btlchse mit Oelsardinen einstecken 
und ihnen weismachen, daB sie einen Sprengstoff enthalte. Ihr habt ja auch schon eine bei Euch, mit den 
Papieren drin. Konnt Euch das tux zukunftige Falle merken.« 

» Schon! Will hoffen, daB es dann auch die beabsichtigte Wirkung hat. Was meint Ihr nun aber hinsichtlich 
der Friedenspfeife?« 

»Da war freilich ausgemacht, daB sie nicht geraucht werden sollte; nun aber denke ich, daB die Kerle sich 
anders besinnen werden. Mein Argument hat dem Hauptlinge eingeleuchtet und wird auch die andern 
ilberzeugen. Aber trauen dilrfen wir ihnen trotzdem spater nicht. « 

»Da seht Ihr, Sam, daB ich vorgestern doch einigermaBen recht hatte. Ihr wolltet Euern Plan mit Hilfe der 
Kiowas ausfuhren und habt dadurch Euch und uns in ihre Gewalt gebracht. Ich bin neugierig, was daraus 
werden wird !« 

»Nichts anderes als das, was ich erwarte; darauf konnt Ihr Euch verlassen. Der Hauptling wollte uns 
freilich ausrauben und dann die Apachen auf eigene Faust empfangen. Nun aber muB er einsehen, daB sie 
zu schlau sind, sich in seiner Weise fangen und niedermetzeln zu lassen. Wie ich ihm selbst gesagt habe, 
wilrden sie die Spuren seiner Kundschafter, die er ihnen entgegenschicken milBte, entdecken, und dann 
konnte er warten, bis sie ihm wie blinde Prairiehuhner in die Hande liefen. Jetzt sind sie fertig und er 
kommt. Nun wird es sich entscheiden.« 

Die Entscheidung sahen wir schon, ehe er sich uns ganz genahert hatte, derm auf einige Zurufe des 
"Fuchses" zog sich der Kreis der Roten, von dem wir umgeben gewesen waren, auseinander und die Reiter 
stiegen von ihren Pferden. Wir waren also nicht mehr umzingelt. Tangua zeigte jetzt eine weniger finstere 
Miene als vorher: 

»Ich habe mich mit meinen Kriegern beraten,« sagte er. »Sie sind mit mir einverstanden, daB ich das 
Calumet mit meinem Bruder Sam rauche; das soil dann fur alle gelten.« 

»Das habe ich erwartet, derm du bist nicht nur ein tapferer, sondern auch ein kluger Mann. Die Krieger der 
Kiowas mogen einen Halbkreis bilden und Zeugen sein, daB wir miteinander den Rauch des Friedens und 
der Freundschaft austauschen.« 

So geschah es. Tangua und Sam Hawkens rauchten das Calumet unter den bereits kurz beschriebenen 
Zeremonien, und dann gingen wir WeiBen alle von einem Roten zum andern, um ihm die Hand zu geben. 
Hierauf kormten wir annehmen, daB sie wenigstens fur heut und die nachsten Tage keine feindseligen 
Absichten mehr gegen uns hegten. Wie und was sie spater denken und tun wilrden, das konnten wir freilich 
nicht wissen. 



Wenn ich gesagt habe, das Calumet oder die Friedenspfeife rauchen, so bediene ich mich des bei uns 
gebrauchlichen Ausdruckes. Der Indianer sagt namlich nicht Tabak rauchen, sondern Tabak trinken. Er 
trinkt ihn eigentlich auch, denn wenn er nach indianischer Weise raucht, so schluckt er den Rauch hinunter, 
sammelt ihn im Magen an und gibt ihn dann in einzeliien. langsamen Stdften wieder vhd sich 

Hierin stimmt er eigentilmlicherweise mit dem Turken iibereiii. welcher auch nicht "Tabak rauchen" sagt. 
Tabak heiBt im Tilrkischen tutiin, Tabak oder Pfeife rauchen "tutiin" oder "tschibuk itschmek"; itschmek 
aber heiBt nicht rauchen, sondern trinken. 

In wie hohem Ansehen iibrigens die Tabakspfeife bei den Indianern steht, erhellt aus dem 
Umstande, daB sie z. B. in der Sprache der Jemesindianer und in alien Apachendialekten 
mit demselben Worte bezeichnet wird, das auch fur Hauptling steht. Im Jemes heiBt 
Hauptling Fui und Tabakspfeife Fuitschasch, im Apache Hauptling Natan und 

Tabakspfeife Natan-tSe. Dieses Tse als Endung bedeutet Stein und zeigt ebensowohl auf irdene, 
gebrannte Pfeifen als auch auf solche hin, deren Kopf aus Stein gefertigt ist. Der Kopf einer jeden Pfeife, 
welche als Calumet benutzt wird, soil aus dem heiligen Ton geschnitten sein, dessen Fundort in Dakota 
liegt. 

Nach der Herstellung dieses, wenigstens einstweiligen, guten Einvernehmens verlangte Tangua das 
Abhalten einer groflen Beratung, an welcher alle WeiBen teilnehmen sollten. Dies war mir unlieb, denn es 
hielt uns von der Arbeit ab, die doch so notwendig war. Darum bat ich Sam, dahin zu wirken, daB diese 
Beratung fur den Abend aufgehoben werde, denn ich hatte gelesen und gehort, daB, wenn die Roten sich 
einmal bei einem solchen Palaver befinden, dieses, wenn keine Gefahr zum Schlusse desselben treibt, fast 
kein Ende zu nehmen pflegt. Hawkens sprach mit dem Hauptlinge und berichtete mir dann: 

»Er geht als echter Indsman nicht von seinem Willen ab. Die Apachen sind noch lange nicht zu erwarten, 
und so verlangt er eine Sitzung, in welcher ich meinen Plan entwickeln und nach welcher jedenfalls tuchtig 
gegessen werden soil. Vorrat haben wir ja, und die Kiowas haben auch gedorrtes Fleisch genug auf ihren 
Packpferden mitgebracht. Glucklicherweise habe ich so viel erreicht, daB nur ich, Dick Stone und Will 
Parker teilzunehmen brauchen; ihr Andern sollt an eure Arbeit gehen dilrfen.« 

»Dilrfen? Als ob wir dazu die Erlaubnis der Indsmen notig hatten! Ich werde mich so gegen sie verhalten, 
daB sie erkennen, ich betrachte mich als vollstandig unabhangig von ihnen.« 

»Macht mir keinen Strich durch die Rechnung, Sir! Tut lieber so, als ob Ihr so etwas gar nicht merktet! Wir 
dilrfen sie nicht gegen uns aufbringen, wenn alles gut gehen soll.« 

» Aber ich mochte an der Beratung auch teilnehmen! « 

»Ist gar nicht notig. « 

»Nicht? Ich denke das Gegenteil. Ich muB doch auch wissen, was beschlossen wird!« 

»Das werdet Ihr dann sofort erfahren.« 

»Aber wenn Ihr Euch etwas vornehmt, was ich nicht gutheiBen kann?« 

»GutheiBen? Ihr? Seht doch einmal dieses Greenhorn an! Bildet sich wahrscheinlich ein, das, was Sam 
Hawkens beschlieBt, erst genehmigen zu mtissen! Soil Euch wohl auch erst um die Erlaubnis bitten, wenn 
ich es fur gut halte, mir meine Fingernagel zu beschneiden oder meine Stiefel auszubessern?« 

»So war es naturlich nicht gemeint. Ich mochte nur sicher sein, daB nichts beschlossen wird, bei dessen 



Ausfiihrung das Leben unserer beiden Apachen gefahrdet ist.« 

»Was das betrifft. so konnt Ihr Euch auf Euren alten Sam Hawkens verlassen. Ich gebe Euch mein Wort, 
daB sie mit vollstandig heiler Haut davonkommen werden. 1st Euch das genug?« 

»Ja. Euer Wort halte ich in Ehren, derm ich denke, wenn Ihr es einmal gegeben habt, so werdet Ihr auch 
darauf sehen, daB es in Erfiillung geht.« 

» Weill Macht Euch also an Eure Arbeit, und seid ilberzeugt, daB die Sache auch ohne Euch die Richtung 
nimmt, die sie nehmen wilrde, wenn Ihr Eure Nase auch mit hineinstecken kdnntet! « 

Ich muBte mich fugen, derm es lag mir alles daran, unsere Vermessungen noch vor dem ZusammenstoBe 
mit den Apachen zu Ende zu fuhren. Wir machten uns also mit abermaligem Eifer ilber unsere Strecke her 
und kamen auBerordentlich schnell vorwarts, derm Bancroft und seine drei anderen Untergebenen strengten 
alle ihre Krafte an. Dies hatte seinen Grund in einer Vorstellung, die ich ihnen gemacht hatte. 

Wenn wir nicht alien FleiB aufwandten, so kamen die Apachen, ehe wir fertig waren, und dann konnte es 
uns von ihnen oder auch den Kiowas schlimm ergehen. Fuhrten wir unser Werk aber vor ihrer Ankunft zu 
Ende, so war es uns vielleicht mdglich, uns aus dem Staube zu machen und unsere Personen und 
Zeichnungen in Sicherheit zu bringen. Das hatte ich ihnen vorgestellt, und darum arbeiteten sie mit einem 
FleiBe und einer Ausdauer, die vorher niemals bei ihnen zu bemerken gewesen waren. Mein Zweck war 
also erreicht. Im stillen aber dachte ich gar nicht daran, mich in dieser Weise aus dem Staube zu machen. 
Mir lag Wirmetou am Herzen. Die Andern mochten tun, was sie wollten, ich aber war entschlossen, nicht 
eher fortzugehen, als bis ich ilberzeugt sein konnte, daB keine Gefahr mehr fur ihn vorhanden sei. 

Meine Arbeit war eigentlich eine doppelte. Ich hatte zu messen und auch Buch zu fuhren und die 
Zeichnungen herzustellen. Das letztere tat ich im Duplikate. Ein Exemplar bekam der Oberingenieur als 
unser Vorgesetzter und eines fertigte ich mir heimlich an, um es fur den Fall der Not aufzuheben. Unsere 
Lage war eine so gefahrliche, daB diese Vorsicht als ganz gerechtfertigt erschien. 

Die Beratung dauerte wirklich, wie ich es erwartet hatte, bis zum Abende; sie war grad zu Ende, als wir 
von der Dunkelheit gezwungen wurden, aufzuhoren. Die Kiowas befanden sich in der vortrefflichsten 
Stimmung, denn Sam Hawkens hatte den Fehler oder auch die Klugheit begangen, ihnen unsern ganzen 
Rest von Brand', auszuhandigen. Sich da vorher der Einwilligung Rattlers zu versichern, war ihm wo hi 
nicht eingefallen. Es brannten mehrere Feuer, um welche die schmausenden Roten saBen; dabei grasten die 
Pferde, und weiter drauBen im Dunkeln standen die Posten, welche von dem Hauptlinge ausgestellt worden 



Ich setzte mich zu Sam und seinen unzertrermlichen Gefahrten Parker und Stone, aB mein Abendbrot und 
lieB die Augen ilber das Lager schweifen, welches mir, dem Neulinge, einen mir bisher unbekannten 
Anblick bot. Kriegerisch genug sah es aus. Indem ich eines der roten Gesichter nach dem andern 
betrachtete, sah ich keines, welches ich einem Feinde gegentlber einer mitleidigen Regung fur fahig 
gehalten hatte. Unser Brandy hatte nur so weit gereicht, daB auf jeden nur fiinf oder sechs Schluck 
gekommen waren; ich bemerkte also keinen Betrunkenen, aber das Feuerwasser hatte, weil sie es so selten 
haben konnten, doch immerhin eine aufregende Wirkung geauBert. Die Indsmen waren in ihren 
Bewegungen weit lebhafter und in ihrem Gesprache lauter, als sie es gewohnlich zu sein pflegen. 

Natilrlich erkundigte ich mich bei Sam nach dem Resultate der Beratung. 

»Ihr konnt zufrieden sein,« meinte er; »Euern beiden Lieblingen wird nichts geschehen.« 

»Abei" wemi sie sich wehren?« 



»Kommen gar nicht dazu; werden tiberwaltigt und gefesselt, ehe sie auf den Gedanken kommen konnen, 
daB so etwas moglich ist.« 

»So? Wie denkt Ihr Euch denn eigentlich die Sache, alter Sam?« 

»Sehr einfach. Die Apachen kommen auf einem ganz bestimmten Wege. Konnt Ihr den vielleicht erraten, 

Sir?« 

»Ja. Sie werden nattirlich zunachst dorthin gehen, wo sie uns getroffen haben und dann unsern Spuren 
weiter folgen.« 

»Richtig! Ihr seid wirklich nicht so dumm, wie es, wenn man Euer Gesicht betrachtet, den Anschein hat. 
Also das erste, was wir wissen mtissen, ist uns bekannt. namhch die Richtiing. aus welcher wir sie zu 
erwarten haben. Das zweitwichtigste ist die Zeit, warm sie kommen. « 

»Das kann man nicht genau berechnen, aber doch vermuten.« 

»Ja, wer Griltze genug im Kopfe hat, der kann so etwas schon vermuten; aber mit einer bloflen Vermutung 
ist uns nicht gedient. Wer in einer Lage, wie die unserige ist, nach Vermutungen handelt, tragt ganz gewifl 
sein Fell zu Markte. GewiBheit ist's, voile GewiBheit, die wir haben mtissen. « 

»Die konnen wir nur dadurch erhalten, daB wir ihnen Kundschafter entgegenschicken, und das habt Ihr ja 
verpont, lieber Sam. Ihr seid doch der Ansicht gewesen, daB die Spuren der Spaher uns verraten wiirden « 

»Der roten Spaher; merkt Euch wohl, der roten, Sir! DaB wir hier sind. das wissen die Apachen, und wenn 
sie auf die Fahrte eines weiBen Mannes treffen, kann das in ihnen kein MiBtrauen erwecken. Fanden sie 
aber die Stapfen von Indianern, so ware das etwas ganz anderes; sie wiirden gewarnt sein und sich 
ungeheuer in acht nehmen. Da Ihr so ein ausnehmend gescheiter Kopf seid, konnt Ihr Euch j a denken, was 
sie vermuten wiirden. « 

»DaB Kiowas in der Nahe sind?« 

»Ja, habt's wirklich erraten! Wenn ich meine alte Perticke nicht gar so sehr schonen mtiBte, wtirde ich vor 
allerhand Hochachtung jetzt den Hut vor Euch abnehmen. Denkt Euch hiermit, daB es geschehen ist! « 

»Danke, Sam! Ich will hoffen, daB diese Hochachtung sich nicht im Sande verlauft. Doch weiter! Ihr meint 
also, daB wir den Apachen nicht rote, sondern weifte Spahei entgegenschicken werden?« 

» Ja, aber nicht mehrere, sondern nur einen.« 

»Ist das nicht zu wenig?« 

»Nein, denn dieser eine ist ein Kerl, auf den man sich verlassen kann; heiBt namlich Sam Hawkens, wenn 
ich mich nicht irre, und pflegt Feldmause zu fressen, hihihihi! Kennt Ihr diesen Mann vielleicht, Sir?« 

».Ta.« mckte ich. »Wenn der allerdings die Sache tibermmmt. no konnen wir ohne Sorge sein. Er wird sich 
von den Apachen nicht erwischen lassen.« 

»Nein, erwischen nicht, aber sehen.« 

» Was? Sie sollen Euch sehen?« 



»Da fangen oder toten sie Euch! « 

»Fallt ihnen gar nicht ein; sind viel zu klug dazu. Ich richte es so ein, daB sie mich sehen mtissen, damit sie 
nicht auf den Gedanken kommen, daB Andere zu uns gestoBen sind. Und wenn ich so recht gemtitlich vor 
ihren Augen umherspaziere, so werden sie meinen, wir ftihlen uns so sicher wie im SchoBe Abrahams. Tun 
werden sie mir nichts, gar nichts, weil ihr Verdacht schopfen miiBtet, wenn ich nicht ins Lager 
zuruckkehrte. Nach ihrer Ansicht bin ich ihnen ja spater sicher genug.« 

»Aber, Sam, ist es nicht moglich, daB sie Euch sehen, aber Ihr nicht sie?« 

»Sir,« brauste er im Scherze auf, »wenn Ihr mir eine solche moralische Ohrfeige gebt, so ist es aus 
zwischen uns beiden! Ich und sie nicht sehen! Die Aeuglein von Sam Hawkens sind zwar klein, aber 
scharf. Die Apachen werden zwar nicht in hellen Haufen angertickt kommen, sondern einige 

Kundschafter voraussenden; aber die konnen mir nicht entgehen, denn ich werde mich so aufstellen, daB 
ich sie sehen muB. WiBt Ihr, es gibt Oertlichkeiten, wo selbst der feinste Scout keine Deckung findet und 
heraus auf eine offene Stelle muB. Solche Orte sucht man sich aus, wenn man Kundschafter beobachten 
will. Sobald ich sie gesehen habe, melde ich sie Euch, damit Ihr, wenn sie dann das Lager umschleichen, 
Euch recht unbefangen zeigen mdgt « 

»Dann sehen sie aber doch die Kiowas und werden dies ihrem Hauptling melden!« 

»Wen sehen sie? Die Kiowas? Mensch, Greenhorn und ehrenwerter Jungling, glaubt Ihr denn, daB das 
Gehirn von Sam Hawkens aus Watte oder Loschpapier bestehe, he? Ich werde dann schon dafilr gesorgt 
haben, daB die Kiowas nicht zu sehen sind, auch keine Spur von ihnen, nicht die allergeringste Spur, 
verstanden! Diese unsere sehr lieben Freunde, die Kiowas, werden sich sehr gut verstecken, um im 
geeigneten Augenblicke hervorzubrechen. Die Kundschafter der Apachen dilrfen natilrlich nur diejenigen 
Personen sehen, welche im Lager waren, als Winnetou mit seinem Vater in demselben war.« 

»Ah, das ist freilich etwas Anderesk 

»Nicht wahr! Die Kundschafter der Apachen mogen uns also ganz ruhig umschleichen und die GewiBheit 
gewinnen, daB wir nichts Boses ahnen. Wenn sie sich dann entfernen, schleiche ich ihnen nach, um die 
Ankunft der ganzen Schar zu erspahen. Die wird natilrlich nicht am Tage kommen, sondern des Nachts, 
und sich unserm Lager so weit nahern, wie moglich ist. Dann fallen die wackern Apachen ilber uns her.« 

»Und nehmen uns gefangen oder ermorden uns gar, wenigstens einige von uns!« 

»Hort, Sir, Ihr konnt mir wirklich leid tun! Ihr wollt ein studierter Mann sein und wiBt doch nicht einmal, 
daB man ausreiBen muB, wenn man sich nicht fangen lassen will! Das weiB heutzutage jeder Hase, ja sogar 
jenes kleine, schwarze und bissige Insekt, welches sechshundertmal ho her springt, als seine Korperlange 
betragt. Und Ihr, Ihr wiBt das nicht! Hm, steht das denn nicht in den vielen Bilchern, die Ihr gelesen habt?« 

»Nein, denn ein wackerer Westmann soil nicht so hoch springen, wie das Insekt, von welchem Ihr redet, 
sechshundertmal hoher als er ist. Ihr meint also, daB wir uns in Sicherheit bringen?« 

»Ja. Wir brennen natilrlich ein Lagerfeuer an, damit sie uns recht deutlich sehen konnen. So lange dieses 
leuchtet, bleiben die Apachen sicherlich versteckt. Wir lassen es niederbrennen und machen uns, sobald es 
dunkel ist, davon, um die Kiowas leise und schnell herbeizuholen. Jetzt werfen sich die Apachen auf unser 

Lager und finden keinen Menschen, hihihihi! Sie sind natilrlich ganz erstaunt und brennen das Feuer 

wieder an, um nach uns zu suchen. Da sehen wir sie so deutlich, wie sie uns vorher gesehen haben, und nun 



wird der SpieB umgedreht: sie sind es, welche iiberfallen werden. Welcher Schreck fur sie! Das ist ein 
Coup, von dem man noch lange Zeit erzahlen wird. Und dabei wird man sagen: Sam Hawkens war's, der 
sich das ausgesonnen hat, wenn ich mich nicht irre.« 

»Ja, das ware wohl recht gut, wenn es grad so und nicht anders wiirde, als wie Ihr es Euch denkt.« 

»Es wird nicht anders; will schon dafur sorgen.« 

»Und aber dann? Dann lassen wir die Apachen heimlich frei?« 

» Wenigstens Intschu tschuna und Winnetou.« 

»Die andern nicht? « 

»So viel von ihnen, wie wir konnen, ohne daB wir uns verraten.« 

»Wie wird es dann den ilbrigen ergehen?« 

»Gar nicht sehr schlimm, Sir; das kann ich Euch versichern. Die Kiowas werden im ersten Augenblicke 
weniger an diese denken als daran, die Fluchtlinge wieder einzufangen. Und sollten sie sich wirklich 
blutgierig zeigen, so ist Sam Hawkens auch noch da. Ueberhaupt, was nachher zu geschehen hat, darilber 
wollen wir uns die Kopfe nicht zerbrechen; wenigstens Ihr konnt von dem Eurigen eine bessere 
Anwendung machen. Was spater kommt, das wird sich eben auch erst spater zeigen. Jetzt haben wir uns 
vor alien Dingen nach einem Platze umzusehen, der fur die Ausfuhrung unseres Vorhabens paBt, denn nicht 
jeder Ort ist zu so etwas geeignet. Das werde ich morgen fruh 

besorgen. Gesprochen haben wir heute genug; von morgen an werden wir handeln.« 

Er hatte recht. Reden und weiter Plane Schmieden war jetzt uberflussig; wir konnten hier jetzt nichts anders 
tun, als die Ereignisse abwarten. 

Die heutige Nacht war ziemlich ungemutlich Es erhob sich ein Wind, der nach und nach zum Sturme 
wurde, und gegen Morgen trat eine Kilhle ein, welche fur diese Gegend eine Seltenheit war. Wir befanden 
uns ungefahr auf der Breite von Damaskus und warden docb von der Kalte aufgeweckt Sam Hawkens 
prufte den Himmel und meinte dann: 

»Heut wird in dieser Gegend wahrscheinlich etwas geschehen, was hier sehr selten vorkommt; es wird 
namlich regnen, wenn ich mich nicht irre. Und das ist sehr vorteilhaft fur unsern Plan.« 

»Wieso?« fragte ich. 

»Konnt Euch das nicht denken? Schauet doch umher, wie das Gras niedergelagert ist! Wenn die Apachen 
da voruberkommen, mtissen sie doch gleich sehen, daB hier mehr Menschen und Tiere gewesen sind, als 
wir eigentlich zahlen. Kommt aber ein Regen, so richtet sich das Gras rasch wieder auf, wahrend die 
Spuren dieses Lagers sonst noch nach drei oder vier Tagen zu sehen waren. Ich werde mich mit den Roten 
so rasch wie moglich davonmachen.« 

»Um eine Stelle zum Ueberfalle zu suchen?« 

» Ja. Konnte die Kiowas zwar einstweilen hier lassen und sie dann holen, aber je eher sie fortgehen, desto 
eher verschwinden die Spuren. Ihr konnt mzwischen weiter arbeiten.« 



Er teilte dem Hauptling seine Absicht mit, und dieser ging auf dieselbe ein. Nach kurzer Zeit ritten die 
Indianer mit Sam und seinen beiden Gefahrten fort. Es versteht sich ganz von selbst, daB der Platz, welchen 
er sich auswahlen wollte, an der Linie liegen muBte, welcher wir als Feldmesser zu folgen hatten. Das 
Gegenteil hatte uns Zeit gekostet und den Apachen auffallen milssen. 

Wir folgten den Vorangerittenen langsam, so wie unsere Arbeit nach und nach vorwarts schritt. Gegen 
Mittag erfilllte sich Sams Vorhersage; es regnete, und zwar in einer Weise, wie es nur in jenen Breiten 
regnen kann, namlich wenn es ilberhaupt da einmal regnet. Es schien wie ein See vom Himmel 
herabzustilrzen. 

Mitten in diesem Wassergusse kam Sam mit Dick und Will zuruck. Wir sahen sie nicht eher, als bis sie sich 
uns auf vielleicht zwolf oder funfzehn Schritte genahert hatten, so dicht fiel der Regen. Sie hatten einen 
passenden Ort gefunden. Parker und Stone sollten uns denselben zeigen; Hawkens aber ging, nachdem er 
sich mit Proviant versehen hatte, trotz des Unwetters fort, um sein Spaheramt anzutreten. Er wollte seine 
Aufgabe zu FuBe losen, weil er sich da besser verstecken konnte, als wenn er sein Maultier mitgenommen 
hatte. Als er hinter dem dichten Vorhange des Regens verschwand, hatte ich das Gefilhl, als ob die 
Katastrophe sich uns nun im Eilschritte nahere. 

So ungewohnlich der WasserguB gewesen war, fast wie ein Wolkenbruch, so schnell horte er wieder auf. 
Die Schleusen des Himmels schlossen sich mit einem Male, und dann strahlte die Sonne ebenso warm wie 
gestern auf uns nieder. Wir hatten die Arbeit unterbrochen und nahmen sie nun wieder auf. 

Wir befanden uns auf einer ebenen, nicht zu groBen und von drei Seiten mit Wald umgebenen Savanne, auf 
welcher es von Zeit zu Zeit ein Buschwerk gab. Dies war fur uns ein sehr gilnstiges Terrain, und so kam es, 
daB wir rasche Fortschritte machten. Hierbei machte ich die Bemerkung, daB Sam Hawkens heut frilh die 
Wirkung des Regens ganz nchtiu vorhergesagt liatte die Kiowas waren vor uns genau da geritten, wo wir 
uns jetzt befanden, und doch war keine Spur von den Huftritten ihrer Pferde zu sehen. Wenn die Apachen 
uns folgten, konnten sie unmoglich ahnen, daB wir zweihundert Verbilndete in unserer Nahe hatten. 

Als es zu dunkeln begann und wir unsere Arbeit einstellten, erfuhren wir von Stone und Parker, daB wir uns 
in der Nahe des voraussichtlichen Kampfplatzes befanden. Ich hatte ihn gern in Augenschein genommen, 
dazu war es aber heut zu spat. 

Am andern Morgen erreichten wir schon nach kurzer Arbeitszeit einen Bach, der ein ziemlich groBes, 
teichartiges Becken bildete, welches wahrscheinlich stets mit Wasser gefullt war, wahrend das Bett des 
Baches wohl meist halb trocken lag. Infolge des gestrigen Regens aber war er bis an die Rander angefullt. 
Zu diesem Teiche fuhrte eine schmale, freie Savannenzunge welche rechts und links von Baumen und 
Strauchern eingesaumt wurde. In das Wasser ragte eine Halbinsel hinein, auf welcher es auch Straucher 
und Baume gab; sie war da, wo sie mit dem Lande zusammenhing, schmal und verbreitete [verbreiterte] 
sich dann so, daB sie eine fast kreisrunde Gestalt annahm. Sie konnte mit einer Kasserole verglichen 
werden, welche mit ihrem Griffe am Lande hing. Jenseits des Teiches stieg eine sanfte Hohe an, welche 
dichter Wald bedeckte. 

»Dies ist die Stelle, fur welche sich unser Sam entschlossen hat,« sagte Stone, indem er mit Kennermiene 
um sich blickte. »Sie kann fur das, was wir vorhaben, auch wirklich gar nicht besser passen.« 

Das veranlaBte mich naturlich, mich nach alien Seiten umzusehen. 

»Wo sind derm die Kiowas, Mr. Stone?« fragte ich ihn. 

»Versteckt, sehr gut versteckt,« antwortete er. »Ihr konnt Euch die groBte Muhe geben und werdet doch 
keine Spur von ihnen wahrnehmen, obgleich ich weiB, daB sie uns sehr gut sehen und scharf beobachten 
koniien « 



»Wartet nur, Sir! Erst muB ich Euch erklaren. waram Sain, del Pfiffige. diesen Platz gewahlt hat. Die 
Savanne, ilber welche wir jetzt gekommen sind, ist mit vielen einzelnen Bilschen bestanden. Das macht es 
den Kundschaftern der Apachen leicht, uns unbemerkt zu folgen, weil sie durch diese Straucher Deckung 
finden. Seht ferner die offene Graszunge welche hierher fiihrt. Ein Lagerfeuer. welches wir Iner anbrennen, 
leuchtet ilber diese Zunge weg und in die Savanne hinein, ilber welche die Feinde kommen; es wird die 
Apachen also anlocken, und diese konnen sich uns ganz bequem nahern, wenn sie sich zwischen den 
Baumen und Strauchern halten, welche zu beiden Seiten dieser Zunge stehen. Ich sage euch, Mesch'schurs. 
wir konnten, um von den Roten tlberfallen zu werden, gar keinen bessern Platz finden! « 

Sein langes, hageres, wetterhartes Gesicht glanzte dabei formlich vor auBerster Zufriedenheit; der 
Oberingenieur aber stimmte gar nicht in dieses Entzilcken ein; er meinte, indem er den Kopf schuttelte: 

»Was seid ihr doch fur Menschen, Mr. Stone! Freut sich dieser Mann daruber, daB er so schon tlberfallen 
werden kann! Ich sage euch, ich freue mich so wenig daruber, daB ich mich aus dem Staube machen 

»Um dann desto sicherer in die Hande der Apachen zu fallen! LaBt Euch doch nicht solches Zeug in den 
Sinn kommen, Mr. Bancroft! Naturlich muB ich mich ilber diesen Ort freuen, derm wenn er es den Apachen 
erleichtert, uns zu fangen, so haben wir es nachher noch viel leichter, sie zu fassen. Seht doch einmal ilber 
das Wasser hintlber! Droben auf der Hohe, also mitten im Walde, stecken die Kiowas. Ihre Spaher sitzen 
auf den hochsten Baumen und haben uns sicher kommen sehen. Ebenso werden sie bemerken, wenn die 
Apachen kommen, denn sie konnen von dort oben aus weit ilber die Savanne blicken.« 

»Aber,« fiel der Oberingenieur ein, »was kann es uns, wenn wir tlberfallen werden, ntltzen, daB die Kiowas 
sich jenseits des Wassers da drtlben im Walde befinden!« 

»Da stecken sie nur einstweilen, denn sie konnen doch nicht hier sein, weil sie von den Spahern der 
Apachen entdeckt wtlrden. Sind diese aber fort, so kommen sie herab und hertlber zu uns und verstecken 
sich auf der Halbinsel, wo sie nicht bemerkt werden konnen. « 

» Konnen die Kundschafter der Apachen nicht auch dorthin?« 

»Sie konnten wohl. abet wir lassen sie nicht. « 

»Da mtlBtet Ihr sie also verjagen, und doch sollen wir nicht merken lassen, daB wir von ihrer Gegenwart 
wissen. Wie reimt Ihr das zusammen, Mr. Stone?« 

»Sehr leicht. Wir dtlrfen allerdings nicht tun, als ob wir sie suchen, und konnen ihnen also nicht verbieten, 
die Halbinsel zu betreten. Aber diese ist da, wo sie mit dem Ufer zusammenhangt, nur dreiBig Schritte 
breit, und diese Breite verbainkadieien wir mit unsern Pferden.« 

»Pferde als Barrikade? Ist das mdglich?« 

»Jawohl. Wir binden die Pferde dort an die Baume; dann konnt Ihr sicher sein, daB kein Indianer sich 
nahert, da die Pferde ihn durch ihr Schnauben verraten wtlrden. Also wir lassen die Spaher ruhig kommen 
und sich umsehen; die Halbinsel betreten sie nicht. Wenn sie fort sind, um ihre Krieger zu holen, rtlcken die 
Kiowas heran und verstecken sich auf der Halbinsel. Dann schleichen sich die Apachen alle herbei und 
warten, bis wir uns schlafen legen.« 

»Wenn sie aber nicht so lange warten?« fiel ich ihm in die Rede. »Da konnen wir uns doch nicht 
zurtlckziehen! « 



»[):is ware auch nicht gefahrlich,« antwortete er, »denn die Kiowas y\ liiden uns sofort zu Hilfe kommen« 

» Aber das wiirde nicht ohne Blutv j j-iH''< j ii ih|,,iu >n idiI gj id da v ulli-'ii \\n \ermeiden.« 

»Ja, Sir, hier im Westen darf es auf einen Tropfen Blut nicht ankommen. Aber habt nur keine Sorge! Grad 
ganz dasselbe wird die Apachen abhalten, uns anzugreifen, wahrend wir noch wach sind. Sie milssen sich 
doch sagen, dafl wir uns verteidigen wilrden, und wenn wir auch nur zwanzig Kopfe zahlen, so wilrden 
doch sicher mehrere von ihnen fallen, ehe es ihnen glilckte, uns unschadlich zu machen. Nein, die schonen 
ihr Blut und Leben ebenso wie wir das unserige. Darum werden sie warten, bis wir uns schlafen gelegt 
haben, und dann lassen wir schnell das Feuer ausgehen und retirieren nach der Insel.« 

»Und was tun wir bis dahin? Konnen wir arbeiten?« 

»Ja; nur mtiflt Ihr zur entscheidenden Stunde hier sein.« 

»So wollen wir keine Zeit versaumen. Kommt, Mesch'schurs, damit wir noch etwas fertig bringen!« 

Sie folgten meiner Aufforderung, obgleich es ihnen wohl nicht wie arbeiten war. Ich bin ilberzeugt, dafl sie 
alle davongelaufen waren, aber dann ware die Arbeit nicht beendet worden, und dann hatten sie dem 
Kontrakte nach keine Bezahlung zu verlangen. Die wollten sie doch nicht einbilflen. Und wenn sie dennoch 
die Flucht ergriffen hatten, die Apachen waren doch schnell hinter ihnen her gewesen. Nein, sie sahen ein, 
dafl ihre Sicherheit hier die relativ groflte war und darum blieben sie. 

Was mich betraf, so gestehe ich aufrichtig ein, dafl ich den kommenden Ereignissen ganz und gar nicht 
gleichgilltig gegenilberstand. Es hatte sich ein Zustand meiner bemachtigt, ahnlich demjenigen, welchen 
man im gewohnlichen Leben Kanonenfieber zu nennen pflegt. Das war nicht etwa Angst, o nein, denn zur 
Angst hatte ich viel mehr Veranlassung gehabt, als ich die Btiffel und dann den Baren erlegte. Heute 
handelte es sich um Menschen; das war es, was mich beunruhigte. Um mein Leben handelte es sich 
weniger; das wilrde ich schon verteidigen; aber Intschu tschuna und Winnetou! Ich hatte wahrend der 
letzten Tage so viel an Winnetou gedacht, dafl er mir innerlich immer naher getreten war; er war mir wert 
geworden, ohne dafl es seiner Gegenwart oder gar seiner Freundschaft bedurft hatte, gewifl ein eigenartiger 
seelischer Vorgang, wenn auch nicht grad ein psychologisches Ratsel. Und sonderbar! Ich habe spater von 
Winnetou erfahren, dafl er damals ebenso oft an mich gedacht hat. wie ich an ihn! 

Meine innere Unruhe wurde auch durch die Arbeit nicht geandert, doch wuflte ich gewifl, dafl sie im 
Augenblicke der Entscheidung plotzlich verschwinden werde; darum wilnschte ich mir diese nun, da ihr 
nicht auszuweichen war, recht schnell herbei. Dieser Wunsch sollte in Erfullung gehen, denn es war erst 
wenig nach Mittag, so sahen wir Sam Hawkens auf uns zukommen. Der kleine Mann war sichtlich 
ermtidet, aber die kleinen, listigen Aeuglein blickten auflerordentlich heiter ilber den dunklen Bartwald 
heruber. 

»Alles gelungen?« fragte ich. »Ich sehe es Euch an, alter, lieber Sam.« 

»So?« lachte er. »Wo steht das denn geschrieben? Auf meiner Nase oder nur in Eurer Einbildung?« 

»Einbildung? Pshaw\ Wer Eure Augen sieht, der kann nicht zweifeln.« 

»So, also meine Augen verraten mich. Gut fur ein anderes Mai, dafl ich es weifl. Aber Ihr habt recht. Es ist 
mir gelungen, weit, weit besser gelungen, als ich denken konnte.« 

»So habt Ihr die Kundschafter gesehen?« 



»Kundschafter? Gesehen? Weit mehr, weit mehr! Nicht bloB die Kundschafter, sondern die ganze Schar, 
und nicht nur gesehen, sondern sogar gehort, belauscht habe ich sie.« 

»Belauscht? Ah, so sagt schnell, was Ihr da erfahren habt! « 

»Nicht jetzt und nicht hier. Nehmt Eure Instrumente zusammen und geht zum Lager! Ich komme nach; 
muB nur vorher schnell hinilber zu den Kiowas, um ihnen zu sagen, was ich erfahren habe und wie sie sich 
verhalten sollen.« 

Er schritt oberhalb des Teiches auf den Bach zu, sprang hinilber und verschwand dann jenseits unter den 
Baumen des Waldes. Wir packten unsere Siebensachen zusammen und suchten das Lager auf, wo wir auf 
Sams Wiederkehr warteten. Wir hatten ihn weder kommen sehen, noch kommen horen, aber ganz plotzlich 
stand er mitten unter uns und sagte in ubermutigem Tone: 

»Da habt ihr mich, Mylords! Habt ihr derm weder Augen noch Ohren? Euch kann ja ein Elefant 
uberrumpeln, dessen Schritte man eine Viertelstunde weit hort!« 

» Jedenfalls seid Ihr aber nicht wie ein solcher Elefant aufgetreten,« antwortete ich. 

»Mag sein. Wollte euch nur zeigen, wie man an die Menschen kommt, ohne daB sie es bemerken. Habt 
ruhig dagesessen und nicht gesprochen; seid ganz still gewesen und habt mich doch nicht gehort, als ich 
herangeschlichen kam. So, grad so war es gestern auch, als ich mich an die Apachen machte.« 

»Erzahlt uns das, erzahlt!« 

»Well, sollt es horen. MuB mich aber dazu setzen, denn ich bin sehr mtide. Meine Beine sind an das Reiten 
gewohnt und wollen sich auf das Laufen nicht mehr einlassen. 1st auch nobler, zu der Kavallerie als zur 
Infanterie zu gehoren, wenn ich mich nicht irre.« 

Er setzte sich in meine Nahe, blinzelte uns rundum Einen nach dem Andern an und sagte dann, sehr 
bedeutsam mit dem Kopfe dazu nickend: 

»Also, heute abend geht der Tanz los!« 

»Heute abend schon?« fragte ich, halb tlberrascht und halb erfreut, weil ich mir die Entscheidung bald 
herbeigewunscht hatte. »Das ist gut; das ist sehr gut!« 

»Hm, Ihr scheint ja ganz erpicht darauf zu sein, in die Hande der Apachen zu geraten! Aber recht habt Ihr; 
es ist gut und ich freue mich auch daruber, daB wir nicht langer zu warten brauchen. Ist kein sehr 
angenehmes Ding, auf etwas warten zu rnussen, was doch einen andern Ausgang nelimen kann, als man 
denkt « 

»Als man denkt! Ist etwa ein Grund eingetreten, Besorgnisse zu hegen?« 

»Ganz und gar nicht. Grad im Gegenteile! Bin nun erst recht ilberzeugt, daB alles gut ablaufen wird. Aber 
ein erfahrener Mann weiB, daB aus dem besten Kinde spater ein schlimmer Strolch werden kann. So ist's 
auch mit den Begebenheiten. Die schonste Sache kann durch irgend einen Zufall auf einen falschen Weg 

»Aber das ist doch hier nicht zu befurchten?« 

»Nein. Nach allem, was ich gehort habe, wird der Erfolg ein ganz vorzilglicher sein.« 



»Was habt Ihr denn gehort? Erzahlt doch nur, erzahlt! « 

»Sachte, sachte, mein junger Sir! Alles der Reihe nach! Was ich gehort habe, kann ich jetzt noch nicht 
sagen, weil Ihr doch wissen miiBt, was vorher geschehen ist. Ich ging mitten im Regenwetter fort; brauchte 
sein Ende nicht abzuwarten, weil der Regen nicht hier durch meinen Rock dringen kann, auch der starkste 
nicht - hihihihi! Bin bis beinahe zu der Stelle gelaufen, wo wir lagerten, als die beiden Apachen zu uns 
kamen; da aber muBte ich mich verstecken, denn ich sah drei Rote, welche da herumschnuffelten. Sind 
Apachenkundschafter, dachte ich, und laufen nicht weiter, weil sie nur bis hierher gehen sollen. So war es 
auch. Sie suchten die Gegend ab, ohne meine Spur zu finden, und setzten sich dann unter die Baume. weil 
es auBerhalb des Waldes zum Sitzen zu naB war. Da saBen sie wartend wohl an die zwei Stunden. Hatte 
mich auch unter einen Baum gemacht und wartete auch zwei Stunden lang. MuBte doch wissen, was es nun 
geben wiirde. Da kam ein Reitertrupp, mit den Kriegsfarben bemalt. Kannte sie sofort, Intschu tschuna und 
Winnetou mit ihren Apachen. « 

»Wieviel waren es?« 

»Grad so, wie ich gedacht hatte. Habe nngefahr fiinfzig Mann gezahlt. Die Spaher kamen unter den 
Baumen hervor und erstatteten den beiden Hauptlingen Bericht. Dann muBten sie wieder vorangehen, und 
die Schar folgte langsam nach. 

Konnt euch denken, Gentlemen, daB Sam Hawkens sich hinterher machte. Der Regen hatte die 
gewohnlichen Spuren verwischt, aber eure eingerammten Pfahle waren ja da und dienten als untrugliche 
Wegweiser. Wollte, ich hatte, so lange ich lebe, lauter so schone, deutliche Fahrten zu lesen. MuBten aber 
sehr vorsichtig sein, die Apachen, weil sie hinter jeder Biegung des Waldes, hinter jeder Ecke des 
Gebilsches auf uns treffen konnten, und machten darum nur langsame Fortschritte. Fingen es sehr schlau 
und vorsichtig an; habe meine helle Freude ilber sie gehabt und meine nun wie immer, daB die Apachen 
alien andern roten Nationen ilber sind. Intschu tschuna ist ein tuchtiger Kerl und Winnetou nicht minder. 
Die kleinste Bewegung dieser beiden Roten war berechnet. Kein Wort wurde gesprochen; man verstandigte 
sich nur durch Zeichen. Zwei Meilen hinter der Stelle, wo ich sie zuerst gesehen hatte, brach der Abend an. 
Sie stiegen ab, hobbelten ihre Pferde an und verschwanden im Walde, wo sie bis frilh lagern wollten.« 

»Und da habt Ihr sie belauscht?« fragte ich. 

»Ja. Sie brannten als kluge Kerls kein Feuer an, und weil Sam Hawkens ebenso king ist wie sie, dachte ich, 
daB sie mich da nicht leicht sehen konnten. Darum machte ich mich auch unter die Baume und kroch auf 
meinem eigenen Bauche, weil ich sonst keinen andern dazu hatte, so weit vor, bis ich in ihre Nahe kam und 
alles horte, was sie sprachen.« 

»Verstandet Ihr denn alles?« 

»I Tnvemunftige Frage! Werde doch horen, was gesprochen wird! « 

»Ich meine, ob sie sich des enghsch-indianischen Jargons bedienten?« 

»Sie bedienten einander gar nicht, sondern sie sprachen miteinander, wenn ich mich nicht irre, und zwar im 
Dialekte der Mescaleros, den ich so leidlich inne habe. Ich rilckte langsam weiter und weiter vor, bis ich 
mich in der Nahe der beiden Hauptlinge befand. Die tauschten zuweilen einige Worte miteinander aus, 
zwar kurz, nach Indianerweise, aber inhaltsreich. Habe da genug erfahren und weiB, woran ich bin.« 

»So schieBt also los,« bat ich, als er jetzt eine Pause machte. 

»So macht Euch beiseite, Sir, wenn Euch mein SchuB nicht treffen soil! Haben es also wirklich auf uns 
abgesehen. Wollen uns lebendig fangen.« 



»Also mcht to ten? « 

»0 doch, ein wenig toten wollen sie uns, aber nicht sofort. Wollen uns nur fangen, ohne 
uns zu beschadigen, und uns nach den Dorfern der Mescaleros am Rio Pecos schaffen, 
wo wir an die Marterpfahle gebunden und lebendig geschmort werden sollen. Well, ganz 

wie Karpfen, die man fangt, nach Hause schafft, ins Wasser setzt und futtert, urn sie dann mit allerlei 
Gewiirz zu sieden. Soil mich wundern, was fur ein Fleisch der alte Sam da geben wird, besonders wenn sie 
mich da ganz in die Pfanne tun und mich in meinem Jagdrocke braten - hihihihi ! « 

Er lachte in seiner stillen, heimlichen Weise vor sich hin und fuhr dann fort: 

»Haben es ganz besonders auf Mr. Rattler abgesehen, der so still entztlckt da unter euch sitzt und mich 
verklart anschaut, als ob der Himmel nur so auf ihn warte mit alien seinen Seligkeiten. Ja, Mr. Rattler, habt 
Euch eine Suppe eingebrockt, die ich nicht ausloffeln mochte. Ihr werdet gespieBt, gepfahlt, vergiftet, 
erstochen, erschossen, geradert und aufgehangt, immer eins htlbsch nach dem andern, und von jedem stets 
nur ein kleines BiBchen, damit Ihr recht lange dabei leben bleibt und alle diese Qualen und Todesarten mit 
richtigem Geschmack auskosten kdnnt. Und wenn Ihr dann trotz alledem noch nicht gestorben seid, so 
werdet Ihr mit Klekih-petra, den Ihr erschossen habt, in eine Grube gelegt und lebendig begraben.« 

»Mein Himmel! Sagten sie das?« fragte Rattler, dessen Gesicht vor Entsetzen todesbleich wurde. 

»Freilich sagten sie es. Habt es auch verdient; kann Euch da nicht helfen. Will nur wilnschen, daB Ihr dann, 
wenn Ihr alle diese Todesarten hinter Euch habt, nicht wieder eine so ruchlose Tat begeht. Denke aber, daB 
Ihr es bleiben lassen werdet. Die Leiche Klekih-petras ist einem Medizinmanne tlbergeben worden, der sie 
nach Hause schafft. Ihr mtlBt namlicb wissen daB diese Roten des Stldens ihre Toten so zu behandeln und 
zu konservieren verstehen, daB sie sich lange halten. Habe selbst Mumien von Indianerkindern gesehen, 
welche selbst nach einer Zeit von tlber hundert Jahren so frisch aussahen, als ob sie gestern noch gelebt 
hatten. Wenn wir alle gefangen werden, wird man uns das Vergntlgen machen, zuzusehen, wie sie Mr. 
Rattlern bei lebendigem Leibe in eine solche Mumie verwandeln « 

»Ich bleibe nicht hier!« rief der Genannte aus. »Ich gehe fort! Mich bekommen sie nicht! « 

Er wollte aufspiingen: Sam Hawkens zog llin wieder niedei und warnte 

»Keinen Schritt von hier fort, wenn Euch Euer Leben lieb ist! Ich sage Euch, daB die Apachen vielleicht 
schon die ganze Umgegend hier besetzt haben. Ihr wtlrdet ihnen direkt in die Hande laufen.« 

»Glaubt Ihr das wirklich, Sam?« fragte ich ihn. 

»Ja. Es ist keine leere Drohung, sondern ich habe alle Ursache, dies anzunehmen. Habe mich auch in 
anderer Beziehung nicht getauscht. Die Apachen sind wirklich schon auch gegen die Kiowas ausgertlckt, 
ein ganzes Heer, zu dem die beiden Hauptlinge stoBen wollen, sobald sie hier mit uns fertig sind. Nur 
darum ist es mdglich geworden, daB sie so rasch zu uns zuruckkehren konnten. Sie brauchten, um Krieger 
gegen uns zu holen, nicht bis in ihre Dorfer zu reiten, sondern sie trafen die gegen die Kiowas 
ausgezogenen Scharen unterwegs iibergaben Klekih-petras Leiche dem Medizinmanne und einigen andern 
Leuten zum Heimschaffen, und suchten sich funfzig gute Reiter aus, um uns aufzusuchen.« 

»Wo befinden sich die Trupps, welche gegen die Kiowas bestimmt sind?« 

»WeiB es nicht. Ist kein Wort dartlber gesprochen worden. Kann uns auch ganz gleichgultig sein << 

Da sollte der kleine Sam unrecht haben. Es war gar nicht gleichgultig fur uns. wo sich diese zahlreichen 



Scharen befanden. Das erfuhren wir schon nach einigen Tagen. Sam erzahlte weiter: 

»Als ich genug gehort hatte, hatte ich mich gleich zu euch aufmachen konnen; aber es ist 
des Nachts schwer, die Fahrte zu verbergen; sie hatten sie fruh sehen konnen, und sodann 
wollte ich sie auch noch gern am Morgen beobachten. Darum blieb ich die ganze Nacht 
im Walde versteckt und machte mich erst wieder auf die Beine, als sie aufgebrochen 
waren. Bin ihnen gefolgt bis ungefahr sechs Meilen von hier und habe dann einen 
Umweg gemacht, um unbemerkt zu euch zu kommen. Well, da habt ihr alles, was ich euch sagen 

»Ihr habt Euch also nicht von ihnen sehen lassen?« 

»Und auch dafur gesorgt, daB sie Eure Spur nicht entdecken?« 

»Ja.« 

»Aber Ihr sagtet doch, daB Ihr Euch ihnen zeigen wolltet und « 

» WeiB schon, weiB! Hatte es auch getan; war aber nicht notig, derm weil halt, habt ihr es gehort?« 

Er war in seiner Rede durch den dreimaligen Schrei eines Adlers unterbrochen worden. 

»Das sind die Spaher der Kiowas,« sagte er. »Sie sitzen da oben auf den Baumen. Habe ihnen gesagt, mir 
dieses Zeichen zu geben, wenn sie die Apachen drauBen auf der Savanne erblicken. Kommt, Sir; wollen 
einmal probieren, was Ihr in dieser Beziehung fur Augen habt! « 

Diese Aufforderung war an mich gerichtet. Er stand auf, um zu gehen, und ich nahm mein Gewehr, um ihm 
zu folgen. 

»Halt! « sagte er. »LaBt das Gewehr hier! Der Westmann soil sich zwar nicht von seiner Bilchse trennen; 
aber hier erleidet diese Regel eine Ausnahme, weil wir so tun mtissen, als ob wir an gar keine Gefahr 
dachten. Wir wollen uns den Anschein geben. als ob wir Holz zu einem Feuer sammelten. Daraus werden 
die Apachen schlieBen, daB wir hier am Abende lagern werden was em Vorteil fur uns ist.« 

Wir schlenderten miteinander, scheinbar ganz harmlos zwischen den Baum- und Straucherreihen auf dem 
offenen Rasenstreifen hin und auf die Savanne hinaus. Dort sammelten wir vom Rande des Gebilsches 
dilrre Aeste und sahen uns dabei verstohlen nach Apachen um. Wenn sich welche in der Nahe befanden, so 
muBten sie hinter den Strauchern stecken, welche auf der Savanne, mehr oder weniger entfernt von uns, 
zerstreut standen. 

»Seht Ihr einen?« fragte ich Sam nach einer Weile. 

»Nein,« antwortete er. 

»Ich auch nicht. « 

Wir strengten unsere Augen mdglichst an, konnten aber nichts entdecken. Und doch erfuhr ich spater von 
Winnetou selbst, daB er hochstens funfzig Schritte von uns entfernt hinter einem Busche gelegen und uns 
beobachtet hatte. Es ist nicht genug, daB man scharfe Augen besitzt, sie mtissen auch geilbt sein, und das 



waren die meinigen damals noch nicht. Heut wurde ich Winnetou sofort entdecken, und wenn es nur 
infolge der Milcken ware, die, von seiner Person angezogen, urn den Busch weit dichter spielten als 
anderswo. 

Wir kehrten also unverrichteter Dinge zu den Andern zurilck und beschaftigten uns nun alle mit dem 
Sammeln zum Holze fur das Lagerfeuer. Wir brachten mehr zusammen, als wir brauchten. 

»Recht so,« meinte Sam. »Wir milssen einen Haufen fur die Apachen liegen haben, denn sie sollen, wenn 
sie uns ergreifen wollen und wir aber verschwunden sind, schnell ein Feuer machen konnen.« 

Hierauf wurde es dunkel. Sam, als der Erfahrenste, versteckte sich ganz vorn, da wo der Grasstreifen, an 
dessen Ende wir saBen, bei der Savanne seinen Anfang nahm. Er wollte das Kommen der Spaher 
erlauschen, die wir mit Sicherheit zu erwarten batten da sie unser Lager auszukundschaften hatten. Das 
Feuer wurde angeztlndet und leuchtete tlber den Grasstreifen hinweg weit in die Savanne hinaus. Fur was 
fur unvorsichtige und unerfahrene Menschen muBten die Apachen uns da halten! Dieses groBe Feuer war ja 
ganz geeignet, dem Feinde aus weiter Feme den Weg zu uns zu zeigen. 

Wir aBen Abendbrot und lagerten uns so, als ob wir ganz entfernt davon seien, an etwas Arges zu denken. 
Die Gewehre lagen ein groBes Stuck von uns entfernt, doch nach der Halbinsel zu, damit wir sie spater 
mitnehmen konnten. Diese letztere war, wie Sam bestimmt hatte, durch unsere Pferde abgeschlossen 
worden. 

Es waren seit Anbruch der Dunkelheit wohl drei Stunden vergangen, da kehrte Sam lautlos wie ein 
Schatten zurilck und meldete mit leiser Stimme: 

»Die Kundschafter kommen, zwei Mann, einer auf dieser und der andere auf jener Seite. Habe sie gehort 
und sogar auch gesehen.« 

Sie naherten sich also auf beiden Seiten des Grasstreifens, indem sie sich im Dunkel des Gebilsches hielten. 
Sam setzte sich zu uns und begann mit lauter Stimme eine Unterhaltung tlber den ersten besten Gegenstand, 
der ihm eben einfiel. Wir antworteten ihm, und so entspann sich ein Gesprach, dessen Lebhaftigkeit darauf 
berechnet war, die Spaher in Sicherheit zu wiegen. Wir wuBten, daB sie da waren und uns scharf 
beobachteten, htlteten uns aber sehr, auch nur einen einzigen miBtrauischen Blick in das Gebilsch zu 
werfen. 

Jetzt gait es vor alien Dingen, zu erfahren, warm sie sich wieder entfernten. Horen konnten wir es nicht und 
sehen auch nicht, und doch durften wir von dem Augenblicke ihres Rtlckzuges an keinen Augenblick 
verlieren, denn es stand zu erwarten, daB dann schon nach kurzer Zeit die ganze Schar heranschleichen 
werde. Inzwischen aber muBten die Kiowas die Halbinsel besetzen. Da war es wohl am besten, nicht zu 
warten, bis sie sich entfernten, sondern sie dazu zu zwingen. Darum stand Sam auf, tat, als ob er nach Holz 
suchen wolle, und drang auf der einen Seite in die Btlsche ein; ich tat dasselbe auf der andern Seite. Wir 
konnten nun sicher sein, daB die Spaher sich fortgeschlichen hatten. Da hielt Sam die beiden Hande auf den 
Mund und lieB dreimal den Schrei eines Ochsenfrosches horen. Dies war das Zeichen, daB die Kiowas 
kommen sollten. Weil wir uns an einem Wasser befanden, konnte der Ruf des Ochsenfrosches nicht 
auffallen. Hierauf schlich sich Sam wieder vor auf seinen Lauscherposten, um uns die Ankunft des Gros 
der Feinde melden zu konnen. 

Noch waren kaum zwei Minuten seit dem Rufe des Frosches vergangen, so kamen die Kiowas 
herbeigehuscht, einer hart hinter dem andern, eine lange Reihe von zweihundert Kriegern. Sie hatten nicht 
im Wald gewartet, sondern waren, um dem Zeichen rascher folgen zu konnen, schon vorher bis an den 
Bach vorgedrungen und dann tlber denselben gesprungen. 

Wie Schlangen schoben sie sich hinter uns in unserm Schatten tief am Boden hin und der Halbinsel zu. Das 
ging so gewandt und schnell, daB hochstens nach drei Minuten der letzte an uns vorilber war. 



Nun v, arteten wii auf Sam Er kam und raunte uns leise zu: 

»Sie nahern sich, und zwar wieder auf beiden Seiten, wie ich gehort habe. Legt kein Holz mehr an! Wir 
milssen dafiir sorgen, daB, wenn die Flamme verloscht, noch eine Glut ilbrig bleibt, an welcher die Roten 
das Feuer rasch wieder entzilnden konnen.« 

Wir schichteten den Holzvorrat, den wir noch hatten, so rund um das Feuer auf, daB dann diese Glut keinen 
Schein werfen und unser Verschwinden vorzeitig verraten konnte. Als dies geschehen war, muBte ein jeder 
von uns mehr oder wenmer Schanspielei sein Wii wiiBten funfzig Apachen in unmittelbarster Nahe und 
durften es doch nicht merken lassen. Es hing sehr vieles, ja unser Leben, am nachsten Augenblicke. Wir 
hatten angenommen, daB sie warten wilrden, bis wir eingeschlafen zu sein schienen; aber wie nun, wenn sie 
dies nicht taten, wenn sie eher ilber uns herfielen? Dann hatten wir zwar in den Kiowas zweihundert Heifer, 
aber es muBte zum Kampfe, zum BlutvergieBen kommen, und das konnte manchem von uns das Leben 
kosten. Die Katastrophe war da, und das. was ich gewuBt hatte, traf zu: ich war ruhig, so ruhig, als ob es 
nur gelte, eine Partie Schach oder Domino zu spielen. Hochst interessant war es, die Andern zu beobachten. 
Rattler lag lang n i ge treckt am Boden; er hatte sein Gesicht der Erde zugekehrt und stellte sich schlafend. 
Die Todesangst hatte inn mit eiskalten Handen ergriffen. Seine "bertihmten Westmanner" stierten einander 
bleichen Angesichts an; sie konnten nur abgerissene Worte hervorbringen und sollten doch an unserer 
Unterhaltung teilnehmen. Will Parker und Dick Stone saBen so gemtitlich da, als ob es in der ganzen Welt 
nicht einen einzigen Apachen gabe. Sam Hawkens machte einen Witz ilber den andern, und ich lachte 
moglichst lustig ilber seine Scherze. 

Als in dieser Weise ilber eine halbe Stunde vergangen war, hatten wir die Ueberzeugung, daB der Ueberfall 
nach dem 

Einschlafen erfolgen solle, derm sonst ware er nun langst unternommen worden. Das Feuer war ziemlich 
niedergebrannt, und ich hielt es fur geraten, die Entscheidung nicht langer zu verzogern. Darum gahnte ich 
einige Male, dehnte mich und sagte: 

»Ich bin mtlde und mochte schlafen. Ihr nicht auch, Sam Hawkens?« 

»Habe nichts dagegen; werde es auch so machen,« antwortete er. »Das Feuer geht aus. Gute Nacht! « 

»Gute Nacht! « sagten auch Stone und Parker; dann rtlckten wir moglichst weit, aber so, daB es nicht 
auffallen konnte, vom Feuer weg und streckten uns da aus. 

Die Flamme wurde kleiner und kleiner, bis sie ganz erlosch; nur die Asche gltlhte noch; ihr Schein konnte 
aber wegen des aufgeschichteten Holzes nicht zu uns dringen. Wir lagen alle vollstandig im Dunkeln. Jetzt 
gait es, uns leise, ganz leise in Sicherheit zu bringen. Ich langte nach meinem Gewehre und schob mich 
langsam fort; Sam hielt sich an meiner Seite, und die Andern folgten. Sollte einer von ihnen ja ein 
Gerausch verursachen, so versuchte ich, dasselbe dadurch unhorbar zu machen, daB ich, als ich die Pferde 
erreichte, eins derselben zum lauten Stampfen brachte, indem ich es hin und her schob; das muBte jeden 
verraterischen Schall ilbertonen. Es gelang auch wirklich Allen, die Kiowas zu erreichen, welche schon wie 
kampfbegierige Panther auf der Lauer standen. 

»Sam.« fltlsterte ich diesem zu, »wenn die beiden Hauptlinge wirklich geschont werden so Hen, so dilrfen 
wir keinen Kiowa ilber sie lassen. Seid Ihr einverstanden?« 



»Ich nehme Winnetou auf mich; Ihr, Stone und Parker mogt Euch an Intschu tschuna machen.« 

»Ihr einen und wir drei zusammen auch nur einen? Dieses Exempel ist nicht richtig - wenn ich mich nicht 



»Es ist richtig. Ich werde mit Winnetou schnell fertig; ihr aber milBt zu dreien sein, damit sein Vater sich 
gar nicht wehren kann, denn wenn er Zeit und Raum zur Verteidigung bekommt, kann dies fur ihn leicht 
Verletzungen oder gar den Tod nach sich ziehen.« 

»Well, habt recht! Aber, damit uns da kein Kiowa zm orkommt, wo lien wir ein Stilckchen avancieren, 
damit wir dann gleich die Ersten sind. Kommt!« 

Wir postierten uns dem Feuer mehrere Schritte naher und warteten nun in groflter Spannung auf das 
Kampfgeschrei der Apachen, denn daB sie den Angriff ohne dieses nicht unternehmen wiirden, stand zu 
erwarten. Es ist ihre Gewohnheit, daB der Anfuhrer durch einen Schrei das Zeichen gibt, und dann stimmen 
die Andern in moglichst hollischer Weise ein. Dieses Geheul hat den Zweck, dem Angegriffenen den Mut 
zur Gegenwehr zu rauben. Man kann es so, wie es bei den meisten Stammen klingt, dadurch nachahmen, 
daB man im hochsten Fisteltone ein langes "Hiiiiiiiiiih!" ausstoBt und dabei mit der flachen Hand sehr 
schnell aufeinander folgende Schlage gegen die Lippen fuhrt, so daB der Ton als Triller zu horen ist. 

Die Kiowas befanden sich in derselben Spannung wie wir. Jeder von ihnen wollte gern auch der Erste sein, 
und darum drangten sie nach vorn, so daB wir weiter und weiter vorgeschoben wurden. Das konnte 
dadurch, daB wir den Apachen zu nahe ruckten, fur uns gefahrlich werden, und so wilnschte ich sehr, daB 
ihr Angriff bald erfolgen moge. 

Dieser Wunsch wurde endlich, endlich erfullt. Es ertonte das erwahnte "Hiiiiiiiiiih! " in einem so schrillen, 
durchdringenden Tone, daB es mir durch Mark und Bein fuhr, und darauf folgte ein Geheul, welches so 
schrecklich klang, als ob es von tausend Teufeln ausgestoBen wilrde. Wir horten trotz der Weichheit des 
Erdbodens schnelle Schritte und Sprunge. Dann war plotzlich alles still. Einige Augenblicke regte sich 
nichts rundum. Man hatte, wie man sich auszudrilcken pflegt, eine Ameise laufen horen konnen. Dann 
horten wir Intschu tschuna das eine kurze Wort "Ko! " rufen. 

Dieses Wort bedeutet Feuer, also Feuer machen. Unsere Asche glilhte noch immer, und das dilrre Holz und 
Gezweig. welches dabei lag, brannte leicht. Die Apachen gehorchten dem Befehle schnell und warfen von 
dem Holze auf die glimmende Asche. Es dauerte nur wenige Sekunden, so loderte die Flamme neu empor, 
und die Umgebung des Feuers war erhellt. 

Intschu tschuna und Winnetou standen neben einander, und es bildete sich schnell ein Kreis von Kriegern 
um sie, als die Apachen zu ihrem Erstaunen sahen, daB wir fort waren. 

»Uff, uff, uff!« riefen sie verwundert. 

Winnetou zeigte schon jetzt, trotz seiner Jugend, die Umsicht, welche ich spater so oft an ihm bewundert 
habe. Er sagte sich, daB wir uns noch in der Nahe befinden milBten und die an dem Feuer stehenden, also 
beleuchteten Apachen im Nachteile seien, weil sie uns fur unsere Gewehre ein sicheres Zielen gestatteten. 
Darum riefer: 

»Tatischa, tatischa!« 

Dieses Wort heiBt, sich entfernen. Er setzte auch schon zum Sprunge an, doch ich kam ihm zuvor. Vier, 
filnf schnelle Schritte hatten mich an den Kreis gebracht. welcher ihn umgab. Rechts und links die mir im 
Wege stehenden Apachen auseinander werfend, drang ich hindurch, und Hawkens, Stone und Parker 
folgten mir auf dem FuBe. Eben als Winnetou sein lautes "Tatischa, tatischa!" gerufen hatte und sich zum 
Fortspringen umwendete, stand er vor mir und wir sahen uns einen Moment lang in die Gesichter. Seine 
Hand fuhr blitzschnell in den Gilrtel, um das Messer zu ziehen, da aber traf ihn schon mein Faustschlag 
gegen die Schlafe. Er wankte und brach auf die Erde nieder. Zugleich sah ich, daB Sam, Will und Dick 



seinen Vater gepackt hatten. 

Die Apachen heulten vor Wut auf; aber ihr Geheul war nicht zu horen, denn es wurde iibertont von dem 
schrecklichen Brilllen der Kiowas, welche sich nun auf sie warfen. 

Ich stand, da ich den Kreis der Apachen durchbrochen hatte, mitten in dem kampfenden und heulenden 
Knauel von Menschen, welche miteinander rangen. Zweihundert Kiowas gegen vielleicht funfzig Apachen, 
also vier gegen einen! Aber die braven Krieger Winnetous wehrten sich aus alien Kraften. Ich hatte 
zunachst alles aufzubieten, mehrere von ihnen von mir abzuhalten, und muBte mich darum, da ich mich in 
ihrer Mitte befand, wie ein Kreisel im Kreise drehen. Dabei gebrauchte ich nur meine Fauste, denn ich 
wollte keinen verwunden oder gar toten. Als ich noch vier oder funf niedergeschlagen hatte, bekam ich 
Luft, und zu gleicher Zeit wurde der allgemeine Widerstand schwacher Nacb funf Minuten seit unserm 
Angriffe war der Kampf zu Ende. Funf Minuten nur! Aber in einem solchen Falle bedeuten sie doch eine 
lange Zeit! 

Der Hauptling Intschu tschuna lag gefesselt am Boden, neben ihm Winnetou besinnungslos; er wurde auch 
gebunden. Es war kein einziger Apache entkommen, wohl meist deshalb, weil es diesen tapfern Leuten gar 
nicht in den Sinn gekommen war, ihre beiden Hauptlinge, welche sofort iiberwaltigt worden waren, zu 
verlassen und die Flucht zu ergreifen. Viele von ihnen waren verwundet, ebenso eine Anzahl der Kiowas, 
und leider gab es bei den letzteren auch drei und bei den Apachen funf Tote. Das hatte freilich nicht in 
unserer Absicht gelegen; aber der energische Widerstand der Apachen hatte die Kiowas veranlaBt, ihre 
Waffen nachdrucklicher, als wir es gewunscht hatten, zu gebrauchen. 

Die besiegten Feinde waren alle gefesselt. Dazu hatte es gar keines groBen Kunststuckes bedurft, denn da 
Vier, oder weil wir WeiBen uns doch auch mitrechnen muflten, fast Funf gegen Einen gestanden hatten, war 
es nur notig gewesen, daB drei Kiowas einen Apachen festhielten und der vierte oder filnfte ihn schnell 
fesselte. 

Die Leichen wurden auf die Seite geschafft, und da die verwundeten Kiowas Hilfe bei den Ihrigen fanden, 
so machten wir WeiBen uns daran, die verletzten Apachen zu untersuchen und zu verbinden. Wir bekamen 
dabei freilich nicht nur die finstersten Gesichter zu sehen, sondern fanden sogar bei Einigen Widerstand. 
Sie waren zu stolz, sich von ihren Gegnern einen Dienst erweisen zu lassen, und lieBen lieber ihre Wunden 
bluten. Ich filhlte mich dadurch nicht beunruhigt, da die Verletzungen dieser Leute nur leichte waren. 

Als wir diese Arbeit beendet hatten, fragten wir uns zunachst, wie die Gefangenen die Nacht hinbringen 
sollten. Ich wollte es ihnen so leicht wie moglich machen; da aber fuhr mich Tangua, der Hauptling der 



»Diese Hunde gehoren nicht euch, sondern uns, und ich allein habe zu bestimmen, was mit ihnen 
geschehen soll.« 



»Wir wurden sie aufbewahren. bis wir in unsere Dorfer zurilckkehren; aber da wir die Ihrigen ilberfallen 
wollen und bis dahin noch einen weiten Weg haben, so werden wir uns nicht lange mit ihnen schleppen. 
Sie kommen an den Marterpfahl.« 

»Alle?« 

»Alle!« 

»Das glaube ich nicht.« 



» Weil du vorhin im Irrtum gewesen bist.« 

»Als du sagtest, daB die Apachen euch gehorten. Das war falsch << 

»Das war richtig!« 

»Nein. Nach den Gesetzen des Westens gehort der Gefangene dem, der ihn zum Gefangenen gemacht hat. 
Nehmt euch also die Apachen, welche ihr ilberwunden habt; dagegen will ich gar nichts haben. Diejenigen 
aber, die wir ergriffen haben, gehoren uns.« 

»Uff, uff! Wie klug du redest. Da wollt ihr wohl auch Intschu tschuna und Winnetou behalten?« 

»Natilrlich!« 

»Und wenn ich sie euch nicht lasse?« 

»Du wirst sie uns lassen! « 

Er sprach in feindseligem Tone; ich antwortete ihm ruhig und bestimmt. Da zog er sein Messer, stieB es bis 
an das Heft in die Erde und sagte, indem seine Augen mich drohend anfunkelten: 

»Legt ihr nur eine Hand an einen einzigen Apachen, so werden eure Leiber sein wie diese Stelle hier, in 
welcher mein Messer steckt. Ich habe gesprochen. Howgh!« 

Das war sehr ernst gemeint; ich hatte ihm aber doch gezeigt, daB ich keine Lust hatte, mich einschuchtern 
zu lassen, wenn Sam Hawkens nicht so klug gewesen ware, mir einen warnenden Blick zuzuwerfen, 
welcher mich zur Ruhe und Vorsicht mahnte. Ich zog es also vor, zu schweigen. 

Die gefesselten Apachen lagen rund um das Feuer, und es ware am einfachsten gewesen, sie da liegen zu 
lassen, wo sie ohne Muhe bewacht werden konnten. Aber Tangua wollte mir zeigen, daB er sie wirklich als 
sein Eigentum betrachte und mit ihnen nach Belieben verfahren konne, darum gab er den Befehl, sie 
aufrecht an die nahestehenden Baume zu binden. 

Dies geschah, und zwar nicht in zarter Weise, wie man sich leicht denken kann. Die Kiowas verfahren 
dabei moglichst schonungslos und waren bemuht, den Gefesselten moglichst groBe Schmerzen zu bereiten. 
Keiner der Apachen verzog dabei eine Miene. Sie waren im Erdulden aller Qualen streng erzogen und 
getlbt. Am rohesten verfuhr man gegen die beiden Hauptlinge, deren Fesseln so test zusammengezogen 
wurden, daB das Blut aus dem angeschwollenen Fleische spritzen wollte. 

Es war ganz unmoglich, daB ein Gefangener nun aus eigener Anstrengung loskommen und entfliehen 
konnte, dennoch stellte Tangua Wachen rund um das Lager aus. 

Unser wieder angefachtes Feuer brannte, wie bereits erwahnt, am inneren Ende des sich nach dem Wasser 
ziehenden Grasstreifens. Wir lagerten uns um dasselbe und hatten die Absicht keinen Kiowa bei uns zu 
dulden, da dies die Befreiung Winnetous und seines Vaters entweder erschweren oder gar unmoglich 
machen muBte; aber es fiel ihnen auch gar nicht ein, zu uns zu kommen. Sie hatten sich gleich, als sie bei 
uns ankamen, nicht als freundlich erwiesen, und mein jetziger Wortwechsel mit ihrem Hauptlinge war nicht 
geeignet gewesen, ihre Gesinnungen zu andern. Die kalten, fast verachtlichen Blicke, welche sie uns 



zuwarfen. waren keiiieswegs "'-. ertrauenenveckend und wu muBten uns sagen, daB wir nur froh sein durften, 
wenn es uns gelingen sollte, mit ihnen ohne einen vorherigen ZusammenstoB auseinander zu kommen. 

Sie brannten fur sich in einer Entfernung von uns, weiter nach der Savanne hinaus, mehrere Feuer an, um 
welche sie sich lagerten. Dort sprachen sie miteinander nicht in dem zwischen WeiBen und Roten 
gebrauchlichen Idiom, sondern in der Sprache ihres Volkes. Wir sollten sie nicht verstehen, was wir auch 
als ein fur uns ungilnstiges Zeichen betrachten muBten. Sie hielten sich fur die Herren der Situation, und ihr 
Verhalten zu uns glich demjenigen eines Menagerielowen, der ein Htindchen bei sich duldet. 

Die Ausfuhrung unseres Vorhabens wurde dadurch erschwert, daB nur vier Personen davon wissen durften, 
iiamhch 

Sam Hawkens, Dick Stone, Will Parker und ich. Die Andern wollten und durften wir nicht in das 
Geheimnis ziehen, weil sie wahrscheinlich dagegen gewesen und die Ausfuhrung desselben hintertrieben 
oder gar den Kiowas Mitteilung davon gemacht hatten. Die lagen hier bei uns, und wir muBten hoffen, daB 
sie spater alle schlafen wurden. Deshalb und weil, wenn unser Vorhaben gelang, dann von einer Ruhe fur 
uns wohl keine Rede war, meinte Sam, daB es fur uns angezeigt sei, zu versuchen, ob wir jetzt ein wenig 
schlafen konnten. Wir legten uns also nieder, und ich war trotz der seelischen Aufregung, in welcher ich 
mich befand, so glucklich, bald einzuschlafen. Spater wurde ich von Sam geweckt. Damals verstand ich es 
noch nicht so wie spater, die Zeit nach dem Stande der Sterne zu bestimmen; aber es mochte kurz nach 
Mitternacht sein. Unsere Gefahrten schliefen und das Feuer war niedergebrannt. Die Kiowas unterhielten 
nur ein Feuer und hatten die andern ausgehen lassen. Wir konnten miteinander sprechen, was allerdings nur 
leise geschehen durfte. Parker und Stone waren auch wach. Sam flilsterte mir zu: 

»Es gilt vor alien Dingen, eine Wahl zu treffen, derm alle Vier diirfen wir nicht fort von hier. Es gentigen 
Zwei.« 

»Zu denen gehore natilrlich ich!« antwortete ich ihm in bestimmtem Tone. 

»Oho, nicht so eilig, bester Sir! - Die Sache ist lebensgefahrlich.« 

»Das weiB ich.« 

»Und Ihr wo lit Euer Leben wagen?« 

»Ja.« 

»Well\ Ihr seid eben ein braver Kerl, wenn ich mich nicht irre. Aber wir haben es mit noch einer andern 
Gefahr zu tun, nicht nur mit derjenigen, in welche wir unser Leben bringen.« 

» Welche meint Ihr?« 

»Es hangt das Gelingen unsres Vorhabens von den Personen ab, die es ausfuhren.« 

»Das ist richtig.« 

»Freut mich, daB Ihr dies zugebt, und darum denke ich, daB Ihr darauf verzichten werdet, selbst mitzutun.« 

»Fallt mir nicht ein! « 

»Seid verminftig, Sir! LaBt mich mit Dick Stone gehen!« 



»Ihr seid noch zu neu. Ihr versteht vom Anschleichen so gut wie noch gar nichts.« 

»Moglich. Heute aber werde ich Euch beweisen, daB man aucb etwas fertig briiigt. was man nicht versteht. 
Man muB nur Lust dazu haben.« 

»Und Geschick, Sir, Geschick! Und das habt Ihr eben nicht. Das muB erstens angeboren sein und dann 
geilbt werden. Die Uebung aber ist's, die Euch fehlt.« 

»Es kommt auf eine Probe an.« 

»Wollt Ihr eine machen?« 

»Ja.« 

»Welche?« 

»WiBt Ihr, ob der Hauptling Tangua schlaft?« 

»Nein.« 

»Und doch ist es fur uns wichtig, dies zu wissen, nicht wahr, Sam?« 

»Ja. Ich will mich nachher einmal hinschleichen.« 

»Nein; das werde ich tun.« 

»Ihr? - Warum?« 

»Eben um die Probe zu machen.« 

»Ah, so! Aber wenn man Euch entdeckt?« 

»So schadet es nichts, denn es gibt eine gute Ausrede. Ich habe mich ilberzeugen wollen, daB die Wachen 
ihre Schuldigkeit tun.« 

» Well, das geht. Aber wozu soil denn diese Probe dienen?« 

»Um mir Euer Vertrauen zu erwerben. Ich denke, wenn ich bestehe, so weigert Ihr Euch nicht, mich mit zu 
Winnetou zu nehmen.« 

»Hm! Daruber mtiBten wir dann noch reden.« 

»Meinetwegen! Also ich darf jetzt fort zum Hauptling?« 

»Ja. Aber nehmt Euch in acht! Wenn man Euch erwischt, so schopft man Verdacht, wenn :such nicht jetzt, 
so doch spater, wenn Winnetou fort ist. Man wird denken, daB Ihr ihn losgeschnitten habt.« 

»Und sich dabei in keinem sehr groBen Irrtum befinden.« 



»Nehmt ja jeden Baum und jeden Strauch zur Deckung, und Mtet Euch, eine Stelle zu beriihren, wohin der 
Schein des Feuers fallt. MuBt Euch stets im Dunkeln halten! « 

» Werde mich im Dunkeln halten, Sam! « 

»Hoffe es. Es sind noch wenigstens dreiBig Kiowas munter, wenn ich mich nicht irre, die Wachter gar nicht 
mitgerechnet. Wenn Ihr es fertig bringt, nicht bemerkt zu werden, so will ich Euch loben und bei mir 
denken, daB doch noch einmal, vielleicht nach zehn Jahren, ein Westmann aus Euch werden kann, obgleich 
Ihr trotz aller meiner guten Lehren jetzt noch ein Greenhorn seid, wie man es so schon griln und unerfahren 
in keinem Panoptikum zu sehen bekommt, hihihihi! « 

Ich schob das Messer und die Revolver, um sie nicht etwa unterwegs zu verlieren, so tief wie moglich in 
den Gurtel und kroch von dem Feuer fort. Heut, wo ich dieses erzahle, kenne ich die ganze 
Verantwortlichkeit welche ich damals so leicht auf mich nahm, die ganze Verwegenheit des Vorsatzes, den 
ich gefaBt hatte. Ich wollte namlich den Hauptling nicht beschleichen! 

Ich hatte Winnetou liebgewonnen und wollte ihm das beweisen, womoglich durch eine Tat, bei welcher ich 
mein Leben wagte. Dazu gab es jetzt die trefflichste Gelegenheit; ich konnte ihn befreien. Aber ich wollte 
das tun, ich selbst! Und nun kam mir Sam mit seinen Bedenken dazwischen! Er wollte das, worauf ich 
mich so freute, mit Dick Stone ausfuhren. Selbst wenn ich jetzt den Hauptling ganz glucklich beschlich, 
war anzunehmen, daB Sam seine Bedenken doch nicht fallen lassen werde. Darum war ich auf den 
Gedanken gekommen, gar nicht erst darum zu betteln und mir Muhe zu geben, ihn meinem Wunsche 
geneigt zu machen. Nein, ich wollte nicht hin zum Hauptling, sondern zu Winnetou! 

Dabei setzte ich nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Gefahrten aufs Spiel Wenn ich bei der 
Ausfuhrung meines Vorhabens erwischt wurde, war es um mich und um sie geschehen. Das wuBte ich 
damals zwar auch, ging aber in jugendlichem Tatendrange leicht darilber hinweg. 

Vom Anschleichen hatte ich oft gelesen und seit ich mich im wilden Westen befand, auch oft genug gehort. 
Besonders Sam hatte mir oft gesagt und es mir auch oft gezeigt, wie es zu machen sei. Ich hatte es ihm 
nachgemacht; aber von der Fertigkeit, die ich heute eigentlich brauchte, war keine Rede. Das hinderte mich 
aber keineswegs, test an mich und an das Gelingen meiner Absicht zu glauben. 

Ich lag im Grase und schob mich fort, in die Bilsche hinein. Von unserm Lager bis dahin, wo Intschu 
tschuna und Winnetou nebeneinander an je einen Baum gebunden waren, war es ungefahr funfzig Schritte 
weit. Ich hatte mich eigentlich so fortschieben sollen, daB nur meine Finger- und die Stiefelspitzen den 
Boden beruhrten; dazu gehort aber eine Kraft und Ausdauer in den Zehen und Fingern, die man sich nur 
durch lange Uebung aneignen kann; ich besaB sie noch nicht. Darum schob ich mich auf den Knieen und 
Vorderarmen nach Art eines vierftiBigen Tieres fort. Ehe ich die Hande an eine Stelle setzte, betastete ich 
sie erst, ob vielleicht ein Stuck dilrres Holz daliege, welches durch den Druck meines Korpers zerknickt 
werden und dadurch ein Gerausch verursachen konne. MuBte ich zwischen oder unter Zweigen durch, so 
flocht ich sie vorher sorgfaltig zusammen, so daB sie mir, ohne daB ich sie beruhrte, dann DurchlaB boten. 
Das ging langsam, sehr, sehr langsam, aber ich kam duel) \ on\ arts 

Die Apachen waren zu beiden Seiten des offenen Grasstreifens an die Baume gebunden worden. Die 
beiden Hauptlinge befanden sich, von unsem [unserm] Lagerplatze aus gerechnet, auf der linken Seite. Ihre 
Baume standen am Rande des Streifens, und ungefahr vier oder fiinf Schritte vor ihnen saB, mit dem 
Gesichte ihnen zugekehrt, ein Indianer, der sie, weil ihre Personen von solcher Wichtigkeit waren, speziell 
zu bewachen hatte. Dieser Umstand muBte mir mein Werk erschweren, wohl gar unmoglich machen, doch 
hatte ich mir zurecht gelegt, auf welche Weise ich seine Aufmerksamkeit ablenken wollte, wenigstens fur 
kurze Zeit. Es gehorten hierzu Steine, die es aber leider hier nicht zu geben schien. 

Ich hatte vielleicht die Halfte meines Weges zurilckgelegt und dazu ilber eine halbe Stunde gebraucht; man 
denke, in einer halben Stunde funfundzwanzig Schritte! Da sah ich mir zur Seite etwas Helles schimmern. 



Ich kroch hin und bemerkte zu meiner groBen Freude eine kleine, vielleicht zwei Ellen im 

Durchmesser haltende Bodenvertiefung. welche nut Sand angefullt war Wenn der Regen ejnmal das kleine 
FlilBchen und den Teich angefullt hatte, so war das Wasser iibergelaufen, nach dieser Seite abgeflossen und 
hatte diesen Sand hier angeschwemmt. Ich fullte schnell eine Tasche damit und kroch dann weiter. 

Nach wieder einer guten halben Stunde befand ich mich endlich hinter Winnetou und seinem Vater, 
vielleicht vier Schritte von ihnen entfernt. Die Baume, an welchen sie, mit den Rilcken mir zugekehrt, 
gebunden lehnten, waren nicht ganz mannesstark. Ich hatte mich nicht vollends nahern konnen, wenn nicht 
glucklicherweise am FuBe dieser Baume einiges belaubte Gezweig gestanden hatte, welches mir 
hinlanglich erschien, mich dem Wachter zu verbergen. Zu erwahnen ist, daB mehrere Schritte seitwarts 
hinter diesem ein stacheliger Strauch stand, auf den ich es abgesehen hatte. 

Ich schob mich zuerst bis hinter Winnetou hinan und blieb da einige Minuten still liegen, um den Wachter 
zu beobachten. Er schien mtide zu sein, denn er hielt die Augen geschlossen und offnete sie dann und wann 
in einer Weise, als ob ihm dies Anstrengung koste. Das war mir lieb. 

Zunachst gait es zu erfahren, in welcher Weise Winnetou gefesselt war. Ich langte also vorsichtig um den 
Stamm hinum und betastete seinen FuB und Unterschenkel. Das muBte er naturlich fuhlen und ich hatte 
befurchtet daB er erne Bev\ - gung machen werde, durch welche ich verraten werden konnte; dies geschah 
aber nicht; er war zu klug und zu geistesgegenwartig dazu. Ich land, daB ihm die FuBe an den Knocheln 
zusammengebunden waren, und auBerdem hatte man um sie und den Baum einen Riemen gezogen; es 
waren hier also zwei Messerschnitte notwendig 

Dann blickte ich nach oben. Beim flackernden Feuerscheine sah ich, daB man seine Hande riickwarts von 
rechts und links um den Baum gezogen und dort hinter demselben mit einem Riemen zusammengebunden 
hatte. Da brauchte ich nur einen Schnitt zu tun. 

Jetzt nun fiel mir ein Umstand ein, an den ich vorher nicht gedacht hatte. Wenn ich Winnetou losschnitt, so 
stand nach meinem Dafurhalten zu erwarten, daB er augenblicklich die Flucht ergreifen werde. Das muBte 
mich in die groBte Gefahr bringen. Ich sann hin und her, wie dies vermieden werden konne, land aber 
keinen Ausweg; ich muBte es eben riskieren und, falls der Apache sofort entsprang, mich ebenso schnell 

Wie irrte ich mich da in Winnetou! Ich kannte ihn eben nicht. Als wir spater ilber seine Befreiung sprachen, 
teilte er mir seine Gedanken mit, die er dabei gehabt hatte. Er hatte, als er meine tastende Hand fuhlte, 
geglaubt, es sei ein Apache. Zwar waren alle, welche er bei sich hatte, gefangen; aber es war doch moglich, 
daB irgend ein Spaher oder Bote ihnen, ohne daB sie davon wuBten, gefolgt war, um ihnen von ihrem 
Haupttruppe eine Nachricht zu bringen. Er war sofort seiner Befreiung sicher gewesen und hatte auf die 
erlosenden Messerschnitte gewartet. Aber er hatte seine Stellung am Baume ganz gewiB nicht gleich 
verandert, sondern sie einstweilen noch beibehalten, denn er ware auf keinen Fall ohne seinen Vater 
entflohen und wollte auch den, welcher ihn befreite, nicht durch ein augenblickliches Entspringen in 
Gefahr bringen. 

Ich durchschnitt zunachst die beiden unteren Riemen. Den oberen konnte ich in meiner liegenden Stellung 
nicht erreichen. Und selbst wenn ich ihn hatte erlangen konnen, so war doch Behutsamkeit geboten, um 
Winnetou nicht in die Hande zu schneiden. Ich muBte also aufstehen. Da aber war es beinahe sicher, daB 
mich der Wachter sehen muBte. Um seine Aufmerksamkeit abzulenken, hatte ich den Sand mitgebracht; 
kleine Steine waren mir freilich lieber gewesen. Ich griff in die Tasche, nahm eine Wenigkeit davon heraus 
und warf sie an Winnetou und dem Wachter vorbei, auf den Stachelstrauch. Das verursachte ein Rascheln. 
Der Rote wendete sich um und sah nach dem Strauche, beruhigte sich aber bald wieder. Ein zweiter Wurf 
erregte sein Bedenken. Es konnte ein giftiges Reptil im Strauche verborgen sein. Er stand auf, ging hin und 
betrachtete ihn forschend. Dabei kehrte er uns den Rilcken zu. Schnell war ich auf und durchschnitt die 
Riemen. Dabei fiel mir das herrliche Haar Winnetous in die Augen, welches auf dem Kopfe einen 



helmartigen Schopf bildete und dann noch schwer und lang auf den Riicken niederfiel. Mit der linken Hand 
eine dilnne Strahne desselben fassend, schnitt ich sie mit der Rechten ab und lieB mich dann wieder zu 
Boden sinken. 

Warum ich das tat? Um notigenfalls einen Beweis in den Handen zu haben, daB ich es war, der ihn 
losgeschnitten hatte. 

Zu meiner Freude machte Winnetou nicht die geringste Bewegung; er stand genau so wie vorher da. Ich 
wickelte das Haar um die Finger zu einem Ring zusammen und steckte es ein. Dann kroch ich zu Intschu 
tschuna hinuber, dessen Fesseln ich auf ganz dieselbe Weise untersuchte. Er war genau so gebunden und an 
den Baum befestigt wie Winnetou und blieb auch so unbeweglich, als er die Beruhrung meiner Hand 
fuhlte. Ich schnitt auch ihn erst unten los. Dann gelang es mir, auf ganz gleiche Weise die Aufmerksamkeit 
des Wachters wieder abzulenken, so daB ich auch die Hande des Hauptlings von dem Riemen befreien 
konnte. Er war grad so bedachtig wie sein Sohn und rilhrte sich nicht. 

Da kam mir der Gedanke, daB es besser sei, die zu Boden gefallenen Riemen nicht finden zu lassen. Die 
Kiowas brauchten gar nicht zu wissen, auf welche Weise die Gefangenen frei geworden waren. Fanden sie 
hingegen die Riemen, so sahen sie, daB dieselben durchschnitten worden waren, und dann muBte sich ihr 
Verdacht auf uns richten. Ich nahm also erst hilben bei Intschu tschuna die Riemen weg und huschte dann 
wieder hinuber zu Winnetou, um dort dasselbe zu tun, steckte sie ein und machte mich dann auf den 
Ruckweg 

Wenn die beiden Hauptlinge verschwanden, so machte der Wachter augenblicklich Alarm, und dann durfte 
ich mich nicht mehr in der Nahe befinden. Ich muBte mich beeilen. Darum kroch ich zunachst tiefer in das 
Gebilsch hinein, bis ich, falls ich mich aufrichtete, nicht gesehen werden konnte, stand dann auf und schlich 
mich nun, zwar auch vorsichtig, aber bedeutend schneller als vorher, nach unserm Lagerplatze zurilck. Erst 
als ich in der Nahe desselben angekommen war, legte ich mich wieder nieder, um den kleinen Rest des 
Weges kriechend zu machen. 

Meine drei Gefahrten hatten groBe Sorge um mich gehabt. 

[Tafel Nr. 4: "Bd. VII. Ich durchschnitt zuerst die unteren Riemen. (Zu S. 206.)"] 

Als ich bei ihnen angekommen war und wieder zwischen ihnen lag, flusterte mir Sam zu: 

»Wir hatten beinahe Angst, Sir! Wiflt Ihr, wie lange Ihr fort gewesen seid?« 

»Nun?« 

»Beinahe zwei Stunden.« 

»Das stimmt. Eine halbe Stunde hin, eine halbe her und eine ganze dort geblieben.« 

» Warum muBtet Ihr so lange dort bleiben?« 

»Um ganz genau zu erfahren, ob der Hauptling schlaft.« 

»Wie habt Ihr das derm angefangen?« 

»Ich habe so lange nach ihm hingeschaut, und als er sich dann immer noch nicht bewegte, so konnte ich 
ilberzeugt sein, daB er schlaft.« 



»So, ach, schon! Habt ihr's gehort, Dick und Will? Um zu erfahren, ob der Hauptling munter ist oder 
schlaft, hat er ihn eine ganze Stunde lang angestarrt, hihihihi! Er ist und bleibt ein Greenhorn, ein 
unverbesserliches Greenhorn! Habt Ihr denn gar kein Hirn im Kopfe, daB Euch kein besseres Mittel 
eingefallen ist? Ihr habt doch jedenfalls unterwegs genug kleine Holz- oder Rindenstiicke gefunden? - 
Nicht?« 

» Ja,« antwortete ich, da die letzten Worte wieder an mich gerichtet waren. 

»So brauchtet Ihr nur, wenn Ihr nahe genug gekommen waret, so ein Holzstuckchen oder ein kleines 
biBchen Erde nach dem Hauptlinge zu werfen. Ware er wach gewesen, so hatte er sich sicher 
augenblicklich bewegt. Na, Ihr habt freilich auch geworfen, wenn ich mich nicht irre, namlich Blick auf 
Blick, eine ganze Stunde lang hihihihi ! « 

»Mag sein; aber meine Probe habe ich doch bestanden!« 

Wahrend ich sprach, richtete ich meine Augen mit Spannung auf die beiden Apachen. Ich wunderte mich, 
daB sie noch immer so an den Baumen standen, als ob sie gefesselt waren. Sie konnten schon fort sein. Der 
Grund war ein sehr einfacher. Winnetou hatte angenommen, daB ich ihn zuerst abgeschnitten hatte und 
dann zu seinem Vater geschlichen sei, und erwartete nun ein Zeichen von mir. Dasselbe war auch mit 
seinem Vater der Fall, nur umgekehrt. Intschu tschuna glaubte ich hatte noch mit Winnetou zu tun. Als 
dann gar kein Zeichen meinerseits erfolgte, wartete Winnetou einen Augenbhck ab, an welchem der 
Wachter die mtiden Augen wieder einmal geschlossen hatte, und bewegte dann den Arm, um seinem Vater 
zu zeigen, daB er nicht mehr gefesselt sei; der Hauptling gab ihm dasselbe Zeichen zurilck; sie wuBten nun, 
woran sie waren, und verschwanden augenblicklich von ihren Platzen. 

» Ja, Eure Probe habt Ihr bestanden,« gab Sam Hawkens zu. »Ihr habt den Hauptling eine ganze Stunde lang 
beobachtet, ohne daB Ihr dabei erwischt worden seid.« 

»Folglich werdet Ihr mir nun zutrauen, daB ich auch mit zu Winnetou kann, ohne daB ich Dummheiten 

niache « 

»Hm! Glaubt Ihr, daB Ihr die beiden Hauptlinge dadurch befreien konnt, daB Ihr sie auch eine voll 
geschlagene Stunde mit Euern Blicken bombardiert?« 

»Nein. Wir schneiden sie los.« 

»Das sagt Ihr, als ob es so leicht ware, wie man einen Ast vom Busche schneidet. Seht Ihr nicht, daB ein 
Wachter bei ihnen sitzt?« 

»Das sehe ich sehr wohl.« 

»Der macht es grad so wie Ihr; er kanoniert sie auch mit seinen Blicken. Sie trotz dieser 
seiner Wachsamkeit loszumachen, dazu seid Ihr noch nicht fertig genug. Es ist so schwer, 
daB ich nicht einmal weiB, ob es mir gelingen wird. Seht nur einmal hin, Sir! Schon das 
Anschleichen bis dorthin ist ein wahres Meisterstiick, und wenn man dann gliicklich bei 
ihnen angekommen ist, dann good lackl Was ist derm das?« 

Er hatte seine Augen auf die Apachen gerichtet gehabt und hielt mitten in seiner Rede inne, weil sie eben 
jetzt von ihren Baumen verschwanden. Ich tat, als ob ich das nicht gesehen hatte, und fragte: 

»Was ist los? Warum sprecht Ihr nicht weiter?« 



» Warum? Weil - - weil 1st es denn richtig oder tausche ich mich?« 

Er rieb sich die Augen und fuhr dann fort: 

»Ja, bei Gott, es ist richtig! Dick, Will, schaut doch einmal hin, ob ihr Winnetou und Intschu tschuna noch 
seht!« 

Sie wendeten sich nach der betreffenden Seite und wollten eben ihrem Erstaunen Ausdruck geben, als der 
Wachter, der die ihm Anvertrauten jetzt auch vermiBte, aufsprang, die beiden verlassenen Baume einige 
Augenblicke lang anstarrte und dann einen lauten, durchdringenden Schrei ausstieB. Dieser weckte 
samtliche Schlafer. Der Wachter schrie ihnen das Geschehene in seiner Sprache, die ich nicht verstand, zu, 
und nun gab es einen Tumult, welcher ganz unbeschreiblich war. 

Alles rannte nach den Baumen, die WeiBen auch alle. Ich folgte ihnen, denn ich muBte so tun, als ob ich 
gar nichts wisse. Dabei zog ich die Tasche heraus, kehrte sie um und lieB den Sand zu Boden fallen. 

Schade, daB ich nur Winnetou und Intschu tschuna hatte losmachen konnen! Wie gern hatte ich noch 
mehrere, am liebsten alle befreit, aber es hatte an Verrucktheit gegrenzt, dies auch nur zu versuchen. 

Zweihundert und noch mehr Menschen umdrangten die beiden Stellen, an denen die Entflohenen noch vor 
wenigen Augenblicken gestanden hatten. Dabei gab es ein Geschrei oder ein Wutgeheul, welches mir sehr 
deutlich sagte, was meiner wartete, falls die Wahrheit an den Tag kommen sollte. Endlich gebot Tangua 
Ruhe und erteilte seine Befehle, auf welche wenigstens die Halfte seiner Leute forteilte, um sich drauBen 
auf der Savanne zu zerstreuen und trotz der Dunkelheit nach den Entflohenen zu suchen. Der Hauptling 
schaumte formlich vor Wut. Er schlug dem unaufmerksamen Wachter mit der Faust in das Gesicht und riB 
ihm den Medizinbeutel vom Halse, um denselben unter die FilBe zu treten. Damit war der arme Teufel fur 
ehrlos erklart. 

Man darf namlich nicht etwa auf Grund des Wortes Medizin annehmen, daB es sich dabei 
um ein Arznei- oder Heilmittel handle. Das Wort Medizin ist bei den Indianern erst nach 
dem Auftreten der WeiBen in Gebrauch gekommen. Die Heilmittel der Bleichgesichter 
waren ihnen unbekannt, und sie hielten die Wirkungen derselben fur die Folgen eines 
Zaubers, eines mit dem Uebersinnlichen in Verbindung stehenden Geheimnisses. 
Seitdem bezeichnen sie alles, was sie fur Zauberei halten oder was ihnen nicht erklarlich 
ist, was sie fur die Folgen eines hoheren Einflusses, einer hoheren Eingebung halten, mit 
dem Worte Medizin. Naturlich hat jeder Stamm auch einen eigenen, seiner Sprache 
angehorigen Ausdruck dafur. So heiBt Medizin in der Sprache der Mandans Hopenesch, der 
Tuskaroras Yiiiiiijiih qncht der SchwarzfuBe Xehtmva der Sioux Wehkon und der Riccarehs Wchrootih 

Jeder erwachsene Mann, jeder Krieger hat eine Medizin. Der Jungling, welcher unter die Manner, die 
Krieger aufgenommen werden will, verschwindet plotzlich und sucht die Einsamkeit auf. Dort fastet und 
hungert er und versagt sich sogar den GenuB des Wassers. Er denkt ilber seine Hoffnungen, Wilnsche und 
Plane nach. Die Anstrengung des Geistes, verbunden mit solchen korperlichen Entbehrungen, versetzt ihn 
in einen fieberhaften Zustand, in welchem er den Schein von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden 
weiB. Er glaubt, hohere Eingebungen zu empfangen; der Traum ist ihm dann eine uberirdische 
Offenbarung. Hat er dieses Stadium erreicht, so wartet er auf den ersten Gegenstand, der ihm vom Traume 
oder sonstwie vorgegaukelt wird, und dieser ist ihm dann furs ganze Leben heilig, ist seine "Medizin". 
Sollte dieser Gegenstand zum Beispiele eine Fledermaus sein, so ruht er nicht, bis er eine solche fangt. Ist 
ihm dies gelungen, so kehrt er mit ihr zum Stamme zurtick und ilbergibt sie dem Medizinmanne, dem 
Zauberer, welcher sie zu praparieren hat. Sie findet ihren Platz in dem verschieden-, jedoch stets eigenartig 
ausgestatteten Medizinbeutel, welcher stets getragen werden muB, und ist das kostbarste Eigentum eines 
jeden Indianers. Medizin verloren, Ehre verloren. So ein Unglilcklicher kann sich nur dadurch 



rehabilitieren, daB er einen beriihmten Feind totet und dann dessen Medizm vorzeigt; sie w ird die seinige. 

Man kann also denken, welche Strafe es fur den Wachter war, daB ihm seine Medizin entrissen und 
zertreten wurde. Er sagte kein Wort der Entschuldigung oder des Zornes, schulterte sein Gewehr und 
verschwand zwischen den Baumen. Er war von heut an fur seinen Stamm tot und konnte nur in dem oben 
angegebenen Falle wieder aufgenominen werden. 

Die Wut des Hauptlings richtete sich nicht nur gegen diesen Schuldigen, sondern auch gegen mich. Er kam 
auf mich zu und schrie mich an: 

»Du wolltest diese zwei Hunde fur dich haben. Lauf ihnen doch nach und fange sie wieder ein!« 

Ich wollte mich von linn abwenden. olnie zu antworten. da ergriff er michbeim Arme und rief: 

»Hast du gehort, was ich dir befohlen habe? Verfolgen sollst du sie!« 

Ich schuttelte ihn von mir ab und antwortete: 

»Befohlen? Hast du mir zu befehlen?« 

»Ja, denn ich bin der Hauptling dieses Lagers, und ihr habt mir zu gehorchen!« 

Da zog ich die Sardinenbuchse aus der Tasche und sagte: 

»Soll ich dir die richtige Antwort geben, indem ich dich mit alien deinen Kriegern in die Luft sprenge? 
Sprich noch ein Wort, was mir nicht gefallt, und ich vertilge euch alle mit dieser Medizin! « 

Ich war neugierig, ob dieses Possenspiel die beabsichtigte Wirkung hen oibiingen werde. Ja, und wie! Er 
wich weit zurilck und schrie: 

»Uff, uff! Behalte diese Medizin fur dich, und sei ein Hund, wie jeder Apache einer ist!« 

Das war eine Beleidigung, die ich wohl nicht so ruhig hingenommen hatte, wenn es nicht klug gewesen 
ware, auf seine Aufregung und die Ueberzahl seiner Leute Rticksicht zu nehmen. Wir WeiBen kehrten nach 
unserer Lagerstelle zurilck, wo das Ereignis natilrlich von alien Seiten beleuchtet wurde, ohne daB einer die 
gewiinschte Erklarung land. Ich schwieg nicht nur gegen die Andern, sondern auch gegen Sam, Dick und 
Will. Es machte mir heimlich SpaB, die Erklarung dieses plotzlichen Verschwindens der Gefangenen in den 
Handen zu haben, wahrend sie so eifrig und doch vergeblich danach suchten. Die Haarlocke Winnetous 
habe ich auf alien meinen Wanderungen durch den Westen bei mir getragen und besitze sie heute noch. - 



Viertes Kapitel. 



Zweimal um das Leben gekampft. 

Das Verhalten der Kiowas lieB uns, obgleich wir sie nicht als ausgesprochene Feinde betrachten konnten, 
fur unsere Sicherheit besorgt sein. Darum wurde, als wir uns wieder schlafen legten, bestimmt, daB wir, 
einander stundlich abwechselnd, bis zum Morgen wachen wollten. Dies geschah, und die Roten bemerkten 
natilrlich, daB wir diese VorsichtsmaBregel getroffen hatten; es verstand sich ganz von selbst, daB sie uns 
das ilbel nahmen und nun noch weniger Freundschaft fur uns fiihlten als vorher. 



Als der Tag anbrach, weckte uns unser Wachter. Wir sahen, daft die ECim I j < li liui iren nach den 
Spuren der entflohenen Hauptlinge zu suchen, die sie in der Nacht nicht hatten finden konnen. Sie trafen 
auf die Fahrte und folgten ihr; sie fiihrte nach der Stelle, an welcher die Apachen vor dem Ueberfalle ihre 
Pferde zuruckgelassen batten, naturhch unter der Beaufsichtigung einiger Wachter. Intschu tschuna und 
Winnetou waren mit diesen Wachtern fortgeritten und hatten keines der Pferde mitgenommen, sondern sie 
alle stehen lassen. Als wir dies erfuhren, machte Sam Hawkens eines seiner listigen Gesichter und fragte 

»Konnt Ihr Euch vielleicht denken Sir. weshalb die beiden Hauptlinge dies getan haben?« 

»Ja. Es ist gar nicht schwer, es zu erraten.« 

»Oho, Sir! So ein Greenhorn, wie Ihr seid, darf sich ja nicht einbilden, aus reinem Zufalle gleich auf den 
richtigen 

Gedanken zu kommen. Es gehort Erfahrung dazu, meine Frage zu beantworten.« 

»Die habe ichja!« 

»Ihr? Erfahrung? Mochte wissen, woher die Euch kommen sollte! Wollt Ihr mir das vielleicht sagen?« 

»Warum nicht? Die Erfahrung, welche ich meine, habe ich aus Buchern geschopft.« 

» Wieder Eure Bilcher! Es mag Euch einmal gliicken etwas gelesen zu haben, was Euch hier Nutzen bringt, 
aber da dilrft Ihr doch nicht gleich denken, daB Ihr die Gescheitheit nur so mit Loffeln gegessen habt. Ich 
werde Euch gleich beweisen, daB Ihr nichts, aber auch gar nichts wiBt. Also, warum haben die beiden 
entflohenen Hauptlinge nur ihre eigenen Pferde mitgenommen, aber diejenigen der Gefangenen 
dagelassen?« 

»Eben um dieser Gefangenen willen « 

»Ah! Wieso?« 

»Weil diese ihre Pferde noch sehr notwendig brauchen werden.« 

»Meint Ihr? Inwiefern konnen denn Gefangene Pferde brauchen?« 

Ich fuhlte mich durch seine Fragen nicht etwa in meinem Ehrgefuhle verletzt; es war nun einmal so seine 
Weise. Darum antwortete ich: 

»Es kann zweierlei geschehen. Entweder kehren die beiden Hauptlinge bald mit einer genilgenden 
Apachenschar zurilck, um die Gefangenen zu befreien. Warum sollen sie da die Pferde erst mitnehmen und 
dann wieder mitbringen? Oder die Kiowas warten die Ankunft der Apachen nicht ab und verlassen mit 
ihren Gefangenen diese Gegend. Dann ist den letzteren ihre Lage dadurch erleichtert, daB sie reiten konnen. 
Ihr Transport verursacht da weniger Schwierigkeiten, und es ist zu hoffen, daB sie nach den Dorfern der 
Kiowas geschafft werden und unterwegs befreit werden konnen. Hatten sie aber keine Pferde, so daB sie 
laufen milBten, so konnten die Kiowa.:; leicht auf den Gedanken kommen, den schwierigen und 
langweiligen Transport dadurch zu umgehen, daB sie sie hier und jetzt gleich umbringen.« 

»Hm! Das ist wirklich gar nicht so dumm gedacht, wie man aus Eurem Gesichte schlieBen konnte. Aber Ihr 
habt einen dritten Fall vergessen. Es ist namlich mdglich, daB die Kiowas ihre Gefangenen trotz der Pferde 



»Nein; das ist nicht moghch « 

»Nicht? Sir, wie kommt Ihr denn auf die Idee, etwas fur unmoglich zu erklaren, was Sam Hawkens fur 
leicht moglich halt?« 

» Weil dieser Sam Hawkens vergessen zu haben scheint, daB ich hier bin.« 

»Ah, Ihr seid hier? Ist das wahr? Ihr haltet Eure hochverehrte Gegenwart wohl fur ein ganz 
auflerordentliches oder sogar welterschiltterndes Ereignis?« 

»Nein. Ich wollte nur sagen, daB die Gefangenen, so lange ich da bin und ein Glied fur sie rilhren kann, 
nicht ermordet werden.« 

»Wirklich? Was Ihr doch fur ein hochbedeutender Kerl seid, hihihihi! Die Kiowas sind zweihundert Mann 
stark, und Ihr, der einzelne Mensch, das Greenhorn, will sie hindern, zu tun, was ihnen beliebt! « 

»Ich werde hoffentlich nicht einzeln dastehen « 

»Nicht? Auf wen rechnet Ihr denn noch?« 

» Auf Euch, Sam, und auch auf Dick Stone und Will Parker! Ich hege das teste Vertrauen zu euch, daB ihr 
euch so einem Massenmorde ernstlich widersetzen wilrdet.« 

»So! Also Vertrauen habt Ihr doch zu uns! Bin Euch sehr dankbar dafiir, denn es ist wirklich kein SpaB, das 
Vertrauen eines solchen Marines, wie Ihr seid, zu besitzen. Ich bilde mir naturlich auBerordentlich viel 
darauf ein, wenn ich mich nicht me ' « 

»Hort, Sam, ich spreche im Ernste und habe gar nicht die Absicht, diese Angelegenheit in das Scherzhafte 
zu ziehen. Wenn es sich um so viele Menschenleben handelt, da hat der SpaB einfach aufzuhoren! « 

Da blitzte er mich aus seinen kleinen Aeuglein ironisch listig an und sagte: 

»Thunder-storm\ Es ist Euch also wirklich Ernst? Ja, dann muB ich freilich ein ganz anderes Gesicht dazu 
machen. 

Aber wie denkt Ihr Euch denn eigentlich die Sache, Sir? Auf die Andern konnen wir nicht rechnen; wir 
sind also nur vier Personen, welche unter Umstanden mit zweihundert Kiowas anbinden wollen. Meint Ihr 
denn, daB dies ein gutes Ende fur uns nehmen konnte?« 

»Nach dem Ende frage ich nicht. Ich dulde nicht, daB in meiner Gegenwart ein solcher Mord geschieht.« 

»Dann wird er trotzdem geschehen, doch mit dem Unterschiede, daB Ihr auch mit ausgeloscht werdet. Oder 
wollt Ihr Euch auf Euern neuen Namen Old Shatterhand verlassen? Meint Ihr, daB Ihr zweihundert rote 
Krieger mit Euern Fausten niederschlagen kdnnt?« 

»Unsinn! Ich habe mir diesen Namen nicht gegeben und weiB genau, daB wir Vier nicht gegen die 
Zweihundert aufkommen konnten. Aber ist denn die Anwendung von Gewalt durchaus notwendig? List ist 
da oft besser.« 

»So? Das habt Ihr wohl gelesen?« 



»Richtig! Ihr seid dadurch aber auch ein furchtbar gescheiter Kerl geworden. Ich mochte Euch wirklich 
gern einmal listig sehen. Was wtlrdet Ihr derm ungefahr fur Gesichter dabei machen? Ich sage Euch, daB 
hier mit aller Eurer List nichts zu erreichen ist. Die Roten werden machen, was sie wollen, und sich gar 
nicht darum kummern ob wir drohende oder listige Mienen dazu schneiden.« 

»Gut! Ich sehe, daB ich mich nicht auf Euch verlassen kami. und werde also, wenn man mich dazu zwingt. 
allein handeln.« 

»Um Gottes willen, macht keine Dummheiten, Sir! Ihr habt gar nichts allein zu machen, sondern Euch in 
allem, was Ihr tut, nach uns zu richten. Ich habe ja gar nicht sagen wollen, daB ich mich der Apachen, falls 
ihnen Gefahr drohen sollte, nicht annehmen will, aber es ist nie meine Art gewesen, mit dem Kopfe dicke 
Mauern einzurennen. Ich sage Euch, die Mauern sind stets harter als die Kopfe. « 

»Und ich habe ebensowenig sagen wollen, daB ich Unmogliches machen will. Jetzt wissen wir noch gar 
nicht, wie die Kiowas ilber ihre Gefangenen bestimmt haben, und brauchen uns also noch nicht mit Sorgen 
zu qualen. Sollten wir aber spater zum Handeln gezwungen sein, so wird sich jedenfalls dann die beste Art 
und Weise dazu finden.« 

»Moglich; aber darauf darf sich ein vorsichtiger Mann nicht verlassen. Was sich finden konnte, das geht 
mich gar nichts an. Wir haben mit einer ganz bestimmten Frage zu rechnen, und diese lautet: Was tun wir, 
falls die Apachen getotet werden sollen?« 

» Wir geben es nicht zu.« 

»Das ist nichts gesagt, gar nichts gesagt. Nicht zugeben! Drtickt Euch deutlicher aus!« 

» Wir erheben Einspruch dagegen.« 

»Das wird keinen Erfolg haben.« 

»So zwinge ich den Hauptling, sich nach meinem Willen zu richten.« 

»Wie wollt Ihr das anfangen?« 

»Ich werde mich, falls es gar nicht anders geht, seiner Person bemachtigen und ihm das Messer auf die 
Brust setzen.« 

»Und ihn erstechen?« 

»Wenn er mir nicht gehorcht, ja.« 

ft All devils, seid Ihr ein rabiater Mensch!« rief er erschrocken aus. »So etwas ist Euch wirklich zuzutrauen! 
[?]« 

»Ich versichere Euch, daB ich es tun werde! « 

»Das ist - - das ist « Er hielt inne; seine erst erschrockene und dann besorgte Miene nahm nach und 

nach einen andern Ausdruck an, und endlich fuhr er fort: »Hort, dieser Gedanke ist gar nicht so ilbel. Dem 
Hauptlinge das Messer an die Kehle legen, das ist in diesem Falle wohl die einzige Art und Weise, ihn zu 
zwingen, das zu tun, was wir wollen. Es isl wirklich wahr, daB ein Greenhorn auch einmal eine kleine, 
sogenannte Idee haben kann. Die wollen wir festhalten « 



Er wollte weiter sprechen, aber da trat Bancroft zu uns und forderte mich auf, an die Arbeit zu gehen. Der 
Ingenieur hatte recht. Wir durften keine Stunde versaumen, urn mit unserm Pensum womoglich noch fertig 
zu werden, ehe Intschu tschuna und Winnetou mit ihren Kriegern eintreffen konnten. 

\ h varen hi Mittag in unausgesetztej ng i r-.tJfi I .tiJ eii It I hi ,i l H i \kens zumir und sagte: 

»Ich mufl Euch leider storen, Sir, derm die Kiowas scheinen mit ihren Gefangenen etwas los zu haben.« 

»Etwas? Das ist sehr unbestimmt. WiBt Ihr derm nicht, was?« 

»Kann es vermuten, wenn ich mich nicht irre. Sie scheinen sie an dem Marterpfahle sterben lassen zu 

»Wann? Spater oder bald?« 

»Natilrlich bald; sonst ware ich nicht jetzt zu Euch gekommen. Sie haben Vorbereitungen getroffen, aus 
denen ich schlieBe, daB die Apachen gemartert werden sollen. Und zwar scheinen sie die Absicht zu haben, 
damit sehr bald zu beginnen.« 

»Das wollen wir uns verbitten! Wo ist der Hauptling?« 

»Mitten unter seinen Kriegern.« 

»So miissen wir ihn von ihnen fortlocken. Wollt Ihr das besorgen, Sam?« 

»Ja; doch auf welche Weise?« 

Ich warf einen forschenden Blick zurilck. Die Kiowas befanden sich auch nicht mehr da, wo wir gestern 
gelagert hatten. Sie waren unsern Vermessungsarbeiten gefolgt und hatten sich am Rande eines kleinen 
Prairiewaldchens niedergelassen. Rattler mit seinen Leuten war bei ihnen, und Sam Hawkens hatte sich, um 
sie zu beobachten, bis jetzt in ihrer Nahe herumgetrieben, wahrend Parker und Stone in meiner Nahe saBen. 
Zwischen den Roten und der Stelle, an welcher ich in diesem Augenblicke stand, gab es ein Gebilsch, 
welches fur meine Absicht sehr geeignet war, derm es erlaubte den Kiowas nicht, zu sehen, was bei uns 
geschah. Ich antwortete auf Sams Fi age 

»Sagt ihm ganz einfach. ich hatte ihm etwas zu sagen, konne aber nicht von meiner Arbeit fort. Da wird er 
kommen.« 

»Ich hoffe es. Aber wenn er einige Andere mitbringt?« 

»Die ilberlasse ich Euch und Stone und Parker; ihn nehme ich auf mich. Haltet Riemen bereit, sie zu 
binden. Die Sache muB rasch, aber dabei moglichst ruhig vor sich gehen.« 

» Weill Ich weiB nicht, ob das, was Ihr vorhabt, das Richtige ist; aber da mir nichts Besseres einfallt, so sollt 
Ihr Euren Willen haben. Wir riskieren das Leben; aber da ich keine Lust zum Sterben habe, so denke ich, 
daB wir mit einem oder mit einigen blauen Augen davonkommen werden - hiluhihi ! « 

So in seiner bekarmten Weise heimlich in sich hineinlachend, entfernte er sich. Meine Herren Kollegen 
befanden sich gar nicht weit von mir, hatten aber unser Gesprach nicht horen konnen. Es fiel mir auch gar 
nicht ein, ihnen mitzuteilen, was ich tun wollte, derm ich war iiberzeugt, daB sie mich an der Ausfuhrung 
gehindert hatten. Ihr Leben stand ihnen hoher als das der gefangenen Apachen. 



Ich war mir dessen, was ich riskierte wohl bewuBt. Durfte ich Dick Stone und Will Parker in die Gefahr, 
welche ich heraufbeschworen wollte, mit hineinziehen, ohne sie vorher zu benachrichtigen? Nein. Ich 
fragte sie also, ob ich sie aus dem Spiele lassen solle. Da antwortete Stone: 

» Was fallt Euch ein, Sir! Haltet Ihr uns fur Halunken, die einen Freund im Stich lassen, wenn er sich in Not 
befindet? Das, was Ihr vorhabt, ist ein echter, richtiger Westmannsstreich, an welchem wir uns mit wahrer 
Wonne beteiligen werden. Nicht wahr, alter Will?« 

»Ja,« nickte Parker. »Mochte doch sehen, ob wir Vier nicht die Leute dazu sind, es mit zweihundert 
Indsmen aufzunehmen! Freue mich schon darauf, wenn sie angebrilllt kommen werden und uns doch nichts 
tun dilrfen! « 

Ich arbeitete ruhig weiter und blickte nicht zurtick, bis mir nach einiger Zeit Stone zurief: 

»Macht Euch fertig, Sir; sie kommen! « 

Nun wendete ich mich um. Sam kam mit Tangua. Leider waren noch drei Rote dabei. 

»Jeder einen Mann,« sagte ich. »Ich nehme den Hauptling. Aber faBt sie bei der Gurgel, damit sie nicht 
schreien konnen und wartet hilbsch, bis ich anfange: ja nicht frilher.« 

Ich ging Tangua langsamen Schnttes entgegen; Stone und Parker folgten mir. Als wir zusammentrafen, 
standen wir so, daB die Kiowas uns wegen des bereits erwahnten Gebilsches nicht sehen konnten. Der 
Hauptling zeigte kein freundliches Gesicht und sagte in ebenso unfreundlichem Tone: 

»Das Bleichgesicht, welches Old Shatterhand genannt wird, hat mich kommen lassen. Hast du vergessen, 
daB ich der Hauptling der Kiowas bin?« 

»Nein; ich weiB, daB du es bist,« antwortete ich ihm. 

»So hattest du zu mir kommen mtissen, anstatt ich zu dir. Da ich aber weiB, daB du dich erst seit kurzer Zeit 
in diesem Lande befindest und also erst lernen muBt, hoflich zu sein, will ich dir diesen Fehler verzeihen. 
Was hast du mir zu sagen? Sprich kurz, derm ich habe keine Zeit! « 

»Was ist es, was du so Notwendiges zu tun hast?« 

» Wir wollen die Hunde der Apachen heulen lassen. « 

»Wann?« 

...Tetzt .« 

»Warum so bald? Ich dachte, ihr wilrdet die Gefangenen mit in eure Wigwams nehmen, um sie dort, in 
Gegenwart eurer Squaws und Kinder, an dem Marterpfahle sterben zu lassen.« 

»Wir wollten es; aber sie wiirden uns hindern, den Kriegszug auszufuhren, auf welchem wir uns befinden. 
Darum sollen sie schon heut ihr Leben lassen.« 

»Ich bitte dich, dies nicht zu tun! « 

»Du hast nichts zu bitten, « fuhr er mich an. 



»Willst du nicht ebenso hoflich sprechen, wie ich mit dir rede? Ich habe nur eine Bitte ausgesprochen. 
Hatte ich die Absicht gehabt, dir einen Befehl zu geben, so konntest du vielleicht Veranlassung haben, grob 
zu sein.« 

»Ich mag von euch nichts horen, weder einen Befehl, noch eine Bitte. Ich werde keines Bleichgesichtes 
wegen an dem, was ich beschlossen habe, etwas andern.« 

»Vielleicht doch! Habt ihr das Recht, die Gefangenen zu toten? Ich will deine Antwort nicht horen, denn 
ich kenne sie und werde nicht mit dir darilber streiten; aber es ist ein Unterschied, einen Menschen schnell 
und schmerzlos zu toten oder ihn langsam zu Tode zu martern. Wir werden es nicht zugeben, daB dies 
Letztere in unserer Gegenwart geschieht.« 

Da reckte er seine Gestalt hoher auf und antwortete in verachtlichem Tone: 

»Nicht zugeben? Fur wen haltst du dich! Du bist gegen mich wie eine Krote, welche sich gegen den Bar 
des Felsengebirges auflehnen will. Die Gefangenen sind mein Eigentum, und ich tue mit ihnen, was ich 



»Sie gerieten nur durch unsere Hilfe in eure Hande; darum haben wir ganz dasselbe Recht auf sie wie ihr. 
Wir wunschen, daB sie leben bleiben.« 

»Wilnsche, was du willst, du weiBer Hund; ich verlache deine Worte!« 

Er spuckte vor mir aus und wollte sich abwenden; da traf ihn meine Faust, daB er niederstilrzte. Aber er 
hatte einen harten SchadcL ei war iiiclit vollstandig betaubt und wollte wieder auf. Darum muBte ich mich 
zu ihm niederbilcken, um ihm noch einen Hieb zu geben, und konnte also fur einen Augenblick nicht auf 
die Andern achten. Als ich ihm den zweiten Schlag versetzt hatte und mich wieder aufrichtete, sah ich Sam 
Hawkens auf einem Roten knieen, den er beim Halse gepackt hatte. Stone und Parker rangen den Zweiten 
nieder; der dritte [Dritte] rannte laut schreiend davon. 

Ich kam Sam zu Hilfe. Als dies geschehen war und wir seinen Kiowa gebunden hatten, waren Dick und 
Will mit dem Ihrigen auch fertig. 

»Das war nicht schlau von euch,« sagte ich ihnen. »Warum habt ihr den Dritten entkommen lassen?« 

»Weil ich grad denselben packte, auf den es Stone auch abgesehen hatte,« antwortete Parker. »Dadurch 
gingen nur zwei Sekunden verloren, aber doch Zeit genug fur den Halunken, sich davonzumachen.« 

»Schadet nichts,« trostete Sam Hawkens. »Es hat ja keine andere ilble Folge, als daB der Tanz etwas eher 
beginnt. Darilber wollen wir uns die Kopfe ja nicht zerstoBen. In zwei oder drei Minuten sind die Roten da. 
Wollen dafur sorgen, daB wir freis [freies] Feld zwischen uns und ihnen haben! « 

Wir fesselten schnell auch den Hauptling. Die Surveyors hatten mit groBem Schreck gesehen, was wir 
taten. Der Oberingenieur kam auf uns zugesprungen und schrie entsetzt: 

»Was fallt euch ein, ihr Leute! Was haben euch die Indianer getan? Wir werden alle des Todes sein!« 

»Das werdet Ihr allerdings, Sir, wenn Ihr Euch uns nicht schnell zugesellt,« antwortete Sam. »Ruft Eure 
Leute herbei, und kommt mit uns! Wir werden euch beschiltzen.« 

»Ihr uns beschiltzen? Das ist doch « 



»Schweigt!« fie] xlim der Kleine in die Rede. »Wir wissen ganz genau. was wir wollen. Wenn ihr euch 
nicht zu uns haltet, seid ihr verloren. Also schnellk 

Wir rafften die drei gefesselten Indianer auf und trugen sie eiligst fort, ein Stuck in die offene Prairie 
hinein, wo wir halten blieben und sie niederlegten. Bancroft war uns mit den drei Surveyors 
nachgekommen. Wir hatten unsern jetzigen Haltepunkt ausgewahlt. weil wir auf einem freien Terrain 
sicherer waren als an einer Stelle, die wir nicht ganz ilberblicken konnten. 

» Wer soil mit den Roten sprechen, wenn sie kommen? Vielleicht ich?« fragte ich. 

»Nein, Sir,« antwortete Sam. »Ich werde es tun, denn Ihr seid des halbindianischen Mischmasch noch nicht 
machtig. Unterstutzt mich aber im geeigneten Augenblicke, indem Ihr so tut, als ob Ihr den Hauptling 
erstechen wolltet « 

Kaum hatte er das gesagt, so horten wir das Wutgeheul der Kiowas, und einige Augenblicke spater sahen 
wir sie bei dem schon erwahnten Gebilsch erscheinen, welches uns sozusagen als Gardine gedient hatte. Sie 
kamen um dasselbe herumgesprungen und auf uns zugerannt; da aber der Eine schneller als der Andere 
war, bildeten sie keinen zusammenhangenden Haufen, sondern eine ziemlich lange Reihe einzelner Laufer. 
Dies war fur uns gilnstig, well eine geschlossene Schar nicht so leicht zum Stehen zu bringen gewesen 



Der mutige Sam ging ihnen eine kurze Strecke entgegen und gab ihnen mit beiden Armen das Zeichen, 
stehen zu bleiben. Ich horte, daB er ihnen etwas zurief, verstand es aber nicht. Es hatte nicht sofort die 
beabsichtigte Wirkung, doch als er seinen Ruf noch einige Male wiederholt hatte, sah ich, daB die 
vordersten Kiowas stehen blieben; die nachfolgenden Roten taten dann dasselbe. Er sprach zu ihnen und 
deutete dabei wiederholt auf uns. Da forderte ich Stone und Parker auf, den Hauptling stehend 
aufzurichten, und schwang ein Messer drohend gegen ihn. Die Roten lieBen ein Geheul des Schreckens 

Sam redete weiter zu ihnen und dann sahen wir, daB einer von ihnen, der ein Unterhauptling war, sich von 
der Schar trennte und mit Sam langsamen, wiirdevollen Schrittes zu uns kam. Als sie uns erreichten, 
deutete Sam auf unsere drei Gefangenen und sagte zu ihm: 

»Du siehst, daB du die Wahrheit von mir gehort hast. Sie befinden sich vollstandig in unserer Gewalt.« 

Der Unterhauptling, welchem man den Grimm, der ihn beherrschte, ansah, betrachtete die Drei und 
antwortete: 

»Diese beiden gefesselten roten Krieger befinden sich noch am Leben; der Hauptling aber scheint tot zu 



[Illustration Nr. 10: Konfrontation] 

»Er ist nicht tot. Die Faust Old Shatterhands hat ihn zu Boden gestreckt; da ist die Besinnung von ihm 
gegangen; sie wird ihm aber zurtickkehren. Warte so lange, indem du dich bei uns niedersetzest. Wenn der 
Hauptling zu sich gekommen ist und wieder sprechen kann, werden wir uns mit euch beraten. Aber sobald 
einer der Kiowas eine Waffe gegen uns erhebt, fahrt das Messer Old Shatterhands in Tanguas Herz; darauf 
kannst du dich verlassen.« 

»Wie dilrft ihr die Hand gegen uns erheben, die wir eure Freunde sind!« 

»Freunde? Da glaubst du wohl selber das nicht was du sagst!« 



»Ich glaube es Ha ben wir nicht die Pfeife des Friedens mit euch gerauclit '.'« 

» Ja, aber diesem Frieden ist nicht recht zu trauen.« 

»Warum?« 

»Ist es Sitte der Kiowas, ihre Freunde und Brilder zu beleidigen?« 

»Nun, euer Hauptling hat Old Shatterhand beleidigt, folglich dilrfen wir euch nicht als Brilder betrachten. 
Schau, er beginnt, sich zu bewegen!« 

Tangua, den Stone und Parker wieder niedergelegt hatten, regte sich allerdings; bald schlug er die Augen 
auf und sah Einen nach dem Andern von uns an, als ob er sich auf das, was geschehen war, besinnen 
iniisse; dann schien ihm das BewuBtsein a ollstandig zuruckzukehren, und er rief aus: 

»Uff, uff! Old Shatterhand hat mich niedergeschlagen. Wer fesselte mich?« 

»Ich,« antwortete ich. 

»Man nehme mir die Riemen ab; ich befehle es!« 

»Vorhin hortest du nicht auf meine Bitte; nun hore ich nicht auf deinen Befehl. Du hast uns nichts zu 
befehlen! « 

Seine Augen richteten sich mit einem wiltenden Blicke auf mich, und er knirschte: 

»Schweig, Knabe, sonst zermalme ich dich!« 

»Das Schweigen ware fur dich ratlicher als fur mich. Du hast mich vorhin beleidigt und wurdest dafur von 
mir zu Boden geschlagen. Old Shatterhand laBt sich nicht ungestraft eine Krote und einen weiBen Hund 
nennen. Wenn du nicht hoflich wirst, kann es dir noch schlimmer ergehen.« 

»Ich verlange, frei zu sein! Wenn du mir nicht gehorchst, werdet ihr von meinen Kriegern von der Erde 
vertilgt werden! « 

»Da wurdest du der Erste sein, den das Verderben trafe; denn hore, was ich dir sage: Dort stehen deine 
Leute; wenn ein Einziger von ihnen den FuB erhebt, um sich ohne Erlaubnis uns zu nahern, fahrt dir diese 
meine Messerklinge in das Herz. Howgh!« 

Ich setzte ihm die Messerspitze auf die Brust. Er muBte einsehen, daB er sich in unserer Gewalt befand; er 
zweifelte wohl auch nicht daran, daB ich gegebenen Falles meine Drohung wahr machen wilrde; es trat eine 
Pause ein, wahrend welcher er uns mit seinen wild rollenden Augen verschlingen zu wollen schien; dann 
gab er sich Muhe, seinen Zorn zu beherrschen, und fragte in ruhigerem Tone: 

> Was willst du denn von mir?« 

»Nichts anderes als das. um was ich dich vorhin gebeten habe: Die Apachen sollen nicht am Marterpfahle 

sterben « 



»Ihr verlangt wohl gar, daB sie ilberhaupt nicht getotet werden sollen?« 

»Tut spater mit ihnen, was lhr wollt; aber so lange wir bei euch und ihnen sind, darf ihnen nichts 
geschehen.« 

Wieder lieB er eine Weile schweigend vorilbergehen. Trotz der Kriegsfarben, welche sein Gesicht 
bedeckten, sah man, daB der Ausdruck verschiedener Empfindungen, Zorn, HaB, Schadenfreude, ilber 
dasselbe ging. Ich hatte angenommen, daB das Wortgefecht zwischen ihm und mir ein lang anhaltendes 
sein werde, und glaubte dies auch jetzt noch, darum wunderte ich niich liicht wemg als er nun sagte: 

»Es soil nach deinem Wunsche geschehen; ja, ich will dir noch mehr als ihn erfullen, wenn du auf den 
Vorschlag eingehst, den ich dir machen werde. « 

»Welcher Vorschlag ist das?« 

»Zuvor muB ich dir sagen, daB du ja nicht denken darfst, ich furchte mich vor deinem Messer. Du wirst 
dich hilten, mich zu erstechen, denn wenn du dies tatest, so wilrdet ihr in wenigen Minuten von meinen 
Kriegern in Stilcke zerrissen. Ihr mogt noch so tapfer sein, zweihundert Gegner konnt ihr nicht besiegen. 
Also deine Drohung, mich zu erstechen, verlache ich. Ich konnte ruhig sagen, daB ich dein Verlangen nicht 
erfulle, und doch wtirdest du mir nichts tun. Dennoch sollen die Hunde der Apachen nicht am Marterpfahle 
sterben; ich verspreche dir sogar, daB wir sie ilberhaupt nicht to ten werden, wenn du darauf eingehst, fur sie 
auf Leben und Tod zu kampfen.« 

»Mit wem?« 

»Mit einem meiner Krieger, welchen ich bestimmen werde. « 

»Welche Waffe?« 

»Nur das Messer. Wenn er dich ersticht, mtissen auch die Apachen sterben; erstichst du aber ihn, so bleiben 
sie leben. « 

»Und kommen frei?« 

»Ja.« 

Ich konnte mir wohl denken, daB er irgend einen Hintergedanken dabei hegte. Wahrscheinlich hielt er mich 
fur den gefahrlichsten unter den anwesenden WeiBen und wo lite mich unschadlich machen; denn es 
verstand sich ganz von selbst, daB seine Wahl nur auf einen Meister im Messerfechten fallen wilrde. 
Dennoch antwortete ich, ohne mich lange zu besinnen: 

»Ich bin einverstanden. Wir werden die Bedingungen vereinbaren und die Pfeife des Schwures darilber 
rauchen; dann kann der Kampf sogleich beginnen.« 

»Was fallt Euch ein!« rief da Sam Hawkens aus. »Ich kann unmoglich zugeben, daB Ihr die Dummheit 
begeht, auf diesen Kampf einzugehen, Sir!« 

»Es ist keine Dummheit, lieber Sam.« 

»Die groBte, welche es geben kann. Bei einem gerechten und ehrlichen Kampfe mtissen die Chancen gleich 
stehen; dies ist aber hier nicht der Fall.« 



»Nein, ganz und gar nicht. Habt Ihr denn einmal mit irgend einem Menschen mit dem Messer auf Leben 
und Tod gekampft''« 



»Da habt Ihr es! Ihr werdet natilrlich einen Gegner bekommen, welcher Virtuos im Stechen ist. Und 
bedenkt die verschiedenen Folgen des Sieges! Werdet Ihr erstochen, so sterben die Apachen auch. Wird 
aber Euer Gegner erstochen, wer stirbt dann? Kein Mensch! « 

»Aber die Apachen erhalten ihr Leben und die Freiheit dazu.« 

»Glaubt Ihr das wirkhch?« 

» Ja, denn es wird mit dem Kalumet beraucht. was als Sclrw ur gj It « 

»Der Teufel traue einem Schwure, bei welchem hundert Hintergedanken zu vermuten sind! Und selbst 
dann, wenn er ehrlich gemeint ist, seid Ihr ein Greenhorn und « 

»Seid still mit Eurem Greenhorn, lieber Sam!« fiel ich ihm in die Rede. »Ihr habt es ja wiederholt erlebt, 
daB dieses Greenhorn stets weiB, was es tut.« 

Er widersprach trotzdem noch langere Zeit; auch Dick Stone und Will Parker rieten mir ab; ich blieb aber 
meinem Entschlusse treu, und so rief Sam endlich unmutig aus: 

»Nun gut, rennt mit Eurem Dickkopfe meinetwegen durch zehn oder zwanzig Mauern; ich habe nichts 
mehr dagegen! Aber ich werde aufpassen, daB bei dem Kampfe alles ehrlich zugeht, und wehe dem, der 
Euch oder ilberhaupt uns betrugen will! Ich schieBe ihn mit meiner Liddy in die Luft, daB er in tausend und 
abertausend Stilcken droben in den Wolken hangen bleibt, wenn ich mich nicht irre!« 

Nun wurde Folgendes vereinbart: Es sollte auf einer graslosen Stelle, welche in der Nahe lag, im Sande 
eine Acht (also 8) gebildet werden, die Zahl, welche aus zwei Schlingen oder Nullen besteht. Jeder der 
beiden Gegner sollte sich in eine dieser Nullen stellen, aus welcher er wahrend des Kampfes nicht treten 
durfte. Schonung sollte es nicht geben; Einer von Beiden muBte sterben, doch durfte der Tote nicht von 
seinen Angehorigen an dem Sieger geracht werden. Die ilbrigen Bedingungen und die Folgen des Sieges 
\ ii^ii i lu. ii fe tL' j itelll v 11 <K j n 

Als wir uns hieruber geeinigt hatten, wurden dem Hauptling die Fesseln abgenommen, und ich rauchte das 
Kalumet mit ihm. Dann lieBen wir auch die beiden andern Gebundenen frei, und die vier Roten begaben 
sich zu ihren Kriegern, um sie von dem zu erwartenden Schauspiele zu benachrichtigen. 

Der Oberingenieur und die andern Surveyors machten mir Vorwilrfe; ich achtete nicht auf ihre Reden. 
Auch Sam, Dick und Will waren nicht mit mir einverstanden, doch zankten sie wenigstens nicht mit mir. 
Hawkens meinte in besorgtem Tone: 

»Hattet etwas Besseres tun konnen, als auf diese Teufelei eingehen, Sir! Aber ich habe es immer gesagt und 
sage es jetzt wieder: Ihr seid ein leichtsinniger Mensch, ein auBerordentlich leichtsinniger Mensch! Was 
habt Ihr denn eigentlich davon, wenn Ihr erstochen werdet, heh? Sagt mir das doch einmal! « 

» Was ich davon habe? Den Tod natilrlich, weiter nichts. « 



»Weiter nichts? Hort, macht ja nicht auch noch schlechte Witze dazu! Der Tod ist alles, 
widerfahren kann, denn wenn man gestorben ist, kann einem nichts mehr widerfahren.« 



»So? Was denn zum Beispiele?« 

»Man kann begraben werden.« 

»Haltet den Schnabel, edler Sir! Wenn Ihr weiter nichts wiBt, als mich zu aller Krankung auch noch zu 
argern, so wollte ich, ich hatte meine Liebe an ein wiirdigeres Subjekt verschwendet.« 

»Krankt Ihr Euch denn wirklich, lieber Sam?« 

»Natilrlich kranke ich mich. Fragt doch nicht so dumm! Es ist ja fast sicher, daB Ihr ausgeloscht werdet, 
vollstandig ausgeloscht. Was tue ich dann auf meine alten Tage auf dieser Welt? Heh, was tue ich? Ich muB 
ein Greenhorn haben, mit dem ich mich zuweilen zanken kann. Was soil aber dann geschehen, und mit 
wem soil ich mich dann zanken, wenn Ihr erstochen worden seid?« 

»Ihr zankt Euch ganz einfach mit einem andern Greenhorn. « 

»Das ist leichter gesagt als geschehen, denn so ein ganz und gar ausgemachtes und unverbesserliches 
Greenhorn, wie Ihr seid, finde ich all mein Lebtage nicht wieder. Aber ich sage Euch, Sir, wenn Euch etwas 
geschieht, so sollen diese Roten an mich denken! Ich fahre wie ein rasender Uhland mitten unter sie hinein 



»Roland, Roland muB es heiBen, lieber Sam,« unterbrach ich ihn. 

»Ist mir ganz gleich, ob ich dann ein rasender Roland oder Uhland bin; ich lasse es mir aber partout nicht 
gefallen, daB Ihr erstochen werden sollt. Und, wie ist es denn, Sir, mit Eurer Humanitat? Ich weiB, Ihr habt 
ein gutes Herz und schlagt nicht gern einen Menschen tot. Ihr hegt doch nicht etwa die heimliche Absicht, 
den Kerl zu schonen, mit dem Ihr kampfen milBt?« 

»Hm, hm!« 

»Hm, hm? Hier wird gar nichts gehmhmt! Es geht auf Leben und Tot) Sir!« 

»Wenn ich ihn nun bloB verwunde?« 

»Das gilt nichts, wie Ihr gehort habt.« 

»Ich meine, daB ich ihn so verwunde, daB er nicht weiterkampfen kann.« 

»Gilt ebensowenig; Ihr seid dann nicht Sieger und milBt einen neuen Kampf mit einem Andern beginnen. 
Ihr habt ja gehort, daB der Besiegte sterben muB, hort Ihr es - muB, muB! Wenn es Euch also gelingen 
sollte, Euren Gegner kampfunfahig zu machen, so milBt Ihr ihn vollends erstechen, ihm den GnadenstoB 
geben, sonst gilt es nichts. Macht Euch nur ja kein Gewissen daraus! Wenn Ihr ein tuchtiger Westmann 
werden wollt, so wird Euer Messer noch manches Stuck Menschenfleisch zu kosten bekommen. Denkt, daB 
diese Kiowas alle rauberische Schufte sind, daB sie die Schuld tragen an allem, was jetzt geschieht, weil sie 
die Pferde der Apachen stehlen wollten. Wenn Ihr einen solchen Schurken totet, rettet Ihr so vielen braven 
Apachen das Leben; wenn Ihr ihn aber schont, so sind sie verloren; das milBt Ihr bedenken, wenn ich mich 
nicht irre. Nun sagt mir also aufrichtig, ob Ihr wacker draufgehn wollt wie ein richtiger Westmann, der 



nicht vor Schreck in Ohnmacht fallt, wenn er einen Blutstropfen rinnen sieht. Beruhigt mich, indem Ihr mir 
dies sagt!« 

»Wenn es Euch beruhigt, so seid iiberzeugt, daB ich nicht nachsichtig sein werde, derm es wird ihm auch 
nicht einfallen, mich zu schonen. Ich rette dadurch so viele Menschenleben. Es ist ein Zweikampf. Drilben 
im alten Lande gehen die angesehensten Kavaliere wegen einer Kleimgkeit gegen einander los; hier steht 
aber mehr auf dem Spiele, und ich habe es nicht mit einem Kavalier, sondern mit einem roten Spitzbuben 
und Morder zu tun. Ich verspreche Euch also, daB ich mich gar nicht mit zarten Gedanken und Bedenken 
herum tragen werde. « 

»Schon! Das ist ein Wort, welches ich gelten lasse; ich sehe dem Dinge nun mit groBerer Ruhe entgegen; 
aber dennoch ist es mir, als ob ein Sohn von mir zur Schlachtbank gefuhrt werden solle. Am liebsten wilrde 
ich an Eurer Stelle kampfen. Wollt Ihr mir das nicht ilberlassen, Sir?« 

»Nein, bester Sam. Erstens denke ich, aufrichtig gesagt, daB es besser ist, ein Greenhorn stirbt, als so ein 
tuchtiger Westmann, wie Ihr seid, und zweitens « 

»Haltet abermals den Schnabel! An mir liegt nicht viel, wenn ich alter Kerl sterbe. Aber wenn so ein 
junger, hoff « 

»Nein, haltet Ihr den Mund!« unterbrach ich ihn so, wie er mich vorher unterbrochen hatte. »Und zweitens 
ware es geradezu ehrlos und feig von mir, w enn ich mich zurilckziehen und einen Andern an meine Stelle 
treten lassen wollte. Uebrigens wilrde der Hauptling das gar nicht zugeben, derm er hat es grad auf mich 
abgesehen.« 

»Das ist es ja grad, was mir nicht in den Kopf will! Er hat es auf Euch abgesehen, partout auf Euch. Ich will 
hoffen, daB sein Kanoe anders schwimmt, als er zu steuern gedenkt. PaBt auf; dort kommen sie!« 

Die Indianer kamen jetzt langsam lieranmarschiert Hie zahlten nicht zv, eihundert, weil eine Anzahl von 
ihnen als Wachter bei den gefangenen Apachen zurtickgeblieben war. Tangua fuhrte sie an uns vorilber bis 
an die Stelle, welche ich vorhin erwahnte. Dort angekommen, bildeten sie einen Dreiviertelkreis; das vierte 
Viertel sollten wir WeiBen ausfilllen. Wir taten es. Dann winkte der Hauptling. Aus der Reihe der Roten 
trat ein Krieger von wahrhaft herkulischen Korperformen und legte alle seine Waffen auBer dem Messer 
ab. Dann entkleidete er die obere Halfte seines Korpers. Wer diese nun enthilllten Muskeln sah, dem muBte 
um mich angst und bange werden. Der Hauptling fuhrte ihn in die Mitte und verkilndete uns mit einer 
Stimme, aus welcher die GewiBheit des Sieges klang: 

»Hier steht Metan-akva (* Das Blitzmesser.), der starkste Krieger der Kiowas, dessen Messer noch kein 
Krieger widerstanden hat; der Feind stilrzt unter seinem Stiche wie vom Blitz getroffen nieder. Er wird mit 
Old Shatterhand, dem Bleichgesichte, kampfen.« 

»All devils\« flilsterte Sam mir zu. »Das ist ein wahrer Goliath! Hort, lieber Sir, es ist aus mit Euch!« 

»P shawl « 

»Unsinn! Bildet Euch nichts ein! Es gibt nur eine Weise, dieses Kerls Herr zu werden. « 



»LaBt Euch auf keinen langen Kampf ein, sondern drilckt auf ein rasches Ende, sonst ermtidet er Euch, und 
Ihr seid verloren. Wie steht es mit Eurem Puls?« 



Er faBte mich beim Handgelenk und lauschte; dann fuhr er fort: 

»Gott sei Dank, nicht mehr als sechzig Schlage, also ganz regelrecht. Ihr seid nicht aufgeregt? Habt keine 
Angst?« 

»Das fehlte noch? [!] Aufregung und Angst in einer Lage, wo das Leben vom ruhigen Blute und Blicke 
abhangig ist! Der Name dieses Riesen sagt ebensoviel wie seine Gestalt. Weil er der Starkste ist und ein 
umiberwindliches Messer fiihrt, hat mir der Hauptling den Vorschlag gemacht, mit dem Messer fur die 
Apachen zu kampfen. Werden sehen, ob er wirklicli so uniibenvindlich ist.« 

Ich hatte wahrend dieser leise gesprochenen Worte meinen Oberkorper auch entkleidet. Das war zwar nicht 
zur Bedingung gemacht worden, aber es sollte nicht die Meinung aufkommen, dafl ich in der Kleidung 
einen, wenn auch noch so geringen Schutz gegen das Messer des Gegners suchen wolle. Den Barentoter 
und die Revolver ilbergab ich Sam; dann trat ich in die Mitte des Kreises vor. Dem guten Hawkens klopfte 
das Herz ilberlaut; ich aber fuhlte keine Bangigkeit. Getrost sein, das ist das erste Erfordernis in jeder 
Gefahr. 

Nun wurde mit dem Stiele eines Tomahawk eine ziemlich groBe Acht in den Sand gegraben, worauf der 
Hauptling uns aufforderte, unsere Platze einzunehmen. "Blitzmesser" musterte mich mit einem hochst 
verachtlichen Blicke und sagte mit lauter Stimme: 

»Der Korper dieses schwachen Bleichgesichtes bebt vor Angst. Wird er es wagen, diese Figur zu 
betreten?« 

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so trat ich in die nach Stiden liegende Schleife der Acht. Dazu hatte 
ich zwei Grilnde. Ich bekam namlich dadurch die Sonne in den Riicken, wahrend der Rote, welcher ihr nun 
das Gesicht zuwenden muBte, von ihr geblendet wurde. Man mag dies eine unehrliche 

Uebervorteilung nennen; aber er hatte meiner gespottet und gelogen, als er behauptete, daB mein Korper 
vor Angst bebe; dafiir nun dies als Strafe. Das Zartgefuhl, ihn in meine Schleife treten zu lassen, ware hier 
am ganz unrechten Platze gewesen. Ich sage hier noch einmal, es war schrecklich, daB es auf Tod und 
Leben ging. Einen Menschen toten zu mtissen, ist entsetzlich, aber hier muBte mir die geringste Schonung 
das Leben kosten, und so war ich fest entschlossen, diesen Simson zu erstechen. Kaltbliltig war ich trotz 
seiner Gestalt und seines imponierenden Namens geblieben, weil ich keinen Grund hatte, mich fur einen 
schlechten Fechter zu halten, obgleich ich jetzt zum erstenmal im Leben einem Menschen mit dem Messer 
in der Hand gegenilberstand. 

»Er wagt es wirklich!« hohnlachte er. »Mein Messer wird ihn fressen. Der groBe Geist gibt ihn in meine 
Hand, indem er ihm den Verstand genommen hat.« 

Bei den Indianern sind solche Redevorspiele gebrauchlich; ich ware fur feig gehalten worden, wenn ich 
geschwiegen hatte . darum antwortete ich: 

»Du kampfest mit dem Munde; ich aber stehe hier mit dem Messer. Nimm deinen Platz ein, wenn du dich 
nicht furchtest!« 

Da sprang er mit einem Satze in die andere Schlinge der Acht und schrie zornig: 

»Ftirchten? Metan-akva soil sich furchten! Habt ihr es gehort, ihr Krieger der Kiowas? - Ich werde diesem 
weiBen Hunde mit dem ersten Stiche das Leben nehmen!« 

»Mein erster Stich wird dich um das deinige bringen. Nun schweig! Du solltest eigentlich nicht Metan- 
akva, sondern Avat-ya (* GroBmaul.) heiBen.« 



»Avat-ya, Avat-ya! Dieser stinkige Coyote wagte es, mich zu beschimpfen! Wohlan, die Geier sollen seine 
Eingeweide fressen! « 

Diese letztere Drohung war eine groBe Unvorsichtigkeit, ja geradezu eine Dummheit von ihm, derm sie 
machte mich aufmerksam auf die Art und Weise, in welcher er seine Waffe brauchen wollte. Meine 
Eingeweide! Also wahrscheinlich nicht einen Stich ins Herz, sondern ein Hieb, ein Messerstich von unten 
herauf, um mir den Leib aufzuschlitzen! 

Wir standen so weit auseinander, daB man sich nur wenig vorzubeugen brauchte, um den Gegner mit dem 
Messer zu erreichen. Er bohrte seinen Blick in mein Auge. Sein rechter Arm hing grad herab; er hielt das 
Messer so, daB das Heftende am kleinen Finger lag und die Klinge vorn zwischen dem Daumen und dem 
Zeigefinger hervorragte; diese Klinge war mit der Scharfe der Schneide nach oben gerichtet. Er wollte also 
wirklich, wie ich vermutet hatte, einen Streich von unten nach oben fuhren, derm wer von oben nach unten 
stoBt, der halt das Messer grad umgedreht, namlich so, daB das Heftende beim Daumen liegt und die Klinge 
am kleiner [kleinen] Finger aus der Faust hervorragt. 

Also die Richtung seines Angriffes kannte ich; nun war die Hauptsache die Zeit desselben; die muBte mir 
das Auge sagen. Ich kannte das eigentumliche, blitzartige Zucken, welches in jedem solchen Falle einen 
Moment vorher im Auge zu bemerken ist. Ich senkte die Lider, um ihn sicher zu machen, beobachtete ihn 
aber um so scharfer durch die Wimpern. 

» Stich zu, Hund!« forderte er mich auf. 

»Sprich nicht abermals, sondern handle, roter Knabe!« antwortete ich. 

Das war eine groBe Beleidigung, auf welche entweder eine zornige Antwort oder der Angriff erfolgen 
muBte; es war das letztere der Fall. Eine blitzartige Erweiterung seiner Pupille verkilndigte es mir, und im 
nachsten Augenblicke stieB er den rechten Arm mit dem Messer kraftvoll vor und nach oben, um mir den 
Leib aufzuschlitzen. Hatte ich einen MesserstoB von oben herab erwartet, so ware es um mich geschehen 
gewesen; so aber parierte ich seinen Schnitt, indem ich ihm meine Klinge gedankenschnell abwarts in den 
Vorderarm stieB und ihm denselben aufschlitzte. 

»Hund, raudiger!« brullte er, indem er den Arm zuruckzog und vor Schreck und Schmerz das Messer fallen 



»Nicht sprechen, sondern kampfen!« antwortete ich abermals, meinen Arm emporwerfend, und dann 

saB ihm meine Klinge bis an das Heft im Herzen. Ich zog sie augenblicklich wieder heraus. Der Stich saB 
so gut, daB ein fingerstarker, roter, warmer Blutstrahl auf mich spritzte. Der Riese wankte nur einmal hin 
und her, wollte schreien, brachte aber bloB einen achzenden Seufzer hervor und sturzte dann tot zu Boden. 

Die Indianer erhoben ein wiitendes Geheul; nur einer von ihnen stimmte nicht ein, namlich Tangua, der 
Hauptling. Er kam herbei, btickte sich zu meinem Gegner nieder, betastete die Rander der Stichwunde, 
richtete sich wieder auf und betrachtete mich mit einem Blicke, den ich lange nicht vergessen konnte. Es 
lag in demselben ein Gemisch von Wut, Entsetzen, Furcht, Bewunderung und Anerkennung. Dann wollte 
er sich wortlos entfernen. Da sagte ich: 

»Siehst du, daB ich noch auf meinem Platze stehe? Metan-akva aber hat den seinigen verlassen und liegt 
auBerhalb der Figur. Wer hat gesiegt?« 

»Du! « antwortete er wiltend und ging fort; aber er hatte vielleicht erst fiinf oder sechs Schritte getan, so 
kehrte er wieder um und zischte mir zu: »Du bist ein weiBer Sohn des bosen, schwarzen Geistes. Unser 
Medizinmann soil dir den Zauber nehmen, und dann wirst du uns dein Leben geben mtissen! « 



»Tu mit deinem Medizinmanne, was dir beliebt, aber halte nun dein Wort, welches du uns gegeben hast! « 

»Welches Wort?« fragte er hohnisch 

»DaB die Apachen nicht getotet werden.« 

» Wir werden sie nicht toten; ich habe es gesagt und halte es.« 

»Und sie werden frei sein?« 

»Ja, sie sollen ihre Freiheit wieder haben. Was Tangua, der Hauptling der Kiowas, sagt, das geht stets in 
Etfiillung « 

»So werde ich jetzt mit meinen Freunden gehen, urn den Gefangenen die Fesseln abzunehmen.« 

»Das tue ich selbst, sobald die Zeit gekommen ist.« 

»Sie ist gekommen; sie ist da, denn ich habe jetzt gesiegt.« 

»Schweig' Haben wit vorhin liber die Zeit gesprochen?« 

»Sie wurde nicht besonders erwahnt; aber es versteht sich doch ganz von selbst, daB « 

»Schweig!« donnerte er mich abermals an. »Die Zeit habe ich zu bestimmen. Wir werden die Hunde der 
Apachen nicht toten; aber was konnen wir dafiir, daB sie sterben, wenn sie nichts zu essen und kein Wasser 
bekommen? Was kann ich dafiir, daB sie eher verhungern und verdursten, als ich sie freigeben kann!« 

»Schuft!« sagte ich ihm in das Gesicht. 

»Hund, sprich noch ein Wort, so « 

Er wollte seine Drohung vollends aussprechen, hielt aber inne und starrte mir erschrocken in das Gesicht, 
dessen Ausdruck ihm wohl nicht behagen mochte. Ich hingegen setzte seine unterbrochene Rede fort: 

»- so schlage ich dich mit dieser meiner Faust zu Boden, dich, der der schandlichste aller Lilgner ist!« 

Er fuhr rasch einige Schritte zuruck, zog sein Messer und drohte: 

»Mit deiner Faust kommst du mir nicht wieder zu nahe. Sobald du so weit zu mir herkamst, daB du mich 
beruhren konntest, wurde ich dich niederstechen.« 

»Das hat "Blitzmesser" auch gesagt und gewollt; nun liegt er selber da. Dir wurde es ganz ebenso ergehen. 
Ueber das, was mit den Apachen geschehen soil, werde ich mit meinen weiBen Brudern sprechen. 
Krummst du ihnen nur ein Haar, so ist es um dich und all die Deinen geschehen. Du weiBt, daB wir euch 
alle in die Luft sprengen konnen. « 

Erst nach diesen Worten trat ich aus der Acht heraus und ging zu Sam. Dieser hatte wegen des 
Wehegeschreies der Roten nicht horen konnen, was zwischen dem Hauptling und mir gesprochen worden 
war. Er kam mir entgegengesprungen, faBte mich mit beiden Handen und rief in hellem Entzucken: 

»Willkommen, willkommen, Sir! Das rufe ich Euch zu, denn Ihr kommt aus dem Reiche des Todes zuruck, 



welchem Ihr unbedmgt verfallen waret. Mensch, Freund, Schatz, Jilngling und Greenhorn, was seid Ihr 
doch fur ein Geschopf! Hat noch keine Biiffel gesehen und schieBt die starksten aus der Herde! Hat noch 
keinen Grizzly gesehen und sticht ihn nieder, wie man in einen Apfel sticht! Hat noch keinen Mustang 
gesehen und holt mir grad die neue Mary heraus! Und nun hier stellt er sich vor den starksten und 
beruhmtesten roten Messermann und trifft ihn gleich mit dem ersten Stiche ins Herz, ohne selbst einen 
einzigen Tropfen Blutes zu verlieren! Dick und Will, kommt doch mal her, und seht euch diesen deutschen 
Surveyor an! Was soil man aus ihm machen?« 

»Einen Gesellen,« schmunzelte Stone. 

»Einen Gesellen? - Was meinst du damit?« 

»Er hat abermals bewiesen, daB er kein Greenhorn mehr ist, kein Lehrling. Wir wollen ihn zum Gesellen 
machen; spater kann er dann Meister werden.« 

»Kein Greenhorn mehr? Zum Gesellen machen? Wenn du wirklich einmal etwas sagen willst. so rede doch 
wenigstens keine solchen unreifen PreiBelbeeren! Der Kerl ist ein Greenhorn durch und durch, sonst hatte 
er es nicht gewagt, mit diesem gewandten und riesigen Indianer anzubinden, aber leichtsinnige Menschen 
haben das groBte Glilck, und die dummsten Bauern bekommen die groBten Kartoffeln, so ist es bei ihm; 
dumm, leichtsinnig und Greenhorn! DaB er noch lebt, hat er nicht sich, sondern seiner Dummheit zu 
verdanken, wenn ich mich nicht irre. Als er losging, stand mir das Herz still; ich konnte kaum Atem holen 
und war alien meinen Gedanken mit dem Testamente dieses Greenhorns beschaftigt. Da, ein Hieb und ein 
StoB, und der Rote prasselte zur Erde nieder! Nun haben wir erreicht, was wir wollten, namlich das Leben 
und die Freiheit der gefangenen Apachen!« 

»Da werdet Ihr Euch wohl irren,« antwortete ich, ohne ihm wegen der Art und Weise, in der er tlber mich 
sprach, zu zilrnen. 

»Mich irren? - Wie so?« 

»Der Hauptling hat, als er uns sein Versprechen gab, sich im stillen Vorbehalte gemacht, die er nun zur 
Geltung bringt.« 

»Dachte es mir, daB er Hintergedaiikt-ii haben wiirde! Von welchen Vorbehalten redet Ihr derm da?« 

Ich wiederholte ihm die Worte Tanguas; er war darilber so erzilrnt, daB er augenblicklich zu ihm hinging, 
um ihn zur Rede zu stellen. Ich benutzte dies, mich wieder anzukleiden und meine Waffen wieder zu mir 
zu nehmen. 

Die Kiowas waren vollstandig ilberzeugt gewesen, daB 

"Blitzmesser" mich niederstechen wiirde. Der so ganz entgegengesetzte Ausgang des Kampfes hatte sie mit 
Trauer und aber auch mit Wut gegen uns erftillt. Sie waren gewiB am liebsten tlber uns hergefallen; das 
aber durften sie nicht, weil es nicht nur ausgemacht, sondern sogar mit der Friedenspfeife beraucht worden 
war, daB die Partei des Besiegten den Tod desselben nicht an dem Sieger rachen dilrfe. Daran war nun nicht 
zu rutteln. Jedenfalls aber gedachten sie, bald einen andern Grund zur Feindseligkeit gegen uns zu finden. 
Sie konnten jetzt noch warten, derm wir waren ihnen sicher. Darum drangten sie einstweilen ihren Grimm 
zurilck und beschaftigten sich mit der Leiche ihres gefallenen Kameraden. Der Hauptling befand sich auch 
bei derselben, und da laBt es sich denken, daB Sam Hawkens fur seine Vorstellungen kein williges oder gar 
freundliches Gehor fand. Er kehrte hochst verdrieBlich zurilck und meldete uns: 

»Der Kerl will wirklich nicht Wort halten. Er scheiut [scheint] die Gefangenen verschmachten lassen zu 
wollen. Und das nennt der Schuft "nicht toten" ! Wir werden aber die Augen often halten, wenn ich mich 



nicht irre, und ihm doch ein Schnippchen schlagen, hihihihi ! « 

»Wenn nur dieses Schnippchen uns nicht selbst geschlagen wird!« bemerkte ich. »Es ist schwer, Andere zu 
beschiitzen, wenn man des Schutzes selbst so sehr bedarf.« 

»Ich glaube gar, Ihr fiirchtet Euch vor diesen Roten, Sir!« 

»Pshaw\ DaB ich mich nicht furchte, wiBt Ihr ebenso gut wie ich selbst.« 

»Mit nur einem Unterschiede. Namlich da, wo ich mich scheuen wilrde, geht Ihr dick darauf wie der Ochse 
auf ein rotes Tuch. Und wo es den eigentlichen richtigen Mut gilt, da zeigt Ihr Bedenklichkeit. Das ist aber 
stets so Greenhornsweise. Was denkt Ihr derm eigentlich so jetzt in Euern Sinnen?« 

»Worilber?« 

»Ueber den Messerkampf, den Ihr bestanden habt.« 

»Da denke ich, daB Ihr wahrscheinlich mit mir zufrieden sein werdet.« 

»Das meine ich nicht. Ich rede von den etwaigen Vorwurfen.« 

»Vorwilrfe? Wer so lite mir die machen? Etwa Ihr?« 

»Mein Himmel, seid Ihr doch schwer von Begriffen! Sagt einmal aufrichtig, Sir, habt Ihr vielleicht da 
druben im alten Lande als Morder irgend eines Menschen auf dem Schafott gestanden?« 

»Glaube nicht. Wenigstens ist mir nichts davon erinnerlich,« antwortete ich auf seine so drastische Frage. 

»So habt Ihr also noch niemand umgebracht?« 

»Nein.« 

»So habt Ihr also heut Euern ersten Totschlag verilbt. Wie ist es Euch nun da innerlich zu Mute? Das ist es, 
was ich wissen wollte.« 

»Hm! Ein angenehmes BewuBtsein ist es wahrlich nicht. Es wird mir wohl nicht so leicht wieder 
geschehen, daB ich einem Menschen das Leben nehme. Es regt sich etwas in meinem Innern, was die 
groBte Aehnlichkeit mit einem bosen Gewissen hat.« 

»Bildet Euch nichts ein, und macht Euch keine dummen Gedanken! Es kann Euch, ohne 
daB Ihr es wollt, hier alle Tage vorkommen, daB Ihr einen Menschen ausloschen miiBt, 

um Euer eigenes Leben zu retten. In einem solchen Falle muB man heavens, da ist ja 

gleich ein solcher Fall!« unterbrach er sich. »Da sind wahrhaftig die Apachen schon! Da wird es blutige 
Kopfe geben. Macht Euch zum Kampfe fertig, Mesch'schurs! « 

Es erscholl namlich von da, wo die Gefangenen sich mit ihren Wachtern befanden, das hoch- und 
schrilltonende Hiiiiiiiiih, der Kriegsruf der Apachen. Intschu tschuna und Winnetou waren wider alles 
Erwarten jetzt schon da; sie ilberfielen das Lager der Kiowas. Diese, welche sich bei uns befanden, 
horchten erschrocken auf; dann schrie der Hauptling: 

»Feinde da unten bei unsern Brildern! Schnell hin, schnell ihnen zu Hilfe! « 



Er wollte fortstiirmen: da a her trat rlrrrr SamHawkens entgegen und rief: 

»Ihr kormt nicht hin; bleibt immer da, derm wir sind jedenfalls auch schon umringt. Oder meint Ihr, die 
beiden Hauptlinge der Apachen seien so dumm, nur Eure Wachter arrzugreifen und nicht zu wissen, wo Ihr 
Euch befindet? Sie werden in nachsten Augen « 

Er hatte schnell und hastig gesprochen, kam aber dennoch nicht zu Ende, derm jetzt erscholl der 
furchterliche, durch Mark und Bein schneidende Schlachtruf auch rund um uns her. Wir befanden uns, wie 
schon erwahnt. zwar auf der offenen Prairie, doch standen auf derselben Btische zerstreut, hinter welche 
sich die Apachen, von uns unbemerkt, weil wir so sehr mit uns beschaftigt gewesen waren, so geschlichen 
hatten, daB wir von ilinen vollstandig umzingelt waren. Jetzt kamen sie in hellen Haufen von alien Seiten 
auf uns zugesprungen. Die Kiowa s icho : ;en ..iii ; ir in;, I m,n:hi. j ji auch einige Treffer, doch so wenige, daB 
dieselben gar nicht zu rechnen waren. Dann waren die Angreifer auch schon dabei. 

»Totet keinen Apachen, ja keinen!« rief ich Sam, Dick und Will zu; dann tobte aber auch schon der 
Nahekampf um uns her. Wir Vier beteiligten uns nicht an demselben; der Oberingenieur aber und die drei 
Surveyors wehrten sich; sie wurden niedergeschossen. Das war entsetzlich. Indem mein Auge an dieser 
Stelle hing, sah ich nicht, was hinter mir vorging. Wir wurden von da aus von einer bedeutenden Schar 
angefallen und auseinander gerissen. Zwar riefen wir diesen Leuten zu, daB wir ihre Freunde seien, doch 
ohne Erfolg; sie drangen mit Messern und Tomahawks auf uns ein, so daB wir uns wehren muBten, obwohl 
wir eigentlich nicht wollten. Wir schlugen mehrere von ihnen mit dem Kolben nieder, so daB sie Respekt 
bekamen und von uns lieBen. 

Diesen freien Augenblick benutzte ich zu einem schnellen Rundblicke. Es gab keinen Kiowa, der nicht 
mehrere Apachen gegen sich hatte. Sam sah das auch und rief: 

» Schnell fort! Dort in die Straucher hineink 

Er deutete nach dem schon mehrfach erwahnten Gebiisch, welches uns Deckung gegen das Lager hin 
gegeben hatte, und rannte demselben zu. Dick Stone und Will Parker folgten ihm. Ich zogerte einige 
Augenblicke, indem ich nach der Stelle sah, wo sich die Surveyors befunden hatten. Sie waren WeiBe, und 
ich hatte ihnen gern Hilfe gebracht; aber es war zu spat dazu. Darum wendete ich mich nun auch den 
Btischen zu. Ich [Tafel Nr. 5: "Bd. VII. Der Riese wankte. ... (Zu S. 235.)"] hatte sie noch lange nicht 
erreicht, da sah ich Intschu tschuna bei denselben erscheinen. 

Er hatte sich mit Winnetou bei der Abteilung der Apachen befunden, deren Aufgabe der Ueberfall des 
Lagers und die Befreiung der Gefangenen war. Als sie dies erreicht hatten, waren die beiden Hauptlinge 
von dort fortgerannt, um nach den Erfolgen der groBeren Abteilung zu sehen, mit welcher wir es zu tun 
hatten. Intschu tschuna war seinem Sonne eine ziemliche Strecke voran. Als er um die Btische gebogen 
war, erblickte er mich. 

»Der Landerdieb!« rief er mir entgegen und drang mit seiner umgekehrten Silberbtichse auf mich ein, um 
mich niederzuschlagen. Ich rief ihm zwar einige erklarende Worte zu, die ihm sagen sollten, daB ich kein 
Feind von ihm sei; aber er horte nicht darauf und verdoppelte seine StoBe und Hiebe. Es ging gar nicht 
anders an, wenn ich nicht schwer verletzt oder gar erschlagen sein wollte, muBte ich ihm wehe tun. Grad 
als er wieder zum Hiebe ausholte, warf ich meinen Barentoter, mit welchem ich pariert hatte, weg, hing im 
nachsten Momente mit der linken Hand an seinem Halse, wahrend ich ihm mit der rechten Faust einige 
Hiebe gegen die Schlafe versetzte. Er lieB seine Btichse fallen, rochelte kurz auf und fiel dann auf die Erde 
nieder. Da ertonte hinter mir eine jubelnde Stimme: 

»Das ist Intschu tschuna, der oberste der Apachenhunde! Ich muB sein Fell, seinen Skalp haben!« 

Mich umdrehend, gewahrte ich Tangua, den Kiowahauptling, welcher aus irgend einem Grunde dieselbe 
Richtung wie ich eingeschlagen hatte. Er warf sein Gewehr weg, zog sein Messer und stilrzte sich auf den 



besinnungslosen Apachen, urn ihn zu skalpieren. Ich faBte ihn beim Arme und gebot: 

»LaB die Hand davon! Den habe ich besiegt. ei gehdrt also mcht dir, sondern mirk 

»Schweig, weiBes Ungeziefer!« antwortete er mir. »Was habe ich nach dir zu fragen. Der Hauptling ist 
mein! LaB mich los, sonst « 

Er stach mit dem Messer nach mir und traf mich in das linke Handgelenk. Ich wollte ihn nicht erstechen 
und lieB darum mein Messer im Gilrtel stecken, warf mich aber auf ihn und gab mir Muhe, ihn 
wegzuziehen. Da mir dies nicht gelang, drilckte ich ihm die Kehle zusammen, bis er sich nicht mehr 
bewegte; dann beugte ich mich zu Intschu tschuna nieder, dessen Gesicht aus meiner Handwunde mit Blut 
betropft worden war. In diesem Augenblicke horte ich ein Gerausch hinter mir und machte eine Wendung, 
um mich umzusehen. Diese Bewegung rettete mir das Leben, denn ich erhielt auf die Schulter einen 
furchterlichen Kolbenhieb, welcher meinem Kopfe gegolten hatte. Ware dieser getroffen worden, so hatte 
der Schlag mir den Schadel zerschmettert. Der mir ihn gab, war Winnetou. 

Er war, wie bereits erwahnt, hinter seinem Vater zuruckgewesen. Um das Gebilsch biegend, sah er mich bei 
seinem Vater knien, welcher wie leblos lag und mit Blut bespritzt war. Winnetou holte sofort zum 
todlichen Kolbenhiebe aus, der aber glucklicherweise nur meine Schulter traf. Dann lieB er sein Gewehr 
fallen, zog sein Messer und stilrzte sich auf mich. 

Meine Lage war so schlimm wie moglich Der Hieb hatte meinen ganzen Korper erschilttert und mir den 
Arm gelahmt. Ich hatte Winnetou gern eine Erklarung gegeben; aber dies alles ging so schnell, daB gar 
keine Zeit zu einem Worte vorhanden war. Er holte zum StoBe gegen meine Brust aus, zu einem StoBe, der 
mir die ganze Klinge in das Herz getrieben hatte. Ich brachte nur eine ganz geringe Korperwendung fertig; 
das Messer fuhr in meine linke Brusttasche, traf dort die schon erwahnte Sardinenbilchse, in welcher ich 
meine Papiere verwahrte, glitt an dem Bleche derselben ab und drang mir oberhalb des Halses und 
innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge. Dann zog er es wieder heraus und holte, mich 
mit der linken Hand an der Gurgel packend, zum zweiten StoBe aus. Die Todesangst verdoppelt die Krafte; 
ich konnte nur eine Hand, einen Arm brauchen, und er lag von seitwarts her auf mir; es gelang mir eine 
weitere Wendung; ich faBte seine rechte Hand und preBte diese so zusammen, daB er das Messer vor 
Schmerz fallen lassen muBte; dann nahm ich schnell seinen linken Arm beim Ellbogen und drilckte ihn so 
nach oben, daB er, wenn er ihn nicht brechen wollte, die Hand von meinem Halse lassen muBte. Nun zog 
ich die Knie an und schnellte mich mit aller Gewalt empor; er wurde abgeschleudert, so daB er mit dem 
Vorderleibe die Erde berilhrte. Im nachsten Augenblicke lag ich ihm so auf dem Rilcken wie er vorher auf 
dem meinigen gelegen hatte. 

Jetzt gait es, ihn nieder zu halten, denn wenn er wieder aufkam, war ich verloren. Ein Knie ihm quer ilber 
die beiden Oberschenkel und das andere auf den einen Arm setzend, nahm ich ihn mit der einen 
brauchbaren Hand beim Genick, wahrend er mit seiner andern, freien Hand nach dem entfallenen Messer 
suchte, glucklicherweise vergeblich. Nun gab es ein wahrhaft satanisches Ringen zwischen uns. Man 
denke, Winnetou, der nie besiegt worden war und spater auch nie wieder besiegt worden ist, mit seiner 
schlangenglatten Geschmeidigkeit, den eisernen Muskeln und stahlernen Flechsen. Jetzt hatte ich Zeit zum 
Sprechen gehabt; einige Worte hatten zur Aufklarung genilgt; aber das Blut schoB mir in Stromen aus dem 
Munde, und als ich mit der durchstochenen Zunge zu sprechen versuchte, brachte ich nur ein 
unverstandliches Lallen hervor. Er wendete alle seine Kraft an, mich abzuwerfen, und ich lag auf ihm wie 
ein Alp, der nicht abzuschiltteln ist. Er begann zu keuchen und keuchte immer starker; ich preBte ihm mit 
den Fingerspitzen den Kehlkopf so fest nach innen, daB ihm der Atem ausging. Sollte er ersticken? Nein, 
auf keinen Fall! Ich gab also fur einen Augenblick seinen Hals frei, worauf er sofort den Kopf hob; das 
brachte diesen fur meine Absicht in die richtige Stellung - - zwei, drei rasch aufeinander folgende 
Faustschlage, und Winnetou war betaubt; ich hatte ihn, den Unbesieglichen, besiegt. Denn daB ich ihn 
schon einmal niedergeschlagen hatte, das war kein Sieg zu nennen, weil kein Kampf vorangegangen war 

Ich holte tief, tief Atem, wobei ich mich in acht nehmen muBte, nicht das Blut zu verschlucken, welches 



mir den Mund fiillte, so daB ich ihn often halten muBte, damit es AbfluB fand; auch aus der auBeren 
Wundoffnung floB es in einem beinahe fingerdicken Strahle. Eben wollte ich mich vom Boden erheben, da 
horte ich einen zornigen indianischen Ruf hinter mir und bekam einen Kolbenhieb gegen den Kopf, der 
mich besinnungslos niederstreckte. 

Als ich wieder zu mir kam, war es Abend; so lange hatte ich ohne Besinnung gelegen Zunachst war es mir 



Traume: Ich war in das tiefe Mauerlager eines Milhlrades gestilrzt. Die Milhle ging nicht, weil sich das Rad 
nicht bewegen konnte, da ich zwischen ihm und der Mauer steckte. Das Wasser rauschte ilber mir herab, 
und die Kraft, mit welcher es auf das Rad wirkte, preBte mich fester und fester zusammen, daB ich glaubte, 
ich wilrde zermalmt. Alle meine Glieder schmerzten, besonders aber der Kopf und die eine Schulter. Nach 
und nach erkannte ich, daB dies nicht Wirklichkeit, aber auch nicht Traum war. Das Rauschen und Brausen 
kam nicht vom Wasser; es wohnte in meinem Kopfe und war die Folge des Kolbenhiebes, welcher mich 
niedergeworfen hatte. Und die Schmerzen in der Schulter wurden nicht durch ein Muhlenrad verursacht, 
welches mich zusammenpreBte, sondern durch den Hieb, den ich von Winnetou bekommen hatte. Das Blut 
lief mir noch immer aus dem Munde; es wollte mir in die Kehle dringen und mich ersticken; ich horte ein 
furchterliches Rocheln und Gurgeln und erwachte vollends. Derjenige, der so gerochelt hatte, war ich 



»Er bewegt sich! Gott sei Dank, er bewegt sich! « horte ich Sams Stimme rufen. 

» Ja, ich habe es auch gesehen < antw ortete Dick Stone. 

»Jetzt macht er die Augen auf! Er lebt, er lebt!« fiigte Will Parker hinzu. 

Ich hatte allerdings die Augen geoffnet. Das, was der erste Blick mir zeigte, war keineswegs trostlich. Wir 
befanden uns noch auf dem Platze, wo der Kampf stattgefunden hatte. Es brannten wohl ilber zwanzig 
Lagerfeuer, zwischen denen wohl ilber ftlnfhundert Apachen sich bewegten. Viele von ihnen waren 
verwundet. Auch eine bedeutende Anzahl von Toten sah ich in zwei Abteilungen liegen. Die erste 
Abteilung bestand aus Apachen und die zweite aus Kiowas. Die ersteren hatten elf und die letzteren dreiBig 
ihrer Krieger eingebilBt. Rings um uns lagen die gefangenen Kiowas, alle streng gefesselt. Es war kein 
einziger entkommen. Auch Tangua, der Hauptling, befand sich unter ihnen. Den Oberingenieur und die 
drei Surveyors sah ich jetzt nicht. Sie waren niedergemacht worden, weil sie sich unklugerweise gewehrt 
hatten. 

In geringer Entfernung von uns sah ich einen Menschen liegen, dessen Korper ringformig 
zusammengezogen war, ungefahr so, wie es frilher, in den Zeiten der Tortur, bei der Anwendung des 
sogenannten spanischen Bockes zu geschehen pflegte. Es war Rattler. Die Apachen hatten ihn krumm 
geschnilrt, um ihm Schmerzen zu bereiten. Er stohnte, daB es trotz seiner moralischen Verkommenheit zum 
Erbarmen war. Seine Gefahrten lebten nicht mehr. Sie waren gleich beim ersten Angriffe erschossen 
worden. Ihn hatte man verschont, weil er als der Morder Klekih-petras fur einen langsamern und 
qualvollern Tod aufgehoben werden sollte. 

Auch ich war an Handen und FilBen gefesselt, ebenso Parker und Stone, welche mir zur Linken lagen. Zu 
meiner Rechten saB Sam Hawkens. Er war an den FilBen gefesselt; seine rechte Hand hatte man ihm auf 
den Rtlcken gebunden, die linke aber frei gelassen, damit er, wie ich spater erfuhr, mir Hilfe leisten konne. 

»Dem Himmel sei Dank, daB Ihr wieder bei Euch seid, lieber Sir!« sagte er, indem er mir mit der freien 
Hand liebkosend ilber das Gesicht strich. »Wie ist es nur gekommen, daB Ihr niedergeschlagen worden 
seid?« 

Ich wollte antworten, konnte aber nicht, weil ich den Mund voll Blut hatte. 



»Spuckt es heraus!« sagte er. 

Ich folgte dieser Weisung, brachte aber nur wenige, undeutliche Worte hervor, dann hatte sich der Mund 
schon wieder mit Blut gefiillt. Infolge dieses groBen Blutverlustes war ich zum Sterben matt. Meine 
Antwort konnte ich nur in kurzen, weit auseinander gedehnten Absatzen geben und zwar so leise, daB Sam 
sie kaum verstehen konnte: 

»Intschu tschuna gekampft Winnetou dazu Mund gestochen Kolbenhieb auf Kopf von - - 

- weiB es nicht.« 

Die dazwischen liegenden Worte erstickten in dem Blute. Es hatte, wie ich jetzt bemerkte, eine Lache 
gebildet, in welcher ich lag. 

»Alle Wetter! Wer konnte das ahnen! Wir hatten uns ja gern ergeben, aber diese Apachen horten gar nicht 
auf unsere Worte. Darum machten wir uns in das Gestrauch hinein, um zu warten, bis ihr Grimm sich 
gelegt haben wilrde, wenn ich mich nicht irre. Wir glaubten, Ihr hattet das auch getan, und suchten nach 
Euch. Als wir Euch aber nicht fanden, kroch ich nach dem Rande des Gestrauches, um nach Euch 
auszuschauen. Da stand eine heulende Gruppe von Apachen um Intschu tschuna und Winnetou, welche tot 
zu sein schienen, aber bald zu sich kamen. Ihr lagt, auch wie tot, daneben. Das erschreckte mich so, daB ich 
sofort hier diesen Will Parker und diesen Dick Stone holte und mit ihnen zu Euch hinlief, um zu sehen, ob 
vielleicht noch Leben in Euch sei. Wir wurden naturlich gleich festgenommen. Ich sagte Intschu tschuna, 
daB wir Freunde der Apachen seien und gestern abend die Absicht gehabt hatten, die beiden gefangenen 
Hauptlinge zu befreien. Er aber lachte mich grimmig aus, und nur Winnetou habe ich es zu verdanken, daB 
man mir diese eine Hand freigelassen hat. Er ist es auch gewesen, der Euch am Halse verbunden hat, sonst 
waret Ihr gar nicht wieder aufgewacht, sondern hattet Ihr Euch verblutet, wenn ich mich nicht irre. Ist der 
Stich tief eingedrungen?« 

»Durch - - die - - Zunge,« lallte ich. 

»Alle Teufel! Das ist gefahrlich. Werdet da ein Wundfieberchen bekommen, welches ich zwar nicht haben 
mochte, aber doch lieber auf mich nehmen wilrde, weil so ein alter Waschbar, wie ich bin, es leichter 
ilbersteht als so ein Greenhorn, welches, wie ich vermute, Blut bis jetzt nur in der Wurst gesehen hat. Ihr 
seid doch nicht etwa noch sonst blessiert?« 

»Kolbenhiebe Kopf und Schulter,« antwortete ich. 

»Also niedergeschlagen seid Ihr worden? Ich dachte, der Stich sei allein schuld. Da wird Euch freilich der 
Kopf verteufelt brummen. Aber das vergeht; die Hauptsache ist, daB das biBchen Verstand, welches Ihr 
hattet, nicht mit erschlagen worden ist. Die Gefahr, in welcher Ihr schwebt, liegt in der zerstochenen 
Zunge, die man nicht verbinden kann. Ich werde -« 

Mehr horte ich nicht, weil ich jetzt wieder in Ohnmacht fiel. 

Als ich aus derselben erwachte, fiihlte ich, daB ich mich in Bewegung befand; ich horte den Huftritt vieler 
Pferde und schlug die Augen auf. Ich lag - man denke sich! - auf der 

Haut des Grizzlybaren, den ich erstochen hatte. Sie war in die ungefahre Form einer Hangematte 
zusammengeschnurt worden und hing zwischen zwei Pferden, die mich auf diese Weise tragen muBten. Ich 
steckte so tief in dem Felle, daB ich nur die Kopfe dieser beiden Pferde und den Himmel sehen konnte, 
mehr nicht. Die Sonne warf glilhende Strahlen auf mich herab, und brennend, wie flussiges Blei, flutete es 
mir in den Adern. Mein Mund war geschwollen und von geronnenem Blute voll. Ich wollte es mit der 
Zunge ausstoBen, konnte sie aber nicht bewegen. 



»Wasser, Wasser!« wollte ich rufen, denn ich fuhlte einen geradezu entsetzlichen Durst, brachte aber 
keinen Laut, nicht einmal einen horbaren Hauch hervor. Ich sagte mir, daB es urn mich geschehen sei, und 
wollte, wie jeder Sterbende es soil, an Gott und das, was jenseits dieses Lebens liegt, denken, wurde aber 
von der Ohnmacht wieder ubermannt. 

Nachher kampfte ich mit Indianern, Buffeln und Baren, machte Todesritte durch die ausgedorrten Steppen, 

schwairun monatelang ilber uferlose Meere es war im Wundfieber, in welchem ich lange, lange mit 

dem Tode rang. Zuweilen horte ich Sam Hawkens' Stimme wie aus weiter, weiter Feme; zuweilen sah ich 
zwei dunkle, sammetne Augen vor mir, die Augen Winnetous; dann starb ich, wurde in den Sarg gelegt und 
begraben; ich horte, daB die Erdschollen auf den Sarg geschaufelt wurden, und lag dann eine ganze, ganze 
Ewigkeit, ohne mich bewegen zu konnen, in der Erde, bis auf einmal der Deckel meines Sarges gerauschlos 
nach oben schwebte und dann verschwand. Ich sah den hellen Himmel ilber mir; die vier Seiten des Grabes 
senkten sich. War dies denn wahr? Konnte dies geschehen? Ich fuhr mir mit der Hand nach der Stirn und - - 



»Halleluja, Halleluja! Er erwacht vom Tode; er erwacht!« jubelte Sam. 

Ich wendete den Kopf. 

»Seht ihr es, daB er sich mit der Hand nach dem Kopf gegriffen, daB er jetzt sogar den Kopf herumgedreht 
hat!« schrie der Kleine. 

Er beugte sich ilber mich. Sein Gesicht strahlte formlich vor Entztlcken; das sah ich, trotzdem der dichte 

Bartwald es fast ganz hedeckte 

»Seht Ihr mich, Sir, geliebter Sir?« fragte er. »Ihr habt die Augen geoffnet und Euch bewegt. Ihr lebt also 
wieder. Seht Ihr mich?« 

Ich wollte antworten, konnte aber nicht, erstens vor ilbergroBer Mattigkeii und zweitens weil die Zunge mir 
schwer wie Blei im Munde lag. Darum nickte ich. 

»Und hort Ihr mich?« fuhr er fort. 

Ich nickte wieder. 

»Da seht ihn an - seht her - seht her! « 

Sein Gesicht verschwand und dafiir erschienen die beiden Kopfe von Stone und Parker. Die braven Kerls 
hatten Freudentranen in den Augen. Sie wollten auf mich einsprechen; aber Sam schob sie fort und sagte: 

»LaBt mich zu ihm! Ich will mit ihm reden, ich, ich!« 

Er nahm meine beiden Hande, druckte diejenige Stelle seines Bartes, unter welcher der Mund zu vermuten 
war, darauf und fragte: 

»Habt Ihr Hunger, Sir? Habt Ihr Durst? Werdet Ihr etwas essen oder trinken konnen?« 

Ich schilttelte den Kopf, denn ich fuhlte kein Bedilrfnis, irgend etwas zu genieBen. Ich lag in einer 
Schwache, welche selbst den GenuB eines einzigen Wassertropfens ausschloB. 

»Nicht? Wirklich nicht? Herr Gott, ist das denn moglich! WiBt Ihr, wie lange Ihr hier gelegen habt?« 



Jch antwortete wieder durch ein leises Schiitteln. 

»Drei Wochen, voile, ganze drei Wochen! Denkt Euch nur! Ihr wiBt jedenfalls auch gar nicht, was nach 
Eurer Verwundung geschehen ist und wo Ihr Euch befindet. Ihr habt ein fiirchterliches Wundfieber gehabt 
und seid dann in Starrkrampf gefallen. Die Apachen wollten Euch einscharren; aber ich konnte nicht an 
Euern Tod glauben und habe so lange gebettelt, bis Winnetou mit seinem Vater sprach und dieser die 
Erlaubnis gab, Euch erst dann zu begraben, wenn die Faulnis eintreten werde. Das haben wir der 
Filrsprache Winnetous zu verdanken. Ich mufl hin zu ihm, mufl ihn holen! « 

Ich schloB die Augen und lag nun wieder still, doch nicht im Grabe, sondern in einer seligen Miidigkeit, in 
einem wonnigen Frieden. Ich wiinschte ewig ewig so liegen bleiben zu konnen. Da horte ich Schritte. Eine 
Hand betastete mich und bewegte meinen Arm; dann vernahm ich die Stimme Winnetous: 

»Hat Sam Hawkens sich nicht geirrt? Ist Selki lata (* Old Shatterhand i wirklich wach gewesen?« 

»Ja, ja. Wir drei haben es ganz deutlich gesehen. Er hat sogar mit Kopfnicken und Schiltteln auf meine 
Fragen geantwortet.« 

»So ist ein groBes Wunder geschehen. Aber es ware besser, wenn es nicht geschehen, wenn er tot geblieben 
ware. Er ist nur, um zu sterben, in das Leben zuruckgekehrt. Er wird mit Euch wieder in den Tod gehen.« 

» Aber er ist der beste Freund der Apachen! « 

»Er hat mich zweimal niedergeschlagen! « 

»Weil ermuBte!« 

»Er hat nicht gemuBt! « 

»0 doch: Das erstemal tat er es, um dir das Leben zu retten. Du hattest dich gewehrt und warst von den 
Kiowas ermordet worden. Und das zweitemal hat er sich gegen dich wehren rmissen. Wir wollten uns euch 
freiwillig ergeben, konnten das aber nicht, weil eure Krieger nicht auf unsere Versicherungen horten.« 

»Das sagt Hawkens nur, um sich zu retten.« 

»Nein: es ist die Wahiheit!« 

»Deine Zunge lilgt. Alles, was du mir erzahlt hast, um dem Martertode zu entgehen, hat nur die Folge 
gehabt, uns zu ilberzeugen, daB ihr noch groBere Feinde von uns waret als selbst die Hunde von Kiowas. 
Du bist uns entgegengeschlichen und hast uns belauscht. Warst du unser Freund gewesen, so hattest du uns 
gewarnt; dann waren wir nicht dort am Wasser ilberfallen und an die Baume gebunden worden.« 

»Aber ihr hattet den Tod Klekih-petras an uns geiacht. oder. wenn dies am; Dankbaikeit vielleicht nicht 
geschehen ware, so hattet ihr uns wenigstens gehindert, unsere Arbeiten fortzusetzen und zu beendigen.« 

»Ihr habt dies auch so nicht tun konnen. Du ersinnst Ausreden, welche ein jedes Kind durchschauen muB. 
Haltst du Intschu tschuna und Winnetou fur so dumm, ja, fur noch dummer als so ein kleines Kind?« 

»Das fallt mir ganz und gar nicht ein. Old Shatterhand ist wieder ohnmachtig geworden. Ware er bei 
BewuBtsein und konnte er sprechen, so wtlrde er dir mitteilen, daB ich die Wahrheit gesagt habe.« 

»Ja, er wtlrde ebenso lilgen wie du. Die Bleichgesichter sind alle Lilgner und Betruger. Ich habe nur einen 



einzigen WeiBen gekannt, in dessen Herz die Wahrheit wohnte; dieser war Klekih-petra, den ihr uns 
ermordet habt. In diesem Old Shatterhand hatte ich mich beinahe getauscht. Ich sah seine Kuhnheit und 
seine Korperkraft und bewunderte inn. In seinem Auge schien die Aufrichtigkeit ihren Sitz zu haben, und 
ich glaubte, ihn lieben zu konnen. Aber er war genau ein solcher Landerdieb wie die Andern; er verhinderte 
euch nicht, uns in die Falle zu locken, und hat mir zweimal seine Faust an den Kopf geschlagen. Warum 
hat der groBe Geist einen solchen Mann geschaffen und ihm ein so falsches Herz gegeben?« 

Ich hatte ihn, als er mich beriihrte, ansehen wollen; aber der Wille fand bei den matten 
Bewegungsnerven keinen Gehorsam. Mein Korper schien aus Aether zu bestehen, ja, gar 
nicht aus durch die Sinne wahrnehmbaren Stoffen zusammengesetzt zu sein und also 
auch gar nichts Wahrnehmbares vernehmen zu konnen. Aber jetzt, als ich dieses Urteil 
Winnetous horte, gehorchten mir die Augenlider. Sie offneten sich und ich sah ihn neben 
mir stehen. Er war jetzt in ein leichtes, leinenes Gewand gekleidet, trug keine Waffe und 
hielt ein Buch in der Hand, auf dessen Einband in groBer Goldschrift das Wort Hiawatha zu 
lesen war. Dieser Indianer, dieser Sohn eines Volkes, welches man zu den "Wilden" zahlt, konnte also nicht 
nur lesen, sondern er besaB sogar Sinn und Geschmack fur das Hohere. Longfellows beruhmtes Gedicht in 
der Hand eines Apache-Indianers! Das hatte ich mir nie traumen lassen! 

»Er hat die Augen wieder often! « rief da Sam, und Winnetou drehte sich zu mir um. Er trat wieder zu mir 
heran, richtete sein Auge lange, lange auf das meinige und fragte dann: 

»Kannst du reden?« 

Ich schilttelte den Kopf. 

»Hast du Schmerzen im Korper?« 

Dieselbe Antwort. 

»Sei aufrichtig mit mir! Wenn man vom Tode erwacht, kann man keine Unwahrheit sagen. Habt ihr vier 
Manner uns wirklich retten wollen?« 



Da machte er eine verachtliche Handbewegung und rief im Tone sittlicher Emporung aus: 

»Lilge, Luge, Luge! Selbst am wieder geoffneten Grabe Luge! Hattest du mir die Wahrheit gestanden, so 
ware mir vielleicht der Gedanke gekommen, daB du anders, daB du besser werden konntest, und ich hatte 
Intschu tschuna, meinen Vater, gebeten, dir das Leben zu schenken. Aber du bist eine solche Furbitte nicht 
wert und muBt sterben. Wir werden dich sehr aufmerksam pflegen, damit du sehr schnell wieder gesund 
und kraftig wirst, die Qualen, welche deiner warten, lange auszuhalten. Als kranker, schwacher Mann sehr 
schnell zu sterben, das ist keine Strafe. « 

Langer konnte ich die Augen nicht often halten; ich schloB sie wieder. Hatte ich doch reden konnen! Sam, 
der sonst so listige Sam Hawkens fiihrte unsere Verteidigung in einer nichts weniger als scharfsinnigen 
Weise; ich hatte ganz anders gesprochen als er. Als ob er diesen meinen Gedanken erraten hatte, stellte er 
jetzt dem jungen Apachenhauptlinge vor: 

»Aber wir haben dir doch bewiesen, klar und unwiderleglich bewiesen, daB wir auf eurer Seite gewesen 
sind. Eure Krieger sollten gemartert werden, und um dies zu verhindern, hat Old Shatterhand mit 
"Blitzmesser" gekampft und ihn besiegt. Er hat also sein Leben fur euch gewagt und soil nun zum Lohne 
dafur gemartert werden! « 



»Ihr habt mir nichts bewiesen, denn auch diese Erzahlung war nichts als Lilge.« 

»Frage Tangua. den Hauptling der Kiowas welcher sich noch in euren Handen befindet!« 

»Ich habe ihn gefragt.« 

»Was sagte er?« 

»DaB du lilgst. Old Shatterhand hat nicht mit "Blitzmesser" gekampft, sondern dieser ist, als wir euch 
iiberfielen, von unsern Kriegern getotet worden.« 

»Das ist eine groBartige Schlechtigkeit von Tangua Ei weift. daB wir heimlich auf eurer Seite standen, und 
will sich nun dafiir dadurch rachen, daB er uns in das Verderben bringt.« 

»Er hat es mir beim groBen Geiste geschworen, also glaube ich ihm und nicht euch. Ich sage dir dasselbe, 
was ich soeben Old Shatterhand gesagt habe: Wilrdet ihr ein offenes Gestandnis abgelegt haben, so hatte 
ich fur euch gebeten. Klekih-petra welcher mein Vater, Freund und Lehrer gewesen ist, hat die Gesinnung 
des Friedens und der Milde in mein Herz gelegt. Ich trachte nicht nach Blut, und mein Vater, der 
Hauptling, tut stets, um was ich ihn bitte. Darum haben wir von alien den Kiowas, welche wir noch immer 
hier gefangen halten, noch keinen getotet; sie mogen das, was sie getan haben, nicht mit ihrem Leben, 
sondern mit Pferden und Waffen, Zelten und Decken bezahlen. Wir sind mit ihnen noch nicht ganz einig 
iiber den Preis, doch wird der AbschluB bald zustande kommen. Rattler ist Klekih-petras Morder, er muB 
sterben. Ihr seid seine Genossen, dennoch wilrden wir vielleicht Nachsicht haben, wenn ihr aufrichtig 
waret; da ihr dies aber nicht seid, so werdet ihr sein Schicksal teilen.« 

Das war ein lange Rede, so lang, wie ich aus dem Mund des schweigsamen Winnetou spater nur selten und 
nur bei den wichtigsten Veranlassungen wieder eine gehort habe. Unser Schicksal lag ihm also wohl mehr 
am Herzen, als er eingestehen wollte. 

» Wir konnen uns doch unmoglich als eure Feinde erklaren, wenn wir eure Freunde sind,« entgegnete Sam. 

»Schweig! Ich sehe ein, daB du mit dieser groBen Luge auf den Lippen sterben wirst. Wir haben euch 
bisher mehr Freiheit gelassen als den andern Gefangenen, damit ihr diesem Old Shatterhand Hilfe leisten 
konntet. Ihr seid dieser Nachsicht nicht wert und werdet von jetzt an strenger gehalten werden. Der Kranke 
braucht euch nicht mehr. Folgt mir jetzt! Ich werde euch den Ort anweisen, den ihr nun nicht mehr 
verlassen dilrft.« 

»Das nicht, Winnetou, nur das nicht! « rief Sam erschrocken aus. »Ich kann mich unmoglich von Old 
Shatterhand trennen! « 

»Du kannst es, denn ich befehle es dir! Was ich will, das wird geschehen!« 

»Aber wir bitten dich, uns wenigstens « 

» Still! « unterbrach ihn der Apache im strengsten Tone. »Ich will kein Wort dagegen horen! Werdet ihr mit 
mir gehen, oder soil ich euch durch meine Krieger binden und fortschaffen lassen?« 

»Wir befinden uns in eurer Gewalt und sind also gezwungen, zu gehorchen. Warm dilrfen wir Old 
Shatterhand wiedersehen?« 

»Am Tage eures und seines Todes.« 



»So lai:': uns, ehe wir dir jetzt folgen, von ihm Abschied nehmen!« 

Er ergriff meine Hande, und ich fuhlte seinen Bartwald auf meinem Gesichte, denn er gab mir einen KuB 
auf die Stirn. Parker und Stone taten ebenso; dann gingen sie mit Winnetou fort, und ich lag einige Zeit 
allein, bis einige Apachen kamen und mich forttrugen, wohin, das wuBte ich nicht, da ich zu schwach war, 
die Augen noch einmal aufzuschlagen. Noch indem sie mich trugen, schlief ich wieder ein. 

Wie lange ich da geschlafen habe, weiB ich nicht. Es war der Genesungsschlaf welcher immer tief zu sein 
und sehr lange zu wahren pflegt. Als ich erwachte, wurde es mir gar nicht schwer, die Augen zu offnen, 
und ich war bei weitem nicht mehr so schwach wie vorher. Ich konnte die Zunge einigermaBen bewegen 
und mit dem Finger in den Mund langen, um diesen von dem geronnenen Blute und von dem Wundeiter zu 
reinigen. 

Ich befand mich zu meinem Erstaunen in einem gemachahnlichen, viereckigen Raume, dessen Seiten aus 
steinernen Mauern bestanden. Er erhielt sein Licht durch die Eingangsoffnung, welche durch keine Ture 
verschlossen war. Mein Lager befand sich in der hintern Ecke. Man hatte da mehrere Grizzlybarenfelle 
ilbereinander gelegt und eine sehr schone. indianische Santillodecke ilber mich gebreitet. In der Ecke neben 
der Ture saBen zwei Indianerinnen, jedenfalls mir zur Pflege und zugleich Bewachung, eine alte und eine 
junge. Die alte war haBlich, wie die meisten alten, roten Squaws, was eine Folge der Ueberanstrengung ist, 
da die Frauen alle selbst die schwersten Arbeiten verrichten mtissen, wahrend die Manner nur dem Kriege 
und der Jagd leben und die ilbrige Zeit untatig verbringen. Die junge war schon, sogar sehr schon. 
Europaisch gekleidet, hatte sie gewiB in jedem Salon Bewunderung erregt. Sie trug ein langes, hellblaues, 
hemdartiges Gewand, welches den Hals eng umschloB und an der Taille von einer Klapperschlangenhaut 
als Gilrtel zusammengehalten wurde. Es war an ihr kein Schmuckgegenstand zu sehen, etwa Glasperlen 
oder billige Milnzen, mit denen die Indianerinnen sich so gern behangen. Ihr einziger Schmuck bestand aus 
ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, blaulich schwarzen Zopfen ihr weit ilber die 
Huften herabreichte. Dieses Haar erinnerte mich an dasjenige von Winnetou. Auch ihre Gesichtszilge 
waren den seinigen ahnlich. Sie hatte dieselbe Sammetschwarze der Augen, welche unter langen, schweren 
Wimpern halb verborgen lagen, wie Geheimnisse, welche nicht ergrtindet werden sollen. Von indianisch 
vorstehenden Backenknochen war keine Spur. Die weich und warm gezeichneten vollen Wangen 
vereinigten sich unten in einem Kinn, dessen Grilbchen bei einer Europaerin auf Schelmerei hatte schlieBen 
lassen. Sie sprach, jedenfalls um mich nicht aus dem Schlaf zu wecken, leise mit der Alten, und als sie 
dabei den schon geschnittenen Mund zu einem Lacheln offnete, blitzten die Zahne wie reinstes Elfenbein 
zwischen den roten Lippen hervor. Die feingeflugelte Nase hatte weit eher auf griechische als auf 
indianische Abstammung deuten konnen. Die Farbe ihrer Haut war eine helle Kupferbronze mit einem 
Silberhauch. Dieses Madchen mochte achtzehn Jahre zahlen, und ich ware jede Wette darauf eingegangen, 
daB es die Schwester Winnetous sei. 

Diese beiden Squaws waren damit beschaftigt, einen weiBgegerbten Ledergilrtel mit roten Stichen und 
Arabesken z 



Ich richtete mich ant jawohl, ich richtete mich auf, und dies wurde mir gar nicht sehr schwer, wahrend ich, 
ehe ich zum letztenmale eingeschlafen war, vor Schu 'ache nicht einmal die Augen hatte offnen konnen. Die 
Alte horte diese meine Bewegung, sah zu mir her und rief, indem sie auf mich deutete: 

»Uff! Aguaninta-hinta!« 

Uff ist der Ausruf des Erstaunens, und aguan inta-hinta heiBt: er ist munter. Das Madchen blickte von ihrer 
Arbeit [Illustration Nr. 1 1 : Nscho-tschi] auf und erhob sich, als sie mich sitzen sah, um sich mir zu nahern. 



»Du bist wach geworden.« sagte sie zu meinem Erstaunen in einem ziemlich gelaufigen Enghsch. »Hast du 
einen Wunsch?« 

Ich offnete wohl den Mund, urn zu antworten, schloB ihn aber wieder, derm es fiel mir ein, woran ich nicht 
gedacht hatte, namlich, daB ich nicht sprechen konnte. Aber ich hatte mich aufsetzen konnen, da war es 
vielleicht moglich, daB es auch mit der Sprache besser ging. Ich machte also den Versuch und antwortete 

»Ja; ich - - habe sogar - - mehrere Wilnsche.« 

Wie froh war ich, als ich meine Stimme horte. Sie klang mir freilich fremd; die Worte kamen gepreBt und 
pfeifend heraus; sie verursachten mir im hintern Munde Schmerzen; aber es waren doch eben wieder 
Worte, nachdem ich drei Wochen lang zu keiner Silbe fahig gewesen war. 

»Sprich leise, oder nur durch Zeichen,« sagte sie. »Nscho-tschi hort, daB dich das Reden schmerzt.« 

»Nscho-tschi ist dein Name?« sagte ich. 



»So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein 
schoner Frilhlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.« 

Nscho-tschi heiBt namlich "schoner Tag". Sie errotete leicht und erinnerte mich: 

»Du wolltest mir deine Wilnsche sagen.« 

»Sage mir vorher, ob du vielleicht meinetwegen hier bist!« 

»Ja, denn ich habe den Befehl erhalten, dich zu pflegen.« 

» Von wem?« 

» Von Winnetou, der mein Bruder ist.« 

»Ich dachte es mir, denn du siehst diesem jungen, tapfern Krieger auBerordentlich ahnlich« 

»Du hast ihn toten wo Hen! « 

Das klang halb wie eine Behauptung und halb wie eine Frage. Sie blickte mir dabei so forschend in die 
Augen, als ob sie mein ganzes Innere ergrunden wolle. 

»Nein,« entgegnete ich. 

»Er glaubt das nicht und halt dich fur seinen Feind. Du hast ihn, den noch keiner ilberwinden konnte, 
zweimal zu Boden geschlagen! « 

»Einmal, um ihn zu retten, und das andere Mai, weil er mich toten wollte. Ich habe ihn lieb gehabt, gleich 
als ich ihn zum erstenmal sah.« 

Wieder ruhte ihr dunkles Auge langere Zeit auf meinem Angesichte; dann sagte sie: 



»Ei glaubt euch nicht, und ich bin seine Schwester. Hast du Schmerzen im Munde?« 

» Jetzt nicht. « 

»Wirst du sclilingen kdnnen?« 

»Ich mochte es versuchen. Darfst du mir Wasser zum Trinken geben?« 

»Ja, und auch zum Waschen: ich werde dir \\ elches holen.« 

Sie ging mit der Alten fort. Was war das? Wie sollte ich es mir deuten? Winnetou hielt uns fur seine 
Feinde, schenkte unsern Beteuerungen vom Gegenteil keinen Glauben und hatte mich doch der Pflege 
seiner eigenen Schwester ilbergeben! Der Grund dazu wurde mir vielleicht spater klar. 

Nach einiger Zeit kamen die beiden Squaws zuruck. Die jilngere hatte ein tassenahnliches GefaB aus 
braunem Ton in der Hand, wie die Pueblo-Indianer sie zu fertigen pflegen. Es war mit kuhlem Wasser 
gefullt. Sie hielt mich fur noch zu schwach, ohne Hilfe zu trinken, und gab es mir deshalb an den Mund. 
Das Schlingen wurde mir schwer, sehr schwer und machte mir grofle Schmerzen; aber es ging, es muBte 
gehen; ich trank in kleinen Schlucken und groflen Pausen, so lange, bis das GefaB leer war. 

Wie erquickte mich das! Nscho-tschi mochte mir das ansehen, derm sie sagte: 

»Das hat dir wohl getan. Ich werde dir spater noch etwas Anderes bringen. Du muBt viel Durst und Hunger 
haben. Willst du dich waschen?« 

»Ob ich es konnen werde?« 

»Versuche es!« 

Die Alte hatte eine ausgehohlte Kurbishalfte voll Wasser gebracht. Nscho-tschi setzte es mir neben das 
Lager und gab mir ein handtuchahnliches Geflecht aus feinem, weichem Bast. Ich versuchte es, aber es 
ging nicht; ich war noch zu schwach. Da tauchte sie einen Zipfel des Geflechtes in das Wasser und begann, 
mir das Gesicht und die Hande zu reinigen, sie, dem vermeintlichen Todfeinde ihres Bruders und Vaters. 
Als sie fertig war, fragte sie mich mit einem leisen, aber sichtbar mitleidigen Lacheln: 

»Bist du stets so hager gewesen wie jetzt?« 

Hager? Ach, daran hatte ich noch gar nicht gedacht! Drei lange Fieberwochen und dabei den 
Wundstarrkrampf, welcher fast stets todlich zu verlaufen pflegt! Dazu keinen Bissen gegessen und keinen 
Tropfen getrunken! Das konnte naturlich nicht ohne Wirkung geblieben sein. Ich befuhlte meine Wangen 
und antwortete dann: 

»Ich bin nie hager gewesen « 

»So sieh einmal dein Bild im Wasser hier!« 

Ich schaute in den Kilrbis und fuhr erschrocken zuruck, denn es blickte mir aus dem Wasser der Kopf eines 
Gespenstes, eines Skeletts entgegen. 

» Welch ein Wunder, daB ich noch lebe! « rief ich aus. 

»Ja, Winnetou sagte das auch. Du hast sogar den langen Ritt hierher uberstanden. Der groBe, gute Geist hat 



dir einen auBerordentlich starken Korper gegeben, denn ein Anderer hatte es nicht filnf Tage unterwegs 
ausgehalten.« 

» Filnf Tage? Wo befinden wir uns?« 

»In unserm Pueblo (* Burgartiger Steinbau der Indianer.) am Rio Pecos. « 

» Sind alle eure Krieger, die uns gefangen nahmen, hierher zuruckgekehit'.'« 

»Ja, alle. Sie wohnen in der Nahe des Pueblo. « 

»Und die gefangenen Kiowas sind auch da?« 

»Auch. Eigentlich sollten sie getotet werden. Jeder andere Stamm wilrde sie zu Tode martern, aber der gute 
Klekih-petra ist unser Lehrer gewesen und hat uns ilber die Gilte des groBen Geistes belehrt. Wenn die 
Kiowas einen Preis der Siihne zahlen, diirfen sie heimkehren.« 

»Und meine drei Gefahrten? WeiBt du, wo sie sich befinden? « 

»Sie sind in einem ahnlichen Raume wie dieser hier, der aber finster ist, angebunden.« 

»Wie geht es ihnen?« 

»Sie leiden keine Not, denn wer am Marterpfahle sterben soil, muB kraftig sein, daB er viel aushalten kann, 
sonst ist es keine Strafe fur ihn.« 

»Also sie so lien sterben - wirklich sterben?« 



»Auch ich?« 

» Auch du! « 

In dem Tone, in welchem sie dies sagte, lag nicht eine Spur von Bedauern. War dieses schone Madchen so 
gefilhllos, dafi die qualvolle Ermordung eines Menschen sie gar nicht beruhrte? 

»Sage mir, ob ich sie vielleicht einmal sprechen kann?« bat ich. 

»Das ist verboten.« 

»Auch nicht bloB einmal sehen, nur von weitem?« 

»Auch das nicht. « 

»So darf ich ihnen aber doch wenigstens eine Botschaft senden?« 

»Auch das ist untersagt.« 

»Ihnen nur sagen lassen, wie ich mich befinde?« 



Sie ilberlegte eine kleine Weile und antwortete dann: 
»Ich will Winnetou, meinen B ruder, darum bitten, daB si 
» Wird Winnetou einmal zu mir kommen?« 

»Aber ich habe mit ihm zu sprechen!« 

»Er nicht mit dir.« 

»Was ich ihm zu sagen habe, ist sehr notwendig « 

»Filr ihn?« 



»Er wird nicht kommen. Soil vielleicht ich es ihm sagen, wenn es etwas ist, was du mir anvertrauen kannst. 
[?]« 

»Nein; ich daiike dir! Ich konnte es dir wold sagen: ich konnte dir liberhaupt alles. alles anvertrauen; aber 
wenn er zu stolz ist, mit mir zu sprechen, so habe auch ich meinen Stolz, nicht durch einen Boten mit ihm 
zu reden.« 

»Du wirst ihn nicht eher als am Tage deines Todes sehen. Wir werden jetzt gehen. Wenn du etwas 
wiinschest oder brauchst, so gieb ein Zeichen. Wir horen es, und es wird dann sogleich jemand kommen.« 

Sie zog ein kleines, tonernes Pfeifchen aus der Tasche und gab es mir; dann entfernte sie sich mit der Alten. 

War es nicht eine ganz abenteuerliche Lage, in der ich mich befand? Ich lag todkrank und sollte gut 
gepflegt werden, um dann gute Krafte zum langsamen Sterben zu haben! Der, welcher meinen Tod 
forderte, lieB mich durch seine Schwester pflegen und nicht etwa durch eine alte, unsaubere, haflliche 
Indianersquaw! 

Es braucht wohl kaum erwahnt zu werden, daB mein Gesprach mit Nscho-tschi nicht so glatt verlief, wie es 
sich lesen laBt. Das Reden machte mir Schwierigkeit und war mit ziemlich groBen Schmerzen verbunden; 
ich sprach also sehr langsam und muBte oft innehalten, um auszuruhen. Das ermattete mich, und darum 
schlief ich ein, als "Schoner Tag" sich entfernt hatte. 

Als ich einige Stunden darauf erwachte, hatte ich groBen Durst und einen wahrhaft barenmaBigen Appetit. 
Ich versuchte das Zaubermittel und blies in das Pfeifchen. Augenblicklich erschien die Alte, welche 
drauBen vor der Tilr gesessen haben muBte, steckte den Kopf herein und sprach eine Frage aus. Ich 
verstand nur die Worte ischha und ischtla, wuBte aber nicht, was sie bedeuteten. Sie hatte mich gefragt, ob 
ich essen oder trinken wolle. Ich machte das Zeichen des Trinkens und des Kauens, worauf sie verschwand. 
Kurze Zeit darauf kam Nscho-tschi mit einer tonernen Schilssel und einem Loffel. Sie kniete neben 
meinem Lager nieder und gab mir loffelweise zu essen, wie einem Kinde, welches noch nicht selbststandig 
essen kann. Die wilden Indianer filhren derartige GefaBe und Gerate nicht; der tote Klekih-petra war auch 
hierin der Lehrer der Apachen gewesen 

Die Schilssel enthielt eine sehr konsistente Fleischbrilhe mit Maismehl, welches die Indianerinnen derart 
bereiten, daB sie die Maiskorner mtihsam zwischen Steinen zerstoBen und zerreiben. Fur den Haushalt 



Intschu tschunas aber hatte Klekih-petra zu diesem Zwecke eine Handmilhle gebaut, die mir spater als eine 
grofle Sehenswtirdigkeit gezeigt wurde 

Das Essen wurde mir naturlich noch viel schwerer als das Trinken; ich konnte die Schmerzen kaum 
aushalten und hatte bei jedem Loffel laut aufschreien mogen; aber die Natur verlangte Speise, und wenn ich 
nicht verhungern wollte, so muBte ich etwas genieBen. Darum gab ich mir Muhe, von der Qual, welche ich 
hatte, nichts merken zu lassen, konnte aber nicht verhindern, daB mir das Wasser dabei aus den Augen lief. 
Nscho-tschi bemerkte dies gar wohl und sagte, als ich den letzten Loffel voll glticklich ilberwunden hatte: 

»Du bist zum Umfallen schwach, aber dennoch ein starker Mann, ein Held. Warest du doch als Apache und 
nicht als lugenhaftes Bleichgesicht geboren! « 

»Ich luge nicht; ich luge nie; das wirst du schon noch einsehen!« 

»Ich mochte es dir sehr gern glauben; aber es gab nur ein einziges Bleichgesicht, welches die Wahrheit 
redete; das war Klekih-petra. den wir alle liebten. Er war miBgestaltet, hatte aber einen hellen Geist und ein 
gutes, schones Herz. Ihr habt ihn ermordet, ohne daB er euch beleidigte; dafur werdet ihr sterben mtissen 
und mit ihm begraben werden.« 

»Wie? Er ist noch nicht begraben?« 

»Nein.« 

»Aber seine Leiche kann sich doch unmoglich so lange gehalten haben!« 

»Er liegt in einem festen Sarge, durch welchen keine Luft zu dringen vermag. Du wirst diesen Sarg kurz 
vor deinem Tode zu sehen bekommen.« 

Nach dieser trostlichen Versicherung entfernte sie sich. Es ist doch fur einen, der zu Tode gemartert werden 
soil, eine ungeheure Beruhigung, vorher den Sarg eines Andern ansehen zu dilrfen! Uebrigens dachte ich 
jetzt noch gar nicht im Ernste an meinen Tod. Ich war im Gegenteile ilberzeugt, daB ich leben bleiben 
wilrde; ich besaB ja ein unfehlbares Mittel, unsere Unschuld zu beweisen, namlich die Haarlocke, welche 
ich Winnetou, als ich ihn befreite, abgeschnitten hatte. 

Aber besaB ich sie wirklich noch? Hatte man sie mir nicht abgenommen? Ich erschrak, als ich mir diese 
Frage stellte; ich hatte wahrend der kurzen Augenblicke, in denen ich wach gewesen war, gar nicht daran 
gedacht, daB die Indianer ihre Gefangenen auszuplilndern pflegen. Ich muBte also meine Taschen 
untersuchen. 

Ich trug noch meinen vollstandigen Anzug, von welchem man mir kein Stilck genommen hatte. Was das 
heiBt, drei Wochen lang in einem solchen Anzuge im Wundfieber zu liegen, das kann man sich wohl 
denken. Es gibt Verhaltnisse, die man zwar durchmachen und erleben kann, niemals aber in einem Buche 
miterzahlen darf Der Leser eines solchen Buches beneidet wohl einen solchen weitgereisten, 
vielerfahrenen Mann, wilrde sich aber, wenn er die mit Schweigen iibergangenen Nebendinge erfuhre, sehr 
htiten, in seine FuBstapfen zu treten. Wie oft bekomme ich Briefe von begeisterten Lesern meiner Werke, in 
denen sie mich benachrichtigen, daB sie ahnliche Reisen unternehmen wollen. Sie fragen mich nach den 
Kosten, nach der Ausrustung wenige aber auch nach den Kenntnissen, welche dazu gehoren, und nach den 
Sprachen, die man vorher zu lernen hat. Diese abenteuerlichen Herren kuriere ich mit untruglicher 
Sicherheit durch meine aufrichtigen Antworten, in denen ich den Vorhang von jenen verschwiegenen 
Dingen ziehe. 

Also, ich untersuchte meine Taschen und fand zu meinem freudigen Erstaunen, daB ich noch alles, alles 
besaB; man hatte mir nur die Waffen abgenommen. Ich zog die Sardinenbilchse hervor; meine 



Aufzeichnungen befanden sich noch drin und zwischen ihnen die Locke Winnetous. Ich steckte sie wieder 
ein und legte mich beruhigt nieder, urn wieder einzuschlafen. Kaum war ich gegen Abend wieder erwacht, 
so erschien, ohne daB ich das Zeichen gegeben hatte, Nscho-tschi und brachte mir wieder Essen und 
frisches Wasser. Ich aB diesmal ohne ihre Hilfe und legte ihr dabei verschiedene Fragen vor, welche sie je 
nach dem Inhalte derselben beantwortete oder nicht. Es waren ihr naturlich VerhaltungsmaBregeln gegeben 
worden, nach denen sie sich streng zu richten hatte. Es gab da vieles, was ich nicht wissen durfte. Ich fragte 
sie auch, warum ich nicht ausgepltindert worden sei. 

» Winnetou, mein Bruder, hat es so befohlen,« antwortete sie. 

»WeiBt du den Grand davon?« 

»Nein; ich habe nicht gefragt. Aber etwas Anderes, Besseres kann ich dir sagen.« 

»Was?« 

»Ich war bei den drei Bleichgesichtern, die mit dir gefangen worden sind.« 

»Du selbst?« fragte ich erfreut. 

»Ja. Ich wollte ihnen sagen, daB du dich besser fuhlst und bald wieder gesund sein wirst. Da bat mich der, 
welcher Sam Hawkens hieB, dir etwas zu geben, was er wahrend der drei Wochen, in denen er dich pflegte, 
fur dich angefertigt hat.« 



»Ich habe Winnetou gefragt, ob ich es dir bringen darf, und er hat es erlaubt. Hier ist es. Du muBt ein 
starker und kilhner Mann sein, daB du es wagest, den grauen Baren bloB mit dem Messer anzugreifen. Sam 
Hawkens hat es mir erzahlt.« 

Sie gab mir eine Kette, welche Sam von den Zahnen und Krallen des Grizzly angefertigt hatte; die beiden 
Ohrenspitzen waren auch dabei. 

»Wie hat er das machen konnen?« fragte ich verwundert. »Doch nicht mit den Handen allein. Hat man ihm 
sein Messer und sein anderes Eigentum gelassen?« 

»Nein, du bist der Einzige, dem man nichts genommen hat. Aber er sagte meinem Bruder, daB er diese 
Kette machen wolle, und bat sich die Krallen und Zahne des Baren zurtick Winnetou erfullte ihm diesen 
Wunsch und gab ihm auch die Gegenstande, welche zur Anfertigung der Kette notig waren. Trage sie 
gleich heute, derm du wirst dich nicht lange ilber sie freuen konnen.« 

»Wohl well ich nun bald sterben muB?« 



Sie nahm mir die Kette aus der Hand und legte sie mir um den Hals. Ich habe sie von diesem Tage an stets 
getragen, so oft ich im wilden Westen war, und antwortete jetzt der schonen Indianerin: 

»Dieses Andenken konntest du mir auch spater bringen. Es eilt nicht so, denn ich werde es hoffentlich noch 
viele Jahre tragen.« 

»Nein, nur kurze, sehr kurze Zeit.« 



»Glaube das nicht! Eure Krieger werden mich nicht toten!« 

»GeM iB! Es ist im Rate der Alten beschlossen « 

»So werden sie anders beschlieBen, wenn sie horen, daB ich unschuldig bin.« 

»Das glauben sie nicht! « 

»Sie werden es glauben, derm ich kann es ihnen beweisen « 

»Beweise es, beweise es! Ich wilrde mich sehr, sehr freuen, wenn ich horte, daB du kein Lilgner und kein 
Verrater bist! Sage mir, womit du es beweisen kannst damit ich es Winnetou, meinem Bruder, mitteile!« 

»Er mag zu mir kommen, um es zu erfahren.« 

»Das tut er nicht.« 

»So erfahrt er es nicht. Ich bin nicht gewohnt, mir Freundschaft zu erbetteln oder durch Boten mit jemand 
zu verkehren, der selber zu mir kommen kann.« 

»Was seid ihr Krieger doch fur harte Leute! Ich hatte dir so gern die Verzeihung Winnetous gebracht; du 
wirst sie aber nicht erhalten.« 

» Verzeihung brauche ich nicht, denn ich habe nichts getan, was mir vergeben werden milBte. Aber um 
einen andern Gefallen werde ich dich bitten. « 

»Um welchen?« 

»Falls du wieder zu Sam Hawkens kommen solltest, so sage ihm, daB er keine Sorge zu haben brauche. 
Sobald ich mich von meiner Krankheit erholt habe, werden wir frei sein.« 

»Das glaube ja nicht! Diese Hoffnung wird dir nicht in Erfullung gehen.« 

»Es ist keine Hoffnung, sondern eine vollstandige GewiBheit. Du wirst mir spater sagen, daB ich recht 
gehabt habe.« 

Der Ton, in welchem ich dies sagte, war so ilberzeugt, daB sie es aufgab, mir zu widersprechen. Sie ging. 

Mein Gefangnis lag also am Pecosflusse, jedenfalls in einem Nebentale desselben, denn wenn ich durch die 
Tilr blickte, so fiel mein Auge auf die gegenilberliegende Felswand, die gar nicht weit entfernt war, 
wahrend das Tal des Rio Pecos viel breiter sein muBte. Gern hatte ich das Pueblo, in oder auf welchem ich 
mich befand, gesehen; aber ich konnte nicht vom Lager auf, und selbst wenn icb stark genug zum Gehen 
gewesen ware, wuBte ich nicht, ob es mir erlaubt war, den Raum zu verlassen, in welchem ich mich befand. 

Als es dunkel wurde, kam die Alte und setzte sich in die Ecke. Sie brachte eine Lampe mit, welche aus 
einem kleinen ausgehohlten Kilrbis bestand und die ganze Nacht brannte. Diese Alte hatte die groberen 
Arbeiten zu verrichten, wahrend Nscho-tschi, um mich so auszudrucken, das Prinzip der Gastlichkeit 
vertreten sollte. 

Ich tat die ganze Nacht hindurch wieder einen tiefen, kraftigenden Schlaf und fuhlte mich am andern 
Morgen starker als am vorhergehenden Tage. Heut bekam ich nicht weniger als sechsmal zu essen, immer 
dicke Fleischbruhe mit Maismehl; das war ebenso aahrhaft wie leicht\ erdauhch und wurde auch die 



nachsten Tage und so lange fortgesetzt, bis ich besser schlingen und also festere Nahrung, besonders 
Fleisch, zu mir nehmen konnte. 

Mein Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag. Das Skelett bekam wieder Muskeln, und die Geschwulst im 
Munde nahm stetig ab. Nscho-tschi blieb ganz dieselbe, immer freundlich besorgt und dabei iiberzeugt, daB 
mir der Tod immer naher riicke Spater bemerkte ich, daB ihr Auge, wenn sie sich unbeachtet glaubte, mit 
einem wehmutigen still fragenden Bhcke auf mir ruhte lis schien daB sie begann. mich zu bedauern. Ich 
hatte ihr also unrecht getan, als ich annahm, daB sie kein Herz besitze. Ich fragte sie, ob es mir erlaubt sei, 
meinen Kerker, dessen Tilr stets often stand, zu verlassen; sie verneinte dies und teilte mir mit, daB Tag und 
Nacht, ohne von mir bemerkt worden zu sein, zwei Wachter vor der Tilr gesessen hatten und mich auch 
ferner bewachen wilrden. Ich hatte es nur meiner Schwache zu verdanken, daB ich nicht gefesselt worden 
war, und sie glaubte, daB man mir nun bald Riemen anlegen werde. 

Das forderte mich zur Vorsicht auf. Ich verlieB mich zwar auf die Haarlocke, aber es war doch vielleicht 
moglich, daB sie die beabsichtigte Wirkung verfehlte; dann konnte ich mich nur auf mich selbst verlassen, 
auf mich und meine Korperstarke, und diese Kraft muBte ich ilben. Aber wie? 

Ich lag nur, wenn ich schlief, auf den Barenfellen; sonst saB ich auf oder ging im Raume auf und ab. Ich 
sagte Nscho-tschi, daB ich das niedrige Sitzen nicht gewohnt sei, und fragte sie, ob nicht ein Stein zu 
bekommen sei, der mir als Sitz dienen konne. Dieser Wunsch wurde Winnetou vorgetragen, und er schickte 
mir mehrere von verschiedener GroBe; der schwerste konnte etwas ilber einen Zentner wiegen. Mit diesen 
Steinen ilbte ich mich, so oft ich allein war. Gegen meine Pflegerinnen simulierte ich noch Schwache; in 
Wirklichkeit aber wurde es mir schon nach vierzehn Tagen nicht mehr schwer, den groBen Stein vielmal 
nacheinander hoch emporzuheben. Das verbesserte sich noch weiter, und als die dritte Woche vergangen 
war, wuBte ich, daB ich meine fruhere Korperkraft \ ollstandig wieder hatte. 

Ich war nun sechs Wochen hier und hatte nicht gehort, daB die gefangenen Kiowas entlassen worden seien. 
Das war eine Leistung, gegen zweihundert Mann so lange zu ernahren! Jedenfalls aber hatten die Kiowas 
dafur zu zahlen. Je langer sie blieben, ohne auf die Vorschlage der Apachen einzugehen, desto bedeutender 
wurde naturlich das Losegeld. 

Da, es war an einem schonen, sonnigen Spatherbstmorgen, brachte Nscho-tschi mir mein Frilhessen und 
setzte sich, wahrend ich aB, bei mir nieder, wahrend sie sich in der letzten Zeit sofort entfernt hatte. Ihr 
Auge blieb weich und mit einem feuchten Schimmer auf mir haften, und endlich rollte ihr gar ein 
Tranentropfen ilber die Wange herab. 

I ii, w r in t? fi igte i< Li \\ s ist jeschehen, das dich so betrtlbt?« 

»Es soil erst geschehen, heute.« 

»Was?« 

»Die Kiowas werden frei und ziehen fort. Ihre Boten sind in dieser Nacht unten am Flusse angekommen 
mit all den Gegenstanden, die sie uns bezahlen rmissen >• 

»Und das betrilbt dich so? Du milBtest doch eigentlich Freude darilber haben! « 

»Du weiBt nicht, was du sprichst, und ahnst nicht, was dir bevorsteht. Der Abschied der Kiowas soil 
dadurch gefeiert werden, daB man dich und deine drei weiBen Brilder an die Marterpfahle bindet.« 

Ich hatte das schon lange kommen sehen und erschrak doch, als ich es horte. Also heut war der Tag der 
Entscheidung, vielleicht mein letzter Tag! Was wurde er mir gebracht haben, wenn er sich am Abende zur 
Rilste neigte? Ich heuchelte Gleichgilltigkeit und aB, scheinbar ruhig, weiter; als ich fertig war, gab ich ihr 



das GefaB. Sie nahm es, stand auf und ging. Unter dem Eingange drehte sie sich urn, kam noch einmal auf 
mich zu, reichte mir die Hand und sagte, ihre Tranen nicht langer zuriickhaltend: 

»Ich kann jetzt zum letztenmale zu dir sprechen. Leb wohl! Du wirst Old Shatterhand genannt und bist ein 
starker Krieger. Sei auch stark, wenn sie dich martern! Nscho-tschi ist sehr betrilbt ilber deinen Tod; aber 
sie wilrde sich sehr freuen, wenn keine Qual es vermochte, dir einen Laut des Schmerzes und der Klage zu 
entlocken. Mache mir diese Freude und stirb als ein Held! « 

Nach dieser Bitte eilte sie hinaus. Ich trat an den Eingang, um ihr nachzublicken; da wurden die Laufe 
zweier Gewehre auf mich gerichtet; die beiden Wachter taten ihre Pflicht. Hatte ich einen Schritt hinaus 
getan, so ware ich sicher erschossen oder absichtlich so verwundet worden. daB ich nicht weiter konnte. An 
eine Flucht war nicht zu denken, die ilberhaupt miBlingen muBte, weil ich die Oertlichkeit nicht kannte. Ich 
zog mich also schnell in mein Gefangnis zuruck. 

Was sollte ich tun? Das Beste war jedenfalls, das Kommende ruhig abzuwarten und im gegebenen 
Augenblicke die Wirkung der Haarlocke zu versuchen. Der Blick, welchen ich jetzt in das Freie geworfen 
hatte, war ganz geeignet, mich davon zu ilberzeugen, daB ein Fluchtgedanke Wahnsinn gewesen ware. Ich 
hatte zwar von den indianischen Pueblos gelesen, aber noch keines gesehen. Sie sind zum Zwecke der 
Verteidigung errichtet, und ihre Bauart, so eigenartig sie ist, entspricht dieser Bestimmung auf das 
allerbeste. 

Sie fullen gewdhnlich tiefe Felsenlilcken aus, bestehen durchweg aus festem Stein- und Mauerwerk und 
setzen sich aus einzelnen Stockwerken zusammen, deren Zahl sich nach der Oertlichkeit richtet. Jedes 
hohere Stockwerk tritt ein Stuck zuruck, so daB vor ihm eine Plattform liegt, welche von der Decke des 
darunterliegenden Stockes gebildet wird. Das Ganze gewahrt den Anblick einer Stufenpyramide, deren 
Etagen sich je hoher desto mehr und tiefer in die Felsenlticke hineinziehen. Das Parterre steht also am 
weitesten vor und ist am breitesten, wahrend die folgenden Etagen immer schmaler werden. Diese 
Stockwerke sind nicht etwa, wie bei unsern Hausern, in ihrem Innern durch Treppen verbunden, sondern 
man gelangt zu ihnen nur von auBen mittelst Leitern, welche angelegt und wieder weggenommen werden 
konnen. Rilckt ein Feind heran, so werden diese Leitern entfernt, und er kann nicht herauf, auBer er hatte 
Leitern mitgebracht; aber auch in diesem Falle milBte er jede Etage einzeln erstilrmen und sich den 
Geschossen der auf den oberen Plattformen stehenden Verteidiger aussetzen, wahrend diese vor seinen 
Waff en vollstandig sichei sind 

Auf einem solchen Pyramidenpueblo befand ich mich, und zwar. wie ich jetzt gesehen hatte, auf dem 
achten oder neunten Stockwerke derselben. Wie konnte man da fliehend hinunterkommen, da sich auf alien 
unter mir liegenden Plattformen Indianer befanden! Nein, ich muBte bleiben. Ich warf mich also auf mein 
Lager und wartete. 

Das waren schlimme, beinahe unertragliche Stunden; die Zeit rilckte mit wahrer Schneckenlangsamkeit 
vor, und es wurde fast Mittag, ohne daB etwas eintrat, was die Vorhersage der Indianerin bestatigte. Da, 
endlich horte ich drauBen die nahenden Schritte mehrerer Personen. Winnetou kam herein, gefolgt von fiinf 
Apachen. Ich blieb, mich ganz unbefangen stellend, liegen. Er lieB einen langen, forschenden Blick ilber 
mich gleiten und sagte dann: 

»01d Shatterhand mag mir mitteilen, ob er jetzt wieder gesund ist! « 

»Noch nicht ganz,« antwortete ich. 

»Aber sprechen kannst du, wie ich hore?« 

».Ta.« 



»Und laufen auch?« 



»Hast du das Schwimmen gelernt?« 

»Ein wenig.« 

»Das ist gut, denn du wirst schwimmen milssen. WeiBt du noch, an welchem Tage du mich wiedersehen 
solltest?« 

»An meinem Todestage.« 

»Du hast es dir gemerkt. Dieser Tag ist heute da. Steh auf; du so list gefesselt werden.« 

Es ware Unsinn gewesen, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten. Ich hatte sechs Rote gegen mich, 
denen es nicht schwer werden konnte, mich mit Gewalt aufzurichten. Ich hatte zwar einige von ihnen 
niederschlagen konnen, aber dadurch nichts erreicht, als daB das Verhalten der andern dadurch gegen mich 
verscharft worden ware. Ich erhob mich also von dem Lager und hielt ihnen meine Hande hin; sie wurden 
mir vorn zusammengebunden, und dann bekam ich zwei Riemen so an die FtiBe, daB ich zwar langsam 
gehen oder auch steigen, aber nicht in weiten, schnellen Satzen entspringen konnte. Dann schaffte man 
mich hinaus auf die Plattform. 

Von hier fiihrte eine Leiter nach der nachst unteren Etage; es war nicht eine Leiter nach unserem Begriffe, 
sondern ein starker Holzpfahl, in welchen tiefe Kerben eingeschnitten waren, die als Stufen dienten. Drei 
Rote stiegen hinab; hierauf muBte ich folgen, was trotz der Fesseln keine Schwierigkeit bot, und dann 
folgten die beiden andern. In dieser Weise ging es von Stockwerk zu Stockwerk, immer weiter hinab. Auf 
alien Plattformen standen Weiber und Kinder, welche mich neugierig aber still betrachteten und dann hinter 
uns herkamen. Sie zahlten, als wir nach dem untersten Stockwerke den Boden erreichten, einige Hundert 
und bildeten auch weiterhin unser Gefolge, das Publikum, welches das Schauspiel unseres Todes genieBen 
wollte. 

Es war so, wie ich gedacht hatte; das Pueblo lag in einem schmalen Seitentale, welches bald auf das breite 
Tal des Rio Pecos mtindete. Nach diesem letzteren wurde ich gefuhrt. Der Pecos ist ilberhaupt kein 
wasserreicher FluB und hat im Sommer und Herbste noch weniger Wasser als im Winter und Frilhling; 
doch gibt es tiefe Stellen, bei denen man auch wahrend der heiBen Jahreszeit fast gar keine Abnahme 
bemerkt; da gibt es dann fetten Gras- und reichen Baumwuchs, welcher die Indianer zum Aufenthalte 
veranlaBt, weil ihre Pferde hier immer Weide finden. Eine solche Stelle sah ich vor mir liegen. Das Tal des 
Flusses war wohl eine gute halbe Wegsstunde breit und an beiden Ufern rechts und links von uns mit 
Busch und Wald bestanden woran sich grime Grasstreifen schlossen. Grad vor uns aber erlitt der Wald, 
auch auf beiden Ufern, eine Unterbrechung, tiber deren Ursache nachzudenken ich jetzt nicht Zeit hatte. 
Grad da, wo das Seitental, in welchem sich das Quertal befand, auf das Tal des Flusses mtindete, gab es 
einen Sandstreifen. welcher wohl fiinfhundert Schritte breit war, in ganz gerader Richtung auf das Wasser 
ftihrte und sich jenseits desselben, am andern Ufer, fortsetzte; er glich also einem hellen Striche, welcher 
quer tiber das grime Tal des Rio Pecos gezogen war. Auf dieser breiten, sandigen Linie war kein Gras, kein 
Strauch, kein Baum zu sehen, eine riesige Zeder ausgenommen. welche jenseits des Flusses mitten auf dem 
unfruchtbaren Streifen stand. Sie hatte infolge ihrer Starke dem Naturereignisse widerstanden, durch 
welches der Sandstreifen quer tiber das Tal gezogen worden war. Sie stand nicht am Ufer, sondern in 
ziemlicher Entfernung von demselben und war von Intschu tschuna bestimmt worden, bei dem Ereignisse 
des heutigen Tages eine Rolle zu spielen. 

Am diesseitigen Ufer herrschte reges Leben. Da sah ich zunachst unsern Ochsenwagen, den die Apachen 
erbeutet und mitgenommen hatten. Jenseits des unfruchtbaren Sandes weideten die Pferde, welche die 
Kiowas gebracht hatten, um die Gefangenen auszulosen. Da waren auch die Zelte aufgeschlagen und die 



verschiedenen Waffen an :ge Hit \ elche ebenso als Losegeld dienten. Dazwtschen bewegte sich Intschu 
tschuna mit denjenigen seiner Leute, welche diese Tribute zu taxieren hatten. Tangua war bei ihnen, derm 
man hatte ihn und die Gefangenen schon freigelassen. Ein kurzer Blick auf das Gewilhl von roten, 
phantastisch gekleideten Gestalten sagte mir, daB gewiB sechshundert Apachen anwesend w aren 

Als sie uns kommen sahen, zogen sie sich schnell zusammen und bildeten einen weiten, mehrgliedrigen 
Halbkreis um den Ochsenwagen, zu dem ich gefuhrt wurde. Die Kiowas gesellten sich auch zu ihnen. 

Als wir den Wagen erreichten, sah ich Hawkens, Stone und Parker, welche dort angebunden waren, doch 
nicht an den Wagen, sondern an Pfahlen, welche fest und tief in die Erde gerammt waren. Ein vierter war 
leer; an diesen wurde ich befestigt. Das also waren die Marterpfahle, an denen wir unser Leben in elender, 
schmerz- und qualhafter Weise beschlieBen sollten! Sie waren in einer Reihe nebeneinander eingeschlagen, 
und zwar so, daB wir nur durch geringe Zwischenraume von- 

[Illustration Nr. 12: Am Marterpfahl] einander [voneinander] getrennt wurden und miteinander sprechen 
konnten. Sam befand sich neben mir; dann kamen Stone und Parker. In unserer Nahe lagen viele Bilndel 
dilrren Holzes, welche dazu bestimmt waren, um uns aufgehauft zu werden, wenn wir nach den 
vorangegangenen, vielartigen Martern verbrannt werden sollten. 

Meine drei Gefahrten schienen wahrend ihrer Gefangenschaft auch keine Not gelitten zu haben, denn sie 
sahen ganz wohlgenahrt aus, machten aber nichts weniger als frohe Gesichter. 

»Ah, Sir, da kommt auch Ihr!« sagte Sam. »Ist eine armselige, eine ganz armselige Operation, welche sie 
mit uns vornehmen wollen, und ich glaube nicht, daB wir sie ilberstehen werden. Das Sterben und 
Totgeschlagenwerden greift den Korper so sehr an, daB man es nur selten ilberlebt. Sollen nachher sogar 
noch verbrannt werden, wenn ich mich nicht irre. Was sagt Ihr dazu, Sir?« 

»Habt Ihr Hoffnung auf Rettung, Sam?« fragte ich ihn. 

»WilBte nicht, wer kommen sollte, uns herauszuholen. Habe schon wochenlang alle meine drei Gedanken 
angestrengt, aber keine einzige passende Idee gefunden. Wir steckten in einem finstern Felsenloche, waren 
ilberdies fest angebunden und hatten auBerdem noch mehrere Wachter. Wie will man da loskommen! Wie 
habt derm Ihr es gehabt?« 

» Sehr gut! « 

»Glaube es; man sieht es Euch an. Seid ja herausgefuttert wie ein Ganserich, der zu Martini gebraten 
werden soil! Wie steht es derm mit der Wunde?« 

»Leidlich. Sprechen kann ich wieder, wie ihr hort, und die Geschwulst, die noch ilbrig ist, wird wohl auch 
bald verschwinden.« 

»Bin ilberzeugt davon! Diese liebe Geschwulst wird heut so radikal geheilt werden, daB nichts von ihr 
ilbrig bleibt, aber auch von Euch selber nichts, als ein Haufchen Menschenasche. Ich sehe keine Rettung fur 
uns, und dennoch ist es mir gar nicht wie Sterben zu Mute. Ihr mogt es mir glauben oder nicht, ich habe 
keine Angst und keine Sorge, [.] Es ist mir ganz so, als ob diese Roten uns ganz und gar nichts anhaben 
konnten, als ob ganz plotzlich irgendwoher ein Befreier kommen werde.« 

»Moglich! Auch ich habe die Hoffnung noch nicht verloren. Ich mochte sogar wetten, daB wir uns heut 
abend, am Schlusse dieses so gefahrlichen Tages, ganz wohl befinden werden.« 

»Das kormt eben nur Ihr sagen, der Ihr ein ausgemachtes Greenhorn seid. Ganz wohl befinden werden! 
Dummheit! Von "ganz wohl" kann keine Rede sein; ich wurde Gott danken, wenn ich mich heut abend 



ilberhaupt befande.« 

»Ich habe Euch doch ofters gesagt und wohJ auch bewiesen, 

[Tafel Nr. 6: "Bd. VII. Das Ganze gewahrte den Anblick einer Felsenpyramide. (Zu S. 268.)"] daB deutsche 
Greenhorner ganz andere Kerls sind als die hiesigen.« 

»So? Was wollt Ihr damit sagen? Ihr habt so einen eigenen Ton dabei. 1st Euch vielleicht ein guter Gedanke 
gekommen?« 



» Welcher? Und wann?« 

»An dem Abende, an welchem es Winnetou und seinem Vater gelang, zu entfliehen.« 

»Da kam Euch ein Gedanke? Sonderbar! Der wird uns heut nichts niitzen, denn als er Euch damals kam, da 
wuBtet Ihr ja nicht, daB wir hier bei den Apachen so schone Garconlogis bekommen wilrden. Wie heiBt 
denn dieser Gedanke?« 



»Haarlocke?« wiederholte er erstaunt »Sagt eiumal. Sir. wie es sich mit Eurem Oberstilbchen verhalt! Habt 
Ihr etwa ein Rattennest darin?« 



»Aber was faselt Ihr denn da von einer Haarlocke? Hat Euch etwa eine fruhere Geliebte ihren Zopf 
geschenkt, den Ihr den Apachen zum Prasent machen wollt? « 

»Nein, sondern ich habe sie von einem Manne.« 

Er sah mich an, als ob er an meinem Verstande zweifle, schuttelte den Kopf und sagte: 

»Hort, geliebter Sir, es ist wirklich nicht richtig in Eurem Kopfe. Eure Verwundung muB da etwas 
zuruckgelassen haben, was uberfliissig ist. Wahrscheinlich habt Ihr die Haarlocke im Gehirn, nicht aber in 
der Tasche. Denn ich wilBte nicht, wie wir durch einen Haarzopf hier von den Marterpfahlen loskommen 
konnten.« 

»Hm, ja; es ist eben eine Greenhornidee, und wir milssen ruhig abwarten, ob sie sich bewahrt oder nicht. 
Was ilbrigens das Loskommen von den Marterpfahlen betrifft, so bin ich wenigstens in Beziehung auf 
meine Person sicher, daB ich nicht an dem meinigen hangen bleibe.« 

»Natilrlich! Wenn man Euch verbrannt hat, hangt Ihr nicht mehr daran.« 

»Pshaw\ Ich komme los, ehe man die Martern mit uns beginnt.« 

»So? Welchen Grund habt Ihr, dies zu glauben?« 

»Ich soil schwimmen « 



»Schwimmen?« fragte er, indem er abermals 
auf seinen Patienten. 



i Blick so auf mich richtete, wie ungefahr der Irrenarzt 



» Ja, schwimmen. Und das kann ich doch hier am Pfahle nicht. Man mufl mich also losbinden.« 

»Alle Wetter! Wer hat Euch denn gesagt, daB Ihr schwimmen sollt?« 

»Winnetou.« 

»Und wann sollt Ihr schwimmen? « 

»Heut natilrlich - jetzt.« 

»Good lack\ Wenn er dies gesagt hat, so ist es freilich grad wie ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken 
bricht. Es scheint, Ihr sollt urn Euer Leben kampfen.« 

»Das denke ich auch.« 

» So wird es mit uns ebenso der Fall sein, denn ich glaube nicht, daB man mit Euch anders verfahren wird 
als mit uns. In diesem Falle ist unsere Lage allerdings nicht so verzweifelt, wie ich bisher angenommen 
habe.« 

»Das denke ich auch. Wir werden uns wahrscheinlich retten konnen.« 

»Oho! Bildet Euch nun nur nicht gleich zu viel ein! Wenn man uns um das Leben kampfen laBt, so wird 
man uns die Sache mdglichst schwierig machen. Aber es gibt Beispiele, daB in solchen Fallen weiBe 
Gefangene gerettet worden sind. Habt Ihr denn das Schwimmen gelernt, Sir?« 

»Ja.« 

» Aber wie! « 

»So, daB ich glaube, mich vor keinem Indianer furchten zu mtissen.« 

»Hort. bildet Euch nichts ein! Diese Kerls schwimmen \\ 

»Und ich wie ein Fischotter, der Fische fangt und friBt.« 

»Ihr schneidet auf.« 

»Nein. Das Schwimmen ist eine meiner 

Lieblingsbeschaftigungen gewesen. Habt Ihr vielleicht e 

».Ta.« 



: die Wasserratten, \ 



n Wassertreten gehort?« 



»Konnt Ihr es?« 

»Nein; ich habe es auch nicht gesehen.« 

»So ist es moglich, daB Ihr es heut zu sehen bekommt. Wenn es sich wirklich darum handelt, daB n 



Gelegenheit bieten will, mein Leben durchs Schwimmen zu retten, so bin ich fasl iiberzeugt. daB ich diesen 
Tag ilberleben werde.« 

»Will es Euch wunschen, Sir! Und hoffentlich bietet man uns eine ahnliche Gelegenheit. Das ist immer 
besser, als hier am Pfahle hangen zu bleiben. Ich will doch lieber im Kampfe fallen, als mich zu Tode 
martern lassen.« 

Wir waren nicht gehindert worden, miteinander zu sprechen, derm Winnetou stand, ohne zunachst welter 
auf uns zu achten, mit seinem Vater und Tangua redend zusammen, und die andern Apachen, welche mich 
mitgebracht hatten, waren damit beschaftigt, Ordnung in den [dem] Halbring zu schaffen, welcher sich vor 
und um uns gebildet hatte. 

Im Innern desselben saflen zunachst die Kinder und hinter diesen die Madchen und Frauen, bei denen sich 
auch Nscho-tschi befand, die, wie ich bemerkte, nur selten ihr Auge von mir verwendete. Dann kamen die 
jungen Burschen, hinter denen die erwachsenen Krieger standen. So weit war die Ordnung gediehen, als 
Sam die zuletzt erwahnten Worte gesprochen hatte. Da erhob Intschu tschuna, der mit Winnetou und 
Tangua zwischen uns und den Zuschauern stand, seine Stimme und sagte so laut, daB alle es deutlich horen 
konnten: 

»Meine roten Bruder, Schwestern und Kinder und auch die Manner vom Stamme der Kiowas mogen horen, 
was ich ihnen zu sagen habe! « 

Er machte eine Pause, und als er sah, daB die Aufmerksamkeit Aller auf ihn gerichtet war, fuhr er fort: 

»Die Bleichgesichter sind die Feinde der roten Manner; es gibt nur selten eins unter ihnen, dessen Auge 
freundlich auf uns gerichtet war. Der edelste unter diesen wenigen WeiBen kam zu dem Volke der 
Apachen, um ein Freund und Vater desselben zu sein. Darum haben wir ihm den Namen Klekih- petra - 
weiBer Vater - gegeben. Meine Bruder und Schwestern haben ihn alle gekannt und lieb gehabt. Sie mogen 
esmirbezeugen!« 

»Howgh!« ertonte das Wort der Beteurung im Kreise. Der Hauptling sprach weiter: 

»Klekih-petra ist unser Lehrer gewesen in alien Dingen, die wir nicht kannten, die aber gut und nutzlich fur 
uns sind; er hat auch von der Religion der WeiBen gesprochen und von dem groBen Geiste, welcher der 
Schopfer und Ernahrer aller Menschen ist. Dieser groBe Geist hat befohlen, daB die roten und die weiBen 
Leute untereinander Bruder sein und sich lieben sollen. Haben aber die WeiBen diesen seinen Willen 
erfullt, haben sie uns Liebe gebracht? Nein! Meine Bruder und Schwestern mogen dies bezeugen! « 

»Howgh!« erklang es im Chore. 

»Sie sind vielmehr gekommen, um uns unser Eigentum zu rauben und uns auszurotten. Dies gelingt ihnen, 
weil sie starker sind als wir. Da, wo die Buffel und die Mustangs grasten, haben sie groBe Stadte gebaut, 
von denen alles Bose ausgeht, was ilber uns kommt. Wo der rote Jager durch den Urwald oder ilber die 
Savanne ging, da rennt jetzt das dampfende FeuerroB mit den groBen Wagen, in denen es unsere Feinde zu 
uns bringt. Und wenn der rote Mann vor ihm in die Grunde flieht, die man ihm noch gelassen hat und wo er 
im Frieden sterben und verhungern will, so dauert es nicht lange, bis er auf Bleichgesichter trifft, die ihm 
nachgefolgt sind, um dem Feuerrosse auf diesem rechtmaBigen Grund und Boden des roten Marines neue 
Pfade zu bauen. Wir haben solche WeiBe getroffen und friedlich mit ihnen gesprochen. Wir haben ihnen 
gesagt, daB dieses Land unser Eigentum sei und ihnen nicht gehore. Sie haben nichts dagegen vorbringen 
konnen, sondern es zugeben mussen. Aber als wir sie aufforderten, fortzugehen und darauf zu verzichten, 
das FeuerroB nach unsern Weideplatzen zu bringen, da sind sie unserer Aufforderung nicht gefolgt und 
haben Klekih-petra, den wir liebten und verehrten, erschossen. Meine Bruder und Schwestern mogen 
bestatigen, daB ich die Wahrheit gesprochen habe!« 



»Howgh!« erklang [ant unci einstinimig diese Bestatigung 

» Wir haben die Leiche des Ermordeten hierhergebracht und auf den Tag der Rache aufbewahrt; dieser Tag 
ist heut angebrochen. Klekih-petra soil heut begraben werden und mit ihm der, der ihn ermordet hat. Mit 
ihm haben wir auch diejenigen gefangen, welche bei ihm waren, als die Tat geschah. Sie sind seine 
Freunde und Genossen und haben uns in die Hande der Kiowa:; geliefert; aber sie leugnen es. Bei alien 
andern roten Mannern wilrde das, was wir von ihnen wissen genugen, sie in den Martertod zu fuhren; wir 
aber wollen den Lehren unsers weiBen Vaters Klekih-petra gehorchen und gerechte Richter sein. Da sie 
nicht zugeben, unsere Feinde gewesen zu sein, so wollen wir sie verhoren, und ihr Schicksal soil nach dem 
bestimmt werden, was wir dabei erfahren. Meine Brilder und Schwestern mogen mir ihre Zustimmung 
erteilen!« 

»Howgh!« erklang der Beifall rund umher. 

»Hort, Sir, das klingt gilnstig fur uns,« sagte da Sam zu mir. »Wenn sie uns verhoren wollen, liegt die 
Sache gar nicht so schlimm fur uns, wie wir gedacht haben. Ich hoffe, es gelingt uns, unsere Unschuld zu 
beweisen. Ich werde diesen Leuten alles so klar machen und sie so ilberzeugen, daB sie uns freilassen 
werden. « 

» Sam, das bringt Ihr nicht fertig,« antwortete ich ihm. 

»Nicht? Warum? Meint Ihr etwa, daB ich nicht reden kann?« 

»0, das Sprechen hat man Euch wohl schon als Kind so nach und nach beigebracht; aber wir sind sechs 
Wochen hier gefangen gewesen, und wahrend dieser ganzen, langen Zeit ist es Euch nicht gelungen, den 
Apachen eine bessere Meinung beizubringen.« 

»Euch auch nicht, Sir! « 

»Allerdings nicht, Sam, derm erst konnte ich nicht reden, und dann, als es mir wieder moglich war, die 
Zunge zu bewegen, hat sich kein einziger Roter bei mir sehen lassen. Ihr werdet also wohl zugeben, daB ich 
nicht einmal einen Versuch habe machen konnen, uns gegen einen der Hauptlinge zu verteidigen.« 

» So macht ihn ja auch jetzt nicht! « 

» Warum? « 

»Weil es Euch nicht gelingen wilrde. Ihr seid als Greenhorn viel zu unerfahren in solchen Dingen und 
konnt Euch darauf verlassen, daB Ihr uns nicht heraushelfen, sondern ganz im Gegenteile uns immer tiefer 
hineinreiten wilrdet. Ihr besitzt zwar eine riesige Korperkraft, die uns aber hier gar nichts niltzen kann, derm 
hier kommt es vor alien Dingen auf die richtige Erfahrung^ auf den Scharfsinn und die Schlauheit an, die 
Euch abgehen. Ihr konnt ja nichts dafur, denn Ihr seid nun einmal ohne diese schonen Eigenschaften 
geboren worden, aber grad darum milBt Ihr die Hand aus dem Spiele lassen und es erlauben, daB ich unsere 
Verteidigung ubernehme.« 

»So wilnsche ich Euch nur bessern Erfolg, als Ihr bishei gehabt habt, heber Sam!« 

»Wird nicht fehlen, denn Ihr so lit horen, daB ich meine Sache gut machen werde. « 

Dieser unser Meinungsaustausch hatte ungestort stattfinden konnen, weil unsere Vernehmung nicht sofort 
begormen hatte. Intschu tschuna und Winnetou unterhielten sich leise mit Tangua und hielten dabei ihre 
Augen oft auf uns gerichtet. Sie sprachen also von uns. Die Blicke der beiden Ersteren wurden immer 
finsterer und strenger, und die Bewegungen und Mienen des Kiowa waren diejenigen eines Marines, 



welcher auf Jemand eifng einspriclit urn Andere bei ihm zu verdachtigen. Wer weiB, was er fur Lilgen von 
uns erzahlte, urn uns zu verderben! Dann kamen sie auf uns zu. Die beiden Apachen stellten sich rechts von 
uns auf, wahrend Tangua sich links neben mich postierte. Nun sagte Intschu tschuna zu uns, wieder mit 
lauter Stimme, so daB es Alle horen konnten: 

»Ihr habt vernommen, was lch vorhin gesprochen habe. Ihr sollt uns die Wahrheit sagen und euch 
verteidigen dilrfen. Beantwortet mir die Fragen, welche ich an euch richte! Ihr gehortet zu den WeiBen, 
welche die neue Bahn des Feuerrosses vermessen haben?« 

»Ja. Doch muB ich dir sagen, daB wir Drei hier nicht mit gemessen haben, sondern ihnen nur zum Schutze 
mitgegeben worden sind,« antwortete Sam. »Und was den Vierten hier betrifft, Old Shatterhand genannt, 



»Schweig!« unterbrach ihn der Hauptling. »Du hast nur meine Fragen zu beantworten und kein weiteres 
Wort zu sprechen. Redest du mehr, so laB ich dich peitschen, daB dir die Haut aufspringt! Also ihr gehortet 
zu diesen Bleichgesichtern? Antworte kurz mit Ja oder mit Nein!« 

» Ja,« sagte Sam, um sich nicht schlagen lassen zu mtissen. 

»( >ld Shatterhand hat nut vermessen '« 



»Und ihr Drei beschiltztet diese Leute?« 

»Ja.« 

»So seid ihr noch schlimmer als sie, derm wer Diebe und Rauber beschiltzt, der hat doppelte Strafe 
verdient. Rattler, der Morder, war euer Gefahrte?« 

»Ja, doch muB ich dir sagen, daB wir nicht seine Freunde ge « 

»Schweig, Hund!« fuhr ihn Intschu tschuna an. »Du hast nur das zu sagen, was ich wissen will, mehr aber 
nicht! Kennst du die Gesetze des wilden Westens?« 

»Ja.« 

» Wie wird ein Pferdedieb bestraft?« 

»Mit dem Tode.« 

» Was ist wertvoller, ein Pferd oder das groBe, weite Land, welches den Apachen gehort?« 

Sam antwortete nicht, um sich nicht selbst das Todesurteil zu sprechen. 

»Sprich, sonst laB ich dich mit dem Lasso bis auf das Blut peitschen! « 

Da knurrte der kleine, mutige Sam: 

»Schlagt zu! Sam Hawkens ist nicht derjenige, welcher sich zum Reden zwingen laBt, wenn er nicht reden 



Da wendete ich ihm das Gesicht zu und bat ihn: 

»Redet, Sam; es ist besser fur uns!« 

»Well,« antwortete er. »Wenn Ihr es wollt, so will ich mich einmal dazu hergeben, zu reden, wo ich 
eigentlich schweigen sollte.« 

»Also, was ist wertvoller, ein Pferd oder dieses Land?« 

»Das Land.« 

»So hat ein Landerdieb also noch viel eher den Tod verdient als ein Pferdedieb, und ihr habt uns unser 
Land rauben wollen. Dazu kommt, daB ihr die Genossen des Menschen seid, welcher Klekih-petra 
ermordet hat. Das verscharft die Strafe. Als Landerdiebe waret ihr erschossen worden, ohne vorher Qualen 
zu erleiden; da ihr aber Morder seid, so werdet ihr vor euerm Tode den Marterpfahl durchmachen milssen. 
Aber wir sind mit der Aufzahlung eurer Taten noch nicht fertig. Ihr habt uns in die Hande der Kiowas, 
welche unsere Feinde waren, geliefert?« 

»Nein.« 

»Das ist Luge !« 

»Es ist die Wahrheit.« 

»Bist du nicht mit Old Shatterhand uns nachgeritten, als wir euch verlassen hatten?« 

»Ja.« 

»Das ist doch ein sicheres Zeichen der Feindschaft! « 

»Nein. Ihr hattet uns gedroht, und so muBten wir nach den Regeln, nach welchen man im wilden Westen 
lebt, wissen, ob ihr euch wirklich entfernt hattet oder nicht. Ihr konntet euch versteckt haben und auf uns 
schieBen wollen. Nur deshalb ritten wir hinter euch her.« 

» Weshalb du nicht allein? Weshalb nahmst du diesen Old Shatterhand mit?« 

»Um ihn im Lesen der Spuren zu unterrichten, da er noch Neuling ist.« 

»Wenn eure Absicht eine so friedliche war und ihr uns nur der Vorsicht wegen folgtet, warum rieft ihr da 
die Hilfe der Kiowas an?« 

»Weil wir sahen, daB du vorausgeeilt warest. Du wolltest deine Krieger schnell holen, um uns zu 
uberfallen.« 

»War es da wirklich notig. euch an die Kiowas zu wenden?« 



»Gab es keinen andern Ausweg?<- 



»Du lilgst abermals. Um uns zu entgehen, brauchtet ihr nur das zu tun, was ich euch befohlen hatte, 
namlich unser Gebiet zu verlassen. Warum habt ihr das nicht getan?« 

»Weil wir nicht eher gehen konnten, als bis unsere Arbeit vollendet war.« 

»Also ihr wolltet den Raub, den ich euch verboten hatte, vollstandig ausfuhren und rieft darum die Kiowas 
zu Hilfe. Wer aber unsere Feinde auf uns hetzt, ist auch unser Feind und muB getotet werden. Das ist ein 
neuer Grund fur uns, euch das Leben zu nehmen. Aber ihr habt es dann nicht etwa den Kiowas allein 
ilberlassen, uns zu empfangen, anzugreifen und zu besiegen, sondern ihr habt ihnen dabei geholfen. Giebst 
du das zu?« 

» Was wir getan haben, das taten wir nur, um BlutvergieBen zu vermeiden.« 

» Willst du, dafl ich dich verlache? Bist du uns nicht entgegen gegangen, als wir kamen?« 



»Hast uns belauscht?« 



»Und eine ganze Nacht in unserer Nahe zugebracht? Ist es so oder nicht?« 

»Es ist so.« 

»Hast du nicht die Bleichgesichter nach dem Wasser gefuhrt, um uns dorthin zu locken, und dann die 
Kiowas in den Wald versteckt, damit sie ilber uns herfallen sollten?« 

»Das ist wahr; aber ich muB « 

»Schweig! Ich will eine kurze Antwort, aber keine lange Rede haben. Es wurde uns eine Falle gestellt! Wer 
hat diese ersonnen?« 



»Diesmal sagst du die Wahrheit. Mehrere von uns wurden verwundet, Einige getotet, die Anderen aber 
gefangen genommen. Daran seid ihr schuld; dieses vergossene Blut kommt ilber euch und ist ein weiterer 
Grund, dafl ihr sterben muflt.« 

»Es lag in meinem Plane, dafl « 

»Schweig! Ich habe dich jetzt nicht gefragt. Der grofle, gute Geist sandte uns einen unbekannten, 
unsichtbaren Retter. Ich kam mit Winnetou, meinem Sonne, frei. Wir schlichen zu unsern Pferden, nahmen 
aber nur die, welche wir brauchten, damit die Gefangenen. wenn wir sie befreiten. gleich ihre Pferde hatten. 
Wir ritten fort, um unsere Krieger zu holen, welche gegen die Kiowas zogen. Sie waren auf die Spur 
derselben getroffen und ihnen gefolgt; darum stieB ich so schnell mit ihnen zusammen, daB wir schon am 
nachsten Tage bei euch sein konnten. Da ist wieder viel Blut geflossen; wir haben im ganzen sechzehn 
Tote, ohne das Blut und die Schmerzen der Verwundeten zu rachen, ein abermaliger Grund, daB ihr sterben 
imiBt. Ihr habt weder Gnade noch Erbarmen zu erwarten und « 

»Gnade wollen wir gar nicht, sondern nur Gerechtigkeit,« fiel Sam ihm in die Rede. »Ich kann « 



»Wirst du \\ohl s< liweigen Hnnd!« nnterbrach lhn Intschu tschuna zornig. »Du hast nur zu sprechen, wenn 
ich dich frage. Ich bin tiberhaupt nun mit dir, mit euch fertig. Da du aber von Gerechtigkeit redest, so sollt 
ihr nicht nur nach deiner eigenen Aussage verurteilt werden, sondern ich will euch einen Zeugen 
gegenilberstellen. Tangua, der Hauptling der Kiowas, mag sich herablassen, in dieser Angelegenheit seine 
Stimme zu erheben. Sind diese Bleichgesichter unsere Freunde?« 

»Nein,« antwortete der Kiowa, dem man die Genugtuung daruber, daB die Sache fur uns einen so 
bedenklichen Lauf nahm, deutlich ansah. 

»Haben sie uns schonen wollen?« 

»Nein. Sie haben mich vielmehr gegen euch aufgehetzt und mich gebeten, ja keine Nachsicht mit euch zu 
haben, sondern euch zu toten, alle zu toten. « 

Diese Unwahrheit emporte mich so, daB ich mein bisheriges Schweigen brach und ihm in das Gesicht 
sagte: 

»Das ist eine so groBe, unverschamte Luge, daB ich dich sofort zu Boden schlagen wilrde, wenn ich nur 
eine Hand frei hatte!« 

»Hund, stinkender!« brauste er auf. »Soll ich es sein, der dich erschlagt?« 

Er hob die Faust empor. ich antwortete 

»Schlag zu, wenn du dich nicht schamst, dich an Jemandem zu vergreifen, der sich nicht wehren kann! Ihr 
redet da von einem Verhore und von Gerechtigkeit? Ist das ein Verhor, und ist das Gerechtigkeit, wenn 
man nicht sagen darf, was man zu sagen hat? Wir sollen uns verteidigen durfen? Konnen wir das, wenn wir 
bis auf das Blut geschlagen werden sollen. falls wir nur em einziges Wort mehr reden, als ihr horen wollt? 
Intschu tschuna verfahrt wie ein ungerechter Richter. Er stellt die Fragen so, daB uns die Antworten, welche 
er uns erlaubt, ins Verderben fuhren mtissen; andere Antworten durfen wir nicht geben, und wenn wir die 
Wahrheit sagen wo lien welche uns retten wilrde, so unterbricht er uns, laBt uns nicht ausreden und droht 
uns mit MiBhandlungen. Ein solches Verhor und eine solche Gerechtigkeit brauchen wir nicht. Da beginnt 
doch lieber gleich mit den Martern, die ihr uns zugedacht habt! Ihr werdet keinen Laut des Schmerzes von 
uns zu horen bekommen.« 

»Uff. uff!« liorte ich eine weibliche Stimme bewundernd rufen. Es war die Schwester Winnetous. 

»Uff, uff, uff!« riefen viele Apachen ihr nach. 

Der Mut ist das, was der Indianer stets achtet und selbst an seinem Feinde anerkennt; daher die Ausrufe der 
Bewunderung, welche ich jetzt zu horen bekam. Ich fuhr fort: 

»Als ich Intschu tschuna und Winnetou zum erstenmale erblickte, sagte mir mein Herz, daB sie tapfere und 
gerechte Manner seien, die ich lieben und auch achten konne. Ich habe mich geirrt. Sie sind nicht besser als 
alle Andern, derm sie horen auf die Stimme eines Lilgners und lassen die Wahrheit nicht zu Worte 
kommen. Sam Hawkens hat sich einschuchtern lassen; ich aber hore nicht auf eure Drohungen und 
verachte Jeden, der den Gefangenen unterdrilckt, nur weil er sich nicht verteidigen kann. Ware ich frei, so 
wollte ich noch ganz anders mit euch reden! « 

»Hund, du schimpfest mich einen Ltignerk schrie Tangua. »Ich zerschmettere dir die Knochen!« 

Er hielt sein Gewehr in der Hand, drehte es um und wollte mit dem Kolben nach mir schlagen; da sprang 
Winnetou herbei, hielt ihn da von ab und sagte: 



»Der Hauptling der Kiowas mag filing bleiben! Dieser Old Shatterhand hat sehr kilhn gesprochen, aber ich 
stimme einigen seiner Worte bei. Intschu tschuna, mein Vater, der 

Oberhauptling aller Apachen, mag ihm die Erlaubnis erteilen, zu sagen, was er zu sagen hat!« 

Tangua muBte sich beruhigen, und Intschu tschuna entschloB sich, dem Wunsche seines Sohnes Folge zu 
geben. Er trat naher zu mir heran und sagte: 

»01d Shatterhand ist wie ein Raubvogel, der selbst dann noch beiflt, wenn man ihn gefangen hat. Hast du 
nicht Winnetou zweimal niedergeschlagen? Hast du nicht selbst mich mit deiner Faust betaubt?« 

»Habe ich das freiwillig getan? Hast du mich nicht dazu gezwungen'.'o 

»Gezwungen?« fragte er erstaunt. 

» Ja. Wir wollten uns ohne Gegenwehr ergeben, aber eure Krieger horten nicht auf das, was wir sagten. Sie 
fielen so ilber uns her, daB wir uns verteidigen muBten. Aber frage die Betreffenden, ob wir sie auch nur 
verwundet haben, obgleich wir sie toten konnten. Wir sind vielmehr, um keinen von ihnen verletzen zu 
milssen, geflohen. Da kamst du und griffst mich auch an, ohne auf meine Worte zu achten. Ich muBte mich 
wehren, und hatte dich erstechen oder erschieBen konnen, aber ich schlug dich nur nieder, weil ich dein 
Freund bin und dich schonen wollte Da kam Tangua der Hauptling der Kiowas und wollte dir den Skalp 
nehmen; weil ich dies nicht zugab, kampfte er mit mir, doch ich besiegte ihn. Ich habe dir also nicht nur das 
Leben, sondern auch den Skalp erhalten. Dann als « 

»Dieser verfluchte Coyote liigt, als ob er hundert verschiedene Zungen hatte! « schrie Tangua wiltend. 

»Ist es wirklich Ltige?« fragte ihn Winnetou. 

» Ja. Mein roter Bruder Winnetou zweifelt hoffentlich nicht an der Wahrheit meiner Worte?« 

»Ich kam dazu. Du lagst unbeweglich und mein Vater auch. Das stimmt. Old Shatterhand mag fortfahrenk 

»Also ich hatte Tangua besiegt, um Intschu tschuna zu retten; da kam Winnetou. Ich sah ihn nicht und 
erhielt von ihm einen Kolbenschlag, der aber nicht meinen Kopf traf Winnetou stach mich in den Mund 
und durch die Zunge; ich konnte also nicht sprechen, sonst hatte ich gesagt, daB ich ihn lieb habe und sein 
Freund und Bruder sein mochte. Ich war verwundet und am Arm gelahmt; ich habe ihn trotzdem besiegt; er 
lag betaubt vor mir, grad so wie Intschu tschuna auch; ich konnte Beide toten. Habe ich es getan?« 

»Du hattest es noch getan. « antwortete Intschu tschuna. »aber ein Apachenkrieger kam und schlug dich mit 
dem Kolben nieder. « 

»Nein; ich hatte es nicht getan. Sind nicht diese drei Bleichgesichter, welche hier mit mir angebunden sind, 
freiwillig zu euch gekommen, um sich euch auszuliefern? Hatten sie dies getan, wenn sie euch als Feinde 
betrachtet hatten?« 

»Sie haben es getan, weil sie einsahen, daB sie nicht entkommen konnten. Da hielten sie es fur kliiger, sich 
freiwillig zu ergeben. Ich gebe zu, daB an deinen Worten etwas ist, was beinahe Glauben envecken konnte: 
aber als du meinen Sohn Winnetou zum erstenmal betaubtest warst du nicht dazu gezwungen « 



»Durch die Vorsicht. Wir wollten dich und ihn retten. Ihr seid sehr tapfere Krieger; ihr hattet euch ganz 
gewiB gewehrt und waret dann verwundet oder gar getotet worden. Das wollten wir verhindern; darum 
schlug ich Winnetou nieder, und du wurdest von meinen drei weiBen Freunden uberwaltigt. Ich hoffe, daB 
du meinen Worten nun Glauben schenkst.« 

»Lilge sind sie, nichts als Lilge!« rief Tangua. »Ich kam eben dazu, als er dich niedergeschlagen hatte. 
Nicht ich, sondern er war es, der dir den Skalp nehmen wollte. Ich wollte ihn daran hindern, da traf mich 
seine Hand, in welcher der groBe, bose Geist zu wohnen scheint, derm ihr kann Niemand, selbst der starkste 
Mann nicht, widerstehen.« 

Da wendete ich mich ihm wieder zu und sagte in drohendem Tone: 

»Ja, ihr kann Niemand widerstehen. Ich wende sie nur an, weil ich nicht das Blut eines Menschen 
vergieBen will; aber wenn ich wieder mit dir kampfe, werde ich es nicht mit der Hand, sondern mit der 
Waffe tun, und dann kommst du nicht mit einer bloBen Betaubung weg. Das merke dir! « 

»Du mit mir kampfen?« hohnlachte er. »Wir werden dich verbrennen und deine Asche in alle Winde 
zerstreuen!« 

»Das denke nicht. Ich werde eher frei sein, als du ahnst, und dann Rechenschaft von dir fordern! « 

»Die kannst du bekommen; ich gebe sie dir. Ich wilnsche, deine Worte konnten in Erfullung gehen. Ich 
wilrde dann gern mit dir kampfen, denn ich weiB, daB ich dich zermalmen wilrde.« 

Intschu tschuna machte diesem Intermezzo ein Ende, indem er zu mir sagte: 

»01d Shatterhand ist sehr kilhn, wenn er glaubt, wieder freizukommen. Er mag bedenken, wie viel Falle 
gegen ihn vorliegen; wenn auch einer derselben aufgegeben wilrde, so konnte das an seinem Schicksale 
nichts andern. Er hat nur Behauptungen ausgesprochen, aber keine Beweise erbracht.« 

»Habe ich nicht Rattler niedergeschlagen, als er auf Winnetou schoB und Klekih-petra traf? Ist auch das 
kein Beweis?« 

»Nein. Du kannst dies auch aus andern Grilnden getan haben. Hast du noch etwas zu sagen?« 

» Jetzt nicht; vielleicht spater. « 

» Sage es jetzt, denn spater wirst du nichts mehr sagen konnen! « 

»Nein, jetzt nicht. Wenn ich es spater sagen will, werdet ihr darauf horen, denn Old Shatterhand ist nicht 
der Mann, dessen Worte man miBachten darf. Ich schweige jetzt, weil ich neugierig bin, das Urteil zu 
horen welches ihr nun ilber uns fiillen werdet « 

Intschu tschuna wendete sich von mir ab und gab einen Wink. Auf diesen traten mehrere alte Krieger aus 
dem Halbkreise hervor und setzten sich mit den drei Hauptlingen zusammen nieder, um Beratnng 
[Beratung] zu halten. Bei derselben gab sich Tangua naturlich alle Muhe, das Urteil so viel wie moglich zu 
verscharfen. Inzwischen hatten wir Zeit, Bemerkungen gegenseitig auszutauschen. 

»Bin neugierig, was sie zusammenbrauen werden,« meinte Dick Stone. »Viel Kluges wird es jedenfalls 
»Ich bin ilberzeugt, daB es uns an Kopf und Kragen geht,« sagte Will Parker. 



»Ich auch,« stimmte Sam Hawkens bei. »Die Kerls glauben ja nichts, wir konnen vorbringen, was wir 
wollen! - Habt Eure Sache ilbrigens gar nicht so ilbel gemacht, Sir! - Habe mich ilber Intschu tschuna 
gewundert.« 

»Warum?« fragte ich. 

»DaB er Euch so schwatzen lieB. Mir ist er gleich ilber den Mund gefahren, wenn ich ihn offnete.« 

»Schwatzen? Ist das Euer Ernst, Sam?« 

»Ja.« 

»Danke fur diese Hdflichkeit!« 

» Schwatzen nenne ich jedes Reden, welches keinen Erfolg hat, wenn ich mich nicht irre. Und Erfolg habt 
Ihr ja ebenso wenig gehabt wie ich.« 

»Ich denke anders.« 

»Aber ohne Ursache!« 

»Nein, sondern mit ganz gutem Grunde. Winnetou hat vom Schwimmen gesprochen; das ist beschlossene 
Sache gewesen; darum denke ich, daB sie nur im Verhore so scharf gewesen sind, urn uns bange zu 
machen. Das Urteil wird wohl viel besser lauten.« 

»Sir, bildet Euch das ja nicht ein! Meint Ihr etwa, daB man Euch Gelegenheit geben wird, Euch durchs 
Schwimmen zu retten?« 



»Unsinn, welch ein Unsinn! Ja, wenn es so ausgemacht ist, wird man Euch schwimmen lassen; aber wiBt 
Ihr auch, wohin?« 



» Mitten in den Rachen des Todes hinein. Dann, wenn Ihr tot seid, so denkt daran, daB ich recht gehabt habe 
- hihihihi!« 

Dieser kleine, sonderbare Kerl brachte es selbst in der schlimmen Lage, in welcher wir uns befanden, 
fertig, ilber diesen seuifi l'HIj li u n i _ii">i_t in sich hmemzukichern. Seine Lustigkeit wtihrte 

freilich nur einen Augenblick, derm die Beratung war jetzt zu Ende; die Krieger, welche an derselben 
teilgenommen hatten, zogen sich in den Halbkreis zurtlck, und Intschu tschuna verkilndete mit lauter 
Stimme: 

»Hort, ihr Krieger der Apachen und Kiowas, was ilber diese vier gefangenen Bleichgesichter beschlossen 
worden ist! Im Rate der Alten war schon vorher verabredet worden, daB wir sie im Wasser jagen, dann 
miteinander kampfen lassen und sie endlich verbrennen wollten. Aber Old Shatterhand, der jtlngste von 
ihnen, hat Worte gesprochen, in denen sich Stellen mit der Weisheit des Alters befanden. Sie haben den 
Tod verdient, aber es scheint doch, als ob sie es nicht so bos gemeint hatten, wie wir geglaubt haben. 
Darum ist unser ursprtlnglicher BeschluB aufgehoben worden, und wir wollen den groBen Geist zwischen 
uns und ihnen entscheiden lassen. « 



Er hielt einige Augenblicke inne, jedenfalls urn die Spannung seiner Zuhorer zu vergroBern. Dies benutzte 
Sam zu der Bemerkung: 

»Alle Wetter, das wird interessant, hochinteressant! Wiflt ihr, was er meint, Sir?« 

»Ich ahne es,« antwortete ich. 

»Einen Zweikampf, ein sogenanntes Gottesurteil. Habe ich recht geraten?« 

»Ja. jedenfalls einen Zweikampf Aber zwischen wem? Bin furchtbar neugierig es zu lioren « 

Jetzt fuhr der Hauptling fort 

»Dasjenige Bleichgesicht, welches Old Shatterhand genannt wird, scheint das vornehmste von ihnen zu 
sein; also soil die Entscheidung in seine Hande gelegt werden. Sie soil abhangig sein von demjenigen unter 
uns, welcher am Range auch der hochste ist. Der bin ich, Intschu tschuna, der Hauptling der Apachen « 

»Alle Wetter, alle Wetter! Ihr und er!« flilsterte Sam in groBer Erregung. 

»Uff, uff, uff!« gingen die Rufe der Verwunderung durch die Reihen der Roten. 

Sie waren jedenfalls erstaunt darilber, dafl er selbst mit mir kampfen wollte. Er hatte sich der Gefahr, die es 
dabei doch wohl auch fur ihn gab, entziehen und einen Andern damit beauftragen konnen. Er gab die 
Erklarung mdem er weitersprach: 

»Intschu tschuna und Winnetou sind in ihrem Ruhme dadurcb gekrankt worden, daB es nur der Faust eines 
Bleichgesichts bedurfte, sie niederzuschlagen und zu betauben. Sie mtissen diesen Flecken wegwaschen, 
indem einer von ihnen mit diesem Bleichgesichte kampft. Winnetou muB zurucktreten, denn ich bin alter 
und der erste Hauptling der Apachen. Er ist damit einverstanden, denn ich werde mit meiner Ehre auch die 
seinige dadurch reinigen, daB ich Old Shatterhand tote.« 

Er lieB wieder eine Pause eintreten. 

»Konnt Euch freuen, Sir!« sagte Sam. »Werdet jedenfalls einen schnelleren Tod haben als wir. Habt den 
Kerl schonen wo Hen und werdet nun auf alle Falle von ihm ausgeloscht! « 

»Das wollen wir abwarten!« 

»Brauche es gar nicht abzuwarten, weiB es im voraus. Oder meint Ihr, daB es sich um gleiche Waffen 
handeln wird?« 



y>Well\ Die Bedingungen werden bei solchen Gelegenheiten so gestellt, daB der WeiBe verloren ist. Kam ja 
irgendwo und irgendeinmal einer mit dem Leben davon, so ist es eine Ausnahme gewesen, welche die 
Regel nur bestatigt. Hort!« 

Intschu tschuna fuhr fort: 



»Wir werden Old Shatterhand die Fesseln abnehmen und ihn in das Wasser des Flusses lassen, ilber den er 
zu schwimmen hat; aber er bekommt keine Waffe. Ich folge ihm und nehme nur den Tomahawk mit. 
Kommt Old Shatterhand an das Ufer und lebendig bis zu der Zeder, welche da driiben auf der Lichtung 
steht, so ist er gerettet, und auch seine Gefahrten siiid frei: sie kotinen gehen. wohiii sie wollen. Tote ich ihn 
aber, bevor er die Zeder erreicht, so sind auch sie dem Tode verfallen und werden zwar nicht gemartert und 
verbrannt, sondern erschossen. Alle anwesenden Krieger wollen bestatigen, dafl sie meine Worte gehort 
und verstanden haben und dieselben beherzigen wollen « 

»Howgh!« lautete die einstimmige Antwort. 

Man kann sich denken, daB wir uns in groBer Aufregung befanden, ich wohl nicht so sehr wie Sam, Dick 
und Will. Der Erstere sagte: 

»Das haben diese Kerls sehr schlau angefangen. Weil Ihr der Vornehmste seid, sollt Ihr schwimmen. 
Unsinn! Weil Ihr ein Greenhorn seid; das ist der Grund. Mich, mich sollten sie in das Wasser lassen! 
Wollte ihnen zeigen, daB Sam Hawkens wie eine Forelle durch die Wellen geht! Aber Ihr! Hort, Sir, 
bedenkt, daB unser Leben von Euch abhangig ist! Wenn Ihr verliert und wir sterben mtissen, rede ich kein 
einziges Wort mehr mit Euch. Darauf konnt Ihr Euch verlassen, wenn ich mich nicht irre!« 

»Sorgt Euch nicht, alter Sam!« antwortete ich. »Was ich tun kann, das tue ich. Ich meine ganz im 
Gegenteile zu Euch, daB die Roten gar keine ilble Wahl getroffen haben. Ich bin ilberzeugt, daB ich euch 
leichter retten werde, als Ihr uns retten konntet.« 

»Wollen es hoffen! Also, es geht auf Leben und Tod. Ihr dilrft Intschu tschuna nicht etwa schonen. LaBt 
Euch diesen Gedanken ja nicht in den Kopf kommen!« 

» Wollen sehen!« 

»Das ist nichts gesagt; da gibt es gar nichts zu sehen! Wenn Ihr ihn schont, so seid Ihr verloren, und wir 
gehen auch zugrunde. Ihr verlaBt Euch wohl auf Eure Faust? « 



»Das tut nicht, ja nicht! Es wird gar nicht zum Handgemenge kommen.« 

»Ich bin ilberzeugt, daB es dazu kommt. « 

»Nein - nicht! « 

» Wie will er mich denn toten?« 

»Mit dem Tomahawk tiatiitltcb Hit wtBt doch, daB man den nicht nur im Nahekampfe anwendet; er ist auch 
eine furchterliche Waffe fur die Feme; er wird geworfen, und diese Roten sind darin so geilbt, daB sie 
einem auf hundert Schritte die Spitze des emporgehaltenen Fingers damit abschneiden. Intschu tschuna 
wird nicht etwa mit dem Beile auf Euch loshacken, sondern es, wahrend Ihr flieht, hinter Euch her 
schleudern und Euch beim ersten Wurfe toten. Glaubt mir, Ihr mogt ein noch so vorzuglicher Schwimmer 
sein, Ihr kommt gar nicht ans andere Ufer hinuber; er schleudert Euch schon wahrend des Schwimmens den 
Tomahawk in den Kopf oder vielmehr in den Nacken, was weit sicherer totet. Da hilft Euch alle Eure 
Kunst und alle Eure Starke nichts. « 

»Das weiB ich, lieber Sam. Und ebenso weiB ich, daB unter Umstanden ein Fingerhut voll List mehr wirkt 
als ein groBes FaB voll Korperkraft.« 



»List? Wie wolltet denn Ihr zu der notigen List gekommen sein! Ich sage Euch, daB der alte Sam Hav\ kens 
als ein pfiffiger Kerl bekannt ist; aber ich kann trotz dieser Pfiffigkeit nicht einsehen, wie Ihr dem 
Hauptlinge durch List den Rang ablaufen wollt. Was hilft alle List, die List der ganzen Welt, gegen einen 
gut geschleuderten Tomahawk! « 

»Sie hilft, Sam, sie hilft! « 

»Wie denn?« 

»Das werdet Ihr sehen, oder vielmehr, das werdet Ihr zunachst nicht sehen. Ich will Euch aber sagen, daB 
ich des Gelingens beinahe sicher bin.« 

»Diese gewaltige Prahlerei laBt Ihr doch nur los, um uns das Herz leicht zu machen.« 

»Jawohl, um uns zu trosten! Aber was niltzt uns ein Trost, der schon in der nachsten Minute zu Schanden 
wird!« 

»Beruhigt Euch doch. Ich habe einen guten, einen ganz vortrefflichen Plan.« 

»Einen Plan? Auch das noch! Hier gibt es keinen andern Plan als hinilber zu schwimmen, und dabei trifft 
Euch der Tomahawk.« 

»Nein. PaBt auf! Wenn ich ertrinke, so sind wir gerettet.« 

»Ertrinke - - gerettet! Sir, Ihr liegt schon jetzt im Sterben; darum redet Ihr so irre!« 

»Ich weiB, was ich will. Merkt es Euch: Wenn ich ertrinke, so haben wir nichts mehr zu furchten.« 

Ich sprach diese Worte schnell und hastig, denn die drei Hauptlinge kamen jetzt zu uns. Intschu tschuna 
sagte: 

»Wir binden Old Shatterhand jetzt los; er mag aber ja nicht denken, daB er davonlanfen kann! Es wurden 
sofort mehrere hundert Verfolger hinter ihm her sein.« 

»Fallt mir mchi ein!« antwortete ich »Selbst wenn ich entkommen konnte, ware es eine Schlechtigkeit von 
mir, meine Gefahrten zu verlassen.« 

Ich wurde losgemacht und bewegte die Arme, um ihre Beweglichkeit zu prilfen. Dann sagte ich: 

»Es ist eine groBe Ehre fur mich, mit dem beruhmtesten Hauptlinge der Apachen um die Wette oder 
vielmehr um Leben und Tod zu schwimmen; aber fur ihn ist es keine Ehre.« 

» Warum nicht? « 

»Weil ich kein Gegner fur ihn bin. Ich habe zuweilen in einem Bache gebadet und mir dabei Millie 
gegeben, nicht unterzugehen. Aber ilber einen so breiten, tiefen FluB zu kommen, das getraue ich mir 

»Uff, uff! Das freut mich nicht. Ich und Winnetou sind die besten Schwimmei unsers Stammes; was 



bedeutet da ein Sieg iiber einen so schlechten Schwimmer!« 

»Und du bist bewaffnet, und ich bin es nicht! Ich gehe also dem Tode entgegen, und meine Gefahrten 
haben sich auch darauf gefaBt gemacht, zu sterben. Dennoch mochte ich gern wissen, wie ich mir diesen 
Kampf zu denken habe. Wer hat eher in das Wasser zu gehen?« 



»Und du folgst mir nach?« 



»Und wann greifst du mich mit dem Tomahawk an?« 

»Wann es mir beliebt,« antwortete er mir mit dem stolzen, ja verachtlichen Lacheln eines Virtuosen, der 
mit einem Stumper spricht. 

»Das kann also auch schon im Wasser geschehen?« 



Ich tat, als ob ich immer unruhiger, besorgter und niedergeschlagener wiirde, und fragte weiter: 

»Also du darfst mich toten. Ich dich auch?« 

Er machte ein Gesicht, in welchem die sehr deutliche Antwort lag: "Armer Wurm, daran ist ja gar nicht zu 
denken! Diese Frage kann dir nur von der Todesangst emgegeben worden sein! " und sagte dann: 

»Es ist ein Schwimmen und Kampfen auf Tod und Leben; du kannst also auch mich toten, denn nur falls 
dir dies gelingen sollte, wirst du imstande sein, die Zeder zu erreichen.« 

»Und dein Tod wiirde mir nicht schaden?« 

»Nein. Tote ich dich, so erreichst du das Ziel nicht, und deine Gefahrten mtissen sterben; totest du mich, so 
gelangst du an die Zeder, und ihr seid von diesem Augenblicke an nicht mehr gefangen, sondern frei. 
Komm! « 

Er dreht [drehte] sich um, und ich zog meinen Jagdrock und die Stiefel aus. Was ich im Gtlrtel und in den 
Taschen stecken hatte, legte ich hin. Dabei klagte Sam: 

»Es wird schief gehen, Sir, sehr schief Wenn Ihr Euer Gesicht sehen konntet! Und der jammervolle Ton 
bei Euren letzten Fragen! Mir ist himmelangst um Euch und uns! « 

Ich konnte ihm nichts antworten, weil die drei Hauptlinge es gehort hatten, aber ich wuflte sehr wohl, 
warum ich so klaglich tat. Ich wollte Intschu tschuna sicher machen und, wie man sich vulgar 
auszudrucken pflegt, ihn auf den Leim fiihren. 

»Noch eine Frage!« bat ich, ehe ich ihm folgte. »Bekommen wir unser Eigentum zurtick, falls wir frei 
werden'.'« 

Er stieB ein kurzes, ungeduldiges Lachen aus, denn er hielt diese Frage fur geradezu verrilckt, und 



»Ja, ihr bekommt e, 



»Auch die Pferde, die Gewehre?« 

Da schnauzte er mich zornig an: 

»Alles, ich habe es gesagt! Hast du kerne Ohren? Eine Krote wollte mit dem Adler urn die Wette fliegen 
und fragte ihn, was er ihr geben wtirde, wenn sie ihn besiegte! Wenn du ebenso dumm schwimmst, wie du 
fragst, so schame ich mich, daB ich dir keine alte Squaw zur Gegnerin gegeben habe!« 

Wir gingen fort, durch den Halbkreis, welcher sich uns offnete, dem Ufer zu. Ich kam da ganz in der Nahe 
von Nscho-tschi voruber und fing von ihr einen Blick auf, mit welchem sie fur das Leben von mir Abschied 
nahm. Die Indianer folgten hinter uns und lagerten sich dann beliebig nieder, um das interessante 
Schauspiel, das sie erwarteten, bequem zu genieBen. 

Es verstand sich ganz von selbst, daB ich mich in der auBersten Gefahr befand. Ich mochte gerade, schief 
oder im Zickzack ilber den FluB schwimmen, so war ich verloren, [;] der Tomahawk des Hauptlings muBte 
mich treffen. Es gab nur einen Rettungsweg: durch das Tauchen. und da war ich gluckhcherweise nicht der 
Stumper, fur den mich Intschu tschuna gehalten hatte. 

Aber selbst auf das Tauchen allein durfte ich mich nicht verlassen. Ich muBte doch empor um [empor, um] 
Atem zu holen, und bot dann meinen Kopf dem Tomahawk. Nein, ich durfte gar nicht wieder an die 
Oberflache kommen, wenigstens vor den Augen der Roten nicht. Wie aber das anfangen? Ich musterte das 
Ufer auf- und abwarts und sah mit groBer Befriedigung, daB die Oertlichkeit mir zu Hilfe kam 

Wir befanden uns, wie schon gesagt auf der vollstandig freien Sandflache, doch oberhalb der Mitte 
derselben. Ihr aufwarts liegendes Ende, wo der Wald wieder begann, war nur etwas ilber hundert Schritte 
von mir entfernt, und noch weiter oben machte der FluB eine Biegung, die ihn meinem Auge entzog. 
Abwarts lag das Ende der Sandlichtung, wohl vierhundert Schritte von mir entfernt. 

Wenn ich ins \ i | i iiu ! m it t ieder hej mfj m _J m a u ljii Ii il erl i niken und suchte 

nach meinem Korper; dies geschah jedenfalls abwarts; folglich lag meine Rettung in der entgegengesetzten 
Richtung, also aufwarts. Da sah ich zunachst eine Stelle, an welcher der FluB das Ufer unterspillt hatte; es 
hing ilber und war vortrefflich geeignet, mir eine kurze Zuflucht zu bieten. Weiter oben war allerlei 
Holzwerk angespiilt worden und hing so test, daB ich es recht gut zu demselben Zwecke benutzen konnte. 
Vorher aber war es geraten, ein wenig angstlich zu tun. 

Intschu tschuna entkleidete sich bis auf die leichte, indianische Hose, steckte den Tomahawk in den Gtirtel, 
nachdem er die anderen in demselben befindlichen Gegenstande entfernt hatte, und sagte dann: 

»Es kann beginnen. Spring hinein! « 

»Darf ich nicht erst probieren, wie tief es ist?« fragte ich verzagt. 

Es ging ein unendlich verachtliches Lacheln ilber sein Gesicht; er rief nach einer Lanze. Man brachte mir 
dieselbe, und ich stieB sie in das Wasser. Sie erreichte den Boden nicht. Das war mir unendlich lieb, ich tat 



aber womoglich noch niedergeschlagener als vorher, kauerte am Wasser nieder und wusch mir die Stirne, 
wie Einer, welcher befurchtet, einen Schlaganfall zu bekommen, wenn er in das Wasser geht, ohne sich 
vorher abzuktihlen. Es lieB sich hinter mir ein allgemeines Murren der Geringschatzung horen, ein sicheres 
Zeichen, daB ich meinen Zweck erreicht hatte, und die Stimme Sams rief: 

»Um Gottes willen, kommt lieber wieder her, Sir! Das kann ich nicht ansehen. Sie mogen uns tot schinden. 
Das ist noch besser, als so ein Jammerbild vor Augen zu haben! « 

Es kam mir unwillkilrlich der Gedanke, was Nscho-tschi von mir denken werde. Ich drehte mich um. Das 
Gesicht Tanguas war der ganze, fleischgewordene Hohn; Winnetou hatte die Oberlippe emporgezogen, so 
daB man seine Zahne sah; er war wiltend dariiber, mir jemals seine Teilnahme geschenkt zu haben. Und 
seine Schwester hielt die Augen niedergeschlagen; sie sah mich gar nicht mehr an. 

»Ich bin bereit,« herrschte Intschu tschuna mir zu. »Was zogerst du noch? Hinein mit dirk 

»MuB es denn wirklicb sein?« fragte ich. »Geht es gar nicht anders?« 

Es erscholl ein brausendes Gelachter, ilber welches Tanguas Stimme tonte: 

»Gebt diesen Frosch frei! Schenkt ihm das Leben! An einen solchen Feigling darf kein Krieger seine Hand 

Und mit dem grimmigen Knurren eines erzilrnten Tigers schrie mich Intschu tschuna an: 

»Hinein, sonst haue ich dir augenblickhch den Tomahawk ins Genick! « 

Da stellte ich mich sehr erschrocken, setzte mich an den Rand des Flusses, hielt erst die FilBe und dann die 
Unterschenkel in das Wasser und tat so, als ob ich recht hubsch langsam hineinrutschen wolle. 

»Hinein mit dir!« schrie Intschu tschuna abermals und versetzte mir einen FuBtritt in den Rticken. Das hatte 
ich gewollt. Ich warf wie hilflos die Arme auseinander, stieB einen durchdringenden Angstschrei aus und 
plumpste in das Wasser. Im nachsten Augenblicke aber hatte die Verstellung ein Ende. Ich fuhlte den 
Grund, stieB den Kopf hinab und schwamm, natilrlich unter Wasser, aufwarts hart am Ufer hin. Gleich 
darauf horte ich hinter und ilber mir ein Gerausch; 

[Illustration Nr. 13: Ein Tritt ins Wasser] 

Intschu tschuna war mir nachgesprungen. Wie ich spater erfuhr, war es erst seine Absicht gewesen, mir 
einen Vorsprung zu lassen und mich dann an das jenseitige Ufer zu treiben, wo mich das Beil treffen sollte. 
Infolge meiner Feigheit aber gab er diesen Gedanken auf und sprang mir schnell nach, um mich zu 
erschlagen, sobald ich in die Hohe kame. Mit so einer Memme muBte kurzer ProzeB gemacht werden. 

Ich erreichte die ilberhangende Uferstelle und tauchte auf, doch so, daB nur der Kopf bis zum Mund zum 
Vorschein kam. Niemand konnte mich sehen, als nur der Hauptling allein, weil er sich im Wasser befand. 
Zu meiner Freude hielt er sein Gesicht abwarts gerichtet. Ich holte tief und schnell Atem und ging wieder 
auf den Grund hinab, um weiter zu schwimmen. Dann kam ich an das angeschwemmte Holz, unter 
welchem ich auftauchte und wieder Atem holte; es verbarg meinen Kopf so vollstandig, daB ich es wagen 
konnte, langer oben zu bleiben. Ich sah den Hauptling auf dem Wasser liegen wie ein Raubtier, welches 
bereit ist, augenblickhch auf seine Beute zu stoBen. Nun hatte ich noch die letzte, aber auch langste Strecke 
vor mir liegen, die bis zum Beginn des Waldes, wo Strauchwerk uber das Ufer herab ins Wasser hing. 
Auch dort kam ich gliickhch an und stieg v< >n diesem Gestraucb vollstandig gedeckt. an das Ufer. 

Ich muBte natilrlich die erwahnte Krtimmung des Flusses erreichen, um jenseits derselben nach dem 



jenseitigen Ufer zu schwimmen, und das geschah am schnellsten, indem ich dorthin lief. Vorher aber 
blickte ich durch die Bilsche nach denen, die ich getauscht hatte. Sie standen rufend und gestikulierend am 
Ufer, wahrend der Hauptling, noch immer auf mich wartend, hin und her schwamm, obgleich ich 
unmoglich so lange hatte lebend unter Wasser bleiben konnen. Ob wohl Sain Hawkens jetzt an meine 
Worte: wenn ich ertrinke, so sind wir gerettet, dachte? 

Nun lief ich im Walde weiter, so schnell wie mdglich bis ich die Biegung des Flusses hinter mir hatte, ging 
da wieder in das Wasser und kam frohlich drilben an, jedenfalls nur infolge meiner Verstellung, also des 
Umstandes, daB sie mich fur einen schlechten Schwimmer hielten, fur einen Menschen, der sich vor dem 
Wasser furchtete. Es war ilbrigens eine ganz plumpe List gewesen, durch welche sie sich hatten tauschen 
lassen, derm so, wie sie mich bisher kannten, hatten sie gar keine Veranlassung, mich fur feig zu halten. 

Drilben folgte ich dem Walde wieder abwarts, bis er zu Ende ging. Dort wieder hinter Bilschen versteckt, 
sah ich zu meinem groflen Vergntigen, daB mehrere Rote in das Wasser gesprungen waren und mit Lanzen 
nach dem ertrunkenen Old Shatterhand stocherten. Ich hatte nun in aller Gemachlichkeit nach der Zeder 
gehen konnen und dann gewonnen gehabt, tat 

dies aber nicht, derm ich wollte meinen Sieg nicht der List allein verdanken, sondern Intschu tschuna eine 
Lehre geben und ihn mir zugleich zur Dankbarkeit verpflichten. 

Er schwamm noch immer suchend auf und ab; es kam ihm gar nicht in den Sinn, sein Auge heruber nach 
dem anderen Ufer zu richten. Ich glitt wieder in das Wasser, legte mich auf den Rticken, so daB nur die 
Nase und der Mund aus dem Wasser ragten, half durch leise, abwarts gerichtete Handschlage nach und lieB 
mich langsam forttreiben. Kein Mensch bemerkte mich. Als ich ihnen aber gegenilber angekommen war, 
tauchte ich wieder unter, schwamm ein Stuck hinuber, kam dann empor und rief, das Wasser tretend, mit 
lauter Stimme: 

» Sam Hawkens. Sam. Hi a 1 , kens, wii liaben gewonnen - gewonnen! « 

Es hatte ganz das Aussehen, als ob ich an einer seichten Stelle stande. Die Roten horten mich und blickten 
heruber. Welch ein Geheul erhob sich da! Es war, als ob tausend Teufel losgelassen seien und um die 
Wette brullten. Wer so etwas auch nur einmal gehort hat, der vergiBt es in seinem ganzen Leben nicht. 
Kaum hatte Intschu tschuna mich gesehen, so stieB er in langen, kraftvollen Schlagen aus und kam 
herubergeschwommen oder, richtiger gesagt, herubergeeilt. Ich durfte ihn nicht zu weit heranlassen und 
schoB wieder auf das jenseitige Ufer, das ich erklomm und wo ich dann stehen blieb. 

»Fort, weiter fort, Sir!« schrie mir Samzu. »Macht doch, daB Ihr an die Zeder kommt!« 

Ja, daran konnte mich niemand hindern; auch Intschu tschuna hatte nicht vermocht, es zu verhiiten; aber ich 
wollte ihm eben die beabsichtigte Lehre geben und entfernte mich nicht eher, als bis er ungefahr noch 
vierzig Schritte von mir entfernt war. Dann rannte ich fort, auf den Baum zu. Hatte ich mich im Wasser 
befunden, so ware ihm wohl der Angriff mit dem Tomahawk gelungen, so aber war ich ilberzeugt, daB er 
sich des Schlacht- und Wurfbeiles nicht eher bedienen konne, als bis er das Ufer erreicht haben werde. 

Der Baum war dreihundert Schritte von demselben entfernt. Als ich die Halfte dieses Weges in schnellen 
Sprilngen zuriickgelegt hatte, blieb ich wieder stehen und sah zuruck. Eben stieg der Hauptling aus dem 
Wasser. Er ging in die Falle, welche ich ihm stellte. Einholen konnte er mich nicht mehr; hochstens sein 
Tomahawk konnte mich erreichen. Er riB ihn aus dem Gilrtel und rannte vorwarts. Ich floh noch immer 
nicht; aber als er mir gefahrlich nahe gekommen war, wendete ich mich wieder zur Flucht, doch nur 
scheinbar. Ich sagte mir folgendes: So lange icb ruhig stand, warf er das Beil sicherlich nicht, denn ich sah 
es kommen und konnte ihm ausweichen wahrend er, wenn er es behielt, mich einholen und niederschlagen 
konnte. DaB er werfen wilrde, war nur dann anzunehmen, wenn ich floh und ihm dabei den Rticken 
zukehrte, so daB ich die heranschwirrende Waffe nicht sah. Ich ergriff also zum Scheme die Flucht, tat aber 
hochstens zwanzig Sprunge und blieb dann, mich schnell umwendend. wieder stehen. 



Richtig! Er hatte, urn einen sicheren Wurf zu haben, im Laufe angehalten und das Beil urn den Kopf 
geschwungen. Eben, als ich ihn wieder in das Auge faBte, schleuderte er es mir nach. Ich tat zwei, drei 
rasche Sprilnge zur Seite - es flog an mir voruber und grub sich dann im Sande ein. 

Das hatte ich gewollt. Ich rannte hin, hob es auf und ging nun, anstatt nach dem Baume zu eilen, dem 
Hauptlinge ruhigen Schrittes entgegen. Er schrie vor Grimm auf und kam wie ein Wiltender auf mich 
zugesprungen. Da schwang ich den Tomahawk und rief ihm drohend entgegen: 

»Halt, Intschu tschuna! Du hast dich in Old Shatterhand abermals getauscht. Willst du dein eigenes Beil in 
den Kopf haben? « 

Er hielt im Laufen inne und schrie: 

»Hund, wie bist du mir im Wasser entkommen? Der bose Geist hat dir abermals geholfen! « 

»Glaube dies nicht! Wenn hier von einem Geiste gesprochen werden muB, so ist es der gute Manitou, der 
mir beigestanden hat.« 

Ich sah bei diesen Worten, daB seine Augen, wie unter einem heimlichen Entschlusse leuchtend, auf mich 
gerichtet waren, und fuhr, ihn warnend, fort: 

»Du willst mich uberraschen. niich angreifeir. ich sehe es dir an. Tue dies ja nicht, denn es wilrde dein Tod 

sell]! 

Dir soil nichts geschehen, denn ich habe dich und Winnetou wirklich lieb; aber wenn du dich heranwagst, 
muB ich mich wehren. Du weiBt, daB ich dir selbst ohne Waffe ilberlegen bin, und ich habe doch den 
Tomahawk. Also sei klug und -« 

Ich konnte nicht weiter sprechen. Der ihn beherrschende Grimm raubte ihm die ruhige Ueberlegung. Die 
Hande wie geoffnete Krallen nach mir ausstreckend warf er sich mir entgegen. Schon glaubte er, mich zu 
haben, da glitt ich, mich schnell bilckend[,] zu [zur] Seite, und die Gewalt des StoBes, mit welchem er mich 
hatte zu Boden bringen wollen, warf ihn selber nieder. Sofort war ich bei ihm, setzte ihm das linke Knie auf 
den einen, das rechte auf den andern Arm, faBte ihn mit der linken Hand beim Halse, schwang den 
Tomahawk und rief: 

»Intschu tschuna, bittest du urn Gnaile '<> 



»So spake ich dir den Kopf.« 

»Tote mich, Hund!« keuchte er unter dem vergeblichen Versuche, loszukommen. 

»Nein, du bist der Vater Winnetous und sollst leben; aber unschadlich machen muB ich dich einstweilen. 
Du zwingst mich dazu.« 

Ich schlug ihm die flache Seite des Tomahawk gegen den Kopf - ein rochelnder Hauch; seine Glieder 
zuckten krampfhaft und streckten sich dann lang aus. Das hatte drilben, wo die Roten standen, das 
Aussehen, als ob ich ihn erschltige. Es erscholl ein noch viel entsetzlicheres Geheul als das, welches ich 
vorhin gehort hatte. Ich band ihm mit dem Gilrtel die Arme test an den Leib, trug ihn zur Zeder und legte 
ihn dort nieder. Diesen unniltzen Weg muBte ich machen, denn nach dem Wortlaute unserer Vereinbarung 
war ich gezwungen, die Zeder zu erreichen. Dann aber lieB ich ihn liegen und rannte schnell nach dem 



Flusse zuriick, denn ich sah, daB viele Rote sich ins Wasser warfen, urn heriiberzuschwimmen, an ihrer 
Spitze Winnetou. Das konnte, falls sie nicht gewillt waren, Wort zu halten, gefahrlich fur mich und meine 
Gefahrte [Gefahrten] werden. Darum rief ich, am Wasser angekommen, ihnen zu: 

»Zuriick mit euch! Der Hauptling lebt; ich habe ihm nichts getan; aber wenn lhr kommt, erschlage ich ihn. 
Nur Winnetou soil heruber; mit ihm will ich sprechen!« 

Sie beachteten diese Warnung nicht; da baumte Winnetou sich, um von alien gesehen zu werden, im 
Wasser empor und rief ihnen einige Worte zu, die ich nicht verstand. Ihm gehorchten sie, indem sie 
umkehrten, und er kam allein heruber. Ich erwartete ihn am Wasser und sagte, als er aus demselben stieg: 

»Das war gut, daB du deine Krieger zuriickschicktest, denn sie hatten deinen Vater in Gefahr gebracht « 

»Du hast ihn mit dem Tomahawk erschlagen '« 

»Nein. Er zwang mich, ihn zu betauben, weil er sich mir nicht ergeben wollte.« 

»Und konntest ihn doch toten! - Er war in deiner Hand!« 

»Ich tote nicht gern einen Feind, am allerwenigsten aber einen Mann, welcher der Vater Winnetous ist und 
den ich also lieb habe. Hier hast du seine Waffe! Du wirst bestimmen, ob ich gesiegt habe und ob man mir 
und meinen Gefahrten Wort halten wird <- 

Er nahm den Tomahawk, den ich ihm hinhielt, und sah mich lange, lange an. Sein Blick wurde mild und 
milder; der Ausdruck desselben steigerte sich zur Bewunderung, und dann rief er aus: 

» Was ist Old Shatterhand doch fur ein Mann! Wer kann ihn begreifen! « 

»Du wirst mich verstehen lernen.« 

»Du gibst mir dieses Beil, ohne zu wissen, ob wir dir Wort halten werden! Du konntest dich mit demselben 
wehren. WeiBt du, daB du dich dadurch in meine Hande lieferst '« 

»Pshaw\ Ich furchte mich nicht, denn ich habe fur alle Falle meine Arme und Fauste, und Winnetou ist 
kein Ltigner, sondern ein edler Krieger, der sein Wort nie brechen wird.« 

Da streckte er mir die Hand entgegen und antwortete, indem seine Augen erglanzten: 

»Du hast recht; du bist frei, und die andern Bleichgesichter sind es auch, auBer dem Manne, welcher Rattler 
heiBt. Du hast Vertrauen zu mir, konnte ich doch zu dir auch welches haben!« 

»Du wirst mir so vertrauen, wie ich dir; warte nur noch kurze Zeit. Komm jetzt mit zu deinem Vater! « 

»Ja, komm! Ich muB nach ihm sehen, denn wenn Old Shatterhand zuschlagt, kann leicht der Tod eintreten, 
obwohl er dies nicht beabsichtigte.« 

Wir gingen nach der Zeder und banden dem Hauptlinge die Arme los. Winnetou untersuchte ihn und sagte 

»Er lebt, wird aber spat erwachen und nachher einen lange schmerzenden Kopf haben. Ich darf nicht hier 
bleiben und werde ihm einige Manner herilbersenden. Mein Bruder Old Shatterhand mag mit mir 
kommen.« 



Dies war das erste Mai, daB er mich "mein Bruder" nannte. Wie oft habe ich spater dieses Wort aus seinem 
Munde gehort, und wie ernst, treu und wahr ist dasselbe stets gemeint gewesen! 

Wir gingen wieder an den Flufl und schwammen hinuber. Die Roten standen drilben und sahen uns 
gespannt entgegen. Jetzt, da wir so friedlich nebeneinander herschwammen, merkten sie nicht bloB, daB wir 
einig waren, sondern sie muBten auch erkennen, wie falsch sie mich beurteilt hatten, als ich der Gegenstand 
ihres Spottes und Holing elac liters gewesen war. Als wir an das Ufer stiegen, sagte Winnetou, indem er 
mich bei der Hand nahm, mit lauter Stimme: 

»01d Shatterhand hat gesiegt. Er und seine drei Gefahrten sind frei!« 

»Uff, uff, uff!« riefen die Apachen. 

Tangua aber stand da und blickte finster drein. Mit ihm hatte ich noch abzurechnen, derm seine Ltigen und 
seine Bemiihungen, uns den Tod zu bringen, muBten bestraft werden, nicht bloB um unsertwillen, sondern 
auch der Zukunft und derjenigen WeiBen wegen, mit denen er spater zusammentreffen wilrde. 

Winnetou schritt mit mir an ihm voriiber, ohne einen Blick auf ihn zu werfen. Er fuhrte mich zu den 
Pfahlen, an denen die drei Kameraden hingen. 

»Halleluja!« rief Sam. »Wir sind gerettet; wir werden nicht ausgeloscht! Mensch, Mann, Freund, Jungling 
und Greenhorn, wie habt Ihr das nur angefangen?« 

Winnetou gab mir sein Messer und sagte: 

»Schneide sie los! Du hast es verdient, dies selbst tun zu dilrfen.« 

Ich tat es. Kaum waren sie frei, so warfen sie sich auf mich und nahmen mich in ihre sechs Arme, um mich 
auf eine Weise zu drilcken und zu quetschen, daB es mir angst und bange werden wollte. Sam kilBte mir 
sogar die Hand und beteuerte, indem Tranen aus seinen kleinen Aeuglein in den Bartwald tropften: 

»Sir, wenn ich Euch dies jemals vergesse, so soil mich der erste Bar, der mir begegnet, mit Haut und Haar 
verschlingen! Wie habt Ihr es nur angefangen? Ihr waret verschwunden. Ihr hattet solche Angst vor dem 
Wasser, und so dachten alle, daB Ihr ertrunken waret. « 

»Habe ich nicht gesagt: Wenn ich ertrinke, so sind wir gerettet! « 

»Das hat Old Shatterhand gesagt?« fragte Winnetou. »Also war das alles Verstellung?« 

»Ja,« nickte ich. 

»Mein Bruder wuBte, was er wollte. Er ist hier huben unter Wasser stromaufwarts geschwommen und dann 
drilben wieder herab, wie ich vermute. Mein Bruder ist nicht nur stark wie ein Bar, sondern auch listig wie 
der Fuchs der Prairie; wer sein Feind ist, der hat sich vor ihm sehr in acht zu nehmen.« 

»Und so ein Feind ist Winnetou gewesen?« 

»Ich war es, bin es aber nicht mehr.« 

»So glaubst du nicht mehr Tangua dem Liigner, sondern mir?« 

Er sah mich wieder so lange und forschend an wie vorhin drilben am jenseitigen Ufer, reichte mir die Hand 



und antwortete: 

»Deine Augen sind gute Augen, und in deinen Zilgen wohnt keine Unehrlichkeit. Ich glaube dir.« 

Ich hatte die vorhin abgelegten Kleidungsstilcke wieder angezogen, nahm die Sardinenbilchse aus der 
Tasche des Jagdrockes und sagte: 

»Da hat mein Bruder Winnetou das Richtige getroffen; ich werde es ihm beweisen. Vielleicht kennt er das, 
was ich ihm jetzt zeigen werde. « 

Ich langte die zusammengerollte Haarlocke heraus, zog sie auseinander und hielt sie ihm hin. Er streckte 
die Hand darnach aus, griff sie aber doch nicht an, sondern trat, ganz und gar ilberrascht, einen Schritt 
zuiiick und rief aus: 

»Das ist Haar von meinem Kopfe! Wer hat dir dies gegeben?« 

»Intschu tschuna erzahlte vorhin, daB ihr an die Baume gebunden gewesen seid; da habe euch der groBe, 
gute Geist einen unsichtbaren Retter gesandt. Ja, unsichtbar war er, derm er durfte sich vor den Kiowas 
nicht sehen lassen; jetzt aber braucht er sich nicht mehr vor ihnen zu verbergen. Nun wirst du es wohl 
glauben, daB ich nicht dein Feind, sondern stets dein Fremiti gewesen bin « 

»Du - du - du also hast uns losgebunden! Dir also haben wir die Freiheit und wohl auch das Leben zu 
verdanken!« stieB er, noch immer ganz betroffen, hervor, er, der sonst nie durch Etwas zu erstaunen oder zu 
ilberraschen war. Dann nahm er mich bei der Hand und zog mich fort, hin nach der Stelle, an welcher, uns 
mit jedem ihrer Blicke beobachtend, seine Schwester stand. Er stellte mich vor sie hin und sagte: 

»Nscho-tschi sieht hier den tapfern Krieger, welcher mich und den Vater heimlich befreit hat, als uns die 
Kiowas an die Baume gebunden hatten; sie mag sich bei ihm bedanken!« 

Nach diesen Worten drilckte er mich an sich und gab mir auf jede Wange einen KuB. Sie reichte mir die 
Hand und sagte das eine Wort: 

»Verzeih!« 

Sie sollte sich bedanken und bat mich statt dessen um Verzeihung! Warum? Ich verstand sie recht gut. Sie 
hatte mir im stillen Unrecht getan. Sie als meine Pflegerin muBte mich besser kennen als die Andern, und 
doch hatte sie, als ich mich aus List verstellte auch geglaubt, daB es Wahrheit sei. Sie hatte mich fur eine 
feige, ungeschickte Memme gehalten, und dies gut zu machen, das war ihr wichtiger als der Dank, den 
Winnetou von ihr verlangte. Ich drilckte ihr die Hand und antwortete: 

»Nscho-tschi wird sich alles dessen erinnern, was ich ihr gesagt habe. Nun ist es eingetroffen. Will meine 
Schwester jetzt an mich glauben?« 

»Ich glaube an meinen weiBen Bruder! « 

[Tafel Nr. 7: "Bd. VII. Sam Hawkens, wir haben gewonnen! (Zu S. 298.)"] 

Tangua stand in der Nahe. Es war ihm anzusehen, wie wiltend er war. Ich trat zu ihm hin und fragte, indem 
ich ihm test ins Gesicht blickte: 

»Ist Tangua, der Hauptling der Kiowas, ein Lilgner oder liebt er die Wahrheit?« 



» Willst du mich beleidigen?« fuhr er auf. 

»Nein! Ich will nur wissen, woran ich mit dir bin. Also antv, i ute ! « 

»01d Shatterhand mag wissen, daB ich die Wahrheit liebe.« 

»Wollen sehen! Dann halts! du wolil auch Wort, wenn du etwas versprochen hast?« 

»Ja.« 

»Das muB auch seiii. derm wer liicht tilt, was er sagt. den mill] man verachten. Du weiBt doch noch, was du 
zu mir gesagt hast?« 

»Vorhin, als ich noch angebunden war « 

»Da habe ich Verschiedenes gesagt.« 

»Allerdings. Du wirst aber wohl wissen, welches von deinen Worten ich meine.« 

»So muB ich dich erinnern. Du wo litest mir Rechenschaft gehen « 

»Habe ich das gesagt?« fragte er, indem er die Brauen in die Hohe zog. 

»Ja. Du hast ferner gesagt, daB du gern mit mir kampfen wurdest denn du \vnBtest genau. daB ich von dir 
zermalmt werden wiirde.« 

Es mochte ihm bei dem Tone, in welchem ich jetzt mit ihm sprach, unheimlich werden, denn er meinte 
bedachtig: 

»Ich erinnere mich dieser Worte nicht. Old Shatterhand muB mich falsch verstanden haben.« 

»Nein. Winnetou war dabei; er wird es mir bezeugen.« 

»Ja,« bestatigte Winnetou bereitwillig. »Tangua hat Old Shatterhand Rechenschaft geben wollen und sich 
geruhmt, daB er sehr gern mit ihm kampfen und ihn zermalmen werde.« 

»Du siehst also ein, daB du diese Worte gesprochen hast. Willst du sie halten?« 

»Verlangst du es?« 

»Ja. Du hast mich einen Frosch genannt, der keinen Mut besitzt; du hast mich verleumdet und dir alle 
Muhe gegeben, uns in das Verderben zu bringen. Wer so verwegen ist, dies zu tun, der muB es auch wagen, 
sich gegen mich zu verteidigen.« 

»Pslicnr\ Ich kampfe nur mit Hauptlingen!« 

»Ich bin ein Hauptling!« 



»Schon! Ich werde es dir dadurch beweisen, daB ich dich mit einem Stricke dort an dem ersten Baume 
aufhange, wenn du dich weigerst, mir Rechenschaft zu geben.« 

Einem Indianer mit dem Hangen drohen, ist eine Beleidigung, welcher schwerlich eine andere 
gleichkommt. Er riB auch sofort sein Messer aus dem Gilrtel und schrie: 

»Hund, soil ich dich erstechen?« 

»Ja, aber nicht so, wie du es jetzt willst, sondern im ehrlichen Kampfe, Mann gegen Mann und Messer 
gegen Messer. « 

»Das fallt mir nicht ein; ich habe mit Old Shatterhand nichts zu schaffen! « 

»Aber vorhin, als ich festgebunden war und mich nicht wehren konnte, da machtest du dir mit mir zu 

schaffen Feighng!« 

Er wollte auf mich eindringen; da stellte sich Winnetou zwischen ihn und mich und sagte: 

»Mein Bruder Old Shatterhand hat recht. Tangua hat ihn verleumdet und hat ihm Rechenschaft geben 
wollen. Wenn er dieses Wort nicht erfullt, so ist er ein Feigling und verdient, von seinem Stamme 
ausgestoBen zu werden. Diese Sache muB sofort entschieden werden, derm niemand soil den Kriegern der 
Apachen nachsagen, daB sie Feiglinge als Gaste bei sich haben. Was gedenkt der Hauptling der Kiowas zu 
tun?« 

Dieser warf, ehe er antwortete, einen Blick rund umher. Es waren fast viermal mehr Apachen als Kiowas 
vorhanden, und diese letzteren befanden sich mitten im Gebiete der ersteren; es zu einem Zerwurfnisse 
zwischen beiden kommen lassen, das war unmoglich, jetzt, wo er ein solches Losegeld hatte zahlen mtissen 
und doch noch, streng genommen, halber Gefangener war 

»Ich werde es mir ilberlegen,« antwortete er ausweichend 

»Filr einen tapferen Krieger gibt es da nichts zu 

ilberlegen. Entweder du gehst auf den Kampf ein oder wirst als Feigling betrachtet.« 

Da raffte er sich zusammen und schrie: 

»Tangua ein Feigling? Wer das sagt, dem stoBe ich das Messer in die Brust!« 

»Ich sage es, ich!« antwortete Winnetou stolz und ruhig, »wenn du das Wort nicht haltst, welches du Old 
Shatterhand gegeben hast.« 

»Ich halte es!« 

»Du bist also bereit, mit ihm zu kampfen?« 



»Sofort! Es verlangt mich sehr, moglichst bald sein Blut zu sehen.« 

»Wohlan, so mag bestimmt \\ erden nut welchen Waffen dieser Kampf vorgenommen werden soll.« 

» Wer hat dies zu bestimmen?« 

»01d Shatterhand.« 

»Warum?« 

»Weil du ihn beleidigt hast « 

»Nein, sondern ich.« 

»Du?« 

»Ja, ich, denn er hat mich beleidigt, und ich bin em Hauptling wahrend er em gewohnlicher WeiBer ist. Ich 
bin also viel mehr als er.« 

»01d Shatterhand ist mehr als ein roter Hauptling. « 

»Das behauptet er auch, hat es aber nicht zu beweisen vermocht. Eine Drohung ist kein Beweis.« 

Da entschied ich die Frage: 

»Tangua mag wahlen; mir ist es ganz gleich, mit welcher Waffe ich ihn besiege. « 

»Du wirst mich nicht besiegen,« brilllte er mich wutend an »I)enkst du. ich wahle den Faustkampf, wo du 
Jeden niederschlagst, oder das Messer, mit welchem du "Blitzmesser" erstochen hast, oder den Tomahawk, 
welcher sogar Intschu tschuna verderblich geworden ist?« 

»Was denn?« 

»Das Gewehr. Wir werden auf einander schieBen, und meine Kugel wird dir im Herzen sitzen! « 

»Schon! Ich stimme bei. Aber hat mein Bruder Winnetou gehort, was Tangua jetzt eingestanden hat?« 

»Was?« 

»DaB ich mit "Blitzmesser" gekampft und ihn niedergestochen habe. Dies tat ich, um die gefangenen 
Apachen vom Marterpfahle zu retten; er aber hat es bis zu diesem Augenblicke geleugnet. Man hort, wie 
recht ich hatte, als ich ihn einen Lilgner nannte.« 

»Einen Lilgner? Mich?« donnerte mich der Kiowa an. »Das sollst du mit dem Leben bezahlen! Schnell die 
Gewehre her! Der Kampf mag sofort beginnen, damit ich diesen klaffenden Hund zum Schweigen bringe!« 

Er hatte sein Gewehr in der Hand. Winnetou schickte einen Apachen in das Pueblo, um meine Bilchse und 
die Munition, welche ich bei mir gehabt hatte, zu holen. Es war alles sorgfaltig aufgehoben worden, weil 
Winnetou sich, trotzdem er mich fur seinen Feind hielt, so lebhaft fur mich interessiert hatte. Dann forderte 
er mich auf: 



»Mein weiBer Bruder mag sagen, aus welcher Entfernung und wieviel Male geschossen werden soll!« 

»Ist mir gleich,« antwortete ich. » Wer die Waffen bestimmt hat, mag auch hier entscheiden.« 

»Ja, ich entscheide,« sagte Tangua »Zweihundert Schritte und soviel Schiisse, bis einer von uns 
niederstilrzt und nicht wieder aufstehen kann.« 

»Gut,« sagte Winnetou. »Ich werde aufpassen. Es hat einmal Dieser und einmal Jener zu schieBen, also 
abwechselnd. Ich stehe mit meinem Gewehre dabei und werde demjenigen, welcher schieBt, ohne an der 
Reihe zu sein, eine Kugel in den Kopf geben. Wer aber hat den ersten SchuB?« 

»Ich natilrlich!« rief der Kiowa. 

Winnetou schilttelte miBbilligend den Kopf und sagte: 

»Tangua will alle Vorteile fur sich haben. Old Shatterhand mag zuerst schieBen.« 

»Nein,« antwortete ich; »er soil seinen Willen haben. Er einen SchuB und ich einen; dann ist's aus.« 

»Nein,« entgegnete Tangua. »Wir schieBen so lange, bis Einer fallt!« 

»Allerdings, derm mein erster SchuB wird dich niederstrecken.« 

»Prahler!« 

»Pshaw\ Eigentlich sollte ich dich toten; aber ich will es nicht tun. Die geringste Strafe fur das, was du 
getan hast, ist jedoch, daB ich dich lahme. Ich werde dir das rechte Knie zerschmettern. Merke es dirk 

»Habt ihr es gehort?« lachte er. »Dieses Bleichgesicht, welches von seinen eigenen Freunden ein 
Greenhorn genannt wird, will bei zweihundert Schritten vorhersagen kdnnen, daB er mich in das Knie 
treffen wird! Lacht ihn aus, ihr Krieger, lacht ihn aus!« 

Er blickte auffordernd rund umher, aber es lachte niemand. Da fuhr er fort: 

»Ihr furchtet euch vor ihm! Ich aber werde euch zeigen, wie ich ihn verlache. Kommt, laBt uns diese 
zweihundert Schritte abmessenk 

Wahrend dies geschah, wurde mir mein Barentoter gebracht. Ich untersuchte ihn; er befand sich in gutem 
Zustande. Beide Laufe waren geladen. Um meiner Sache ganz sicher zu sein, schoB ich sie ab und lud sie 
von neuem, so sorgfaltig. wie die gegenwartige Veranlassung es forderte. Dabei kam Sam zu mir und sagte: 

»Sir, ich habe hundert Fragen an Euch und finde doch keine Gelegenheit dazu. Jetzt nur die eine: Wollt Ihr 
diesen Kerl wirklich in das Knie treffen? « 

»Ja.« 

»Nur?« 

»Es ist das Strafe genug.« 

»Nein, gewiB nicht. Solches Ungeziefer muB ausgerottet werden, wenn ich mich nicht irre. Bedenkt doch, 



was er alles verschuldet hat und was alles geschehen ist, nur deshalb, daB er die Pferde der Apachen hat 
stehlen wollen! « 

»Daran sind die Weiflen, welche ihn verfiihrten, wenigstens ebenso schuld.« 

»Er mag sich nicht verfiihren lassen! Ich an Eurer Stelle wilrde ihm eine Kugel in den Kopf geben. Er zielt 
ganz gewiB nach dem Eurigen!« 

»Oder nach der Brust; ich bin ilberzeugt davon.« 

» Wird aber nicht treffen. Das Schieflzeug dieser Kerls ist nichts wert.« 

Jetzt war die Entfernung abgemessen und wir stellten uns an den beiden Endpunkten auf. Ich war ruhig wie 
gewohnlich, Tangua aber erging sich in gar nicht wiederzugebenden Schmahungen gegen mich. Darum 
sagte Winnetou welchei seitwarts grad in del Mitte zwischenuns stand: 

»Der Hauptling der Kiowas mag schweigen und aufpassen! Ich zahle bis drei, dann wild geschossen; wer 
aber eher schieBt, der bekommt meine Kugel in den Kopf!« 

Es laBt sich denken, daB alle Anwesenden von der groBten Spannung ergriffen worden waren. Sie hatten 
sich in zwei Reihen rechts und links von uns aufgestellt, so daB eine breite StraBe entstanden war, deren 
Endpunkte wir beide markierten. Es herrschte tiefe Stille. 

»Der Hauptling der Kiowas mag begiiinen.« sagte Winnetou »eins - - zwei - - drei!« 

Ich stand still da und bot meinem Gegner meine ganze Korperbreite dar. Er legte gleich beim ersten Worte 
Winnetous das Gewehr an, zielte sorgfaltig und drilckte ab. Die Kugel ging nahe an mir voruber. Kein 
Mensch lieB einen Ruf horen, der diesem Schusse gelten sollte. 

»Nun mag Old Shatterhand schieBen,« forderte mich Winnetou auf. »Eins - - zwei « 

»Halt!« unterbrach ich ihn. »Ich habe dem Hauptling der Kiowas grad und ehrlich gegenilbergestanden; er 
aber dreht sich halb um und wendet mir nicht das Gesicht, sondern die Seite zu.« 

»Das kann ich,« antwortete er. »Wer will es mir verbieten? Es ist nicht bestimml worden, wie wir stehen 



»Das ist wahr, und Tangua kann sich also stellen, wie es ihm beliebt. Er kehrt mir seine schmale Seite zu, 
weil er meint, daB ich ihn da nicht so leicht treffen konnte; aber er irrt sich, derm ich treffe unbedingt. Ich 
hatte schieBen konnen, ohne ein Wort sagen zu brauchen; aber ich will ehrlich mit ihm sein. 

Er soil meine Kugel in das rechte Knie bekommen; das kann aber nur dann geschehen, wenn er mir das 
Gesicht zukehrt; wendet er mir aber die Seite zu, so wird ihm die Kugel beide Kniee zerschmettern. Das ist 
der Unterschied. Er kann stehen, wie er will; ich habe ihn gewarnt « 

[Illustration Nr. 14: Tangua bricht zusammen] 

»SchieB nicht mit Worten, sondern mit Kugeln!« hohnte er, indem er meine Warming miBachtete und 
seitlich stehen blieb. 

»Qld Shatterhand schieBt,« wiederholte Winnetou: »eins - - zwei - - drei!« 



Mein SchuB krachte; Tangua stieB einen lauten Schrei aus, lieB sein Gewehr fallen warf die Arme 
auseinander, wankte hin und her und sturzte dann nieder. 

»Uff, uff, uff!« rief es iiberall, und Alle drangten sich zu ihm, urn zu sehen, wo ich ihn getroffen hatte. 

Ich ging nun auch hin, und man machte mir ehrerbietig Platz. 

»In beide Kniee, in beide Kniee!« horte ich rechts und links sagen 

Als ich ihn erreichte, lag er wimmernd an der Erde. Winnetou kniete bei ihm und untersuchte die 
Verletzung. Er sah mich kommen und sagte: 

»Die Kugel ist genau so gegangen, wie mein weiBer Bruder vorherverkundet hat; es sind beide Kniee 
zerschmettert. Tangua wird nie wieder ausreiten konnen, um sein Auge auf die Pferde anderer Stamme zu 

Als der Verwundete mich erblickte, warf er mir eine ganze Flut von Schimpfreden entgegen. Ich herrschte 
ihn so an, daB er fur einige Augenblicke schwieg, und sagte: 

»Ich habe dich gewarnt, und du hast nicht auf mich gehort; du bist selber schuld.« 

Er wagte nicht, zu jammern, weil ein Indianer dieses selbst bei den argsten Schmerzen nicht darf; er biB 
sich auf die Lippen, sah finster vor sich nieder und knirschte dann: 

»Ich bin verwundet und kann nicht heimkehren. Ich muB bei den Apachen bleiben.« 

Da schilttelte Winnetou den Kopf und antwortete in sehr bestimmtem Tone: 

»Du wirst doch heimkehren milssen, derm wir haben keinen Raum fur die Diebe unserer Pferde und die 
Morder unserer Krieger. Wir haben uns nicht mit Blut geracht und uns mit Tieren und Sachen begnilgt; 
mehr kannst du nicht verlangen. Ein Kiowa gehort nicht in unser Pueblo. « 

» Aber ich kann nicht heimreiten! « 

»01d Shatterhand war noch schwerer verwundet als du und konnte auch nicht reiten; dennoch muBte er mit. 
Denke recht oft an ihn! Das wird dir mitzlich sein! Die Kiowas wollten uns heut verlassen; sie mogen dies 
ja tun, derm denjenigen von ihnen, den wir morgen in der Nahe unserer Weideplatze treffen, den werden 
wir so behandeln, wie nach ihrem Wunsche Old Shatterhand behandelt werden sollte. Ich habe gesprochen. 

Ho\vgh!« 

Er nahm mich bei der Hand und fuhrte mich fort. Als wir aus dem Gedrange der Menschen heraus waren, 
sahen wir seinen Vater mit den zwei Mannern geschwommen kommen, die er ihm hinuber gesandt hatte. 
Er ging ihm bis an das Ufer entgegen, und ich suchte Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker auf. 

»Endlich, endlich dilrfen wir Euch einmal fur uns haben! « sagte der Erstere. »Sagt doch gleich erst vor 
alien Dingen. was waren das fill Haare. welche Ihr Winnetou zeigtet?« 

»Ich hatte sie ihm abgeschnitten.« 

»Als ich ihn und seinen Vater losschnitt.« 



»So hattet - - alle Teufel! - - Ihr hattet - - Ihr, das Greenhorn, hattet hattet sie befreit?« 

»Freilich.« 

»Ohne uns ein Wort zu sagen?!« 

»War mcht notig!« 

»Aber, wie habt Ihr das denn angefangen?« 

»Grad so, wie es ein Greenhorn anzufangen pflegt.« 

»Redet verstandig. Sir! Das war erne auBerordentlich schwierige Sache!« 

»Ja, Ihr zweifeltet sogar daran, ob sie Euch selbst gut gelingen wilrde.« 

»Und Euch ist sie gelungen! Entweder habe ich gar keinen Verstand, oder er steht mir still! « 

»Das erstere ist der Fall, das erstere, Sam! « 

»Macht keine dummen Witze! So ein Heimtucker! Macht die Hauptlinge los und tragt den Zopf, welcher 
Wunder wirkte, mit sich herum, ohne uns ein Wort davon zu sagen! Hat so ein ehrliches Gesicht, der Kerl, 
aber man darf eben keinem Menschen mehr trauen! Und wie ist es denn heut gewesen! Es ist mir da 
Einiges unklar geblieben. Ihr waret ertrunken und dann plotzlich wieder da!« 

Ich erzahlte es ihm. Als ich geendet hatte, rief er aus: 

»Mensch, Freund und Greenhorn, Ihr seid doch ein ganz furchterlicher Racker, wenn ich mich nicht irre! 
Ich muB Euch wieder fragen, wie schon fruher einmal: Ihr seid wirklich noch nie im wilden Westen 

gewesen'? « 



»Auch ilberhaupt in den Vereinigten Staaten nicht?« 

»Dann mag Euch der Kuckuck begreifen, ich aber nicht! Ihr seid in Allem Anfanger und doch in Allem 
gleich fertig. So ein Patron, wie Ihr seid, ist mir wirklich noch nicht vorgekommen. MuB Euch loben, 
wirklich loben. Habt Eure Sache schlau angefangen, hihihihi! Unser Leben hing wirklich nur an einem 
Haare. Braucht Euch aber auf dieses Lob nichts einzubilden, gar nichts. Werdet dafur um so groBere 
Dummheiten machen. Sollte micb wirklich wundern, wenn aus Euch einmal ein brauchbarer Westmann 
wilrde!« 

Er hatte in dieser Weise wohl noch fortgefahren; aber da kam Winnetou mit Intschu tschuna herbei. Dieser 
Letztere sah mir grad so wie vorher sein Sohn lange und ernst in das Gesicht und sagte dann: 

»Ich habe von Winnetou Alles gehort. Ihr seid frei und werdet uns verzeihen. Du bist ein sehr tapferer und 
sehr listiger Krieger und wirst noch manchen Feind besiegen. Der handelt klug, der dich zu seinem Freunde 
macht. Willst du das Calumet des Friedens mit uns rauchen?« 



»Ja; ich mochte euer Freund und Bruder sein!« 

»So kommt mit mir und Nscho-tschi, meiner Tochter, jetzt ins Pueblo hinauf! Ich v 
Ueberwinder eine Wohnung anweisen, wie sie seiner wurdig ist. Winnetou bleibt hier unten, um die 
Ordnung zu wahren.« 

Wir stiegen mit ihm und Nscho-tschi als freie Manner nach der Pyramidenburg hinauf, die wir als 
Gefangene verlassen hatten, um in den Tod geschleppt zu werden. - - 



Funftes Kapitel. 



»Schoner Tag«. 

Als wir jetzt nach dem Pueblo zuruckkehrten und bei demselben anlangten, sah ich erst, welch ein 
machtiger, imposanter Steinbau dasselbe war. Man halt die amerikanischen Volkerschaften fur 
bildungsunfahig; aber Menschen, welche solche Felsenmassen zu bewegen und zu einer solchen mit den 
damaligen Waffen uneinnehmbaren Festung aufeinander zu turmen verstanden hatten, konnten unmoglich 
nur auf der untersten, niedrigsten Kulturstufe gestanden haben. Und wenn man sagt, daB diese Nationen 
fruher bestanden haben und daB die jetzigen Indianei keineswegs Abkdmmlinge derselben seien, so will ich 
das weder zugeben noch bestreiten; aber wenn es wirklich so sein sollte, dann ist das noch kein Grund zu 
der Behauptung, daB die Indianer geistig nicht vorwarts kommen konnen. Naturlich, wenn man ihnen nicht 
die Zeit und den Raum dazu gonnt, so miissen sie verkommen und untergehen. 

Wir stiegen mittels der vorhandenen Leitern bis zur dritten Plattform empor, hinter welcher die besten 
Raume des Pueblo lagen. Da wohnte Intschu tschuna mit seinen beiden Kindern, und da bekamen wir 
unsere Wohnung angewiesen. 

Die meinige war groB. Sie hatte zwar auch keine Fensteroffnungen und erhielt ihr Licht nur durch die Tiir, 
aber diese war so breit und hoch, daB es an der notigen Helligkeit nicht mangelte. Der Raum war leer, doch 
Nscho-tschi moblierte ihn mir bald mit Fellen, Decken und Geratschaften so gut aus, daB ich mich weit 
mehr als den Verhaltnissen angemessen behaglich filhlen konnte. Hawkens, Stone und Parker bekamen 
zusammen ein ahnliches Gemach angewiesen. 

Als mein "Gastzimmer" so weit eingerichtet war, daB ich es betreten konnte, brachte "Schoner Tag" mir 
eine prachtig geschnittene Friedenspfeife und Tabak dazu. Sie stopfte sie mir selbst und setzte den Tabak 
dann in Brand. Als ich die ersten Zilge tat, sagte sie: 

»Dieses Calumet sendet dir Intschu tschuna, mein Vater. Er selbst hat den Thon dazu aus den heiligen 
Steinbruchen geholt, und ich habe den Kopf daraus geschnitten. Sie ist noch in keines Menschen Munde 
gewesen, und wir bitten dich, sie von uns als dein Eigentum anzunehmen und unser zu gedenken, wenn du 
daraus rauchest.« 

»Eure Gilte ist groB,« antwortete ich. »Sie beschamt mich fast, denn ich kann dieses Geschenk nicht 

»Du hast uns bereits soviel gegeben, daB wir dir gar nicht dafur danker) konnen. namhcb wiederholt das 
Leben Intschu tschunas und Winnetous, meines Bruders. Beide waren wiederholt in deine Hand gegeben, 
ohne daB du sie totetest. Heut wieder konntest du Intschu tschuna das Leben nehmen, ohne daB du dafur 
bestraft word en warest: lIh hast es aber nicht getan. Dafur sind dir unsere Herzen zugewendet, und du so list 
unser Bruder sein, wenn du es unsern Kriegern erlaubst, dich als solchen zu betrachten.« 



»Wenn das geschieht, so ist mein groBter Wunsch erfullt. Intschu tschuna ist ein sehr berilhmter Hauptling 
und Krieger, und Winnetou habe ich gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt. Es ist mir nicht nur 
eine groBe Ehre, sondern eine ebenso groBe Freude, der Bruder solcher Manner genannt zu werden. Ich 
w ilnsche nur, daB meine Gefahrten auch daran teilnehmen dilrfen.« 

»Wenn sie wollen, wird man sie so betrachten, als ob sie als Apachen geboren worden seien.« 

» Wir danken euch dafur. Also du selbst hast diesen Pfeifenkopf aus dem heiligen Thone geschnitten? Wie 
kunstvoll deine Hande sind!« 

Sie errotete ilber dieses Lob und antwortete: 

»Ich weiB, daB die Frauen und Tochter der Bleichgesichter noch viel kunstfertiger und geschickter sind als 
wir. Ich werde dir jetzt noch etwas holen.« 

Sie ging und brachte mir dann meine Revolver, mein Messer, alle meine Munition und die sonstigen 
Gegenstande, welche sich nicht in meinen Taschen befunden hatten; derm alles, was darin gewesen war, 
das hatte man mir gelassen. Ich bedankte mich, erkannte an, daB mir nun nicht mehr das Geringste fehle, 
undfragte: 

» Werden auch meine Kameraden wieder bekommen, was ihnen abgenommen worden ist?« 

»Ja, alles. Sie werden es jetzt schon haben, denn wahrend ich dich hier bediene, sorgt Intschu tschuna fur 

»Und wie steht es mit unsern Pferden?« 

»Die sind auch da. Du wirst das deinige wieder reiten und Hawkens seine Mary auch.« 

»Ah, du kennst den Namen seines Maultiers?« 

» Ja, auch den Namen seiner alten Flinte, welche er Liddy nennt. Ich habe oft, ohne daB ich es dir erzahlte, 
mit ihm gesprochen. Er ist ein sehr scherzhafter Mann, aber doch ein tuchtiger Jager.« 

»Ja, das ist er, und noch weit mehr, namlich ein treuer, aufopferungsfahiger Gefahrte, den man lieb haben 
muB. Aber ich mochte dich etwas fragen; wirst du mir die richtige Antwort geben, mir die Wahrheit 
sagen?« 

»Nscho-tschi lilgt nicht,« antwortete sie stolz und doch so einfach. »Am allerwenigsten aber wilrde sie dir 
eine Unwahrheit sagen.« 

»Eure Krieger hatten den gefangenen Kiowas alles abgenommen, was sie bei sich hatten?« 



»Auch meinen drei Kameraden?« 



» Warum da mir nicht auch? Man hat den Inhalt meiner Taschen nicht angeriihrt.« 



» Weil Winnetou, mein Bruder, es so befohlen hatte.« 

»Und weiBl du. weshalb er diesen Befehl gab?« 

»Weil er dich liebte.« 

»Trotzdem er mich fur seinen Feind hielt?« 

»Ja. Du sagtest vorhin, daB du ihn gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt habest; dasselbe ist auch 
bei ihm mit dir der Fall gewesen. Es hat ihm sehr leid getan, dich fur einen Feind halten zu milssen, und 
nicht nur fur einen Feind « 

Sie hielt inne, denn sie hatte etwas sagen wollen, wovon sie dachte, daB es mich beleidigen werde. 

»Sprich weiter,« bat ich. 

»Nein.« 

»So will ich es an deiner Stelle tun. Mich fur seinen Feind halten zu milssen, das konnte ihm nicht wehe 
tun, denn man kann auch einen Feind achten; aber er hat geglaubt, daB ich ein Ltigner, ein falscher, 
hinterlistiger Mensch sei. Nicht?« 

»Du sagst es.« 

»Hoffentlich sieht er nun ein, daB er sich da geirrt hat. Und nun noch eine Frage: Wie steht es mit Rattler, 
dem Morder Klekih-petras?<< 

»Der wird soeben an den Marterpfahl gebunden.« 

»Was? - Jetzt? - Soeben?« 

»Ja.« 

»Und das sagt man mir nicht? Warum hat man es mir verschwiegen?« 

»Winnetou wollte es so haben.« 

»Er glaubte, deine Augen konnten es nicht ersehen und deine Ohren es nicht erhoren.« 

» Wahrscheinlich hat er sich da nicht geirrt, und doch ist es mir moglich, es zu ersehen und auch zu erhoren, 
wenn man meinen Wunsch berucksichtigt.« 

»Welchen?« 

»Sag erst, wo die Marter stattfinden wird!« 

»Unten am Flusse, wo du dich vorhin befunden hast. Intschu tschuna hat euch fortgefuhrt, well ihr nicht 
dabei sein sollt.« 



»Ich will aber dabei sein! Welche Qualen hat man denn fur ihn bestimmt?« 

»Alle, welche gegen Gefangene ausgeiibt zu werden pflegen. Er ist das schlimmste Bleichgesicht, welches 
den Apachen jemals in die Hande geraten ist. Er hat unsern weiBen Vater, den wir liebten und verehrten, 
den Lehrer Winnetous, ohne alle Veranlassung ermordet; darum soil er nicht an nur einigen Qualen sterben, 
wie es bei anderen Gefangenen zu geschehen pflegt, sondern man wird alle Martern, die wir kennen, nach 
und nach an ihm erproben.« 

»Das darf nicht sein; das ist unmenschlich!« 

»Er hat es verdient! « 

»Konntest du dabei sein, es mit ansehen?« 

».Ta.« 



Ihre langen Wimpern senkten sich. Sie richtete den Blick einige Zeit zur Erde, hob ihn dann wieder, sah 
mir ernst, beinahe vorwurfsvoll in die Augen und antwortete: 

»Wunderst du dich daruber?« 

» Ja. Ein Weib soil so etwas nicht ansehen konnen.« 

»Ist es so bei euch?« 

».Ta.« 



»Du sagst die Unwahrheit, bist aber doch kein Liigner, denn du sagst sie unabsichtlich, unwissentlich. Du 
irrst dich.« 

»So willst du das Gegenteil behaupten?« 



»Dann milBtest du unsere Frauen und Madchen besser kennen als ich! « 

» Vielleicht kennst du sie nicht! Wenn eure Verbrecher vor dem Richter stehen, so konnen andere Leute mit 
zuhoren. Ist es so?« 



»Ich habe gehort, daB es da mehr Zuhorerinnen als Zuhorer gibt. Gehort eine Squaw dorthin? Ist es schon 
von ihr, sich von ihrer Neugierde nach einem solchen Orte treiben zu lassen?« 



»Und wenn bei euch ein Morder hingerichtet wird. wenn man ihn aufhangt oder ihm den Kopf abschlagt, 
sind dann keine weiBen Squaws dabei?« 

»Das war fruher.« 

» Jetzt ist es ihnen verboten?« 

»Ja.« 

»Und den Mannern auch?« 



»Also ist es alien verboten! Ware es alien noch erlaubt, so wilrden auch die Squaws mitkommen. Oh, die 
Frauen der Bleichgesichter sind nicht so zart, wie du denkst. Sie konnen die Schmerzen sehr gut ertragen, 
aber die Schmerzen, welche Andere, Menschen oder Tiere erdulden. Ich bin nicht bei euch gewesen, aber 
Klekih-petra hat es uns erzahlt. Dann ging Winnetou nach den groBen Stadten des Ostens, und als er 
zuruckkehrte, berichtete er mir alles, was er gesehen und beobachtet hatte. WeiBt du, was eure Squaws mit 
den Tieren tun, die sie kochen, braten und dann essen?« 



»Sie Ziehen ihnen die Haut (* Bei den Aalen.) bei lebendigem Leibe ab; sie ziehen ihnen auch, wahrend sie 
noch leben (** Bei den Krebsen.), den Darm heraus und werfen sie in das kochende Wasser. Und weiBt du, 
was die Medizinmanner der WeiBen tun?« 

»Was meinst du?« 

» Sie werfen lebendige Hunde in das kochende Wasser, um zu erfahren, wie lange sie dann noch leben, und 
ziehen ihnen die verbruhte Haut vom Leibe. Sie schneiden ihnen die Augen, die Zungen heraus; sie offnen 
ihnen die Leiber; sie qualen sie auf noch viele andere Arten, um dann Bticher darilber zu machen.« 

»Das ist Vivisektion und geschieht zum Besten der Wissenschaft « 

»Wissenschaft! Klekih-petra ist auch mein Lehrer gewesen; darum weiB ich, was du mit diesem Worte 
meinst. Was muB euer groBer, guter Geist zu einer Wissenschaft sagen. welche nichts lehren kann, ohne 
daB sie seine Geschopfe zu Tode martert! Und solche Martern nehmen eure Medizinmanner in ihren 
Wohnungen vor, wo die Squaws doch mit wohnen und es sehen mtissen! Oder horen sie nicht das 
Schmerzgeheul der armen Tiere? Haben eure Squaws nicht Vogel in Kafigen in ihren 

Zimmern? Wissen sie nicht, welche Qual dies fur den Vogel ist? Sitzen eure Squaws nicht zu tausenden 
dabei, wenn bei Wettrennen Pferde zu Tode gentten weiden'.' Sind nicht Squaws da bei. wenn Boxer sich 
zerfleischen? Ich bin ein junges, unerfahrenes Madchen und werde von euch zu den "Wilden" gerechnet; 
aber ich konnte dir noch vieles sagen, was eure zarten Squaws tun, ohne daB sie dabei den Schauder 
empfinden, den ich fuhlen wilrde. Zahle die vielen Tausende von zarten, schonen, weiBen Frauen, welche 
ihre Sklaven zu Tode gepeinigt und mit lachelndem Munde dabei gestanden haben, wenn eine schwarze 
Dienerin totgepeitscht wurde! Und hier haben wir einen Verbrecher, einen Morder. Er soil sterben, so wie 
er es verdient hat. Ich will dabei sein, und das verurteilst du! Ist es wirklich unrecht von mir, daB ich so 
einen Menschen ruhig sterben sehen kann? Und wenn es ein Unrecht ware, wer tragt die Schuld, daB die 
Roten ihre Augen an solche Dinge gewohnt haben? Sind es nicht die WeiBen, welche uns zwingen, ihre 
Grausamkeiten mit Harte zu vergelten?« 

»Ich glaube nicht, daB ein weiBer Richter einen gefangenen Indianer zum Marterpfahle verurteilen wird.« 



»Richter! Zilrne mir nicht, wenn ich das Wort sage, welches ich so oft von Hawkens gehort habe: 
Greenhorn! Du kennst den Westen nicht. Wo gibt es hier Richter, namlich das, was du mit diesem Worte 
meinst? Der Starkere ist der Richter, und der Schwache wird gerichtet. LaB dir erzahlen, was an den 
Lagerfeuern der WeiBen geschehen ist! Sind die unzahligen Indianer, welche im Kampfe gegen die weiBen 
Eindringlinge untergingen, alle schnell an einer Kugel, an einem Messerstiche gestorben? Wie viele von 
ihnen wurden zu Tode gemartert! Und doch hatten sie nichts getan als ihre Rechte verteidigt! Und nun bei 
uns ein Morder sterben soil, der seine Strafe verdient hat, soil ich meine Augen davon abwenden, weil ich 
eine Squaw, ein Madchen bin? Ja, einst waren wir anders; aber ihr habt uns gelehrt, Blut flieBen zu sehen, 
ohne daB wir mit der Wimper zucken. Ich werde gehen, um dabei zu sein, wenn der Morder Klekih-petras 
seine Strafe erleidet!« 

Ich hatte die schone, junge Indianerin als ein sanftes, stilles Wesen kennen gelernt; jetzt stand sie vor mir 
mit blitzenden Augen und gltihenden Wangen, das lebende Bild einer Rachegottin, die kein Erbarmen 
kennt. Fast wollte sie mir da noch schoner als vorher vorkommen. Durfte ich sie verurteilen? Hatte sie 
unrecht? 

»So geh,« sagte ich; »aber ich gehe mit.« 

»Bleib lieber hier!« bat sie, wieder in einem ganz andern Tone sprechend. »Intschu tschuna und Winnetou 
sehen es nicht gern, wenn du mitkommst.« 

»Werden sie mir zilrnen?« 

»Nein. Sie wilnschen es nicht, werden es dir aber nicht verbieten; du bist unser Bruder.« 

»So gehe ich mit, und sie werden es verzeihen.« 

Als ich mit ihr hinaus auf die Plattform trat, stand Sam Hawkens da. Er rauchte aus seiner alten, kurzen 
Savannenpfeife, derm er hatte auch Tabak erhalten. 

»Ist jetzt eine andere Sache, Sir,« sagte er schmunzelnd. »Bis vorhin Gefangene gewesen und jetzt die 
groBen Herren spielen; das ist ein Unterschied. Wie geht es Euch unter den neuen Verhaltnissen?« 

»Danke, gut,« antwortete ich. 

»Mir auch ausgezeichnet. Der Hauptling hat uns selbst bedient. Das ist doch fein, wenn ich mich nicht 

»Wo ist Intschu tschuna jetzt? « 

»Fort, wieder nach dem Flusse.« 

» WiBt Ihr, was jetzt dort geschieht?« 

»Kann es mir denken.« 

»Nun, was?« 

»Zartlicher Abschied von den lieben Kiowas.« 

»Das weniger.« 



»Was derm sonst?« 

»Rattler wird gemartert.« 

»Rattler wird gemartert? Und da fuhrt man uns hierher? Da muB ich auch dabei sein! Kommt, Sir! Wir 
wollen schnell hinab!« 

»Langsam! Konnt Ihr derm solche Szenen ersehen, ohne daB Euch der Schauder forttreibt?« 

»Ersehen? Schauder? Was Ihr doch fur ein Greenhorn seid, geliebter Sir! Wenn Ihr Euch erst langer hier im 
Westen befindet, so werdet Ihr auch nicht mehr ans Schaudern denken. Der Kerl hat den Tod verdient und 
wird auf indianische Weise hingerichtet; das ist alles!« 

»Aber es ist Grausamkeit.« 

»Pshaw\ Redet doch bei so einem Subjekte nicht von Grausamkeit! Sterben muB er doch! Oder seid Ihr 
etv, a auch damit nicht einverstanden'.'« 

»0 ja. Aber sie mogen es kurz mit ihm machen! Er ist ein Menschk 

»Ein solcher Mann, der einen Andern, welcher ihm nicht das Mindeste getan hat, niederschieBt, der ist kein 
Mensch mehr. Er war betranken wie em Vieh.« 

»Das ist doch ein Milderungsgrund. Er wuBte nicht mehr, was er tat.« 

»LaBt Euch nicht auslachen! Ja, da druben bei Euch im alten Lande, da sitzen die Herren Juristen zu 
Gericht und rechnen einem Jeden, dem es beliebt, in der Betrunkenheit ein Verbrechen zu begehen, den 
Schnaps als Milderungsgrund an. Verscharfen sollten sie die Strafe, Sir, verscharfen! Wer sich so sinnlos 
betrinkt, daB er wie ein wildes Tier ilber seinen Nebenmenschen herfallt, der sollte doch doppelt bestraft 
werden. Ich habe nicht das geringste Mitleid mit diesem Rattler. Denkt doch daran, wie er Euch behandelt 
hat!« 

»Ich denke daran, aber ich bin ein Christ und kein Indianer. Ich werde alles versuchen, einen kurzen Tod 
fur ihn zu erreichen.« 

»Das laBt bleiben, Sir! Erstens verdient er es nicht, und zweitens wird alle Eure Muhe vergeblich sein. 
Klekih-petra ist der Lehrer, der geistige Vater des Stammes gewesen; sein Tod ist ein unersetzlicher 
Verlust fur die Apachen, und der Mord geschah ohne alle Veranlassung. Aus diesen Grunden ist es gewiB 
unmoglich, die Roten zur Nachsicht zu bewegen.« 

»Ich versuche es doch!« 

» Aber vergeblich! « 

»In diesem Falle schieBe ich Rattlern eine Kugel in das Herz.« 

»Um seine Qualen zu beenden? Das laBt urns Himmels willen sein! Ihr wilrdet Euch dadurch den ganzen 
Stamm zum Feinde machen. Es ist sein gutes Recht, die Art der Strafe zu bestimmen, und wenn Ihr ihn um 
dieses bringt, so ist es mit der jungen Freundschaft, welche wir geschlossen haben. sofort wieder aus. Also 
geht Ihr mit?« 

»Ja.« 



»Schon; aber macht ja keine Dummheiten! Ich will Dick und Will rufen.« 

Er verschwand im Eingange zu seiner Wohnung und kehrte bald mit den beiden Genannten zurilck. Wir 
stiegen die Etagen hinab. Nscho-tschi war mis vorangegangen und nicht mehr zu sehen. Als wir aus den 
[dem] Seitentale in das Haupttal des Rio Pecos kamen, sahen wir die Kiowas nicht mehr. Sie waren mit 
ihrem verwundeten Hauptling fortgeritten, und Intschu tschuna war so klug und umsichtig gewesen, ihnen 
heimlich Spaher nachzusenden, da es ihnen einfallen konnte, unbemerkt zuriickzukehren, um sich zu 
rachen. 

Ich habe schon gesagt, daB unser Ochsenwagen auf dem Platze stand. Als wir kamen, hatten die Apachen 
einen weiten Kreis um denselben gebildet. In der Mitte desselben standen die beiden Hauptlinge mit 
einigen Kriegern. Nscho-tschi war bei ihnen und sprach mit Winnetou. Obgleich sie die Tochter des 
Hauptlings war, durfte sie sich nicht in die Angelegenheiten der Manner mischen; wenn sie sich trotzdem 
jetzt nicht bei den Frauen befand, so war es gewiB nichts Unwichtiges, was sie ihrem Bruder zu sagen hatte. 
Als sie uns kommen sah, machte sie ihn, wie ich bemerkte, auf uns aufmerksam und zog sich dann zu den 
Squaws zurilck. Sie hatte also wohl von uns mit ihm gesprochen. Winnetou durchbrach den Kreis seiner 
Krieger, kam uns entgegen und sagte in ernstem Tone: 

»Warum sind meine weiBen Bruder nicht oben im Pueblo geblieben? Gefallen ihnen die Wohnungen nicht, 
in welche sie gefuhrt worden sind?« 

»Sie gefallen uns.« antwortete ich, »und wir danken unsrem roten Bruder fur die Filrsorge, die er fur uns 
getroffen hat. Wir kehren zurilck, weil wir horten, daB Rattler jetzt sterben soil. 1st dies so?« 

»Ja.« 

»Ich sehe ihn doch nicht! « 

»Er liegt im Wagen bei der Leiche des Ermordeten.« 

»Welche Todesart soil er erleiden?« 

»Den Martertod.« 

»Ist dies unvermeidlich beschlossen worden?« 

»Ja.« 

»Einen solchen Tod kann mein Auge nicht ersehen! « 

»Deshalb hat Intschu tschuna, mein Vater, euch nach dem Pueblo gebracht. Warum seid ihr zurilckgekehrt? 
Warum willst du etwas ansehen, was du nicht ersehen kannst?« 

»Ich hoffe, daB ich seinem Tode beiwohnen kann, ohne daB ich mich mit Grauen abzuwenden brauche. 
Meine Religion gebietet mir, fur Rattler zu bitten. « 

»Deine Religion? War sie nicht auch die seinige?« 



»Hat er nach den Geboten derselben gehandelt?« 



»So hast du nicht notig, ihre Gebote seinetwegen zu erfullen. Deine und seine Religion verbietet den Mord; 
er hat trotzdem gemordet, folglich sind die Lehren dieser Religion nicht auf ihn anzuwenden.« 

»Nach dem, was er getan hat, kann ich mich nicht richten. Ich mufl meine Pflicht erfullen, ohne nach den 
Gesinnungen und Taten anderer Menschen zu fragen. Ich bitte dich, eure Strenge zu mildern und diesen 
Mann eines schnellen Todes sterben zu lassen! « 

»Was beschlossen is!, mul] ausgefuhit werden!« 

»Unbedingt?« 

»Ja.« 

»So gibt es also kein Mittel, meinen Wunsch in Erfullung gehen zu sehen?« 

Er blickte sehr ernst und nachdenklich zu Boden; dann antwortete er: 

»Es gibt eines. « 

»Welches?« 

»Ehe ich es meinem weiflen Bruder sage, mufl ich ihn bitten, es lieber nicht in Anwendung zu bringen, weil 
dir dies bei unsern Kriegern sehr, sehr schaden wurde.« 

»Inwiefern?« 

»Sie wilrden dich nicht so achten konnen, wie ich es um deinetwillen wilnsche.« 

»So ist dieses Mittel ein ehrloses, ein verachtliches?« 

»Nach den Begriffen der roten Manner, ja.« 

»Sage esmir!« 

»Du milfltest unsere Dankbarkeit anrufen.« 

» Ah! Das tut allerdings kein braver Mann! « 

»Nein. Wir haben dir unser Leben zu verdanken. Wolltest du dich darauf berufen, so wilrdest du mich und 
Intschu tschuna, meinen Vater, zwingen, uns deines Wunsches anzunehmen.« 

»In welcher Weise?« 

»Wir wilrden eine neue Beratung halten und wahrend derselben so fur dich sprechen, dafl unsere Krieger 
den Dank, den du forderst, anerkennen milflten. Dann aber wilrde alles, was du getan hast, ferner wertlos 
sein. Ist dieser Rattler ein solches Opfer wert?« 

» Allerdings nicht! « 



»Mein Bruder hort, daB ich aufrichtig mit ihm rede. Ich weiB, welche Gedanken und Gefuhle in seinem 
Herzen wohnen; aber meine Krieger konnen solche Empfindungen nicht begreifen. Ein Mann, welcher 
Dank fordert, wird von ihnen verachtet. Soil Old Shatterhand, welcher der groflte und beruhmteste Krieger 
der Apachen werden kann, heute von uns fortgehen miissen, weil meine Krieger vor ihm ausspucken 
werden?« 

Es wurde mir schwei hiei auf erne Antwort zu geben. Mein Herz gebot mir, bei meiner Filrbitte zu bleiben; 
mein Verstand, oder besser gesagt, mein Stolz war dagegen. Winnetou fiihlte Teilnahme fur den Zwiespalt 
in meinem Innern und sagte: 

»Ich werde mit Intschu tschuna, meinem Vater, sprechen. Mein Bruder mag hier warten!« 

Er ging. 

»Macht keine Dummheiten, Sir!« bat Sam. »Ihr ahnt gar nicht, was hierbei auf dem Spiele steht, vielleicht 
gar das Leben.« 

»Das jedenfalls nicht! « 

»0 doch! Es ist wahr: der Rote verachtet einen Jeden, welcher direkt Dank von ihm fordert, ihn an das 
mahnt, was er ihm schuldet. Er tut dann wohl das, was man von ihm fordert, aber nachher kennt er den 
Betreffenden nicht mehr. Wir milBten wirklich heut noch fort und haben die feindlichen Kiowas vor uns. 
Was das bedeutet, das muB ich Euch doch wohl nicht erst sagen.« 

Intschu tschuna und Winnetou sprachen eine Weile sehr ernst miteinander; dann kamen sie zu uns herbei, 
und der Erstere sagte: 

»Hatte Klekih-petra uns nicht so viel von eurem Glauben gesagt, so wilrde ich dich fur einen Mann halten, 
mit dem zu sprechen eine Schande ist. So aber kann ich deinen Wunsch sehr wohl begreifen, doch meine 
Krieger wilrden es nicht verstehen und dich verachten.« 

»Es handelt sich nicht nur um mich, sondern auch um Klekih-petra, von dem du redest.« 

»Wieso um ihn?« 

»Er besaB denselben Glauben, der mir meine Bitte gebietet, und ist in diesem Glauben gestorben. Seine 
Religion gebot ihm, dem Feinde zu verzeihen. Glaube mir, wenn er noch lebte, so wilrde er es nicht 
zugeben, daB sein Morder eines solchen Todes sterbe.« 

»Denkst du das wirklich?« 

» Ja, ich bin davon ilberzeugt.« 

Er schilttelte langsam den Kopf und sagte: 

»Was sind diese Christen doch fur Menschen! Entweder sind sie schlecht, und dann ist ihre Schlechtigkeit 
so groB, daB man sie nicht zu begreifen vermag. Oder sie sind gut, und dann ist ihre Gilte ebenso 
unbegreiflich! « 

Hierauf sah er seinem Sohne und dieser wieder ihm in die Augen. Sie verstanden sich; sie hielten 
Zwiesprache miteinander nur durch diese Blicke. Dann wendete sich Intschu tschuna wieder mir zu, indem 
er fragte: 



»Dieser Morder war auch dein Feind?« 



»Hast du ihm verziehen?<- 



»So hore, was ich dir sage! Wir wollen erfahren, ob noch eine kleine, kleine Spur des Guten in ihm wohnt. 
1st dies der Fall, so werde ich versuchen, dir deinen Wunsch zu erfullen, ohne daB es dir Schaden macht. 
Setzt euch hier nieder und wartet, was geschieht. Wenn ich dir einen Wink gebe, so kommst du zu dem 
Morder und forderst von ihm, daB er dich um Verzeihung bitte. Tut er dies, so soil er schnell sterben.« 



»Darf ich ihm dies sagen?« 



Intschu tschuna kehrte mit Winnetou wieder in den Kreis zurtick, und wir setzten uns da nieder, wo wir 
jetzt gestanden hatten. 

»Das hatte ich nicht gedacht,« meinte Sam, »daB der Hauptling doch auf Euren Wunsch eingeht. Ihr milBt 
sehr gut bei ihm stehen.« 

»Das tut es nicht; der Grund ist ein anderer.« 

»Welcher?« 

»Es ist der EinfluB Klekih-petras, der sich selbst nach seinem Tode geltend macht. Diese Roten haben vom 
wahren, innern Christentume mehr in sich aufgenommen, als sie ahnen. Ich bin sehr neugierig, was nun 
geschieht.« 

»Werdet es gleich sehen. PaBt nur auf!« 

Jetzt wurde die Plahe von dem Wagen entfernt. Wir sahen, daB man einen langen, kofferahnlichen 
Gegenstand, auf welchem ein Mensch festgebunden v\ ar, herabnahm. 

»Das ist der Sarg,« meinte Sam Hawkens; »aus hohlgebrannten Baumklotzen zusammengesetzt und mit 
naBgemachten Fellen ilberzogen. Wenn das Leder trocken wird, zieht es sich zusammen, und der Sarg wird 
dadurch luftdicht verschlossen.« 

Unfern von der Stelle, wo das Seiten- auf das Haupttal stieB, erhob sich ein Felsen, an welchem aus groBen 
Steinen ein vorn offenes Viereck zusammengesetzt worden war. Daneben lagen noch viele Steine, welche 
hier zusammengetragen worden waren. Nach diesem Steinvierecke wurde der Sarg mitsamt dem Marine, 
der mit ihm zusammengebunden war, getragen. Dieser Mann war Rattler. 

»WiBt Ihr, warum man dort die Steine zusammenge.sehafft but >« fragte Sam. 

»Ich denke es mir.« 

»Nun, wozu?« 



»Man will das Grab daraus bauen.« 

»Richtig! Ein Doppelgrab.« 

»Filr Rattler mit?« 

»Ja. Der Morder wird mit seinem Opfer begraben, was eigentlich nach jedem Morde geschehen sollte, 
wenn es moglich ware.« 

»Schrecklich! Lebendig an den Sarg des Ermordeten gefesselt zu sein und dabei zu wissen, daB dies 
zugleich die eigene letzte Lagerstatte ist!« 

»Ich glaube gar, Ihr bedauert den Menschen wirklich! DaB Ihr fur ihn gebettelt habt, das kann ich noch 
begreifen, aber Mitleid mit ihm zu ha ben. das verstehe ich wirklich nicht.« 

Jetzt wurde der Sarg aufgerichtet, so daB Rattler auf seine FilBe zu stehen kam. Man band beide, den Sarg 
und den Menschen, mit starken Riemen an die Steinmauer test. Die Roten, Manner, Frauen und Kinder, 
naherten sich der Stelle und bildeten einen Halbkreis um dieselbe. Es herrschte tiefe, erwartungsvolle Stille. 
Winnetou und Intschu tschuna standen neben dem Sarge, der Eine rechts und der Andere links davon. Da 
erhob der Hauptling seine Stimme: 

»Die Krieger der Apachen sind hier versammelt, Gericht zu halten, denn es hat das Volk der Apachen ein 
groBer, schwerer Verlust betroffen, den der Schuldige mit seinem Leben bezahlen soll.« 

Intschu tschuna sprach weiter, indem er in der indianischen, bilderreichen Weise von Klekih-petra, seinem 
Charakter und seinem Wirken redete und dann ausfuhrlich erzahlte, in welcher Weise sich die Ermordung 
ereignet hatte. Er berichtete ilber die Gefangennahme Rattlers und machte zum Schlusse bekannt, daB 
dieser jetzt zu Tode gemartert und dann grad so, wie er an den Sarg gebunden war, mit dem Toten begraben 
werden solle. Hierauf sah er zu mir herilber und gab mir den erwarteten Wink. 

Wir standen auf und wurden, als wir hmkamen, in den Halbkreis aufgenommen. Vorhin hatte ich wegen 
der Entfernung den Verurteilten nicht deutlich sehen konnen; jetzt stand ich vor ihm und fiihlte, so schlecht 
und gottlos er gewesen war, doch ein tiefes Mitleid mit diesem Menschen. 

Der auf das FuBende gestellte Sarg war ilber doppelt mannesstark und ilber vier Ellen lang. Er sah aus, als 
habe man von einem dicken Baumstamm einen Klotz abgesagt und diesen mit Leder tlberzogen. Rattler 
war in der Weise mit dem Rilcken auf diesen Sarg befestigt, daB seine Arme nach hinten lagen und seine 
FilBe jetzt auseinander standen. Man sah ihm an, daB er weder Hunger noch Durst zu leiden gehabt hatte. 
Ein Knebel verschloB ihm den Mund; er hatte also jetzt nicht sprechen konnen. Auch sein Kopf war so 
befestigt, daB er denselben nicht bewegen konnte. Als ich kam, nahm Intschu tschuna ihm den Knebel aus 
dem Mund und sagte zu mir: 

»Mein weiBer Bruder hat mit diesem Morder reden wollen. Es mag geschehen! « 

Rattler sah, daB ich frei war; ich muBte mich also mit den Indianern befreundet haben; das konnte er sich 
sagen. Darum hatte ich geglaubt, er werde mich bitten, bei ihnen ein gutes Wort fur ihn einzulegen. Statt 
dessen aber fuhr er, sobald der Knebel entfernt worden war, mich giftig an: 

•> Was wollt Ihr von mir? Packt Euch fort; ich mag nichts mit Euch zu schaffen haben! « 

»Ihr habt gehort, daB Ihr zum Tode verurteilt worden seid, Mr. Rattler,« antwortete ich ruhig. »Daran ist 
nichts zu andern. Sterben mtlBt Ihr unbedingt. Aber ich will Euch « 



»Fort, Hund, fort!« unterbrach er mich, wobei er mich anspucken wollte mich abei nicht traf, weil er den 
Kopf nicht bewegen konnte. 

»Also sterben miiBt Ihr,« fuhr ich unbeirrt fort, »doch in welcher Weise, das soil auf Euch ankommen. Ihr 
sollt zu Tode gemartert werden; das heiBt, man wird Euch lange, lange qualen, vielleicht heut, vielleicht 
auch noch morgen den ganzen Tag. Das ist entsetzlich, und ich mag es nicht haben. Auf meine Bitte hat 
sich Intschu tschuna bereit erklart, Euch schnell sterben zu lassen, falls Ihr die Bedingung erfullt, welche er 
daran knupfte.« 

Ich hielt inne, derm ich dachte, daB er mich nach dieser Bedingung fragen werde. Statt dessen aber warf er 
mir einen so schrecklichen Fluch zu, daB es ganz unmoglich ist, denselben wiederzugeben. 

»Diese Bedingung ist, daB Ihr mich um Verzeihung bitten sollt, « erklarte ich weiter. 

»Um Verzeihung? Dich um Verzeihung bitten?« schrie er. »Lieber beiBe ich mir die Zunge ab und erleide 
alle Qualen, die sich diese roten Schufte ausdenken konnen!« 

»Wohlgemerkt, Mr. Rattler, ich bin es nicht, der diese Bedingung gestellt hat, denn ich brauche Eure Bitte 
nicht. Intschu tschuna hat es so gewollt, und da ich es Euch sagen sollte, so will ich dies hiermit getan 
haben. Bedenkt, in welcher Lage Ihr Euch befindet, und was Euch droht! Es steht Euch Schreckliches 
bevor, eine ganz entsetzliche Todesart, welcher Ihr dadurch entgehen konnt, daB Ihr nur das eine, kleine 
Wort "Pardon" aussprecht « 

»Fallt mir nicht ein, nie, nie! Macht Euch fort von hier! Ich mag Euer schurkisches Gesicht nicht sehen. 
Geht zum Teufel und meinetwegen auch noch weiter! « 

»Wenn ich Euch den Willen tue und fortgehe, ist's fur Euch zu spat; ich komme dann nicht wieder. Also 
seid verstandig, und sagt das kleine Wort! « 

»Nein, nein und nein!« brullte er. 

»Ich bitte Euch darum!« 

»Fort, fort, sage ich! Himmel und Holle, warum bin ich angebunden! Hatte ich die Hande frei, so wollte ich 
Euch den Weg zeigen! « 

y>Well, Ihr sollt Euren Willen haben, aber ich sage Euch, daB ich nicht wiederkommen werde, wenn Ihr 
mich nachher ruft.« 

»Ich dich rufen? Dich, dich? Das bilde dir ja nicht ein! Packe dich fort, sage ich, packe dich! « 

»Ich will gehen. Vorher aber noch Eins: Habt Ihr noch einen Wunsch? Ich will ihn Euch erfullen. Einen 
GruB an irgend Jemand? Habt Ihr Verwandte, denen ich vielleicht Nachricht bringen kann?« 

»Geh in die Holle, und sag dort, daB du ein verdammter 

Schurke bist! Du hast mit diesen Roten gememschaftliche Sache gemacht und mich in ihre Gewalt 
gebracht. Dafur mag - -« 

»Ihr irrt,« unterbrach ich ihn. »Also Ihr habt keinen Wunsch vor Eurem Tode?« 

»Nur den einen, daB Ihr mir bald nachfolgen mogt, nur diesen einen! « 



»Gut, so sind wir fertig, und ich habe nichts mehr zu tun, als Euch als Christ den Rat zu geben: Fahrt nicht 
in Euern Sunden dahin, sondern denkt an Eure Taten und an die Vergeltung, die Euch jenseits erwartet!« 

Was er hierauf antwortete, kann ich wieder nicht sagen; es ilberlief mich eiseskalt bei seinen Worten. 
Intschu tschuna nahm mich bei der Hand und fuhrte mich fort, indem er sagte: 

»Mein junger, weiBer Bruder sieht, daB dieser Morder keine Filrbitte verdient; er ist ein Christ. Ihr nennt 
uns Heiden; aber wilrde ein roter Krieger solche Worte sprechen?« 

Ich antwortete ihm nicht, denn was hatte ich auch sagen kortnen oder sollen? Dieses Verhalten Rattlers 
hatte ich nicht erwartet. Er hatte sich fruher so feig, so furchtsam gezeigt und wirklich gezittert, als von den 
Marterpfahlen der Indianer die Rede gewesen war. Und nun, heute tat er so, als ob er sich aus alien Qualen 
der Welt gar nichts mache! 

»Das ist nicht etwa Mut von ihm,« sagte Sam, »sondern Wut, nichts als Wut.« 

»Worilber?« 

»Ueber Euch, Sir. Er denkt, Ihr seid schuld, daB er in die Hande der Roten gefallen ist. Er hat Euch seit 
dem Tage, an welchem wit gefangen genommen wurden nicht etbhckt: jetzt sieht er Euch und uns frei; die 
Roten sind freundlich gegen uns, wahrend er sterben soil. Das ist fur ihn naturlich Grund genug, 
anzunehmen, daB wir falsche Karte gespielt haben. Aber laBt nur die Qualen beginnen, so wird er ganz 
anders pfeifen. PaBt auf, ich habe es gesagt, wenn ich mich nicht irre!« 

Die Apachen lieBen uns nicht lange auf den Beginn des traurigen Spieles warten. Ich hatte eigentlich die 
Absicht, mich zu entfernen; aber ich hatte so Etwas noch nicht gesehen und beschloB also, so lange zu 
bleiben, bis es mir nicht mehr moglich sei, langer zuzusehen. 

Die Zuschauer setzten sich nieder. Mehrere junge Krieger traten, mit den Messern in den Handen, vor und 
stellten sich ungefahr funfzehn Schritte von Rattler auf. Sie warfen ihre Messer nach ihm, huteten sich aber, 
ihn zu treffen, sondern die Klingen fuhren alle in den Sarg, auf den er gebunden war. Das erste Messer stak 
links und das zweite rechts von seinem FuBe, aber so nahe an demselben, daB fast gar kein Zwischenraum 
vorhanden war. Die beiden nachsten Messer wurden weiter aufwarts gezielt, und so ging es fort, bis seine 
beiden Beine von vier Messerreihen eng etngesaumt waren 

Bis jetzt hatte er sich leidlich gehalten. Nun aber schwirrten die Messer hoher und immer hoher auf ihn zu, 
derm es gait, die Umrisse seines Korpers mit denselben zu spicken. Da bekam er Angst. Sobald ein Messer 
auf ihn zugeflogen kam, stieB er einen Angstschrei aus. Und diese Schreie wurden um so lauter und 
schriller, je hoher die Indianer ihr Ziel nahmen. 

Als dann der Oberkorper auch zwischen lauter Messern steckte, kam der Kopf daran. Das erste Messer fuhr 
rechts neben seinem Halse in den Sarg das zweite links; so ging es huben und druben am Gesichte bis zum 
Scheitel empor, bis keine Klinge mehr Platz finden kortnte. Dann wurden die Messer alle wieder 
herausgezogen. Es war das nur ein Vorspiel gewesen, ausgefuhrt von jungen Leuten, welche zeigen sollten, 
daB sie gelernt hatten, ruhig zu zielen und sicher zu werfen. Sie suchten ihre Platze auf und setzten sich 
nieder. 

Hierauf bestimmte Intschu tschuna altere Leute, welche auf dreiBig Schritte Entfernung werfen sollten. Als 
der Erste dazu bereit war, trat der Hauptling zu Rattler heran, zeigte auf seinen rechten Oberarm und gebot: 

»Hierher treffen.« 

Das Messer kam geflogen, traf ganz genau den bezeichneten Punkt und fuhr durch den Muskel, diesen 



anspieBend, in den Sargdeckel. Das war Ernst. Rattler fuhlte den Schmerz und stieB ein Geheul aus, als ob 
es ihm bereits an das Leben gehe. Das zweite Messer fuhr durch denselben Muskel des andern Armes, und 
das Geheul verdoppelte sich. Der dritte und vierte Wurf waren nach dem Oberschenkel gerichtet und trafen 
auch dort ganz genau die Stellen, welche der Hauptling jedesmal vorher bezeichnete. Man sah kein Blut 
flieBen, da Rattler nicht entkleidet war und die Indianer fur jetzt nur solche Stellen treffen durften, wo die 
Verwundung keine Gefahr und also keine Verktirzung des Schauspieles mit sich brachte. 

Vielleicht hatte Rattler geglaubt, daB man es gar nicht so ernst mit seinem Tode meine; jetzt muBte er 
einsehen, daB dies eine falsche Ansicht gewesen war. Er bekam noch Messer in die Vorderarme und in die 
Unterschenkel. Hatte er vorher nur einzelne Schreie ausgestoBen, so heulte er jetzt in Einem fort. 

Die Zuschauer murrten, zischten und gaben in vielfaltig anderer Weise ihre MiBachtung zu erkennen. Ein 
Indianer am Marterpfahle benimmt sich da ganz anders. Sobald das Schauspiel, welches mit seinem Tode 
endigen soil, beginnt, stimmt er seinen Sterbegesang an, in welchem er seine Taten preist und diejenigen, 
die ihn martern, verhohnt. Je groBere Schmerzen man ihm zufugt, desto groBer sind die Beleidigungen, die 
er ihnen zuwirft; nie aber wird er eine Klage ausstoBen, einen Schmerzensschrei horen lassen. 1st er dann 
tot, verkiindigen seine Feinde seinen Ruhm und begraben ihn mit alien indianischen Ehren. Es ist ja dann 
auch fur sie eine Ehre gewesen, zu einem so ruhmvollen Tode beizutragen. 

Anders ist es bei einem Feiglinge, welcher bei der geringsten Verwundung schreit und brullt und wohl gar 
um Gnade bittet. Diesen zu martern, ist keine Ehre, sondern beinahe eine Schande; darum findet sich 
schlieBlich kein wackerer Krieger mehr, der sich ferner mit ihm beschaftigen will, und er wird erschlagen 
oder auf sonst eine ehrlose Weise vom Leben zum Tode gebracht. 

So ein Feigling war Rattler. Seine Verwundungen waren gering und noch nicht gefahrlich; sie mochten ihm 
zwar einige Schmerzen bereiten, aber von Qualen war noch gar keine Rede. Dennoch heulte und zeterte er, 
als ob er alle Qualen der Holle fuhle, und brullte dabei immerfort meinen Namen, mich auffordernd, zu ihm 
zu kommen. Da lieB Intschu tschuna eine Pause eintreten und forderte mich auf: 

»Mein junger, weiBer Bruder mag zu ihm gehen und ihn fragen, warum er so schreit. Die Messer konnen 
ihm bis jetzt noch gar a icht wehe getan haben.« 

»Ja, kommt her, Sir, kommt her!« rief Rattler. »Ich muB mit Euch reden!« 

Ich ging hin und fragte: 

» Was wollt Ihr nun von mir?« 

»Zieht mir die Messer aus den Armen und Beinen!« 

»Das darf ich nicht.« 

»Aber ich muB doch daran sterben! Wer kann derm so viele Verwundungen aushalten?« 

»Sonderbar! Habt Ihr denn etwa geglaubt, daB Ihr leben bleiben sollt?« 

»Ihr lebt doch auch! « 

»Ich habe niemanden ermordetk 

»Ich kann nicht dafilr, daB ich es tat. Ihr wiBt ja, daB ich betrunken war! « 



»Die Tat bleibt dieselbe. Ich habe Euch oft vor dem Branntwein gewarnt Ihr hortet nicht und habt nun die 
Folgen zu tragen.« 

»Ihr seid ein ganz harter und gefuhlloser Mensch! So bittet doch fur mich!« 

»Das habe ich getan. Sagt Pardon, so werdet Ihr schnell sterben und nicht langsam gequalt werden.« 

»Schnell sterben! Ich will aber nicht sterben! Ich will leben, leben, leben!« 

»Das ist unmoglich.« 

»Unm6glich? Also gibt es keine Rettung?« 

»Keine Rettung - kerne, keine. keine!« 

Er brullte das aus vollem Halse hinaus und begann dann ein solches Wehklagen und Jammern, daB ich es 
nicht langer bei ihm aushalten konnte, sondern mich entfernte. 

»Bleibt doch, Sir, bleibt bei mirk schrie er mir nach. »Sonst fangen sie wieder mit mir an!« 

Da fuhr ihn der Hauptling an: 

»Heule nicht langer, Hund! Du bist ein stinkender Coyote, den kein Krieger mit seiner Waffe mehr 
beruhrenmag.« 

Und sich an seine Leute wendend, fuhr er fort: 

» Welcher von den Sohnen der tapferen Apachen will sich noch mit diesem Feiglinge abgeben?« 

Keiner antwortete. 

»Also niemand?« 

Wieder dasselbe Schweigen wie vorher. 

»Uff! Dieser Morder ist nicht wert, von uns getotet zu werden. Er soil auch nicht mit Klekih-petra begraben 
werden. Wie konnte eine solche Krote neben einem Schwane in den ewigen Jagdgrunden erscheinen. 
Schneidet ihn los!« 

Er gab zwei kleinen Knaben einen Wink. Diese sprangen auf, liefen hin, zogen ihm die Messer aus den 
Gliedern und schnitten ihn von dem Sarge los. 

»Bindet ihm die Hande auf den Rilcken!« befahl der Hauptling weiter 

Die Knaben, die nicht alter als zehn Jahre waren, taten dies, und Rattler wagte nicht die geringste 
Bewegung des Widerstandes dabei. Welch eine Schande! Ich schamte mich fast, ein Weifler zu sein. 

»Filhrt ihn an den Flufl, und stoflt ihn in das Wasser! « lautete die nachste Weisung. » Wenn er das jenseitige 
Ufer glilcklich erreicht, soil er frei sein.« 



Rattler stieB einen Jubelruf aus und lieB sich von den Knaben nach dem Flusse schaffen. Sie stieBen ihn 
auch wirklich hinein, derm er besaB nicht einmal so viel Ehrgefuhl, selbst hineinzuspringen. Er ging 
zunachst unter, kam aber bald wieder empor und bemuhte sich, auf dem Rticken schwimmend vorwarts zu 
kommen. Das war gar nicht schwer obwohl lliin die Hande auf dem Rticken zusammengebunden waren. 
Der Mensch geht infolge seines geringen spezifischen Gewichtes im Wasser nicht ganz unter, und die 
Beine hatte er ja frei; er konnte sich mit ihrer Hilfe fortbewegen, was ihm auch ganz leidlich gelang. 

Sollte er das jenseitige Ufer erreichen dtlrfen? Das wtlnschte ich selbst gar nicht. Er hatte den Tod verdient. 
LieB man ihn leben und entkommen, so machte man sich geradezu der Verbrechen schuldig, welche er in 
Zukunft begehen wtlrde. Die beiden Knaben standen noch hart am Wasser und blickten ihm nach. Da gab 
ihnen Intschu tschuna den Befehl: 

[TafelNr. 8: "Bd. VII. Das Grabmahl fur Klekih-petra. (Zu S. 341.)"] 

»Nehmt Flinten, und schieBt ihn in den Kopf! « 

Sie liefen zu der Stelle, wo einige der Krieger ihre Gewehre hingelegt hatten, und nahmen sich jeder eins 
davon. Diese kleinen Kerls wuBten ganz wohl, wie man eine solche Waffe zu handhaben hat. Sie knieten 
am Ufer nieder und zielten auf Rattlers Kopf. 

»Nicht schieBen, um Gottes willen, nicht schieBen! « schrie er voller Entsetzen. 

Die Knaben sprachen einige Worte mit einander; sie behandelten den Vorfall als kleine Sportsmen, indem 

sie ihn welter und mimer we iter schwimmen lieBen. was ihnen der 

[Illustration Nr. 15: Rattler's Exekution] 

Hauptling stillschweigend zulieB. Ich ersah daraus, daB er gar wohl wuBte, ob sie schieBen konnten oder 
nicht. Dann stieBen sie mit ihren hellen Kinderstimmen einen auffordernden Schrei aus und schossen ihre 
Gewehre ab. Rattler wurde in den Kopf getroffen und verschwand augenblicklich unter dem Wasser. 

Kein Jubelruf erscholl, wie es sonst Gewohnheit der Roten ist, bei dem Tode dieses ihres Feindes. Ein 
solcher Feigling war es nicht wert, daB man seinetwegen nur einen Laut horen lieB. Die Verachtung der 
Indianer war so groB, daB sie sich gar nicht um seine Leiche kummerten; sie lieBen ihn fluBabwarts treiben, 
ohne ihm einen Blick nachzusenden. Er konnte ja auch nur verwundet anstatt erschossen worden sein; ja, er 
konnte nur so getan haben, als ob er getroffen worden sei, und, so wie ich, untergetaucht sein, um an einer 
andern, fur sie unsichtbaren Stelle wieder auf der Oberflache zu erscheinen. Sie hielten es aber gar nicht fur 
der Miine wert, sich weiter mit ihm zu beschaftigen. 

Intschu tschuna kam zu mir und fragte: 

»Ist mein junger, weiBer Bruder jetzt mit mir zufrieden?« 

»Ja. Ichdanke dirk 

»Du hast keinen Grund zum Danke. Auch wenn ich deinen Wunsch nicht gekannt hatte, wurde ich genau 
so gehandelt haben. Dieser Hund war gar nicht wert, den Martertod zu erleiden. Heut hast du den 
Unterschied zwischen uns Heiden und euch Christen, zwischen tapfern, roten Kriegern und weiBen 
Feiglingen gesehen. Die Bleichgesichter sind zu alien bosen Taten fahig, aber wenn es gilt, Mut zu zeigen, 
dann heulen sie vor Angst wie Hunde, welche Schlage bekommen sollen.« 

»Der Hauptling der Apachen darf nicht vergessen, daB es tiberall tapfere und feige, gute und bose 
Menschengibt!« 



»Du hast recht, und ich wollte dich nicht beleidigen; aber dann darf auch kein Volk denken, daB es besser 
als ein anderes sei, weil dieses nicht dieselbe Farbe hat.« 

Um ihn von diesem heiklen Gegenstand abzulenken, erkundigte ich mich: 

»Was werden die Krieger der Apachen jetzt nun tun? Klekih-petra begraben?« 

»Ja.« 

»Darf ich mit meinen Gefahrten dabei sein?« 

»Ja. Wenn du nicht gefragt hattest wiirde ich dich darum gebeten haben. Du hast damals mit Klekih-petra 
gesprochen, als wir fortgingen, um die Pferde zu holen. War es nur ein gewohnliches Gesprach?« 

»Nein, sondern ein sehr ernstes, fur ihn und auch fur mich wichtiges. Darf ich euch sagen, wovon wir 
geredet haben? « 

Ich wendete jetzt die Mehrzahl an, weil Winnetou zu uns getreten war. 

»Sage es!« antwortete dieser. 

»Als ihr fort waret, setzten wir uns zueinander. Wir bemerkten bald, daB seine Heimat auch die meinige sei, 
und unterhielten uns in unserer Muttersprache. Er hatte viel erlebt und viel erduldet und erzahlte es mir. Er 
sagte mir, wie lieb er euch habe und daB es sein Wunsch sei, fur Winnetou sterben zu konnen. Der groBe 
Geist hat ihm diesen Wunsch nur wenige Minuten spater erfullt.« 

» Warum wollte er fur mich sterben? « 

»Weil er dich liebte, und aus noch einem anderen Grunde, den ich dir spater wohl mitteilen werde. Sein 
Tod sollte erne Silhne sem.« 

»Als er sterbend an meinem Herzen lag, redete er zu dir in einer Sprache, welche ich nicht verstand. 
Welche war es?« 

»Unsere Muttersprache. « 

»Sprach er da auch von mir?« 

»Ja.« 

»Was?« 

»Er bat mich, dir treu zu bleiben.« 

»Mir - treu - zu - - bleiben - -? Du kanntest mich doch noch gar nicht! « 

»Ich kannte dich, derm ich hatte dich gesehen, und wer Winnetou sieht, der weiB, wen er vor sich hat, und 
er hatte mir ja von dir erzahlt! « 

-.-Was antwortetest dn ihm?« 



»Ich versprach ihm, diesen Wunsch zu erfilllen.« 

»Es war sein letzter, den er im Leben hatte. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu 
sein, hast mich behiltet, bewacht und geschont, wahrend ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich 
meines Messers ware fur jeden Andern todlich gewesen, doch dein starker Korper hat ihn ilberwunden. Ich 
stehe in tiefer, tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund! « 

»Ich bin es langst « 

»MeinBruder!« 

» Von ganzem Herzen gern.« 

»So wollen wir den Bund am Grabe dessen schlieBen, der meine Seele der deinigen ilbergeben hat! Ein 
edles Bleichgesicht ist von uns gegangen und hat uns, noch im Verscheiden, ein anderes, ebenso edles 
zugefuhrt. Mein Blut soil dein Blut und dein Blut soil mein Blut sein! Ich werde das deinige und du wirst 
das meinige trinken. Intschu tschuna, der groflte Hauptling der Apachen, der mein Vater und Erzeuger ist, 
wird es mir erlauben! « 

Intschu tschuna reichte uns seine Hande und sagte in einem von Herzen kommenden Tone: 

»Ich erlaube es. Ihr werdet nicht nur Briider, sondern ein einziger Mann und Krieger mit zwei Korpern 
sein. Howgh!« 

Wir begaben uns nach der Stelle, wo das Grab errichtet werden so lite. Ich erkundigte mich nach dem MaBe, 
der Bauart und der Hohe desselben und bat mir dann einige Tomahawks aus. Hierauf ging ich mit Sam, 
Dick Stone und Will Parker fluBaufwarts in den Wald, wo wir uns passendes Holz aussuchten und mit 
Hilfe der Tomahawks aus demselben ein Kreuz zimmerten. Als wir mit demselben nach dem Lagerplatze 
zurtickkehrten, hatten die Trauerfeierlichkeiten begonnen. Die Roten hatten sich um den Bau, der rasch 
fortgeschritten und beinahe beendet war, niedergelassen und sangen ihre eintonigen, ganz eigenartigen und 
tief ergreifenden Totenlieder. Der dumpfe, monotone Klang derselben wurde von Zeit zu Zeit von einem 
schrillen, spitzen Klageschrei iibertont, welcher wie ein rascher Blitz aus schweren, dichten Wolkenmassen 
emporschoB. 

Ein Dutzend Indianer waren unter Anleitung der beiden Hauptlinge an dem Baue beschaftigt, und zwischen 
ihnen und der klagenden Schar tanzte in grotesken, langsamen Bewegungen und Sprungen eine sonderbar 
verhiillte und mit allerlei Insignien behangene Gestalt herum. 

»Wer ist das?« fragte ich. »Der Medizinmann?« 

»Ja,« antwortete Sam. 

»Indiamsche Gebrauche bei dem Begrabnisse eines Christen! Was sagt Ihr dazu, heber Sam'.'« 

»PaBt Euch das nicht?« 

»Eigenthch nicht. « 

»LaBt es Euch ruhig gefallen, Sir! Sagt ja kein Wort dagegen! Ihr wilrdet die Apachen ganz furchterlich 
beleidigen.« 

» Aber dieser Mummenschanz widerstrebt mir auBerordentlich, mehr, als Ihr denkt! « 



»Er ist gut gemeint. Meint Ihr vielleicht, daB er heidnisch sei?« 

»Natilrlich! « 

»Unsinn! Diese braven, guten Leute glauben an einen groBen Geist, zu dem der verstorbene Freund und 
Lehrer gegangen ist. Sie begehen die Abschieds-, die Todesfeier in ihrer Weise, und alles, was der 
Medizinmann dabei tut und vornimmt, ist von symbolischer Bedeutung. LaBt sie also ruhig gewahren! Sie 
werden uns auch nicht hindern, das Grabmal mit unserm Kreuze zu kronen. « 

Als wir dieses neben dem Sarge niederlegten, fragte Winnetou: 

»Soll dieses Zeichen des Christentums mit an die Steine kommen?« 



»Das ist recht. Ich hatte meinen Bruder Old Shatterhand gebeten, ein Kreuz zu machen, denn Klekih-petra 
hatte in seiner Wohnung eins und betete vor demselben. Darum wiinschte ich, daB dieses Zeichen seines 
Glaubens auch an seinem Grabe wache. Welchen Platz soil es bekommen?« 

»Es soil oben aus dem Grabmale ragen.« 

»So wie bei den groBen, hohen Hausern, in denen die Christen zum guten Geiste beten? Ich werde es so 
anbringen lassen, wie du es wiinschest. Setzt euch nieder, und seht zu, ob wir es richtig machen! « 

Nach einiger Zeit war der Bau vollendet; er wurde von unserm Kreuze gekront und hatte vorn eine 
Oeffnung fur den Sarg, der jetzt noch im Freien stand. 

Da kam Nscho-tschi. Sie war eben im Pueblo gewesen, um zwei aus Ton gebrannte Schalen zu holen, mit 
denen sie zum Flusse ging, um sie mit Wasser zu fullen. Als sie dies getan hatte, kam sie zu uns und stellte 
sie auf den Sarg, wozu, das so lite ich bald erfahren. 

Jetzt war alles fur das Begrabnis vorbereitet. Intschu tschuna gab mit der Hand ein Zeichen, worauf die 
Klagegesange verstummten. Der Medizinmann hockte sich auf die Erde nieder. Der Hauptling trat an den 
Sarg und sprach langsam und in feierlichem Tone: 

»Die Sonne geht des Morgens im Osten auf und sinkt des Abends im Westen nieder, und das Jahr erwacht 
zur Fruhlingszeit und geht im Winter wieder schlafen. So ist es auch mit dem Menschen. Ist es so?« 

»Howgh!« erschallte es dumpf rundumher. 

»Der Mensch geht auf wie die Sonne und sinkt wieder nieder in das Grab. Er kommt wie ein Fruhling auf 
die Erde und legt sich wie der Winter zur Ruhe. Aber wenn die Sonne untergegangen ist, so erscheint sie 
am nachsten Morgen wieder, und wenn der Winter verstreicht, so ist der Fruhling wieder da. Ist es so?« 

»Howgh!« 

»So hat uns Klekih-petra gelehrt. Der Mensch wird in das Grab gelegt, aber jenseits des Todes steht er auf 
wie ein neuer Tag und wie ein neuer Fruhling, um im Lande des groBen, guten Geistes weiter zu leben. Das 
hat uns Klekih-petra gesagt, und jetzt weiB er, ob er die Wahrheit gesprochen hat, denn er ist verschwunden 
wie der Tag und das Jahr, und seine Seele ging ein zur Wohnung der Verstorbenen, nach der er sich immer 
sehnte. Ist es so?« 



»Howgh!« 

»Sein Glaube war nicht der unserige, und der unserige war nicht der seinige. Wir lieben unsere Freunde 
und hassen unsere Feinde; er aber lehrte, daB man auch seine Feinde lieben solle, denn sie seien auch 
unsere Brilder. Das wollten wir nicht glauben; aber so oft wir ihm und seinen Worten gehorchten, hat es 
uns zum Nutzen und zur Freude gereicht. Vielleicht ist sein Glaube doch auch der unserige, nur daB wir ihn 
nicht so begreifen konnten wie er wiinschte, daB wir ihn verstehen sollten. Wir sagen, unsere Seelen gehen 
nach den ewigen Jagdgrunden, und er behauptete, die seinige gehe ein zur ewigen Seligkeit. Oft denke ich, 
unsere Jagdgrunde seien diese ewige Seligkeit. Ist es so?« 

»Howgh!« 

»Oft erzahlte er uns von dem Erloser, welcher gekommen sei, alle Menschen selig zu machen. Wir haben 
an die Wahrheit seiner Worte geglaubt, denn in seinem Munde hat es niemals eine Luge gegeben. Dieser 
Erloser ist fur alle Menschen gekommen. Ist er auch schon bei den roten Mannern gewesen? Wenn er 
kame, so wilrden wir ihn willkommen heiBen, denn wir werden von den Bleichgesichtern unterdruckt und 
ausgerottet und sehnen uns nach ihm. Ist es so?« 

»Howgh!« 

»Das war seine Lehre. Nun spreche ich von seinem Ende. Es ist ilber ihn gekommen wie das Raubtier ilber 
seine Beute. Plotzlich und unerwartet war es da. Er war gesund und rilstig und stand an unserer Seite. Er 
sollte zu Pferde steigen und mit uns heimkehren; da traf ihn die Kugel eines Morders. Meine Brilder und 
Schwestern mogen es beklagen!« 

Es erschallte ein dumpfes Wehegeschrei, welches immer starker und heller wurde, bis es in einem 
durchdringenden Heulen endete. Dann fuhr der Hauptling fort: 

» Wir haben seinen Tod geracht. Aber die Seele des Morders ist ihm entgangen; sie kann ihn nicht jenseits 
des Grabes bedienen, denn sie war feig und wollte ihm nicht im Tode folgen. Der raudige Hund, dem sie 
gehorte, ist von Kindern erschossen worden, und seine Leiche schwimmt den FluB hinab. Ist es so?« 



»Nun ist er fort von uns; aber sein Korper ist uns geblieben, damit wir ihm ein Denkmal setzen, an 
welchem wir und unsere Nachkommen uns und sich erinnern konnen an den guten, weiBen Vater, der unser 
Lehrer war und den wir lieb gehabt haben. Er war nicht in diesem Lande geboren, sondern er kam aus 
einem fernen Reiche, welches jenseits des groBen Wassers liegt und welches man daran erkennt, daB dort 
die Eichen wachsen. Darum haben wir ihm zu Liebe und ihm zu Ehren Eicheln geholt, um sie um sein Grab 
zu saen. So wie sie keimen und aus der Erde wachsen, so wird seine Seele aus dem Grabe erwachen und 
jenseits desselben groB werden. Und so wie diese Eichen wachsen, so werden die Worte, die wir von ihm 
gehort haben, sich in unsern Herzen ausbreiten, daB unsere Seelen unter ihnen Schatten finden konnen. Er 
hat stets an uns gedacht und fur uns gesorgt. Er ist auch nicht von uns gegangen, ohne uns ein Bleichgesicht 
zu senden, welches an seiner Stelle unser Freund und Bruder werden soil. Hier seht ihr 

Old Shatterhand, den weiBen Mann welcher aus demselben Lande stammt, aus welchem Klekih-petra zu 
uns kam. Er weiB alles, was dieser wuBte, und ist ein noch starkerer Krieger als er. Er hat den Grizzlybaren 
mit dem Messer erstochen und schlagt jeden Feind mit seiner Faust zu Boden. Intschu tschuna und 
Winnetou waren wiederholt in seine Hand gegeben; aber er hat uns nicht getotet, sondern uns das Leben 
gelassen, weil er uns liebt und ein Freund der roten Manner ist. Ist es so?« 

»Howgh!« 



»Es ist Klekih-petras letztes Wort und letzter Wille gewesen, daB Old Shatterhand sein Nachfolger bei den 
Kriegern der Apachen sein moge, und Old Shatterhand hat ihm versprochen, diesen Wunsch zu erfiillen. 
Darum soil er in den Stamm der Apachen aufgenommen werden und als Hauptling gelten. Es soil so sein, 
als ob er rote Farbe hatte und bei uns geboren ware. Damit dies bekraftigt werde, milBte er mit jedem 
erwachsenen Krieger der Apachen das Calumet rauchen; aber dies ist nicht notig, derm er wird das Blut 
Winnetous trinken, und dieser wird das seinige genieflen; dann ist er Blut von unserm Blute und Fleisch 
von unserm Fleische. Sind die Krieger der Apachen damit einverstanden?« 

»Howgh, howgh howgh! « lautete dreimal die freudige Antwort aller Anwesenden. 

»So mogen Old Shatterhand und Winnetou herbei zum Sarge treten und ihr Blut in das Wasser der 
Bruderschaft tropfen lassen!« 

Also eine Blutsbruderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbruderschaft, von der ich so oft gelesen hatte! Sie 
kommt bei vielen wilden oder halbwilden Volkerschaften vor und wird dadurch geschlossen, daB die 
beiden Betreffenden entweder Blut von sich mischen und dann trinken oder daB das Blut des Einen von 
dem Andern und so auch umgekehrt getrunken wird. Die Folge davon ist, daB diese Beiden dann fester, 
inniger und uneigenniltziger zusammenhalten, als wenn sie von Geburt Brtider waren. 

Hier war es so, daB ich Winnetous Blut und er das meinige trinken sollte. Wir stellten uns zu beiden Seiten 
des 

Sarges auf, und Intschu tschuna entbloBte den Vorderarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. 
Es quollen aus dem kleinen, unbedeutenden Schnitte einige Blutstropfen, welche der Hauptling in die eine 
Wasserschale fallen lieB. Dann nahm er mit mir dieselbe Prozedur vor, bei welcher einige Tropfen in die 
andere Schale fielen. Winnetou bekam die Schale mit meinem Blute und ich die mit dem seinigen in die 
Hand; dann sagte Intschu tschuna: 

»Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mogen ineinander ilbergehen, daB sie 
eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was 
Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands. Trinkt!« 

Ich leerte meine Schale und Winnetou die seinige. Es war Rio Pecos-Wasser mit einigen Blutstropfen, die 
man nicht schmeckte. Darauf reichte der Hauptling mir die Hand und sagte: 

»Du bist nun grad wie Winnetou, der Sohn meines Leibes und ein Krieger unseres Volkes. Der Ruf deiner 
Taten wird schnell und ilberall bekannt werden, und kein anderer Krieger wird dich ubertreffen. Du trittst 
als Hauptling der Apachen ein, und alle Stamme unseres Volkes werden dich als solchen ehren!« 

Das war ein schnelles Avancement! Vor kurzem noch Hauslehrer in St. Louis, war ich dann Surveyor 
geworden, um jetzt als Hauptling unter "Wilden" aufgenommen zu werden! Aber ich gestehe, daB diese 
Wilden mir weit besser gefielen als die WeiBen, mit denen ich es in der letzten Zeit zu tun gehabt hatte. 

Um etwaigen MiBverstandnissen vorzubeugen, muB ich hier eine Bemerkung machen. Es kommt auch bei 
uns vor, daB von abenteuerlich gestimmten Leuten Blutsbruderschaften in ahnlicher Weise oder wohl gar 
mit absonderlichen, auf Aberglauben beruhenden Zeremonien geschlossen werden. Solchen Bruderschaften 
schreibt man ganz auBerordentliche, geheimnisvolle Wirkungen zu, unter anderm auch die, daB beide 
Brtider in demselben Augenblicke sterben mtissen. Wenn z. B. der eine, schwachere, krankliche, nach 
Italien reist und dort an der Cholera stirbt, so wird der andere, starke, gesunde, der in Deutschland 
zuruckgeblieben ist, in ganz derselben Sekunde tot umfallen. Das ist naturlich Unsinn. Von einem solchen 
Aberglauben war bei dem, was zwischen Winnetou und mir geschah, ganz und gar keine Rede. Es wurde 
dabei dem Genusse des Blutes weder von mir, noch von den Apachen irgendwelche Wirkung 
zugeschrieben, sondern er hatte nur eine rein symbolische, also bildliche Bedeutung. 



Und doch, hochst sonderbar, trafen spater stets die Worte Intschu tschunas zu, daB wir eine Seele mit zwei 
Korpern sein wilrden. Wir verstanden uns, ohne uns unsere Gefuhle, Gedanken und Entschltisse mitteilen 
zu milssen. Wir brauchten uns nur anzusehen, um genau zu wissen, was wir gegenseitig wollten; ja, dies 
war gar nicht einmal notwendig, sondern wir handelten selbst dann, wenn wir voneinander fern waren, mit 
einer wirklich erstaunlichen Uebereinstimmung, und es hat nie, niemals irgend eine Differenz zwischen uns 
gegeben. Das war aber nicht etwa die Wirkung des genossenen Blutes, sondern eine sehr naturliche Folge 
unserer innigen gegenseitigen Zuneigung und des liebevollen Eingehens und Einlebens des Einen in die 
Ansichten und individuellen Eigentumlichkeiten des Andern. 

Als Intschu tschuna seine letzten Worte sprach, hatten sich alle Apachen, auch die Kinder, erhoben, um ein 
lautes, bekraftigendes Howgh auszurufen. Dann fugte der Hauptling hinzu: 

»Jetzt ist der neue, der lebende Klekih-petra bei uns aufgenommen, und wir konnen den Toten seinem 
Grabe ilbergeben. Meine Brtider mogen dies nun tun! « 

Er meinte diejenigen, welche mit an dem Grabmale gebaut hatten. Ich bat um Aufschub und winkte 
Hawkens, Stone und Parker herbei. Als sie bei mir standen, sprach ich ilber dem Sarge einige kurze Worte 
und schloB ein Gebet daran. Dann wurden die Ueberreste des einstigen Revolutionars und spateren Btiflers 
in das Innere des Steinbaues geschoben, worauf sich die Roten daran machten, die Oeffnung zu 
verschlieBen. 

Das war meine erste Leichenfeier unter Wilden. Sie hatte mich tief ergriffen. Ich will nicht die 
Anschauungen kritisieren, welche Intschu tschuna dabei vorgebracht hatte. Es war viel 

Wahrheit mit viel Unklarheit vermengt gewesen; aber aus allem hatte ein Schrei nach Erlosung geklungen, 
nach einer Erlosung, welche er, wie einst das Volk Israel, sich auflerlich dachte, wahrend sie doch nur eine 
innerliche, eine geistige sein konnte. 

Wahrend das Grab geschlossen wurde, erklangen wieder die Totenklagen der Indianer, und erst dann, als 
der letzte Stein eingefugt worden war, konnte die Feier als beendet gelten, und Jeder ging nun heiterern 
Beschaftigungen nach. Dies war vor alien Dingen das Essen, zu welchem mich Intschu tschuna zu sich 
einlud. 

Er bewohnte das groflte Gemach der schon erwahnten Etage. Es war sehr einfach ausgestattet, aber an den 
Wanden hing eine reiche, indianische Waffensammlung, welche mein lebhaftes Interesse in Anspruch 
nahm. "Schoner Tag" bediente uns, namlich ihren Vater, Winnetou und mich, und ich land, daB sie 
Meisterin in der Zubereitung indianischer Gerichte war. Gesprochen wurde wenig, ja fast gar nicht. Der 
Rote schweigt ilberhaupt gern, und heute war schon so viel geredet worden, daB man alles, was noch zu 
verhandeln war gern fur spater aufhob. Nach dem Essen war die Dammerung schnell da. Winnetou fragte 
mich: 

» Will mein weiBer Bruder ruhen oder mit mir gehen?« 

»Ich gehe mit,« antwortete ich, ohne mich zu erkundigen, wohin er wollte. 

Wir stiegen vom Pueblo herab und gingen nach dem Flusse. Das hatte ich erwartet. Eine so tief gegrilndete 
Natur wie Winnetou wurde unbedingt zum Grabe des heute bestatteten Lehrers getrieben. Bei demselben 
angekommen, setzten wir uns dort nebeneinander nieder. Winnetou ergriff meine Hand und behielt sie in 
der seinigen, ohne lange Zeit ein Wort zu sagen, und ich hatte keine Veranlassung, die Stille zu 
unterbrechen. 

Notwendigerweise muB ich hier bemerken, daB nicht alle Apachen, welche ich bisher gesehen hatte, mit 
ihren Angehorigen im Pueblo wohnten. Dazu ware dieses, so groB es war, derm doch viel, viel zu klein 



gewesen. Es wurde nur von Intschu tschuna und seinen hervorragendsten Kriegern bewohnt und bildete den 
Mittelpunkt fur die mit ihren Pferdeherden und jagend herumziehenden Zugehorigen des Stammes der 
Mescalero-Apachen. Von hier aus regierte der Hauptling diesen Stamm, und von hier aus unternahm er 
auch die weiten Ritte zu den andern Stammen, die ihn als obersten Hauptling anerkannten. Dies waren die 
Llaneros, Jicarillas, Taracones, Chiriguais, Pinalenjos, Gilas, Mimbrenjos, Lipans, Kupferminenapachen 
und andere; ja selbst die Navajos pflegten sich, wenn nicht seinen Befehlen, so doch seinen Anordnungen 

Diejenigen Mescaleros, welche nicht in das Pueblo gehorten, hatten sich nach dem Begrabnisse entfernt, 
und es waren nur so viele von ihnen zurilckgeblieben, wie notig waren, um die von den Kiowas 
uberkommenen Pferde, welche in der Nahe weideten, zu beaufsichtigen. Darum saB ich jetzt mit Winnetou 
allein und unbeobachtet am Grabe Klekih-petras. Von diesem will ich erwahnen, daB am nachsten Tage 
wirklich Eicheln um dasselbe in die Erde gebracht wurden. welche spate: aufgingen. Die Baume stehen 
noch jetzt. 

Endlich brach Winnetou das Schweigen, indem er mich fragte: 

» Wird mein Bruder Old Shatterhand vergessen, daB wir seine Feinde gewesen sind?« 

»Es istbereits vergessen^ antwortete ich. 

»Aber eines wirst du nicht '•. ergeben konnen.« 

»Was?« 

»Die Beleidigung, welche mein Vater dir zugefugt hat.« 

»Als wir dich zum erstenmale trafen.« 

»Ah, daB er mir in das Gesicht spuckte?« 

»Ja.« 

»Warum so lite ich dies nicht vergeben kdnnen?« 

»Weil Speichel nur mit dem Blute des Betreffenden abgewaschen werden kann.« 

» Winnetou mag sich nicht sorgen. Auch das ist bereits vergessen « 

»Mein Bruder sagt etwas, was ich unmoglich glauben kann.« 

»Du kannst es glauben. Es ist ja langst rue\', lesen, daB ich es vergeben habe.« 

»Wodurch?« 

»Dadurch, daB ich es Intschu tschuna, deinem Vater, gar nicht ubelgenommen habe. Oder meinst du, Old 
Shatterhand lasse sich anspucken, ohne auf diese Beleidigung, wenn er sie als eine solche betrachtet, sofort 
mit der Faust zu antworten?« 



» Ja, wir wunderten uns spater, daB du dies nicht getan hast.« 

»Der Vater meines Winnetou konnte mich nicht beleidigen. Ich wischte den Speichel ab; dann war es 
vergeben und vergessen. Sprechen wir nicht mehr davon! « 

»Und doch muB ich davon sprechen; das bin ich dir, meinem Bruder, schuldig.« 

»Warum?« 

»Du muBt die Sitten unsers Volkes erst noch kennen lernen. Kein Krieger gesteht gern einen Fehler ein, 
und ein Hauptling darf dies noch weniger tun. Intschu tschuna weiB, daB er unrecht gehabt hat, aber er darf 
dich nicht um Verzeihung bitten. Darum hat er mich beauftragt, mit dir zu sprechen. Winnetou bittet dich 
an Stelle seines Vaters.« 

»Das ist gar nicht notig; wii sind quitt, denn auch ich habe euch beleidigt.« 

»Doch! Ist nicht ein Faustschlag eine Beleidigung? Und ich habe euch doch mit der Faust geschlagen « 

»Das war mi Kampfe. wo es nicht als Beleidigung gilt. Mein Bruder ist edel und groBmtitig; wir werden es 
ihm nicht vergessen.« 

»Reden wir von anderen Dingen! Ich bin heut Apache geworden. Wie steht es mit meinen Kameraden?« 

»Die konnen nicht in den Stamm aufgenommen werden, aber sie sind unsere Bruder. « 

»Ohne Zeremonie?« 

»Wir werden morgen mit ihnen die Pfeife des Friedens rauchen. In der Heimat meines weiBen Bruders gibt 
es wohl kein Calumet?« 

»Nein. Christen sind alle Bruder, ohne daB es der Ausilbung irgend eines Gebrauches bedarf.« 

»Alle Bruder? Gibt es keinen Krieg zwischen ihnen?« 

»Allerdings auch.« 

»So sind sie auch nicht anders und besser als wir. Sie lehren die Liebe und fuhlen sie nicht. Warum hat 
mein Bruder sein Vaterland verlassen?« 

Es ist bei den Roten nicht Sitte, solche Fragen auszusprechen. Winnetou konnte es aber tun, weil er jetzt 
mein Bruder war, der mich kennen lernen muBte. Doch wurde seine Frage nicht nur aus teilnehmender 
Neugierde ausgesprochen; er hatte noch einen andern Grund dabei. 

»Um hier huben das Glilck zu suchen,« antwortete ich. 

»Das Glilck! - Was ist das Gluck?« 

»Reichtum! « 



Er lieB, als ich dies sagte, meine Hand los, die er bis jetzt test gehalten hatte, und es trat wieder eine Pause 
ein. Ich wuBte, er hatte jetzt das Gefiihl, sich doch in mir getauscht zu haben. 

»Reichtum! « flilsterte er dann. 

»Ja, Reichtum, « wiederholte ich. 

» Also darum - darum - darum! « 

»Was?« 

»Darum haben wir dich bei - bei « 

Es tat ihm doch wehe, das Wort aussprechen zu sollen. Ich vollendete es: 

»Bei den Landerdieben gesehen?« 

»Du sagst es. Du tatest es also, um reich zu werden. Meinst du denn wirklich, daft Reichtum glticklich 
macht?« 

»Ja.« 

»Da irrst du dich. Das Gold hat die roten Manner nur unglticklich gemacht; des Goldes wegen drangen uns 
noch heut die Weiflen von Land zu Land, von Ort zu Ort, so daB wir langsam aber sicher untergehen 
werden. Das Gold ist die Ursache unsers Todes. Mein Bruder mag ja nicht danach trachten.« 

»Das tu ich auch nicht. « 

»Nicht? Und doch sagtest du, daB du das Glilck im Reichtum suchest.« 

»Ja, das ist wahr. Aber es gibt Reichtum verschiedener Art, Reichtum an Gold, an Weisheit und Erfahrung, 
an Gesundheit, an Ehre und Ruhm, an Gnade bei Gott und den Menschen « 

»Uff, uff! So meinst du es! Welcher Reichtum ist es denn, nach welchem du da trachtest?« 

»Der letztere.« 

»Gnade bei Gott! So bist du wohl ein sehr frommer, ein sehr glaubiger Christ?« 

»Ob ich ein guter Christ bin, das weiB ich nicht, das weiB nur Gott; aber ich mochte es gern sein.« 

»So haltst du uns fur Heiden?« 

»Nein. Ihr glaubt an den groBen, guten Geist und betet keine Gotzen an.« 

»So erfulle mir eine Bitte!« 

»Gern! - Welche?« 

»Sprich nicht vom Glauben zu mir! Trachte nicht danach, mich zu bekehren! Ich habe dich sehr, sehr lieb 
und mochte nicht, daB unser Bund zerrissen werde. Es ist so, wie Klekih-petra sagte. Dein Glaube mag der 



richtige sein, aber wir roten Manner konnen ihn noch nicht verstehen. Wenn uns die Christen nicht 
verdrangten und ausrotteten, so wilrden wir sie fur gute Menschen halten und auch ihre Lehre fur eine gute. 
Dann fanden wir wohl auch Zeit und Raum, das zu lernen, was man wissen muB, um euer heiliges Buch 
und eure Priester zu verstehen. Aber der, welchei langsam und sicher zu Tode gedruckt wird, kann nicht 
glauben, dafl die Religion dessen, der ihn totet, eine Religion der Liebe sei.« 

»Du muBt unterscheiden zwischen der Religion und dem Anhanger derselben, welcher sich nur auBerlich 
zu ihr bekennt, aber nicht nach ihr handelt!« 

»So sagen die Bleichgesichter alle; sie nennen sich Christen, handeln aber nicht danach. Wir aber haben 
unsern groBen Manitou. welcher will. daB alle Menschen gut seien. Ich bemuhe mich, ein guter Mensch zu 
sein, und bin da vielleicht ein Christ, ein besserer Christ als diejenigen, die sich zwar so nennen, aber keine 
Liebe besitzen und nur nach ihrem Vorteile trachten. Also sprich nie zu mir vom Glauben, und versuche 
nie, aus mir einen Mann zu machen, der ein Christ genannt wird, ohne es vielleicht zu sein! Das ist die 
Bitte, welche du mir erfullen muBt! « 

Ich habe sie ihm erfullt und nie ein Wort der Bekehrung zu ihm gesagt. Aber muB man derm reden? Ist 
nicht die Tat eine viel gewaltigere, eine viel ilberzeugendere Predigt als das Wort? "An ihren Werken sollt 
ihr sie erkennen", sagt die heilige Schrift, und nicht in Worten, sondern durch mein Leben, durch mein Tun 
bin ich der Lehrer Winnetous gewesen, bis er einst nach .Tahren an einem mir unvergeBlichen Abende, 
mich selbst aufforderte, zu sprechen. Da saBen wir stundenlang beisammen, und in jener weihevollen Nacht 
ging all der im Stillen gesaete Samen plotzlich auf und brachte herrliche Frucht. 

Jetzt begnilgte ich mich damit, ihm die Hand zu drucken, zum Zeichen, daB ich seinen Wunsch erfullen 
wolle. Dann fuhr er fort: 

»Wie ist es derm gekommen, daB mein Bruder Old Shatterhand sich den Landerdieben angeschlossen hat? 
WuBte er derm nicht, daB dies ein Verbrechen an den roten Mannern war?« 

»Ich hatte es mir sagen konnen, habe aber gar nicht daran gedacht. Ich war froh, Surveyor werden zu 
dilrfen, derm ich wurde sehr gut bezahlt.« 

»Bezahlt? Ich denke, ihr seid gar nicht fertig geworden? Bezahlte man euch denn, bevor die Arbeit 
vollendet war?« 

»Nein. Ich erhielt einen VorschuB und die Ausrilstung. Das, was ich mir verdient habe, ware mir nach 
beendetem Werke ausgezahlt worden.« 

»Und nun kommst du um dieses Geld?« 

»Ja.« 

»Ist es viel?« 

»Fiir meine Verhaltnisse sehr viel.« 

Er schwieg eine Weile; dann sagte er: 

»Es tut mir sehr leid, daB mein Bruder durch uns solchen Schaden erlitten hat. Du bist nicht reich?« 

»An allem andern reich, aber in Beziehung auf das Geld bin ich ein armer Teufel.« 



» Wie lange hattet ihr noch zu messen gehabt, urn zu Ende zu kommen?« 

»Nur einige Tage.« 

»Uff! Hatte ich dich so gekannt, wie ich dich jetzt kenne, so waren wir einige Tage spater ilber die Kiowas 
hergefallen.« 

»Damit ich hatte fertig werden kdnnen?« fragte ich gerilhrt durch diesen Edelmut. 

»Ja.« 

»Das heiBt, du hattest uns den Diebstahl vollends ausfuhren lassen?« 

»Den Diebstahl nicht, sondern nur die Vermessung. Die Linien, welche ihr auf das Papier zeichnet, schaden 
uns noch nichts, derm damit ist der Raub noch nicht ausgefiihrt. Dieser beginnt vielmehr eigentlich erst 
dann, wenn die Arbeiter der Bleichgesichter kommen, urn den Pfad des Feuerrosses zu bauen. Ich wtlrde 

dir - - -« 

Er hielt mitten in seiner Rede inne, um ilber einen Gedanken, der ihm gekommen war, klar zu werden. 
Dann fuhr er fort: 

»MilBtest du, um dein Geld zu erhalten, die Papiere haben, von denen ich soeben sprach?« 

»Ja.« 

»Uff! So wird es dir nie ausgezahlt werden, derm alles. \\ as ilir gezeiclinet habt ist vermchtet worden.<- 

»Und was ist mit unsern Instrumenten geschehen?« 

»Die Krieger, denen sie in die Hande fielen, wollten sie zerschlagen, aber ich gab dies nicht zu. Obgleich 
ich keine Schule der Bleichgesichter besucht habe, weiB ich doch, daB solche Gegenstande einen hohen 
Wert besitzen, und darum gab ich den Befehl, sie sorgfaltig aufznbewahren. Wir haben sie mit hierher 
gebracht und gut aufgehoben. Ich werde sie meinem Bruder Old Shatterhand wiedergeben.« 

»Ich danke dir. Ich nehme dieses Geschenk von dir an, obgleich es mir direkt nun keinen Nutzen bringt. Es 
ist mir aber sehr lieb, daB ich die Instrumente wieder abliefern karm.« 

»Nutzen also bringen sie dir nicht?« 

»Nein. Den wtlrde ich nur dann haben, wenn ich die Vermessung vol lends ausfuhren konnte « 

» Aber es fehlen dir doch die Papiere, welche vernichtet worden sind! « 

»Nein. Ich war so vorsichtig, die Zeichnungen zweimal anzufertigen.« 

»So besitzest du die zweiten noch?« 

»Ja, hier in meiner Tasche. Du bist so gtltig gewesen, zu befehlen, daB mir nichts genommen werden 
solle.« 

»Uff,uff!« 



Dieser Ausruf klang halb wie Verwunderung und halb wie Befriedigung; dann schwieg er wieder. Er 
bewegte, wie ich spater erfuhr, in seinem Herzen einen Gedanken von solchem Edelmute, wie ein WeiBer 
ihn wohl nie gefaBt, am allerwenigsten aber ausgefiihrt haben wilrde. Nach einiger Zeit stand er auf und 
sagte: 

»Wir wollen heimkehren. Mein weiBer Bruder ist durch uns geschadigt worden Winnetou wird fur Ersatz 
dieses Verlustes sorgen. Zunachst aber muBt du dich bei uns vollends erholen.« 

Wir gingen nach dem Pueblo zuriick, in welchem wir vier WeiBe heut zum erstenmal als freie Manner 
schliefen. Am nachsten Tage wurde unter groBen Feierlichkeiten zwischen Hawkens, Stone, Parker und 
den Apachen die Pfeife des Friedens geraucht. Es versteht sich ganz von selbst, daB dabei lange Reden 
gehalten wurden. Die schonste davon war diejenige Sams welcher sie nach seiner Art so mit drolligen 
Ausdrilcken spickte, daB die ernsten Indianer sich alle Milhe geben muBten, die Lustigkeit, welche sich 
ihrer dabei bemachtigte, nicht auBerlich merken zu lassen. Im Verlaufe dieses Tages wurde alles, was in 
Beziehung auf die Ereignisse der letzten Zeit unklai geblieben war, an das Tageslicht gezogen. Dabei kam 
wieder in Erwahnung, daB ich Intschu tschuna und Winnetou an jenem Abend losgeschnitten hatte, und 
Hawkens hielt mir da die folgende Standrede: 

»Ihr seid ein hinterlistiger Mensch, ein ganz und gar hinterlistiger Mensch, Sir! Man pflegt doch gegen 
Freunde aufrichtig zu sein, besonders wenn man ihnen so viel zu verdanken hat wie Ihr uns. Wer und was 
waret Ihr derm eigentlich als wir Euch in St. Louis zum erstenmal sahen? Ein Hauslehrer, welcher seinen 
Kindern das Abe vorwarts und das kleine Einmaleins rtickwarts einblauen muBte. Und so ein 
unglticklicher Kerl waret Ihr geblieben, wenn wir uns Eurer nicht so liebevoll und nachsichtig 
angenommen hatten. Wir haben Euch aus diesem unglticklichen Einmaleins herausgerissen und mit 
bewundernswerter Sanftmut ilber die Savanne geschleppt, wenn ich mich nicht irre. Wir haben tlber Euch 
gewacht, wie eine zartliche Mutter ilber ihr kleinstes Baby oder eine Henne ilber die von ihr ausgebrtltete 
junge Ente wacht. Bei uns seid Ihr nach und nach zu Verstand gekommen, und wir sind es gewesen, die 
Euer Gehirn so ausgebildet haben, daB es nach der bisherigen Dunkelheit in demselben nun schon zuweilen 
bei Euch zu dammern beginnt. Kurz und gut, wir sind Vater und Mutter, Onkel und Tante fur Euch 
gewesen, haben Euch auf den Handen getragen, haben Euch korperlich mit den saftigsten Fleischbissen 
und geistig mit unserer Weisheit und Erfahrung aufgefuttert und dilrfen dafur erwarten, daB Ihr uns 
Achtung, Ehrerbietung und Dankbarkeit zollt und nicht als Ente in das Wasser lauft, in welchem wir als 
Hennen elendiglich ertrinken muBten. Trotzdem habt Ihr stets das, was Euch verboten war, getan. Es tut 
mir in meinem alten Jagdrocke wehe, so viel Liebe und Aufopferung mit so viel Ungehorsam und 
Undankbarkeit vergolten zu sehen. Wollte ich alle Eure schlechten Streiche nacheinander aufzahlen, so 
ware gar kein Ende abzusehen. Der allerschlimmste aber war der, daB Ihr die beiden Hauptlinge 
losmachtet, ohne es uns dann zu sagen. Das kann ich weder vergessen noch vergeben und werde es Euch 
nachtragen, so lange ich in dieser meiner jetzigen Haut stecke. Die Folgen dieser heimttickischen 
Verschwiegenheit haben dann auch nicht auf sich warten lassen. Anstatt gestern so recht hilbsch am Pfahl 
geschmort und gebraten zu werden und heut in den lieblichen Jagdgrunden der abgeschiedenen 
Indianerseelen zu erwachen, sind wir gar nicht fur wert gehalten worden, umgebracht zu werden. Nun 
sitzen wir bei vollem Leben und guter Gesundheit hier in diesem abgelegenen Pueblo, wo man sich alle 
Milhe gibt, uns mit Leckerbissen den Magen zu verderben und aus einem Greenhorn, welches Ihr doch 
seid, einen wahren Halbgott zu machen. Dieses Unheil haben wir nur Euch zu verdanken, besonders 
deshalb, weil Ihr ein so ganz und gar niedertrachtiger Schwimmer seid. Aber die Liebe ist unter alien 
Umstanden ein unbegreifliches Frauenzimmer; je mehr sie miBhandelt wird, desto wohler ftlhlt sie sich, 
und so wollen wir Euch selbst dieses Mai noch nicht aus unserer Mitte und aus unserem Herzen stoBen, 
sondern gltlhende Kohlen auf Eurem Haupte sammeln, indem wir Euch verzeihen, allerdings in der festen 
und bestimmten Hoffnung, daB Ihr nun endlich in Euch geht und anders werdet, wenn ich mich nicht irre. 
Hier ist meine Hand. Wollt Ihr mir Besserung versprechen, geliebter Sir?« 

»Ja,« antwortete ich, indem ich ihm die Hand schuttelte. »Ich werde dem edlen Vorbilde, welches Ihr mir 
gegeben habt und jetzt noch gebt, so eifrig nachstreben, daB man mich schon in kurzer Zeit fur den reinen 
Sam Hawkens halten soll.« 



» Verehrtester, das laBt Mbsch bleiben! Es ware eine ganz vergebliche Millie, die Ihr Euch da geben wtirdet. 
Ein Greenhorn, wie Ihr seid, und Sam Hawkens ahnlich werden! Die reinste Unmoglichkeit! Das ware grad 
und genau so, als wenn ein Grasfrosch Opernsanger werden wollte, und so will « 

Da fiel ihm Dick Stone, zwar lachend aber doch em wemg nnwilhg in die Rede: 

»Stop\ Sei endlich einmal still, alter Schwadronar [Schwadronor]! Es ist ja gar nicht mehr zum Aushalten 
mit dir! Du drehst ja alles urn, machst alles verkehrt und ziehst den rechten Handschuh an die linke Hand! 
Ich an Old Shatterhands Stelle wtude mil das ewige Gieenhorn nicht so ruhig gefallen lassen « 

»Was kann und soil er derm dagegen haben? Es ist doch wahr; er ist ja eins!« 

»Unsinn! Wir haben ihm unser Leben zu verdanken. Unter hundert erfahrenen Westmannern, uns und dich 
nicht ausgenommen, ware wohl kein einziger, der das fertig gebiacht liatte was er gestern tat. Anstatt daB 
wir ihn beschiltzen, beschiltzt er uns; das merke dir! Wenn er nicht gewesen ware, saflen wir nicht so 
munter hier, und du stakst nicht so heiler Haut unter deiner alten, falschen Perilcke! « 

»Was? Falsche Perilcke? Das sag mir ja nicht noch einmal! Es ist eine ganz richtige Perilcke. Wenn du das 
noch nicht weiBt, so schau sie dir einmal an! « 

Er nahm sie ab und hielt sie Stone hin. 

»Fort, fort mit diesem Fell!« lachte dieser. 

Sam stulpte sie sich wieder auf den Kopfunii sagte in vonvuifsvollem Tone: 

»Schame dich, Dick, die Zierde meines Hauptes ein Fell zu nennen! Das hatte ich von so einem guten 
Kameraden, wie du bist, nicht gedacht! Ihr versteht es alle nicht, den Wert Eures alten Sam zu wiirdigen 
Ich strafe Euch also mit Verachtung und suche jetzt meine Mary auf. MuB doch sehen, ob diese sich auch 
so wohl befindet wie ich.« 

Er fuhr mit den Armen geringschatzig durch die Luft und ging. Wir lachten lustig hinter ihm her, derm es 
war wirklich unmoglich, ihm etwas ilbel zu nehmen. 

Am nachsten Tage kehrten die Kundschafter zurilck, welche den Kiowas heimlich gefolgt waren; sie 
meldeten, daB diese ohne Unterbrechung fortgezogen seien und also nicht die Absicht hegten, jetzt eine 
Feindseligkeit auszufuhren. 

Hierauf folgte eine Zeit der Ruhe und fur mich doch der Tatigkeit. Sam, Dick und Will lieBen sich die 
Gastfreundschaft der Apachen sehr gefallen; sie ruhten sich grilndlich aus. Die einzige Tatigkeit, welcher 
Hi I i j ii cb hingab war die, daB er seine Mary taglich spazieren ritt, damit sie, wie er sich ausdruckte, 
"seine Finessen bewundern lerne" und sich an seine Art und Weise, zu reiten, gewohne. 

Ich aber legte mich nicht auf die Barenhaut. Winnetou hatte es darauf abgesehen, mich in die "indianische 
Schule" zu nehmen. Wir waren oft ganze Tage fort, machten weite Ritte, wahrend welcher ich mich in 
allem, was zur Jagd und zum Kriege gehorte, ilben muBte. Wir krochen in den Waldern herum, wobei ich 
vortrefflich Unterricht im Anschleichen erhielt. Er fiihrte formliche "Felddienstilbungen" mit mir aus. Oft 
trennte er sich von mir und stellte mir die Aufgabe, ihn zu suchen. Er gab sich alle Millie, seine Spuren zu 
verwischen, und ich strengte mich ebenso an, sie aufzufinden. Wie oft steckte er dann in einem dichten 
Gebtlsche oder stand, von dem tiberhangenden Gestrauch versteckt, im Wasser des Pecos und sah zu, wie 
ich nach ihm suchte. Er machte mich auf meine Fehler aufmerksam und zeigte mir durch sein Beispiel, wie 
ich mich zu benehmen und was ich zu tun oder zu lassen hatte. Das war ein auBerordentlich vortrefflicher 
Unterricht, den er mit eben solcher Lust erteilte, wie ich mit Freude und Bewunderung sein Schiller war. 



Dabei kam nie ein Lob ilber seine Lippen, auch nie das, was man unter einem Tadel versteht. Ein Meister 
in alien Fertigkeiten, welche das Indianerleben erfordert, war er auch ein Meister im Unterrichte. 

Wie oft kam ich da ermtidet und wie mit zerschlagenen Gliedern heim! Aber dann gab es noch keine Ruhe 
fur mich, denn ich wollte die Sprache der Apachen erlernen und nahm im Pueblo Unterricht. Ich hatte da 
zwei Lehrer und eine Lehrerin: Nscho-tschi lehrte mich den Dialekt der Mescaleros, Intschu tschuna 
denjenigen der Llaneros und Winnetou den der Navajos. Da diese Sprachen untereinander sehr verwandt 
sind und keinen groflen Wortschatz besitzen, so ging es auch mit diesen Uebungen schnell vorwarts. 

Wenn Winnetou sich mit mir nicht weit vom Pueblo entfernte, so kam es zuweilen vor, dafl Nscho-tschi 
sich an unsern Ausgangen beteiligte. Sie hatte dann sichtlich groBe Freude, wenn ich meine Aufgaben gut 

Einmal befanden wir uns im Walde, wo Winnetou mich aufforderte, mich zu entfernen und erst nach einer 
Viertelstunde wieder an Ort und Stelle zu sein. Ich sollte dann beide nicht mehr vorfinden und nach Nscho- 
tschi suchen, welche sich sehr gut verstecken werde. Ich ging also eine ziemliche Strecke fort, wartete da, 
bis die Zeit verflossen war, und kehrte dann zurilck. Die Spuren beider, welche von hier ausgingen, waren 
anfangs ziemlich deutlich; dann aber fehlten plotzlich die Fufleindrucke der Indianerin. Ich wuflte freilich, 
daB sie einen auflerordentlich leichten Gang hatte; aber der Boden war weich, und so muBte also unbedingt 
wenigstens eine, wenn auch noch so leise Andeutung der Fahrte vorhanden sein; aber ich fand nichts, gar 
nichts, nicht ein einziges niedergedrucktes oder umgebrochenes Pflanzchen, obgleich es grad an dieser 
Stelle sehr dichtes und empfindliches Moos gab. Nur die Spur Winnetous war deutlich eingedruckt; aber 
die ging mich nichts an, denn ich sollte nicht ihn, sondern seine Schwester suchen. Er hielt sich jedenfalls 
in der Nahe, um mich heimlich zu beobachten, ob ich Fehler mache oder nicht. 

Ich suchte noch einmal und noch einmal im Kreise, fand aber auch nicht den leisesten Anhalt. Das war 
befremdlich. Ich ilberlegte. Sie muBte und muflte unbedingt eine Spur hinterlassen haben, denn es konnte 
hier kein FuB den Boden berilhren, ohne von dem weichen Moose verraten zu werden. Ein FuB den Boden 
berilhren? Ah! Wie nun, wenn Nscho-tschi ihn gar nicht beruhrt hatte? 

Ich untersuchte Winnetous Stapfen; sie waren tief eingedruckt, defer als vorher. Sollte er seine Schwester 
auf die Arme genommen und fortgetragen haben? Dann war die Aufgabe, welche er mir gestellt hatte, 
seiner Ansicht nach eine sehr schwere, aber meiner Ansicht nach eine sehr leichte von dem Augenblicke 
an, an welchem ich eben erriet, daB er Nscho-tschi getragen habe. 

Infolge dieser Last hatten sich seine FilBe tiefer eingedruckt. Es kam nun darauf an, Spuren von der 
Indianerin zu finden. Diese durfte ich freilich nicht unten an der Erde, sondern ich muBte sie weiter oben 
suchen. 

War Winnetou allein durch den Wald gegangen, so hatte er die Arme frei und keine Muhe gehabt, durch 
das Unterholz zu kommen. Hatte er aber seine Schwester getragen, so muBte es unbedingt zerknickte 
Zweige geben. Ich folgte seinen Stapfen und richtete dabei mein Hauptaugenmerk nicht auf die Fahrte, 
sondern auf das Gebilsch. Richtig! Indem er mit seiner Last durch dasselbe gedrungen war, hatte er die 
Arme nicht frei gehabt und dasselbe nicht vorsichtig auseinander schieben konnen; Nscho-tschi war nicht 
auf den Gedanken gekommen, dies zu tun, und so fand ich an mehreren Stellen geknickte Zweige und 
beschadigte Blatter, also Zeichen, welche nicht hatten entstehen konnen, wenn Winnetou allein 
hindurchgegangen ware. 

Die Spur fuhrte in schnurgerader Richtung nach einer lichten Stelle des Waldes und in ebenso gerader 
Linie ilber dieselbe hinilber. Da druben, am jenseitigen Rande der Lichtung, steckten jedenfalls die beiden, 
stillvergnilgt daruber, daB es mir unmoglich sein werde, meine Aufgabe zu losen. Ich hatte direkt 
himibergehen konnen; aber icb wollte es noch besser machen und sie formlich tiberrumpeln. Darum schlich 
ich mich, immer sorgfaltig in Deckung bleibend, um die Lichtung herum. 



Jenseits angekommen, suchte lch zunachst wieder nach Winnetous Spur. War er weiter gegangen, so muBte 
ich sie sehen. Sah ich sie nicht, so hatte er sich mit Nscho-tschi versteckt. Ich legte mich auf die Erde 
nieder und schob mich gerauschlos in einem Halbkreise fort, indem ich mich bemiihte, immer hinter 
Baumen und Bilschen verborgen zu bleiben. Es war kein FuBeindruck zu sehen. Folglich steckten sie, wie 
ich vermutet hatte, am Rande der freien Stelle, und zwar da, wo die Fahrte, welcher ich bis vorhin gefolgt 
war, diesen Rand beruhrte. 

Leise, ganz, ganz leise, schob ich mich nach dieser Stelle hin. Sie saBen still, und ihren geilbten Ohren 
konnte kein Gerausch entgehen; ich muBte also eine ungewohnliche Vorsicht entfalten. Es gelang mir 
besser, als ich es fur moglich gehalten hatte. Ich sah die Beiden. Sie saBen eng nebeneinander mitten in 
einem wilden Pflaumengebusch, mit dem Rilcken nach mir, da sie mich, falls ich ja kommen wilrde, von 
der entgegengesetzten Seite erwarten muBten. Sie sprachen miteinander, aber flusternd, so daB ich ihre 
Worte nicht verstehen konnte. 

Ich freute mich ungemein auf die Ueberraschung und schob mich immer weiter zu ihnen hinan. Jetzt war 
ich so nahe, daB ich beide mit der Hand erreichen konnte. Schon wollte ich den Arm ausstrecken und 
Winnetou von hinten fassen, da wurde ich durch ein Wort, welches er sagte, abgehalten, dies zu tun. 

»Soll ich ihn holen?« fragte er flusternd. 

»Nein,« antwortete Nscho-tschi. »Er kommt selbst.« 

»Er kommt nicht.« 

»Er kommt! « 

»Meine Schwester irrt sich. Er hat alles sehr schnell gelernt; aber deine Spur geht durch die Luft. Wie will 
er sie finden?« 

»Er findet sie. Mein Bruder Winnetou hat mir gesagt, daB Old Shatterhand schon jetzt nicht mehr irre zu 
filhren sei. Warum spricht er jetzt das Gegenteil?« 

»Weil es heut die schwierigste Aufgabe ist, die es geben kann. Sein Auge wird jede Fahrte finden; die 
deinige ist aber nur mit den Gedanken zu lesen, und das hat er noch nicht gelernt.« 

»Er wird dennoch kommen, denn er kann alles. alles. was er will.« 

Sie flilsterte diese Worte nur, dennoch war ihrem Tone eine Zuversicht, ein Vertrauen anzuhoren, daB ich 
darauf hatte stolz seinkonnen. 

[Illustration Nr. 16: Belauscht] 

»Ja, ich habe noch keinen Mann gekannt, der sich so leicht in alles findet. Es gibt nur eins, worein er sich 
nicht finden wird, und dies tut Winnetou sehr leid.« 

»Was ist das?« 

»Der Wunsch, den wir alle haben.« 

Eben jetzt hatte ich mich ihnen bemerkbar machen wollen; da sprach Winnetou von einem Wunsche; das 
bestimmte mich, noch zu warten. Welchen Wunsch hatte ich diesen lieben, guten Menschen nicht gern 
erfullt! Sie hegten einen und sagten ihn mir nicht, weil sie glaubten, daB ich ihn nicht erfullen werde. 



Vielleicht horte ich jetzt, was fur einer es war. Darum schwieg ich noch und lauschte. 

»Hat mein Bruder Winnetou schon mit ihm dariiber gesprochen?« fragte Nscho-tschi. 

»Nein.« antwortete Winnetou 

»Und Intschu tschuna, unser Vater, auch noch nicht?« 

»Nein. Er wollte es ihm sagen, aber ich gab es nicht zu.« 

»Nicht? Warum? Nscho-tschi liebt dieses Bleichgesicht sehr; sie ist die Tochter des obersten Hauptlings 
aller Apachen! « 

»Das ist sie, und sie ist noch mehr, noch weit mehr. Jeder rote Krieger und jedes Bleichgesicht wilrde 
gltlcklich sein, wenn meine Schwester seine Squaw werden wollte, nur Old Shatterhand nicht.« 

»Wie kann mein Bruder Winnetou dies wissen, da er noch nicht mit ihm darilber gesprochen hat?« 

»Ich weiB es trotzdem, derm ich kenne ihn. Er ist nicht wie andere WeiBe; er trachtet nach Hoherem als sie. 
Er nimmt keine Indianerin zur Squaw. « 

»Hat er dies gesagt?« 

»Nein.« 

»Gehort sein Herz vielleicht einer Weiflen?« 

»Auch nicht.« 

»Das weiBt du sicher?« 

»Ja. Wir sprachen von weiBen Frauen, und da habe ich aus seinen Worten entnommen, daB sein Herz noch 
nicht gesprochen hat.« 

»So wird es bei mir sprechen!« 

»Meine Schwester mag sich nicht tauschen! Old Shatterhand denkt und empfindet anders, als du meinst. 
Wenn er sich eine Squaw erw ahlt so muB sie unter den Frauen das sein, was er unter den Mannern ist.« 

»Bin ich das nicht? « 

»Unter den roten Madchen, ja; da kommt meiner schonen Schwester keines gleich. Aber was hast du 
gesehen und gehort? Was hast du gelernt? Du kennst das Frauenleben der roten Volker, aber nichts von 
dem, was eine weiBe Squaw gelernt haben und wissen muB. Old Shatterhand sieht nicht auf den 

Glanz des Goldes und auf die Schonheit des Angesichtes; er trachtet nach andern Dingen, die er bei einem 
roten Madchen nicht finden kann.« 

Sie senkte den Kopf und schwieg. Da strich er ihr mit der Hand liebkosend ilber die Wange und sagte: 

»Es schmerzt mich, daB ich dem Herzen meiner guten Schwester wehe tue, aber Winnetou ist gewohnt, 



stets die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie keine frohe ist. Vielleicht kennt er einen Weg, auf welchem 
Nscho-tschi zu dem Ziele, nach welchem sie strebt, gelangen kann.« 

Da hob sie rasch den Kopf wieder und fragte: 

»Welcher Weg ist dies?« 

»Der nach den Stadten der Bleichgesichter.« 

»Dorthin soil ich, meinst du?« 

»Ja.« 

»Warum?« 

»Um zu lernen, was du \\ issen und kdmien muJit. wenn Old Shatterhand dich lieben soll.« 

»So will ich hin, bald, sehr bald! Will mein Bruder Winnetou mir einen Wunsch erfullen?« 

»Welchen?« 

»Sprich mit Intschu tschuna, unserm Vater daruber! Bitte ihn, mich nach den groBen Stadten der 
Bleichgesichter gehen zu lassen! Er wird nicht Nein sagen, derm « 

Mehr horte ich nicht, derm ich kroch jetzt leise wieder zuriick Es kam mir fast wie eine Silnde vor, dieses 
Gesprach der Geschwister belauscht zu haben. Wenn sie es nur nicht merkten! Welche Verlegenheit fur sie 
und noch viel mehr auch fur mich! Es gait, jetzt bei meinem Rilckzuge noch viel vorsichtiger zu sein als 
vorhin bei meiner Armaherung. Das geringste Gerausch, der kleinste Zufall konnte es verraten, daB ich das 
Geheimnis der schonen Indianerin erfahren hatte. Und in diesem Falle war ich gezwungen, meine roten 
Freunde heut noch zu verlassen. 

Glticklicherweise gelang es mir, mich unbemerkt zurtickzuziehen. Als ich auBer Horweite angelangt war, 
erhob ich mich vom Boden und ging im Kreise schnell um die Lichtung herum, bis ich wieder auf die 
Fahrte traf. Auf dieser trat ich dann auf der Seite, von welcher ich vorhin gekommen war, und von welcher 
ich von Nscho-tschi erwartet wurde, zwei oder drei Schritte auf die Lichtung hinaus und rief ilber dieselbe 
hinilber: 

»Mein Bruder Winnetou mag heruberkommen! « 

Es regte sich nichts druben; darum fuhr ich fort: 

»Mein Bruder mag kommen, denn ich sehe ihn!« 

Er kam trotzdem nicht. 

»Er sitzt druben im Gebilsch der wilden Pflaumen. Soil ich ihn vielleicht holen?« 

Da bewegten sich die Zweige, und Winnetou trat hervor, doch allein. Er hatte nicht langer stecken bleiben 
konnen, wollte aber das Versteck seiner Schwester noch geheim halten und fragte mich: 

»Hat mein Bruder Old Shatterhand Nscho-tschi gefunden?« 



».Ta.« 

»Wo?« 

»Da, wo sie verborgen ist, im Gebiisch.« 

»In welchem Gebilsch?« 

»In demjenigen, wohin mich ihre Fahrte fuhrt.« 

»Hast du denn ihre Fahrte gesehen?« 

Das klang sehr verwundert. Er wuBte nicht, woran er mit mir war. DaB ich die Unwahrheit sagte, das 
glaubte er nicht; aber von einer Fahrte wuBte er nichts, und da er nicht einen Augenblick von seiner 
Schwester weggekommen war, so hegte er die Ueberzeugung, daB ich sie nicht entdeckt hatte. Seiner 
Meinung nach muBte ich mich im Irrtume befinden, durch irgend etwas getauscht worden sein. 

»Ja,« antwortete ich; »ich habe sie gesehen.« 

»Aber meine Schwester hat sich doch so in acht genommen, daB keine Spur zu sehen ist!« 

»Du irrst. Sie ist zu sehen.« 

»Nein.« 

»An der Erde nicht, aber im Gezweig. Nscho-tschi hat mit ihren FilBen den Boden nicht berilhrt, aber 
indem du sie trugest, habt ihr Zweige geknickt und Blatter beschadigt.« 

»Uff! Ich hatte sie getragen?« 



»Wer sagte es dir?« 

»Deine FuBstapfen. Sie waren plotzlich tiefer geworden, weil du schwerer geworden warst. Da du aber dein 
Gewicht nicht verandert haben konntest, so muBtest du eine Last aufgenommen haben. Diese Last war 
deine Schwester, deren FuB, wie ich sah, das Moos nicht berilhrt hatte. « 

»Uff! Du irrst. Geh noch einmal zurtick, und suche nach! « 

»Das wilrde vergeblich sein und ist auch hochst uberflussig, denn Nscho-tschi sitzt dort, wo du gesessen 
hast. Ich werde sie holen.« 

Ich ging vollends ilber die Lichtung hinilber; da kam sie aber schon aus dem Gestrauch und sagte im Tone 
der Befriedigung zu ihrem Bruder: 

»Ich sagte dir, daB er mich finden wilrde, und ich hatte recht.« 

»Ja, meine Schwester hatte recht, und ich irrte mich. Mein Bruder Old Shatterhand kann die Fahrte eines 
Menschen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Gedanken lesen. Es gibt da fast nichts mehr, was 
er noch zu lernen hat.« 



»0 noch sehr, sehr viel,« antwortete ich. »Mein Bruder Winnetou sagt da ein Lob, welches ich noch nicht 
verdiene; aber was ich noch nicht kann, das werde ich noch von ihm lernen.« 

Es war wirklich das erste Lob, welches ich aus seinem Munde horte, und ich gestehe es, daB ich ebenso 
stolz auf dasselbe war, wie frtlher auf ein gelegentliches Lob irgend eines meiner Professoren. 

Am Abend desselben Tages brachte er mir einen sehr gut gearbeiteten und mit roten, indianischen 
Stichstickereien verzierten Jagdanzug \dii weiBgegerbtem Leder. 

»Nscho-tschi, meine Schwester, bittet dich, diese Kleidung zu tragen,« sagte er. »Dein Anzug ist fur Old 
Shatterhand nicht mehr gut genug.« 

Da hatte er freilich sehr recht. Mein Habit sah sogar fur indianische Augen sehr herabgekommen aus. Ware 
ich in einer europaischen Stadt in demselben ertappt worden, so hatte man mich auf der Stelle als einen 
Hauptvagabunden arretiert. Aber durfte ich von Nscho-tschi ein solches Geschenk annehmen? Winnetou 
schien meine Gedanken zu erraten; er sagte: 

»Du darfst diesen Anzug nehmen, denn ich habe ihn bestellt [;] er ist ein Geschenk von Winnetou, den du 
vom Tode errettet hast, und nicht von seiner Schwester. Ist es den Bleichgesichtern verboten, von einer 
Squaw Geschenke anzunehmen?« 

» Wenn es nicht seine eigene Squaw oder Verwandte ist, ja.« 

»Du bist mein Bruder; Nscho-tschi ist dir also verwandt. Dennoch ist dies Geschenk von mir und nicht von 
ihr; sie hat es nur fur dich gefertigt.« 

Als ich den Anzug am nachsten Morgen anprobierte, saB er wie angegossen. Ein New Yorker 
Herrenschneider hatte das MaB nicht besser treffen konnen. Ich zeigte mich naturlich meiner schonen 
Freundin, welche auBerordentlich ilber das Lob, welches ich aussprach, erfreut war. Kurze Zeit spater 
stellten sich Dick Stone und Will Parker bei mir ein, um sich von mir bewundern zu lassen; sie waren auch 
mit neuen Anzugen beschenkt worden, welche aber nicht von Nscho-tschi, sondern von andern Squaws 
gefertigt worden waren. Und abermals kurze Zeit spater befand ich mich im Haupttale, um mich im Werfen 
des Tomahawk zu ilben, da kam eine kleine, sonderbare Gestalt in sehr gravitatischer Haltung auf mich zu. 
Es war ein neuer, lederner, indianischer Anzug, welcher unten in einem Paar alter, ungeheuer groBer 
Indianerstiefel endete. Oben drilber gab es einen noch alteren Filzhut mit sehr wehmutig herabhangender 
Krampe, unter welcher ein sehr verworrener Bartwald, eine riesige Nase und zwei kleine, listige Aeuglein 
hervorblickten. Daran erkannte ich meinen kleinen Sam Hawkens. Er pflanzte sich, die dilnnen, krummen 
Beinchen weit auseinander spreizend, hochst anspruchsvoll vor mir auf und fragte: 

»Sir, kennt Ihr vielleicht den Mann, der jetzt vor Euch steht?« 

»Hm!« antwortete ich. »Will einmal sehen!« 

Ich nahm ihn bei seinen Armen, drehte ihn dreimal um sich selbst, betrachtete ihn dabei von alien Seiten 
und sagte dann: 

»Das scheint wahrhaftig Sam Hawkens zu sein, wenn ich mich nicht irre!« 

»Yes, mylordl Ihr irrt Euch nicht. Ich bin es, in eigener Person und LebensgroBe. Merkt Ihr etwas?« 

»Funkelnagelneuer Anzug! « 



»Willesmemen!« 

» Von wem?« 

»Von der Barenhaut, die Ihr mir geschenkt habt.« 

»Das sehe ich, Sam. Wenn ich aber frage: "von wem?" so will ich die Person wissen, von der Ihr den 
Anzug habt.« 

»Die Person? Hm! Ach so! Ja, die Person, Sir! Das ist so eine Sache. Eigentlich ist sie gar keine Person.« 

»Was denn?« 

»Ein Personchen.« 

»Wieso?« 

»Na, kennt Ihr derm die hilbsche Kliuna-ai nicht?« 

»Nein. Kliuna-ai heiBt Mond. Ist's ein Madchen oder erne Squaw? « 

»Beides, oder vielmehr keins von beiden.« 

»Also GroBmutter?« 

»Unsinn! Wenn sie sowohl Squaw als auch Madchen oder vielmehr keins von beiden ist, so muB sie 
naturlich Witwe sein. Sie ist die hinterlassene Squaw eines Apachen, der im letzten Kampfe mit den 
Kiowas gefallen ist.« 

»Und die Ihr daruber trosten wollt?« 

»Well, Sir,« nickte er. »Bin ihr gar nicht abgeneigt; habe sogar ein Auge auf sie geworfen, oder vielmehr 
alle beide.« 

»Aber, Sam, eine Indianerin!« 

»Was ist's weiter? Wilrde sogar eine Negerin heiraten, wenn sie nicht schwarz ware. Uebrigens ist Kliuna- 
ai eine vortreffliche Partie.« 

»Warum?« 

»Weil sie das beste Leder im ganzen Stamme gerbt.« 

»Wollt Ihr Euch gerben lassen?« 

»Macht keine Witze, Sir! Es ist mir ernst. Ein trautes Heim - - versteht Ihr mich? Sie hat so ein voiles, 
rundes Gesicht, grad wie der Mond.« 

»Mit einem ersten und einem letzten Viertel?« 

»Ich bitte nochmals, mit dem Monde keine Witze zu machen! Sie ist Vollmond, und ich heirate sie, wenn 



ich mich nicht irre.« 

»Hoffentlich wird kein Neumond draus. Wie habt Ihr denn diese Bekanntschaft gemacht?« 

»Eben durch die Gerberei. Erkundigte mich nach der besten 

Gerberin, namlich des Barenfells wegen; da wurde sie mir empfohlen. Trug ihr also das Fell bin und merkte 
sofort, daB sie Wohlgefallen hatte.« 

»An dem Felle?« 

»Unsinn! An mir naturhch! « 

»Das verrat Geschmack, lieber Sam! « 

»Ja, den hat sie! O, die ist gar nicht ungebildet! Das beweist sie auch schon dadurch, daB sie nicht bloB das 
Fell gegerbt, sondern einen neuen Anzug fur mich daraus angefertigt hat. Wie gefalle ich Euch?« 

»Der reine Stutzer!« 

»Gentleman, nicht wahr? Ja, Gentleman! Sie war ganz weg, als sie mich vorhin in diesem Anzuge sah. 
Konnt Euch darauf verlassen, Sir; ich heirate sie!« 

» Wo steckt Euer alter Anzug?« 

»Habe ihn weggeschmissen.« 

»So, so! Und eines schonen Tages sagtet Ihr einmal, daB Euch Euer Rock nicht fur zehntausend Dollars feil 

»Das war damals. Da gab es keine Kliuna-ai. Die Zeiten andern sich. Well\« 

Das kleine, barenlederne Freiersmannchen drehte sich um und stampfte stolz von dannen. Das 
menschenfreundliche Gefuhl, welches er fur die indianische Wittib empfand, verursachte mir gar keine 
moralischen Schmerzen und Bedenken. Man muBte Sam ansehen, um vollstandig beruhigt zu sein. Die 
ilbermaBig groBen FilBe, die diinnen, krummen Beinchen, dann das Gesicht, o weh! Er glich einer 
mannlichen Pastrana mit einem Geierschnabel im Gesichte. Das war selbst fur eine Indianerin zu toll. Er 
war noch nicht weit fort von mir, da drehte er sich noch einmal um und rief mir zu: 

»Ist doch ein ganz anderes Ding, dieser neue Habitus, Sir! Bin wie neugeboren. Mag den alten nicht 
wiedersehen. Sam geht auf FreiersfuBen, hihihihi!« 

Am nachsten Tage begegnete ich ihm unten am Pueblo. Er machte ein nachdenkliches Gesicht. 

» Was gehen Euch fur astronomische Gedanken durch den Kopf, lieber Sam?« fragte ich ihn. 

»Astronomische? Warum grad solche?« 

» Weil Ihr ein Gesicht macht, als ob Ihr einen Kometen oder einen Nebelfleck entdecken wolltet.« 

»Ist audi fast so Dachte. daB es ein Komet sei. wird abet wohl ein Nebelfleck sein « 



»Wer?« 

»Sie,dieKliuna-ai.« 

»Ach so! Der Vollmond ist heut schon ein Nebelfleck! Warum?« 

»Habe sie gefragt, ob sie sich wieder einen Mann nehmen will. "Nein" hat sie geantwortet.« 

»Das darf Euch nicht abhalten, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Rom wurde nicht an einem Tage 

gebaut « 

»Und mein neuer Anzug nicht in einer Stunde geflickt. Ihr habt recht, Sir; ich gehe noch immer auf 
Freiersfuflen.« 

Er stieg die Treppe hinan, urn seine Kliuna-ai zu besuchen. Am nachsten Tage sattelte ich meinen 
Rotschimmel, urn mit Winnetou auf die Bilffeljagd zu reiten, da kam Sain Hawkens zu mir und fragte: 

» Darf ich mit, Sir?« 

» Auf die Bilffeljagd? Nein, nein! Ihr jagt doch jetzt ein besseres Wild.« 

»Halt aber nicht stand! « 

»So?« 

»Ja. Und macht Ansprilche.« 

»Wieso?« 

»War wieder bei ihr. Da sagte sie mir, den Anzug habe sie mir auf Befehl Winnetous nahen mtissen.« 

»Also nicht aus Liebe?« 

»Es scheint nicht so. Dann meinte sie weiter, das Gerben hatte ich bei ihr bestellt; was ich ihr dafur geben 
wolle.« 

»AlsoBezahlung!« 

))Yes\ Ist das ein Zeichen von Liebe?« 

»WeiB nicht. Habe keine Erfahrung in solchen Sachen. Kinder lieben ihre Eltern, und doch mtissen diese 
alles fur sie bezahlen. Vielleicht ist dies grad ein Beweis fur die Gegenliebe Eures Vollmondes.« 

» Vollmond? Hm! Ist auch moglich, dafl es nur das letzte Viertel ist. Also Ihr nehmt mich nicht mit?« 

» Winnetou will allein mit mir reiten. « 

»So kann ich nichts dagegen haben.« 

»Ihr wilrdet auch Euern neuen Jagdrock zu Schanden machen, lieber Sam!« 



»Allerdings, das ist wahr. Blutflecke sind nichts fur ein so feines Habit.« 

Er ging, drehte sich aber nochmals urn und fragte: »Meint Ihr nicht, Sir, daB mein alter Anzug doch viel 
praktischer war?« 

»Moglich.« 

»Nicht nur moglich, sondern sehr wahrscheinlich.« 

Damit war die Sache fur heute abgemacht. Aber in den nachsten Tagen wurde Sam immer nachdenklicher 
und einsilbiger. Sein Mond schien immer weiter abzunehmen. Da, eines Morgens sah ich inn aus seiner 
Wohnung treten im alten Anzuge! 

»Was ist derm das, Sam?« fragte ich inn. »Ich denke, Ihr habt dieses Habit abgelegt, oder gar 
"weggeschmissen", wie Ihr Euch ausdrilcktet.« 

»War auch so.« 

»Und es doch wieder hervorgesucht! « 

»Yes.« 

»Vor Aerger?« 

»Naturlich! Bin formlich wiltend! « 

» Auf das letzte Viertel?« 

»Ist Neumond geworden. Kann und mag diese Kliuna-ai gar nicht mehr sehen!« 

»Habe es Euch also ganz richtig prophezeit! « 

»Ja. Ist genau so geworden, wie Ihr sagtet. War aber eine Bewandtnis dabei, die mich fuchsteufelswild 
gemacht hat.« 

»Darf ich erfahren, welche?« 

»Ja, Euch will ich es sagen. War also gestern wieder bei ihr. Hat mich in den letzten Tagen schlecht 
behandelt, sehr schlecht, mich fast gar nicht angesehen und mir immer nur ganz kurz geantwortet. Sitze 
also gestern bei ihr und lehne mich dabei mit dem Kopf an einen holzernen Pfahl. Dieser mag einen Splitter 
gehabt haben, an den mein Haar geraten ist. 

Als ich aufstehe, um zu gehen, gibt's einen gewaltigen Zupfer auf meinem ehrwiirdigen Schadel; da drehe 
ich mich um, und was sehe ich da, Sir - was sehe ich?« 

»Eure Perilcke, wie ich vermute?« 

»Ja, meine Perilcke ist an dem Holzsplitter hangen geblieben und der Hut heruntergerissen worden und zu 
Boden gefallen.« 

»Da wurde natilrlich der fruhere hilbsche Vollmond zum Neumonde?« 



»Ganz und gar! Erst stand sie da und starrte mich an wie - wie - nun, wie einen Menschen, der auf dem 
Kopfe keine Haare hat.« 

»Und dann?« 

»Dann schrie und heulte sie, als ob sie selber einen Glatzkopf hatte.« 

»Und endlich?« 

»Endlich? Nun, endlich wurde Neumond draus. Sie stilrzte namlich fort und war nicht mehr zu sehen.« 

» Vielleicht geht sie Euch bald wieder als erstes Viertel und Vollmond auf! « 

»Die nicht! Sie hat mir's namlich sagen lassen « 

»Was?« 

»DaB ich nicht mehr zu ihr kommen soil. Sie will namlich dummerweise nur einen solchen Mann haben, 
der Haare auf dem Kopfe hat. 1st das nicht hochst albern?« 

»Hm!« 

»Da wird nichts gehmt, Sir! Wenn eine Frau heiratet, kann es ihr doch hochst gleichgilltig sein, ob ihr 
Mann seine Haare auf dem Kopfe oder in der Perticke hat, wenn ich mich nicht irre. Es ist sogar weit 
ehrenvoller, sie in der Perticke zu haben, denn da haben sie Geld gekostet; wachsen aber tun sie umsonst! « 

»So wurde ich an Eurer Stelle sie mir audi wachsen lassen, lieber Sam!« 

»Verehrter Sir, Euch soil der Kuckuck holen! Ich suche Trost in meinem Liebesgram und Heiratskummer 
bei Euch und bekomme Spott zu horen. Ich wollte, Ihr hattet auch eine Perticke und dann eine rote Witwe, 
die Euch zur Ttlre hinauswirft. Gehabt Euch wohl!« 

Er rannte wtltend davon. 

»Sam!« rief ich ihm nach, »noch eine Frage!« 

» Was denn?« erkundigte er sich, indem er stehen blieb. 

»Wo ist er denn?« 

»Wer?« 

»Der neue Anzug?« 

»Habe ihn ihr zuruckgeschickt. Mag nichts davon wissen. Wollte Hochzeit darinnen machen, ihn bei der 
Trauung tragen; nun aber nichts aus der Hochzeit wird, mag ich auch den Rock nicht haben. Howgh!« 

So endete die Freundschaft meines Sam mit Kliuna-ai, dem immer mehr abnehmenden roten Monde. 
Uebrigens war er sehr bald wieder guter Dinge und gestand mir, daB er sich freue, ein unverheirateter 
Jtlngling geblieben zu sein. Er werde seinem alten Rocke nie wieder den Abschied geben, denn dieser sei 
besser, praktischer und bequemer als samtliche Jagdrocke von alien indianischen Schneiderinnen. Es war 



also ganz so gekommen, wie ich mir gedacht hatte. Sam als Ehemann war einfach undenkbar. 

Am Abende desselben Tages aB ich. wie gewdhnlich, mit Intschu tschuna und Winnetou zusammen. Der 
Letztere entfernte sich nach dem Essen, und ich wollte auch gehen, da fing der Hauptling mit mir von Sams 
Abenteuer mit Kliuna-ai an und brachte hierauf die Rede auf Verbindungen zwischen WeiBen und 
Indianerinnen. Ich merkte, daB er mich examinieren wollte. 



»Halt mein junger Bruder Old Shatterhand eine solche Ehe fur unrecht oder recht?« fragte er. 

»Wenn sie von einem Priester geschlossen und die Indianerin vorher Christin geworden ist, sehe ich nichts 
Unrechtes darin,« antwortete ich. 

»Also mein Bruder wilrde nie ein rotes Madchen so, wie sie ist, zur Squaw nehmen?« 

»Und ist es sehr schwer. Cliristin zu werden?« 

»Nein, gar nicht.« 

»Darf eine solche Squaw dann ihren Vater noch ehren, auch wenn er nicht Christ ist?« 

»Ja. Unsere Religion fordert von jedem Kinde, die Eltern zu achten und zu ehren.« 

»Was fur eine Squaw wilrde mein (linger Bruder vorziehen, eine rote oder erne weiBe?« 

Durfte ich sagen eine weifte'.' Nein. demi das hatte ihn beleidigt. Darum antwortete ich: 

»Das kann ich nicht so beantworten. Es kommt auf die Stimme des Herzens an. Wenn diese spricht, so 
gehorcht man ihr, gleichviel was die Squaw fur erne Farbe hat. Vor dem groBen Geiste sind alle Menschen 
gleich, und die, welche fur einander passen und fur einander bestimmt sind, die werden sich finden.« 

»Howgh! Die werden sich finden, wenn sie zu einander passen. Mein Bruder hat sehr richtig gesprochen; er 
redet ja immer recht und gut.« 

Hiermit war dieses Thema beendet, so, wie ich es wiinschte, glaubte ich. DaB eine Indianerin erst Christin 
werden mtisse, wenn sie die Squaw eines WeiBen sein wolle, das hatte ich in ganz bestimmter Absicht 
scharf betont. Ich gonnte Nscho-tschi den allerbesten, edelsten roten Krieger und Hauptling; ich aber war 
nicht nach dem wilden Westen gekommen, um mir eine rote Squaw zu nehmen; ich hatte nicht einmal an 
eine weiBe gedacht. Mein Lebensplan schloB, wie ich annahm, eine Verheiratung ilberhaupt aus. 

Welchen Erfolg meine Unterredung mit Intschu tschuna gehabt hatte, erfuhr ich am zweiten Tag darauf. Er 
filhrte mich hinunter in das erste Stockwerk, wo ich noch nicht gewesen war. Dort lagen in einem 
besonderen, kleinen Behaltnisse unsere MeBinstrumente. 

»Siehe diese Sachen an, ob etwas davon fehlt,« forderte mich der Hauptling auf. 

Ich tat es und fand, daB nichts abhanden gekommen war. Die Gegenstande waren auch nicht beschadigt 
worden, einige Verbiegungen abgerechnet, welche ich leicht reparieren konnte. 

»Diese Sachen sind fur uns Medizin gewesen,« sagte er. »Darum wurden sie so gut verwahrt und 
aufgehoben. Mein junger, weiBer Bruder mag sie nehmen; sie sind wieder sein.« 



Ich wollte mich fur diese hochwillkommene Gabe bedanken; er wehrte aber den Dank ab, indem er, mir in 
die Rede fallend, erklarte: 

»Sie sind dein gewesen, und wir nahmen sie, weil wir dich fur unsern Feind hielten; nun wir aber wissen, 
daB du unser Bruder bist, muBt du alles wieder bekommen, was dir gehort. Du hast fur nichts zu danken. 
Was wirst du nun mit diesen Gegenstanden tun?« 

»Wenn ich von hier fortgehe, nehme ich sie mit, um sie den Leuten wiederzugeben, von denen ich sie 
» Wo \\ "olinen diese?« 



»Ich kenne den Namen dieser Stadt und weiB auch, wo sie liegt. Winnetou mein Sohn ist dort gewesen und 
hat mir von ihr erzahlt. Also du willst fort von uns?« 

»Ja, wenn auch nicht sofort.« 

»Das tut uns leid. Du bist ein Krieger unsers Stammes geworden, und ich habe dir sogar die Macht und 
Ehre eines Hauptlings der Apachen gegeben. Wir glaubten, du wurdest fur immer bei uns bleiben, wie 
Klekih-petra bis zu seinem Tode bei uns geblieben ist.« 

»Meine Verhaltnisse sind anders, als die seinigen waren.« 

»Kennst du sie denn?« 

» Ja. Er hat mir alles erzahlt.« 

»So hat er ein groBes Vertrauen zu dir gehabt, obwohl er dich zum erstenmal sah.« 

»Wohl, weil wir aus demselben Lande stammten.« 

»Das ist es nicht allein gewesen. Er sprach sogar noch bei seinem Tode mit dir. Ich konnte die Worte nicht 
verstehen, weil ich die Sprache nicht kenne, in welcher sie gesprochen wurden; aber du hast es uns gesagt, 
was es war. Du bist nach Klekih-petras Willen der Bruder Winnetous geworden und willst ihn doch 
verlassen. Ist das nicht ein Widerspruch?« 

»Nein. Bruder brauchen nicht stets beisammen zu sein; sie gehen oft auseinander, wenn sie verschiedene 
Aufgaben zu erfullen haben.« 

»Aber sie sehen sich doch wieder?« 

»Ja. Ihr werdet mich wiedersehen, derm mein Herz wird mich zu euch zurilcktreiben.« 

»Das hort meine Seele gern. So oft du kommst, wird groBe Freude bei uns vorhanden sein. Ich beklage es 
sehr, daB du von einer andern Aufgabe sprichst. Konntest du dich derm nicht auch hier bei uns glticklich 
fuhlen?« 

»Das weiB ich nicht. Ich bin so kurze Zeit hier, daB ich diese Frage nicht beantworten kann. Es wird wohl 
so sein, wie wenn zwei Vogel im Schatten eines Baumes sitzen. Der eine ernahrt sich von den Fruchten 
dieses Baumes und bleibt also da; der andere aber braucht eine andere Speise und kann also nicht lange 



bleiben; er muB fort.« 

»Und doch darfst du glauben. daB wir du alles geben wiirden. wonacb du verlangtest.« 

»Das weiB ich; aber wenn ich jetzt von Speise sprach, so war nicht die Nahrung gemeint, welche der 
Korper braucht.« 

»Ja, ich weiB es, daB ihr Bleichgesichter auch von einer Speise des Geistes redet; ich habe das von Klekih- 
petra erfahren. Ihm fehlte diese Speise bei uns; darum war er zuweilen sehr traurig, obwohl er uns das nicht 
merken lassen wollte. Du bist jiinger, als er war, und so wilrdest du dich wohl noch eher und noch leichter 
fortsehnen als er. Darum magst du gehen; aber wir bitten dich wiederzukommen. Vielleicht hast du dann 
deinen Sinn geandert und siehst ein, daB du dich auch bei uns wohlbefinden kannst. Aber wissen mochte 
ich gern, was du tun wirst, nachdem du in die Stadte der Bleichgesichter zurilckgekehrt bist.« 

»Das weiB ich noch nicht. « 

» Wirst du bei den WeiBen bleiben, welche den Pfad des Feuerrosses bauen wollen?« 

»Daran tust du recht. Du bist ein Bruder der roten Manner geworden und darfst nicht mittun, wenn die 
Bleichgesichter uns wieder um unser Land und Eigentum betrilgen wollen. Aber da, wohin du willst, 
kannst du nicht von der Jagd leben wie hier. Du muBt Geld haben, und Winnetou sagte mir, daB du arm 
seiest. Du hattest Geld bekommen, wenn wir Euch nicht ilberfallen hatten; darum hat mein Sohn mich 
gebeten, dir Ersatz zu bieten. Willst du Gold?« 

Er sah mich bei dieser Frage so scharf und forschend an, daB ich mich wohl hiltete, mit einem Ja zu 
a Qtv, i ij ten. Er wollte mich auf die Probe stellen. 

»Gold?« sagte ich. »Ihr habt mir keines abgenommen, und so habe ich keines von euch zu verlangen.« 

Das war eine diplomatische Antwort, weder ein Ja noch ein Nein. Ich wuBte, daB es Indianer gibt, welche 
Fundorte edler Metalle kennen, aber niemals einem WeiBen einen solchen Ort verraten. Intschu tschuna 
kannte jedenfalls solche Stellen, und jetzt fragte er mich: "Willst du Gold?" Welcher WeiBe hatte da wohl 
mit einem direkten Nein geantwortet! Ich habe nie nach Schatzen getrachtet, welche von dem Roste und 
von Motten gefressen werden; dennoch hat das Gold fur mich als Mittel zum guten Zwecke einen Wert, 
den ich gar nicht leugnen will. Diese Anschauung aber konnte der Apachenhauptling wohl schwerlich 
begreifen. 

»Nein, geraubt haben wir dir keines,« antwortete er; »aber du hast wegen uns nicht bekommen, was du 
bekommen hattest, und dafur will ich dich entschadigen. Ich sage dir, in den Bergen liegt das Gold in 
groBen Mengen. Die roten Manner kennen die Stellen, wo es zu finden ist; sie brauchen nur hinzugehen, 
um es wegzunehmen. Wtinschest du, daB ich welches fur dich hole?« 

Hundert Andere an meiner Stelle hatten dieses Angebot angenommen und - - nichts bekommen; das sah ich 
dem eigentumlich lauernden Blicke seiner Augen an; darum sagte ich: 

»Ich danke dir! Den Reichtum mtihelos geschenkt zu bekommen, das bringt keine Befriedigung; nur das, 
was man sich erarbeitet und erworben hat, besitzt wahren Wert. Wenn ich auch arm bin, so ist das kein 
Grund, zu glauben, daB ich nach meiner Rtickkehr zu den Bleichgesichtern Hungers sterben werde.« 

Da lieB die Spannung, welche auf seinem Gesichte gelegen hatte, nach; er gab mir die Hand und meinte in 
einem wirklich wohltuenden herzlichen Tone: 



»Diese deine Worte sagen mir, daB wir uns nicht in dir getauscht haben. Der Goldstaub, nach welchem die 
weiBen Goldsucher streben, ist ein Staub des Todes; wer ihn zufallig findet, geht daran zu Grunde. Trachte 
nie danach, ihn zu erlangen, derm er totet nicht nur den Leib, sondern auch die Seele! Ich wollte dich 
prilfen. Gold hatte ich dir nicht gegeben, aber Geld sollst du bekommen, jenes Geld, auf welches du 
gerechnet hast.« 

»Das ist nicht moglich.« 

»Ich will es so, also ist es moglich. Wir werden nach der Gegend reiten, in welcher ihr gearbeitet habt. Du 
wirst die unterbrochene Arbeit vollenden und dann den Lohn bekommen, welcher euch versprochen 
worden ist.« 

Ich sah ihm staunend und wortlos in das Gesicht. Scherzte er? Nein; solchen Spafl treibt ein 
Indianerhauptling nicht. Oder sollte dies wieder eine Prufung sein? Auch dies war unwahrscheinlich. 

»Mein junger, weiBer Bruder sagt nichts,« fuhr er fort. »Ist ihm mein Anerbieten nicht willkommen?« 

»Sogar auBeioidentlich willkommen! Aber ich kann nicht glauben, daB du im Ernste sprichst.« 

» Warum nicht? « 

»Ich soil das vollenden, was du an meinen weiBen Mitarbeitern mit dem Tode bestraft hast! Ich soil das 
tun, was du bei unserer ersten Begegnung so streng an mir verurteiltest! « 

»Du handeltest ohne Erlaubnis derer, denen das Land gehort; jetzt aber sollst du diese Erlaubnis 
bekommen. Mein Anerbieten kommt nicht von mir, sondern von meinem Sonne Winnetou. Er hat mir 
gesagt, daB es uns keinen Schaden macht, wenn du das unterbrochene Werk zu Ende fuhrst.« 

»Das ist ein Irrtum. Die Bahn wird gebaut; die WeiBen kommen ganz gewiB!« 

Er sah finster vor sich nieder und gab dann nach einer kleinen Weile zu: 

»Du hast recht. Wir konnen sie nicht hindern, uns aber- und abermal zu berauben. Erst senden sie so kleine 
Trupps voran, wie der eurige war; die konnen wir vernichten; aber das andert nichts, denn spater kommen 
sie in Scharen, vor denen wit zuruckweichen miissen wenn wir uns nicht erdrucken lassen wollen. Aber 
auch du kannst dies nicht anders machen. Oder meinst du, daB sie nicht kommen werden, wenn du darauf 
verzichtest, die Strecke vollends zu vermessen?« 

»Nein, das meine ich nicht. Wir mogen tun oder lassen, was wir wollen, das FeuerroB wird unbedingt durch 
jene Gegend dampfen.« 

»So nimm mein Anerbieten an! Du nutzest dir viel und schadest uns nichts. Ich habe mich mit Winnetou 
besprochen. Wir reiten mit dir, er und ich, und dreiBig Krieger werden uns begleiten. Das ist genug, dich 
wahrend deiner Arbeit zu beschutzen und dir bei derselben behilflich zu sein. Dann bringen uns diese 
dreiBig Mann so weit nach dem Osten, bis wir sichere Pfade finden und mit dem Kanoe des Dampfes nach 
St. Louis fahren konnen.« 

»Was sagt mein roter Bruder? Habe ich ihn richttg verstanden? Er will nach dem Osten?« 

» Ja, mit dir, ich, Winnetou und Nscho-tschi.« 

»Nscho-tscht auch' ' « 



»Meine Tochter auch. Sie mochte gern die groBen Wohnplatze der Bleichgesichter sehen und so lange 
dortbleiben, bis sie ganz so geworden ist wie eine weiBe Squaw.« 

Ich mochte wohl kein sehr geistreiches Gesicht zu diesen Worten machen, denn er fiigte, mich lachelnd 
ansehend, hinzu: 

»Mein junger, weiBer Bruder scheint ilberrascht zu sein. Hat er vielleicht etwas dagegen, daB wir ihn 
begleiten? Er mag es aufrichtig sagen! « 

»Etwas dagegen? Wie konnte ich! Ich freue mich im Gegenteil auBerordentlich daruber! Unter eurer 
Begleitung komme ich ohne Gefahr nach dem Osten zurilck; schon deshalb muB dieselbe mir willkommen 
sein. Dazu ist noch zu rechnen, daB die, welche ich so liebgewonnen habe, bei mir bleiben.« 

»Howgh!« nickte er befriedigt. »Du wirst deine Arbeit vollenden, und dann geht es nach dem Osten. Wird 
Nscho-tschi dort Leute finden, bei denen sie wohnen und lernen kann?« 

»Ja. Ich werde das sehr gern besorgen. Aber der Hauptling der Apachen muB dabei in Betracht ziehen, daB 
die Bleichgesichter nicht die Gastfreundschaft der roten Manner ausilben konnen.« 

»Ich weiB es. Wenn Bleichgesichter nicht als Feinde zu uns kommen, so erhalten sie alles, was sie 
brauchen, ohne daB sie uns etwas dafur zu geben haben; suchen aber wir sie auf. so miissen wir nicht nur 
alles bezahlen, sondern doppelt so viel geben, als weiBe Wanderer geben wurden. Und selbst dann 
bekommen wir alles schlechter als diese. Nscho-tschi wird also auch bezahlen mtissen.« 

»Das ist leider wahr, braucht euch aber nicht zu kummern. Infolge deines edelmiltigen Anerbietens 
bekomme ich viel Geld ausgezahlt, und ihr werdet dann meine Gaste sein.« 

»Uff, uff! Was denkt mein junger, weiBer Bruder von Intschu tschuna und Winnetou, den Hauptlingen der 
Apachen! Ich habe dir vorhin doch gesagt, daB die roten Manner viele Orte kennen, an denen Gold zu 
finden ist. Es gibt Berge, welche mit goldenen Adern durchzogen sind, und Taler, in denen der 
herabgewaschene Goldstaub unter der dilnnen Erddecke liegt. Wenn wir nach den Stadten der WeiBen 
gehen, haben wir zwar kein Geld, aber Gold, soviel Gold, daB niemand uns auch nur einen Schluck 
Wassers zu schenken braucht. Und wenn Nscho-tschi mehrere Sonnen (* Jahre.) lang dort bleiben muBte, 
so wurde ich ihr mehr Gold zuriicklassen, als sie fur diese lange Zeit notig hat. Nur die Ungastlichkeit der 
Bleichgesichter zwingt uns, die Fundorte des goldenen Staubes aufzusuchen, sonst aber beachten und 
beniltzen wir sie nie. Warm wird mein junger Bruder zum Aufbruche fertig sein?« 

»Zu jeder Zeit, sobald es euch beliebt.« 

»So wollen wir nicht zogern, denn es ist die Zeit des spaten Herbstes, auf welchen schnell der Winter folgt. 
Ein roter Krieger braucht selbst fur einen so weiten Ritt keine Vorkehrungen zu treffen; wir konnten also 
schon morgen aufbrechen, falls auch du dazu bereit w at est « 

»Ich bin bereit. Es ist nichts notig, als kurz zu sagen was wir mitzunehmen liaben. wie viele Pferde und - - 



»Das wird Winnetou besorgen,« unterbrach er mich. »Er hat schon an alles gedacht, und mein junger, 
weiBer Bruder braucht sich um nichts zu sorgen.« 

Wir verlieBen das Stockwerk, in welchem wir uns befanden, und kehrten nach oben zurilck. Als ich in 
meine Wohnung treten wollte. kam Sam Hawkens heraus. 

»Ich habe Euch etwas Neues mitzuteilen, Sir,« sagte er freudestrahlend. »Werdet Euch wundern, 



auBerordenthch wundern. wenn ich mich nicht irre.« 

»Worilber?« 

»Ueber die Naclinclit welche ich Euch bringe. Oder wiBt Ihr es vielleicht schon?« 

»LaBt erst horen, was Ihr meint, lieber Sam!« 

»Es geht fort, fort von trier !« 

»Ach so! Das weiB ich freilich schon.« 

»Ihr wiBt es schon? Wollte Euch mit meiner Mitteilung eine Freude machen; komme also zu spat.« 

»Ich habe es soeben von Intschu tschuna erfahren. Wer hat es Euch gesagt?« 

»Winnetou. Traf ihn unten am Wasser, wo er die betreffenden Pferde auswahlte. Sogar Nscho-tschi reitet 
mit! WiBt Ihr das auch?« 

»Ja.« 

»Ist ein sonderbarer Gedanke, mir aber sehr recht. Soil, wie es scheint, im Osten in einem Pensionate 
untergebracht werden; weshalb und wozu, das ist mir unbegreiflich, wenn nicht « 

Er hielt mitten im Satze inne, lieB seine kleinen Aeuglein mit einem vielsagenden Ausdrucke an mir 
niedergleiten und fuhr dann fort: 

»Wenn nicht - - wenn nicht - - hm! Nscho-tschi soil vielleicht Eure Kliuna-ai werden. Meint Ihr nicht, 
geliebter Sir und Shatterhand?« 

»Meine Kliuna-ai, also mein Mond? Solche Geschichten ilberlasse ich Euch, Sam. Was ntltzt mir ein 
Mond, der immerfort abnimmt, bis er ganz verschwindet'.' Es kann mir nicht einfallen, einer Indianerin 
wegen meine Perticke zu verlieren.« 

»Eure Perucke? Hort, das habt Ihr schlecht gemacht. Das war ein sehr fauler Witz, auf den Ihr Euch nichts 
einbilden durft. Ist ilberdies sehr gut, daB meine Liebe zu diesem abnehmenden Monde eine so 
ungliickliche war « 



»Weil ich ihn doch nicht hier lassen konnte, sondern mitnehmen milBte. Wer aber reitet gern mit einem 
Neumonde 

tiber die Prairie! Hihihihi! Ist doch bei jedem Unglilck auch ein Glilck! Es argert mich nur eins dabei! « 

»Was?« 

»Das schone Grizzlyfell. Hatte ich es selbst verarbeitet, so wilrde ich jetzt in einem famosen Jagdrocke 
stecken; so aber ist der Rock und auch das Fell dahin.« 

»Leider! Hoffentlich gibt es spater einmal Gelegenheit, wieder einen Grizzly zu erlegen. Dann schenke ich 



Euch die Haut.« 

»Ihr mir? Oder wohl ich Euch? Ihr dilrft nicht denken, daB die grauen Baren nur so herumlaufen, urn sich 
von dem ersten besten Greenhorn niederstechen zu lassen. Das war damals ein Zufall, auf den Ihr Euch 
noch viel weniger einzubilden braucht, als auf Euern Witz vorhin. Wollen uns ilberhaupt keine Baren 
wiinschen, wenigstens nicht in n ii h ;ti i nt wo wir zu arbeiten haben. 1st doch ein kolossaler Gedanke, 
daB Ihr weitermessen sollt! Nicht?« 

»Edelmutig, Sam, sehr edelmiltig!« 

»Yes\ Dadurch kommt Ihr zu Euerm Gelde, und wir erhalten das unserige auch. Vielleicht - - 
thimdentornil Wollte es Euch gonnen, wenn ichjetzt richtig geratenhatte!« 

»Was habt Ihr geraten?« 

»DaB Ihr das ganze Geld bekommt - das ganze!« 

»Ich verstehe Euch nicht. « 

»Ist aber ganz leicht zu verstehen. Wenn die Arbeit gemacht ist, muB sie auch bezahlt werden. Die Andern 
sind ausgeloscht worden; sie leben nicht mehr, also milssen ihre Anteile Euch mit ausbezahlt werden.« 

»Das bildet Euch nicht ein, Sam. Man wird sich sehr hilten, das, was Ihr so klug erraten habt, in Erfullung 
gehen zu lassen. « 

»Ist alles moglich, alles! MilBt es nur richtig anfangen; milBt das Ganze verlangen. Habt ja auch fast die 
ganze Arbeit getan. Wollt Ihr?« 

»Nein. Es fallt mir naturlich nicht ein, mich dadurch lacherlich zu machen, daB ich mehr verlange, als ich 
zu bekommen habe.« 

»Greenhorn, wieder Greenhorn! Ich sage Euch, daB hier in diesem Lande Eure deutsche Bescheidenheit 
ganz am unrechten Platze ist. Ich meine es gut mit Euch; darum hort auf das, was ich Euch sage: Den 
Gedanken, ein Westmann zu werden, den laBt ja fallen; denn so etwas wird im ganzen Leben nicht aus 
Euch; dazu habt Ihr nicht das mindeste Geschick. Ihr milBt also an eine andere Laufbahn denken, und dazu 
gehort zunachst Geld und dann wieder Geld. Jetzt konnt Ihr, wenn Ihr gescheit seid, es zu einer hilbschen 
Summe bringen, und dann ist Euch fur einige Zeit hinaus geholfen. Folgt Ihr aber meinem Rate nicht, so 
schwimmt Euer Stock verkehrt den FluB hinab (* Trapperausdruck fur: schlechten Erfolg haben.), und Ihr 
geht zugrunde wie ein Fisch, der auf das Land gerat.« 

»Wollen das abwarten. Ich bin nicht ilber den Mississippi gegangen, um ein Westmann zu werden, also 
habe ich, wenn keiner aus mir wird, nicht etwa eine verlorene Hoffnung zu beklagen. In diesem Falle waret 
nur Ihr zu bedauern.« 

»Ich? Warum ich?« 

»Weil Ihr Euch so viel Muhe gegeben habt, etwas aus mir zu machen. Ich hore schon im voraus die Leute 
zu mir sagen, daB ich einen Lehrmeister gehabt haben muB, der nichts versteht.« 

»Nichts versteht? Ich? Sam Hawkens und nichts verstehen. hihiluhi! Ich verstehe alles, alles; ich verstehe 
es sogar, Euch hier stehen zu lassen, Sir! « 



Er ging, drehte sich aber nach einigen Schritten wieder urn und sagte: 

»Merkt Euch aber das: Wenn Ihr nicht das ganze Geld verlangt, so verlange ich es und stecke es Euch dann 
indie Tasche! Howgh!« 

Nach diesen Worten entfernte er sich mit Schritten, welche gravitatisch sein sollten, aber grad das 
Gegenteil davon waren. Das liebe Kerlchen wtinschte mir alles Gute, also auch das ganze Honorar, woran 
aber gar nicht zu denken war 

Das, was Intschu tschuna gesagt hatte. bewahrte sich: ein roter Krieger bedarf selbst zur weitesten Reise 
keiner groBen Vorkehrungen. Das Leben im Pueblo nahm auch heut seinen gewohnlichen, ruhigen Verlauf, 
ohne daB irgend etwas auf unsere baldige Abreise schlieBen lieB. Auch Nscho-tschi, welche uns, wie stets 
vorher, beim Essen bediente, war so wie immer. Welche Aufregung und Vorarbeit gibt es bei einer weiBen 
Dame, die einen kleinen Ausflug machen will! Diese Indianerin hatte einen weiten und gefahrlichen Ritt 
vor sich, um die vielgeruhmten Herrlichkeiten der Zivilisation kennen zu lernen, und doch war nicht die 
leiseste Spur einer Veranderung an ihr zu bemerken. Ich wurde weder nach etwas gefragt noch sonst zu 
Rate gezogen oder gar belastigt. Das einzige, was ich vorzunehmen hatte, war die Verpackung der 
Instrumente, zu welchem Zwecke ich von Winnetou eine Anzahl weicher, wollener Decken bekam. Wir 
saBen, wie gewdhnlich, wahrend des ganzen Abends beisammen, ohne daB ein Wort ilber den 
beabsichtigten Ritt gesprochen wurde, und als ich mich schlafen legte, war es mir gar nicht so, als ob ich 
vor einer so weiten Reise stilnde. Die Ruhe und Kaltblutigkeit der Indianer hatte mich angesteckt. Am 
Morgen erwachte ich nicht von selbst, sondern ich wurde von Hawkens geweckt, weicher mir sagte, daB 
alles zum Aufbruche bereit sei. Der Tag war kaum angebrochen, ein spater Herbstmorgen, dessen Kilhle 
allerdings bewies, daB es Zeit gewesen war, die Reise nicht langer aufzuschieben. 

Es gab ein kurzes Friihstuck, und dann begleiteten uns samtliche Bewohner des Pueblo, "Kind und Kegel", 
wie man sich auszudrticken pflegt, hinab nach dem Flusse, wo eine Zeremonie vorgenommen werden 
sollte, die ich noch nicht gesehen hatte: der Medizinmann hatte zu erklaren, ob die Reise eine gltickliche 
oder ungltickliche sein werde. 

Zu dieser Feierlichkeit waren auch die in der Nahe des Pueblo sich aufhaltenden Apachen 
herbeigekommen. Unser groBer Ochsenwagen stand noch da; er konnte von uns natilrlich nicht 
mitgenommen werden, weil er zu schwerfalhg war und die Schnelligkeit. welche wir uns vorgenommen 
hatten, beeintrachtigt hatte. Er bildete das Sanktuarium des Medizinmannes, weicher ihn mit Decken 
verhangen hatte, hinter denen er steckte. 

Es wurde ein weiter Kreis um den Wagen gebildet. Als dieser geschlossen war, begann die fur die Roten 
"heilige Handlung", welche ich aber im Stillen mit dem Ausdrucke "Vorstellung" bezeichnete, mit einem 
aus dem Wagen tonenden Knurren und Pfauchen, als ob mehrere Hunde und Katzen im Begriffe standen, 
einen Kampf zu beginnen. 

Ich stand zwischen Winnetou und seiner Schwester. Die groBe Aehnlichkeit, welche zwischen den 
Geschwistern herrschte, trat heut ganz besonders hervor, weil Nscho-tschi nicht ein Frauengewand trug, 
sondern Mannerkleider angelegt hatte. Ihr Anzug glich genau demjenigen ihres Bruders, weicher schon 
beschrieben worden ist. Auch sie hatte keine Kopfbedeckung und ihr Haar in einen solchen Schopf 
geordnet, wie er das seinige. An ihrem Gilrtel hingen mehrere Beutel mit verschiedenem Inhalte; in 
demselben steckten ein Messer und eine Pistole, und ilber ihrem Rticken hing ein Gewehr. Ihr Anzug war 
neu und mit bunten Fransen und Stickereien verziert. Sie sah sehr kriegerisch und dabei doch so 
madchenhaft und reizend aus, daB aller Blicke auf sie gerichtet waren. Da ich den Anzug trug, welchen ich 
geschenkt bekommen hatte, so waren wir drei beinahe gleich gekleidet. 

Ich mochte, als das Pfauchen sich horen lieB, ein nicht grad feierliches Gesicht machen, denn Winnetou 
sagte: 



»Mein Bruder kennt diesen unsern Gebrauch noch nicht; er wird im Stillen ilber uns lachen.« 

»Mir ist kein religioser Gebrauch, und wenn ich ihn noch so wenig verstehen und begreifen kann, 
lacherlich,« antwortete ich. 

»Das ist das richtige Wort: religios. Was du hier sehen und horen wirst, ist keine heidnische Mummerei, 
sondern jede Bewegung und jeder Laut des Medizinmannes hat eine Bedeutung. Das, was du jetzt 
vernimmst, sind die gegen einander streitenden Stimmen des guten und des bosen Geschickes « 

In dieser Weise erklarte er mir auch den fernern Verlauf des Medizintanzes. 

Auf das Pfauchen folgte ein immer wiederkehrendes Geheul, welches mit sanfteren Tonen abwechselte. 
Das Geheul ertonte in den Augenblicken, wenn der in die Zukunft forschende Medizinmann bose 
Anzeichen wahrnahm, und die zarteren Laute dann, wenn er Gutes voraussah. Als dies langere Zeit 
gedauert hatte, kam er plotzlich aus dem Wagen gesprungen und rannte wie ein Wiltender und brullend im 
Kreise herum. Nach und nach verlangsamten sich seine Schritte; das Brilllen horte auf; die so gut 
"gemimte" Angst, welche ihn herumgetrieben hatte, legte sich, und er begann einen langsamen, grotesken 
Tanz, welcher um so seltsamer war, als er sich das Gesicht mit einer schrecklich aussehenden Maske 
bedeckt und den Korper mit allerlei 

[Illustration Nr. 17: Der Tanz des Medizinmannes] wunderlichen, teils auch ungeheuerlichen Gegenstanden 
behangen hatte. Diesen Tanz begleitete er mit einem eintonigen Gesange. Beide, Gesang und Tanz, waren 
erst bewegter, wurden nach und nach immer ruhiger, bis sie aufhorten und der Medizinmann sich 
niedersetzte, um, den Kopf zwischen die Knie niederbeugend, eine ganze lange Weile laut- und 
bewegungslos zu verharren, bis er plotzlich aufsprang und das Resultat seiner Seherschaft in den laut 
gerufenen Worten verkilndete: 

»Hort, hort, ihr Sonne und Tochter der Apachen! Das ist es, was Manitou, der groBe, gute Geist, mich 
erforschen lieB. Intschu tschuna und Winnetou, die Hauptlinge der Apachen, und Old Shatterhand, der 
unser weiBer Hauptling ist, reiten mit ihren roten und weiBen Kriegern fort, um Nscho-tschi, die junge 
Tochter unseres Stammes, nach den Wohnplatzen der Bleichgesichter zu begleiten. Der gute Manitou ist 
bereit, sie zu beschiitzen. Sie werden einige Abenteuer erleben, ohne Schaden davon zu haben, und 
glticklich zu uns zurilckkehren. Auch Nscho-tschi, welche langere Zeit bei den Bleichgesichtern bleibt, 
kommt glticklich wieder, und nur einer von ihnen ist es, den wir nicht wiedersehen werden. « 

Er hielt inne und senkte den Kopf tief herab, um seiner Trauer tlber diese letztere Tatsache Ausdruck zu 
geben. 

»Uff, uff, uff!« riefen die Roten neugierig und bedauernd aus; aber keiner wagte es, zu fragen, wen er 
meine. 

Da der Medizinmann langere Zeit in seiner gebtlckten Haltung und seinem Schweigen verharrte, so ging 
meinem kleinen Sam Haw kens die Gedukl aus. und er fragte: 

»Wer ist es denn, der nicht zuriickkehren wird? Der Mann der Medizin mag es doch sagen!« 

Der Angerufene machte eine verweisende Armbewegung, wartete nun grad noch lange Zeit, erhob dann 
seinen Kopf, richtete die Augen auf mich und rief : 

»Es ware besser, wenn nicht nach ihm gefragt worden ware. Ich wollte ihn nicht nennen; nun aber hat Sam 
Hawkens, das neugierige Bleichgesicht, mich gezwungen, es zu sagen. Old Shatterhand ist es, der nicht 
wiederkommen wird. Der Tod trifft ihn in kurzer Zeit. Die, denen ich eine gltlckliche Heimkehr verkilndet 
habe, mogen sich vor seiner Nahe htlten, wenn sie nicht ihr Leben mit dem seinen lassen wollen! Sie 



befinden sich bei ihm in Gefahr, von ihm entfernt aber stets in Sicherheit. Das sagt der groBe Geist - 
Howgh! « 

Nach diesen Worten kehrte er in den Wagen zurilck. Die Roten lieBen, scheue Blicke auf mich richtend, 
Ausdrilcke des 

Bedauerns horen. Ich gait ihnen von jetzt an als ein verfemter Mann, den man zu meiden hatte. 

»Was ist diesem Kerl derm eingefallen?« meinte Sam zu mir. »Ihr sollt sterben? Fallt aufler diesem 
Schafskopf keinem andern Menschen ein! Diese Idee ist naturlich semem schwindsuchtigen Gehirn 
entsprungen. Wie mag er doch auf sie gekommen sein?<< 

»Fragt lieber, welche Absicht er dabei verfolgt! Er will mir nicht wohl. Kein indianischer Medizinmann 
wird der Freund eines Christen sein; dieser hier hat niemals ein Wort an mich gerichtet, und ich habe ihn 
naturlich mit gleicher Miinze bezahlt; er war Luft fur mich. Er furchtet meinen Einflufl auf die Hauptlinge, 
welcher sich bald auf den ganzen Stamm erstrecken kann, und hat nunmehr die passende Gelegenheit 
ergriffen, dem zuvorzukommen.« 

»Soll ich hingehen und ihm einige Ohrfeigen in das rote Gesicht pflanzen, Sir?« 

»Macht keine Dummheit, Sam! Die Sache ist ja der Aufregung gar nicht wert.« 

Intschu tschuna, Winnetou und Nscho-tschi hatten, als sie die Weissagung des Medizinmannes horten, 
einander betroffen angeschaut. Ob sie an die Wahrheit der Prophezeiung glaubten oder nicht, das blieb sich 
gleich; aber sie kannten die Wirkung derselben auf ihre Untergebenen. Es sollten dreiBig Mann mit uns 
reiten; wenn diese glaubten, daB meine Nahe Verderben bringe, so waren Unzutraglichkeiten aller Art gar 
nicht zu vermeiden. Dem konnte, da der Ausspruch des Medizinmannes nicht abzuandern war, nur dadurch 
vorgebeugt werden, daB die Anfuhrer gegen mich dieselben blieben wie vorher und dies ihren Leuten 
sogleich zeigten. Darum ergriffen sie beide meine Hande und Intschu tschuna sagte so laut, daB alle es 
horten: 

»Meine roten Brtider und Schwestern mogen meine Worte vernehmen! Unser Medizinbruder besitzt den 
Blick, in die Geheimnisse der Zukunft zu dringen, und sehr oft ist das, was er vorherverkilndet hat, 
eingetroffen; aber wir haben auch erfahren, daB er sich irren kann. Er hat in der Zeit groBer Dilrre den 
Regen herbeigezogen, der aber nicht gekommen ist. Vor dem letzten Zuge gegen die Komanchen 
verktindete er uns, daB wir groBe Beute machen wilrden, doch der Sieg, den wir errangen, hat uns nur 
einige alte Pferde und drei schlechte Gewehre eingebracht. Als er uns im vorletzten Herbste sagte, daB wir 
nach dem Wasser des Tugah gehen mtiBten, wenn wir viel Buffel erlegen wollten, haben wir nach seinen 
Worten getan, jedoch wir machten so wenig Fleisch, daB dann im Winter beinahe eine Hungersnot 
ausbrach. Ich konnte euch noch mehrere solche Beispiele anfuhren, welche beweisen, daB sein Auge 
zuweilen dunkel ist. Darum ist es sehr wohl moglich, daB er sich auch jetzt mit unserm Bruder Old 
Shatterhand int. Ich nehme seine Worte so, als ob sie nicht gesprochen worden seien, und fordere meine 
Bruder und Schwestern auf, dies auch zu tun. Wir wollen abwarten, ob sie zutreffen.« 

Da trat mein kleiner Sam Hawkens vor und rief: 

»Nein, wir warten nicht; wir brauchen nicht zu warten, derm es gibt ein Mittel, sofort zu erfahren, ob der 
Medizinmann die Wahrheit verktindet hat.« 

» Welches Mittel meint mein weiBer Bruder?« erkundigte sich der Hauptling. 

»Ich will es euch sagen. Nicht nur die Roten, sondern auch die WeiBen haben ihre Medizinmanner, welche 
es verstehen, die Zukunft zu erforschen, und ich, Sam Hav\ kens bin der beruhmteste unter ihnen. « 



»1 Jff uff!« riefen die Apachen erstaunt. 

»Ja, da wundert ihr euch! Ihr habt mich bisher fur einen gewohnlichen Westmann gehalten, weil ihr mich 
noch nicht kennt; aber ich kann mehr als Kirschen essen, und ihr sollt mich kennen lernen, hihihihi! Einige 
von den roten Kriegern mogen ihre Tomahawks nehmen und ein enges, aber tiefes Loch in die Erde 

» Will mein weiBer Bruder in das Innere der Erde blicken?« fragte Intschu tschuna. 

»Ja, denn die Zukunft liegt im SchoBe der Erde verborgen, zuweilen auch in den Sternen; da ich jedoch 
jetzt am hellen Tage keine Sterne sehe, die ich befragen konnte, muB ich mich an die Erde wenden.« 

Einige Indianer folgten seiner Aufforderung, indem sie mit ihren Kriegsbeilen ein Loch machten. 

»Treibt keinen Humbug Sam,« fliisterte ich ihm zu. »Wenn die Roten merken, daB Ihr Unsinn macht, so 
verschlimmert Ihr die Sache, anstatt daB Ihr sie verbessert!« 

»Humbug? Unsinn? Was ist es denn, was der Medizinmann treibt? Doch auch Unsinn! Was der kann und 
darf, das kann und darf ich auch, wenn ich mich nicht irre, verehrter Sir. Ich weiB, was ich tue. Wenn nichts 
geschieht, so zeigen sich die Leute, welche wir mitnehmen, obstinat. Darauf konnt Ihr Euch verlassen.« 

»Davon bin ich allerdings auch ilberzeugt; aber ich bitte Euch, ja nichts Lacherliches vorzunehmen! « 

»0, es ist ernst, sehr ernst. Habt keine Sorge!« 

Es war mir trotz dieser seiner Aufforderung nicht ganz wohl zu Mute. Ich kannte ihn nur zu gut. Er war ein 
SpaBvogel. Darum hatte ich ihn gern noch weiter gewarnt, aber er lieB mich stehen und ging zu den 
Indianern, um ihnen zu sagen, wie tief das Loch zu machen sei. 

Als es fertig war, trieb er sie fort und zog seinen alten, ledernen Jagdrock aus. Nachdem er ihn wieder 
zugeknopft hatte und auf die Erde setzte, stand das alte Kleidungsstuck so steif, als ware es aus Blech oder 
Holz gemacht. Er stellte den Rock, welcher einen hohlen Zylinder bildete, auf das Loch, gab sich ein 
wichtiges Aussehen und rief: 

»Die Manner, Frauen und Kinder der Apachen werden sehen, was ich tue und erfahre, und darilber staunen. 
Die Erde wird mir, wenn ich meine Zauberworte gesprochen habe, ihren SchoB offnen, so daB ich alles 
sehe, was in nachster Zeit mit uns geschehen wird.« 

Hierauf entfernte er sich em kleines Stuck von dem Loche und ging dann langsam und mit feierlichen 
Schritten um dasselbe herum, wobei er zu meinem Entsetzen das kleine Einmaleins von der Eins bis mit 
der Neun hersagte. Glticklicherweise tat er dies so schnell, daB die Roten wohl gar nicht merkten, was er 
sprach. Als er mit der Neun zu Ende war, wurden seine Schritte immer schneller, bis er im Galopp um den 
Rock sprang, wobei er ein lautes Geheul horen lieB und seine Arme wie Windmuhlenflugel bewegte. Als er 
sich auBer Atem gelaufen und gebrilllt hatte, trat er zu seinem Rocke hin, machte mehrere tiefe 
Verbeugungen und steckte den Kopf oben hinein, um durch den Jagdrock hinab ins Loch zu sehen. 

Mir war um den Erfolg dieser Kinderei bange. Ich blickte mich im Kreise um und bemerkte zu meiner 
Beruhigung, daB die Roten alle mit groBem Ernste bei der Sache waren. Auch die Gesichter der beiden 
Hauptlinge verrieten keine MiBbilligung; ich war aber ilberzeugt, daB Intschu tschuna recht wohl ^TiBte. 
daB Sams Treiben bloBe Spiegelfechterei war. 

Sein Kopf steckte wohl funf Minuten lang in der Kragenoffnung seines Rockes. Wahrend dieser Zeit 
bewegte er zuweilen seine Arme in einer Weise, welche andeuten sollte, daB er ganz Wichtiges und 



Wunderbares vor den Augen habe. Endlich zog er den Kopf heraus. Seine Miene war im hochsten Grade 
ernst. Er knopfte den Rock wieder auf, zog inn an und gebot: 

»Meine roten Briider mogen das Loch zumachen, denn so lange es often stent, darf ich nichts sagen! « 

Als diese Aufforderung befolgt worden war, holte er tief Atem, als ob er sich sehr angegriffen filhle, und 
rief dann: 

»Euer roter Medizinbruder hat falsch gesehen, denn es wird grad das Gegenteil von dem geschehen, was er 
sagte. Ich habe alles erfahren, was uns die nachsten Wochen bringen; aber es ist mir verboten, es 
mitzuteilen. Nur einiges darf ich berichten. Ich habe Gewehre in dem Loche gesehen und Schilsse gehort; 
wir werden also Kampfe zu bestehen haben. Der letzte SchuB kam aus dem Barentoter Old Shatterhands. 
Wer den letzten SchuB hat, kann doch nicht gefallen und gestorben, sondern er muB Sieger sein. Meinen 
roten Brildern droht Unheil. Sie konnen demselben nur dadurch entgehen, daB sie sich in der Nahe Old 
Shatterhands halten. Wenn sie aber das tun, was der Medizinmann von ihnen forderte, so gehen sie 
zugrunde. Ich habe gesprochen. Howgh!« 

Die Wirkung dieser Weissagung war, wenigstens in diesem Augenblicke, diejenige, welche Sam 
beabsichtigt hatte. Die Roten glaubten ihm, das sah man ihnen an. Sie blickten erwartungsvoll nach dem 
Wagen. Sie glaubten wohl, daB der Medizinmann aus demselben kommen werde, um sich zu verteidigen. 
Er lieB sich aber nicht sehen, und so nahmen sie an, daB er sich besiegt filhle. Sam Hawkens kam auf mich 
zu, funkelte mich mit seinen kleinen Aeuglein listig an und fragte: 

»Nun, Sir, wie habe ich meine Sache gemacht'« 

»Wie ein echter, richtiger Schwindelmeier.« 

»Well\ Also gut? Nicht?« 

» Ja. Wenigstens hat es den Anschein, als ob Ihr Euern Zweck erreicht hattet.« 

»Habe ihn vollstandig erreicht. Der Medizinmann ist geschlagen; er laBt sich nicht sehen und nicht horen.« 

Winnetou lieB seine Augen mit einem stillen und doch vielsagenden Blicke auf uns ruhen. Sein Vater war 
weniger schweigsam; er trat zu uns und sagte zu Sam: 

»Mein weiBer Bruder ist ein kluger Mann; er hat den Worten unsers Medizinmannes die Kraft genommen, 
und er besitzt einen Rock m welchem wichtige Weissagungen stecken. Dieser kostbare Rock wird beruhmt 
werden von einem groBen Wasser bis zum andern. Aber Sam Hawkens ist mit seiner Vorherverkiindigung 
zu weit gegangen.« 

»Zu weit? Wieso?« erkundigte sich der Kleine. 

»Es hatte genilgt, zu sagen, daB Old Shatterhand uns keinen Schaden bringe. Warum hat Sam Hawkens 
hinzugefugt, daB uns Schlimmes bevorstehe?« 

» Weil ich es im Loche gesehen habe.« 

Da machte Intschu tschuna eine abwehrende Handbewegung und erklarte: 

»Der Hauptling der Apachen weiB, woran er ist; das mag Sam Hawkens glauben. Es war nicht notig, von 
schlimmen Dingen zu sprechen und unsere Leute mit Besorgnis zu erfullen.« 



»Mit Besorgnis? Die Krieger der Apachen sind doch tapfere Manner, die sich nicht furchten werden.« 

»Sie furchten sich nicht. das werden sie beweisen, falls unser Ritt, der ein friedlicher sein soil, uns mit 
Feinden zusammenfuhren sollte. Wir wollen ihn nun beginnen.« 

Die Pferde wurden gebracht. Es war eine ziemliche Zahl von Packtieren dabei, von denen einige meine 
Instrumente zu tragen hatten; die ilbrigen waren mit Proviant und andern Notwendigkeiten beladen. 

Es herrscht bei den Indianern der Brauch, daB die fortziehenden Krieger von den zurtickbleibenden eine 
Strecke weit begleitet werden. Dies geschah heut nicht, weil Intschu tschuna es nicht gewollt hatte. Die 
dreiBig Roten, welche mit uns ritten, nahmen nicht einmal von ihren Frauen und Kindern Abschied. Sie 
hatten dies wohl schon vorher getan, derm es offentlich zu tun, erlaubte ihre Kriegerwurde nicht. 

Einen Einzigen gab es, welcher mit Worten Abschied nahm, namlich Sam Hawkens. Er sah Kliuna-ai unter 
den Frauen stehen, lenkte, als er bereits im Sattel saB, sein Maultier zu ihr hin und fragte: 

»Hat "Mond" gehort, was ich im Loche der Erde gesehen habe?« 

»Du hast es gesagt, und ich horte es,« antwortete sie. 

»Ich hatte noch mehr, noch viel mehr sagen konnen, zum Beispiele auch von dir.« 

» Von mir? Habe ich auch mit im Loche gesteckt?« 

»Ja. Ich sah deine ganze Zukunft vor mir liegen. Soil ich sie dir mitteilen?« 

»Ja, tue das!« bat sie schnell und eifrig. »Was wird mir die Zukunft bringen?« 

»Sie wird dir nicht etwas bringen, sondern etwas rauben, etwas, was dir sehr wert und teuer ist.« 

»Was ist das?« erkundigte sie sich angstlich 

»Dein Haar. Du wirst es in einigen Monden verlieren und einen furchterlichen Kahlkopf bekommen, grad 
so wie der Mond, der ja auch keine Haare hat. Dann werde ich dir meine Perucke schicken. Leb wohl, du 
trauriger Mondschein, du!« 

Er trieb lachend sein Maultier von dannen, und sie wendete sich ab, sehr beschamt darilber, daB sie sich 
durch ihre Neugierde hatte auf das Eis fuhren lassen. 

Die Ordnung, in welcher wir ritten, machte sich ganz von selbst. Intschu tschuna und Winnetou mit seiner 
Schwester und ich waren an der Spitze; dann folgten Hawkens, Parker und Stone, und hinter ihnen kamen 
die dreiBig Apachen, welche miteinander alwechselten, die Packpferde zu leiten. 

Nscho-tschi saB rittlings, also nach Mannerart, auf ihrem Pferde. Sie war, wie ich schon wuBte und es sich 
auch im Verlaufe unserer Reise zeigte, eine ausgezeichnete und auch ausdauernde Reiterin. Ebenso gut 
wuBte sie ihre Waffen zu handhaben. Wer uns begegnet ware, ohne sie zu kennen, hatte sie fur einen 
jilngeren Bruder Winnetous halten mtissen; einem scharferen Auge aber konnte die frauenhafte Weichheit 
ihrer Gesichtszilge und Korperformen nicht entgehen. Sie war schon wirklicb schon, selbst trotz ihres 
mannlichen Anzuges und ihrer mannlichen Art, zu reiten, schon! 

Die ersten Tage unserer Reise verliefen ohne irgend ein Ereignis, welches erwahnt zu werden verdiente. 
Wie bekannt, hatten die Apachen fiinf Tage gebraucht, um von dem Orte des Ueberfalles nach dem Pueblo 



am Rio Pecos zu kommen. Der Transport der Gefangenen und Verwundeten hatte diesen Ritt verlangsamt. 
Wir erreichten schon nach drei Tagen die Stelle, an welcher Klekih-petra von Rattler ermordet worden war. 
Dort wurde Halt und Nachtlager gemacht. Die Apachen trugen Steine zu einem einfachen Denkmale 
zusammen. Winnetou war an dieser Statte noch ernster als gewohnlich gestimmt. Ich erzahlte ihm, seinem 
Vater und seiner Schwester, was Klekih-petra mir ilber sein fruheres Leben mitgeteilt hatte. 

Am nachsten Morgen ging es weiter, bis in die Gegend, wo unsere MeBarbeit so plotzlich durch den 
Ueberfall unterbrochen worden war. Die Pfahle steckten noch, und ich konnte sofort beginnen, tat dies aber 
nicht, weil es zunachst noch Notwendigeres zu tun gab. 

Es war namlich den Apachen damals nach dem Kampfe nicht eingefallen, die toten WeiBen und Kiowas zu 
begraben, sondern sie hatten die Leichen liegen lassen, wie sie lagen. Was von ihnen unterlassen worden 
war, hatten die Geier und andere Raubtiere ubernommen, doch freilich in anderer Weise. Die Knochen 
lagen umher, oft vollig abgenagt, oft auch mit faulenden Fleischresten behangen; es war eine schaurige 
Arbeit fur mich, Sam, Dick und Will, diese Ueberreste zu sammeln und in ein gemeinschaftliches Grab zu 
legen. Die Apachen beteiligten sich naturlich nicht dabei. 

Dariiber verging der Tag, und ich fing erst am nachsten Morgen meine Arbeit an. Abgesehen von den 
Kriegern, welche mir die notigen Handreichungen taten, half mir besonders Winnetou dabei, und seine 
Schwester kam kaum von meiner Seite. 

Es war ein ganz anderes Schaffen als damals, wo ich es mit so unsympathischen Menschen zu tun gehabt 
hatte. Die Roten, welche ich nicht beschaftigte, streiften in der Gegend herum und brachten dann abends 
manche Jagdbeute mit. 

Es laBt sich denken, daB ich die Arbeit sehr rasch forderte. Ich erreichte trotz der Schwierigkeit des 
Terrains den AnschluB an die nachste Sektion schon nach drei Tagen und bedurfte nur noch eines vierten 
Tages, um die Zeichnungen und Notizen zu vervollstandigen Dann war ich fertig und das war gut, denn 
der Winter rilckte schnell heran; die Nachte waren schon empfindlich kalt, so daB wir die Feuer bis zum 
Morgen nicht ausgehen lieBen. 

Wenn ich gesagt habe, daB die Apachen mir behilflich waren, so kann ich doch leider nicht behaupten, daB 
sie dies gern getan hatten. Sie gehorchten dabei den Befehlen ihrer Hauptlinge; ohne dieselben hatten sie 
mich wohl schwerlich unterstiltzt. Man sah es jedem, den ich beschaftigte, an, daB er sich freute, wenn 
seine Handreichungen nicht mehr gebraucht wurden. Und wenn wir dann am Abende beisammen saBen, so 
lagerten die dreiBig Indsmen stets entfernter von uns, als notig war und ihnen die Achtung vor ihren 
Hauptlingen gebot. Diese letzteren bemerkten dies sehr wohl, schwiegen aber dariiber. Sam beobachtete es 
auch und meinte zu mir: 

»Wollen gar nicht so recht ans Zeug, diese Roten. Es ist und bleibt doch immer wahr: der Rote ist ein 
tuchtiger Jager und tapferer Krieger, sonst aber ein Faulpelz. Die Arbeit schmeckt ihm nicht.« 

»Das, was sie fur mich tun, strengt nicht im mindesten an und ist gar keine Arbeit zu nennen. Ihr 
Widerwille hat wohl einen andern Grand. « 

»So? Welchen denn?« 

»Sie scheinen an die Prophezeiung ihres Medizinmannes zu denken und derselben mehr zu glauben als der 
Eurigen, lieber Sam.« 

»Mag sein, ware aber dumm von ihnen.« 

»Und sodann ist ihnen meine Arbeit doch jedenfalls ein Greuel. Die hiesige Gegend gehort ihnen, und ich 



e fur andere Leute, fur ihre Feinde. Daran milBt Ihr auch denken, Sam.« 

»Aber ihre Haupthnge wollen es doch so!« 

»Allerdings. Das setzt aber nicht voraus oder vielmehr hat nicht zur Folge, daB sie auch damit 
einverstanden sind. Sie sind im Stillen dagegen. Und wenn ich sie beobachte, wie sie beisammen sitzen und 
leise miteinander sprechen, so sehe ich es ihren Mienen an, daB sie von mir reden, und zwar nichts, 
woruber ich mich freuen wiirde, wenn ich es horte.« 

»Kommt mir auch so vor. Kann uns aber sehr gleichgilltig sein. Was sie denken und reden, kann uns nichts 
schaden. Wir haben es mit Intschu tschuna, Winnetou und Nscho-tschi zu tun, und ilber diese Drei konnen 
wir doch wohl nicht klagen « 

Da hatte er recht. Winnetou und sein Vater waren mir in Allem behilflich und von einer wahrhaft 
bruderlichen Zuvorkommenheit, und die Indianerin sah mir gar jeden Wunsch an den Augen ab. Es war, als 
ob sie jeden meiner Gedanken erraten konne. Sie tat immer nur, was ich wollte, ohne daB ich es 
auszusprechen brauchte, und das erstreckte sich auf Dinge und Kleinigkeiten, die kein Mensch sonst zu 
beachten pflegt. Ich wurde ihr mit jedem Tage mehr zur Dankbarkeit verpflichtet. Sie war eine scharfe 
Beobachterin und aufmerksame Zuhorerin, und ich bemerkte zu meiner Freude und Genugtuung, daB ich, 
absichtlich oder unabsichtlich, ihr Lehrer war, von dem sie mit Begierde lernte. Wenn ich sprach, hing ihr 
Auge an meinen Lippen, und was ich tat, tat sie dann spater genau ebenso, selbst wenn es den 
Gewohnheiten ihrer Rasse widersprach. Sie schien nur fur mich da zu sein und war fur meine 
Bequemlichkeit und mein Wohlbefinden viel besorgter als ich selbst, der ich gar nicht daran dachte, es 
besser haben zu wollen als die Andern. 

Also am Ende des vierten Tages war ich fertig und verpackte die MeBinstrumente in die dazu 
mitgebrachten Decken. Wir machten uns reisefertig und brachen am Morgen des funften Tages auf. Die 
beiden Hauptlinge hatten sich fur ganz dieselbe Route entschlossen, auf welcher ich von Sam in diese 
Gegend gebracht worden war. 

Als wir derselben zwei Tage lang gefolgt waren, hatten wir eine Begegnung. Wir befanden uns in einer 
flachen, grasigen und hier und da durch Buschwerk unterbrochenen Gegend, die uns einen guten Ausblick 
gewahrte. was im Westen immer von Vorteil ist. Man kann nicht wissen, auf was fur Menschen man trifft, 
und da ist es gut, wenn man jede Annaherung im Voraus bemerkt. Wir sahen vier Reiter uns 
entgegenkommen; sie waren WeiBe. Sie erblickten uns naturlich ebenso wie wir sie und hielten an, 
ungewiB, ob sie ihren Weg fortsetzen oder uns ausweichen sollten. DreiBig Roten zu begegnen, das ist nicht 
angenehm fur WeiBe, die nur zu Vieren sind, zumal wenn sie nicht wissen, welchem Stamme die Indianer 
angehoren. Aber sie sahen, daB WeiBe bei den Indsmen waren, und das schien ihr Bedenken zu heben, derm 
sie lieBen ihre Pferde in derselben Richtung weitergehen. 

Sie waren wie Cowboys gekleidet und mit Gewehren, Messern und Revolvern bewaffnet. Als sie uns auf 
zwanzig Schritte nahe gekommen waren, hielten sie ihre Pferde an, nahmen, der Uebung gemaB, ihre 
Gewehre schuBfertig in die Hand, und der Eine von ihnen rief uns an: 

»Good day, Mesch'schurs! Ist es notig, den Finger am Drilcker zu haben, oder nicht?« 

»Good day, Gents,« antwortete Sam. »Tut eure SchieBholzer getrost weg! Wir haben nicht die Absicht, 
euch aufzufressen. Darf man erfahren, woher ihr kommt?« 

» Vom alten Mississippi herilber.« 

»I Tnd woliin wollt ihr?« 



»Hinauf ins New-Mexiko und von dort aus nach Kalifornien hinilber. Haben gehort, daB dort Rinderhirten 
gebraucht und besser bezahlt werden als da, woher wir kommen.« 

»Konnt recht haben, Sir; miiBt aber noch einen weiten Weg machen, bis ihr eine solche feine Anstellung 
erhaltet. Wir kommen von da oben herunter und wollen nach St. Louis. 1st der Weg jetzt rein?« 

»Ja. Wenigstens haben wir nichts vom Gegenteile gehort. Brauchtet euch aber auch in einem solchen Falle 
nicht zu furchten; seid ja zahlreich genug. Oder reiten die roten Gentlemen nicht weit mit?« 

»Nur die beiden Krieger hier mit ihrer Tochter und Schwester, Intschu tschuna und Winnetou, die 
Hauptlinge der Apachen.« 

»Was Ihr sagt, Sir! Eine rote Lady, welche nach St. Louis will? Darf man vielleicht eure Namen erfahren?« 

»Warum nicht! Sind ehrliche Namen; brauchen sie nicht zu verheimlichen. Ich werde Sam Hawkens 
genannt, wenn ich mich nicht irre. Da sind meine Kameraden Dick Stone und Will Parker, und hier neben 
mir seht ihr Old Shatterhand, einen Boy, der den grauen Bar mit dem Messer ersticht und den starksten 
Menschen mit der Faust zu Boden schlagt. Nun habt ihr wohl die Gewogenheit, mir eure Namen auch zu 
nennen?« 

»Gern. Von Sam Hawkens haben w ir gehort, von den andern Gentlemen noch nicht. Ich heiBe Santer und 
bin kein so beruhmter Westlaufer wie Ihr, sondern ein einfacher, armer Cowboy. « 

Er nannte auch die Namen seiner drei Gefahrten, welche ich mir nicht gemerkt habe, tat noch einige 
Fragen, welche sich auf den Weg bezogen, und dann ritten sie weiter. Als sie fort waren, fragte Winnetou 



» Warum hat mein Bruder diesen Leuten so genaue Auskunft gegeben?« 

»Sollte ich sie ihnen verweigern?« 

»Ja.« 

»WilBte nicht, warum. Wir wurden hoflich gefragt, und so muBte ich hoflich antworten; so wenigstens t 1 
Sam Hawkens stets.« 

»Der Hoflichkeit der Bleichgesichter traue ich nicht. Sie waren hoflich, weil wir achtmal mehr zahlten a 
sie. Es ist mir nicht lieb, daB du ihnen gesagt hast, wer wir sind.« 

»Warum? Meinst du, daB dies uns Schaden machen kann?« 



»In welcher Weise?« 

»In mancherlei Weise. Diese Bleichgesichter haben mir nicht gefallen. Die Augen dessen, der mit dir 
sprach, waren keine guten Augen. « 

»Habe das nicht bemerkt. Aber selbst wenn es so ware, uns tut es nichts. Sie sind fort; sie reiten dahin und 
wir dorthin; es wird ihnen nicht einfallen, umzukehren und uns zu belastigen.« 

»Dennoch will ich wissen, was sie tun. Meine Bruder mogen langsam weiterreiten; ich aber werde mit Old 



Shatterhand umkehren und diesen Bleichgesichtern eine Strecke folgen. 

Ich muB wissen, ob sie w irklich w eiterreiten oder sich nur den Schein gegeben haben, dies zu tun.« 

Wahrend die Andern hierauf ihren Weg fortsetzten, ritt er mit mir auf unserer Spur, welcher die vier 
Fremden gefolgt waren, zuriick Ich muB sagen, daB dieser Santer mir auch nicht gefallen hatte, und seine 
drei Gefahrten hatten ebenso wenig vertrauenswurdig ausgesehen. Nur vermochte ich mir nicht zu sagen, 
was sie uns anhaben konnten oder wollten. Selbst wenn sie zu den Leuten gehdrten. welche das Eigentum 
anderer Menschen mit dem ihrigen zu verwechseln pflegen fragte ich mich vergeblich, was sie verlocken 
konnte, anzunehmen, daB bei uns ein Fang zu machen sei. Und selbst wenn sie dies glaubten, war es mir 
hochst unwahrscheinlich, daB sie es wagen wilrden, sie, die Vier, gegen siebenunddreiBig wohl bewaffnete 
Personen vorzugehen. Aber als ich eine hierauf bezilgliche Frage an Winnetou richtete, erklarte er mir: 

»Wenn sie Diebe sind, so kehren sie sich nicht an unsere Ueberzahl, da sie nicht beabsichtigen, uns offen 
anzugreifen; sie folgen uns vielmehr heimlich, um den Augenblick zu erlauschen, an welchem sich der, auf 
den sie es abgesehen haben, von der Gesellschaft absondert.« 

» Auf wen konnten sie es abgesehen haben? Sie kennen uns ja gar nicht. « 

» Auf den, bei dem sie Gold vermuten.« 

»Gold? Wie konnen sie wissen, ob welches vorhanden ist, und welche von so vielen Personen es bei sich 
hat? Sie mtiBten allwissend sein.« 

»0 nein. Sie brauchen nur nachzudenken, um es sich fast mit Sicherheit sagen zu konnen. Sam Hawkens ist 
so unvorsichtig gewesen, ihnen zu verraten, daB wir Hauptlinge sind und nach St. Louis wollen. Mehr 
brauchen sie nicht zu wissen. « 

»Ah, jetzt ahne ich, was mein roter Bruder meint. Wenn Indianer nach dem Osten gehen, brauchen sie 
Geld; da sie nun keine gepragten Milnzen haben, so nehmen sie Gold mit sich, dessen Fundorte sie kennen. 
Und wenn sie gar Hauptlinge sind. so kennen sie solche Orte ganz gewiB und nehmen sehr wahrscheinlich 
viel Gold mit.« 

»Mein Bruder Old Shatterhand hat es erraten. Wir beiden Hauptlinge sind es, auf welche diese WeiBen ihr 
Augenmerk richten wilrden, falls sie einen Diebstahl oder Raub beabsichtigten. Sie wilrden freilich jetzt 
nichts bei uns finden.« 

»Nicht? Ihr wolltet Euch doch mit Gold versehen! « 

» Wir werden dies erst morgen tun. Warum es bei uns tragen, wenn wir es nicht brauchen? Wir haben bisher 
nichts zu bezahlen gehabt; dies wird erst geschehen, wenn wir in den Forts einkehren, die auf unserm Wege 
liegen. Darum werden wir uns nun erst Gold holen, wahrscheinlich morgen schon.« 

»So liegt ein Fundort in der Nahe unserer Route?« 

»Ja. Es ist ein Berg, welcher Nugget-tsil genannt wird, doch nur von uns; bei andern Leuten, welche nicht 
wissen, daB es dort Gold gibt, hat er einen andern Namen. Wir kommen heut abend in seine Nahe und 
werden uns holen was wn brauchen « 

Ich gestehe, daB mich eine Bewunderung tiberkam, welche mit ein wenig Neid gemischt war. Diese 
Menschen wuBten das kostbare Metall in Menge liegen und fuhrten, anstatt es zu benutzen, ein Leben, 
welches fast gar keinen Anspruch zivilisierter Menschen kannte! Sie fuhrten keine Borsen und 
Portemonnaies bei sich, aber sie hatten uberall, wohin sie kamen, verborgene Schatzkammern liegen, in 



welche sie nur zu greifen brauchten, urn sich die Taschen mit Gold zu filllen. Wer dies, wenigstens das 
Letztere und nicht ihr anspruchsloses Leben, nur auch so haben konnte! 

Wir muflten vorsichtig sein, denn Santer sollte nicht merken, daB wir ihm folgten; daher benutzten wir jede 
Erderhohung und jeden Strauch, um uns zu decken. Nach einer guten Viertelstunde sahen wir die Vier. Sie 
trabten munter und unaufhaltsam ihres Weges; sie schienen es eilig zu haben, vorwarts zu kommen, und an 
ein Umkehren gar nicht gedacht zu haben oder noch zu denken. Wir hielten an. Winnetou beobachtete sie, 
bis sie unsern Augen entschwanden, und sagte dann: 

»Sie haben keine bo sen Absichten, und wir konnen also ruhig sein.« 

Er ahnte ebenso wenig wie ich, wie sehr er sich da irrte. Diese Kerls hatten gar wohl Absichten; aber sie 
waren auflerordentlich schlaue Menschen, wie ich spater durch sie selbst erfuhr. 

Sie nahmen an, daB wir sie eine Weile beobachten wtirden, und gaben sich darum den Anschein, als ob sie 
Eile hatten. Spater aber kehrten sie um und folgten uns. 

Wir wendeten unsere Pferde und holten unsere Gefahrten, da wir galoppierten, schnell wieder ein. Am 
Abend machten wir an einem Wasser Halt. Gewohnt, stets vorsichtig zu sein, suchten die Hauptlinge die 
Umgegend erst sehr sorgfaltig ab, ehe sie die Weisung erteilten, uns zu lagern. Das Wasser war ein Spring 
(* Quell), der hell und stark aus der Erde hervorsprudelte. Gras fur die Pferde gab es genug, und da der 
Platz rings von Baumen und Gebilsch umschlossen war, so konnten wir helle Feuer brennen, ohne daB 
dieselben weit gesehen wurden. Zudem stellte Intschu tschuna zwei Wachen aus, und so schien alles 
geschehen zu sein, was durch die Sorge fur unsere Sicherheit geboten war. 

Die dreiBig Apachen lagerten sich. wie gewohnlich, in gar nicht notiger Entfernung von uns nieder, um, als 
die Feuer brannten, ihre Portion Durrfleisch zu essen. Wir Sieben saBen am Rande des Buschwerkes um 
unser Feuer. Diese Nahe des Gestrauches war aufgesucht worden, well wir da vor dem kilhlen Winde 
geschiltzt waren, welcher heut abend wehte. 

Nach dem Abendessen pflegten wir uns einige Zeit zu unterhalten; so auch heut. Im Laufe dieses 
Gespraches sagte Intschu tschuna, daB wir morgen spater als gewohnlich namlich erst zu Mittag, 
aufbrechen wurden, und von Sam Hawkens nach dem Grunde dieser Verzogerung gefragt, erklarte er mit 
einer Aufrichtigkeit, welche ich spater tief beklagte: 

»Es sollte eigentlich ein Geheimnis sein; aber meinen weiBen Brudern darf ich es anvertrauen, wenn sie mir 
versprechen, demselben nicht nachzuspilren.« 

Als wir dieses Versprechen gegeben hatten, fuhr er fort: 

» Wir brauchen Geld; darum werde ich morgen fruh mit meinen Kindern von hier fortgehen, um Nuggets zu 
holen, und erst am Mittag wiederkommen.« 

Stone und Parker lieBen Rufe der Verwunderung horen, und Hawkens erkundigte sich, nicht weniger 
erstaunt: 

»So gibt es Gold hier in derNahe?« 

»Ja,« antwortete Intschu tschuna. »Niemand ahnt etwas davon; auch meine Krieger wissen es nicht. Ich 
habe es von meinem Vater erfahren, der es von dem seinigen erfuhr. Solche Geheimnisse vererben sich nur 
von den Vatern auf die Sonne und werden sehr heilig gehalten. Man teilt sie selbst dem besten Freund nicht 
mit. Ich habe jetzt zwar davon gesprochen, wilrde aber den Ort keinem Menschen sagen oder gar zeigen 
und einen jeden niederschieBen, der es wagte, uns zu folgen, um ihn zu erfahren.« 



[Illustration Nr. 18: Am Lagerfeuer] 

»Auch uns wilrdest du to ten? « 

»Auch euch! Ich habe euch Vertrauen erwiesen; wenn ihr es tauschtet, hattet ihr den Tod verdient. Ich weiB 
aber, daB ihr diesen Lagerplatz nicht eher verlassen werdet, als bis wir von unserem Gange zuriickgekehrt 
sind.« 

Damit brach er kurz und in warnendem Tone ab, und das Gesprach nahm eine andere Wendung. Dasselbe 
wurde nach einiger Zeit durch Sam unterbrochen. Intschu tschuna, Winnetou, Nscho-tschi und ich saBen 
mit dem Rilcken nach dem Gebilsch gekehrt; Sam, Dick und Will hatten die Platze an der andern Seite des 
Feuers inne und also das Gestrauch vor ihren Augen. Mitten in der Unterhaltung stieB Hawkens einen Ruf 
aus, griff nach seinem Gewehre, legte es an und schickte eine Kugel in die Bilsche. Dieser SchuB versetzte 
natilrlich das ganze Lager in Alarm. Die Indianer sprangen auf und kamen herbei. Auch wir erhoben uns 
schnell und fragten Sam, warum er geschossen habe. 

»Ich habe zwei Augen gesehen, welche hinter Intschu tschuna aus dem Gestrauch hervoiblickten,« erklarte 



Sofort rissen die Roten Brande aus den Feuern und drangen in das Gebilsch ein. Ihr Suchen war vergeblich. 
Man beruhigte sich und setzte sich wieder nieder. 

»Sam Hawkens wird sich geirrt haben,« sagte Intschu tschuna. »Bei einem flackernden Feuer sind solche 
Tauschungen sehr leicht moglich« 

»Sollte mich wundein: glaube, die zwei Augen ganz gewiB gesehen zu haben.« 

»Der Wind wird zwei Blatter umgedreht haben; mein weiBer Bruder hat da ihre untere Seite gesehen, 
welche heller ist, und sie fur Augen gehalten.« 

»Das ware allerdings moglich; habe also Blatter totgeschossen - hihihihik 

Er lachte in seiner Weise in sich hinein. Winnetou betrachtete die Sache nicht von dieser spaBhaften Seite, 
sondern sagte in ernstem Tone: 

»Mein Bruder Sam hat auf jeden Fall einen Fehler begangen, vor welchem er sich spater stets huten mag!« 

»Emen Fehler? - Ich? - Wieso?« 

»Es durfte nicht geschossen werden.« 

»Nicht? Das ware! Wenn ein Spion im Busche steckt, so habe ich das Recht, ihm eine Kugel zu geben, 
wenn ich mich nicht irre.« 

»WeiB man, ob der Spaher feindliche Absichten hat? Er entdeckt uns und schleicht sich heran, um zu 
erfahren, wer wir sind. Vielleicht tritt er dann hervor, um uns zu gruBen.« 

»Hm, das ist freilich wahr,« gestand der Kleine ein. 

»Der SchuB war fur uns gefahrlich.« fuhr Winnetou fort. »Ent\\ eilet bat Sam sich geirrt und keine Augen 
gesehen; da war der Knall uberflussig und kann nur Feinde herbeilocken, die sich vielleicht in der Nahe 
befinden. Oder es ist wirklich ein Mensch dagewesen, dessen Augen Sam bemerkt hat; auch da war es 



falsch, auf ihn zu schiel len w il orau usehen i u d lB die Kugel nicht treffen wilrde.« 

»Oho! Sam Hawkens ist seiner Kugel sicher! Mochte den sehen, der mir einen FehlschuB nachweist!« 

»Ich kann auch schieBen. wilrde aber wahrscheinlich doch nicht treffen. Der Spaher sieht doch, daB ich auf 
ihn ziele; er erkennt daraus, daB er bemerkt worden ist, und wird eine schnelle Bewegung machen, um von 
der Milndung meines Gewehrs wegzukommen. Die Kugel geht dann fehl, und der Mann verschwindet in 
derNacht.« 

» Ja, ja; aber was hatte mein roter Bruder derm an meiner Stelle getan?« 

»Entweder den KnieschuB angewendet oder mich still von hier entfernt, um dem Spaher auf einem 
T Jmv\ ege in den Rilcken zu kommen.« 

Der KnieschuB ist der schwierigste SchuB, den es gibt. Viele, viele Westmanner, die sonst gute Schiltzen 
sind, bringen ihn nicht fertig. Ich hatte nichts davon gewuBt, mich aber dann, von Winnetou auf ihn 
aufmerksam gemacht, in der letzten Zeit darin geilbt. 

Ich setze den Fall, daB ich mich, allein oder mit Anderen, das ist gleich, am Lagerfeuer befinde; mein 
Gewehr liegt mir, wie es Regel ist, griffbereit zur rechten Hand. Da bemerke ich zwei Augen, welche aus 
einem Verstecke mich beobachten. Das Gesicht des Spahers kann ich nicht sehen, denn es befindet sich im 
Dunkeln; aber die Augen sind zu sehen, wenn er nicht so vorsichtig ist, durch die gesenkten Wimpern zu 
blicken. Sie haben einen matten, phosphoreszierenden Glanz, welcher um so bemerkbarer wird, je mehr der 
Mann das Auge anstrengt. Man glaube aber ja nicht, daB es leicht ist, des Nachts unter 

Millionen von Blattern im Gebusch zwei geoffnete Augen zu gewahren. Das lernt man nicht, sondern diese 
Scharfe, diese Sicherheit des Blickes muB angeboren sein. 

Bin ich ilberzeugt, einen feindlichen Spaher vor mir zu haben, so muB ich, um mich zu retten, ihn 
unschadlich machen, ihn toten, und zwar durch eine Kugel, welche ihn zwischen die Augen trifft, denn auf 
diese muB ich zielen, weil sie das Einzige sind, was ich von ihm sehe. Wenn ich aber das Gewehr wie 
gewohnlich anlege, es also an die Wange nehme, so sieht er, daB ich auf ihn ziele, und verschwindet 
augenblicklich. Ich muB mein Ziel also in einer Weise nehmen, daB er es nicht bemerkt. Dies geschieht 
beim Knieschusse. Ich krtimme namlich das rechte Bein derart, daB sich das Knie erhebt und mein 
Oberschenkel eine Linie bildet, deren Verlangerung die beiden Augen, welche ich sehe, treffen wilrde. 
Dann greife ich, scheinbar gedankenlos, wie spielend, nichts beabsichtigend, zum Gewehre, nehme den 
Lauf an meinen Oberschenkel, so daB er genau, in [genau in] die Verlangerung desselben zu liegen kommt, 
und drticke ab. Das ist schwer, sehr schwer, zumal man nur die rechte Hand dazu nehmen darf, da beim 
Gebrauche beider Hande der Vorgang keineswegs die so notwendige scheinbare Harmlosigkeit besitzen 
wilrde. Mit dieser einen Hand das Gewehr richten, es test an den Schenkel halten und dann abdrtlcken, das 
bringen hunderte nicht fertig. Dabei ist noch gar nicht mitgerechnet, wie schwer es ist, in dieser Lage und 
ohne das Auge an das Visier bringen zu konnen, ein sicheres Ziel zu nehmen. Und dieses Ziel besteht noch 
dazu nur aus zwei kaum und ungewiB sichtbaren Punkten mitten in einer vom Flackenfeuer uberzitterten, 
und vielleicht auch vom Winde bewegten Laub- und Blattermasse! Dies meinte Winnetou, als er vom 
Knieschusse sprach; er war Meister in demselben. Mir war dieser SchuB meist deshalb nicht leicht 
geworden, weil mein Barentoter so schwer wog und mit einer Hand in dieser Weise kaum regiert werden 
konnte. Die fortgesetzte Uebung brachte mich dann aber doch zu dem gewiinschten Erfolge. 

Wahrend die andern alle sich durch das resultatlose Durchsuchen der Umgebung befriedigt oder beruhigt 
fuhlten. war dies mit Winnetou nicht der Fall. Er stand nach einiger Zeit wieder auf und entfernte sich, um 
die Forschung selbst noch einmal vorzunehmen und fortzusetzen. Es verging ilber eine Stunde, bis er 
wiederkam. 

»Ek ist kein Mensch da.« sagte er: » Sam Hawkens wird sich also wolil genii haben « 



Trotzdem stellte er statt der bisherigen zwei nun vier Wachen aus und wies sie an, mdglichst aufmerksam 
zu sein und den Umkreis des Lagers ofters abzupatrouillieren. Dann legten wir uns schlafen. 

Mein Schlaf war kein ruhiger; ich wachte ofters auf und hatte in den Zwischenzeiten kurze, aber 
unangenehme Traume, in denen Santer mit seinen drei Gefahrten die Hauptrolle spielte. Das war gewiB die 
einfache, leicht erklarliche Folge unserer Begegnung mit ihm, gab aber, als wir mit dem Morgen 
aufstanden, seiner Person eine Bedeutung, die ich mir vergeblich auszureden suchte. Man macht ja die 
Erfahrung, dafl die Person, von welcher ein Mensch traumt, dann eine groBere Wichtigkeit fur ihn besitzt 
als vorher. 

Nach dem Fiuli sip I t eli lies aus Fleisch und einer Einruhrung von Mehl in Wasser bestand, machte sich 
Intschu tschuna mit seinem Sonne und seiner Tochter auf den Weg. Ehe sie gingen, bat ich um die 
Erlaubnis, sie wenigstens eine Strecke weit begleiten zu konnen. Damit sie tlberzeugt sein sollten, daB ich 
dies nicht in der Absicht tue, den Weg nach dem Goldorte zu finden, sagte ich ihnen, daB ich den Gedanken 
an Santer nicht los werden konne. Ich wunderte mich ilber mich selber, derm ich hegte, ohne irgend einen 
stichhaltigen Grund zu haben, heute frith die Ueberzeugung, daB er mit seinen Leuten doch zuruckgekehrt 
sei. Das war wohl die Folge meiner Traume. 

»Mein Bruder braucht sich nicht um uns zu sorgen,« antwortete Winnetou. »Um ihn zu beruhigen, werde 
ich noch einmal nach Spuren suchen. Wir wissen, daB er nicht nach Gold strebt; aber wenn er auch nur eine 
kurze Strecke mit uns ginge, wilrde er den Ort ahnen und ganz sicher dann das Fieber bekommen, welches 
nach dem todlichen Staube strebt und das Bleichgesicht nicht eher verlaBt, bis es an Leib und Seele zu 
Grunde gegangen ist. Wir bitten dich also nicht aus MiBtrauen, sondern aus Liebe und Vorsicht, nicht mit 
uns zu gehen.« 

Damit muBte ich mich bescheiden. Er forschte noch einmal nach, ohne aber eine Spur zu entdecken, und 
dann gingen sie fort. Daraus, daB sie nicht ritten, zog ich den SchluB, daB der Ort, den sie aufsuchen 
wollten, nicht sehr weit entfernt sein konne. 

Ich legte mich ins Gras, brannte mein Calumet an und unterhielt mich mit Sam, Dick und Will, alles nur, 
um meine grundlosen Befurchtungen loszuwerden. Aber ich hatte keine Ruhe; icb stand bald wieder auf; es 
war etwas in mir, was mich forttrieb. Darum warf ich das Gewehr ilber und entfernte mich. Vielleicht 
entdeckte ich ein Wild, welches meine Gedanken ablenkte. 

Intschu tschuna hatte das Lager stidwarts verlassen; darum ging ich nordwarts, damit es ja nicht heiBen 
solle, daB ich auf verbotenen Wegen gehen wo He. 

Als ungefahr eine Viertelstunde vergangen war, traf ich zu meinem Erstaunen auf eine Fahrte, welche von 
drei Personen hinterlassen worden war Sie hatten Mokassins getragen. Ich unterschied zwei groBe, zwei 
mittlere und zwei kleinere FilBe. Die Spuren waren neu. Das muBten Intschu tschuna, Winnetou und 
Nscho-tschi gewesen sein. Sie hatten sich stidwarts entfernt, dann aber ihren Weg nach Norden genommen, 
nattlrlich um uns zu tauschen. Wir sollten den Fundort des Goldes im Stlden vermuten. 

Durfte ich weitergehen? Nem. Es war moglich. daB sie mich sahen; hochst wahischemlich stieBen sie bei 
ihrer Rtlckkehr auf meine Spur, und da sollte bei ihnen nicht der Gedanke aufkommen, daB ich ihnen 
heimlich nachgelaufen sei. Aber in das Lager wollte ich auch noch nicht, und so spazierte ich in ostlicher 
Richtung weiter. 

Schon nach kurzer Zeit muBte ich wieder anhalten, derm ich traf auf eine zweite Fahrte. Die Untersuchung 
derselben ergab, daB sie von vier Marmern stammte, welche Stiefel mit Sporen getragen hatten. Ich dachte 
sofort an Santer. Die Spur ftlhrte nach der Richtung in welcher ich die beiden Hauptlinge wuBte, und 
schien aus einem nicht weit entfernten Gebtlsch zu kommen, aus welchem einige noch belaubte 
Scharlacheichen hoch emporragten. Dorthin muBte ich zunachst. 



Es war richtig: die Fahrte kam aus diesem Gebilsch, und als ich in dasselbe eindrang, fand ich die vier 
Pferde angebunden, welche Santer und seine Leute geritten hatten. Dem Boden war deutlich anzusehen, 
daB die vier Kerls hier wahrend der Nacht geherbergt hatten. Sie waren also doch umgekehrt! Warum? 
Jedenfalls unsertwegen. Sie trugen sich gewiB mit den Gedanken herum, welche Winnetou mir gestern 
erklart hatte. Sam Hawkens hatte gestern abend sich nicht geirrt, sondern wirklich zwei Augen gesehen, 
den Spaher aber durch sein falsches Verhalten vertrieben, noch ehe der SchuB abgefeuert wurde. Wir waren 
also belauscht worden. Santer beobachtete uns, urn einen Augenblick zu erwarten an welchem er den, auf 
den er es abgesehen hatte, allein abfangen konne. Aber diese Stelle war so weit von unserem Lager 
entfernt. Wie konnte er uns da beobachten? 

Ich betrachtete die Baume. Sie waren zwar sehr hoch, doch nicht zu stark und leicht zu erklettern. Die 
Rinde des einen zeigte Risse, welche nur von Sporen eingeritzt sein konnten. Man war also 
hinaufgeklettert, und von dieser Hohe aus konnte man unbedingt wenn nicht das Lager selbst, aber doch 
jeden, der dasselbe verlieB, recht gut sehen. Himmel! Welcher Gedanke kam mir jetzt! Wovon hatten wir 
gestern abend gesprochen, ehe Sam die Augen entdeckte? Davon, daB Intschu tschuna heut fortgehen 
wollte, um mit seinen Kindern Gold zu holen! Das hatte der Lauscher gehort. Heut frtih war die Eiche von 
ihm bestiegen worden, und da hatte er die drei Erwarteten voruberkommen sehen. Kurz darauf war er ihnen 
mit seinen drei SpieBgesellen gefolgt. Winnetou in Gefahr! Nscho-tschi und ihr Vater auch! Ich muBte fort, 
augenblicklich fort und moglichst schnell hinter den Buschkleppern her. Ich durfte mir gar nicht Zeit 
nehmen, vorher nach unserem Lager zuruckzukehren, um dasselbe zu alarmieren. Rasch band ich eins der 
vier Pferde los, zog es aus dem Gebilsch ins Freie, schwang mich auf und galoppierte auf ihrer eigenen 
Fahrte, welche sich bald mit den Spuren der Hauptlinge vereinigte, den Halunken nach. 

Dabei suchte ich nach Anhaltepunkten, zu erraten, wo, falls ich diese Fahrte verlieren sollte, der Fundort 
des Goldes gesucht werden mtisse. Winnetou hatte von einem Berge, den er Nugget-tsil nannte, 
gesprochen. Nuggets sind Goldkorner, welche man in verschiedener GroBe findet; tsil ist ein Apachenwort 
und bedeutet Berg. Nugget-tsil heiBt also Nuggetberg. Der Ort lag sonach jedenfalls hoch. Ich musterte die 
Gegend, durch welche ich jagte. Nordlich von mir, grad in meiner Richtung, lagen einige betrachtliche 
Hohen, welche mit Wald bewachsen waren. Eine von ihnen muBte der Nuggetberg sein; das war fur mich 
in diesem Augenblicke zweifellos. 

Der alte Gaul, auf welchem ich saB, war mir nicht schnell genug. Ich riB im Voriiberjagen eine Rute von 
einem Busch und trieb ihn mit derselben an. Er tat, was seine Krafte vermochten, und die Ebene 
verschwand hinter mir; die Berge offneten sich. Die Spur filhrte zwischen zwei derselben hinein, doch 
konnte ich sie nach einiger Zeit nicht mehr erkennen, derm die Bergwasser hatten hier viel grobes 
Steingeroll von den Hohen geschwemmt. Ich stieg aber trotzdem nicht ab, denn es verstand sich ganz von 
selbst, daB die Gesuchten hier weiter, das Tal hinauf, a 



Spater aber offnete sich rechts eine Seitenschlucht, deren Grund ebenso steinig war. Jetzt gait es, zu 
erfahren, ob sie da rechts abgewichen oder geradeaus gegangen waren. Ich sprang aus dem Sattel und 
untersuchte das Geroll; es wurde mir nicht leicht, die Spur zu entdecken; ich fand sie aber doch; sie filhrte 
in die Schlucht hinein. Ich stieg wieder auf und folgte ihr. Bald aber teilte sich der Weg, und ich muBte 
abermals absteigen. Voraussichtlich geschah dies spater wieder, und da konnte mir das Pferd nur hinderlich 
sein. Ich band es also an einen Baum und eilte zu FuBe weiter, nachdem ich gesehen hatte, wohin die 
Fahrte wies. 

Ich hastete in einem engen, felsigen Gerinne weiter, in welchem sich jetzt kein Wasser befand. Die Angst 
trieb mich zu einer Eile an, welche mir nach und nach den Atem raubte. Auf einer scharfkantigen Hohe 
angekommen, muBte ich stehen bleiben, um die Lunge ruhiger werden zu lassen; dann ging es weiter, 
druben ein Stuck hinab, bis die Spur plotzlich links in den Wald einbog. Ich rannte mehr, als ich lief, unter 
den Baumen hin. Sie standen erst dicht beisammen, dann weiter auseinander, bis es so licht vor mir wurde, 
daB ich annahm, einen freien Platz vor mir zu haben. Noch hatte ich denselben nicht erreicht, da horte ich 
mehrere Schilsse fallen. Einige Augenblicke darauf erscholl ein Schrei, der mir wie ein Degen durch den 
Korper drang; es war der Todesschrei der Apachen. 



Nun rannte ich nicht nur, sondern ich schnellte mich formlich weiter, in langen Satzen wie ein Raubtier, 
welches sich auf seine Beute werfen will. Wieder ein SchuB und noch einer - - das war das Doppelgewehr 
Winnetous; ich kannte seinen Knall. Gott sei Dank! Er lebte also noch; derm wer tot ist, kann nicht 
schieBen. Ich hatte nur noch einige Sprunge zu tun, dann hatte ich die Lichtung erreicht und blieb unter 
dem letzten Baume stehen, derm was ich sah, fesselte meinen FuB formlich an den Boden. 

Die Lichtung war nicht groB. Fast mitten auf ihr lagen Intschu tschuna und seine Tochter. Ob sie noch 
lebten, sich noch bewegten, konnte ich zunachst nicht bestimmen. Unweit davon befand sich ein kleiner 
Felsblock, hinter welchem Wirmetou steckte; er war soeben beschaftigt, sein abgeschossenes Gewehr 
wieder zu laden. Links von mir standen zwei Kerls, von Baumen beschiitzt, mit angelegten Gewehren 
bereit, sofort zu schieBen, sobald sich Wirmetou eine BloBe geben werde. Rechts von mir schlich ein dritter 
vorsichtig unter den Baumen hin, um Wirmetou zu umgehen und ihm in den Rticken zu kommen. Der 
Vierte lag grad vor mir, tot, durch den Kopf geschossen. 

Die zwei waren fur den Augenblick dem jungen Hauptlinge iiefahrlicher als der Dritte. Ich nahm den 
Barentoter auf und schoB sie Beide nieder; dann sprang ich, ohne mir vorher Zeit zum Laden zu nehmen, 
hinter dem Dritten her. Er hatte meine Schilsse gehort und sich rasch umgedreht. Er sah mich kommen, 
zielte auf mich und drilckte ab. Ich sprang zur Seite; er traf mich nicht; da gab er sein Spiel verloren und 
floh in den Wald hinein. Ich eilte ihm nach, denn es war Santer; ich wollte ihn fangen. Aber die Entfernung 
zwischen ihm und mir war so groB gewesen, daB ich ihn zwar am Rande der Lichtung hatte sehen konnen, 
im Walde jedoch nicht mehr sah. Ich muBte mich also nach seinen FuBeindrticken richten, da konnte ich 
leider nicht so schnell hinter ihm her, wie ich wollte. Es war nicht mdglich, ihn einzuholen; darum kehrte 
ich schon nach kurzer Zeit wieder um, zumal ich mir sagte, daB Wirmetou mich vielleicht brauchen werde. 

Er kniete, als ich die WaldbloBe wieder erreichte, bei seinem Vater und seiner Schwester, angstlich 
suchend, ob noch Leben in ihnen sei. Als er mich kommen sah, stand er fur einen Augenblick auf. Seine 
Augen hatten einen Ausdruck, den ich niemals vergessen werde. Es sprach ein fast wahnsinniger Grimm 
und Schmerz aus ihnen. 

»Mein Bruder Old Shatterhand sieht, was geschehen ist. Nscho-tschi, die schonste und beste der 
Apachentochter, wird nicht nach den Stadten der Bleichgesichter gehen; es ist noch ein wenig Leben in ihr, 
aber sie wird wohl ihre Augen nicht wieder offnen.« 

Ich war keines Wortes fahig; ich konnte nichts sagen und nichts fragen. Wonach hatte ich auch fragen 
sollen? Ich sah ja, wie es stand! Sie lagen in einer tiefen Blutlache nebeneinander, Intschu tschuna mitten 
durch den Kopf und "Schoner Tag" durch die Brust geschossen. Er war sofort tot gewesen; sie atmete noch, 
schwer und rochelnd, wahrend die schone Bronze ihres Gesichtes immer matter und matter wurde. Die 
vollen Wangen fielen ein, und der Ausdruck des Todes breitete sich ilber die mir so teuern Zilge. 

Da bewegte sie sich leise. Sie wendete den Kopf nach der Seite, wo ihr Vater lag, und offnete langsam die 
Augen. Sie sah Intschu tschuna im Blute liegen und erschrak auf das Heftigste, nur daB bei ihrer Mattigkeit 
der Schreck nicht den lebhaften Ausdruck wie sonst finden konnte. Sie schien nachzusinnen; dann kam sie 
zum BewuBtsein dessen, was geschehen war und fuhr sich mit dem kleinen Handchen nach dem Herzen. 
Sie filhlte das warme, von dort entrirmende Blut und stieB einen tiefen, rochelnden Seufzer aus. 

»Nscho-tschi, meine gute, einzige Schwester! « klagte Wirmetou mit einem Ausdrucke seiner brechenden 
Stimme, der unmoglich in Worten wiedergegeben werden kann. 

Da erhob sie den Blick zu ihm. 

»Winnetou - - mein - - Bruder - -!« flilsterte sie. »Rache - - rache - - mich!« 

Dann glitt ihr Auge von ihm zu mir heruber, und ein frohes, aber schnell ersterbendes Lacheln spielte um 
ihre erblichenen Lippen. 



»01d - Shatter - - hand!« hauchte sie. »Du - bist - da! Nun - - sterbe ich - - so « 

Mehr horten wir nicht, denn der Tod lieB sie nicht aussprechen, sondern schloB ihr fur immer den Mund. Es 
war, als wolle mir das Herz zersprengen; ich muflte mir Luft machen, sprang auf, denn wir hatten uns bei 
ihr niedergekniet, und stieB einen lauten, lauten Schrei aus, dessen Echo von den Wanden der benachbarten 
Berge widerhallte. 

Winnetou stand auch auf, langsam, als ob er von zentnerschweren Gewichten niedergehalten werde. Er 
schlang beide Arme und mich und sagte: 

»Nun sind sie tot! Der groBte, edelste Hauptling der Apachen und Nscho-tschi meine Schwester, welche 
dir ihre Seele gegeben hatte. Sie starb mit deinem Namen auf den Lippen. VergiB dies nicht, vergiB es 
nicht, mein lieber Bruder!« 



Dann nahm sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck an, und seine Stimme klang wie femes, drohendes 
Donnerrollen, als er fragte: 

»Hast du gehort, was ihre letzte Bitte an mich war?« 

»Ja.« 

»Rache! Ich soil sie rachen, und ja, ich werde sie rachen, wie noch me ein Mord geracht worden ist. WeiBt 
du, wer die Morder waren? Du hast sie gesehen. Bleichgesichter waren es, denen wir nichts getan hatten. 
So ist es stets gewesen, und so wird es immer, immer sein, bis der letzte rote Mann ermordet worden ist. 
Denn wenn er auch eines naturlichen Todes sterben sollte, ein Mord ist es doch, ein Mord, welcher an 
meinem Volke geschieht. Wir wollten nach den Stadten dieser verruchten Bleichgesichter; Nscho-tschi 
wollte werden wie eine weiBe Squaw, denn sie liebte dich und glaubte, dein Herz zu gewinnen, wenn sie 
sich das Wissen und die Sitten der WeiBen aneignete. Das hat sie mit dem Leben bezahlt. Mogen wir euch 
hassen, oder mogen wir euch lieben, es ist ganz gleich: Wo ein Bleichgesicht seinen FuB hinsetzt, da folgt 
hinter ihm das 

Verderben fur uns. Es wird ein Klagen gehen durch alle Stamme der Apachen, und ein Wut- und 
Rachegeheul wird erklingen ilberall, an jedem Orte, wo sich ein Angehoriger unserer Nation befindet. Die 
Augen aller Apachen schauen jetzt auf Winnetou, um zu sehen, wie er den Tod seines Vaters und seiner 
Schwester rachen wird. Mein Bruder Old Shatterhand mag hdren was ich hier bei diesen beiden Leichen 
gelobe! Ich schwore bei dem groBen Geiste und bei alien meinen tapfern Vorfahren, welche in den ewigen 
Jagdgrunden versammelt sind, daB ich von heut an jeden WeiBen, jeden, jeden WeiBen, der mir begegnet, 
mit dem Gewehre, welches der toten Hand meines Vaters entfallen ist, erschieBen oder « 

»Halt! « fiel ich ihm schaudernd in die Rede, denn ich wuBte, daB es ihm unnachsichtlicher, unerbittlicher 
Ernst mit diesem Schwure sein wiirde. »Halt! Mein Bruder Winnetou mag jetzt nicht schworen - jetzt 
nicht! « 

»Warum jetzt nicht?« fragte er, fast zornig. 

»Ein Schwur muB mit ruhiger Seele gesprochen werden. « 

»Uff! Meine Seele ist in diesem Augenblicke so ruhig wie das Grab, in welche [welches] ich diese meine 
beiden Toten legen werde. Wie es sie nie wieder zurilckgeben wird, ebenso wenig werde ich jemals ein 
Wort von dem. v, as ich sclw ore zuruckneh - -« 



»Sprich nicht weiter!« unterbrach ich ihn abermals. 

Da funkelten mich seine Aug en beinahe drohend an, und er rief aus: 

»Will Old Shatterhand mich hindern, meine Pflicht zu tun? Sollen die alten Weiber mich anspucken, und 
soil ich aus meinem Volke gestoBen werden, weil ich nicht den Mut besitze, das zu rachen, was heut hier 
geschehen ist?« 

»Es sei feme von mir, dies von dir zu verlangen. Auch ich will Strafe fur den Morder. Drei von ihnen hat 
sie schon ereilt; der vierte ist entflohen, doch entkommen wird er uns nicht. « 

»Wie so lite er entkommen! « fuhr er auf »Aber ich habe es nicht allein mit ihm zu tun. Er hat gehandelt als 
Sohn jener bleichen Rasse, die uns Vernichtung bringt; sie ist verantwortlich fur das, was sie ihn gelehrt 
hat, und ich werde sie zur Verantwortung ziehen, ich, Winnetou, nunmehr der erste und oberste Hauptling 
aller Stamme der Apachen! « 

Er stand stolz und hoch aufgerichtet vor mir, ein Mann, der sich trotz seiner Jugend als Konig all der 
Seinen fuhlte! Ja, er war der Mann dazu, das auszufuhren, was er wollte. Ihm, ihm ware es gewiB gelungen, 
die Krieger aller roten Nationen unter sich zu versammeln und mit den WeiBen einen Riesenkampf zu 
beginnen, einen Verzweiflungskampf, dessen Ende zwar kein zweifelhaftes sein konnte, der aber den 
wilden Westen mit Hunderttausenden von Opfern bedecken muBte. Jetzt, in diesem Augenblicke entschied 
es sich, ob der Tomahawk des Todes in dieser erbitterten Weise wilten sollte oder nicht! 

Ich nahm ihn bei der Hand und sagte: 

»Du sollst und wirst tun, was du willst; vorher aber hore eine Bitte welche \ lelleicht meine letzte sein 
wird; dann wirst du die Stimme deines weiBen Freundes und Bruders niemals wieder horen. Hier liegt 
Nscho-tschi. Du sagst es selbst, daB sie mich lieb gehabt hat und mit meinem Namen auf den Lippen 
gestorben ist. Auch dich hat sie lieb gehabt, mich als Freund und dich als Bruder, und du hast ihr ihre Liebe 
reichlich zurtickgegeben. Bei dieser unserer Liebe bitte ich dich, sprich den Schwur, welchen du tun willst, 
nicht jetzt aus, sondern erst dann, wenn die Steine des Grabes sich ilber der edelsten Tochter der Apachen 
geschlossen haben!« 

Er sah mich ernst, fast finster an und senkte dann den Blick auf die Tote nieder. Ich sah, daB seine Zilge 
milder wurden, und endlich richtete er das Auge wieder auf mich und sagte: 

»Mein Bruder Old Shatterhand hat eine groBe Macht ilber die Herzen aller, mit denen er verkehrt. Nscho- 
tschi wtirde ihm seine Bitte gewiB erfullen, und so will auch ich sie ihm gewahren. Erst dann, wenn mein 
Auge diese beiden Leichen nicht mehr sieht, mag es sich entscheiden, ob der Mississippi mit alien seinen 
Nebenflussen das Blut der weiBen und der roten Volker nach dem Meere fuhren soil. Ich habe gesprochen. 
Howgh!« 

Gott sei Dank! Es war mir, wenigstens fur einstweilen [,] gelungen, groBes Unheil abzuwenden. Ich drilckte 
ihm dankend die Hand und sprach: 

»Mein roter Bruder wird sogleich einsehen, daB ich keine Gnade fur den Schuldigen erbitten will; ihn mag 
die Strafe so schwer und so streng treffen, wie er es verdient. Es muB dafur gesorgt werden, daB er nicht 
Zeit findet, zu entkommen. Wir dilrfen ihm keinen Vorsprung einraumen. Winnetou mag mir sagen, was in 
Beziehung auf ihn jetzt geschehen soll!« 

»Meine FilBe sind gebunden,« erklarte er, nun wieder duster. »Die Gebrauche meines Volkes gebieten mir, 
bei diesen Toten, weil sie mir so nahe verwandt waren, zu bleiben, bis sie begraben sind. Erst nachher darf 
ich den Weg der Rache antreten.« 



»Und wann wird das Begrabnis stattfinden?« 

»Das will ich mit meinen Kriegern beraten. Entweder begraben wir sie hier an der Stelle, wo sie gestorben 
sind, oder wir schaffen sie nach dem Pueblo, wo sie bei den Ihren wohnten. Aber selbst dann, wenn sie hier 
ihre Ruhestatte finden, werden mehrere Tage vergehen, bevor den Erfordernissen Genilge geschehen ist, 
welche beim Begrabnisse eines so groBen Hauptlings zu machen sind.« 

»Dann wird aber der Morder sicher entkommen! « 

»Nein. Derm wenn Winnetou ihn auch nicht verfolgen darf, so kann doch von andern geschehen, was notig 
ist. Mein Bruder mag mir recht kurz erzahlen, wie es geschah, daB er hierher kam!« 

Jetzt, wo es sich urn rein Sachliches handelte, war er so ruhig wie gewohnlich. Ich erzahlte ihm, was er zu 
wissen begehrte, und dann trat eine kurze Pause des Nachdenkens ein. Wahrend derselben horten wir einen 
schweren Seufzer, welcher von der Stelle kam, wo die beiden Strolche lagen, die ich glaubte erschossen zu 
haben. Wir gingen schnell hin. Dem Einen war meine Kugel grad durch das Herz gegangen; der Andere 
war so wie Nscho-tschi getroffen worden; er hatte noch Leben und kam grad jetzt wieder zu sich. Er starrte 
uns verstandnislos an und murmelte Worte, welche ich nicht verstehen konnte. Ich bog mich zu ihm nieder 
undrief ihmzu: 

»Mann, kommt zu Euch! WiBt Ihr, wer jetzt bei Euch ist?« 

Er gab sich sichtlich Muhe, sich zu besinnen. Sein Auge wurde auch wirklicb klarer, und ich horte leise 



»EntfIohen,« antwortete ich, derm es wollte mir nicht gelingen, einen Sterbenden, obgleich er ein Morder 
war, zu beltigen. 

»Wo - - wohin?« 

»Das weiB ich nicht; aber ich hoffe, von Euch einen Wink zu erhalten. Eure andern Gefahrten sind tot, und 
auch Ihr habt nur noch Sekunden zu leben. Ihr werdet doch an der Pforte des Grabes besser handeln, als 
vorher! Woher stammt Santer?« 

»WeiB - es - - nicht.« 

»HeiBt er wirkhch Santer?« 

»Hat - - viele - - viele Namen.« 

»Was ist er eigentlich?« 

»WeiB - - auch - - auch nicht. « 

»Habt ihr Bekannte hier in der Nahe, vielleicht auf irgend einem Fort?« 

»Nein - - nicht. « 

»Wo wolltet ihr hin?« 



»Nir - - nirgends. Hin, wo Geld - Beute - -« 

»Also waret ihr Gauner von Profession! Schrecklich! Wie kamt ihr denn auf den Gedanken, die beiden 
Apachen mit dem Madchen zu uberfallen?« 

»Nug Nuggets. « 

»Aber ihr konntet doch von den Nuggets nichts wissen.« 

» Wollten nach - nach dem « 

Er hielt inne. Es fiel ihm auBerordentlich schwer, zu antworten. Ich erriet, was er sagen wollte, und fragte: 

»Ihr hortet, daB diese Apachen nach dem Osten wollten, und nahmt infolgedessen an, daB sie Gold bei sich 
hatten?« 

Er nickte. 

»Ihr nahmt euch also vor, sie zu ilberfallen; da ihr aber dachtet, daB wir vorsichtig sein und euch 
beobachten wiirden, rittet ihr eine tuchtige Strecke weiter und kehrtet erst dann um, als ihr annehmen 
konntet. daB wir berahigt sein wiirden'.'« 

Er nickte wieder. 

»Dann seid ihr umgekehrt und uns nachgeritten. Habt ihr uns am Abende belauscht?<< 

»Ja - - Santer.« 

»Also Santer selbst war es! Hat er euch gesagt. was ei bei uns erhorcht hat?« 

»Apachen - - Nugget-tsil - - Nuggets holen - - fruh « 

»Ganz so, wie ich dachte. Dann habt ihr euch in das Gebilsch versteckt und uns von den Baumen aus 
beobachtet. Ihr wolltet den Ort, wo die Apachen das Gold holten, kennen lernen?« 

Er hatte die Augen geschlossen und antwortete nicht. 

»( >dei wolltet ihr sie bloB bei ihrer Ruckkehr iiberfallen, um « 

Da unterbrach mich Winnetou: 

»Mein Bruder mag nicht weiter fragen, denn dieses Bleichgesicht kann nicht mehr antworten; es ist tot. 
Diese weiBen Hunde wollten unser Geheimnis kennen lernen; aber sie kamen zu spat. Wir befanden uns 
schon auf dem Rilckwege, als sie uns kommen horten. Da versteckten sie sich hinter die Baume und 
schossen auf uns. Intschu tschuna und "Schoner Tag" sturzten getroffen nieder; mir aber streifte die Kugel 
nur den Aermel hier. Da schoB ich auf einen, der aber, eben als ich losdrilckte, hinter einen andern Baum 
sprang; darum traf ich ihn nicht; aber meine zweite Kugel streckte einen andern nieder. Dann suchte ich 
hinter diesem Steine Schutz, der mir aber das Leben nicht hatte retten konnen, wenn mein Bruder Old 
Shatterhand nicht gekommen ware. Denn zwei hielten mich von dieser Seite fest, und der dritte wollte 
hinter mich, wo ich keine Deckung hatte; seine Kugel hatte mich treffen mussen. Da aber horte ich die 
starke Stimme von Old Shatterhands Barentoter und war gerettet. Nun weiB mein Bruder alles und soil 
erfahren, wie es anzufangen ist, Santer zu ergreifen.« 



» Wem wird diese Aufgabe zufallen'.'« 

»01d Shatterhand wird sie losen; er wird die Spur des Fltichtlings ganz gewiB finden.« 

»Allerdings; aber wahrend ich milhsam nach ihr suche, wird viel Zeit vergehen.« 

»Nein. Mein Bruder braucht nicht nach ihr zu suchen, denn sie wird ganz gewiB zu seinen Pferden fiihren, 
welche er zunachst aufsuchen muB. Dort, wo er mit seinen Leuten wahrend der Nacht gelagert hat, gibt es 
Gras, und Old Shatterhand wird also sehr leicht sehen, wohin er sich gewendet hat.« 



»Dann nimmt mein Bruder zehn Krieger mit sich, um ihm zu folgen und ihn festzunehmen. Die andern 
zwanzig Krieger 

[Tafel Nr. 9: "Bd. VII. Tod von "Schoner Tag". (Zu S. 410.)"] sendet er mir hierher, damit sie mit mir die 
Klagen des Todes anstimmen.« 

»So soil es geschehen. Und ich hoffe, daB ich das Vertrauen, welches mein roter Bruder in mich setzt, 
rechtfertigen werde.« 

»Ich weiB, daB Old Shatterhand grad so handeln wird, als ob ich selbst an seiner Stelle ware. Howgh!« 

Er reichte mir die Hand hin; ich schuttelte sie ihm, beugte mich noch einmal auf die Gesichter der beiden 
Toten nieder und ging. Am Rande der Lichtung drehte ich mich um. Winnetou verhullte soeben ihre Kopfe 
und stieB dabei jene dumpfen Klagetone aus, mit denen die Roten ihre Todesgesange beginnen. Wie weh 
war mir, o wie so weh! Aber ich hatte zu handeln und eilte den Weg zurilck, auf welchem ich gekommen 
war. 

Ich war der Ansicht, daB Winnetous Vorhersagung eintreffen werde; aber wahrend ich ilber den erwahnten 
Hohengrat stieg, kam mir ein Bedenken. 

Santer muBte vor alien Dingen auf schleunigste Flucht bedacht sein, vor alien Dingen so schnell wie 
moglich aus unserer Nahe zu kommen suchen; das gerade Gegenteil davon geschah aber, wenn er nach 
seinem Lager lief. Dies konnte er nur in der Absicht tun, sich ein Pferd zu holen. Wie aber nun, wenn er 
dasjenige fand, auf welchem ich gekommen war? Er war doch wohl auf demselben Weg geflohen, der ihn 
auch hergefuhrt hatte. Da sah er unbedingt das Pferd. 

Dieser Gedanke verdoppelte meine Schritte. Ich rannte den Berg hinab, im hochsten Grade darauf 
gespannt, ob ich es noch antreffen wiirde. Welcher Aerger fur mich, als ich an die betreffende Stelle kam 
und da sah, daB es fort war! Ich hielt nur einen Augenblick an und flog mehr, als ich lief, durch die 
Schlucht. Hier konnte ich mich noch beeilen weil wegen des Steingerolles ein zeitraubendes Suchen nach 
der Spur doch erfolglos gewesen ware. Als ich aber unten das Tal erreichte, hielt ich an, um die Fahrte 
sorgfaltig zu lesen. Es gelang mir nicht sofort, denn der Boden war hier noch zu hart. Zehn Minuten spater 
gab es weichen Grund, wo es leichter war, die Eindrilcke der FilBe und Hufe zu erkennen. 

Da sah ich mich denn vollstandig enttauscht. Ich konnte suchen und forschen, wie ich wollte, und meine 

Augen und mei- nen Scharfsinn noch so sehr anstrengen, es wurde nicht anders Santer war hier nicht 

geritten. Er muBte weiter oben an einer dazu passenden Stelle, wo auf dem Fels keine Spur zurilckblieb, die 
Schlucht verlassen haben; anders war es gar nicht moglich. Da stand ich nun! Was war zu tun? Sollte ich 
zurilck, um nach der betreffenden Stelle zu suchen? Es konnten Stunden vergehen, ehe ich sie fand, und 
einen solchen Zeitverlust glaubte ich denn doch nicht veraiitworten zu koiiiien. Besser war es auf alle Falle, 
nach unserm Lager zu eilen und dort Hilfe zu holen. 



Dies tat ich denn. Es war ein Dauerlauf, wie ich noch keinen gemacht hatte, doch hielt ich ihn aus, weil ich 
von Winnetou belehrt worden war, wie man sich dabei zu verhalten hat, urn bei Atem zu bleiben und nicht 
zu ermilden. Man laBt namlich das Korpergewicht nur von einem Beine tragen und wechselt dann, wenn 
dieses ermildet ist, auf das andere ilber. Auf diese Weise kann man stundenlang Trab laufen, ohne daB man 
sich allzu sehr anzustrengen hat; aber eine gute, gesunde Lunge muB man haben. 

Als ich meinem Ziele nahe gekommen war, wendete ich mich zunachst nach Santers Lager. Die drei Pferde 
standen noch im Gestrauch Ich band sie los, bestieg eins, nahm die andern beiden an den Ztigeln und ritt 
nach unserm Lager. Es war langst Mittag voruber und Sam rief mir zu: 

»Wo treibt Ihr Euch denn herum, Sir! Habt das Essen versaumt, und ich « er stockte in der Rede, 

musterte die Pferde mit einem erstaunten Blicke und fuhr dann fort: »Alle Wetter! Ihr seid zu FuB 
fortgegangen und kommt beritten zurtick! Seid wohl gar Pferdedieb geworden?« 

»Das weniger. Habe diese Tiere erbeutet.« 



»Gar nicht weit von hier.« 



»Seht sie nur richtig an! Ich erkannte sie sofort, und Ihr habt doch auch gute Augen.« 

»Ja, die habe ich. Sah sogleich, wem sie gehoren, wollte es aber nicht begreifen. Das sind ja die Pferde von 
Santer und seinen Begleitern; es fehlt aber eins.« 

»Das werden wir uns suchen und auch den, der darauf sitzt.« 

»Aber wie kommt « 

» Still, lieber Sam!« unterbrach ich ihn. »Es ist sehr Wichtiges, sehr Trauriges geschehen. Wir mtissen 
sofort fort von hier.« 

»Von hier? Warum?« 

Anstatt ihm zu antworten, rief ich die Apachen, von denen sich einige entfernt hatten, zusammen und teilte 
ihnen die Kunde von dem Tode Intschu tschunas und seiner Tochter mit. Nach meinem letzten Worte 
herrschte ein tiefes, allgemeines Schweigen ringsum. Man konnte nicht glauben, was ich sagte; meine 
Botschaft war zu ungeheuerlich. Da erzahlte ich ausfuhrlicher, was geschehen war, und fugte hinzu: 

»Nun mogen mir meine roten Bruder sagen, wer die Zukunft besser verkilndet hat, Sam Hawkens oder euer 
Medizinmann! Intschu tschuna und Nscho-tschi haben den Tod gefunden, weil sie sich von mir entfernten, 
und Winnetou ist durch mich gerettet worden. Bringt meine Nahe also den Tod oder das Leben?« 

Jetzt konnten sie nicht mehr zweifeln, und es erhob sich ein Geheul, welches sicher meilenweit zu horen 
war, selbstverstandlich englische Meilen gemeint. Die Roten rannten wie wiitend umher, schwangen ihre 
Waffen und schnitten, um ihrem Grimm Ausdruck zu geben, die furchterlichsten Gesichter. Erst nach 
einiger Zeit war es meiner Stimme moglich, ihr Geschrei zu ilberschallen. 

»Die Krieger der Apachen mogen schweigen « gebot ich ihnen. »Das Geheul fuhrt zu nichts. Wir milssen 
fort, um den Morder zu fangen.« 



»Fort, ja fort, fort, fort!« schrieen sie, indem sie zu ihren Pferden sprangen. 

»Ruhig doch!« befahl ich abermals. »Meine Briider wissen ja gar nicht, was sie tun sollen. Ich werde es 
ihnen sagen.« 

Nun drangten sie sich so an mich, daB ich mich wehren muBte, nicht umgerissen zu werden. Ware Santer 
jetzt hier gewesen, so hatten sie ihn in Stilcke gerissen. Hawkens, Stone und Parker standen still 
beisammen. Die Nachricht hatte einen niederschmetternden Eindruck auf sie gemacht. Jetzt kamen sie 
herbei, und Sam sagte 

»Ich bin wie vor den Kopf geschlagen und kann es noch immer nicht fassen. Schrecklich, entsetzlich! Die 
liebe, schone, gute, junge rote Mifl! 1st stets so freundlich mit mir gewesen und soil nun ausgeloscht 
worden sein! Wiflt Ihr, Sir, es ist mir grad so « 

»Wie es Euch ist, das behaltet fur Euch, lieber Sam!« fiel ich ihm in die Rede. »Wir mtissen dem Morder 
nach Sprechen niltzt nichts.« 

» Weill Stimme Euch bei. Aber wiBt Ihr derm, wohin er ist?« 

» Jetzt noch nicht. « 

»Dachte es mir. Habt ja seine Spur nicht gesehen. Wie sollen wir sie nun auffinden? Scheint unmoglich 
oder wenigstens auBerordentlich schwierig zu sein.« 

»Es ist nicht schwierip. sondern sehr leicht.« 

»Meint Ihr? Hm! Wollt wohl sagen, daB wir hinauf in die Schlucht mtissen, wo er seitwaits auspekniffen 
ist? Wird ein lanpes Suchen peben!« 

»Von der Schlucht ist par kerne Rede.« 

»Nicht? Dann bin ich neugierig, was Ihr fur einen Gedanken bringen werdet. Ja, manchmal kann ein 
Greenhorn auch einen Gedanken haben, doch « 

»Schweigt mit Eurem Greenhorn! Mir ist nicht so zu Mute, solche Redensarten anzuhoren. Mir blutet das 
Herz; darum behaltet Eure Witze fur Euch!« 

»Witze? Halloh! Wer da etwa denkt, daB ich die Sache scherzhaft nehme, der bekommt von mir einen Box 
in den Leib, daB er von hier bis hinuber nach Kalifornien fliegt! Kann nur nicht begreifen, wie Ihr Santer 
finden wollt, ohne daB wir unsere Augen auf die Stelle setzen, wo seine Spur verloren gegangen ist.« 

»Da mtlBten wir, wie schon gesagt, lange Zeit suchen. Und weiin ami die Spur fanden, hatten wir ihr uber 
Berg und Tal und durch den dichten Wald zu folgen, was auch sehr langsam gehen wtlrde. Darum denke 
ich, wir fangen es anders an. 

Namlich wenn ich mir die Berge dort so betrachte, so mochte ich behaupten, daB sie nicht mit andern 
zusammenhangen, sondern isoliert stehen « 

»Ist auch ganz richtig. Kenne diese Gegend recht leidlich. Haben hier Ebene und jenseits wieder Ebene. 
Diese Berge gehoren nicht zu einem Gebirgs- oder Hohenzug, sondern sie haben sich ganz fur sich allein in 
die offene Prarie hineingesetzt.« 



»Prarie? - Also gibt es Gras?« 

»Ja, rundum Gras, grad so wie hier.« 

»Darauf habe ich gerechnet. Santer mag auf oder zwischen diesen Bergen reiten, wie er will; das geht uns 
nichts an; aber sobald er sie verlaBt, kommt er auf die offene Prarie und muB im Grase eine Spur 
hinterlassen.« 

»Das versteht sich ja ganz von selbst, verehrter Sir!« 

»Hort nur weiter. Wir bilden zwei Trupps und umreiten die Berge, wir vier WeiBen von rechts und die zehn 
Apachen, welche Winnetou mir angewiesen hat, von links. Jenseits treffen wir zusammen und werden dann 
erfahren, ob einer der Trupps auf die Fahrte gestoBen ist. Ich bin iiberzeugt, daB dies der Fall sein wird, und 
dann folgen wir ihr.« 

Mein klemer Sam sah mich von der Seite an, machte ein nicht auBerordentlich erbautes Gesicht und rief 



»Lack-a-day\ Wer hatte das gedacht! DaB ich nicht auch darauf gekommen bin! Ist ja das Einfachste und 
Sicherste was es gibt; das muB eigentlich jedes Kind einsehen, wenn ich mich nicht irre!« 

»Ihr seid also einverstanden, Sam?« 

»Vollstandig, Sir, vollstandig. Sucht Euch nur schnell zehn Rote aus!« 

»Ich werde diejenigen wahlen, welche am besten beritten sind. Wer weiB, wie lange wir den Kerl zu jagen 
haben. Darum mussen wir uns auch reichlich mit Proviant versehen. Wenn Ihr diese Gegend leidlich kennt, 
so wiBt Ihr vielleicht, wie lange es dauert, bis man von hier aus die andere Seite der Berge erreicht?« 

»Wenn wir uns sehr beeilen, so kann es trotzdem ilber zwei Stunden \a ahren « 

»So wollen wir nicht langer zogern.« 

Ich bestimmte die zehn Apachen, welche sich ilber meine Wahl freuten, derm dem Morder nachzusetzen, 
war ihnen lieber, als bei den Leichen Totenlieder zu singen. Die ilbrigen zwanzig instruierte ich genau ilber 
den Weg, welcher zu Winnetou ftlhrte, und dann ritten sie davon. 

Kurze Zeit spater brachen meine zehn auf, um die Berge nach links, also in einem nach Westen 
gekrilmmten Bogen zu umreiten, wahrend unsere Richtung uns ostwarts um die Hohen ftlhrte. Als wir vier 
dann auch aufsaBen, ritt ich zunachst nach Santers Nachtlager und suchte mir von da aus eine Stelle, wo der 
Huf des Pferdes, welches ich geritten hatte, tief in den Boden gedrungen war. Von diesem sehr deutlichen 
Eindrucke nahm ich mir eine genaues MaB auf Papier. Sam Hawkens schilttelte den Kopf darilber und 
meinte lachelnd: 

»Gehort das auch zur Kunst eines Surveyors, PferdefuBe abzumalen?« 

»Nein; aber ein Westmann sollte es kennen.« 

»Der? - Warum?« 

» Weil es ihm vorkommenden Falls von groBem Nutzen sein kann.« 



»In welcher Weise?« 

»Werdet es wohl nachher sehen. Wenn ich eine Pferdespur finde, vergleiche ich die Stapfen mit dieser 
Zeichnung.« 

»Ah! Hm! Richtig! 1st gar nicht so ilbel! Habt Ihr das auch aus Euern Bilchern?« 

»Woher denn?« 

»Der Gedanke ist mir selbst gekommen.« 

»Also gibt es wirklich Gedanken, die sich das Vergniigen machen, zu Euch zu kommen? Hatte das gar 
nicht gedacht - hihihihi ! « 

»Pshaw\ Bei mir befinden sie sich jedenfalls wohler als unter Eurer Perilcke, Sam!« 

»Recht so, recht so!« rief Dick Stone. »LaBt Euch nur nichts mehr von ihm gefallen! Man sieht ja sttindlich, 
daB Ihr ihn uberflugelt habt, Sir.« 

»Schweig!« herrschte ihn Sam in komischem Zorne an. »Was willst du vom Fliegen verstehen, und gar 



Ueberfliegen ! Es ist eine Beleidigung, mich immer bei der Perilcke zu nehmen; ich kann das gar nicht 
langer dulden.« 

» Was willst du dagegen machen? « 

»Ich schenke sie dir; dann bin ich sie los, und du erfahrst, was fur Gedanken darunter wohnen. Uebrigens 
habe ich ja zugegeben, daB die Ansicht unsers Greenhorns gar keine so ilble ist; nur hatte er den zehn 
Apachen, welche die Berge auf der andern Seite zu umreiten haben, auch ein solches schones PferdefuBbild 
mitgeben sollen.« 

»Ich habe dies nicht getan, weil ich es fur unnotig hielt,« antwortete ich. 

»Unnotig? - Warum?« 

»Weil es ihnen nicht zuzutrauen ist, eine Hufspur mit dieser Zeichnung zu vergleichen. Sie sind doch 
immerhin Wilde, denen man eine Zeichnung vergeblich in die Hande geben wilrde. Und sodann bin ich 
ilberzeugt, daB sie gar nicht auf Santers Fahrte treffen werden.« 

»Und ich behaupte das Gegenteil. Nicht wir, sondern sie werden sie finden. Es versteht sich ja ganz von 
selbst, daB Santer westwarts reiten wird.« 

»Das halte ich gar nicht fur so selbstverstandlich« 

»Nicht? Seine Richtung, als wir ihn trafen, war ja nach Westen; das ist sie jetzt nun wieder.« 

»Schwerlich. Er ist ein durchtriebener Kerl, wie ich aus seinem spurlosen Verschwinden ersehe, und wird 
sich also sagen, daB wir den Gedanken haben werden, den Ihr jetzt ausgesprochen habt. Das heiBt, er wird 



denken, daB wir ihn westwarts suchen, weil er bei unserer Begegnung nach Westen wollte. Aus diesem 
Grunde wird er sich nach einer andern Richtung, wahrscheinlich ostwarts, retirieren. Das ist doch leicht 
einzusehen.« 

»Wenn Ihr es in dieser Weise sagt, so ist es freilich leicht einzusehen. Wollen nur hoffen, daB es zutrifft.« 

Nun gaben wir unsern Pferden die Sporen und jagten tlber die Prarie dahin, so reitend, daB wir die 
verhangnisvollen Berge stets zur linken Hand liegen hatten. Natilrlich suchten wir es so einzurichten, daB 
wir immer auf weichem Boden ritten, wo Santer, wenn er dagewesen war, eine deutliche Spur hatte 
zurticklassen milssen. Dabei waren unsere Augen stets zur Erde gerichtet; denn je schneller wir ritten, desto 
scharfer muBten wir aufpassen. weil die Fahrte uns sonst entgehen konnte 

So verging eine Stunde und noch eine halbe, und wir hatten unsern Halbkreis um die Berge fast zu Ende 
gebracht, da endlich bemerkten wir einen dunkeln Strich, welcher vor unserer Richtung quer durch das 
Gras lief. Es war eine Fahrte, und zwar die Spur eines einzelnen Reiters, also sehr wahrscheinlich die, 
welche wir suchten. Wir stiegen ab, und ich schritt eine Strecke ihr entlang, um einen recht deutlichen 
Eindruck zu finden. Als mir dies gltickte, verglich ich ihn genau mit der Zeichnung, und beide waren 
einander so kongruent, daB es Santer ohne alien Zweifel gewesen sein muBte. 

»So eine Zeichnung ist wirklich auBerordentlich praktisch.« meinte Sam. »Werde mir das merken.« 

»Ja, merke es dir!« stimmte Parker bei. »Und merke dir noch Eins recht gut dazu!« 

»Was?« 

»DaB es schon so weit gekommen ist, daB der Lehrer, der du ja gewesen sein willst, nun von seinem 
Schiller lernt!« 

» Willst mich wohl argern, alter Will? Das wird dir nicht gelingen, hihihihi!« lachte Sam. »Es ist doch wohl 
eine Ehre fur den Lehrer, wenn er den Schiller so weit bringt, daB dieser schlieBlich kltlger und geschickter 
als der Lehrer ist. Mit dir freilich muB man auf solche Erfolge gleich von vornherein verzichten. Wie viele, 
viele, lange Jahre habe ich mich bemtiht, einen Westmann aus dir zu machen, und es ist alles vergeblich 
gewesen. Du wirst in deinen alten Tagen nichts verlernen konnen, weil du in den jungen Tagen nichts 
gelernt hast.« 

»WeiB schon! Mochtest mich gern ein Greenhorn nennen, weil du ohne dieses Wort nicht leben kannst und 
unserm Old Shatterhand nicht mehr damit kommen darfst.« 

»Bist auch eins, und was flu ems' Namhch ein .'.sites welches sich vor diesem jungen hier zu schamen hat, 
weil dieses dem alten schon weit tiberlegen ist, wenn ich mich nicht irre.« 

Trotz dieses Wortgefechtes stimmten wir darin uberein, daB die Fahrte Santers nicht viel ilber zwei Stunden 
alt war. Wir waren ihr gern sogleich gefolgt, muBten aber auf die zehn 

Apachen warten. Das dauerte leider drei Viertelstunden. Ich schickte einen von ihnen zu Winnetou, um 
diesen wissen zu lassen daB wir die Spur gefunden hatten; er konnte bei ihm bleiben; dann ritten wir, nun 
in ostlicher Richtung. weiter 

Wir hatten in dieser vorgeruckten Jahreszeit nicht mehr ganz zwei Stunden bis zum Abende und muBten 
uns sehr beeilen. Es gait, bis zur Dunkelheit eine moglichst groBe Strecke zurilckzulegen, weil wir dann bis 
zum Morgen warten muBten. Wir konnten doch nicht reiten, ohne die Spur zu sehen. 

Dagegen war als ganz gewiB anzunehmen, daB Santer den Abend und wohl auch die Nacht dazu beniltzen 



werde, uns recht weit vorauszukommen, denn daB man ihn verfolgen werde, das muBte er sich doch 
unbedingt sagen. Wir hatten dann morgen einen heiBen Ritt vor uns, welcher dadurch erschwert und 
verlangsamt wurde, daB wir auf die Fahrte achten muBten, wahrend er eine solche Verzogerung nicht notig 
hatte. Glilcklicherweise muBte er, wenn er wahrend der Nacht ritt, dann friih ermildet sein und nicht nur 
sich, sondern noch viel mehr seinem Pferde eine langere und ausgiebige Ruhe gonnen, ein Umstand, 
welcher den Unterschied so ziemlich ausglich. 

Die von Winnetou und seinem Vater Nuggetberge genannten Hohen verschwanden schnell hinter uns, und 
wir hatten nun immerfort die ebene Prarie vor uns, welche erst strauchig war und dann nur Rasen, erst noch 
grunen und spater verdorrten, zeigte. Die Spur war sehr deutlich zu sehen, denn Santer war meist scharf 
geritten, und so hatten die Hufe seines Pferdes deutliche Eindrticke hinterlassen. 

Als es zu dunkeln begann, stiegen wir ab und folgten der Spur, die wir im Gehen deutlicher als reitend 
sahen, noch so lange, bis sie gar nicht mehr zu erkennen war. Da blieben wir halten, glilcklicherweise an 
einer Stelle, wo das Gras wieder einmal einiges Griln zeigte. Da konnten die Pferde fressen. Wir hilllten 
uns in Decken und legten uns gleich so nieder, wie wir standen. 

Die Nacht war sehr kilhl, und ich bemerkte, daB meine Begleiter deshalb oft aufwachten. Ich hatte ohnedem 
nicht schlafen konnen. Der gewaltsame Tod Intschu tschunas und seiner Tochter hielt mir die Augen often, 
und wenn ich sie ja einmal schloB, so sah ich ihre Gestalten in der Blutlache vor mir liegen und horte 
Nscho-tschis letzte Worte. Nun machte ich mir Vorwilrfe darilber, daB ich nicht freundlicher mit ihr 
gewesen war und mich in jenem Gesprach mit ihrem Vater nicht anders ausgedrtickt hatte. Es war mir, als 
ob ich sie dadurch in den Tod getrieben hatte. 

Gegen Morgen wurde es noch kalter, und ich stand auf, um mich durch Hin- und Hergehen zu erwarmen. 
Sam Hawkens merkte das und fragte: 

»Friert Euch wohl, verehrter Sir? Hattet eine Warmflasche mit nach dem Westen bringen sollen. 
Greenhorns pflegen sich doch gern mit solchen Sachelchen zu versehen. Da lobe ich mir meinen alten 
Rock; kann kein Indianerpfeil und auch keine Kalte hindurch. Soil ich ihn Euch borgen, hihihihi?« 

Wegen dieser unangenehmen Kilhle waren alle schon vor der Morgendammerung munter, und kaum 
konnten wir die Fahrte nur einigermaBen wieder erkennen, so saBen wir auf und setzten den Ritt fort. 
Unsere Pferde hatten ausgeruht und des Nachts wohl auch gefroren; sie griffen daher, weil sie das 
erwarmte, wacker aus, ohne daB wir sie anzutreiben brauchten. 

Noch immer hatten wir Prarie; sie wurde wellig. Auf den Wellenhohen war das Gras trocken und hart, in 
den Wellentalern mehr griln und auch weicher. Ja, es gab da zuweilen eine Wasserlache, wo wir anhielten 
und unsere Tiere trinken lieBen. 

Wahrend die Spur bisher eine fast genau ostliche Richtung gehabt hatte wendete sie sich zur Mittagszeit 
mehr stidlich. Als Hawkens dies bemerkte, machte er ein bedenkliches Gesicht. Ich fragte ihn nach der 
Ursache und erhielt die Antwort: 

» Wenn es so ist, wie ich vermute, werden unsere Bemtihungen wahrscheinlich vergeblich sein.« 

»Aus welchem Grunde?« 

»Der Kerl ist pfiffig. Er scheint sich zu den Kiowas wenden zu wollen.« 

»Das wird er doch nicht tun! « 

»Warum nicht? Soil er etwa Euch zuliebe mitten in der alten Prarie stehen bleiben und sich beim Schopfe 



nehmen lassen? Was Ihr denkt! Er tut sein Moglichstes, sich zu retten. Er hat jedenfalls die Augen often 
gehabt und gesehen, dafl unsere Pferde besser waren als die seinigen. Darum vermutet er, daB wir ihn wohl 
bald einholen werden, und ist auf den ganz guten Gedanken gekommen, bei den Kiowas Schutz zu 

suclien « 

»Ob ihn diese aber freundlich aufnehmen werden? « 

»Daran ist keinen Augenblick zu zweifeln. Er braucht bloB zu erzahlen, daB er Intschu tschuna und Nscho- 
tschi erschossen hat, da jubeln sie ihm zu. Wollen uns recht dazuhalten, daB wir vielleicht noch vor Abend 
anihnkommen.« 

»Wie alt schatzt Ihr die heutige Fahrte?« 

»Darauf kommt es nicht an. Diese hier hat er in der Nacht geritten. Milssen warten, bis wir dahin kommen, 
wo er gelagert hat. Dann wollen wir sehen, wie alt seine neue, seine heutige Spur ist. Je langer er ausgeruht 
hat, desto ehei werden wir ihn einholen.« 

Gegen Mittag zeigte es sich, wo Santer Halt gemacht hatte. Man sah, daB sich sein Pferd niedergelegt hatte; 
es war sehr miide gewesen; das hatten wir schon bisher den Spuren angesehen. Wahrscheinlich war er nicht 
weniger angegriffen gewesen, derm wir schatzten seine neue Spur unter zwei Stunden alt; er mochte langer 
geschlafen haben als ei gewollt hatte. Der Vorsprung, den er durch den Nachtritt gewonnen hatte, war also 
eingeholt; ja, wir waren ihm jetzt wohl eine halbe Stunde naher als gestern beim Beginn der Verfolgung. 

Seine Spur strebte nun noch mehr nach Silden. Er schien das Gebiet des Canadian verlassen und sich dem 
Red River nahern zu wollen. Wir lieBen unsere Pferde nur von Zeit zu Zeit verschnaufen, derm wir nahmen 
uns vor, ihn, wenn nur irgend moglich, noch vor Abend einzuholen. 

Am Nachmittage hatten wir wieder grilne Prarie, und spater trafen wir sogar Buschwerk an. Nach der 
sorgfaltigsten Beurteilung der Fahrte konnte der Vorsprung nun nur noch eine halbe Stunde betragen. Vor 
uns farbte sich der Horizont dunkel. 

»Das ist Wald,« erklarte Sam. »Ich vermute, daB wir auf ein NebenfluBchen des Nordarmes stoBen. Wollte, 
wir hatten noch langer Prarie; das ware besser fur uns.« 

Freilich ware dies besser gewesen, derm auf der Savarme sah man alles vor sich, wahrend man im Walde 
leicht auf einen 

Hinterhalt stoBen konnte. Und bei der Eile, nut welchei wir ritten. war es unmoglich, das Terrain zu 
untersuchen, bevor wir es betraten. 

Sam hatte Recht. Es gab einen kleinen FluB, der aber kein flieBendes Wasser fiihrte, sondern nur hier und 
da welches in einer Vertiefung zeigte. An den Ufern standen Bilsche und Baume, doch gab dies keinen 
eigentlichen Wald, sondern nur, um mich so auszudrilcken, groBere oder kleinere Baumgruppen, welche in 
verschiedenen Intervallen an den Ufern lagen. 

Kurz vor Abend waren wir dem Verfolgten so nahe, daB er jeden Augenblick vor uns auftauchen konnte. 
Das machte uns eifriger, als wir bisher gewesen waren. Ich ritt allein voran, weil mein Rotschimmel sich 
am besten gehalten und seine Krafte noch beisammen hatte. Auch folgte ich, wenn ich mich so an der 
Spitze hielt, einem innern Triebe. Ich hatte die Ermordeten vor mir liegen sehen und wollte den Morder 
haben. Es war nicht das, was man mit Grimm, mit Durst nach Rache bezeichnet, aber doch ein dringendes 
Verlangen, den Morder bestraft zu sehen. 

Wir ritten wieder durch eine jener Baumgruppen, welche am linken Ufer des FlilBchens lag. Als ich, den 



andern voran, die letzten Baume erreichte, sah ich, daB die Fahrte rechts ab, hinunter in das wasserleere 
Bette filhrte. Ich hielt einen Augenblick an, urn dies den hinter mir Herankommenden mitzuteilen, und dies 
war ein Glilck fur uns, denn als ich, einige Augenblicke auf sie wartend, dem FluBbette mit meinen Augen 
folgte, machte ich eine Entdeckung, welche rnich veranlaBte, schleunigst vom Rande des Waldchens 
zurilckzuweichen und mich zu verstecken. 

Wenn man von diesem Waldchen aus nur funfhundert Schritte zu FuBe ging, kam man wieder an ein 
Waldchen, welches aber druben auf dem rechten Ufer lag. Vor demselben tummelten Indianer ihre Pferde. 
Ich sah Pfahle in der Erde stecken, welche mit Riemen verbunden waren, an denen Fleisch hing. Ware ich 
nur noch eine Pferdelange weitergeritten, so hatten mich die Roten gesehen. Ich stieg vom Pferde und 
zeigte unsern Leuten die vor uns liegende Szene. 

»Kiowas!« sagte einer der Apachen. 

»Ja, Kiowas,« stimmte Sam ihm bei. »Der Teufel muB diesen Santer sehr lieb haben, daB er ihn noch im 
letzten Augenblicke diese Hilfe finden laBt. Ich streckte schon alle zehn Finger nach ihm aus; aber er soil 
uns trotzdem nicht entgehen.« 

»Es ist keine starke Abteilung der Kiowas,« bemerkte ich. 

»Hm! Wir sehen nur die, welche sich diesseits der Baume befinden; jenseits derselben gibt es jedenfalls 
auch welche. Sind auf der Jagd gewesen und machen nun hier ihr Fleisch.« 

»Was tun wir, Sam? Kehren wir um, um uns moghchst weit zuruckzuziehen?« 

»Fallt mir nicht ein! Wir bleiben hier.« 

» Aber das ist gefahrlich! « 

»Gar nicht !« 

»Wie leicht kann ein Roter hierher kommen!« 

»Fallt keinem ein. Erstens befinden sie sich druben am andern Ufer, und zweitens wird es gleich dunkel 
werden; da entfernen sie sich nicht mehr aus ihrem Lager. « 

»Aber je groBer die Vorsicht, desto besser!« 

»Und je groBer die Angst, desto greenhornlicher! Ich sage Euch, daB wir vor diesen Kiowas so sicher sind 
als ob wir uns in New York befanden. Die denken nicht daran, hierher zu kommen; aber wir werden zu 
ihnen gehen. Ich muB diesen Santer haben und wenn ich ihn aus tausend Kiowas herausholen muBte!« 

»Ihr seid heut das, was Ihr immer an mir tadelt, namlich unvorsichtig!« 

»Wie? Was? Unvorsichtig? - Sam Hawkens und unvorsichtig! Da muB ich lachen, hihihihi! Das hat mir 
noch kein Mensch vorgeworfen! Sir, Ihr habt doch sonst keine Angst und geht sogar dem Grizzly mit dem 
Messer zu Leibe; warum da heut diese Bangigkeitk 

»Es ist nicht Bangigkeit, sondern Vorsicht. Wir befinden uns zu nahe bei den Feinden.« 

»Zu nahe? Lacherlich! Ich denke sogar. daB wir ihnen noch naher rticken werden. Wartet nur bis es dunkel 

ist.« 



Er war heut anders als gewohnlich Der Tod der "schonen, lieben, guten, roten MiB" hatte ihn so emport, 
daB er nach Rache lechzte. Die Apachen gaben ihm recht; Parker und Stone stimmten ihm auch bei, und so 
konnte ich nichts dagegen tun. Wir banden unsere Pferde an und setzten uns nieder, um den Anbruch der 
Dunkelheit zu erwarten. 

Ich muB freilich gestehen, daB die Kiowas sich so bewegten, als ob sie sich vollig sicher fuhlten. Sie ritten 
oder liefen auf dem offenen Plane umher, riefen einander zu, kurz und gut, taten so unbefangen, als ob sie 
sich daheim in ihrem sichern, gut bewachten Indianerdorfe befanden. 

»Seht Ihr, wie ahnungslos sie sind!« sagte Sam. »Bei denen gibt es heut keinen einzigen argen Gedanken.« 

» Wenn Ihr Euch nicht irrt! « 

» Sam Hawkens irrt sich nie! « 

»F 'shawl Ich konnte Euch das Gegenteil beweisen. Ich habe etwas in mir wie eine Ahnung, daB sie sich 
verstellen.« 

»Ahnung! Alte Squaws haben Ahnungen, sonst niemand. Merkt Euch das, verehrter Sir! Welchen Zweck 
konnte es derm haben, sich zu verstellen?« 

»Um uns anzulocken.« 

»Das ist ganz unnotig, denn wir werden auch ohne Lockung kommen.« 

»Ihr nehmt doch an, daB Santer bei ihnen ist?« 

»Natilrlich. Als er hier an diese Stelle kam, hat er sie gesehen und ist ilber das leere FluBbette hinilber zu 

»Und denkt Ihr, daB er ihnen erzahlt hat, was geschehen ist und warum er Schutz bei ihnen sucht?« 

»Welche Frage! Es versteht sich ganz von selbst, daB er ihnen das gesagt hat.« 

»So hat er ihnen auch mitgeteilt, daB seine Verfolger ihm wahrscheinlich sehr nahe seien.« 

»Meinetwegen auch das.« 

»Dann wundert es mich, daB sie so gar keine VorsichtsmaBregeln getroffen haben.« 

»Ist gar nicht zu verwnndern [verwundern] . Sie halten es einfach fur unmoglich, daB die Nahe, von welcher 
Ihr redet, eine so bedeutende ist, und erwarten uns wohl erst morgen. Sobald es dunkel genug ist, schleiche 
ich mich hinilber und sehe mir die Gelegenheit an. Dann wird sich finden, was wir tun. Ich muB diesen 
Santer haben! « 

»Nun gut, so gehe ich mit!« 

»Ist nicht notig.« 

»Ich halte es fur sehr notig « 



» Wenn Sam Hawkens auf Kundschaft geht, so braucht er keinen Gebilfen. Ich nehme Euch nicht mit. Ich 
kenne Euch und Eure zwecklose Humanitat. Wahrscheinlich wollt Ihr diesem Morder das Leben erhalten.« 

»Fallt mir nicht im Traume ein!« 

»Verstellt Euch nicht! « 

»Ich spreche so, wie ich denke. Auch ich will diesen Santer haben; ich will ihn lebendig fangen, um ihn 
Winnetou zu bringen. Und sobald ich sehe, daB dies unmoglich ist, daB ich ihn lebend nicht bekommen 
kann, so gebe ich ihm eine Kugel in den Kopf. Darauf konnt Ihr Euch verlassen.« 

»DaB ist es eben: eine Kugel in den Kopf! fhi wollt nicht, daB er gemartert werden soil. Auch ich bin ein 
Feind von solchen Hinrichtungen; diesem Schurken aber gonne ich einen solchen qualvollen Tod von 
ganzem Herzen. Wir fangen ihn und bringen ihn Winnetou. MuB nur erst wissen, wie viel Kiowas es sind; 
derm daB es mehr sind, als sich uns hier zeigen, das ist ausgemacht.« 

Ich zog es vor, zu schweigen, denn seine Worte hatten die Apachen miBtrauisch gemacht. Sie wuBten, daB 
ich mir fur Rattler Milhe gegeben hatte, und so lag fur sie der Gedanke nahe, daB ich jetzt eine ahnliche 
Absicht hege. Ich tat also, als ob ich mich in Sams Willen fiige, und streckte mich neben mein Pferd auf die 
Erde nieder. 

Die Sonne war schon langere Zeit verschwunden, und nun senkte sich die Dammerung nieder. Drilben bei 
(ien Kiowas wurden mehrere Feuer angezilndet. Die Flammen derselben loderten hoch empor. Dies ist gar 
nicht Gebrauch bei den vorsichtigen Roten, und so setzte sich in mir der vorhin ausgesprochene Gedanke 
fester, daB sie es darauf abgesehen hatten, uns anzulocken. Wir sollten glauben, daB sie von unserm 
Hiersein nichts ahnten, und auf die Idee kommen, sie zu ilberfallen; taten wir dies, so liefen wir ihnen in die 
geoffneten Hande. 

Wahrend ich m ni>lili lit. ire tnu J hiitte ich eiii Geriiusch vernommen. welches von keinem von 
uns verursacht worden war; es war hmter mir, wo niemand von uns lag, weil ich den auBersten Platz 
eingenommen hatte. Ich lauschte und das Gerausch wiederholte sich; ich horte es deutlich und unterschied 
es genau. Es war ein leises Bewegen zaher Ranken, an denen dilrre Blatter hingen ungefahr so, wie wenn 
man einige Halme aus einem Strohbilndel zieht. Es war nicht die Bewegung eines glatten Zweiges, 
sondern, wie gesagt, einer Ranke, und diese muBte Stacheln oder Dornen haben, denn das Gerausch war in 
einzelnen Rucken geschehen, von Stachel zu Stachel verursacht worden. 

Dieser Umstand sagte mir sofort, wo ich die Ursache zu suchen hatte. Namlich hinter mir gab es zwischen 
drei einander nahestehenden Baumen ein Brombeergestraucb von welchem eine Ranke bewegt worden 
sein muBte. Es konnte ein kleines Tier da stecken, aber unsere Lage riet zur Vorsicht. Es konnte auch ein 
Mensch sein, und das muBte ich untersuchen, muBte es sehen. Sehen? In dieser Dunkelheit? Ja, doch! 

Ich habe gesagt, daB drilben bei den Kiowas hohe Feuer loderten. Sie konnten ihren Schein zwar nicht 
heruberwerfen, aber ich muBte jeden Gegenstand sehen, den ich zwischen sie und mein Auge brachte. Dies 
konnte ich mit der Brombeerhecke dadurch erreichen, daB ich die andere Seite derselben aufsuchte, was 
aber unbemerkt zu geschehen hatte. Ich stand also von meinem Platze auf und schlenderte langsam fort, 
nicht nach der Richtung, in welche ich eigentlich wollte. Als ich w eit genug weg war wendete ich mich um 
und naherte mich dann dem Waldchen von der richtigen Seite. Nahe herangekommen, legte ich mich nieder 
und kroch leise, leise nach der Beerenhecke, welche ich, sogar unbemerkt von meinen Leuten, erreichte. 
Sie lag grad vor mir; ich konnte sie mit der Hand erreichen, und in derselben Richtung brannten drilben die 
Feuer. Ich konnte durch einige wenige Stellen blicken sonst aber war die Hecke zu dicht. Da - ja, wirklich, 
da gab es wieder das erwahnte Gerausch, und zwar nicht in der Mitte, sondern an der Seite der Hecke. Ich 
rutschte dorthin und sah nun freilich das, was ich geahnt hatte. 

Es hatte ein Mensch, ein Indianer, in der Hecke gesteckt und wollte sich nun entfernen. Dies muBte 



natilrlich ein Gerausch ^ r-j 1 1 ichen \velche ej niJ vei cluedene eif.J' nude zu verteilen trachtete, und er 
brachte dies in wahrhaft meisterhafter Weise fertig, denn anstatt eines einzigen lauten Raschelns gab es nun 
von Minute zu Minute nur ein leises, strohartiges Knistern, welches nur von mir gehort worden war, weil 
ich so nahe gelegen hatte. Das schwere Kunststilck war ihm beinahe gelungen. Sein ganzer Korper befand 
sich schon im Freien, und nur die eine Schulter mit dem Arme, der Hals und der Kopf steckten noch in der 
Hecke. 

Ich kroch zu ihm hinan, so daB ich hinter seinem Rticken lag. Er befreite sich mehr und mehr. Er bekam die 
Schulter frei, den Hals, den Kopf und hatte nun nur noch den Arm herauszuziehen. Da richtete ich mich auf 
die Kniee empor, faBte mit der Linken seinen Hals und hieb ihm die rechte Faust zwei-, dreimal an den 
Kopf; da lag er still. 

» Was war das?« fragte Sam. »Habt ihr nichts gehort?« 

»01d Shatterhands Pferd stampfte,« antwortete Dick. 

»Er ist fort. Wo er sein mag? Er wird doch keine Dummheiten machen! « 

»Dummheiten? Der? Der hat noch keine gemacht und wird auch niemals welche machen.« 

»Oho! Er ist imstande und sucht die Kiowas heimlich auf, um sie zu alarmieren und diesem Santer das 
Leben zu erhalten! « 

»Nein, das tut er nicht. Lieber erwiirgt er den Morder, als daB er ihn entkommen laBt. Der Tod der beiden 
Ermordeten ist ihm riesig nahe gegangen; das muBt du ihm doch angesehen haben.« 

»Mag sein. Aber ich nehme ihn nicht mit, wenn ich nachher die Kiowas beschleiche; er kann mir auch gar 
nichts dabei niltzen. Ich will die Kerls zahlen und die Oertlichkeit sehen; dann laBt es sich bestimmen, wie 
wir angreifen mtissen. Er macht seine Sache als Greenhorn oft ganz gut, aber sich bei solchen 
Feuerflammen dem Lager der Kiowas zu nahern, das bringt er doch nicht fertig. Diese Kerls wissen, daB 
wir kommen; sie sind also vorsichtig und werden die Ohren so spitzen, daB nur ein alter Westmann an sie 
kommen kann; ihn aber wilrden sie gewiB sehen und auch horen.« 

Da stand ich auf, trat schnell zu ihm und sagte:»Da irrt Ihr, lieber Sam. Ihr glaubt mich fort, und ich bin 
doch da. Verstehe ich es also oder nicht, mich anzuschleichen?« 

»Alle Wetter! « antwortete er. »Ihr seid wirklich da? Man hat Euch doch gar nicht bemerktk 

»Das ist ein Beweis, daB Euch das mangelt, was mir nach Euern Worten mangeln soil. Es sind ilberhaupt, 
ohne daB Ihr es wiBt, noch ganz andere Leute da als ich.« 

»Wer denn, wer? - Wen meint Ihr?« 

»Geht hin zu den Brombeeren dort; da werdet Ihr ihn sehen, Sam!« 

Er stand auf und folgte meiner Weisung; die andern taten nach seinem Beispiele. 

»Hallo!« rief er aus. »Da liegt ein Kerl, ein Indianer! Wie kommt der hierher?« 

»Das laBt Euch von ihm selbst sagen!« 

»Eristjatot!« 



»Nein. Ich habe ihn nur betaubt.« 

»Wo denn? Doch nicht etwa hier? Ihr waret fort. Ihr habt ihn irgendwo ilberrascht, ihm einen Eurer 
Jagdhiebe gegeben und ihn dann hierher gebracht.« 

»Das denkt nicht! Er lag hier in den Brombeeren versteckt, und ich habe ihn bemerkt. Als er heraus wollte, 
um sich davonzuschleichen, gab ich ihm den Hieb. Ihr habt diesen Hieb auch gehort, denn Ihr fragtet 
danach, und er wurde fur ein Stampfen meines Pferdes gehalten.« 

»Alle Teufel, das stimmt! Er ist also wirklich dagewesen, hat im Busche gesteckt und alles gehort, was wir 
gesprochen haben. Welch ein Unheil fur uns, wenn es ihm gelungen ware, unbemerkt fortzukommen! Wie 
gut, daB Ihr ihn unschadlich gemacht habt! Bindet und knebelt ihn, wenn ich mich nicht irre! Aber warum 
ist er nicht drilben bei seinen Leuten? Was hat er hier zu tun gehabt? Er mufl doch eher dagewesen sein als 
wir?« 

»Ihr sprecht solche Fragen aus und nennt andere Leute Greenhorns? Das sind doch so recht eigentliche 
Greenhornsfragen! Naturlich ist er eher dagewesen als wir. Die Kiowas wuBten, daB wir kommen; sie 
nahmen an, daB wir der Spur 

Santers folgen und also hier erscheinen wtirden. Sie wollten uns empfangen, und um den richtigen 
Zeitpunkt nicht zu versaumen, stellten sie hier einen Posten aus, der sie benachrichtigen sollte. Aber weil 
wir zu schnell ritten oder weil er grad nicht gut aufpaBte oder aber weil er grad hier ankam, als wir auch 
kamen, haben wir ihn ilberrascht, so daB er sich in die Brombeeren verstecken muBte.« 

»Er hatte doch fliehen konnen, hinuberfliehen zu den Seinen! « 

»Dazu land er keine Zeit, denn wir hatten ihn noch laufen sehen und also erraten milssen, daB die Kiowas 
von uns wuBten und von ihm gewarnt worden seien. Es ist auch moglich, daB er von vornherein 
entschlossen war, sich hier zu verstecken, um uns zu belauschen.« 

»Dies ist alles ganz gut und moglich. Mag es nun sein, wie es will, es ist ein Gluck, dafi wir ihn erwischt 
haben. Nun wird er beichten und alles gestehen mussen.« 

»Er wird sich hilten, etwas zu sagen. Ihr bringt iiichts aus ihm heraus. « 

»Kann sein. Es ist auch gar nicht notig, daB wir uns Muhe mit ihm geben. Wir wissen doch ohnedem, 
woran wir sind, und was ich noch nicht weiB, das werde ich bald erfahren, denn ich gehe jetzt hinuber.« 

»Um vielleicht nicht wieder heruberzukommen! « 

» Warum? « 

»Weil Euch die Kiowas behalten werden. Ihr habt ja selbst gesagt, daB es bei diesen vielen groBen und 
hellen Feuern sehr schwer sei, sich anzuschleichen.« 

»Ja, fur Euch, fur mich aber nicht. Darum wird es so, wie ich Euch gesagt habe: ich gehe hinuber, und Ihr 
bleibt da.« 

Er sagte das in einem so bestimmten, gebieterischen Tone, daB ich ihm nun denn doch entgegnete: 

»Ihr seid heute ganz ausgewechselt. Sam. Ihr glaubt doch nicht etwa, mir Befehle erteilen zu konnen? Oder 
solltet Ihr doch?« 



»Natilrlich glaube ich das.« 

»Nun, da muB ich Euch in aller Freundschaft sagen, daB Ihr Euch irrt. Als Surveyor stehe ich ilber Euch, 
derm Ihr seid uns nur als Sicherheitswache zukommandiert gewesen. Sodann wiBt Ihr, daB ich unter 
Zustimmung des ganzen 

Stammes von Intschu tschuna zum Hauptling erklart worden bin. Ihr mogt also Eure Stellung zu mir von 
w elcher Seite betrachten, wie Ihr wollt, so stehe ich ilber Euch und bin es, der zu befehlen hat.« 

»Mir hat kein Hauptling etwas zu sagen,« behauptete er. »Und auBerdem bin ich ein alter Westmann, 
wahrend Ihr ein Greenhorn und mein Schiller seid. Das solltet Ihr nicht vergessen, wenn Ihr nicht fur 
undankbar gehalten werden wollt. Es bleibt dabei: Ich gehe jetzt, und Ihr bleibt hier!« 

Er ging wirklich. Die Apachen murrten ilber ihn, und auch Stone meinte verdrossen: 

»Er ist heut wirklich ganz anders als sonst. Euch Undankbarkeit vorzuwerfen! Wir sind es doch, die sich 
bei Euch zu bedanken haben, derm ohne Euch lebten wir nicht mehr. Hat er Euch derm auch einmal das 
Leben gerettet! « 

»LaBt ihn! « antwortete ich. »Er ist ein kleiner, prachtiger Kerl, und grad sein heutiges Auftreten spricht fur 
ihn. Es ist die Wut ilber Intschu tschunas und Nscho-tschis Tod. Gehorchen werde ich ihm allerdings nicht. 
Ich gehe jetzt auch. In der Aufregung, in welcher er sich befindet, kann er sich leicht zu etwas hinreiBen 
lassen, was er bei gewohnlicher Stimmung vermeiden wiirde. Bleibt hier, bis ich wiederkomme, und selbst 
wenn Ihr Schtlsse horen solltet, geht Ihr nicht vom Platze. Nur darm, wenn Ihr meine Stimme hort, welche 
bis hierher zu vernehmen ist, kommt Ihr mir zu Hilfe.« 

Ich lieB meinen Barentoter liegen, ebenso wie Sam seine alte Liddy dagelassen hatte, und entfernte mich. 
Ich hatte bemerkt, wie Hawkens gleich von uns weg durch das FluBbett gegangen war; er wollte sich also 
von drtlben anschleichen. Ich hielt dies fur falsch und beabsichtigte, es anders und besser zu machen. Die 
Kiowas wuBten, daB wit fluBaufwarts von ihnen zu suchen waren, und richteten also ihre Aufmerksamkeit 
ganz besonders dorthin; darum handelte Hawkens sehr falsch, indem er sich von dorther annahern wollte. 
Ich dagegen nahm mir vor, von der entgegengesetzten Seite zu kommen. 

Darum ging ich am diesseitigen Ufer abwarts, doch so weit von demselben, daB mich der Schein der 
jenseits brennenden Feuer nicht treffen konnte, bis das Waldchen drtlben zu Ende war. Da unten war kein 
Feuer angeztlndet worden, und die Baume hielten den Lichtschein ab. Es war hier also so dunkel, daB ich 
unbemerkt hinunter in das FluBbett und jenseits wiedei hinaufgelangen konnte. Nun befand ich mich unter 
den Baumen, legte mich nieder und kroch vorwarts. Es brannten acht Feuer. So viele wurden nicht 
gebraucht, derm ich zahlte nur gegen vierzig Indianer; sie waren also nur angebrarmt, um uns zu zeigen, wo 
die Kiowas lagerten. 

[Illustration Nr. 19: Das Lager der Kiowas] 

Diese saBen unter den Baumen in verschiedenen Gruppen beisammen und hatten ihre Gewehre schuBfertig 
in den Handen. Wehe uns, wenn wir so unvorsichtig gewesen waren, in die uns gestellte Falle zu laufen! 
Diese war ilbrigens eine so bemerkbar und dumm gelegte, daB nur ganz unerfahrene Menschen in dieselbe 
hatten gehen konnen. Die Pferde der Roten sah ich drauBen auf der freien Prarie weiden. 

Ich hatte gar zu gern eine der Gruppen belauscht, womoglich die, bei welcher sich der Anfiihrer befand, 
weil dort sicherer zu horen war, was ich wissen wollte. Aber wo war der Anfiihrer zu suchen? Jedenfalls 
bei der Gruppe, bei welcher auch Santer saB; so sagte ich mir. Also schob ich mich von Baum zu Baum, um 
den letzteren zu entdecken. 



Nach einigem Suchen sah ich ihn; er saB mit vier Indianern zusammen, von denen allerdings keiner das 
Abzeichen der Hauptlingswiirde trug; das war auch gar nicht notig, denn nach den Gebrauchen der Roten 
muBte der Aelteste dieser vier der Anfiihrer sein. Leider konnte ich mich nicht so nahe hinwagen, wie ich 
gern wollte, denn es gab kein Unterholz, in dem ich Schutz und Deckung gefunden hatte. Aber einige 
Baume standen so, daB ihr Gesamtschatten mir eine, wenn auch nur zweifelhafte Sicherheit bot. Da acht 
Feuer brannten, warf jeder Baum mehrere Schatten, Halbschatten, welche hin und her zitterten und dem 
Innern des Waldchens ein gespenstisches Aussehen verliehen. 

Zu meiner Freude sprachen die Roten nicht leise, sondern laut miteinander, denn es lag doch nicht in ihrer 
Absicht, heimlich zu tun; wir sollten sie nicht nur sehen, sondern auch horen. Ich erreichte den erwahnten 
Schatten und blieb dort liegen, vielleicht zwolf Schritte von Santers Gruppe entfernt. Es war kein geringes 
Wagnis von mir, da ich von den andern Roten viel leichter als von dieser Gruppe aus entdeckt werden 
konnte 

Ich horte, daB Santer das groBe Wort hatte. Er erzahlte von dem Nuggetberge und forderte die Roten auf, 
mit ihm dorthin zu ziehen und den Schatz zu heben. 

» WeiB mein weiBer Bruder den Ort, an dem er zu finden ist?« fragte der alteste der vier Indianer. 

»Nein. Wir wollten ihn erfahren, aber die Apachen kamen zu schnell zurilck. Wir glaubten, sie wilrden sich 
so lange verweilen, daB wir sie belauschen konnten.« 

»Dann ist alles Suchen vergeblich. Es konnen zehnmal hundert Mann hingehen, um nachzuforschen; sie 
werden nichts finden. Die roten Manner verstehen es sehr gut, solche Stellen vollig unkenntlich zu machen. 
Aber da mein Bruder den groBten unserer Feinde und seine Tochter erschossen hat, so werden wir ihm den 
Gefallen tun, spater mit ihm hinzureiten und ihm suchen helfen. Vorher aber mtissen wir deine Verfolger 
fangen und dann auch Winnetou to ten. « 

» Winnetou? - Der wird doch bei ihnen sein! « 

»Nein, denn er darf nicht von seinen Toten fort und wird auch die groBere Halfte seiner Krieger bei sich 
behalten. Die kleinere Halfte ist dir nach und wird von Old Shatterhand, dem weiBen Hunde, angefuhrt 
welcher unserm Hauptlinge die Knie zerschmettert hat. Diese Schai werden wir heute iiberwaltigen.« 

»Dann reiten wir nach dem Nuggetberge, um Winnetou kalt zu machen und nach dem Golde zu suchen! « 

»Das ist nicht so moglich, wie mein Bruder denkt. Winnetou hat seinen Vater und seine Schwester zu 
begraben, wobei er nicht gestort werden darf, denn der groBe Geist wtirde uns dies nie verzeihen. Aber 
dann, wenn er fertig ist, iiberfallen wir ihn. Er wird nun nicht nach den Stadten der Bleichgesichter ziehen, 
sondern heimkehren. Da legen wir ihm einen Hinterhalt oder locken ihn so heran, wie wir es heut mit Old 
Shatterhand tun, der ganz gewiB dabei ist. Ich warte nur, daB mein Spaher zurtickkehrt, der sich druben 
versteckt hat. Und auch die Wachter, welche sich weit drauBen hingelegt haben, haben mir noch keine 
Meldung gesandt « 

Als ich dies horte, erschrak ich. Es lagen also Posten vor dem Waldchen. Wenn Sam Hawkens diese nicht 
bemerkte und zwischen sie geriet! Kaum hatte ich dies gedacht, so horte ich ein kurz ausgestoBenes 
Geschrei mehrerer Stimmen. Der Anfiihrer sprang auf und lauschte. Auch alle andern Kiowas waren still 
und horchten. 

Da naherte sich dem Waldchen eine Gruppe, welche aus vier Roten bestand, die einen WeiBen geschleppt 
brachten. Er straubte sich, doch ohne Erfolg; er war zwar nicht gefesselt, wurde aber von den vier Messern 
seiner Besieger in Schach gehalten. Dieser WeiBe war - - mein unvorsichtiger Sam! Mein EntschluB stand 
sofort fest: ich durfte ihn nicht stecken lassen, obwohl ich dabei mein Leben wagte. 



»Sam Hawkens!« rief Santer, der ihn erkannte. »Good evening, Sir! Habt wohl nicht geglaubt, 
mich hier wiederzusehen?« 

»Schuft, Rauber, Morder!« antwortete ihm der furchtlose Kleine, indem er ihn bei der Gurgel packte. »Gut, 
daB ich dich habe; nun bekommst du deinen Lohn, wenn ich mich nicht irre.« 

Der Angegriffene wehrte sich. Die Roten griffen zu und rissen Sam von ihm weg. Das gab einen kurzen 
Tumult, den ich schnell benutzte. Ich zog die beiden Revolver, sprang nach der S telle hin und mitten unter 
die Indianer hinein. 

»01d Shatterhand!« schrie Santer, indem er erschrocken davonrannte. 

Ich schickte ihm zwei Kugeln nach, die aber wohl nicht trafen, gab die ilbrigen Schilsse auf die Roten ab, 
welche zurilckwichen, und rief Sam zu: 

»Fort, mir nach, genau hinter mir her! « 

Es war, als ob die Roten vor Entsetzen unfahig zur Bewegung seien; sie standen starr, obgleich ich auf sie 
geschossen hatte, doch absichtlich nach ungefahrlichen Korperstellen. Ich faBte Sam beim Arme und riB 
ihn mit mir fort, in das Waldchen hinein, durch dasselbe hindurch und in das FluBbette hinab. Das ging 
alles so schnell, daB von dem Augenblicke meines Angriffes an bis jetzt kaum mehr als eine Minute 



»All devils, war das zur rechten Zeit!« meinte Sam, als wir unten angekommen waren. »Ich wurde von 
diesen Schurken « 

» Schwatzt nicht, sondern folgt mir,« unterbrach ich ihn, indem ich seinen Arm fahren lieB und mich nach 
rechts wandte, um im FluBbette abwarts zu rennen, denn es gait zunachst, auBer SchuBweite zu kommen. 

Nun erst kamen die vollig ilberrumpelten und verblilfften Roten zu sich. Ihr Geheul erscholl hinter uns her, 
so daB ich Sams Schritte nicht mehr horen konnte. Schrille Rule erschallten, Schilsse krachten; es war ein 
walirer Hdllenlarm. 

Warum flilchtete ich nicht fluBaufwarts, unserm Lager zu, sondern abwarts, demselben grad 
entgegengesetzt? Aus einem sehr triftigen Grunde. Die Roten konnten uns zunachst nicht sehen, weil es 
unten im FluBbette dunkel war, und rannten jedenfalls aufwarts, weil sie als sicher annahmen, daB wir in 
dieser Richtung geflohen seien; wir befanden uns also, indem wir abwarts rannten, so ziemlich in 
Sicherheit und konnten dann in einem Bogen nach unserm Lager zurtickkehren. 

Als ich glaubte, weit genug gelaufen zu sein, hielt ich an. Das Geheul der Roten ertonte immer noch in der 
Feme; da wo ich stand, regte sich nichts. 

» Sam! « rief ich mit unterdruckter Stimme. 

Es erfolgte keine Antwort. 

»Saro hort Ihr mich?« fragte ich lauter. 

Er antwortete auch jetzt nicht. Wo steckte er? Er muBte mir doch gefolgt sein! War er vielleicht gesturzt 
und hatte sich verletzt? Denn meine Flucht war tlber rissigen, vertrockneten Schlamm und tiefe 
Wasserlachen gegangen. Ich nahm Patronen aus dem Gilrtel, lud die Revolver wieder und kehrte dann um, 
langsamen Schrittes nach ihm zu suchen. 



Der Hollenlarm, den die Kiowas machten. wahrte noch immer fort; dennoch wagte ich mich naher und 
naher, bis ich wieder unter dem Waldchen an der Stelle stand, wo ich Sam aufgefordert hatte, mir zu 
folgen. Ich hatte ihn nicht gefunden. Er war wohl anderer Ansicht als ich gewesen und gleich an das andere 
Ufer gestiegen, ohne auf meine Worte zu achten. Aber da muBte ihn der Schein der Feuer getroffen und 
beleuchtet haben, und er hatte sich nicht nur den Augen der Kiowas, sondern auch ihren Kugeln 
preisgegeben. Welche Unbedachtsamkeit von dem kleinen, heut so obstinaten Kerlchen! Es wurde mir 
abermals angst um ihn; ich entfernte mich wieder von dem Waldchen, bis ich von demselben aus nicht 
bemerkt werden konnte, und lief in einem Bogen auf unser Lager zu. 

Dort fand ich alles in groBer Aufregung. Die roten und weiBen Gefahrten drangten sich an mich heran, und 
Dick Stone rief in vorwurfsvollem Tone aus: 

»Sir, warum habt Ihr uns verboten, Euch nachzukommen, selbst wenn Schilsse fallen sollten! Wir haben 
mit wahrer Gier gewartet, daB Ihr rufen wilrdet. Gott sei Dank, dafi wenigstens Ihr wieder da seid, und zwar 
unverletzt, wie ich sehe!« 

» Wo ist Sam? - Nicht hier?« erkundigte ich mich. 

»Hier? Wie konnt Ihr nur so fragen! Habt Ihr derm nicht gesehen, wie es ihm ergangen ist?« 

»Wie denn?« 

»Als Ihr fort waret, warteten wir Nach langerer Zeit horten wir einige Rote rufen; dann wurde es wieder 
still. Da auf einmal horten wir Revolverschusse und kurz darauf ein entsetzliches Geheul. Dann krachten 
Flintenschtlsse. und wir sahen Sam erscheinen.« 



»Drunten beim Waldchen, am diesseitigen Ufer.« 

»Dachte es mir! Sam ist heut so unvorsichtig gewesen wie noch nie. Weiter, welter! « 

»Er kam auf uns zugelaufen, aber es war eine ganze Menge Kiowas hinter ihm her, die ihn ereilten und 
festnahmen. Wir sahen dies deutlich, weil die Feuer hell brennen, und wollten ihm Hilfe bringen; aber ehe 
wir die Stelle erreichen konnten, waren sie mit ihm schon ilber das FluBbette hinuber und verschwanden 
unter den Baumen. Wir hatten groBe Lust, ihnen nachzufolgen, um sie anzugreifen und Sam zu befreien; 
aber wir dachten an Euer Verbot und unterlieBen es.« 

»Daran habt ihr sehr klug getan, derm ihr elf Mann hattet nichts erreicht und waret alle ausgeloscht 
worden.« 

» Aber was tun wir, Sir? Sam ist gefangen! « 

»Leider ja, und zwar nun zum zweitenmal! « 

»Zum zweiten ?!« rief er erstaunt. 

»Ja. Nach dem ersten Male hatte ich ihn schon wieder frei; er brauchte mir nur zu folgen, so stande er jetzt 
grad so hier wie ich; aber er hat heut eben seinen Kopf fur sich.« 



Ich erzahlte ihnen was geschehen war. Als ich geendet hatte, sagte Will Parker: 



»Da trifft Euch keine Schuld, Sir! Ihr habt weit mehr getan, als was jeder andere gewagt liatte. Sam hat sich 
selbst in diese Tinte geritten; aber wir dilrfen ihn deshalb doch nicht drin sitzen lassen! « 

»Nein; er muB heraus. Das wird uns aber nun weit schwerer werden, als es mir zum erstenmal geworden 
ist; denn wir konnen uns darauf verlassen, daB die Kiowas doppelt scharf aufpassen werden. « 

»Das ist gewiB. Aber vielleicht ist es dennoch moglich, ihn noch einmal herauszuhauen! « 

»Hm, moglich ist alles; aber zwolf Mann gegen funfzig, die nur darauf warten, ilberfallen zu werden! Und 
doch ist dies wahrscheinlich die einzige Art und Weise, denn am Tage dilrfen wir den Angriff auf das 
Waldchen noch viel \a eniger wagen <- 

»JJ'ell. so greifen wir noch in diesei Nacht an!« 

»Langsam, langsam! Das will uberlegt sein.« 

»Ueberlegt es, Sir; aber gebt mir inzwischen die Erlaubnis, mich einmal hiniiberzuschleichen, um 
nachzuforschen. wie es steht « 

»Das mogt Ihr tun, doch nicht jetzt, sondern spater, wenn einige Zeit verflossen ist und ihre 
Aufmerksamkeit sich vermindert hat. Und dann geht Ihr nicht allein, sondern ich begleite Euch, und 
wahrscheinlich nehmen wir auch die andern alle mit.« 

»Schon, sehr gut, Sir! Das will ich gelten lassen. Die andern auch gleich mitnehmen, das klingt schon ganz 
wie Ueberfall. Wir werden unsere Pflicht tun. Sechs bis acht Kiowas nehme ich auf mich allein, und Dick 
Stone wird nicht weniger haben wollen. Nicht, alter Dick?« 

»Yes, hast's getroffen, alter Will,« antwortete der Gefragte. »Es kommt mir auf einige mehr oder weniger 
gar nicht an, wenn es sich darum handelt, Sam loszumachen. Ist sonst ein kleiner Pfiffikus; hat aber heut 
grad seinen schwachen Tag gehabt.« 

Ja, allerdings, an diesem Tage war Sam recht schwach gewesen. Ich ging im stillen mit mir zu Rate, auf 
welche Weise er am besten zu befreien sei. Mein Leben hatte ich fur ihn wagen diirfen. aber war ich 
berechtigt, seinetwegen auch dasjenige der Apachen auf das Spiel zu setzen? Vielleicht konnte man auf 
dem Wege der List leichter und ungefahrlicher an das Ziel gelangen. Das muBte sich nachher ergeben, 
wenn wir uns hinuberschlichen. Um fur alle Falle gerilstet zu sein, wollte ich da die Apachen auch 
mitnehmen. Vielleicht stellte es sich heraus, daB ein plotzlicher Angriff Vorteile bot, welche wir mit keinen 
groBen Wagnissen erreichen konnten. 

Jetzt muBten wir noch warten, denn wir machten die Bemerkung, daB es druben noch sehr lebhaft zuging. 
Bald aber wurde es ruhiger, und diese Stille wurde nur durch kraftige, weithin schallende Tomahawkhiebe 
unterbrochen. Die Roten schlugen Holz von den Baumen; wahrscheinlich hatten sie die Absicht [,] Feuer 
bis zum Morgen in der jetzigen, ungewohnlichen Weise zu unterhalten. 

Dann horten auch die A a ichlage auf Die Sterne deuteten Mitternacht an, und ich hielt es fur an der Zeit, 
ans Werk zu gehen. Zunachst sorgten wir dafur, daB die Pferde, welche wir zuriicklassen muBten, gut 
angebunden waren und nicht loskommen konnten; dann sah ich noch einmal nach den Fesseln und dem 
Knebel des gefangenen Kiowa. Hierauf verlieBen wir unsern Lagerplatz und schlugen genau denselben 
Weg ein, auf welchem ich \ orhin nach dem FluBbette gegangen war 

Als wir unterhalb des Waldchens in demselben standen [,] befahl ich den Apachen, unter der Anfuhrung 
Dick Stones hier zuruckzubleiben und ja jedes Gerausch zu vermeiden. Dann stieg ich mit Will Parker leise 



zu den Baumen empor. Als wir die Uferhohe erreicht hatten, legten wir uns nieder und lauschten. Es 
herrschte tiefste Stille ringsumher. Nun krochen wir langsam vorwarts. Die acht Feuer brannten noch 
immer so hoch. Ich sah, daB ganze Haufen starker Aeste in dieselben geworfen worden waren. Das machte 
mich stutzig. Wir riickten weiter und welter vor und sahen keinen Menschen. Endlich ilberzeugten wir uns, 
freilich unter Beachtung aller Vorsicht, daB das Waldchen leer war. Es gab keinen einzigen Kiowa mehr da. 

»Sie sind fort, wirklich fort, heimlich fort!« sagte Parker erstaunt. »Und doch haben sie die Feuer noch so 
geschurt! « 

»Um ihren Rilckzug zu maskieren. So lange die Feuer brennen, milssen wir denken, daB sie noch da sind.« 

»Aber wohin sind sie? Ganz fort?« 

»Ich vermute es, weil Sam fur sie eine gute Beute ist, die sie in Sicherheit bringen wollen. Aber es ist auch 
moglich, daB sie eine Teufelei beabsichtigen.« 

»Welche?« 

»Uns drilben zu ilberfallen, wie wir sie jetzt hier huben angegriffen hatten.« 

» Wetter, das ist freilich moglich! Da milssen wir schleunigst vorbeugen, Sir!« 

»Ja; wir milssen hintlber und unsere Pferde in Sicherheit bringen, auch wenn es sich spater als unnotig 
lite. Besser ist besser.« 



Wir stiegen zu den Apachen hinab und eilten nach unserm Lagerplatze, wo wir alles in Ordnung fanden. 
Doch die Kiowas konnten auch noch spater kommen; darum stiegen wir auf und ritten ein tilchtiges Stuck 
in die Prairie hinein, wo wir uns lagerten. Wenn die Kiowas ja noch kamen, so fanden sie uns nicht am 
alten Platze und muBten den Tag abwarten, um uns zu sehen. Den Gefangenen hatten wir natiirlich nicht 
liegen lassen, sondern mitgenommen. 

Nun blieb auch uns nichts anderes ilbrig, als uns bis zum Morgen zu gedulden. Wer schlafen konnte, der 
schlief; wer das nicht fertig brachte, der wachte. So verging die Nacht, und als der Morgen zu dammern 
begann, setzten wir uns auf die Pferde und ritten zunachst nach unserem Lagerplatz zurilck. Es war 
niemand dagewesen, und wir hatten uns also ohne Grund entfernt; doch das schadete nichts. Dann ging es 
iiber den FluB nach dem Waldchen hintlber. Die Feuer waren niedergebrannt und hatten Aschenhaufen 
hinterlassen als die einzigen Zeichen davon, daB es gestern hier so lebhaft zugegangen war. 

Nun untersuchten wir die Spuren. Von der Stelle, an welcher ich die Pferde gesehen hatte, filhrte die 
Gesamtspur der Kiowas fort; sie waren hier aufgestiegen, und hatten sich in sildostlicher Richtung entfernt. 
Es lag klar, daB sie es aufgegeben hatten, sich in einen Kampf mit uns einzulassen, welcher lhnen keinen 
Nutzen bringen konnte, weil es ihnen nicht mehr moglich war, uns zu ilberraschen. 

Und Sam? Den hatten sie mitgenommen, was Dick Stone und Will Parker auBerordentlich in das Germit 
griff. Auch mir tat das liebe Kerlchen herzlich leid, und ich war gern bereit, alles halbwegs Vernilnftige zu 
seiner Befreiung zu unternehmen. 

» Wenn wir ihn nicht losmachen, so werden sie ihn am Pfahle martern,« klagte Dick Stone. 

»Nein,« trostete ich ihn. »Wir haben ja auch einen Gefangenen, eine Geisel fur ihn « 

» Aber ob sie das wissen! « 



» Jedenfalls. Sam ist unbedingt so klug gev\ esen, es ihnen zu sagen. Wie man es ihm macht, so machen wir 
es mit unserm Gefangenen.« 

»Aber wir mussen diesen Indsmen nachreiten, es mag stehen, wie es will!« 

»Nein.« 

»Was? Ihr wollt ihn im Stiche lassen '<> 

»Auch nein.« 

»Abei wie reimt Ihr dieses beides zusammen?« 

»Dadurch, daB ich mich von diesen roten Kerls nicht an der Nase in der Savanne herumfuhren lasse.« 

»An der Nase? Ich verstehe Euch nicht.« 

»Nun, seht Euch einmal ihre Fahrte an! Wie alt ist sie wohl?« 

»Sie sind schon vor Mitternacht fort, wie es den Anschein hat.« 

»Das denke ich auch. Von da an bis jetzt sind gegen zehn Stunden vergangen. Denkt Ihr, daB wir diesen 
Vorsprung heut einholen konnen?« 

»Nein.« 

»Oder morgen?« 

»Auch nicht.« 

»Und wohin meint Ihr, daB sie geritten sind?« 

»Nach ihrem Dorfe.« 

»So kommen sie dort an, ehe wir sie einholen konnen. Seid Ihr nun vielleicht der Ansicht, daB wir zwolf 
Personen uns mitten in das weite Gebiet der Kiowas wagen konnen, um eines ihrer Dorfer zu uberfallen 
und einen Gefangenen zu befreien?« 

»Das wilrde Wahnsinn sein.« 

» Schon! Wir sind also einer Meinung; wir reiten ihnen nicht nach.« 

Da kratzte er sich hinter dem Ohre und murmelte ratios und argerlich: 

» Aber Sam, Sam, Sam! Unser alter Sam, was wird mit dem? - Wir konnen ihn doch nicht aufgeben! « 

»Nein, das tun wir nicht, sondern wir werden ihn im Gegenteile befreien.« 

»Hol Euch der Teufel, Sir! Ich bin nicht dazu geschaffen, diese Art von Ratseln zu losen. Einmal sagt Ihr, 
daB wir den Roten nicht folgen wollen, und gleich darauf behauptet Ihr, daB ihr Gefangener befreit werden 
soil. Das ist doch ganz so, als ob Ihr einen Esel in einem Atem erst ein Kamel und dann einen Affen nennt! 



Das mag begreifen. w er w ill. ich aber nicht! « 

»Es ist schon etwas anderes, denn Euer Beispiel trifft nicht zu. Die Kiowas wollen namlicb gar nicht nach 
ihrem Dorfe.« 

»Nicht? Wohin denn?« 

»Erratet Ihr das nicht?« 



»Hm! Was fur alte, erfahrene Westmanner ihr doch seid! Da lobe ich mir doch die Greenhorns, welche 
solche Nilsse knacken, ohne sich die Zahne daran auszubeiBen! Die Roten wollen namlich nach dem 



»Nach - - dem behold\ Sollte das die Wirklichkeit sein, Sir?« 

»Sie ist es; darauf konnt Ihr Euch verlassen.« 

»Zuzutrauen ware es ihnen wirklich! « 

»Ich traue es ihnen nicht nur zu, sondern ich behaupte es mit Bestimmtheit.« 

»Aber sie dilrfen doch das Begrabnis nicht storen!« 

»Das beabsichtigen sie auch nicht. Sie werden warten, bis es voruber ist. Sie sind uns und den Apachen 
feindlich gesinnt; sie streben nach Rache. Da war ihnen Santers Ankunft sehr willkommen. Sie erfuhren 
den Tod Intschu tschunas und seiner Tochter und freuten sich daruber. Wie gern werden sie Winnetou und 
uns das gleiche Schicksal wilnschen. Sie hatten es uns zugedacht, als sie horten, daB Santer Verfolger hinter 
sich habe. Wir aber waren vorsichtig und gingen, Sam ausgenommen, nicht in die Falle. Nun versuchen sie 
es anders. Sie tun, als ob sie die Absicht hatten, nach ihrem Dorfe zu reiten; das halt uns ihrer Ansicht nach 
davon ab, ihnen zu folgen; sie nehmen also an, daB wir zu Winnetou ziutickkehren werden. Wenn sie aber 
einige Zeit siidostlich geritten sind und dabei, wenn der Zufall es bietet, noch mehr 

Krieger an sich gezogen haben, wenden sie um und gehen nach dem Nuggetberge, wo wir, wie sie denken, 
uns ahnungslos ilberfallen und abschlachten lassen werden. « 

»Schones Exempel, jawohl, schones Exempel! Werden aber dafur sorgen, daB es ein anderes Fazit ergibt!« 

»Ja, das werden wir. Wahrscheinlich ist ihnen dieser Plan von Santer eingegeben worden, welcher diese 
Gelegenheit beniltzen will, sich Gold zu holen. Kurz und gut icb bin vollstandig uberzeugt, daB der Stock 
so schwimmt, wie ich es jetzt erklart habe. Wollt Ihr nun noch hinter den Kiowas her?« 

»Fallt mir nicht ein. Eure Berechnung erscheint mir zwar etwas gewagt, aber so lange ich Euch kenne, habt 
Ihr Euch noch nie geirrt, sondern stets recht gehabt; darum denke ich, daB es diesmal auch so zutreffen 
wird. Was meinst du dazu, alter Will?« 

»Ich meine, daB es genau so ist, wie Old Shatterhand sagt. Wir mtissen fort von hier, augenblicklich fort, 
um Winnetou rechtzeitig warnen zu konnen. Seid Ihr einverstanden, Sir?« 



»Und den Gefangenen nehmen wir mit?« 

»Natilrlich. Wir binden ihn auf Sams Mary, was ihm freilich keinen groBen GenuB bereiten wird. Nachdem 
ihr das besorgt habt, brechen wir gleich auf. Vorher jedoch wollen wir unten im Flusse einen Wassertilmpel 
suchen, um unsere Pferde zu tranken.« 

Eine halbe Stunde spater waren wir unterwegs, keineswegs sehr zufrieden mit dem Erfolge unseres Rittes. 
Anstatt Santer zu fangen, hatten wir Sam Flaw Lens verloren, aber durch seine eigene Schuld, und wenn 
meine Voraussetzung sich spater bewahrheitete, so stand fast mit Sicherheit zu erwarten, daB wir Sam 
Hawkens befreien und Santer ergreifen wilrden. 

Bei der Verfolgung des Letzteren waren wir natilrlich gezwungen gewesen, auf seiner Spur zu bleiben, und 
hatten infolgedessen einen Umweg gemacht, weil er von seiner ursprtinglichen Richtung abgewichen war, 
und einen stumpfen Winkel geritten hatte. Ich beschloB, diesen Winkel abzuschneiden, und die Folge 
davon war, daB wir schon kurz nach Mittag des nachsten Tages vor der Schlucht hielten, welche hinauf 
nach der 

Lichtung filhrte, auf der der Ueberfall und Doppelmord geschehen war. 

Wir lieBen die Pferde unter der Obhut eines Apachen unten im Tale und stiegen empor. Am Rande der 
Lichtung stand ein Wachter, der uns nur mit einer stillen Bewegung der Hand begruBte. Wir sahen beim 
ersten Blicke, wie fleiBig die zwanzig Apachen gewesen waren, um das Begrabnis ihres Hauptlings und 
seiner Tochter vorzubereiten. Ich sah eine Menge schlanker Baume liegen, welche mit den Tomahawks 
gefallt und zum Gerilste bestimmt waren. Sodann gab es groBe Haufen von Steinen, welche 
herbeigeschleppi worden w aren und noch immer herbeigetragen wurden. Zu diesen Arbeitern gesellten sich 
sogleich die Apachen, welche ich mit mir gehabt hatte. Ich erfuhr, daB das Begrabnis am nachsten Tage 
stattfinden so lite. 

Seitwarts hatte man eine interimistische Hiltte errichtet, in welcher die beiden Leichen aufbewahrt wurden. 
Winnetou befand sich in derselben. Es wurde ihm gesagt daB wir angekommen seien, und er trat heraus. 
Wie sah er aus! 

Er war ja iiberhaupt sehr ernst und nur in seltenen Fallen glitt einmal ein Lacheln ilber sein Gesicht; laut 
lachen aber habe ich ihn niemals horen; jedoch lag auf seinen mannlich schonen Ztigen trotz dieses Ernstes 
stets ein Ausdruck der Gilte und des Wohlwollens, und sein dunkles Sammetauge konnte bei Gelegenheit 
sogar auBerordentlich freundlich blicken. Wie oft hat es auf mir mit einer Liebe und Zartlichkeit geruht, 
deren Licht man sonst nur in Frauenaugen zu finden pflegt! Heut aber gab es von alledem keine Spur. Sein 
Gesicht schien steinhart geworden zu sein, und sein Auge blickte duster innenwarts. Seine Bewegungen 
waren langsam und schwer. So kam er auf mich zu, warf einen trilben, forschenden Blick umher, schilttelte 
mir matt die Hand, sah mir mit einem Ausdrucke, der mir tief in die Seele schnitt, in die Augen und fragte: 

»Wann ist mein Bruder zuruckgekehrt?« 

»Soeben « 

»Wo befindet sich der Morder?« 

»Er ist uns entgangen.« 

Die Aufrichtigkeit gebietet mir, zu gestehen, daB ich bei dieser Antwort den Blick zu Boden senkte. Ich 
mochte beinahe sagen, daB ich mich schamte, diese Worte auszusprechen. 

Auch er sah zur Erde nieder. Ich hatte in sein Inneres blicken mogen! Erst nach einer langen Pause 



erkundigte er sich: 

»Hat mein Bruder die Spur verloren?<< 

»Nein: ich habe sie noch jetzt. Er wird hierher komrnen « 

»( >ld >Shatterhand mag mir erzahlen! « 

Er setzte sich auf einen Stein; ich tat desgleichen und lieferte ihm einen genauen, wahrheitsgetreuen 
Bericht. Er horte ihn wortlos bis zu Ende an, schwieg auch noch darilber hinaus und fragte dann: 

»So weiB mein Bruder nicht genau, ob der Morder von den Revolverkugeln getroffen worden ist?« 

»Nein, ich mochte aber annehmen, daB ich ihn nicht verwundet habe.« 

Er nickte leise, druckte mir die Hand und sagte: 

»Mein Bruder mag mir die Frage verzeihen, welche ich vorhin aussprach, die Frage, ob er die Spur 
verloren habe! Old Shatterhand hat alles getan, was er tun konnte, und am Schlusse noch auflerordentlich 
weise gehandelt. Sam Hawkens wird es sehr bedauern, unvorsichtig gewesen zu sein; wir werden es ihm 
verzeihen und ihn befreien. Ich denke auch wie mein Bruder: die Kiowas werden komrnen; sie sollen uns 
aber anders finden, als sie uns zu finden hoffen. Der Gefangene mag nicht hart behandelt, aber scharf 
beobachtet werden. Morgen sollen die Graber ilber Intschu tschuna und Nscho-tschi errichtet werden. Wird 
mein Bruder dabei sein?« 

»Es wilrde mich sehr schmerzen, wenn Winnetou es mir nicht erlaubte!« 

»Ich erlaube es nicht, sondern ich bitte dich darum. Deine Gegenwart wird vielleicht vielen Sohnen der 
Bleichgesichter das Leben erhalten. Das Gesetz des Blutes fordert den Tod vieler weiBer Menschen; aber 
dein Auge ist wie die Sonne, deren Warme das harte Eis zerweicht und in erquickendes Wasser verwandelt. 
Du weiBt, wen ich verloren habe. Sei du mir Vater, und sei du mir Schwester zugleich; ich bitte dich 
darum, Scharlih!« 

Eine Trane stand in seinem Auge. Er schamte sich ihrer, die er vor einem andern als mir unmoglich sehen 
lassen durfte, eilte davon und verschwand bei den Toten in der Hiltte. Er nannte mich heut zum erstenmal 
bei meinem Vornamen Karl und hat ihn auch in Zukunft nie anders als jetzt, namlich Scharlih, 
ausgesprochen. 

Nun sollte ich von dem Begrabnisse erzahlen, welches mit alien indianischen Feierlichkeiten vorgenommen 
wurde; ich weiB 

[Illustration Nr. 20: Zwei Grabmale] 

auch sehr wohl, daB eine eingehende Beschreibung dieser Feierlichkeiten gewiB interessieren wilrde, aber 
wenn ich an jene traurigen Stunden denke, fuhle ich noch heut ein so tiefes Weh, als ob sie erst gestern 
vergangen waren, und die Schilderung derselben kommt mir wie eine Entweihung vor, nicht eine 
Entweihung der "Grabmaler" welche wir den beiden Toten damals am Nugget-tsil erbauten, sondern des 
Denkmales welches ich ihnen in meinem Herzen errichtete und stets treu gehiltet habe. Darum bitte ich, 
die Beschreibung unterlassen zu dilrfen. 

Intschu tschunas Leiche wurde auf sein Pferd gebunden, worauf man um beide Erde haufte, bis sich das 
Tier nicht mehi bev\ egen konnte; dann bekam es eine Kugel in den Kopf. Der Erdhaufen wurde erhoht, bis 



er den Reiter, seine Waffen und seine Medizin ganz bedeckte, und dann rundum mit mehreren 
Steinschichten bis zur Spitze bedeckt. 

Nscho-tschi erhielt auf meine Bitte ein anderes Grab. Ich wollte sie nicht so unmittelbar mit Erde bedeckt 
haben. Wir richteten sie an dem Stamme eines Baumes in sitzende Stellung auf und fugten dann um sie 
herum Steine zu einer festen, hohlen Pyramide zusammen, aus deren Spitze der Gipfel des Baumes ragte. 

Ich bin spater einigemal mit Winnetou am Nugget-tsil gev\ esen, um die Graber zu besuchen. Wir haben sie 
immer unverletzt gefunden. 



Sechstes Kapitel. 



Sams Befreiung. 

Es laBt sich denken, welch groBen Schmerz Winnetou ilber den Verlust seines Vaters und seiner Schwester 
empfand. Wahrend des Begrabnisses durfte er demselben noch Ausdruck geben, dann aber muBte er ihn 
streng in seinem Innern verschlieBen; dies wurde ihm einesteils durch die indianische Sitte und andernteils 
durch die Notwendigkeit geboten, seine ganze Aufmerksamkeit auf die erwartete Ankunft der Kiowas zu 
richten. Er war jetzt nicht mehr der durch den herben Verlust fast niedergeschmetterte Sohn und Bruder, 
sondern der Anfuhrer seiner Kriegerschai mit welcher er den Angriff der Feinde abzuweisen hatte und den 
Morder Santer fangen wollte. Er schien mit dem Plane dazu schon fertig zu sein, denn gleich nach dem 
Begrabnisse befahl er den Apachen, sich zum Aufbruche bereit zu machen und darum die Pferde, welche 
sich unten im Tale befanden, heraufzuholen. 

»Warum erteilt mein Bruder diese Weisung?« fragte ich ihn. »Das Terrain ist so schwierig, daB es sehr viel 
Milhe machen wird, die Tiere hierher zu bringen.« 

»Das weiB ich,« antwortete er; »aber es muB dennoch geschehen, weil ich die Kiowas dadurch ilberlisten 
will. Sie haben sich des Morders angenommen und werden alle sterben milssen - alle!« 

Sein Gesicht hatte bei diesen Worten einen drohenden, entschlossenen Ausdruck; wenn er seinen Vorsatz 
zur Ausfuhrung brachte, waren die Kiowas verloren. Ich hegte mildere Gesinnungen als er. Sie waren 
allerdings unsere Feinde, trugen aber doch nicht die Schuld an dem Tode Intschu tschunas und seiner 
Tochter. Durfte ich es wagen, ihn anders zu stimmen? Vielleicht lud ich dadurch seinen Zorn auf mich; 
aber die Gelegenheit zu einer solchen Bitte war giinstig, weil wir uns ganz allein auf der Lichtung 
befanden. Die Apachen hatten seinen Befehl sofort befolgt und sich entfernt, und Stone und Parker waren 
mit ihnen gegangen. Es horte es also niemand, wenn er mir in der Erzurnung eine Antwort gab, welche 
mich in Gegenwart anderer hatte beleidigen milssen. Ich sprach ihm also die soeben erwahnte Ansicht aus, 
und zu meiner Ueberraschung trat die Wirkung nicht ein, welche ich befurchtet hatte. Er sah mich zwar mit 
groBen, finstern Augen an. antwortete aber in ruhigem Tone: 

»Das muBte ich freilich von meinem Bruder erwarten; er halt es nicht fur eine Schwachheit, dem Feinde 
auszuweichen.« 

»So habe ich es nicht gemeint, von einem Ausweichen kann keine Rede sein; ich habe sogar schon daran 
gedacht, wie wir sie alle festnehmen werden. Aber sie sind nicht an Dem schuld, was hier geschehen ist, 
und es ware ungerecht, sie die Strafe dafur mittragen zu lassen.« 

»Sie haben sich des Morders angenommen und kommen hierher, um uns zu ilberfallen! Ist das nicht Grund 
genug fur uns, sie ohne Schonung zu behandeln?« 



»Nein, es ist kein Grand wenigstens fur mich nicht. Es tut mir leid, zu horen, daB mein Bruder Winnetou 
in den Fehler fallen will, welcher die Ursache zum Untergange aller roten Nationen ist.« 

»Welchen Fehler meint Old Shatterhand?« 

»Den, daB die Indsmen sich gegenseitig zerfleischen, anstatt einander gegen den allgemeinen Feind 
beizustehen. Erlaube mir, recht aufrichtig zu dir zu reden! Wer meinst du wohl, wer im allgemeinen listiger 
und klilger ist, der rote Mann oder das Bleichgesicht?« 

»Das Bleichgesicht. Ich sage dies, weil es die Wahrheit ist. Die WeiBen haben mehr Kenntnisse und 
Geschicklichkeiten als wir; sie sind uns fast in allem ilberlegen.« 

»Das ist richtig; wir sind euch ilberlegen. Du aber bist kein gewohnlicher Indianer. Der groBe Geist hat dir 
Gaben verliehen, welche auch unter den WeiBen nur selten einer besitzt, und darum mochte ich haben, daB 
du anders denkst als ein gewohnlicher roter Mann. Dein Verstand ist scharf, und dein Blick reicht weit, 
viel, viel weiter als das korperliche und geistige Auge eines gewohnlichen Kriegers. Wie oft ist der 
Tomahawk des Kampfes unter euch ausgegraben! Du muBt einsehen, daB dies ein fortgesetzter, graBlicher 
Selbstmord ist, den der rote Mann an sich selbst begeht, und wer in derselben Weise handelt, nimmt an 
diesem Selbstmorde teil. Intschu tschuna und Nscho-tschi sind getotet worden, nicht von roten, sondern 
von weiBen Mannern; einer der Morder hat sich zu den Kiowas gefluchtet und sie beredet, euch zu 
ilberfallen; das ist wohl Grand, sie hier zu erwarten und mit ihnen zu kampfen, rechtfertigt es aber nicht, sie 
wie gefangene, to He Hunde niederzuschieBen. Sie sind rote Bruder von dir, bedenke das wohl!« 

In dieser Weise fuhr ich noch einige Zeit fort. Er horte mir ruhig zu, reichte mir, als ich das letzte Wort 
gesprochen hatte, die Hand und sagte: 

»01d Shatterhand ist ein wirklicher, aufrichtiger Freund aller roten Manner, und er hat recht, wenn er vom 
Selbstmorde spricht. Ich werde tun, was er wiinscht; ich will die Kiowas gefangen nehmen, sie dann aber 
wieder freigeben und nur den Morder festhalten.« 

»Gefangen nehmen? Das wird schwer halten, derm sie werden in Ueberzahl kommen. Oder solltest du 
denselben Gedanken haben wie ich?« 



e sich iiiclit wehren kdnnen'.'« 



»Der meinige auch. Du kennst die hiesige Gegend, und ich wollte dich fragen, ob es hier wohl einen 
solchen Ort gibt.« 

»Es gibt einen, und er liegt gar nicht weit von hier, namlich eine enge Felsenschlucht, welche einem 
schmalen Kanon gleicht. Da hinein will ich die Feinde locken.« 

»Hoffst du, daB es dir gelingt?« 

»Ja. Wenn sie sich in dieser Schlucht befinden, welche zu beiden Seiten nicht erstiegen werden kann, 
werden wir sie von vorn und auch von hinten angreifen, und sie mtissen sich ergeben, wenn sie sich nicht 
wehrlos niederschieBen lassen wollen. Ich werde ihnen das Leben schenken und damit zufrieden sein, daB 
ich Santer in meine Hand bekomme.« 



»Ich danke dir! Mein Bruder Winnetou hat fur ein gutes Wort ein offenes Herz. Vielleicht denkt er in einer 
andern Angelegenheit ebenso milde.« 

»Was meint mein Bruder Old Shatterhand?« 

»Du wolltest alien WeiBen Rache schworen, und ich bat dich, dies nicht gleich zu tun, sondern bis nach 
dem Begrabnisse zu warten. Darf ich erfahren, was du nun beschlossen hast?« 

Er blickte eine kurze Zeit zur Erde nieder, richtete dann sein Auge hell auf mich, deutete auf die Htitte, in 
welcher die Leichen gelegen hatten, und antwortete: 

»Ich habe die vergangene Nacht dort bei den Toten zugebracht und im Kampfe mit mir selbst gelegen. Die 
Rache gab mir einen groBen, kuhnen Gedanken ein. Ich wollte die Krieger aller roten Nationen 
zusammenrufen und mit ihnen gegen die Bleichgesichter ziehen. Ich ware besiegt worden. Aber in dem 
Kampfe gegen mich selbst heut in der Nacht bin ich Sieger geblieben.« 

»So hast du diesen groBen, kuhnen Gedanken fallen lassen?« 

»Ja. Ich habe drei Personen, welche ich liebe, befragt, zwei Tote und einen Lebenden; sie rieten mir, diesen 
Plan fallen zu lassen, und ich beschloB, ihrem Rate zu folgen.« 

Ich sprach eine Frage aus, nicht durch Worte, sondern durch den Blick, welchen ich auf ihn richtete; da 
fuhr er fort: 

»Mein Bruder weiB nicht, von welchen Personen ich spreche? Ich meine Klekih-petra, Nscho-tschi und 
dich. Euch drei habe ich in Gedanken befragt und eine dreifache, aber gleichlautende Antwort erhalten.« 

»Ja, wenn beide noch lebten und du sie fragen konntest, sie wilrden dir ganz gewiB dasselbe sagen, was ich 
dir rate. Der Plan, den du hegtest, war groB, und du warest der Mann dazu gewesen, ihn auszufuhren, doch 



»Mein Bruder mag bescheidener von mir denken und sprechen,« unterbrach er mich. »Sollte es wirklich 
einem roten Hauptlinge gelingen, die Krieger aller Stamme unter sich zu vereinigen, so konnte es doch 
nicht so schnell geschehen, wie ich es wiinschte, sondern es wilrde eines langen, muhevollen 
Menschenlebens bedilrfen, um an dieses Ziel zu gelangen, und es ware dann. am Schlusse dieses Lebens, 
zu spat, den Kampf zu beginnen. Einer allein, und ware er ein noch so groBer und bertihmter roter Mann, 
kann diese Aufgabe nicht losen, und nach seinem Tode wilrde der wilrdige Nachfolger fehlen, der imstande 
ware, das Werk fortzusetzen und zu Ende zu fuhren.« 

[Illustration Nr. 21 : Unterredung mit Winnetou] 

»Es freut mich, daB mein Bruder Winnetou zu dieser Ansicht gekommen ist; sie ist die richtige. Einer reicht 
nicht aus, und ein Nachfolger wilrde sich schwerlich finden. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so 
wilrde der Kampf der Roten gegen die WeiBen fur euch ungltlcklich enden.« 

»Ich weiB es; er wilrde unsern Untergang nur beschleunigen. Und wenn wir aus alien Kampfen als Sieger 
hervorgingen, so sind der Bleichgesichter so viele, daB sie immer neue Scharen gegen uns senden konnten, 
wahrend es uns unmoglich ware, unsere Verluste zu ersetzen. Die Siege wilrden uns zwar langsamer aber 
doch grad auch so aufreiben, als wenn wii geschlagen wilrden. Das habe ich mir gesagt. als ich wahrend 
der Nacht bei meinen Toten saB, und den EntschluB gefaBt, auf die Ausftlhrung meines Planes zu 
verzichten. Ich wollte mich damit begntlgen, den Morder zu fangen und mich an denen zu rachen, welche 
ihm Hilfe geleistet haben und nun mit ihm kommen, uns zu tlberfallen. Aber auch dies hat mir mein Bruder 
Old Shatterhand ausgeredet, und so soil meine Rache derm nun nur darin bestehen, daB ich Santer 



festnehme und ihn bestrafe. Die Kiowas lassen « u laufen « 

»Diese deine Worte machen mich stolz auf die Freundschaft, welche uns verbiindet; icb werde sie dir nie 
vergessen. Wir beide sind, obgleich wir es nicht mit Sicherheit behaupten konnen, doch iiberzeugt, daB die 
Kiowas kommen werden. Es handelt sich nun darum, den Zeitpunkt ihrer Ankunft zu erfahren.« 

»Der Tag ihrer Ankunft hier ist heut,« behauptete er in einem so sichern Tone, als ob es sich um eine 
vollstandig festgestellte Tatsache handle. 

»Wie ist es dir moglich, dies so bestimmt zu sagen?« 

»Ich schlieBe es aus dem, was du mir von eurem letzten Ritte erzahlt hast. Die Kiowas sind scheinbar nach 
ihrem Dorfe gezogen, um euch hinter sich her zu locken, wollen aber eigentlich hierher; sie haben also 
einen Umweg gemacht, sonst hatten sie schon gestern eintreffen konnen. Sie haben auch noch andere 
Abhaltungen gehabt, durch welche ihre Ankunft verzogert worden ist.« 

»Andere Abhaltungen? - Welche?« 

»Wegen Sam Hawkens. Den bringen sie naturlich nicht mit hierher, sondern sie haben ihn heim zu den 
Ihrigen geschickt; dazu muBte ein passender Ort und der geeignete Zeitpunkt abgewartet werden, vielleicht 
auch eine Gelegenheit. welche sich zufallig hot. Ebenso war es notig, einen Boten abzusenden, welcher 
eure Ankunft zu melden hatte.« 

»Ah, du meinst, daB die Krieger des Dorfes uns entgegenreiten sollten?« 

»Ja. Die Krieger, mit denen ihr es dort am ausgetrockneten Flusse zu tun hattet, haben euch hinter sich her 
Ziehen wollen, hatten aber, weil sie beabsichtigten, hierher zu reiten, nicht die notige Zeit, dann mit euch 
anzubinden. Sie haben also jedenfalls einen oder einige Boten an die Ihrigen abgeschickt, damit man euch 
vom Dorfe aus entgegenziehe. Diesen Boten ist Sam Hawkens mitgegeben worden. Dann, nachdem dies 
geschehen ist, sind die Kiowas von ihrer Richtung abgewichen und haben den Weg nach dem Nugget-tsil 
eingeschlagen. Diese Schwenkung durftet ihr aber nicht entdecken; darum muBte sie an einer Stelle vor 
sich gehen, an welcher keine Spuren zurilckbleiben konnten. Dergleichen Stellen sind selten; sie liegen 
meist nicht am Wege und mtissen extra aufgesucht werden. Auch das ergibt einen Zeitverlust. Darum 
konnten die Kiowas unmoglich schon gestern hier sein. Sie sind auch bis jetzt noch nicht angekommen, 
werden aber ganz gewiB heut noch eintreffen. « 

» Woher weiBt du, daB sie jetzt noch nicht da sind?« 

Er deutete nach der nachsten Bergkuppe. Der Wald, welcher sie bedeckte, wurde von einem sehr hohen 
Baume ilberragt. Dort war der hochste Punkt der Nuggetberge, und wer auf dem Baume saB und ein 
scharfes Auge hatte, der konnte rundum die angrenzende Prairie ilberblicken. 

»Mein Bruder weiB mcht,« antwortete er, »daB ich einen Krieger dort hinaufgeschickt babe, welcher 
aufpassen soil und die Ankunft der Kiowas bemerken wird, derm er besitzt die Augen eines Falken. Sobald 
er sie kommen sieht, steigt er herab, um es mir zu melden.« 

»Das ist gut. Die Meldung ist noch nicht erfolgt, also sind sie noch nicht da. Und du meinst aber, daB sie 
ganz bestimmt heut noch kommen?« 

» Ja, derm langer dilrfen sie nicht zogern, werm sie uns antreffen wollen. « 

»Sie hatten aber nicht die Absicht, bis zum Nugget-tsil vorzugehen, sondern sie wollten dir in der Nahe 
desselben einen Hinterhalt legen, um euch auf eurer Heimkehr zu uberfallen.« 



»Dies ware ihnen vielleicht gelungen, wenn du sie nicht belauscht hattest; nun ich es aber weiB, wird aus 
dem Hinterhalte nichts, sondern ich locke sie hierher. Die Heimkehr hatte mich nach Silden gefiihrt, und in 
dieser Richtung hatten sie sich also lagern milssen; nun tue ich aber, als ob ich nordwarts gegangen sei, und 
locke sie hinter mir her.« 

»Ob sie dir folgen werden! [werden?] « 

»GewiB. Sie milssen auf alle Falle einen Spaher senden, um zu erfahren. ob wir liberhaupt noch da sind. 
Diesem Kundschafter tun wir natilrlich nichts, sondern lassen ihn unbelastigt zu ihnen zurilckkehren. 
Seinetwegen habe ich den Befehl gegeben, die Pferde hier heraufzubringen. Das sind ilber dreiBig Tiere; er 
muB trotz des harten Bodens und trotz des Steingerolls ihre Spuren unbedingt sehen und wird ihnen folgen. 
Wir suchen von hier aus die Schlucht auf, welche die Falle sein soil, in der wir sie fangen wollen. Dorthin 
wird er uns nicht nachgehen, sondern er wird unserer Fahrte nur eine kurze Strecke folgen, um sich zu 
ilberzeugen, daB wir wirklich fort sind, und dann schnell wieder umkehren, um den Seinen zu melden, daB 
wir nicht siidw arts, sondern nach Norden davongeritten sind. Stimmt mein Bruder mir da bei?« 

»Ja. Sie werden dadurch gezwungen, auf den beabsichtigten Hinterhalt zu verzichten, und es laBt sich 
beinahe mit Sicherheit erwarten, daB sie dann hierherkommen und uns von hier aus nachreiten.« 

»Das werden sie; ich bin ilberzeugt davon. Santer, den ich haben muB, wird noch heut in meinen Handen 
sein.« 

»Was wirst du mit ihm machen?« 

»Ich bitte meinen Bruder, mich nicht danach zu fragen. Er wird sterben; das ist genug.« 

» Wo? Hier? Oder transportierst du ihn nach dem Pueblo?« 

»Das ist noch unbestimmt. Hoffentlich ist er nicht so ein Feigling wie Rattler, dem wir den schnellen Tod 
einer hilndischen Memme gewahren muBten. Horch! Ich hore den Hufschlag unserer Pferde. Wir werden 
diesen Ort verlassen, um ihn dann mit unsern Gefangenen wieder aufzusuchen.« 

Die Pferde wurden gebracht. Das meinige und die Mary 

Sams waren auch mit dabei. Aufsteigen konnten wir nicht, dazu war der Weg nicht bequem genug; es 
muBte ein jeder sein Tier am Zilgel fuhren. 

[Illustration Nr. 22: Die Falle] 

Winnetou ging voran. Er brachte uns nordwarts von der BloBe weg in den Wald hinein, welcher in einer 
ziemlich steilen Senkung niederfiel. Unten gab es einen offenen Wiesenplan; wir bestiegen die Pferde und 
ritten ilber denselben hintlber nach einer Bergwand, welche wie eine hohe, senkrechte Felsenmauer vor uns 
lag. Sie war durch eine schmale Schlucht gespalten. Winnetou deutete auf dieselbe und sagte: 

»Das ist die Falle, von welcher ich sprach. Wir reiten jetzt hindurch.« 

Der Ausdruck Falle paBte sehr gut auf den engen Durchgang. den wir nun passierten. Die Wande desselben 
stiegen zu beiden Seiten fast lotrecht himmelan, und es gab keine Stelle, an welcher sie erklimmt werden 
konnte. Wenn die Kiowas so dumm waren, hier herein zu reiten, und wir besetzten die beiden Eingange 
dieser Schlucht, so ware es Wahnsinn von ihnen gewesen, sich zur Gegenwehr zu setzen. 

Der Weg filhrte nicht in gerader Richtung, sondern er wand sich bald nach rechts, bald nach links, und es 



wahrte wohl eine Viertelstunde, bis wir den Ausgang erreichten. Dort blieben wir halten und stiegen ab. 
Kaum war dies geschehen, so sahen wir den Apachen kommen, welcher von dem Baume auf der 
Bergkuppe aus nach den Kiowas ausgelugt hatte. 

»Sie sind gekommen,« meldete er. »Ich wollte sie zahlen, konnte dies aber nicht, weil sie nicht einzeln 
ritten und sehr entfernt waren « 

»Haben sie die Richtung nach dem Tale genommen?« erkundigte sich Winnetou. 

»Nein. Sie hielten drauBen auf der Prairie an, wo sie sich zwischen Bilschen gelagert haben. Aber dann 
trennte sich ein einzelner Krieger von ihnen; er war zu FuBe, und ich sah ihn nach dem Tale gehen.« 

»Das ist der Spaher. Wir haben grad noch Zeit, die Falle zu offnen, um sie dann zu schlieflen. Mein Bruder 
Shatterhand mag Stone, Parker und zwolf meiner Krieger mit sich nehmen und hier links um den Berg 
gehen. Sobald er eine sehr starke, hohe Birke erblickt, dringt er in den Wald ein, welcher langsam empor- 
und jenseits wieder niedersteigt. Kommt mein Bruder drilben an, so befindet er sich in der Verlangerung 
des Tales, von welchem aus wir nach dem Nugget-tsil emporgestiegen sind. Geht er dieses Tal hinab, so 
erreicht er bald die Stelle, an welcher wir unsere Pferde zuriicklieBen; der fernere Weg ist ihm bekannt. Er 
darf aber nicht im offenen Tale gehen, sondern muB an der Seite desselben im Walde verborgen bleiben. 
Old Shatterhand steckt also huben im Walde, wo jenseits drilben unsere Schlucht nach oben fuhrt. Er wird 
den feindlichen Spaher bemerken, ihm aber nicht hinderlich sein. Dann wird er die Feinde kommen sehen 
und sie in die Schlucht eindringen lassen.« 

»Das ist also dein Plan,« fuhrte ich seine Rede fort. »Du bleibst hier, um den Ausgang der Falle besetzt zu 
halten, und ich kehre auf dem Umwege, den du mir jetzt beschrieben hast, nach dem FuBe des Nugget-tsil 
zuriick, um die Feinde zu erwarten und ihnen heimlich zu folgen, bis sie hier in die Falle eingedrungen 
smd?« 

»Ja, so meine ich es. Wenn mein Bruder Old Shatterhand keinen Fehler begeht, so wird uns der Fang ganz 
gewiB gelingen.« 

»Ich werde so vorsichtig wie moglich sein. Hat Winnetou mir noch weitere Winke zu erteilen?« 

»Nein. Ich ilberlasse alles weitere dir.« 

» Wer verhandelt mit den Kiowas, wenn es uns gelungen ist, sie einzuschlieBen?« 

»Ich. Old Shatterhand hat nichts zu tun, als sie nicht aus der Felsenschlucht zu lassen, wenn sie mich und 
meine Krieger bemerken und dann umkehren wollen. Aber sputet euch! Der Nachmittag ist fast vorilber, 
und die Kiowas werden nicht bis morgen warten, uns zu folgen, sondern dies noch heut, bevor es dunkel 
wird, tun wollen. « 

Die Sonne hatte ihren Tagesbogen allerdings schon fast vollendet, und der Abend war in nicht viel iiber 
einer Stunde zu erwarten. Ich machte mich also mit Dick, Will und den mir zugeteilten Apachen auf den 
Weg, zu FuBe, wie sich ganz von selbst versteht. 

Nach einer kleinen Viertelstunde sahen wir die Birke stehen und drangen in den Wald ein. Wir fanden die 
Gegend genau so, wie Winnetou sie beschrieben hatte, und erreichten jenseits unser Tal und in demselben 
die Stelle, wo unsere Pferde geweidet hatten. Uns gegenilber offnete sich die Seitenschlucht, welche hinauf 
nach der Lichtung und den beiden Grabern fuhrte. 

Da, wo wir uns unter den Baumen niedersetzten, konnten wir die Kiowas kommen sehen - - wenn sie 
ilberhaupt kamen, hatten aber nicht zu befurchten, von ihnen bemerkt zu werden, derm es war ja 



anzunehmen, daB sie nicht heriiber nach unserer Seite kommen, sondern drilben der Seitenschlucht folgen 
wiirden 

Die Apachen verhielten sich schweigsam; Stone und Parker sprachen leise miteinander. Wie ich horte, 
waren sie uberzeugt, daB die Kiowas, und mit ihnen Santer, in unsere Hande fallen wiirden. Ich war dieser 
Sache nicht so sicher wie sie. Wir hatten nun hochstens noch zwanzig Minuten Tag, und die Kiowas kamen 
noch nicht; ich glaubte also, daB erst der nachste Morgen die Entscheidung bringen werde, zumal von dem 
Spaher, den die Feinde nach dem Tale geschickt hatten, auch nichts zu sehen war. Bei uns unter den 
Baumen wurde es schon dunkel. 

Das Flustern zwischen Parker und Stone hatte aufgehort; ein Luftzug strich iiber die Wipfel und 
verursachte jenes monotone Rauschen, welches eigentlich kein Rauschen, sondern besser ein 
ununterbrochener, leise und tief klingender Hauch zu nennen ist, von welchem man jedes andere, noch so 
unbedeutende Gerausch leicht zu unterscheiden vermag. So auch jetzt. Es war mir, als ob etwas hinter mir 
auf dem weichen Waldboden hinstreife. Ich horchte scharfer; ja, es bewegte sich etwas. Was war es? Ein 
vierfuBiges Tier hatte sich nicht so nahe zu uns herangewagt. Ein Reptil? Nein, auch nicht. Ich drehte mich 
schnell um und legte mich nieder, um von unten herauf besser sehen zu konnen. Dies geschah noch zur 
rechten Zeit, um mich einen dunklen Gegenstand bemerken zu lassen, welcher wohl hinter mir gelegen 
hatte und nun zwischen den Baumen fortschlupfte. Ich sprang auf und eilte ihm nach. Wie einen dunklen 
Schlag- im helleren Halbschatten sah ich ihn vor mir und griff zu, wobei ich ein Stuck Zeug in die Hand 
bekam. 

»Away!« rief eine erschrockene Stimme, und das Zeug wurde mir aus der Hand gerissen. Der Schatten war 
nicht mehr zu sehen; und ich blieb stehen und horchte, um ihn wenigstens zu horen. Aber meine Gefahrten 
hatten meine schnellen Bewegungen bemerkt und den Ausruf vernommen. Sie sprangen auf und fragten 
mich, was es gebe. 

» Still, seid still! « antwortete ich und lauschte von neuem. Es war nichts zu horen. 

Es war ein Mensch gewesen, welcher uns belauscht hatte, und zwar ein WeiBer, wie der englische Ausruf 
bewies, vielleicht gar Santer selbst, weil sich auBer diesem kein anderes Bleichgesicht bei den Kiowas 
befand. Ich muBte ihm unbedingt nach, trotz der Dunkelheit nach! 

»Setzt euch wieder nieder und wartet, bis ich zuruckkehre!« gebot ich meinen Leuten und rannte fort. 

Welche Richtung ich einzuschlagen hatte, daruber gab es keinen Zweifel: naturlich hinaus nach der Prairie 
zu, wo sich die Kiowas befanden; der Lauscher ging zu ihnen, nirgends wo anders hin. 

Es gait, seine Flucht zu verlangsamen; wollte ich dies erreichen, so muBte ich ihn angstlich machen. Ich 
rief ihm also zu: 

»Halt, bleib stehen, sonst schieBe ich!« 

Und einige Sekunden spater gab ich zur Bekraftigung dieser Drohung zwei Revolverschilsse ab. Dies war 
kein Fehler, weil unsere Anwesenheit nun doch einmal verraten war Jetzt konnte ich annehmen, daB der 
Fluchtling aus Angst vor mir tiefer in den Wald eindringen werde, wo sich seine Flucht verzogern muBte, 
weil es dort nun vollig dunkel war. Ich hingegen, der ihm zuvorkommen wollte, sprang nach dem 
Waldesrande, wo ich noch sehen konnte, und eilte an demselben hin. Ich wollte in dieser Weise das ganze 
Tal hinab, bis es auf die Prairie mtindete, und mich dort verstecken. Wenn der Mann dann kam, muBte er an 
mir vorilber, und ich konnte ihn fassen. 

Dieser Plan war wohl ganz gut, konnte aber nicht zur Ausfuhrung kommen, derm eben als ich einer 
Krummung des Tales folgen wollte und um eine vorstehende Buschgruppe bog, sah ich Menschen und 



Pferde vor mir und konnte es kaum ermoglichen, mich noch rechtzeitig wieder nach rtickwarts zu werfen 
und unter die Baume zu schltipfen. 

Die Kiowas hatten hier hinter den Bilschen ihr Lager aufgeschlagen, warum, das war gar nicht schwer zu 
erraten. 

Erst hatten sie drauBen auf der Prairie Halt gemacht und einen Kundschafter ausgesandt. Dieser hatte gar 
keine schwierige 

Arbeit zu verrichten, wie ich bald erfuhr. Santer war namlich, weil er die Oertlichkeit schon kannte, den 
Indianern weit vorausgeritten, um die Gegend nach uns zu durchspahen und ihnen gleich bei ihrer Ankunft 
Nachricht zu geben; er war aber, als sie kamen, noch nicht wieder da, und so schickten sie einen roten 
Spaher aus, welcher nur seiner Spur zu folgen brauchte und keine Gefahr zu furchten hatte, weil im Falle 
einer solchen Santer jedenfalls zurilckgekehrt ware, um die Indianer zu warnen. Der Kundschafter schritt 
also in das Tal hinein, so weit es ihm gut dilnkte, fand keinen Feind und ging wieder zurtick, um dies zu 
melden. Da das Tal fur die Nacht einen besseren Aufenthalt bot als die freie Prairie, so entschlossen sich 
die Kiowas, diese letztere zu verlassen und das erstere aufzusuchen. Santer konnte sie nicht umgehen, 
sondern er muflte sie finden, sobald er vortiberkam, obgleich sie aus Vorsicht kein Feuer brennen durften. 

Nun war es gewiB, daB wir sie heut nicht in unsere Hande bekommen konnten. wahrscheinlich auch 
morgen nicht, wenn Santer so klug gewesen war, unsern Plan zu erraten. Was war zu tun? Sollte ich an 
meinen Posten zuruckkehren und auf demselben warten, ob die Kiowas morgen frilh doch in die Falle 
gehen wilrden? Oder sollte ich Winnetou aufsuchen, ihm meine Entdeckung mitteilen und ihn um andere 
Verhaltungsmaflregeln bitten? Es gab noch ein drittes, was ich tun konnte; aber dies war gefahrlich fur 
mich, namlich hier bleiben. Es war jedenfalls von groBem Werte fur uns, zu erfahren, was die Roten 
beschlieBen wilrden, nachdem sie von Santer ilber das, was er gesehen hatte, unterrichtet worden waren. 
Wenn ich sie belauschen konnte! Aber ich riskierte viel, sehr viel, sogar alles dabei. Santer sagte jedenfalls, 
daB ich hinter ihm her sei, und das konnte, ja es muBte beinahe zu meiner Entdeckung fiihren. Dennoch 
beschloB ich, es zu wagen, falls nur irgend eine Moglichkeit des Gelingens abzusehen sei. Sie brannten 
kein Feuer, um nicht bemerkt zu werden; dieser Umstand, der sie schiltzte, muBte auch mir Schutz 
gewahren. 

Unter den Baumen lagen hohe Steinblocke, mit Moos bewachsen und von Farnkrautern umgeben; 
vielleicht konnte ich mich hinter einen solchen verbergen. 

Die Mehrzahl der Roten war noch mit den Pferden beschaftigt, welche angepflockt wurden, damit sie sich 
nicht entfernen und das Lager verraten konnten; die ilbrigen hatten sich am Waldesrande niedergesetzt oder 
-gelegt. An einer Stelle desselben ertonte eine halblaute, befehlende Stimme; dort stand also der Anfuhrer, 
und ich durfte vermuten, daB er diesen Punkt auch spater beibehalten werde. Dorthin muBte ich, wenn es 
nur halbwegs moglich war! 

Auf dem Boden Legend, schob ich mich in dieser Richtung fort. Nach Deckung brauchte ich nicht sehr zu 
suchen, denn es war rundum dunkel, und die Roten befanden sich meist jenseits der Stelle, welche ich 
erreichen wollte. Entdeckt konnte ich fur jetzt nur in dem Falle werden, daB einer mir in den Weg kam und 
ilber mich stolperte. Gltlcklicherweise geschah dies nicht, und ich gelangte glilcklich an mein Ziel. Da 
lagen zwei Felsblocke nebeneinander, der eine lang und hoch; [hoch,] der andere niedriger; da oben suchte 
man gewiB keinen Horcher; ich stieg von dem niedrigen auf den hohen und streckte mich auf demselben 
lang aus. Ich lag ilber zwei Meter hoch in ziemlicher Sicherheit, denn es war wohl kein Grund vorhanden, 
welcher einen Roten veranlassen konnte, mir nachzusteigen. 

Die bis jetzt mit ihren Pferden beschaftigten Indianer kamen nun auch herbei und setzten oder legten sich 
nieder. Da, wo ich den Anfuhrer vermutete, wurden einige halblaute Befehle gegeben, welche ich nicht 
verstand, weil mir die Sprache der Kiowas fremd war. Hierauf entfernten sich einige Rote. Sie waren 
jedenfalls die Wachen, welche ausgestellt wurden. Ich bemerkte, daB sie nur die Talseite des Lagers, nicht 



aber auch den Wald besetzten, und dies war ein glticklicher Umstand fur mich, weil ich mich spater 
entfernen konnte, ohne befiirchten zu mtissen, auf Vorposten zu stoBen. 

Die Lagernden sprachen miteinander, zwar in gedampftem Tone, doch immerhin so, daB ich jedes Wort 
horen konnte. Leider aber verstand ich es nicht. Wie vorteilhaft ware es gewesen, wenn ich hatte erfahren 
konnen, was sie sagten! Wie oft muB ich erzahlen, daB ich wahrend meiner Streifzilge im Westen Indianer 
ganz verschiedener Stamme und auf meinen Reisen in anderen Landern wiederholt Lagerplatze 
angeschlichen und die dort befindlichen Menschen belauscht habe. Dieser Angewohnheit verdanke ich 
viele meiner Erfolge oft sugar auch das Leben. Wer es hest denkt wuhl iiicht daran uder hat keinen Begriff 
davon, wie schwei und wie gefahrhch em solches Anschleichen ist. Und diese Schwierigkeit bezieht sich 
nicht nur auf die Anforderungen, welche dabei der kurperlichen Gewandtheit, Kraft und Ausdauer gemacht 
werden, sondern auch und vor alien Dingen auf das geistige Geilbtsein, auf die unerlaBliche Intelligenz und 
die Kenntnisse, welche man besitzen muB. Was niltzt es mir, wenn ich ein Indianer-, Beduinen- oder 
Kurdenlager, eine sudanesische Seribah oder eine sudamerikanische Gauchustatte noch so meisterhaft zu 
beschleichen verstehe, aber der betreffenden Sprache nicht machtig bin und also nicht erfahren kann, was 
gesprochen wird! Und meist ist grad der Inhalt der Gesprache Mel wichtiger als alles andere, was man 
dabei erfahrt. Darum ist es stets mein erstes Bestreben gewesen, die Sprache der Menschen, mit denen ich 
es zu tun bekam, kennen zu lernen. Winnetou beherrschte sechzehn Indianerdialekte und ist auch hierin 
mein hervorragendster Lehrer gewesen. Es ist mir spater niemals vorgekommen, daB ich einen Lagerplatz 
beschlich, ohne zu verstehen, was auf demselben gesprochen wurde. 

Ich mochte ungefahr zehn Minuten auf dem Steine gelegen haben, als ich einen Posten rufen horte; darauf 
erfolgte die fur mich sehr erwiinschte Antwort: 

»Ich bin es, Santer. Ihr seid also herein in das Tal gekommen?« 

»Ja. Mein weiBer Bruder mag weitergehen; er wird die roten Krieger sogleich sehen.« 

Diese Worte konnte ich verstehen, weil mit Santer in dem aus indianischen und englischen Worten 
bestehenden Jargon, den ich nun auch kannte, gesprochen werden muBte. Er kam herbei; der Anfuhrer rief 
ihn zu sich und sagte: 

»Mein weiBer Bruder ist viel langer fortgewesen, als vorher bestimmt worden war. Er wird wichtige 
Grunde dazu gehabt haben. « 

» Wichtiger, als ihr ahnen konnt. Seit wann befindet ihr euch hier?« 

»Seit nicht ganz der Zeit, welche die Bleichgesichter eine halbe Stunde nennen.« 

»Ihr habt mem Pferd getroffen?« 

» Ja, denn wir sind ja deiner Spur gefolgt. Da, wo du es angebunden hattest, machten wir Halt, und als wir 
dann hierher ritten, haben wir es mitgenommen.« 

»Ihr hattet drauBen auf der Prairie bleiben sollen! Es ist hier nicht geheuer.« 

»Wir blieben nicht dort, weil es sich hier besser lagert und weil wir glaubten, daB hier keine Gefahr zu 
befiirchten sei; du warest sonst ja schnell zuruckgekommen, um uns zu warnen.« 

»Es ist umgekehrt. Ich blieb so lange aus, weil wir uns hier in groBer Gefahr befinden und ich lange Zeit 
brauchte, zu entdecken, worin dieselbe besteht. Old Shatterhand ist hier.« 

»Das dachte ich. Hat mein Bruder ihn gesehen?« 



»Wir werden ihn fangen und unserm Hauptling bringen, dem er die Beine zerschmettert hat. Der Tod am 
Marterpfahle ist ihm gewifl. Wo befindet er sich denn?« 

Also die Kiowas hatten uns nicht nach ihrem Dorfe locken wollen, sondern angenommen, daB wir zu 
Winnetou zurilckkehren wilrden. 

»Ob ihr ihn fangen werdet, das ist noch sehr ungewiB,« antwortete Santer. 

»Es wird geschehen, derm diese Hunde haben nur dreiflig Krieger bei sich, wir aber zahlen ilber filnfmal 
zehn, und sie wissen nicht, daB wir da sind. Wir werden sie also vollstandig uberrumpeln.« 

»Da irrst du dich gewaltig. Sie wissen, daB wir kommen wollen; sie wissen vielleicht sogar schon, daB ihr 
da seid, denn sie haben uns jedenfalls Spaher entgegengesandt.« 



»Dann konnen wir sie ja nicht uberraschen! « 

»Freilich nicht. « 

»Es wird also, wenn wir sie angreifen, zum Kampfe kommen. welcher Blut kostet, denn Winnetou und Old 
Shatterhand sind jeder fur zehn Krieger zu rechnen.« 

»Ja, das sind sie. Der Tod Intschu tschunas und seiner Tochter hat sie jedenfalls mit Wut erfullt; sie kochen 
Rache und werden sich wie tolle Hunde, wie wiltende Raubtiere verteidigen. Aber unser mtissen sie doch 

werden. Wmneh ii \> . j jiij i. j jj mi, I 11 h ,nl ille Falle fangen.« 

»Warum ihn?« 

»Der Nuggets wegen. Er ist nun wahrscheinlich der einzige, welcher den Fundort kennt.« 

»Und wird ihn keinem Menschen verraten.« 

»Auch dann nicht, wenn wir ihn gefangen nehmen?« 

»Nein.« 

»Ich martere ihn so lange, bis er mir das Geheimnis mitteilt.« 

»Er wird dennoch schweigen. Dieser junge Hund der Apachen spottet aller Qualen. Und wenn er weiB, daB 
wir kommen, wird er sich hilten, in unsere Hande zu fallen. « 

»0, ich weiB, wie wir es anfangen mtissen, ihn in unsere Gewalt zu bekommen.« 

»Wenn du es weiBt, so sage es uns!« 

» Wir brauchen nur die Falle, welche sie uns gestellt haben, schlau zu benutzen.« 



»Eme Falle haben sie uns gelegt? - Welche?« 

» Sie wollen uns in eine enge Schlucht locken, in welcher wir keinen Platz zur Verteidigung haben, und uns 
da gefangen nehmen.« 

»Uff! WeiB mein Bruder Santer dies genau?« 

»Ja.« 

»Kennt er auch die Schlucht?« 

»Ich bin drin gewesen.« 

»Erzahle mir, wie du es erfahren hast! « 

»Ich habe viel, sehr viel gewagt. Wenn man mich bemerkt hatte, so ware ich jedenfalls dem graBlichsten 
Martertode verfallen, und ich bin verteufelt froh, daB es so glticklich abgelaufen ist. Diesen guten Erfolg 
habe ich nur dem Umstande zu verdanken, daB ich den Weg nach dem Nugget-tsil schon einmal gemacht 
hatte und die Oertlichkeit da oben, wo die Graber stehen, kannte « 

»Die Graber? Winnetou hat also, so wie ich es vermutete, seine Toten da oben begraben?« 

»Ja. Das war fur mich sehr vorteilhaft, derm dadurch ist die Aufmerksamkeit der Apachen abgelenkt 
worden. Ich sagte mir selbstverstandlich, daB sie droben auf der Lichtung seien, und nahm mich 
auBerordentlich in acht. Ich habe schon manches durchgemacht und darf mich rtihmen, kein unerfahrener 
Westmann zu sein; aber so vorsichtig wie heut bin ich doch noch nie gewesen. Ich ging natilrlich nicht im 
offenen Tale, sondern im Walde an der Lehne desselben. Da, wo es rechts in die Schlucht hinaufgeht, 
hatten die Kerls ihre Pferde. Es war keine Kleinigkeit hinaufzukommen, ohne sich der Schlucht als Weg zu 
bedienen, aber es gelang mir doch. Droben muBte ich diese Vorsicht noch verdoppeln und alle meine 
Schlauheit zusammennehmen. Ich hielt es nicht fur moglich, unbemerkt bis zur BloBe vordringen zu 
konnen; aber die Apachen hatten nur Augen und Ohren fur das Begrabnis, und so wagte ich mich bis hinter 
einen Felsen, der am Rande der Lichtung liegt. Von dort aus konnte ich alles beobachten.« 

»Mein weiBer Bruder ist sehr kilhn gewesen; daB er noch lebt, hat er nur dem Begrabnisse zu verdanken.« 

»Das sagte ich ja schon! Als die Graber zugemacht worden waren, schickte Winnetou seine Leute fort, um 
die Pferde holen zu lassen.« 

»Dort hinauf? - Ist das nicht schwer?« 

»Sehrmuhevoll!« 

»Dann muB er einen Grund dazu gehabt haben! « 

»Allerdings. Wir sollen, wenn wir sehen, daB sie mit den Pferden da hinauf sind, ihnen mit den unserigen 
nachklettern und daiin ihrer Fahrte we iter folgen. welche in die Falle fiihrt « 

» Warum vermutest du das?« 

»Ich vermute es nicht, sondern ich weiB es; sob habe es gehort.« 

» Von wem?« 



»Von Winnetou. Als er seine Leute nach den Pferden geschickt hatte. war er nut Old Shatterhand allein; sie 
standen gar nicht weit von meinem Verstecke, und was sie miteinander sprachen, das habe ich gehort.« 

»Uff! Es ist ein groBes Wunder geschehen! Winnetou ist belauscht worden! Das ist nur dadurch moglich 
geworden, daB seine Gedanken nicht bei uns, sondern bei seinem Vater und seiner Schwester waren.« 

»0, sie waren doch auch bei uns. Er hatte einen Spaher auf die hochste Bergesspitze geschickt, der von 
einem Baume aus unsere Ankunft erforschen sollte.« 



»Nein; ich weifi weiiigstens nichts da von Dn siehst also, wie gut es ist, daB ich allein vorausgeritten bin; 
als einzelner Reiter bin ich dem Auge dieses Spahers entgangen.« 

»Ja, du hast sehr klug gehandelt. Erzahle weiter!« 

»Als die Roten die Pferde brachten, wurde nicht langer gewartet; sie verlieBen die Lichtung, um jenseits 
derselben ins Tal herabzukommen. Ist man ilber dasselbe hinuber, so gelangt man in eine sehr schmale und 
lange Schlucht, deren Seiten nicht zu erklettern sind; da hinein sollen wir gelockt werden.« 

»So beabsichtigt Winnetou wohl, den Ein- und Ausgang derselben zu verschlieBen, zu besetzen?« 

» Ja. Naturlich aber erst dann, wenn wir hinein sind.« 

»Da muB er seine Leute teilen. Die eine Halfte reitet durch die Schlucht und wartet am Ende derselben auf 
uns, wahrend die andere Halfte zurilckbleibt und sich versteckt um dann hinter uns her zu folgen.« 

»Das dachte ich auch.« 

»Ist der Boden felsig oder grasig dort?« 

»In der Schlucht felsig, vor derselben, also im Tale, aber grasig. « 

»So muB die zweite Abteilung der Apachen, wenn sie sich versteckt, Spuren hinterlassen, welche wir 
bemerken werden. Wir wiirden also auf keinen Fall in die Falle gegangen sein.« 

»0 doch! Diese Kerls sind pfiffiger, als du denkst. Die zweite Abteilung ist namlich nicht zurilckgeblieben, 
sondern mit durch die Schlucht geritten.« 

»Uff! Wie wollen sie uns da hinten und vorn einschlieBen?« 

»Das fragte ich mich auch. Es gab nur eine einzige Antwort darauf, namlich die, daB diese Abteilung nun 
auf einem andern Wege uns in den Rilcken und wieder an die Schlucht gelangen will « 

»Da hat mein Bruder abermals sehr klug gedacht. Hast du diesen andern Weg entdeckt?« 

»Ja. Ich bin zunachst auch in die Schlucht hinein, obgleich dies gefahrhch war; aber ich muBte sie doch 
kennen lernen. Ganz hindurch konnte ich naturlich nicht, weil ich da auf die Apachen getroffen ware, 
welche sie hinten besetzt hatten. Ich kehrte also sehr bald um, hatte sie aber noch nicht ganz verlassen, als 
ich eilige Schritte horte. Gliicklicherweise lagen mehrere hohe Steine an der Seite, hinter welche ich mich 
schnell niederducken konnte; ein Apache kam vorilber, er sah mich nicht. « 



»Ob dies vielleicht der Spaher von der Bergeshohe gewesen ist?« 

» Wahrscheinlich. « 

»So hat er uns kommen sehen und eilte, dies Winnetou zu melden.« 

»Vielleicht auch nicht. Winnetou hat, als er sein bisheriges Lager oben bei den Grabern verlieB, ihn davon 
benachrichtigt und ihm sagen lassen, dafl er nachkommen soll.« 

»Nein, derm da ware derjenige bei ihm gewesen, der ihm diese Nachricht zu bringen hatte; er kam aber 
allein. Es ist also so, wie ich denke. Er hat unsere Ankunft bemerkt und sich so beeilt, Winnetou davon zu 
benachrichtigen. Wie gut, daB du noch Zeit fandest, dich zu verbergen! Was tatest du dann?« 

»Ich ilberlegte. Wenn die Feinde uns in den Riicken kommen wollten, so geschah dies am leichtesten 
dadurch, daB sie an einer bequemen Stelle, wo wir voriiber muBten, heimlich auf uns warteten. Welche 
Stelle konnte das sein? Jedenfalls dieses Tal hier, in welchem wir uns befinden, und zwar der hintere Teil 
desselben, wo rechts die Schlucht zur Hohe geht. Wenn die Apachen sich dort diesseits unter den Baumen 
verstecken, so mtissen sie uns kommen sehen und konnen uns unbemerkt bis zur Falle folgen und diese 
hinter uns verschlieBen. Das sagte ich mir, und darum kehrte ich nach hier zuruck und schlich mich dahin, 
wo ich glaubte, daB ich sie finden werde, falls meine Berechnung richtig sein so lite. « 

»Und fandest du sie?« 

»Nicht gleich, derm ich war eher dort als sie; aber ich hatte noch nicht lange gewartet, so kamen sie.« 

» Wer? Hast du sie deutlich gesehen und gezahlt?« 

»01d Shatterhand war es, mit den beiden andern WeiBen und etwas ilber zehn Indianern.« 

»So befehligt also Winnetou die andere Abteilung, welche das Ende der engen Schlucht besetzt halt.« 

»So ist es. Die Kerls setzten sich nieder. Ich hatte heut so viel gewagt und war uluekhch dabei gewesen; 
darum wagte ich es auch noch, mich ganz nahe an sie hinanzuschleichen, um zu horen, was sie zu einander 
sagten.« 

»Was sprachen sie?« 

»Nichts. Als ich noch nicht ganz bei ihnen war, unterhielten sich die beiden anderen WeiBen miteinander, 
aber nicht laut genug fur mich; darm aber, als ich nahe genug war, sie zu verstehen. schwiegen sie. Die 
Apachen waren still, und auch Old Shatterhand sagte kein Wort. Ich lag so nahe hinter ihm, daB ich ihn 
beinahe mit der Hand berilhren konnte. Wie wtlrde er sich argern, wenn er das wilBte!« 

Da hatte Santer sehr recht. Ich argerte mich, und wie! Dieser Mensch war wirklicb em ebenso schlauer wie 
verwegener Kerl! Winnetou und mich zu belauschen, als wir oben bei den Grabern allein mit einander 
sprachen! Uns darm bis in die Schlucht zu folgen, unsern Plan vollends zu erraten und endlich gar noch da, 
wohin ich von Winnetou geschickt wurde, auf uns zu warten! Er hatte hinter mir gelegen, ja, ich hatte ihn 
sogar schon bei einem Zipfel seines Rockes festgehabt! Das war Pech, auBerordentliches Pech, so groBes 
Pech, wie sein Glilck heut groB gewesen war! Wenn es mir gelungen ware, ihn festzuhalten, so hatten, wie 
ich jetzt weiB, die Ereignisse fur mich einen ganz andern Verlauf genommen; vielleicht hatte mein Leben 
ilberhaupt eine vollig andere Richtung bekommen So liangt das Sclucksal des Menschen scheinbar oft von 
einem Augenblicke, von einer einzigen, vielleicht gar nicht wichtigen Tat oder Unterlassung oder 
Begebenheit ab, aber auch nur scheinbar, derm ilber jedem seiner Kinder wacht der groBe Weltenlenker, 
ohne dessen Willen keine Sonne sich bewegt und kein Schmetterling von Blute zu Blute flattert. 



Bei dem Aerger, den ich empfand, war es wenigstens eine kleine Genugtuung fur mich, daB ich jetzt hier so 
viel erlauschte, wahrend Santer bei uns gar nichts erfahren hatte. 

»So nahe bist du diesem Hunde gewesen?« rief der Kiowa aus. »Warum hast du ihm dein Messer nicht von 
hinten in das Herz gestoBen?« 

»Konnte mir nicht einfallen! « 

» Warum nicht? « 

»Weil ich dadurch alles verdorben hatte. Welch einen Larm hatte das gegeben! Die Apachen waren zu 
Winnetou gerannt, und dieser hatte erfahren, daB sein Plan verraten ist. Da ware es mir nicht mehr moglich 
gewesen, ihn zu fangen, und wie wollte ich dann zu den Nugget:; kommen, welche ich haben muB!« 

»Du wirst sie ilberhaupt nicht erhalten. Befindet sich Old Shatterhand noch dort, wo du ihn verlassen 
hast?« 



»Du hoffst es nur? So ist es also moglich, daB er fort ist? Ich denke, er will auf uns warten! « 

»Das w ollte er; abei nun kann es sein, daB er diesen Vorsatz aufgegeben hat.« 

» Welchen Grund konnte er dazu haben? « 

»Er weiB, daB er beobachtet worden ist.« 

»Uff! Wie konnte er es erfahren? « 

»Durch ein Loch, durch ein fatales, verfluchtes Loch, welches sich im Erdboden befand, vielleicht von 
irgend einem Tier gegraben.« 

»Konnen Locher sprechen?« 

»Unter Umstanden, ja. Dieses wenigstens hat gesprochen. Ich wollte mich fortschleichen und drehte mich 
um. Dabei muBte ich das Korpergewicht auf die Hande legen und brach mit der rechten durch den weichen 
Boden in ein darunter befindliches Loch, wobei ein Gerausch entstand, welches Old Shatterhand horte. Er 
drehte sich augenblicklich um und muB mich gesehen haben, derm als ich nun schnell aufsprang und fort 
wollte, war er ebenso rasch auf und hinter mir her. Beinahe hatte er mich erwischt, derm er ergriff meinen 
Rock; ich riB mich aber los und huschte nach der Seite. Er rief zwar, daB ich stehen bleiben solle, sonst 
werde er schieBen, doch fiel es mir natilrlich nicht ein, diese Dummheit zu begehen. Ich machte mich im 
Gegenteile noch tiefer in den Wald hinein, wo mir das Dunkel Sicherheit gewahrte, und setzte mich da 
nieder, umzu warten. bis [choline Gefahi weiter konnte. « 

»Was taten seine Leute?« 

»Sie wollten wahrscheinlich mit nach mir suchen; aber er verbot es ihnen. Er befahl ihnen, bis zu seiner 
Wiederkehr zu bleiben, und suchte dann weiter. Ich horte noch einige Augenblicke lang seine Schritte, 
dann wurde es still. « 

»Ergingalso fort?« 



»Das weiB ich nicht. Er wird nicht weit gelaufen sein und ist, als er einsah, daB ich nicht zu finden war, 
jedenfalls wieder umgekehrt.« 

»Hat er dich erkannt?« 

»Wohl kaum; dazu war es zu finster.« 

»Vielleicht ist er gar hierhergegangen und steckt nun irgendwo, um uns zu beobachten!« 

»Unm6glich! Er konnte ja gar nicht sehen, wohin ich dann ging. Er ist auf alle Falle zu seinem Posten 
zuruckgekehrt. Ich schlich, als ich lange genug gewartet hatte, mich fort, aus dem Walde hinaus und in das 
Freie, wo ich rascher laufen konnte. Da rief mich deine Wache an, und ich erfuhr, daB ihr euch hier 
befindet.« 

Es trat jetzt eine Pause ein. Der Anfuhrer hatte erfahren, was er wissen muBte, und schien nun darilber 
nachzudenken. Nach einiger Zeit horte ich ihn fragen: 

» Was gedenkt mein weiBer Bruder nun zu tun?« 

»Ich gedenke, zunachst zu erfahren, was du beschlieBen wirst.« 

»Wie ich von dir horte, ist es ganz anders geworden, als wir vermuteten. Wenn es uns gelungen ware, die 
Apachen zu uberrumpeln, so waren sie tot oder lebendig in unsere Hande gefallen, ohne daB es uns wohl 
Blut gekostet hatte. Nun aber erwarten sie uns. Old Shatterhand hat dich bemerkt; er weiB also, daB sein 
Plan verraten ist, und wird die groBte Vorsicht anwenden. Es ist am besten, wir verlassen diese Gegend.« 

»Verlassen? Fort wills! du'.' Was fallt dir ein! Filrchtest du dich vor dieser handvoll Apachen? « 

»Mein weiBer Bruder wird mich nicht beleidigen wollen! Ich kenne keine Furcht; aber wenn ich einen 
Feind sowohl mit als auch ohne BlutvergieBen in meine Hand bekommen kann, so wahle ich das letztere; 
das tut jeder kluge Krieger, auch wenn er sonst noch so tapfer ist.« 

»Meinst du etwa, daB wir durch das Verlassen dieser Gegend diese WeiBen und die Apachen fangen 
kdnnen?« 

»Ja.« 

»Oho! Mochte wissen. wie!« 

»Sie werdenuns verfolgen « 

»Das ist nicht so gewiB.« 

»Es ist gewiB. Winnetou muB sich an dir rachen, und er weiB, daB du bei uns bist; er wird also keinen 
Augenblick von unserer Fahrte lassen. Wir machen diese Spur mit Absicht so deutlich, daB sie leicht zu 
erkennen ist, und reiten direkt nach unserem Dorfe, wohin ich das gefangene Bleichgesicht Sam Hawkens 
geschickt habe.« 



»Und du bist der Ansicht, daB die Apachen uns dorthin folgen werden?« 

» Ja, sie werden sogar mit sehr groBer Eile hinter uns her kommen.« 

»Ah! Um mich zu fangen? Soil mir das etwa Freude machen? Ich soil mich wieder von ihnen jagen lassen, 
wahrend ich hier die beste Gelegenheit habe, meine Absichten zu erreichen! « 

»Du wirst hier nichts, gar nichts erreichen und befindest dich wahrend unseres Rittes heimwarts nicht in der 
allergeringsten Gefahr.« 

»Wenn sie uns aber einholen, ist die Gefahr fur mich so groB, wie sie nur sein kann!« 

»Sie werden uns aber nicht einholen, denn wir nehmen einen Vorsprung, welcher uns vor ihnen Sicherheit 
gibt. Wir brechen jetzt sofort auf, und sie konnen uns erst dann folgen, wenn sie bemerken, daB wir fort 
sind; das wird aber kaum vor morgen mittag sein.« 

»Jetzt fort, jetzt gleich? Das gebe ich nicht zu. Was wird euer Hauptling sagen, wenn er erfahrt, daB du 
einen so groBen 

Vorteil, den du hier in den Handen hast, aufgibst, ohne dazu gezwungen zu sein. Bedenke das!« 

Der Anfuhrer nahm diese Verwarnung auf, ohne eine Antwort zu geben; sie machte also Eindruck auf ihn. 
Santer merkte das gar wohl und fuhr fort: 

»Ja, wir befinden uns hier so im Vorteile, wie wir es durch deinen neuen Plan gar nicht erreichen konnen. 
Wir haben nichts weiter zu tun, als die Falle, welche man uns gestellt hat, umzudrehen, so daB die Apachen 
hineingehen.« 

»Uff! Wie sollen wir das machen?« 

»Wir greifen die beiden Abteilungen, welche uns in der Schlucht einschlieBen wollen, einzeln an, so daB 
wir gar nicht eingeschlossen werden konnen. « 

»Da milBten wir erst Old Shatterhands Abteilung nehmen. Meinst du das?« 

»Ja.« 

»Wir Ziehen also morgen an ihr vorilber und tun so, als ob wir gar nicht wilBten, daB sie uns folgt.« 

»Nein. So lange brauchen wir gar nicht zu warten. Wir vernichten sie schon heut.« 

»Uff! Mein weiBer Bruder mag mir sagen, wie er das anfangen \\ ill 1 « 

»Es ist so einfach und selbstverstandlich, daB es eigentlich gar nicht notwendig sein sollte, es dir zu 
erklaren. Ich kenne die Stelle, an welcher sich Old Shatterhand mit seinen Leuten jetzt befindet, doch ganz 
genau und fuhre euch hin. Die Augen der Kiowas sind an die Dunkelheit gewohnt, und ihre Bewegungen 
gleichen denen der Schlange, die nicht gehort werden kann, wenn sie durch das Moos des Waldes gleitet. 
Wir umzingeln die drei WeiBen mit ihren Apachen und fallen auf ein gegebenes Zeichen ilber sie her. Es 
kann uns ganz gewiB keiner von ihnen entgehen. Wir stechen sie nieder, ehe es ihnen nur einfallt, sich zur 
Wehr zu setzen.« 

»Uff. uff. uff!« heBen sich einige der Zuhorer zustimmend vernehmen. Der Vorschlag Santers gefiel ihnen 



Ihr Anfuhrer war nicht so schnell mit seinem Urteile da, meinte aber auch nach einer kurzen Weile des 
Nachdenkens: 

»Es kann allerdings gelingen, wenn wir recht vorsichtig verfahren.« 

»Es kann nicht, sondern es muB gelingen! Die Hauptsache ist, daB wir sie vollig unhdrbar umzingeln, und 
das ist ja gar nicht schwer. Dann gibt es einige sichere MesserstoBe, und die Sache ist abgetan. Die Beute, 
welche wir diesen Kerls abnehmen, gehort euch; ich will nichts davon haben. Dann machen wir uns ilber 
Winnetou her.« 

»Auch noch in der Nacht?« 

»Nein, sondern am Morgen. Seine Person ist mir so wichtig, daB ich sie beim Angriffe in den Augen haben 
muB; dies ist aber bei Nacht nicht moglich. Wir machen es so, wie es die Apachen gemacht haben, wir 
teilen uns. Die eine Halfte von uns fuhre ich noch wahrend der Nacht in die Schlucht, in welcher wir 
gefangen werden sollen. Sie bleibt da, bis der Tag zu grauen beginnt, und dringt dann weiter vor, bis sie am 
Ende der Schlucht von Winnetou angegriffen wird, derm dieser wird denken, daB sich Old Shatterhand mit 
seinen Leuten hinter ihr befindet. Die andere Abteilung sucht mit mir beim ersten Tagesscheine den Weg, 
auf welchem Old Shatterhand hierher ins Tal zuruckgekehrt ist; ich weiB, daB ich inn sicher finden werde. 
Ich bin ilberzeugt, daB er erst grad durch den Wald und dann um den FuB des Berges herum nach dem 
Ausgange der Schlucht fuhrt, wo Winnetou halt. Dieser wird alle seine Aufmerksamkeit nach dem Innern 
der Schlucht richten und unsere erste Abteilung bemerken. Dabei und dadurch wird es ihm entgehen, daB 
wir uns ihm von hinten nahern. Er wird also so eingeschlossen, wie er uns einschlieBen wollte, und da er 
nur funfzehn Mann oder wenig mehr bei sich hat, so muB er sich ergeben, wenn er nicht mit den Seinen 
vernichtet werden will. Das ist mein Plan.« 

» Wenn er so ausgefuhrt werden kann, wie mein Bruder ihn entworfen hat, so ist er gut.« 

»Er hat also deine Zustimmung?« 

»Ja. Ich will Winnetou lebendig haben, um ihn dem Hauptling zu bringen, weiter nichts, und durch deinen 
Vorschlag konnen wir dies schon jetzt erreichen, ohne noch linger warten zu mtissen.« 

»So laB uns nicht zaudern, ihn auszufuhren! « 

»01d Shatterhand im Dunkel des Waldes zu umzingeln, ohne daB er es bemerkt, das ist sehr schwer. Ich 
werde dazu diejenigen meiner Krieger auswahlen welche auch des Nachts scharfe Augen haben und im 
Schleichen am geilbtesten sind.« 

Er begann, die Namen dieser Leute zu nennen, und da wurde es hohe Zeit fur mich, zu meinen Leuten 
zuruckzukehren, die ich sonst, wenn die Kiowas schnell aufbrachen, gar nicht warnen konnte. Ich glitt also 
von dem hohen Steine auf den niedrigen und von diesem auf den Boden herab und schlich mich fort. Als 
ich die oben erwahnte, vorstehende Buschecke hinter mir hatte, trat ich aus dem Walde ins Freie hinaus und 
rannte, wobei der Sternenschimmer mir hinreichend leuchtete, das Tal hinauf, bis ich mich parallel mit 
meinen Leuten befand. Da durchquerte ich den Waldesrand und traf sie an, mit groBer Spannung meiner 
wartend 

»Wer kommt da?« fragte Dick Stone, als er meine Schritte horte. »Seid Ihr es, Sir?« 

»Ja.« antwortete ich 



»Wo habt Ihr denn so lange Zeit gesteckt? Nicht wahr ein Kerl war da? Natilrlich ein roter Kiowa, der auf 
einer Schleicherei zufallig auf uns stieB?« 

»Nein; Santer ist's gewesen.« 

»Alle Wetter! Dieser? Und wir haben ihn nicht ertappt! Rennt dieser Kerl uns da in die Hande, und wir 
greifen nicht zu! Sollte man das fur moglich halten! « 

»Es ist noch mehr vorgekommen, was eigentlich unmoglich sein sollte. Ich habe jetzt keine Zeit, es Euch 
zu sagen, denn wir milssen rasch von hier fort. Spater werdet Ihr es huren « 

»Fort von hier? - Warum?« 

»Die Kiowas kommen, uns jetzt zu ilberfallen.« 

»Ist das Euer Ernst, Sir?« 

» Ja. Ich habe sie belauscht. Sie wollen uns jetzt hier ausloschen und dann morgen frilh Winnetou angreifen. 
Sie kennen unsern Plan. Darum schnell fort von hier! « 

»Wohin?« 

»Zu Winnetou.« 

»Mitten durch den dunklen Wald? Das wird KopfstoBe und Beulen geben.« 

»Nehmt die Augen in die Hande! Also fort!« 

Ein Gang des Nachts durch den weglosen Urwald ist freilich fur die Schonheit des menschlichen 
Angesichts eine hochst gefahrliche Sache, weil sie anstoBig in des Wortes eigenster Bedeutung ist. Wir 
muBten, meiner Aufforderung gemaB, die "Augen in die Hande nehmen", das heiBt, uns weit mehr auf den 
Tastsinn als auf das Gesicht verlassen. Zwei tasteten mit ihren Handen voran, und die anderen folgten 
ihnen in der Weise, daB sich der Hintermann immer an dem Vordermanne anhielt. Es wahrte auf diese 
Weise ilber eine Stunde, bis wir den Wald hinter uns hatten; das Schwerste dabei war, die Richtung 
einzuhalten. Als wir uns dann im Freien befanden, ging es besser und schneller. Wir gingen um den Berg 
herum und auf die Schlucht zu, an deren Ausgange Winnetou